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Bundesverwaltungsgericht 16.02.2012 E-7364/2010

16 febbraio 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,626 parole·~8 min·3

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 14. September 2010 / N

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­7364/2010 Urteil   v om   1 6 .   Februar   2012 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richterin Claudia Cotting­Schalch, Richter François Badoud,    Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel. Parteien A._______, Irak,  (…),   Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom  14. September 2010 / N (…).

E­7364/2010 Sachverhalt: A.  Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer, ein  irakischer  Staatsangehöriger kurdischer Ethnie, seinen Heimatstaat am 12. Oktober  2008 in Richtung Iran, von wo aus er über die Türkei nach Griechenland  gelangte.  Dort  wurde  er  festgenommen  und  verbrachte  drei  Monate  in  Haft. Bei seiner Freilassung wurde er aufgefordert, das Land innert einem  Monat zu verlassen, worauf er über  ihm unbekannte Länder am 2. März  2009  in  die  Schweiz  reiste.  Anlässlich  der  Kurzbefragung  vom  5. März  2009  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  B._______  und  der  Anhörung  vom  18.  März  2009  zu  den  Asylgründen  machte  er  im  Wesentlichen Folgendes geltend: Er stamme aus C._______, Zentralirak, und habe dort von seiner Geburt  bis  im Jahr 2000 sowie von 2003 bis zu seiner Ausreise gelebt.  Im Jahr  2000 sei seine Familie aufgrund  ihrer kurdischen Ethnie aus C._______  vertrieben worden  und  nach  Erbil  gezogen.  Drei  Jahre  später  habe  sie  jedoch wieder nach C._______ zurückkehren müssen.  Im Jahr 2004 sei  sein Vater einer Herzkrankheit erlegen. Er sei von seinem Vater zum (...)  ausgebildet worden und habe ab 2002 bei diesem und nach dessen Tod  bis  zu  seiner  Ausreise  bei  seinem  Bruder  im  Familienbetrieb  als  (...)  gearbeitet. Er habe aber zu wenig Arbeit gehabt und deshalb ab 2006 bis  zu seiner Ausreise zusätzlich als (...) gearbeitet. Da die Arbeit als (...) mit  Gefahren verbunden und mehrmals auf ihn geschossen worden sei, habe  ihn seine Mutter aufgefordert, die Stelle aufzugeben. Er habe mehrmals  versucht, sich nach Suleimaniya oder Erbil versetzen zu lassen, was aber  nicht bewilligt worden sei. Ausserdem habe er gehört, dass er später  in  die  Provinz  D._______  hätte  verlegt  werden  sollen.  Dies  sei  die  gefährlichste Gegend  im  Irak, weshalb  er  eine Versetzung  dorthin  nicht  habe riskieren wollen. Weiter führte er aus, weil er bei seiner Tätigkeit als  (...)  mehrmals  angegriffen  worden  sei,  sei  er  immer  in  zivil  zum Dienst  und vom Dienst nach Hause gegangen. Aber auch so habe er Angst und  das  Gefühl  gehabt,  komisch  angeschaut  beziehungsweise  erkannt  zu  werden.  Weil  er  seinen  Dienst  als  (...)  ohne  Voranmeldung  verlassen  habe  und  ausgereist  sei,  fürchte  er  nun  zudem,  bei  einer  Rückkehr  Probleme mit der Kurdistan Democratic Party (KDP) zu bekommen. B.  Am  30.  März  2009  gab  der  Beschwerdeführer  beim Migrationsamt  des  Kantons  Aargau  drei  (unübersetzte)  heimatliche  Originaldokumente 

E­7364/2010 (Identitätskarte,  (...)ausweis  und  Ausweis  unbekannter  Bedeutung)  ab.  Diese wurden gleichentags vom Migrationsamt ans BFM geschickt.  C.  Mit  Verfügung  vom  14.  September  2010  (eröffnet  am  16.  September  2010)  lehnte  das  BFM  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  ab  und  ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Die  Vorinstanz  begründete  den  ablehnenden  Asylentscheid  damit,  dass  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  nicht  asylrelevant  seien  und  somit  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  des  Asylgesetzes  vom 26. Juni  1998  (AsylG, SR 142.31)  nicht  standhielten.  Der Vollzug der Wegweisung sei zulässig, zumutbar und möglich. Für die  detaillierte  Begründung  wird,  soweit  wesentlich,  auf  die  Erwägungen  verwiesen. D.  Mit Beschwerde vom 13. Oktober 2010 an das Bundesverwaltungsgericht  beantragte  der  Beschwerdefürer  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung, die Gutheissung des Asylgesuchs, eventualiter die Anordnung  der vorläufigen Aufnahme sowie in prozessualer Hinsicht die Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege.  Als  Beweismittel  reichte  er  ein  Schreiben  der  kurdischen  Behörden  vom  23.  Oktober  2003  (in  Kopie)  sowie Wohnsitzbescheinigungen von ihm und seinen Eltern (im Original)  zu  den  Akten.  Ausserdem  stellte  er  das  Einreichen  einer  Fürsorgebestätigung  in  Aussicht,  welche  am  20.  Oktober  2010  beim  Bundesverwaltungsgericht einging. E.  Mit  separatem  Schreiben  vom  13.  Oktober  2010  reichte  der  Beschwerdeführer  die  Übersetzung  des  Schreibens  der  kurdischen  Behörden  vom  23. Oktober  2003  betreffend  die  Organisation  von  Lebensmittelcoupons  zu  den  Akten,  welches  bestätige,  dass  seine  Familie Erbil nicht freiwillig verlassen habe. F.  Mit  Zwischenverfügung  vom  22.  Oktober  2010  stellte  die  Instruktionsrichterin  den  legalen  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  während  des  Verfahrens  fest.  Gleichzeitig  hiess  sie  das  Gesuch  um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gut und verzichtete auf die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Weiter  setzte  sie  dem 

E­7364/2010 Beschwerdeführer  Frist  zur  Übersetzung  der  fremdsprachigen  Beweismittel. G.  Mit  Schreiben  vom  26.  Oktober  2010  reichte  der  Beschwerdeführer  Übersetzungen der drei Wohnsitzbestätigungen zu den Akten. H.  Mit  Vernehmlassung  vom  23.  Dezember  2010,  welche  dem  Beschwerdeführer am 6. Januar 2011 zur Kenntnis gebracht wurde, hielt  das Bundesamt an seiner Verfügung vollumfänglich  fest und beantragte  die Abweisung der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert 

E­7364/2010 (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1. Die Vorinstanz begründete  ihren ablehnenden Asylentscheid damit,  die  vom  Beschwerdeführer  geschilderte  erschwerte  berufliche  Situation  als  (...)  habe  ihre  Ursachen  in  der  derzeitigen  allgemeinen  Lage  im  Zentralirak,  wo  er  tätig  gewesen  sei.  Erschwerten  Bedingungen  der  vorgebrachten  Art  könnten  alle  Angehörigen  der  genannten  Berufsgattung  im  Sinne  eines  Berufsrisikos  gleichermassen  ausgesetzt  sein.  Im  Weiteren  mache  der  Beschwerdeführer  keine  gezielten,  persönlichen  Verfolgungsmassnahmen  gelten,  so  habe  er  erklärt,  nie  irgendwelche  Probleme  mit  den  Behörden  seines  Landes  gehabt  zu  haben. Seine Vorbringen seien demzufolge nicht asylrelevant und hielten 

E­7364/2010 den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  nicht stand.  4.2. In seiner Rechtsmitteleingabe machte der Beschwerdeführer geltend,  die Aussage des BFM, dass ihm keine Gefahr mehr drohe, wenn er seine  Arbeit  als  (...)  aufgeben  würde,  sei  nicht  zutreffend.  Die  Terroristen   würden  nicht  unterscheiden  zwischen  ihm  als  Privatperson  und  ihm  als  (...). Ihr Ziel sei es, die Regierung zu schwächen und der Angriff auf (...),  sei  dies nun bei der Arbeit  oder  in  zivil  oder  sogar auf  (...), welche aus  dem  Dienst  zurückgetreten  seien,  eigne  sich  hervorragend  hierzu.  Er  habe befürchtet, dass ihn die Terroristen beobachten und zu Hause töten  könnten.  Daher  sei  er  nach  dem  letzten  Angriff  vom  September  2008  nicht  mehr  nach  Hause  zurückgekehrt,  sondern  habe  sich  bei  einem  Cousin versteckt. Ausserdem führte er aus, er könne seine Tätigkeit als  (...) nicht wie jede andere Arbeit einfach niederlegen. Er habe den Dienst  als (...) unerlaubt verlassen und werde daher von der KDP gesucht. Die  Gründe  für  seine  Ausreise  seien  überdies  nicht  wirtschaftlicher  Natur  gewesen.  Das  Anhörungsprotokoll  sei  diesbezüglich  ungenau;  vieles,  was er gesagt habe und der Dolmetscher rückübersetzt habe, sei nicht im  Protokoll  enthalten.  So  sei  er  nicht  (...),  sondern  (...)  und  habe  nebenberuflich als (...) und hauptberuflich als (...) gearbeitet. Es wäre ihm  möglich gewesen, seine Arbeit als (...) auszudehnen, hätte er mehr Geld  benötigt. 4.3.  In  seiner  die  Abweisung  der  Beschwerde  beantragenden  Vernehmlassung  vom  26.  Januar  2006  verweist  das  Bundesamt  vollumfänglich auf seine bisherigen Standpunkte und Erwägungen, ohne  inhaltlich zur Beschwerde Stellung zu beziehen. 5.   5.1. Nach  Lehre  und  Rechtsprechung  erfüllt  eine  asylsuchende  Person  die Flüchtlingseigenschaft  im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie  in  ihrem  Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse,  Religion, Nationalität, Zughörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauung  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  Nachteile  einer  bestimmten  Intensität  begründeterweise  befürchten  muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund  bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt zu werden drohen und vor denen  sie  keinen  ausreichenden  staatlichen Schutz  erwarten  kann  (vgl.  BVGE  2007/31  E.  5.2  f.  und  2008/4  E.  5,  sowie  die  vom 

E­7364/2010 Bundesverwaltungsgericht  fortgeführte  Rechtsprechung  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [ARK]  in  Entscheide  und  Mitteilungen der ARK [EMARK] 1995 Nr. 2 E. 3a, 2006 Nr. 18 E. 7­10 und  Nr. 32 E. 8.7). Massgeblich  für  die  Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft  sind  die  tatsächlichen Verhältnisse, wie sie sich im Zeitpunkt der Entscheidfällung  präsentieren.  Ausgangspunkt  der  Prüfung  ist  die  Frage  nach  der  im  Zeitpunkt  der  Ausreise  vorhandenen  Furcht  vor  einer  absehbaren  Verfolgung  im  Heimatstaat.  Veränderungen  der  objektiven  Situation  im  Heimatstaat  zwischen  Ausreise  und  Asylentscheid  sind  zugunsten  und  zulasten  der  Asylgesuch  stellenden  Person  zu  berücksichtigen  (vgl.  BVGE 2008/4 E. 5.4 S. 38 mit weiteren Hinweisen). 5.2. Der Beschwerdeführer macht auf Beschwerdeebene erneut geltend,  er  fürchte  sich  einerseits  vor  den  Terroristen,  von  denen  er  als  (...)  (beziehungsweise ehemaligen  (...))  verfolgt werde,  und andererseits  vor  der KDP, da er seinen Dienst als (...) unerlaubt quittiert habe. Zum ersten  Vorbringen führte die Vorinstanz zutreffend aus, dies habe seine Ursache  in  der  derzeitigen  allgemeinen  Lage  im  Zentralirak  und  betreffe  alle  Angehörigen  der  genannten  Berufsgattung  gleichermassen.  Dem  ist  beizufügen,  dass  es  überdies  der  vom  Beschwerdeführer  geltend  gemachten  Verfolgung  an  der  Gezieltheit  im  Sinne  von  Art.  3  Abs.  1  AsylG  mangelt.  Der  Beschwerdeführer  berichtete  von  drei  Vorfällen  während seiner dreijährigen Tätigkeit als (...), bei denen er während des  Dienstes  unter  Beschuss  durch  Terroristen  gekommen  sei.  Er  machte  jedoch  keine  Aussagen,  die  darauf  schliessen  liessen,  dass  die  Anschläge gezielt auf ihn gerichtet gewesen sein könnten. Weiter machte  er  zwar  geltend,  sich  auch  in  Zivilkleidung  gefürchtet  zu  haben.  Diese  Furcht vermag er  jedoch nicht genügend zu konkretisieren. So ist  ihm in  zivil weder  je etwas zugestossen, noch machte er substanziiert geltend,  ausserhalb  der  Tätigkeit  als  (...)  bedroht  worden  zu  sein.  Die  vom  Beschwerdeführer  angeführten  Vorfälle  vermögen  somit  den  Anforderungen  an  asylbegründende  Nachteile  nicht  standzuhalten  und  sind nicht asylrelevant.  Bezüglich  des  Vorbringens  des  Beschwerdeführers,  er  fürchte  sich  vor  der  KDP,  da  er  seinen  Dienst  als  (...)  unerlaubt  quittiert  habe,  ist  festzuhalten, dass dieses weder eine asylrelevante Verfolgung noch eine  begründete  Furcht  vor  einer  solchen  zu  begründen  vermag,  zumal  er  dieses  anlässlich  der Befragung  zur Person mit  keinem Wort  erwähnte. 

E­7364/2010 Auch bei der Anhörung machte er lediglich geltend, er fürchte sich vor der  KDP,  weil  er  den  Dienst  ohne  Voranmeldung  verlassen  habe.  In  der  Beschwerdeschrift wiederholt er zwar das Vorbringen, enthält sich jedoch  erneut  konkreteren  Angaben.  Es  kann  deshalb  davon  ausgegangen  werden,  dass  für  den  Beschwerdeführer  keine  begründete  Furcht  vor  einer Verfolgung durch die KDP besteht.  Der  Vollständigkeit  halber  ist  ausserdem  zu  erwähnen,  dass  die  in  der  Beschwerde geübte Kritik an der Übersetzung nicht gehört werden kann.  Insbesondere  erscheint  es  als  höchst  unwahrscheinlich,  dass  der  Dolmetscher dem Beschwerdeführer etwas rückübersetzt habe, was nun  nicht im Protokoll enthalten sei. Die Frage, ob der Beschwerdeführer nun  (...) oder  (...) gewesen sei und ob er haupt­ oder nebenberuflich als  (...)  gearbeitet  habe,  erweist  sich  ausserdem  als  nicht  entscheidrelevant,  weshalb auf diesbezügliche Ausführungen verzichtet werden kann.  5.3.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  flüchtlingsrechtlich  beachtlichen  Benachteiligungen  oder  Befürchtungen hat glaubhaft machen können. Aufgrund dieser Sachlage  und  in  Würdigung  der  gesamten  Umstände  und  Vorbringen  des  Beschwerdeführers – inklusive Beweismittel – ergibt sich, dass dieser die  Voraussetzungen  für  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllt. Die Vorinstanz hat das Asylgesuch zu Recht abgelehnt. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9). 7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes 

E­7364/2010 vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 7.2. Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug  der  Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit)  sind  alternativer Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748). Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung,  wie  im  Folgenden  aufzuzeigen  ist,  als  unzumutbar  erweist,  ist  auf  eine  Erörterung  der  beiden  andern  Voraussetzungen  eines  rechtmässigen  Wegweisungsvollzugs zu verzichten. 8.  8.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 8.2.  Das  Bundesverwaltungsgericht  hat  sich  im  nach  wie  vor  gültigen  Grundsatzurteil  BVGE  2008/5  vom  14.  März  2008  ausführlich  mit  der  Frage  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  in  den  kurdisch  verwalteten Nordirak befasst. Es gelangte zum Schluss, dass in den drei  kurdischen  Provinzen  (Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya)  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht  und  die  dortige  politische  Lage  nicht  dermassen  angespannt  ist,  dass  eine  Rückführung  dorthin  als  generell  unzumutbar  betrachtet  werden  müsste.  Die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  setzt  jedoch voraus,  dass die betreffende Person  ursprünglich aus der Region stammt oder längere Zeit dort gelebt hat und 

E­7364/2010 über  ein  soziales  Netz  (Familie,  Verwandtschaft  oder  Bekanntenkreis)  oder  über  Beziehungen  zu  den  herrschenden  Parteien  verfügt.  Andernfalls  dürfte  eine  soziale  und  wirtschaftliche  Integration  in  die  kurdische  Gesellschaft  nicht  gelingen,  da  der  Erhalt  einer  Arbeitsstelle  oder  von Wohnraum  weitgehend  von  gesellschaftlichen  und  politischen  Beziehungen  abhängt.  Zusammenfassend wurde  festgehalten,  dass  die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  in  der  Regel  für  alleinstehende,  gesunde  und  junge  kurdische  Männer,  die  ursprünglich  aus  der  KRG­ Region  stammen  und  dort  nach  wie  vor  über  ein  soziales  Netz  oder  Parteibeziehungen verfügen, zumutbar ist. Für alleinstehende Frauen und  für  Familien  mit  Kindern  sowie  für  Kranke  und  Betagte  ist  bei  der  Feststellung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  grosse  Zurückhaltung angebracht. Bei Kurden, welche aus kurdisch dominierten  Gebieten  ausserhalb  der  drei  Provinzen  Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya  stammen  –  namentlich  aus  Kirkuk  und Mosul  –  bleibt  die  Zumutbarkeit  des Vollzugs im Einzelfall zu prüfen. 8.3.  Beim  Beschwerdeführer  handelt  es  sich  gemäss  Akten  um  einen  gesunden,  (...)­jährigen  Mann  mit  Berufserfahrung  als  (...)  beziehungsweise (...), der eigenen Angaben zufolge vor seiner Ausreise  aus dem  Irak  in C._______ wohnhaft war, von wo er auch stamme und  wo seine Mutter und sein Bruder sowie weitere Verwandten  lebten. Das  BFM  stellte  diese  Angaben  des  Beschwerdeführers  nicht  in  Frage  und  anerkannte  implizit,  dass  ein  Wegweisungsvollzug  nach  C._______  (Zentralirak)  nicht  zur  Diskussion  stehe.  Entgegen  der  vom  BFM  vertretenen Auffassung kann aufgrund der Aktenlage jedoch nicht davon  ausgegangen  werden,  der  Beschwerdeführer  verfüge  im  Nordirak  über  ein  enges  Beziehungsnetz,  welches  einen Wegweisungsvollzug  dorthin  erlauben würde. Aufgrund seiner Aussagen anlässlich der Befragung zur  Person lebten im März 2009 zwei Schwestern des Beschwerdeführers in  Erbil, während der Rest der Familie 2003 nach C._______ zurückgekehrt  sei.  In  seiner  Rechtsmitteleingabe  macht  der  Beschwerdeführer  ausserdem  geltend,  seine  Schwester  E._______  lebe  inzwischen  auch  wieder  in  C._______,  da  ihr  der  weitere  Aufenthalt  in  Erbil  nicht  genehmigt  worden  sei.  Der  Beschwerdeführer  führte  weiter  in  seiner  Beschwerde und auch bei der Anhörung glaubhaft aus, weshalb er und  seine Familie im Jahr 2003 nach C._______ zurückkehren mussten (vgl.  vorinstanzliche Akten A8 F101). Aufgrund seiner Vorbringen, es sei  ihm,  trotz  mehrfachen  Ersuchens,  eine  Wohnsitzverlegung  in  eine  der  drei  nordirakischen Provinzen nicht  bewilligt worden,  ist  in Übereinstimmung  mit  der  Situation,  wie  sie  dem  Bundesverwaltungsgericht  bekannt  ist, 

E­7364/2010 davon  auszugehen,  dass  er  nicht  ohne Weiteres  im  Nordirak Wohnsitz  nehmen könnte.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  in  den  Irak  erweist  sich  somit  bei  einer  gesamtheitlichen Würdigung als unzumutbar  im Sinne von Art 83 Abs. 4  AuG. Nachdem sich aus den Akten keine Hinweise auf das Vorliegen von  Ausschlussgründen  nach  Art.  83  Abs.  7  AuG  ergeben,  sind  die  Voraussetzungen  für  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  erfüllt.  Das BFM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig  aufzunehmen.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  kann  darauf  verzichtet  werden,  näher  auf  die  vom  Beschwerdeführer  bei  der  Vorinstanz  und  auf  Beschwerdeebene  eingereichten  Beweismittel  einzugehen,  da  diese  im  Wesentlichen Bezug nehmen auf seine Herkunft aus C._______, welche  weder vom BFM noch vom Bundesverwaltungsgericht angezweifelt wird. 9.  Zusammenfassend  ist  die  Beschwerde  betreffend  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft,  Erteilung  von  Asyl  und  Aufhebung  der  Wegweisung  abzuweisen.  Hinsichtlich  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs ist sie gutzuheissen.  10.  Nach  dem  Gesagten  wären  die  Verfahrenskosten  zufolge  hälftigen  Unterliegens  grundsätzlich  zur  Hälfte  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art  63  Abs.  1  VwVG).  Nachdem  jedoch  das  Bundesverwaltungsgericht in seiner Zwischenverfügung vom 22. Oktober  2010  das  Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtsführung  gutgeheissen  hat,  sind keine Verfahrenskosten zu erheben. 11.  Dem  im  Beschwerdeverfahren  anwaltlich  nicht  vertretenen  Beschwerdeführer  ist  keine  Parteientschädigung  auszurichten,  zumal  davon  auszugehen  ist,  dass  ihm  aus  der  Beschwerdeführung  keine  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  im  Sinne  der  gesetzlichen  Bestimmungen  (Art.  64  Abs.  1  VwVG  i.V.m.  Art.  7  Abs.  1  und Art.  8  des Reglements  vom 21. Februar  2008 über  die Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]) entstanden sind.

E­7364/2010 (Dispositiv nächste Seite)

E­7364/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  betreffend  Vollzug  der  Wegweisung  (Dispositivziffern 4 – 5 der angefochtenen Verfügung) gutgeheissen. Das  BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. Im  Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3.  Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen.  4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Aglaja Schinzel Versand:

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