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Bundesverwaltungsgericht 02.11.2011 E-8326/2008

2 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,603 parole·~8 min·3

Riassunto

Vollzug der Wegweisung | Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 21. November 2008

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­8326/2008 Urteil   v om   2 .   No v embe r   2011 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richterin Emilia Antonioni, Richter Kurt Gysi,    Gerichtsschreiber Urs David. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan,   vertreten durch B._______, Asylbrücke Zug, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 21. November 2008 / N (…).

E­8326/2008 Sachverhalt: A.  Gemäss  eigenen  Angaben  verliess  der  Beschwerdeführer  seinen  Heimatstaat  im  Herbst  2005  und  reiste  am  14.  Oktober  2008  in  die  Schweiz  ein.  Gleichentags  ersuchte  er  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  C._______  um  Asyl.  Anlässlich  der  Kurzbefragung vom 23. Oktober 2008 im EVZ und der Anhörung vom 29.  Oktober 2008 zu den Asylgründen machte er im Wesentlichen Folgendes  geltend: Er sei ethnischer Tadschike und stamme aus dem in der Provinz Baghlan  gelegenen Ort D._______. Sein im Jahre 1999 ermordeter Vater – (…) –  und  sein  Bruder  seien  von  den  Taliban  verfolgt  worden,  hauptsächlich  wegen  Verteilens  von  Flugblättern  betreffend  die  Rechte  von  Frauen.  Zusammen  mit  seinem  Bruder,  (…),  hätten  er  und  seine  Mutter  aus  Furcht  vor  künftigen  Bedrohungen  und  Benachteiligungen  durch  die  Taliban  den  Entschluss  zur  Ausreise  mit  Ziel  Teheran  getroffen.  Dort  hätten  sie  fortan  ohne  Bewilligung  gelebt,  und  er  sei  als  (…)  tätig  gewesen. Wegen  der mit  der  Illegalität  ihres  Aufenthaltes  verbundenen  schwierigen  Lage  im  Iran  hätten  sie  sich  nach  drei  Jahren  und  auf  Empfehlung  von  dort  ansässigen  Landsleuten  entschieden,  in  die  Schweiz  weiterzureisen.  Hier  habe  er  zusammen  mit  seiner  Mutter  (N […])  um  Asyl  ersucht,  während  sein  Bruder  mit  seiner  Familie  einstweilen in der Türkei stecken geblieben sei. In Afghanistan verfüge er  über keine Verwandten mehr. Als Beweismittel gab der Beschwerdeführer seine  Identitätskarte zu den  Akten. B.  Mit Verfügung vom 21. November 2008 lehnte das BFM das Asylgesuch  ab. In der Begründung qualifizierte es die geltend gemachten Vorbringen  als  nicht  glaubhaft  im  Sinne  von  Art.  7  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  beziehungsweise  als  nicht  asylrelevant  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG,  weshalb  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle. Gleichzeitig verfügte das Bundesamt  seine  Wegweisung  aus  der  Schweiz,  wobei  es  den  Vollzug  der  Wegweisung  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich  erachtete.  Auf  die  detaillierte  Begründung  der  Verfügung  wird,  soweit  wesentlich,  in  den  Erwägungen eingegangen.

E­8326/2008 Am  21.  November  2008  erging  ferner  ein  im  Dispositiv  gleichlautender  Entscheid betreffend die Mutter des Beschwerdeführers. C.  Mit  Beschwerdeeingabe  vom  26.  Dezember  2008  beantragt  der  Beschwerdeführer  die  Aufhebung  der  Verfügung  vom  21.  November  2008,  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  unter  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  sowie  in  prozessualer  Hinsicht  die  Koordination  mit  dem  gleichentags  anhängig  gemachten  Beschwerdeverfahren  seiner  Mutter  und  die  Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  für die Verfahrenskosten  inklusive Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Für  die  Begründung  wird,  soweit wesentlich, auf die Erwägungen verwiesen. D.  Die  Instruktionsrichterin  stellte  mit  Zwischenverfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  13.  Januar  2009  den  legitimen  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  während  des  Beschwerdeverfahrens  fest  und  verzichtete  antragsgemäss  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses, wogegen sie den gestellten Koordinationsantrag mit  dem  Beschwerdeverfahren  der  Mutter  (E­8327/2008)  abwies.  Den  Entscheid  über  die  weiteren  Anträge  stellte  sie  auf  einen  späteren  Zeitpunkt in Aussicht. E.  Mit Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 24. Februar  2009 wurde die Vorinstanz zur Vernehmlassung bis zum 16. März 2009  eingeladen. Mit  Vernehmlassung  vom  27.  Februar  2009  beantragt  das  BFM  die  Abweisung der Beschwerde.  Mit Replik vom 25. März 2009 hält der Beschwerdeführer seinerseits an  den gestellten Anträgen fest. Auf den detaillierten Inhalt des Schriftenwechsels wird, soweit wesentlich,  in den Erwägungen eingegangen. F.  Die  Staatsanwaltschaft  des  Kantons  E._______  sprach  den  Beschwerdeführer  mit  Strafbefehl  vom  (…)  Juli  2010  der  (…)  schuldig 

E­8326/2008 und bestrafte ihn mit einer auf zwei Jahre Probezeit bedingten Geldstrafe  von 70 Tagessätzen zu Fr. 30.­­ und einer Busse von Fr. 300.­­. G.  Mit  Eingabe  vom  22.  September  2010  ergänzte  der  Beschwerdeführer  seine  Beschwerde.  Auf  den  Inhalt  wird,  soweit  wesentlich,  in  den  Erwägungen eingegangen. H.  Mit  Zwischenverfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  27.  Juni  2011  wurde  die  Vorinstanz  unter  besonderem  Hinweis  auf  ein  zwischenzeitlich  ergangenes  und  eine  aktuelle  Lageanalyse  betreffend  Afghanistan  beinhaltendes  Grundsatzurteil  vom  16.  Juni  2011  (E­ 7625/2008)  zu  einem  weiteren  Schriftenwechsel  bis  zum  18.  Juli  2011  eingeladen. Mit ergänzender Vernehmlassung vom 21. Juli 2011 beantragt das BFM  erneut  die  Abweisung  der  vorliegenden  Beschwerde,  während  es  mit  Verfügung  gleichen  Datums  die  Mutter  des  Beschwerdeführers  infolge  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  wiedererwägungsweise  vorläufig in der Schweiz aufnahm. Mit Duplik vom 8. August 2011 hält der Beschwerdeführer seinerseits an  den gestellten Anträgen fest. Auf  den  detaillierten  Inhalt  des  weiteren  Schriftenwechsels  wird,  soweit  wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der 

E­8326/2008 vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4. Gegenstand  des  vorliegenden  Beschwerdeverfahrens  bildet  einzig  die  Prüfung  der  Rechtsmässigkeit  des  angeordneten  Wegweisungsvollzuges. Demgegenüber wurden die Dispositivziffern 1 bis  3 der vorinstanzlichen Verfügung (Verneinung der Flüchtlingseigenschaft,  Ablehnung  des  Asylgesuchs  und  Wegweisungsanordnung  als  solche)  nicht angefochten; diese sind somit bereits in Rechtskraft erwachsen. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 3.2.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes 

E­8326/2008 vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Die  genannten  drei  Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den  Wegweisungsvollzug  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit,  Unmöglichkeit)  sind alternativer Natur. Sobald eine dieser Bedingungen erfüllt ist, ist der  Vollzug  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  der betroffenen Person in der Schweiz nach den Bestimmungen über die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln  (BVGE  2009/51  E.  5.4;  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2006 Nr. 6). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 3.3. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG). Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Nach  Art.  83  Abs.  2  AuG  ist  der  Vollzug  nicht  möglich,  wenn  die  Ausländerin  oder  der  Ausländer  weder  in  den  Heimat­  oder  in  den  Herkunftsstaat  noch  in  einen  Drittstaat  ausreisen  oder  dorthin  gebracht  werden kann. Gemäss  Art.  83  Abs.  7  Bst.  a  AuG wird  die  vorläufige  Aufnahme  nach  Art. 83  Abs.  2  und  4  AuG  nicht  verfügt,  wenn  die  weg­  oder  ausgewiesene Person zu einer  längerfristigen Freiheitsstrafe  im In­ oder  Ausland  verurteilt  wurde  oder  wenn  gegen  sie  eine  strafrechtliche  Massnahme  im  Sinne  von  Art.  64  oder  61  des  Schweizerischen 

E­8326/2008 Strafgesetzbuches  vom  21. Dezember  1937  (StGB,  SR  311.0)  angeordnet wurde. Nach Bst. b derselben Bestimmung wird die vorläufige  Aufnahme nach Art. 83 Abs. 2 und 4 AuG ferner nicht verfügt, wenn die  weg­  oder  ausgewiesene  Person  erheblich  oder  wiederholt  gegen  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung  in  der  Schweiz  oder  im  Ausland  verstossen  hat  oder  diese  gefährdet  oder  die  innere  oder  die  äussere  Sicherheit gefährdet. 4.  4.1. In seiner Verfügung vom 21. November 2008 erkannte das BFM den  Vollzug  der  Wegweisung  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Im  Zusammenhang  mit  der  Frage  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  räumte  es  zwar  eine  Angespanntheit  und  gar  Verschlechterung  der  allgemeinen  Sicherheitslage  in  weiten  Teilen  Afghanistans  ein,  hervorgerufen  hauptsächlich  durch  die  verstärkte  Präsenz und Einflussnahme der Taliban. Eine konkrete Gefährdung der  gesamten Bevölkerung oder eine Situation allgemeiner Gewalt liege aber  nicht  vor.  Insbesondere  auch  in  der  Herkunftsprovinz  des  Beschwerdeführers (Baghlan) könne die Situation als grundsätzlich sicher  eingestuft werden. Zudem sprächen keine individuellen Gründe gegen die  Zumutbarkeit  des Wegweisungsvollzuges,  zumal  der  Beschwerdeführer  jung,  gesund  und  ledig  sei,  aufgrund  seines  rund  zwanzigjährigen  Aufenthalts in Baghlan dort über ein tragfähiges Beziehungsnetz verfügen  müsse  und  seine  Schulbildung  und  Arbeitserfahrung  als  (...)  den  Neuaufbau  einer  Lebensgrundlage  für  sich  und  seine  Mutter  erlauben  werde. 4.2.  Der  Beschwerdeführer  verweist  demgegenüber  auf  die  durch  die  ARK begründete und vom Bundesverwaltungsgericht fortgeführte Praxis,  wonach  ein  Wegweisungsvollzug  in  die  Provinz  Baghlan  zwar  als  grundsätzlich  zumutbar  erachtet  werde,  indessen  nur  unter  den  restriktiven  Bedingungen  eines  tragfähigen  Beziehungsnetzes  und  der  konkreten Möglichkeit  der  Sicherung  sowohl  des  Existenzminimums  als  auch  der  Wohnsituation.  Diese  Bedingungen  seien  vorliegend  nicht  gegeben: So verfüge er  in Baghlan über kein Beziehungsnetz mehr und  die  Vorinstanz  vermöge  ein  solches  denn  auch  nicht  zu  konkretisieren.  Ferner  habe  er  in  Afghanistan  nie  gearbeitet  und  aufgrund  seiner  mehrjährigen Landesabwesenheit auch keine reellen Erwerbsaussichten.  Schliesslich hätten sie vor der Ausreise  ihr Haus verkauft und den Erlös  im Iran aufgebraucht, weshalb auch die Wohnsituation nicht gesichert sei.

E­8326/2008 4.3.  In  seiner Vernehmlassung vom 27. Februar  2009 hält  das BFM an  seinen bisherigen Standpunkten und Erwägungen  fest. Bezug nehmend  auf  die  Einwände  in  der  Beschwerdeschrift  macht  es  speziell  auf  die  verbreitete  Existenz  eigentlicher  Grossfamilien  und  die  grossfamiliäre  Solidarität  in  Afghanistan  aufmerksam.  Zudem  könne  der  Beschwerdeführer  auch  bei  der  wirtschaftlichen  und  sozialen  Reintegration auf die Unterstützung seiner Sippe zählen. 4.4.  Replikweise  beanstandet  der  Beschwerdeführer  an  der  Vernehmlassung  die  bloss  allgemeine  und  oberflächliche  Auseinandersetzung mit dem Beschwerdeinhalt und die Missachtung der  praxisgemäss geforderten Konkretisierung der individuellen Bedingungen  des Wegweisungsvollzuges. 4.5.  In seiner Beschwerdeergänzung vom 22. September 2010 verweist  der  Beschwerdeführer  auf  einen  aktuellen  Bericht  der  Schweizerischen  Flüchtlingshilfe,  laut  welchem  sich  die  Sicherheitslage  und  die  sozioökonomische  Situation  in  Afghanistan  und  insbesondere  in  seiner  Herkunftsprovinz Baghlan weiter verschlechtert habe. 4.6.  In  der  Einladung  vom  27.  Juni  2011  zu  einem  weiteren  Schriftenwechsel  machte  die  Instruktionsrichterin  das  BFM  auf  ein  zwischenzeitlich  ergangenes  und  eine  aktuelle  Lageanalyse  betreffend  Afghanistan  beinhaltendes  Grundsatzurteil  vom  16.  Juni  2011  (E­ 7625/2008)  aufmerksam.  Gemäss  diesem  zur  Publikation  bestimmten  Urteil  hat  sich  die  Sicherheitslage  in  Afghanistan  in  den  letzten  Jahren  über  alle  Regionen  hinweg  ständig  verschlechtert  und  im  humanitären  Bereich  ist die Lage  in den  ländlichen Gegenden Afghanistans schlimm;  Sicherheitslage  und  humanitäre  Situation  werden  als  derart  schlecht  eingestuft,  dass  –  ausser  allenfalls  in  den  Grossstädten  –  von  einer  existenzbedrohenden  Situation  im  Sinne  von  Art. 83  Abs. 4  AuG  zu  sprechen ist. 4.7.  In  ihrer  ergänzenden  Vernehmlassung  vom  21.  Juli  2011  hält  die  Vorinstanz weiter an ihren bisherigen Standpunkten fest. Zudem verweist  sie auf den am (…) Juli 2010 gegen den Beschwerdeführer ergangenen  Strafbefehl  wegen  (…)  und  hält  fest  (Zitat):  "In  Würdigung  dieses  Umstandes ist die Anwendung von Art. 83 Abs. 7 AuG zu prüfen." 4.8. Dieser Argumentation widersetzt sich der Beschwerdeführer in seiner  Duplik  dahingehend,  dass  es  sich  bei  der  beurteilten  Straftat  nicht  um 

E­8326/2008 eine schwere handle.  (…) und er habe keine Gewalt angewendet. Auch  sei er bislang vorstrafenlos gewesen und habe sich wohl verhalten. Die in  Art.  83 Abs.  7 Bst.  a AuG  vorgesehene Ausnahme  von  der  vorläufigen  Aufnahme  setze  eine  Freiheitsstrafe,  eine  Massnahme  in  einer  Einrichtung  für  junge  Erwachsene  oder  eine  Verwahrung  voraus,  was  vorliegend  nicht  der  Fall  sei.  Bst. b  dieser  Bestimmung  greife  ebenso  wenig,  weil  offensichtlich  weder  der  Verstoss  noch  die  Gefährdung  erheblich  seien  und  es  seine  erste  Straftat  sei.  Lehre  und  Rechtsprechung stellten deutlich höhere Anforderung an die Anwendung  von Art. 83 Abs. 7 AuG und auch das Verhältnismässigkeitsprinzip sei in  seinem  Fall  nicht  gewahrt.  Er  habe  mithin  gemäss  dem  Grundsatzentscheid  E­7625/2008  Anspruch  auf  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme,  welcher  Status  seiner  Mutter  ebenfalls  wiedererwägungsweise gewährt worden sei. 5.  5.1.  Das  Bundesverwaltungsgericht  stellt  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  den  ihm  obliegenden  Teil  zur  Sachverhaltsermittlung  insofern  beigetragen  hat,  als  das  BFM  ihm  keine  Verletzung  der  Mitwirkungspflicht zur Last gelegt hat und eine solche auch objektiv nicht  augenfällig  erkennbar  ist.  Demgegenüber  erkennt  das  Gericht  jedoch  eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes durch die Vorinstanz  im  Sinne  einer  unvollständigen  Abklärung  und  Erhebung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  beziehungsweise  im  Sinne  einer  pflichtwidrig  unterlassenen  Würdigung  des  für  die  Zumutbarkeitsfrage  erheblichen Sachverhalts:  Festzuhalten  ist  zunächst  die  Tatsache,  dass  die  Mutter  des  Beschwerdeführers  auf  der  Basis  eines  für  die  Zumutbarkeitsfrage  weitgehend  identischen  Sachverhalts  wiedererwägungsweise  die  vorläufige  Aufnahme  erhalten  hat.  Aufgrund  des  unmissverständlichen  Inhalts der ergänzenden Vernehmlassung vom 21. Juli 2011 blieb diese  Rechtsfolge  dem  Beschwerdeführer  einstweilen  nur  deshalb  verwehrt,  weil  er  einen  Strafbefehl  betreffend  (…)  erwirkt  hat.  Das  BFM  erkennt  diesbezüglich  Prüfungsbedarf  im  Hinblick  auf  die  Frage  der  in  Art.  83  Abs.  7  AuG  vorgesehenen  allfälligen  Ausnahme  von  der  vorläufigen  Aufnahme, welche denn auch rechtslogisch nur Sinn machen kann, wenn  die  Voraussetzungen  zur  Gewährung  dieses  Aufenthaltsstatus  grundsätzlich  erfüllt  sind.  Die  Prüfung  als  solche  nimmt  die  Vorinstanz  indessen trotz unbestrittener rechtlicher Notwendigkeit nicht vor, sondern 

E­8326/2008 überlässt  sie  dem  Bundesverwaltungsgericht.  Diese  pflichtwidrige  Nichtanwendung von Bundesrecht durch die Vorinstanz –  im Bedarfsfall  unter  Vornahme weiterer  Sachverhaltsabklärungen  –  verletzt  vorliegend  den Anspruch  des Beschwerdeführers  auf  rechtliches Gehör. Da  dieser  Anspruch formeller Natur ist, führt die Verletzung deshalb grundsätzlich –  das heisst ungeachtet der materiellen Auswirkungen – zur Aufhebung des  daraufhin ergangenen Entscheides  (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.3.4, BVGE  2008/14 E. 4.1, BVGE 2007/30 E. 8.2 m.w.H., BVGE 2007/27 E. 10.1).  Die  Heilung  von  Gehörsverletzungen  ist  aus  prozessökonomischen  Gründen  auf  Beschwerdeebene  nur  möglich,  sofern  das  Versäumte  nachgeholt wird, der Beschwerdeführer dazu Stellung nehmen kann und  der Beschwerdeinstanz  im streitigen Fall die  freie Überprüfungsbefugnis  in  Bezug  auf  Tatbestand  und  Rechtsanwendung  zukommt,  die  festgestellte  Verletzung  ferner  nicht  schwerwiegender  Natur  ist  und  die  fehlende  Entscheidreife  durch  die  Beschwerdeinstanz  mit  vertretbarem  Aufwand hergestellt werden kann (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.3.4). Dies  ist  vorliegend  nicht  der  Fall.  Die  Notwendigkeit  allfälliger  weiterer  Sachverhaltsabklärungen  und  insbesondere  der  Sachverhaltssubsumption  unter  bundesrechtliche  Bestimmungen  (vorliegend Art. 83 Abs. 7 AuG) hat sich zwar in zeitlicher Hinsicht erst im  Verlaufe des Beschwerdeverfahrens ergeben (mit dem Akteneingang des  Strafbefehls). Es ist jedoch zu beachten, dass erstmalige und zudem auf  allfälligen  weiteren  Sachverhaltsabklärungen  basierende  Rechtsanwendungen  durch  das  in  Asylsachen  letztinstanzlich  entscheidende  Bundesverwaltungsgericht  eine  Gehörsverletzung  jedenfalls  dann  nicht  verhindern  könnte,  wenn  das  Gericht  bei  seiner  Beurteilung  zu  einem  für  den  Beschwerdeführer  ungünstigen  Urteil  gelangen  würde.  Letzterem  würde  dadurch  der  Instanzenweg  abgeschnitten. 5.2.  Die  angefochtene  Verfügung  ist  deshalb  hinsichtlich  der  angefochtenen Dispositivziffern 4 und 5 aufzuheben und die Sache an die  Vorinstanz zurückzuweisen. Das BFM ist gehalten, die von ihm allenfalls  als  indiziert erachteten Abklärungen  im Hinblick auf die Anwendung von  Art.  83  Abs.  7  AuG  vorzunehmen  und  gestützt  auf  den  sich  so  ergebenden Sachverhalt  einen  neuen Entscheid  betreffend  den Vollzug  der  Wegweisung  zu  fällen.  Zur  Vervollständigung  der  Akten  erhält  das  BFM  als  Urteilsbeilage  eine  Kopie  der  beim  Bundesverwaltungsgericht  eingereichten Duplik des Beschwerdeführers vom 8. August 2011.

E­8326/2008 6.  Zusammenfassend ergibt sich, dass das BFM das  rechtliche Gehör des  Beschwerdeführers und mithin Bundesrecht verletzt hat. Da eine Heilung  der  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  auf  Beschwerdeebene  nicht  in  Betracht  fällt,  ist  die  Verfügung  des  BFM  vom  21.  November  2011  hinsichtlich der angefochtenen Dispositivziffern 4 und 5 aufzuheben und  die  Beschwerde  insoweit  gutzuheissen.  Die  Sache  ist  zur  vollständigen  Abklärung  des  Sachverhalts  und  zur  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen. 7.   7.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben  (Art. 63 Abs. 1  und 2 VwVG). Das prozessuale Gesuch um Gewährung  der unentgeltlichen Rechtspflege für die Verfahrenskosten (Art. 65 Abs. 1  VwVG) ist damit hinfällig geworden. 7.2. Der Beschwerdeführer hat zwar während des gesamten Verfahrens  keinen Antrag auf Entschädigungsfolge gestellt,  hat aber  in Anwendung  von  Art.  64  Abs. 1 VwVG  und  Art.  7  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR 173.320.2)  zulasten  der  Vorinstanz dennoch Anspruch auf Ausrichtung einer Parteientschädigung  für  die  ihm  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten.  Der  Vertretungsaufwand  kann  vorliegend  aufgrund  der  Akten  ohne  Einholung  einer  Kostennote  zuverlässig  abgeschätzt  werden  (vgl.  Art.  14  VGKE).  Unter  Berücksichtigung  der  massgebenden  Berechnungsfaktoren (Art. 8 ff. VGKE) ist er auf Fr. 500.­­ (inkl. Auslagen)  festzusetzen.  Das  BFM  ist  anzuweisen,  dem  Beschwerdeführer  diesen  Betrag als Parteientschädigung auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

E­8326/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die angefochtene Verfügung wird betreffend die Dispositivziffern 4 und 5  aufgehoben. Die Beschwerde wird diesbezüglich gutgeheissen. 2.  Die  Sache  wird  im  Sinne  der  Erwägungen  zur  vollständigen  Abklärung  des  Sachverhalts  und  zur  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückgewiesen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Das  BFM  hat  dem  Beschwerdeführer  für  das  Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  eine  Parteientschädigung  von  gesamthaft  Fr.  500.­­ auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Regula Schenker Senn Urs David Versand:

E-8326/2008 — Bundesverwaltungsgericht 02.11.2011 E-8326/2008 — Swissrulings