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Bundesverwaltungsgericht 06.12.2011 E-6310/2011

6 dicembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·883 parole·~4 min·1

Riassunto

Nichteintreten auf Asylgesuch (Verletzung Mitwirkungspflicht) und Wegweisung | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 14. November 2011

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­6310/2011 Urteil   v om   6 .   D e z embe r   2011   Besetzung Richter Walter Stöckli (Vorsitz), mit Zustimmung von Richterin Gabriela Freihofer; Gerichtsschreiber Thomas Hardegger. Parteien A._______, geboren am (…), Nigeria,  alias B._______, geboren (…), Kenia,  (…), Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 14. November 2011 / N (…).

E­6310/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest und erwägt, dass die Beschwerdeführerin eigenen Angaben zufolge Nigeria an einem  unbekannten  Datum  im  Jahr  2008  verliess,  via  den  Niger  Marokko  erreichte, wo sie sich während höchstens zwei Wochen aufhielt und nach  längeren Aufenthalten  in Spanien (etwa 15 Monate) und Italien (etwa 16  Monate) am 1. Mai 2011 in die Schweiz einreiste, wo sie am selben Tag  um Asyl nachsuchte, dass  das  BFM  am  6.  Juni  2011  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Chiasso  die  Personalien  der  Beschwerdeführerin  erhob,  sie  zum  Reiseweg  sowie  –  summarisch  –  zu  ihren  Ausreise­  und  Asylgründen  befragte  und  das  rechtliche  Gehör  zur  allfälligen  Zuständigkeit  Italiens  und Spaniens zur Durchführbarkeit des Asylverfahrens gewährte, dass  die  Beschwerdeführerin  im  Rahmen  ihrer  Anhörung  im  Wesentlichen geltend machte,  in  ihrem Heimatland nicht verfolgt zu sein  und weder politische noch religiöse Probleme gehabt zu haben, dass sie das älteste Kind einer armen Familie aus (...) sei, nach Europa  gereist sei, um es besser als zu Hause zu haben, und beispielsweise ihre  schulische Ausbildung fortsetzen möchte, dass sie weder in Spanien noch in Italien ein Asylgesuch gestellt habe, dass  sie  keine  anderen  Asylgründe  habe  und  über  keine  Beweismittel  und Identitätspapiere verfüge, dass  das  BFM  sie  am  8.  Juni  2011  zu  ihrem  Landsmannes  A.B.  ergänzend  befragte  und  sie  anlässlich  dieser  Befragung  das  BFM  ersuchte,  von  A.B.,  mit  welchem  sie  seit  (…)  zusammenlebe,  nicht  getrennt zu werden, dass das BFM sie mit Zwischenverfügung vom 9. Juni 2011 für die Dauer  des Asylverfahrens dem Kanton (…) zuwies,  dass das BFM sie am 15. August 2011 darüber orientierte, dass es von  einem  Dublin­Verfahren  Abstand  nehme  und  das  Asylverfahren  in  der  Schweiz durchführen werde, dass  das  BFM  sie  zu  einer  auf  den  19.  Oktober  2011  terminierten  Direktanhörung in Bern­Wabern vorlud,

E­6310/2011 dass  diese  an  die  den  Behörden  bekannte  Adresse  (vgl.  Rubrum)  gerichtete  Vorladung  vom  30.  September  2011  von  der  Post  mit  dem  Vermerk  „Nicht  abgeholt”  an  das  BFM  retourniert  wurde  (Eingangsstempelung BFM: 13. Oktober 2011), dass die Beschwerdeführerin zur Anhörung vom 19. Oktober 2011 nicht  erschienen ist,  dass  das  BFM  die  Beschwerdeführerin  mit  an  dieselbe  Adresse  gerichtetem  Schreiben  vom  20.  Oktober  2011  aufforderte,  sich  zu  den  Gründen  ihres  Nichterscheinens  zur  Direktanhörung  bis  zum  1.  November 2011 zu äussern, dass  in  der  Stellungnahme  der  Beschwerdeführerin  vom  27.  Oktober  2011  geltend  gemacht  wird,  sie  habe  den  Einschreibe­Brief  vom  30.  September  2011  nicht  entgegennehmen  können,  weil  sie  zur  Zeit  des  Zustellversuchs nicht zu Hause gewesen sei, dass  sie weiter  erklärte, mit  der  Abholaufforderung  bei  der  zuständigen  Poststelle  vorstellig  geworden  zu  sein,  der  Brief  sei  im  betreffenden  Zeitpunkt aber bereits ans BFM retourniert worden sei, dass  sie  sich  für  ihr  Verhalten  entschuldige  und  um  Ansetzung  eines  neuen Anhörungstermins nachsuche, dass  das  BFM  auf  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin  mit  Verfügung vom 14. November 2011 – eröffnet am 16. November 2011 –  wegen schuldhafter und grober Mitwirkungspflichtverletzung nicht eintrat,  ihre Wegweisung aus der Schweiz verfügte und den Vollzug anordnete, dass  das  BFM  zur  Begründung  seines  Entscheids  im  Wesentlichen  anführte,  die  Vorladung  zur  Anhörung  vom  19.  Oktober  2011  sei  der  Beschwerdeführerin korrekt zugestellt worden, sie habe diese innert Frist  mit  ihrem  Abholschein  auf  der  Poststelle  nicht  abgeholt,  sie  sei  zur  Anhörung nicht erschienen und sie habe in ihrer Stellungnahme vom 27.  Oktober 2011 keine entschuldbaren Gründe geltend gemacht, so dass sie  ihre Mitwirkungspflicht  schuldhaft  in  grober Weise  verletzt  habe  und  zu  erkennen  gegeben  habe,  an  einer  Fortsetzung  des  Verfahrens  nicht  interessiert zu sein, womit ihr das erforderliche Rechtsschutzinteresse an  der Fortführung des Verfahrens abzusprechen sei,

E­6310/2011 dass das BFM keine Gründe erkannte, die gegen die Durchführung eines  Wegweisungsvollzugs sprechen könnten, dass  die  Beschwerdeführerin  mit  Eingabe  vom  21.  November  2011  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erhob  und  dabei  beantragte,  es  sei  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben und die Sache zur materiellen Abklärung der Asylgründe ans  BFM  zurückzuweisen,  wobei  dieses  anzuweisen  sei,  sie  zur  Darlegung  der Asylgründe erneut vorzuladen, dass  sie  in  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Prozessführung, Erlass des Kostenvorschusses sowie um  Ausrichtung einer Parteientschädigung ersuchte, dass mit der Beschwerde der Post­Abholschein vom 3. Oktober 2011 im  Original und die angefochtene Verfügung in Kopie eingereicht wurden, dass die Beschwerdeführerin eine vom 22. November 2011 datierte E­Mail  einer  Frau  G.  von  der  Fachorganisation  "(...)"  einreichte,  mit  welcher  diese  bestätigte,  sie  habe  der  Beschwerdeführerin  gesagt,  sie  solle  warten bis sie einen zweiten Brief bekomme,  dass  das  Bundesverwaltungsgericht  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  in  der  Regel  –  so  auch  vorliegend  –  endgültig  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  (Art. 5  des Bundesgesetzes  vom 20. Dezember 1968 über  das  Verwaltungsverfahren  [VwVG,  SR  172.021])  des  BFM  entscheidet  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31] i. V. m.  Art. 31 ff.  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass  die  Beschwerdeführerin  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  ist,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  ist  (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass  somit  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  einzutreten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 VwVG),

E­6310/2011 dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass  bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM  ablehnt,  das  Asylgesuch  auf  seine  Begründetheit  hin  zu  überprüfen  (Art. 32 – 35a  AsylG),  die  Beurteilungskompetenz  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt  ist,  ob  die  Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist, dass  sich  demnach  die  Beschwerdeinstanz  – sofern  sie  den  Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet –  einer  selbstständigen materiellen Prüfung enthält, die angefochtene Verfügung  aufhebt  und  die  Sache  zu  neuer  Entscheidung  an  die  Vorinstanz  zurückweist, dass  in  der  Frage  der  Wegweisung  und  deren  Vollzugs  die  Beurteilungskompetenz des Bundesverwaltungsgerichts nicht beschränkt  ist, weil das BFM sich diesbezüglich gemäss Art. 44 AsylG in Verbindung  mit  Art.  83  des  Bundesgesetzes  vom  16.  Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20)  auch  materiell  zur  Sache zu äussern hatte, dass  über  offensichtlich  begründete  Beschwerden  in  einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  Richterin  entschieden  wird  (Art.  111  Bst.  e  AsylG)  und  es  sich  vorliegend,  wie  nachfolgend  aufgezeigt,  um  eine  solche  handelt,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2  AsylG),  und  gestützt  auf  Art.  111a  Abs.  1  AsylG  vorliegend  auf  einen  Schriftenwechsel verzichtet wurde, dass es sich beim Nichtabholen des eingeschriebenen Briefes des BFM  offenkundig um eine Verletzung der der Beschwerdeführerin nach Art. 8  AsylG obliegenden Mitwirkungspflicht handelt, dass  auch  die  im  Nichteintretenstatbestand  von  Art.  32  Abs.  2  Bst.  c  AsylG  genannte  Schuldhaftigkeit  gegeben  ist,  zumal  die  Beschwerdeführerin keinen Grund angegeben hat, weshalb sie den Brief  nicht  in  der  postalisch  vorgesehenen  Frist  abgeholt  hat,  ihr  Verhalten  auch ohne Weiteres als Fehler bezeichnet und sich dafür entschuldigt hat  (vgl. A22/1 und act. 1 S. 2),

E­6310/2011 dass hingegen aus der Begründung der angefochtenen Verfügung nicht  hervorgeht,  weshalb  das  BFM  dieses  Fehlverhalten  als  grobe  Mitwirkungspflichtverletzung qualifiziert,  dass eine Verletzung der Mitwirkungspflicht dann als grob zu bezeichnen  ist, wenn dadurch die Abklärungen des Falles erheblich erschwert werden  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 18 E. 3c), dass das Bundesverwaltungsgericht  im blossen Vertrödeln der Abholfrist  keine qualifizierte – nämlich grobe – Mitwirkungspflicht erkennen kann, dass im Unterschied zum Nichterscheinen an einer Anhörung, zu der ein  Asylsuchender  ordnungsgemäss  eingeladen  worden  ist  –  welches  Verhalten  praxisgemäss  als  Verhinderung  einer  konkret  vorgesehenen  Verfahrenshandlung  und  damit  als  grobe  Verletzung  der  Mitwirkungspflicht  im  Sinne  von  Art.  32  Abs.  2  Bst.  c  AsylG  betrachtet  wird  (vgl.  EMARK  2000  Nr.  8  E.  7a;  EMARK  2003  Nr.  22  E.  4a;  zur  Qualifizierung  einer  Mitwirkungspflicht  als  grob  vgl.  auch  EMARK  2001  Nr.  19 E.  4a, EMARK 2003 Nr.  21 E.  3d)  –,  das  unterlassene Abholen  eines Einschreibe­Briefes innert siebentägiger Frist die Qualifizierung als  grob nicht zuletzt deshalb nicht erfüllt, weil aus der Abholeinladung weder  der Absender  (nämlich die Amtsstelle BFM) noch der Zweck (Vorladung  zu  einer  Anhörung)  hervorgeht,  womit  der  Vorwurf  der  willentlichen  Verhinderung einer  konkret  vorgesehenen Verfahrenshandlung nicht mit  Fug erhoben werden kann, dass  das  Verhalten  der  Beschwerdeführerin  nach  Ablauf  der  Abholfrist  nicht  vorwerfbar  ist,  zumal  sie  sich  (verspätet)  auf  die  Post  begeben  haben soll, wo ihr die Rücksendung des Briefes bekanntgegeben wurde,  ihr  nachgewiesenermassen  von  einer  Person,  deren  Information  sie  als  zuverlässig  annehmen  durfte,  zum  Abwarten  eines  neuen  Schreibens  geraten  wurde  und  sie  auf  die  Einladung  zur  Stellungnahme  mit  einer  schriftlichen Erklärung reagiert hat, dass  das  BFM  das  Nichterscheinen  der  Beschwerdeführerin  zur  Anhörung  nach  dem  Gesagten  fälschlicherweise  als  Verletzung  der  Mitwirkungspflicht  im  Sinne  des  Nichteintretenstatbestand  von  Art.  32  Abs. 2 Bst. c AsylG wertete, dass  das  BFM  demnach  zu Unrecht  in  Anwendung  von  Art.  32  Abs.  2   Bst. c AsylG auf das Asylgesuch nicht eintrat, 

E­6310/2011 dass  die  Beschwerde  nach  dem  Gesagten  gutzuheissen,  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben  und  die  Sache  zur  Fortsetzung  beziehungsweise Wiederaufnahme des Asylverfahrens an die Vorinstanz  zurückzuweisen  ist,  wobei  es  dieser  unbenommen  bleibt,  bei  Erkennen  eines  Grundes  gemäss  den  Art.  32  ff.  AsylG  wiederum  einen  Nichteintretensentscheid zu erlassen, dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  keine  Kosten  aufzuerlegen  sind (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG) und die Gesuche um Gewährung der  unentgeltlichen  Prozessführung  und  Verzicht  auf  Erhebung  eines  Kostenvorschusses gegenstandslos werden, dass eine obsiegende Partei Anspruch auf eine Parteientschädigung  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen  Kosten  hat  (Art.  7  Abs.  1  des  Reglements vom 11. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]), dass  die  Beschwerdeführerin  keine  Rechtsvertretung  mandatierte,  weshalb  nicht  von  notwendigen  Kosten  im  oben  erwähnten  Sinne  auszugehen  und  ihr  in  Abweisung  des  entsprechenden  Antrags  keine  Parteientschädigung zuzusprechen ist. (Dispositiv nächste Seite

E­6310/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die vorinstanzliche Verfügung vom 14. November 2011 wird aufgehoben.  Das  BFM  wird  angewiesen,  das  Asylverfahren  der  Beschwerdeführerin  wieder aufzunehmen.  3.   Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Es wird keine Parteientschädigung entrichtet. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Walter Stöckli Thomas Hardegger Versand:

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