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Bundesverwaltungsgericht 12.09.2011 E-7372/2008

12 settembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,879 parole·~9 min·1

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 23. Oktober 2008

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­7372/2008 Urteil   v om   1 2 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richter Hans Schürch, Richter Kurt Gysi;    Gerichtsschreiber Simon Thurnheer. Parteien A._______ geboren am (…), Afghanistan,  (…),   Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 23. Oktober  2008 / N (…).

E­7372/2008 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  verliess  eigenen  Angaben  zufolge  seinen  Heimatstaat im Oktober 2007 und reiste im Juni 2008 in die Schweiz ein,  wo er am 9. Juni 2008 ein Gesuch um Asyl stellte.  Zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  machte  der  Beschwerdeführer  anlässlich  der  Befragung  zur  Person  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  B._______  vom  13.  Juni  2008  und  der  Bundesanhörung vom 23. Juni 2008 im Wesentlichen geltend, er stamme  aus  dem  Distrikt  C._______,  Provinz  Faryab,  und  sei  ethnischer  D._______.  Von  April  bis  September  2007  sei  er  als  Wachmann  beim  (…)  tätig gewesen. Am 27. September 2007 sei er  von einem Kollegen  bei  der Bewachung eines Gebäudes abgelöst worden und habe  sich  in  die  Küche  begeben,  um  Tee  zu  kochen,  als  sie  von mehreren  Taliban  überfallen worden seien. Es sei  zu einer Schiesserei gekommen, wobei  es  ihm  gelungen  sei,  sich  in  der  Küche  versteckt  zu  halten,  während  weitere  Soldaten,  die  bislang  im  Obergeschoss  geschlafen  hätten,  herbeigeeilt  seien  und  sich  an  den  Kampfhandlungen  beteiligt  hätten.  Während des Überfalls sei der Kollege, welcher ihn zuvor bei der Wache  abgelöst  habe,  erschossen  worden.  Aus  seinem  Versteck  habe  er  mitangehört,  dass  er  auf  Grund  seines  Verschwindens  während  des  Überfalls  der  Kollaboration  mit  den  Taliban  bezichtigt  worden  sei.  Daraufhin  sei  es  ihm  gelungen,  sein  Versteck  unbemerkt  zu  verlassen  und sich zu einem Bekannten zu begeben. Da der Vater des Getöteten  sehr  einflussreich  sei,  habe  sich  der  Beschwerdeführer  nach  Mazar­i­ Sharif  zu  einem  (…)  in  Sicherheit  begeben.  Nachdem  aber  sein  Vater  wenige  Tage  nach  jenem  Vorfall  getötet  worden  sei,  habe  er  seinen  Heimatstaat verlassen. B.  Mit Verfügung  vom 23. Oktober  2008 –  eröffnet  am 24. Oktober  2008  ­  lehnte  das  BFM  das  Asylgesuch  mit  der  Begründung,  der  Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, ab und ordnete  die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug der Wegweisung an. C.  Mit Eingabe vom 19. November 2008 erhob der Beschwerdeführer gegen  die  vorinstanzliche  Verfügung  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  mit  den  Begehren,  unter  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  sei  ihm  Asyl  zu  gewähren,  eventualiter  sei  die 

E­7372/2008 Flüchtlingseigenschaft  anzuerkennen,  subeventualiter  sei  die  Unzulässigkeit  allenfalls  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen.  In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte der Beschwerdeführer, es sei  ihm  die  unentgeltliche  Prozessführung  gemäss  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  zu  gewähren  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  zu  verzichten.  Seine  Bedürftigkeit  belegte  der  Beschwerdeführer  mit  einer  Fürsorgebestätigung  vom  11.  November 2008.  Als  neues  Beweismittel  legte  der  Beschwerdeführer  der  Beschwerdeschrift  ein  fremdsprachiges  Dokument  bei,  das  er  als  "Bestätigung der Polizei Faryab" aufführte. Auf  die  Begründung  der  Beschwerde  und  die  damit  eingereichten  Dokumente  wird,  soweit  für  den  Entscheid  wesentlich,  in  den  Erwägungen eingegangen. D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  12.  Dezember  2008  verzichtete  das  Bundesverwaltungsgericht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und verfügte, dass über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen  Prozessführung zu einem späteren Zeitpunkt befunden werde. E.  Mit  Zwischenverfügung  vom  18.  Juli  2011  wies  das  Bundesverwaltungsgericht den Beschwerdeführer – unter Androhung der  Weiterführung des Verfahrens auf Grund der Akten  im Unterlassungsfall  – an,  das  fremdsprachige  Beweismittel  innert  angesetzter  Frist  in  eine  Amtssprache übersetzen zu lassen.  F.  Mit  Eingabe  vom  29. Juli  2011  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Übersetzung des entsprechenden fremdsprachigen Beweismittels ein. G. Das BFM  hielt  in  der  Vernehmlassung  vom  17.  August  2011  an  seiner  Verfügung  fest  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Zu  Begründung führte es aus, dass das auf Beschwerdeebene eingereichte  Beweismittel,  dessen  Echtheit  es  sinngemäss  anzweifelte,  keinen 

E­7372/2008 Beweiswert  habe,  da  es  sich  um  ein  in  Afghanistan  leicht  käuflich  erwerbliches  Schriftstück  handle,  dessen  Stempelabdrucke  ausserdem  unleserlich  seien;  zudem  sei  auch  fraglich,  wie  das  Dokument  in  den  Besitz  des  Beschwerdeführers  gelangt  sei.  Auch  im  Lichte  der  neuen  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  bezüglich  der  Wegweisung  nach  Afghanistan  (Urteil  BVGE  E­7625/2008  vom  16.  Juli  2011)  sei  die  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  als  zumutbar  zu  erachten, da für ihn die Möglichkeit der Wohnsitznahme in Mazar­i­Sharif  bestehe,  einer wohlhabenden und  relativ  sicheren Stadt,  in welcher  der  Beschwerdeführer  über  verwandtschaftliche  Beziehungen  verfüge.  Zur  weiteren  Begründung  wird  in  den  nachfolgenden  Erwägungen  Stellung  genommen. H. Mit  Zwischenverfügung  vom  22.  August  2011  wurde  dem  Beschwerdeführer  die  Vernehmlassung  der  Vorinstanz  mit  einem  Replikrecht  zur  Kenntnis  gegeben.  In  der  Replik  vom  31.  August  2011  (Poststempel)  wurde  insbesondere  geltend  gemacht,  entgegen  der  Ansicht  der  Vorinstanz  sei  das  Beweismittel  echt  und  vom  in  Mazar­i­ Sharif  lebenden  (…)  des  Beschwerdeführers  mittels  seiner  Kontakte  in   der afghanischen Polizei aufgetrieben worden. Zum Vollzugspunkt führte  der  Beschwerdeführer  an,  (…)  habe  Mazar­i­Sharif  verlassen,  da  (…)  nicht  länger  für sie aufkommen könne, daher verfüge er dort bloss noch  über den besagten (…) und damit über kein tragfähiges soziales Netz. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes 

E­7372/2008 vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR  142.31],  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG).

E­7372/2008 3.3  Grundsätzlich  sind  Vorbringen  dann  glaubhaft,  wenn  sie  genügend  substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in  vagen  Schilderungen  erschöpfen,  in  wesentlichen  Punkten  widersprüchlich  sein  oder  der  inneren  Logik  entbehren  und  auch  nicht  den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Darüber  hinaus  muss  die  asylsuchende  Person  persönlich  glaubwürdig  erscheinen,  was  insbesondere  dann  nicht  der  Fall  ist,  wenn  sie  ihre  Vorbringen  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abstützt,  aber  auch dann nicht, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt  oder  unbegründet nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder  die nötige Mitwirkung verweigert.  Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatze zum strikten Beweis  – ein  reduziertes  Beweismass  und  lässt  durchaus  Raum  für  gewisse  Einwände  und  Zweifel  an  den  Vorbringen  des  Gesuchstellers.  Eine  Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn der Richter von ihrer  Wahrheit  nicht  völlig  überzeugt  ist,  sie  aber  überwiegend  für  wahr  hält,  obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht  es  demgegenüber  nicht  aus,  wenn  der  Inhalt  der  Vorbringen  zwar  möglich  ist,  aber  in Würdigung  der  gesamten  Aspekte  wesentliche  und  überwiegende  Umstände  gegen  die  vorgebrachte  Sachverhaltsdarstellung  sprechen.  Entscheidend  ist  im  Sinne  einer  Gesamtwürdigung,  ob  die  Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  sprechen,  überwiegen  oder  nicht;  dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise  abzustellen  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2005  Nr. 21 E. 6.1 mit weiteren Hinweisen). 4. Das  BFM  hielt  die  Sachverhaltsdarstellung  des  Beschwerdeführers  für  nicht  glaubhaft,  weil  seine  Ausführungen  zu  seiner  behaupteten  Wächtertätigkeit unterschiedlich und undifferenziert ausgefallen seien und  seine  Schilderung  des  Überfalls  der  Taliban  und  des  weiteren  Verlaufs  wenig  konkret,  undifferenziert,  wenig  detailliert  und  widersprüchlich  sei.  Ausserdem  entbehrten  seine  Aussagen  der  Anschaulichkeit  sowie  der  inneren Logik und widersprächen der allgemeinen Erfahrung.  Insgesamt  handle  es  sich  um  die  Aneinanderreihung  von  Stereotypien  ohne  subjektive  Färbung;  es  werde  nicht  der  Eindruck  geweckt,  dass  tatsächlich Erlebtes erzählt werde. 

E­7372/2008 Darüber  hinaus  wies  das  BFM  auf  zahlreiche  Widersprüche  zwischen  Aussagen,  die  bei  der  Befragung  zur  Person  gemacht  wurden,  und  solchen  anlässlich  der  Anhörung  gemäss  Art.  29  AsylG  hin.  Für  den  Inhalt  dieser  Widersprüche  wird  auf  die  Ausführungen  in  der  vorinstanzlichen Verfügung verwiesen. 5.  Der  Beschwerdeführer  nimmt  in  seiner  Rechtsmitteleingabe  zum  Asylpunkt und insbesondere zu den vom BFM monierten Widersprüchen  nur  sehr  kurz  Stellung.  Im Wesentlichen macht  er  sinngemäss  geltend,  dass  die  genannten  Widersprüche  auf  unvollständigen  und  ungenauen  Aussagen  in  den  beiden  Befragungen  beruhten  und  sie  sich  bei  einer  umfassenderen  Darstellung  des  Sachverhalts  auflösen  liessen.  Die  monierten  Widersprüche  auszuräumen,  kann  dem  Beschwerdeführer  damit  lediglich dann gelingen, wenn er konkludent selber einräumt, dass  seine  Aussagen  bei  den  beiden  Befragungen  undifferenziert  und  substanzlos  gewesen  sind.  Die  Erklärungsversuche  vermögen  die  vom  BFM angeführten Zweifel an der Glaubhaftigkeit aber nicht auszuräumen.  Die  Durchsicht  der  Befragungsprotokolle  vermittelt  auch  dem  Bundesverwaltungsgericht  das Bild wenig  substanziierter Aussagen,  die  den  Eindruck  persönlicher  Betroffenheit  vermissen  lassen.  Auffällig  an  den Befragungen  ist  zudem,  dass  die Aussagen  bei  der  summarischen  Befragung  noch  ausführlicher  ausgefallen  sind  als  bei  der  vertieften  Anhörung  zu  den  Fluchtgründen.  Beispielsweise  gab  der  Beschwerdeführer  in  der  Erstbefragung  an,  (…)  als  Wachmann  tätig  gewesen zu sein und diese Stelle im April 2007 angetreten zu haben (A1,  S.  3  und  4),  während  er  bei  der  Anhörung  (…)  erst  auf  Vorhalt  hin  erwähnte  und  angab,  einfacher  Soldat  einer Marschtruppe  gewesen  zu  sein  (A11,  F40ff.).  Insgesamt  ist  es  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen,  seine  Fluchtgründe  widerspruchsfrei  darzulegen  und  seine  Furcht  vor  Verfolgung  zu  substanziieren.  Daran  vermag  auch  seine  Rechtsmitteleingabe  nichts  zu  ändern.  Was  die  Beweiskraft  des  auf  Beschwerdeebene  eingereichten  Beweismittels  betrifft,  ist  die  Einschätzung  des  BFM  zu  teilen  und  auf  dessen  Ausführungen  in  der  Vernehmnlassung  zu  verweisen.  Dem  ist  hinzuzufügen,  dass  dem  vorgeblichen  Haftbefehl,  falls  man  seine  Echtheit  annimmt,  nicht  zu  entnehmen  ist,  ob er noch gültig und damit  die Verfolgungsgefahr noch  aktuell  ist.  Ausserdem  stellt  der  Haftbefehl  nach  seinem  Wortlaut  eine  rechtsstaatlich  legitime  Massnahme  dar,  zumal  der  Beschwerdeführer  unter  verdächtigen  Umständen  verschwunden  sei  und  damit  an  einer  strafrechtlichen  Untersuchung  ein  begründetes  Interesse  bestehen 

E­7372/2008 müsste.  Auf  eine  asylrelevante  Verfolgung  enthält  der  Haftbefehl  dagegen  keinen Hinweis.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  das  BFM  die  Flüchtlingseigenschaft  zu  Recht  verneint  und  folgerichtig  das  Asylgesuch abgewiesen hat. 6. 6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  (Art.  44  Abs.  1  AsylG).  Die  Wegweisung  wird  nicht  verfügt,  wenn  die  asylsuchende  Person  im  Besitz  einer  gültigen  Aufenthalts­  oder  Niederlassungsbewilligung ist oder Anspruch darauf hat.  Da  der  Beschwerdeführer  weder  im  Besitz  einer  aufenthaltsrechtlichen  Bewilligung  ist noch einen Anspruch darauf hat, wurde die Wegweisung  vom BFM zu Recht verfügt.  6.2.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht  möglich,  regelt  das  Bundesamt  das  Anwesenheitsverhältnis  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Die genannten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den  Wegweisungsvollzug  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit,  Unmöglichkeit)  sind alternativer Natur. Sobald eine dieser Bedingungen erfüllt ist, ist der  Vollzug  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  der betroffenen Person in der Schweiz nach den Bestimmungen über die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln  (vgl.  dazu  BVGE  2009/51  E.  5.4  mit  weiteren  Hinweisen).  Gegen  eine  allfällige  spätere  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  würde  der  betroffenen  asylsuchenden  Person  wieder  die  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  offen  stehen  (vgl.  Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  44  Abs.  2  AsylG),  wobei  in  einem  Aufhebungsverfahren  alle  Vollzugshindernisse  von  Amtes  wegen  nach  Massgabe der  in diesem Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse erneut zu  prüfen wären (vgl. EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2, EMARK 1997 Nr. 27). Der  Vollzug  der  Wegweisung  erweist  sich  für  Ausländerinnen  oder  Ausländer als unzumutbar, wenn sie  im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf 

E­7372/2008 Grund  von Situationen wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner Gewalt  oder  medizinischer  Notlage  allgemein  gefährdet  sind  (Art. 83  Abs.  4  AuG).  Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art.  83  Abs. 7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März  2002, BBl 2002 3818). Weil sich vorliegend der Vollzug der Wegweisung – aus den nachfolgend  aufgezeigten  Gründen  –  als  unzumutbar  erweist,  kann  von  einer  Erörterung  der  übrigen  Voraussetzungen  eines  rechtmässigen  Wegweisungsvollzugs abgesehen werden. 7. Das BFM räumte ein, dass die allgemeine Sicherheitslage in Afghanistan  angespannt sei, die aufständischen Kräfte  ihre Tätigkeit verstärkt hätten  und  ihren  Einfluss  in  den  südlichen  und  südöstlichen  Provinzen  sowie  teilweise  im Norden und Westen des Landes hätten ausdehnen können.  Die  internationale  Truppenpräsenz  sei  zahlenmässig  zu  schwach  vertreten, als dass sie flächendeckend wirksam wäre. Ausserdem hätten  sich  in vielen Regionen funktionierende staatliche Strukturen noch kaum  entwickeln  können.  Trotzdem ging  das BFM davon aus,  dass  nicht  von  einer  konkreten  Gefährdung  der  gesamten  Bevölkerung  in  Afghanistan  oder eine Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG  ausgegangen werden könne. Die Vorinstanz stufte die Lage in den nördlichen Provinzen und weiteren  Landesteilen  als  weiterhin  vergleichsweise  sicher  ein.  Von  einer  permanent instabilen Lage könne nicht gesprochen werden.  Der  Disttrikt  (…)  in  der  Provinz  Faryab,  welche  im  Nordwesten  Afghanistans liege, sei im Unterschied zu andern Distrikten jener Provinz  nicht  problematisch.  Zudem  wies  das  BFM  auf  Mazar­i­Sharif  als  inländische  Aufenthaltsalternative  hin,  da  die  Sicherheitslage  in  dieser  Stadt  befriedigend  sei  und  der  Beschwerdeführer  dort  gemäss  seinen  Angaben  über  verwandtschaftliche  Beziehungen  mit  erheblichen  finanziellen  Mitteln  verfüge.  Ferner  verneinte  die  Vorinstanz,  dass  die  D._______  Ethnie  des  Beschwerdeführers  gegen  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs spreche.  In  der  Vernehmlassung  hielt  das  BFM  auch  im  Lichte  der  neuen  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  (BVGE  E­7625/2008 

E­7372/2008 vom  16. Juli  2011)  an  der  Zumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  und  an Mazar­i­Sharif als inländischer Aufenthaltsalternative fest. 8.  Die ARK setzte sich in EMARK 2003 Nr. 10 einlässlich mit der damaligen  Lage in Afghanistan, insbesondere in der Hauptstadt Kabul, auseinander  und umschrieb in EMARK 2003 Nr. 30 die Mindestanforderungen für die  Durchführung eines Wegweisungsvollzugs nach Afghanistan.  Infolge der  damals  im  Vergleich  zu  anderen Regionen  etwas  günstigeren  Situation  erachtete  die  ARK  den  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  unter  bestimmten  strengen  Voraussetzungen,  namentlich  einem  tragfähigen  Beziehungsnetz  und  einer  gesicherten  Wohnsituation,  als  zumutbar.  In  EMARK 2006 Nr. 9 ergänzte sie ihre Rechtsprechung aus dem Jahr 2003  und bezeichnete auch den Wegweisungsvollzug  in diejenigen Regionen  Afghanistans,  in  welchen  seit  2004  keine  signifikanten  militärischen  Aktivitäten  stattgefunden  hatten  (namentlich  die  Provinzen  Parwan,  Baghlan,  Takhar,  Badakhshan,  Kunduz,  Balkh,  Sari  Pul,  Herat  und  der  Teil  der  Gegend  von  Samangan,  der  nicht  zum  Hazarajat  gehört),  als  grundsätzlich  zumutbar.  In  den  anderen  östlichen,  südlichen  und  südöstlichen  Provinzen  bestehe  hingegen  weiterhin  eine  allgemeine  Gewaltsituation,  weshalb  der  Wegweisungsvollzug  dorthin  als  grundsätzlich unzumutbar zu betrachten sei. Seit  der  von  der  ARK  festgelegten  Praxis,  welche  vom  Bundesverwaltungsgericht  weitergeführt  wurde,  hat  sich  jenes  im  genannten,  zur Publikation vorgesehenen Grundsatzentscheid BVGE E­ 7625/2008 vom 16. Juli 2011 erneut einlässlich mit der Sicherheitslage in  Afghanistan  auseinandergesetzt  und  befunden,  dass  aufgrund  der  jüngsten  Verschlechterung  der  Sicherheits­  und  Versorgungslage  auch  der  Wegweisungsvollzug  in  vormals  noch  als  vergleichsweise  sicher  eingestufte Provinzen  inzwischen nicht mehr zumutbar ist. Unter  strengen  Voraussetzungen  (BVGE  E­7625/2008,  E.  9.9.2  mit  Verweis auf EMARK 2003 Nr. 10 E. 10 cc) hat es einzig den Vollzug nach  Kabul  gegebenenfalls  als  zumutbar  erachtet  und  diese  Frage  bezüglich  anderer  Grossstädte  Afghanistans  –  darunter  auch  Mazar­i­Sharif –  ausdrücklich offen gelassen. 9.  Die Auffassung des BFM, wonach der Beschwerdeführer in Mazar­i­sharif  über ein tragfähiges Beziehungsnetz verfüge, weshalb ihm diesbezüglich 

E­7372/2008 keine Nachteile  in  Afghanistan  drohten,  bezieht  sich  lediglich  auf  einen  entfernten Verwandten (…) und seine Mutter, die aber gemäss Replik die  Stadt  unterdessen  verlassen  haben  soll.  In  der  hier  vorliegenden  Konstellation  kann  entgegen  der  Auffassung  des  BFM  nicht  mit  genügender Wahrscheinlichkeit auf eine ausreichende Tragfähigkeit des  Beziehungsnetzes  in Mazar­i­Sharif  geschlossen werden. Der Umstand,  dass gewisse Zweifel  an der Glaubhaftigkeit  der  zentralen Asylangaben  bestehen,  spielt  für  die  Beantwortung  der  Frage  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  nach  Afghanistan  insofern  keine  Rolle,  als  das  BFM  jedenfalls  seine  Herkunft  aus  der  Provinz  Faryab  nicht  in  Frage  stellte  und  auch  für  das  Bundesverwaltungsgericht  keine  Veranlassung  besteht,  dies  zu  tun.  Dass  seit  der  Ausreise  aus  Afghanistan  mehrere  Jahre  verflossen  sind,  würde  die  Anknüpfung  an  alte  Beziehungen  und  ein Appellieren an familiäre und freundschaftliche Unterstützungspflichten  nicht einfacher machen. In  Berücksichtigung  der  gesamten  Umstände  ist  somit  ein  Wegweisungsvollzug  nach  Afghanistan  als  nicht  zumutbar  zu  erachten.  Die  Frage,  ob  der  Wegweisungsvollzug  nach  Mazar­i­Sharif  zumutbar  wäre, wenn in casu die im genannten Grundsatzentscheid (bezüglich der  Wegweisung  nach  Kabul)  bestätigten  Voraussetzungen  erfüllt  wären,  kann somit offen gelassen werden. 10. Die  Beschwerde  ist  somit  bezüglich  des  Wegweisungsvollzugs  gutzuheissen  und  die  Dispositivziffern  4  und  5  der  angefochtenen  Verfügung sind aufzuheben. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen.  Das BFM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen  (vgl. Art. 44 Abs. 2 AsylG und Art. 83 AuG).  11. Gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG  wird  eine  Partei,  die  nicht  über  die  erforderlichen  Mittel  verfügt,  auf  Antrag  hin  von  der  Bezahlung  der  Verfahrenskosten  befreit,  wenn  ihr  Begehren  im  Zeitpunkt  der  Gesuchseinreichung  nicht  aussichtslos  erscheint.  Nicht  über  die  erforderlichen Mittel verfügt, wer ohne Beeinträchtigung des notwendigen  Lebensunterhaltes  die  Prozesskosten  nicht  zu  bestreiten  vermag.  Gemäss  der  elektronischen  Datenbank  ZEMIS  geht  der  Beschwerdeführer seit dem 26. Januar 2009 einer Erwerbstätigkeit nach.  Damit  verfügt  er  im  Sinne  des  Gesetzes  über  die  erforderlichen Mittel. 

E­7372/2008 Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist somit abzuweisen.  12. Auf  Grund  seines  Unterliegens  im  Asylpunkt  sind  ihm  entsprechende  Verfahrenskosten im Betrage von Fr. 300.­ aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 4bis  VwVG  i.V.m.  Art.  1­4  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,  SR 173.320.2]).  13.  Nachdem  der  Beschwerdeführer  im  Punkt  des  Wegweisungsvollzugs  –insofern  teilweise  –  obsiegt  hat,  wäre  ihm  eine  angemessene,  um  die  Hälfte  reduzierte  Parteientschädigung  zu  entrichten  (vgl.  Art.  64  Abs.  1  VwVG  i.V.m.  Art.  37  VGG;  Art.  7ff.  VGKE).  Der  Beschwerdeführer  ist  indes  unvertreten.  Somit  sind  ihm  keine  entschädigungsrelevanten  Kosten entstanden, weshalb ihm keine Parteientschädigung auszurichten  ist. (Dispositiv nächste Seite)

E­7372/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird,  soweit  sie  den  Wegweisungsvollzug  betrifft,  gutgeheissen,  im Übrigen wird  sie abgewiesen. Die Ziffern 4 und 5 des  Dispositivs  der  Verfügung  des  BFM  vom  23.  Oktober  2008   werden  aufgehoben. 2.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer  wegen  Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. 3.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  wird  abgewiesen.  Es  werden  Verfahrenskosten  im  Betrag  von  Fr.  300.­  erhoben. 4.  Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Gabriela Freihofer Simon Thurnheer

E-7372/2008 — Bundesverwaltungsgericht 12.09.2011 E-7372/2008 — Swissrulings