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Bundesverwaltungsgericht 03.02.2012 E-6103/2011

3 febbraio 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·3,378 parole·~17 min·1

Riassunto

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 26. Oktober 2011 /

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­6103/2011 Urteil   v om   3 .   Februar   2012 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richter Pietro Angeli­Busi, Richter Kurt Gysi,    Gerichtsschreiberin Anna Poschung. Parteien A._______, Bangladesch,   vertreten durch (…), Caritas Luzern, Sozialdienst Asylsuchende, Brünigstrasse 25, Postfach,  6002 Luzern Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin­ Verfahren); Verfügung des BFM vom 26. Oktober 2011 /  N (…).

E­6103/2011 Sachverhalt:  A.  Der  Beschwerdeführer  verliess  eigenen  Angaben  zufolge  seinen  Heimatstaat  an  einem  ihm  unbekannten  Datum  im  Jahr  2011  und  gelangte  via Katar  und  nach  einem dreieinhalb monatigen Aufenthalt  in  Italien am 22. Mai 2011 in die Schweiz, wo er gleichentags im Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  B._______  um  Asyl  ersuchte  und  dabei  anführte, minderjährig zu sein. B.  Aufgrund  des  äusseren  Erscheinungsbildes  des  Beschwerdeführers  beauftragte die Vorinstanz das Kantonsspital Frauenfeld am 24. Mai 2011  mit der Durchführung einer Knochenanalyse zu seiner Altersbestimmung.  Die  am  26.  Mai  2011  durchgeführte  radiologische  Untersuchung  ergab  ein biologisch geschätztes Skelettalter von neunzehn Jahren. Am 30. Mai  2011  führte  der  Beschwerdeführer  anlässlich  der  anamnestischen  Befragung  aus,  er  habe  Probleme  mit  seinem  Bein  und  Arm  und  mit  seiner  Verdauung.  Ansonsten  fühle  er  sich  gesund.  Er  habe  in  seinem  Leben – solange seine Mutter gelebt habe –  immer genügend zu Essen  gehabt. C.  Gleichentags  wurde  der  Beschwerdeführer  im  EVZ  B._______  summarisch  befragt,  wobei  ihm  gleichzeitig  das  rechtliche  Gehör  zur  Zuständigkeit  Italiens  zur  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  und  einer  allfälligen  Wegweisung  dorthin  gewährt wurde. Dabei führte er im Wesentlichen Folgendes aus: Er  stamme  aus  Dhaka,  wo  er  bis  am  3.  Juni  2010  gelebt  und  im  Jahr  2009 die achte Schulklasse beendet  habe. Sein Vater  sei  vor  fünf  oder  sechs oder sieben Jahren bei einem Verkehrsunfall gestorben; er selber  habe dabei eine Verletzung am linken Arm erlitten. Sein einziger Bruder  sei  bei  der Geburt  gestorben.  Seine Mutter  sei  bei  einem Brand  am  3.  Juni  2010  an  ihrem Wohnsitz  ums  Leben  gekommen, weshalb  er  nach  diesem Datum  zuerst  bei  einem  Bekannten  seiner  Familie,  C._______,  und anschliessend bei Geschäftsfreunden seines Vaters ausserhalb von  Dhaka gewohnt habe. Er habe vom Geschäftspartner seiner Mutter Geld  gefordert, worauf er von diesem verprügelt und am Bein verletzt worden  und  während  sechs  oder  sieben  Tagen  im  Spital  gewesen  sei.  Der  Geschäftspartner  seiner  Mutter  habe  ihn  zudem mit  dem  Tod  bedroht,  weshalb  ihn  C._______  ins  Ausland  geschickt  habe.  Er  habe 

E­6103/2011 Bangladesch  von  Dhaka  aus  mit  dem  Flugzeug  an  einem  ihm  unbekannten Datum verlassen. In seinem Heimatland habe er niemanden  und er befürchte, bei einer Rückkehr vom Geschäftspartner seiner Mutter  getötet zu werden, weshalb er um Asyl in der Schweiz ersuche. In Italien  habe er kein Asylgesuch eingereicht und er wolle auf keinen Fall dorthin  zurückkehren, weil er keine Eltern habe und ganz allein sei. Als  Beweismittel  reichte  er  zwei  englischsprachige  Dokumente  des  Bangabandhu  Sheikh  Mujib  Medical  University  Hospital  Dhaka,  datiert  vom  12.  Juni  2010  sowie  18. Juni  2010,  eine  englisch­  und  fremdsprachige Zeitung sowie seinen Schülerausweis,  gültig bis am 31.  Dezember 2009, ein. D.  Ebenfalls am 30. Mai 2011 wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche  Gehör  zum  Ergebnis  der  Knochenaltersbestimmung  gewährt.  Dabei  führte  er  aus,  sein  linker  Arm  sei  beim  erwähnten  Verkehrsunfall  gebrochen, weshalb der Arzt vielleicht einen falschen Befund festgestellt  habe.  Seine  Mutter  habe  ihm  gesagt,  er  sei  am  (…)  November  1995  geboren, was  auch  in  der Schule  so  eingetragen worden  sei.  Er  könne  ausser seinem Schülerausweis keine Beweismittel vorlegen. E.  Am 7. Juli ersuchte das BFM Italien gestützt auf Art. 21 der Verordnung  EG Nr. 343/2003  des Rates  vom  18.  Februar  2003  zur  Festlegung  von  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrages  zuständig  ist  (Dublin­II­VO),  um  Auskunft  betreffend den Beschwerdeführer. F.  Mit  Eingabe  seiner  Rechtsvertreterin  vom  21.  Juni  2011  hielt  der  Beschwerdeführer  an  seiner  Minderjährigkeit  fest  und  reichte  als  Beweismittel  ein  weiteres  fremdsprachiges  Dokument  ein,  welches  den  Tod  seiner  Eltern  bestätige.  Gleichzeitig  ersuchte  er  um  Auskunft  über  den  Austausch  seiner  Personendaten  zwischen  den  Mitgliedstaaten  sowie um Einsicht in die vorinstanzlichen Verfahrensakten. Mit Schreiben  vom 4. Juli 2011 stellte das BFM dem Beschwerdeführer die Aktenstücke,  welche den anderen Staaten zugestellt worden seien, zu.

E­6103/2011 G.  Am  20.  Juli  2011  wurde  der  Beschwerdeführer  in  Anwesenheit  seiner  Rechtsvertreterin  zur  geltend  gemachten  Minderjährigkeit  nachbefragt.  Das  BFM  stellte  dabei  fest,  der  Beschwerdeführer  habe  keine  Ausweispapiere  abgegeben,  über  seine  Identität  beziehungsweise  sein  Alter  getäuscht,  keine  plausiblen  Gründe  für  das  Fehlen  von  Ausweispapieren,  ungenaue  Angaben  zu  den  Familienverhältnissen  gemacht  und  sehe  älter  aus  als  von  ihm  angegeben.  Zudem  habe  die  Knochenaltersanalyse  ergeben,  dass  sein  Skelettwachstum  demjenigen  einer ausgewachsenen Person entspreche, weshalb das BFM von seiner  Volljährigkeit ausgehe. Auf den weiteren  Inhalt der Nachbefragung wird,  soweit entscheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen.  H.  Mit  Eingabe  vom  21.  Juli  2011,  welche  vom  BFM  mit  Schreiben  vom  11. August  2011  beantwortet  wurde,  informierte  der  Beschwerdeführer  durch  seine  Rechtsvertreterin  unter  anderem  über  seinen  Gesundheitszustand und ersuchte erneut um Akteneinsicht. I.  Gestützt  auf  die  Ausführungen  des  Beschwerdeführers  zu  seinem  Reiseweg stellte das BFM am 22. August 2011 ein Übernahmeersuchen  im Sinne von Art. 10 Abs. 1 Dublin­II­VO an die  italienischen Behörden,  welches in der Folge unbeantwortet blieb. J.  Mit Eingabe vom 8. September 2011 reichte der Beschwerdeführer einen  ärztlichen  Bericht  des  Luzerner  Kantonsspitals,  datiert  vom  17.  August  2011, von Dr. med. D._______, zu den Akten. K.  Mit Verfügung  vom 26. Oktober  2011  (Eröffnungsdatum unbekannt)  trat  das BFM gestützt auf Art. 34 Abs. 2 Bst. d des Asylgesetzes vom 26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  auf  das  Asylgesuch  nicht  ein,  ordnete  die  Wegweisung  aus  der Schweiz  nach  Italien  sowie  deren Vollzug  an  und  hielt  gleichzeitig  fest,  einer  allfälligen  Beschwerde  komme  keine  aufschiebende  Wirkung  zu.  Auf  die  Begründung  der  Verfügung  wird,  soweit entscheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen. L.  Mit Eingabe vom 9. November 2011 sowie ergänzendem Nachtrag vom 

E­6103/2011 15.  Dezember  2011  erhob  der  Beschwerdeführer  durch  seine  Rechtsvertreterin  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragt,  die Verfügung des BFM sei aufzuheben und das Asylgesuch  sei zur materiellen Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.  In  prozessualer Hinsicht sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu  gewähren  und  die  Vollzugsbehörden  seien  anzuweisen,  von  allfälligen  Vollzugsmassnahmen  anzusehen.  Weiter  wurde  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  beantragt.  Auf  die  Begründung  und  die  eingereichten  Beweismittel  wird,  soweit  entscheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen.  M.  Mit  Telefax  vom  9.  November  2011  setzte  die  Instruktionsrichterin  den  Vollzug  der  Wegweisung  im  Sinne  einer  vorsorglichen  Massnahme  vorläufig aus. N.  Mit Zwischenverfügung vom 11. November 2011 wurde das Gesuch um  Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde gutgeheissen,  die  unentgeltliche  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  gewährt und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet. O.  Mit  Zwischenverfügung  vom  1.  Dezember  2011  lud  die  Instruktionsrichterin  die  Vorinstanz  unter  Hinweis  auf  die  vom  Beschwerdeführer  im  erstinstanzlichen  Verfahren  eingereichten  Beweismittel ein, sich innert Frist vernehmen zu lassen. Mit  Vernehmlassung  vom  15.  Dezember  2011,  welche  dem  Beschwerdeführer am 20. Dezember 2011 zur Stellungnahme zugestellt  wurde, beantragte das BFM die Abweisung der Beschwerde. Mit Replik  vom  4.  Januar  2011  hielt  der  Beschwerdeführer  an  seiner  Beschwerde  vollumfänglich fest. Auf den Inhalt des Schriftenwechsels wird, soweit entscheidwesentlich, in  den Erwägungen eingegangen.

E­6103/2011 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:  1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art.  5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art.  33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen   eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni  2005  [BGG,  SR  173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 2  AsylG, Art. 37 VGG i.V.m. Art. 52 VwVG).  1.4.  Der  Beschwerdeführer  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung beziehungsweise Änderung; er  ist daher zur Einreichung der  Beschwerde  legitimiert  (Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art.  48  Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.  2.  2.1.  Bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM  ablehnt,  das  Asylgesuch  auf  seine  Begründetheit  hin  zu  überprüfen  (Art.  32  ­  35  AsylG),  ist  die  Beurteilungskompetenz  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  die  Vorinstanz  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch  nicht  eingetreten  ist  (vgl.  die  vom  Bundesverwaltungsgericht  fortgeführte  Rechtsprechung  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [ARK]  in  Entscheidungen  und  Mitteilungen der ARK [EMARK] 2004 Nr. 34 E. 2.1 S. 240 f. sowie Urteil  des Bundesverwaltungsgerichts E­7878/2008 vom 31. Dezember 2008).  Die  Beschwerdeinstanz  enthält  sich  einer  selbständigen  materiellen 

E­6103/2011 Prüfung  und weist  die  Sache  –  sofern  sie  den Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet  –  zu  neuer  Entscheidung  an  die  Vorinstanz  zurück. 2.2.  Die  Vorinstanz  hat  die  Frage  der  Wegweisung  und  des  Vollzugs  materiell  geprüft,  weshalb  dem Bundesverwaltungsgericht  diesbezüglich  grundsätzlich  volle  Kognition  zukommt,  wobei  sich  diese  Fragen –  namentlich  diejenigen  hinsichtlich  des  Bestehens  von  Vollzugshindernissen –  in  den  Dublin­Verfahren  bereits  vor  Erlass  des  Nichteintretensentscheides stellen (vgl. BVGE 2010/45 E. 10.2.). 3.  3.1. Zur Begründung der angefochtenen Verfügung führte das BFM aus,  der Beschwerdeführer  habe anlässlich  der  summarischen Befragung  zu  Protokoll gegeben, im Februar 2011 illegal nach Italien eingereist zu sein  und sich dort bis am 22. Mai 2011 ununterbrochen aufgehalten zu haben.  Die  italienischen  Behörden  hätten  zum  Übernahmeersuchen  des  BFM  innert  Frist  keine  Stellung  genommen,  weshalb  die  Zuständigkeit  zur  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  gestützt  auf  das  Abkommen  vom  26.  Oktober  2004  zwischen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Staates für die  Prüfung  eines  in  einem  Mitgliedstaat  oder  in  der  Schweiz  gestellten  Asylantrags  (SR  0.142.392.68)  und  das  Übereinkommen  vom  17.  Dezember  2004  zwischen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft,  der  Republik  Island  und  dem  Königreich  Norwegen  über  die  Umsetzung,  Anwendung  und  Entwicklung  des  Schengen­Besitzstands  und  über  die  Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Staates für die  Prüfung  eines  in  der  Schweiz,  in  Island  oder  in  Norwegen  gestellten  Asylantrags  (SR  0.362.32)  sowie  Art.  18  Abs. 7  Dublin­II­VO  an  Italien  übergegangen  sei.  Bezüglich  der  geltend  gemachten  Minderjährigkeit  führte die Vorinstanz aus, eine Handknochenanalyse habe ergeben, dass  er  mindestens  neunzehn  Jahre  alt  sei.  Anlässlich  der  Gewährung  des  rechtlichen  Gehörs  sei  es  ihm  nicht  gelungen,  die  geltend  gemachte  Minderjährigkeit  mit  stichhaltigen  Argumenten  plausibel  zu  machen.  Zudem seien seine Aussagen zu seinen familiären Verhältnissen und zu  seinem  Lebenslauf  als  nicht  glaubhaft  einzuschätzen,  was  zusätzlich  Zweifel  an  seiner  Minderjährigkeit  aufkommen  lasse.  So  habe  er  anlässlich der Befragung zur Person zu Protokoll gegeben, sein Vater sei  vor  fünf,  sechs oder sieben Jahren bei einem Verkehrsunfall  gestorben. 

E­6103/2011 Er selbst sei bei diesem Unfall dabei gewesen, könne sich aber an sein  damaliges  Alter  nicht  mehr  erinnern.  Bei  der  Nachbefragung  habe  er  angegeben,  sein  Vater  sei  vor  vier  oder  fünf  Jahren  gestorben.  Schliesslich  habe  er  keinerlei  Dokumente  eingereicht,  welche  seine  Aussagen  bezüglich  der  Altersangabe  belegen  würden,  weshalb  er  in  Würdigung sämtlicher Umstände  für das weitere Verfahren als volljährig  betrachtet werde. Die Rückführung habe –  vorbehältlich  einer  allfälligen  Unterbrechung oder Verlängerung – bis spätestens am 23. April 2012 zu  erfolgen.  Weiter  stelle  die  Wegweisung  die  Regelfolge  eines  Nichteintretensentscheides  dar  und  der  Vollzug  der  Wegweisung  sei  zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Insbesondere  widerspreche  eine  Überstellung nach  Italien nicht dem Non­Refoulement­Gebot oder Art. 3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und Grundfreiheiten  (EMRK, SR  0.101).  Bezüglich  der  Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges nach Italien hielt das BFM fest,  weder  die  in  Italien  herrschende Situation  noch  andere Gründe würden  dagegen sprechen. Italien habe die Richtlinie 2003/9/EG des Rates vom  27.  Januar  2003  (nachfolgend  Aufnahmerichtlinie),  welche  zahlreiche  Mindestnormen  für  die  Aufnahme  und  Betreuung  von  Asylsuchenden  beinhalte,  ohne  Beanstandungen  von  Seiten  der  Europäischen  Kommission umgesetzt. Der Beschwerdeführer könne sich daher an die  zuständigen Behörden wenden, um Unterstützung zu erhalten. Betreffend  die  gesundheitlichen  Vorbringen  verwies  das  BFM  ebenfalls  auf  die  Aufnahmerichtlinie,  welche  unter  anderem  die medizinische Versorgung  garantiere,  weshalb  grundsätzlich  davon  ausgegangen  werden  könne,  dass  Italien  die  benötigten  medizinischen  Versorgungsleistungen  erbringen könne. Zudem sei es Praxis des BFM, dass bei Medizinalfällen  die italienischen Behörden sieben Tage vor der Überstellung nach Italien  über  den  gesundheitlichen  Zustand  und  die  angezeigte  Behandlung  informiert würden, damit eine umgehend nötige medizinische Versorgung  nach  der  Ankunft  unverzüglich  erbracht  werden  könne.  Schliesslich  sei  der  Vollzug  der  Wegweisung  technisch  möglich  und  praktisch  durchführbar. 3.2.  In  der  Beschwerdeeingabe  wird  vorab  der  Sachverhalt  –  wie  anlässlich der Befragung vom Beschwerdeführer ausgeführt – geschildert  und  festgehalten,  er  habe  keine  Dokumente  oder  Ausweispapiere  eingereicht und sei nie im Besitz eines Reisepasses, einer Identitätskarte  oder  einer  Geburtsurkunde  gewesen.  Hingegen  müsse  es  eine  Geburtsurkunde  geben,  er  sei  aber  nicht  in  deren  Besitz.  Weiter  wird  gerügt,  die  angefochtene  Verfügung  basiere  auf  einer  unrichtigen  und 

E­6103/2011 unvollständigen Feststellung des Sachverhalts. Entgegen der Ansicht der  Vorinstanz  würden  nachvollziehbare  Gründe  dafür  vorliegen,  dass  die  Schweiz  von  der  Selbsteintrittsklausel  Gebrauch  machen  könne.  Der  Beschwerdeführer  habe  mehrmals  über  gesundheitliche  Beschwerden  geklagt  und  diesbezüglich  durch  seine Rechtsvertreterin  zwei  Eingaben  gemacht,  in  welchen  festgehalten  worden  sei,  dass  er  sich  zwecks  Abklärung seiner Beschwerden im Ellbogen und im Knie in medizinischer  Behandlung  befinde.  Die  Vorinstanz  habe  sich  vor  Erlass  der  angefochtenen  Verfügung  nicht  über  den  aktuellen  Stand  der  Abklärungen  informiert.  Er  sei  nämlich  vom  (…)  Oktober  2011  bis  (…)  Oktober  2011  hospitalisiert  gewesen  und  operiert  worden,  werde  eine  Physiotherapie  machen  und  sich  regelmässigen  klinischen  und  radiologischen  Nachkontrollen  unterziehen  lassen.  Unter  diesen  Umständen sei ein Wegweisungsvollzug nach Italien unzumutbar. Zudem  hätten  die  italienischen Behörden bislang  zum Übernahmeersuchen der  Vorinstanz  keine  Stellung  bezogen,  womit  auch  die  Modalitäten  der  Überstellung  des  Beschwerdeführers,  welcher  aufgrund  seiner  gesundheitlichen  Verfassung  als  verletzlich  gelte,  als  nicht  vorgängig  abgeklärt  gelten  würden.  Unter  Hinweis  auf  einen  Bericht  der  Schweizerischen  Beobachtungsstelle  für  Asyl­  und  Ausländerrecht  vom  November  2011  und  eine  Medienmitteilung  der  Schweizerischen  Flüchtlingshilfe  (SFH)  wird  weiter  geltend  gemacht,  die  Aufnahmebedingungen  in  Italien  seien  für  zurückgeschickte  Asylsuchende  sehr  schlecht  und  es  würden  eklatante  Unterbringungsmängel  herrschen.  Weiter  wird  gerügt,  die  Vorinstanz  habe  die  angefochtene  Verfügung  mit  der  Verneinung  der  Minderjährigkeit  des Beschwerdeführers begründet und die  individuellen  Gründe, welche gegen eine Wegweisung nach  Italien sprechen würden,  unvollständig abgeklärt.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  wird  vorgebracht,  der  Antrag  auf  Akteneinsicht  vor  Erlass  der  Verfügung  sei  von  der  Vorinstanz  ohne  Begründung  nicht  berücksichtigt  worden.  Ferner  sei  der  Beschwerdeführer  zu  einer  direkten  Bundesanhörung  aufgeboten  worden,  hingegen  sei  ihm  lediglich  das  rechtliche Gehör  betreffend  die  geltend  gemachte Minderjährigkeit  gewährt  worden  und  er  habe  weder  seine Asylgründe darlegen noch über  seine gesundheitliche Verfassung  berichten können. Bezüglich  der  von  der  Vorinstanz  in  Abrede  gestellten  Minderjährigkeit  wird  angeführt,  er  habe  zwar  keine  Identitätspapiere  abgegeben, 

E­6103/2011 aufgrund  dessen  dürfe  aber  nicht  auf  seine  Volljährigkeit  geschlossen  werden.  Er  verfüge  über  verminderte  kognitive  Kompetenzen  und  habe  mehrfach  dargelegt,  seine  Mutter  habe  ihm  das  angegebene  Geburtsdatum mitgeteilt. Sollte er älter sein als angenommen, so basiere  diese  Tatsache  wider  seiner  Kenntnisse.  Er  habe  nicht  versucht,  die  Vorinstanz mutwillig zu täuschen, sondern habe lediglich wiedergegeben,  was  seine  Mutter  ihm  mitgeteilt  habe.  Zudem  habe  er  Dokumente  der  Bangabandhu Sheikh Mujib Medical University  eingereicht,  auf welchen  er als fünfzehnjährig registriert sei. Diese Dokumente könnten zwar nicht  als  Identitätsdokumente  anerkannt  werden,  der  Sachverhalt  sei  aber  unrichtig  ausgelegt,  wenn  die  Vorinstanz  festhalte,  dass  ihr  keinerlei  Dokumente  vorgelegt  worden  seien.  Weiter  werde  im  Bericht  zur  Knochenanalyse festgehalten, dass es sich beim festgestellten Alter von  neunzehn  Jahren  um  eine  grobe  Schätzung  handle,  weshalb  es  keine  eindeutige  Beweislage  dafür  gebe,  dass  der  Beschwerdeführer  neunzehnjährig sei.  Schliesslich  würden  unabhängig  davon,  ob  er  allenfalls  mutwillig  oder  gegen  seine  Kenntnis  eine  Falschaussage  betreffend  seinem  Alter  gemacht  habe,  gesundheitliche  Gründe  vorliegen,  welche  die  Wegweisung nach  Italien als unzumutbar erscheinen  lassen würden. Er  habe  einen medizinischen  Eingriff  hinter  sich  und  befinde  sich  in  einer  noch  über mehrere Monate  dauernden  Folgebehandlung,  weshalb  eine  Wegweisung nach Italien seinen Genesungsprozess fahrlässig gefährden  würde. Als  Beweismittel  wurden  (alle  ausgestellt  vom  Luzerner  Kantonsspital)  eine  Bestätigung  des  Eintrittstermins,  datiert  vom  7.  Oktober  2011,  ein  Austrittsbericht, datiert vom 27. Oktober 2011, von Dr. med. E._______,  eine Verordnung  für Physiotherapie,  datiert  vom 28. Oktober  2011,  von  Dr. med.  F._______,  sowie  ein  ärztliches  Zeugnis,  datiert  vom  30.  Oktober 2011, von Dr. med. G._______ zu den Akten gereicht. 3.3.  Mit  ergänzender  Beschwerdeeingabe  vom  15.  Dezember  2011  orientierte der Beschwerdeführer über eine erhebliche Verschlechterung  seines gesundheitlichen Zustandes. Aufgrund eines Suizides eines guten  Freundes  von  ihm  sei  er  tief  betroffen  und  verstört,  weshalb  der  zuständige  Sozialpädagoge  veranlasst  habe,  dass  er  im  Ambulatorium  der Luzerner Psychologie psychiatrisch betreut werde. Eine Wegweisung  nach Italien würde ihn noch zusätzlich destabilisieren.

E­6103/2011 3.4. Das BFM führte in seiner Vernehmlassung vom 16. Dezember 2011  aus,  bei  Art.  3  Abs.  2  Dublin­II­VO  handle  es  sich  um  eine  Kann­ Bestimmung und es gebe somit keine völkerrechtliche Verpflichtung, bei  bestimmten  Kategorien  auf  die  Anwendung  der  Dublin­II­VO  zu  verzichten  beziehungsweise  die  Souveränitätsklausel  anzuwenden.  Grundsätzlich bleibe es dem innerstaatlichen Recht oder dem Ermessen  der Behörden anheimgestellt, in welchen Fällen selbst eingetreten werde.  Das innerstaatliche Recht enthalte hierzu keine detaillierten Vorschriften.  Art. 29a  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR  142.311),  wonach  die  Schweiz  ein  Gesuch  aus  humanitären  Gründen  trotz  Zuständigkeit  eines  anderen  Mitgliedstaates bearbeiten  könne, beziehe sich  im Wesentlichen auf die  humanitäre Klausel  im Sinne von Art. 15 Dublin­II­VO und nicht auf das  Selbsteintrittsrecht.  Gemäss  Lehre  müsse  die  Anwendung  der  Souveranitätsklausel  eine  Ausnahme  bleiben,  weil  sonst  die  Effektivität  der Dublin­II­VO in Frage gestellt würde. Das BFM prüfe im Einzelfall, ob  ein  Selbsteintritt  angezeigt  erscheine,  weil  die  Gefahr  einer  Verletzung  der  EMRK  oder  anderer Grundrechte  bestehe  oder  humanitäre Gründe  vorliegen  würden,  welche  die  asylsuchende  Person  in  besonders  schwerwiegender  Weise  belasteten.  Bezüglich  der  gesundheitlichen  Vorbringen hielt das BFM fest, es sei dem Dublin­System immanent, dass  grundsätzlich  davon  ausgegangen  werden  könne,  dass  der  betreffende  Dublin­Staat die nötigen medizinischen Versorgungsleistungen erbringen  könne,  sei  doch  jeder  Staat  an  die  Aufnahmerichtlinie,  welche  medizinische  Versorgung  garantiere,  gebunden.  Deshalb  sei  grundsätzlich  im  Einzelfall  nicht  zu  prüfen,  ob  in  Italien  eine  bestimmte  Krankheit angemessen behandelt werden könne oder nicht, oder ob die  fachlich  kompetente  Betreuung  oder  Begleitung  oder  die  Zusage  einer  solchen für die Rückführung dorthin vorhanden sei. In der angefochtenen  Verfügung  sei  darauf  hingewiesen  worden,  dass  der  gesundheitlichen  Situation  des  Beschwerdeführers  bei  der  Ausgestaltung  der  Vollzugsmodalitäten Rechnung getragen werde und die Rechtsvertreterin  sei  am  25.  Oktober  2011  aufgefordert  worden,  für  die  diesbezüglichen  Abklärungen einen aktuellen Arztbericht einzureichen. Bezüglich  der  gerügten  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  durch  Nichtberücksichtigung des Akteneinsichtsgesuchs vom 21. Juni 2011 hält  die  Vorinstanz  fest,  sie  habe  mit  Schreiben  vom  4.  Juli  2011  die  Akteneinsicht im Sinne von Art. 21 Abs. 9 der Dublin­II­VO gewährt. Eine  Akteneinsicht  vor  dem  Entscheid  erscheine  nicht  tunlich,  da  es  beim  Dublin­Verfahren  darum  gehe,  rasch  die  Zuständigkeit  für  ein 

E­6103/2011 Asylverfahren gestützt auf objektive Kriterien festzulegen und zudem die  relevanten  Akten  zusammen  mit  einem  Nichteintretensentscheid  ausgehändigt würden. Zur  Rüge,  der  Beschwerdeführer  sei  zur  direkten  Bundesanhörung  aufgeboten  worden,  es  sei  ihm  aber  lediglich  das  rechtliche  Gehör  zur  geltend gemachten Minderjährigkeit gewährt worden, führt das BFM aus,  die Abklärung der Minderjährigkeit sei  für das weitere Verfahren und die  Beurteilung  des  Asylgesuches  und  den  Asylentscheid  wesentlich  und  deshalb Gegenstand der Anhörung gewesen. Schliesslich  wird  bezüglich  der  eingereichten  Beweismittel  angeführt,  in  der  angefochtenen  Verfügung  sei  festgehalten  worden,  er  habe  keine  Dokumente  eingereicht,  die  seine  Aussagen  bezüglich  seiner  Altersangaben  belegen  würden.  Das  Entlassungsformular  des  Bangabandhu  Sheikh  Mujib  Medical  University  Spitals,  auf  welchem  er  als  fünfzehnjährig  bezeichnet  worden  sei,  habe  keine  Beweiskraft  bezüglich seiner Minderjährigkeit. 3.5. Der Beschwerdeführer entgegnete mit Replik vom 4. Januar 2011, es  würden  erhebliche  Zweifel  vorliegen,  dass  Italien  in  der  Lage  sei,  die  medizinischen  Versorgungsleistungen  zu  erbringen.  Es  sei  allgemein  bekannt  und  durch  zahlreiche  Berichte  von  Menschenrechtsorganisationen belegt, dass Italien mit der hohen Anzahl  an Flüchtlingen überfordert sei und die Grundversorgung der Flüchtlinge  vernachlässigt  werde.  Die  Mindestnormen  für  die  Aufnahme  von  Asylsuchenden,  auf  welche  sich  die  Vorinstanz  berufe,  würden  grundlegend  verletzt.  Beim  Beschwerdeführer  handle  es  sich  um  eine  verletzliche  Person,  welche  physisch  und  psychisch  angeschlagen  sei,  sich  aber  in  der  aktuellen  Umgebung  unter  guter  pädagogischer  und  medizinischer  Betreuung  befinde. Weiter  wurde  daran  festgehalten,  die  Vorinstanz  habe  die  individuellen  Gründe,  welche  gegen  eine  Wegweisung  nach  Italien  sprechen  würden,  ungenügend  abgeklärt.  Mit  der Aufforderung zur Einreichung eines aktuellen Arztberichts habe sich  die  Vorinstanz  lediglich  darum  zu  bemühen  versucht,  die  Vollzugsmodalitäten  zu  regeln,  eine  sorgfältige  Abklärung  der  gesundheitlichen  Verfassung  des  Beschwerdeführers  vor  Entscheidfällung sei aber vernachlässigt worden. Bezüglich der eingereichten Dokumente des Spitals in Bangladesch wird  ausgeführt,  diese  hätten  zwar  –  wie  die  Vorinstanz  in  ihrer 

E­6103/2011 Vernehmlassung darlege – keinerlei Beweiskraft, hingegen sei es falsch,  wenn  die  Vorinstanz  in  ihrer  Verfügung  festhalte,  er  habe  keine  Dokumente  vorgelegt.  Er  sei  der  festen  Überzeugung,  am  genannten  Datum geboren zu sein, da seine Mutter ihm dieses genannt habe. Weiter habe sich die gesundheitliche Verfassung des Beschwerdeführers  massgeblich  verschlechtert  und  er  sei  weiterhin  auf  medizinische  Versorgung angewiesen. Er besuche regelmässig Physiotherapie und sei  im Ambulatorium der Luzerner Psychiatrie angemeldet worden, weshalb  eine Wegweisung nach Italien seine Gesundheit gefährden würde. Als Beweismittel wurde ein ärztlicher Bericht, datiert vom 20. Dezember  2011, von Dr. med. H._______, Luzerner Kantonsspital, eine Anmeldung  für  ein  Erstgespräch  bei  der  Luzerner  Psychiatrie,  datiert  vom  20.  Dezember 2011, sowie eine Aktennotiz, datiert vom 20. Dezember 2011,  von I._______, Betreuung Jugendliche, (…), zu den Akten gereicht. 4.  4.1.  Im  Asylverfahren  ­  wie  im  übrigen  Verwaltungsverfahren  ­  gilt  der  Untersuchungsgrundsatz,  das  heisst,  die  Asylbehörde  hat  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  vor  ihrem  Entscheid  von  Amtes  wegen  vollständig und richtig abzuklären (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG, Art.  106  Abs.  1  Bst.  b  AsylG).  Dabei  muss  sie  die  für  das  Verfahren  erforderlichen  Sachverhaltsunterlagen  beschaffen  und  die  rechtlich  relevanten  Umstände  abklären  und  darüber  ordnungsgemäss  Beweis  führen.  Gemäss  Art.  8  AsylG  hat  die  asylsuchende  Person  demgegenüber  die  Pflicht  und  unter  dem  Blickwinkel  des  rechtlichen  Gehörs im Sinne von Art. 29 VwVG und Art. 29 Abs. 2 BV das Recht, an  der  Feststellung  des  Sachverhalts  mitzuwirken  (vgl.  BVGE  2008/24  E.  7.2,  BVGE  Seite  13  D­3292/2006  2007/21  E.  11.1.3  mit  Hinweis  auf  EMARK 2003 Nr. 13; vgl. auch EMARK 2004 Nr. 16 E. 7a und EMARK  2004 Nr. 30 E. 5.3.1). 4.2.  In  seiner  Rechtsmitteleingabe  rügt  der  Beschwerdeführer,  er  habe  am 21. Juli 2011 beim BFM ein Gesuch um Gewährung der Akteneinsicht  vor Fällung eines Entscheides gestellt. Das BFM habe das Gesuch nicht  berücksichtigt  und  die  Akten  erst  zusammen  mit  der  angefochtenen  Verfügung ausgehändigt. Diesbezüglich ist festzustellen, dass das durch  Art. 29  Abs.  2  BV  garantierte  rechtliche  Gehör  den  Anspruch  der  von  einem Verfahren betroffenen Person umfasst, sich vor einer behördlichen 

E­6103/2011 Anordnung  zu  allen  wesentlichen  Punkten  zu  äussern  und  von  der  betreffenden Behörde alle dazu notwendigen  Informationen  zu erhalten.  Allerdings  beschlägt  der  verfassungsmässige  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör  nur  die  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes,  nicht  aber  die  rechtliche Würdigung  desselben.  Dem Betroffenen  ist  somit  in  der  Regel  kein  Recht  auf  vorgängige  Stellungnahme  bezüglich  Fragen  der rechtlichen Beurteilung und Würdigung von Tatsachen einzuräumen,  es  sei  denn,  die  Behörde  gedenke,  sich  in  ihrem  Entscheid  auf  einen  völlig  unüblichen,  nicht  voraussehbaren  Rechtsgrund  abzustützen  (vgl.  BVGE  2007/21  E.  10.2  mit  verschiedenen  Hinweisen;  vgl.  PATRICK  SUTTER  in:  Auer/Müller/Schindler  [Hrsg.],  VwVG,  Kommentar  zum  Bundesgesetz  über  das  Verwaltungsverfahren,  Zürich/St.  Gallen  2008,  Art. 29 Rz. 14; vgl. auch EMARK 2001 Nr. 8, EMARK 2000 Nr. 29 E. 5,  EMARK 1994 Nr. 13 E. 3b.). Beruht der Entscheid weder auf nachträglich  eingetretenen oder  den Parteien unbekannten  tatsächlichen Umständen  noch  auf  neuen,  unvorhersehbaren  Rechtsgrundlagen,  ist  somit  der  Anspruch auf rechtliches Gehör gewahrt (vgl. PATRICK SUTTER a.a.O., Rz.  12).  Im vorliegenden Fall hat das BFM dem Gesuch um Gewährung der  Akteneinsicht erst zusammen mit der Entscheidfällung stattgegeben. Die  Vorinstanz  hat  durch  dieses  Vorgehen  den  Anspruch  des  Beschwerdeführers auf  rechtliches Gehör nicht verletzt, zumal er sich  in  Anwesenheit  seiner  Rechtsvertreterin  im  Rahmen  einer  Nachbefragung  (vgl.  oben  G.)  vorgängig  zu  den  entscheidrelevanten  Ergebnissen  der  Handknochenanalyse sowie zur Einschätzung der Vorinstanz hinsichtlich  der  Glaubhaftigkeit  der  geltend  gemachten  Minderjährigkeit  äussern  konnte.  4.3. Weiter macht der Beschwerdeführer in verfahrensrechtlicher Hinsicht  geltend,  er  habe  keinerlei  Möglichkeit  gehabt,  seine  Asylgründe  und  gesundheitlichen  Schwierigkeiten  im  Rahmen  einer  Anhörung  darzulegen.  Diese  Rüge  erweist  sich  als  unbegründet,  da  in  Dublin­ Verfahren  keine  ordentliche  Anhörung  stattfindet,  sondern  der  asylsuchenden  Person  –  wie  vorliegend  geschehen  –  nach  der  summarischen  Befragung  das  rechtliche  Gehör  gemäss  Art.  36  Abs.  2  AsylG gewährt wird. 4.4.  Soweit  der  Beschwerdeführer  hinsichtlich  der  im  vorinstanzlichen  Verfahren  eingereichten  Beweismittel  eine  unrichtige  Auslegung  des  Sachverhalts  rügt,  ist  festzuhalten,  dass  die  aus  dem  Gehörsanspruch  gemäss  Art.  29  Abs.  2  BV  fliessende  Begründungspflicht  von  der  Behörde verlangt, die Vorbringen der gesuchstellenden Person vor dem 

E­6103/2011 Entscheid  tatsächlich zu hören, sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und  in  der Entscheidfindung zu berücksichtigen. Eine verfügende Behörde muss  sich  hingegen nicht  ausdrücklich mit  jeder  tatbeständlichen Behauptung  und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen, sonder kann sich auf  die  für  den  Entscheid  wesentlichen  Gesichtspunkte  beschränken  (vgl.  ANDRÉ  MOSER/MICHAEL  BEUSCH/LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem Bundesverwaltungsgericht, Basel 2008, S. 151 f. Rz. 3.103 ff.; BGE  126  I 97 S. 102  f.). Vorliegend hat die Vorinstanz  in der angefochtenen  Verfügung  festgestellt,  der Beschwerdeführer habe keinerlei Dokumente  eingereicht,  die  seine  Aussagen  bezüglich  der  Altersangabe  belegen  würden  (vgl.  angefochtene  Verfügung  S.  4).  Der  Beschwerdeführer  hat  hingegen   – wie  in  der  Beschwerdeschrift  zu Recht  vorgebracht  –  zwei  Dokumente des Bangabandhu Sheikh Mujib Medical University Hospital  eingereicht,  welche  eine  Altersangabe  enthalten.  Da  das  Alter  des  Beschwerdeführers  im  vorliegenden Verfahren  von  zentraler  Bedeutung  ist,  wäre  die  Vorinstanz  gehalten  gewesen,  die  eingereichten  Beweismittel  zu  würdigen,  weshalb  diesbezüglich  eine  Verletzung  der  Begründungspflicht  beziehungsweise  des  rechtlichen  Gehörs  festzustellen  ist.  Grundsätzlich  führt  eine  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  –  das  heisst  ungeachtet  der  materiellen  Auswirkungen  –  zur  Aufhebung  des  daraufhin  ergangenen  Entscheides.  Aus  prozessökonomischen Gründen ist eine Heilung von Gehörsverletzungen  auf  Beschwerdeebene möglich,  sofern  das  Versäumte  nachgeholt  wird,  der  Beschwerdeführer  dazu  Stellung  nehmen  kann  und  der  Beschwerdeinstanz  im  streitigen  Fall  die  freie  Überprüfungsbefugnis  in  Bezug  auf  Tatbestand  und  Rechtsanwendung  zukommt,  sowie  die  festgestellte Verletzung nicht schwerwiegender Natur ist und die fehlende  Entscheidreife  durch  die  Beschwerdeinstanz  mit  vertretbarem  Aufwand  hergestellt  werden  kann  (vgl.  BVGE  2008/47  E.  3.3.4  S.  676  f.).  Vorliegend hat die Vorinstanz im Rahmen ihrer Vernehmlassung vom 15.  Dezember 2011 die Begründung der angefochtenen Verfügung  insoweit  ergänzt,  als  sie  ausführte,  das  Entlassungsformular,  auf  welchem  der  Beschwerdeführer  als  fünfzehnjährig  bezeichnet  werde,  habe  keine  Beweiskraft  bezüglich  seiner  Minderjährigkeit.  Dem  Beschwerdeführer  wurde Gelegenheit  gewährt,  sich  zur  Vernehmlassung  der  Vorinstanz –  mithin auch zu dieser Ergänzung – Stellung zu nehmen, von welcher er  mit Replik  vom 4.  Januar 2011 Gebrauch gemacht  hat. Somit  kann der  festgestellte  Verfahrensmangel  als  geheilt  erachtet  werden,  zumal  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  erstellt  und  die  notwendige  Entscheidreife  gegeben ist.

E­6103/2011 4.5.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  keine  Veranlassung  besteht, die angefochtene Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben.  Hingegen  ist  der  Umstand,  dass  die  angefochtene  Verfügung  im  Zeitpunkt  ihres  Erlasses  an  einem  Verfahrensmangel  litt,  im  Entschädigungspunkt zu berücksichtigen (vgl. nachfolgend E. 7.2.). 5.  5.1.  Auf  Asylgesuche  wird  in  der  Regel  nicht  eingetreten,  wenn  Asylsuchende  in  einen  Drittstaat  ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zuständig ist (Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG). 5.2. Nach  Art.  6  Abs.  2  Dublin­II­VO  ist  derjenige  Mitgliedstaat  für  die  Durchführung  des  Asylverfahrens  zuständig,  in  welchem  eine  minderjährige Person den ersten Asylantrag eingereicht hat. Aufgrund der  Anwendung  der  Kriterien  in  der  Reihenfolge  ihrer  Anführung  in  der  Verordnung gilt dies auch für den Fall der vorangegangenen legalen oder  illegalen  Einreise  und  für  alle  sonstigen  Zuständigkeitskriterien  (vgl.  CHRISTIAN FILZWIESER/ANDREA SPRUNG, Dublin II­Verordnung, 3., überarb.  Aufl., Wien/Graz  2010,  K7  zu Art. 6  S.  89).  Vorab  ist  deshalb  in  einem  ersten Schritt zu prüfen, ob das BFM zu Recht von der Volljährigkeit des  Beschwerdeführers ausgegangen ist. 5.3.  5.3.1. Die behördliche Untersuchungspflicht wird  im Asylverfahren durch  die  der  asylsuchenden  Person  gestützt  auf  Art.  8  AsylG  auferlegte  Mitwirkungspflicht  eingeschränkt,  wobei  sie  insbesondere  auch  ihre  Identität  offenzulegen  und  in  der  Empfangsstelle  Reisepapiere  und  Identitätsausweise abzugeben hat (vgl. Art. 8 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).  Mit Bezug auf das Beweismass, dem Altersangaben zu genügen haben,  ist von der allgemeinen Regel von Art. 7 AsylG auszugehen, das heisst  die  behauptete  Minderjährigkeit  muss  zumindest  glaubhaft  erscheinen.  Dabei ist im Rahmen einer Gesamtwürdigung eine Abwägung sämtlicher  Anhaltspunkte,  welche  für  oder  gegen  die  Richtigkeit  der  betreffenden  Altersangaben sprechen, vorzunehmen. Es gilt der Grundsatz der  freien  Beweiswürdigung  (vgl.  Art.  40  des  Bundesgesetzes  vom  4.  Dezember  1947 über den Bundeszivilprozess  [BZP, SR 273]  i.V.m. Art. 19 VwVG).  Zur  Altersabklärung  stehen  grundsätzlich  die  in  Art.  12  Bst.  a­e  VwVG  aufgezählten  Beweismittel  zur  Verfügung,  das  heisst  Urkunden, 

E­6103/2011 Auskünfte  der  Parteien,  Auskünfte  oder  Zeugnis  von  Drittpersonen,  Augenschein  und  Gutachten  von  Sachverständigen.  Liegen  keine  schlüssigen  Identitätsdokumente  vor,  fallen  mit  Blick  auf  die  Altersfeststellung  als  Beweismittel  sodann  Abklärungsergebnisse  in  Betracht,  welche  auf  "wissenschaftliche Methoden"  im Sinne  von  Art.  7  Abs. 1 der Asylverordnung über Verfahrensfragen (AsylV 1, SR 142.311)  abstellen.  In der Praxis des BFM handelt es sich dabei  in der Regel um  sogenannte  Knochenaltersanalysen.  Hinsichtlich  der  Frage,  ob  eine  Person  das  achtzehnte  Altersjahr  tatsächlich  bereits  erreicht  hat,  sind  aufgrund  dieser  Analyse  jedoch  keine  wissenschaftlich  zuverlässigen  Aussagen  möglich.  Auch  aufgrund  des  äusseren  Erscheinungsbildes  kann das Alter meist nur grob geschätzt werden. Angesichts des geringen  Beweiswertes der beiden zuletzt genannten Beweismittel kommt bei der  vorfrageweisen  Prüfung  des  Alters  einer  ihre  Minderjährigkeit  behauptenden  asylsuchenden  Person  der  Würdigung  ihrer  eigenen  Angaben,  die  sie  einerseits  zu  ihrem  Alter  selbst,  andererseits  zur  unterbliebenen  Abgabe  von  Identitätspapieren  macht,  in  aller  Regel  entscheidende Bedeutung zu. Der Beweiswert  ihrer Aussagen über das  Alter kann reduziert werden, wenn sie neben nicht schlüssigen Aussagen  zu  den  soeben  genannten  Punkten  ganz  offensichtlich  unzutreffende  Angaben  über  ihren  Reiseweg  macht  oder  wenn  ihr  elementare  Kenntnisse über  ihr angebliches Heimat­ oder Herkunftsland  fehlen (vgl.  zum Ganzen EMARK 2004 Nr. 30 E. 5 und 6 S. 208 ff.). 5.3.2.  Das  BFM  erachtete  den  Beschwerdeführer  im  Rahmen  einer  Würdigung  sämtlicher  Umstände  als  volljährig,  wobei  es  sich  zur  Begründung  in  der  angefochtenen  Verfügung  auf  die  Knochenaltersanalyse  vom  26. Mai  2011,  die  Unglaubhaftigkeit  seiner  Aussagen zu den familiären Verhältnissen und seinem Lebenslauf sowie  darauf,  dass  er  keine  Dokumente  eingereicht  habe,  welche  seine  Aussagen  bezüglich  der  Altersangabe  belegen  würden,  stützte.  Diese  Einschätzung  ist  vom  Bundesverwaltungsgericht  wie  nachfolgend  dargelegt im Ergebnis zu schützen. 5.3.3.  Zwar  ist  der  Beschwerdeführer  insoweit  zu  hören,  als  einer  Knochenaltersanalyse  mit  Bezug  auf  die  Frage  der  Minderjährigkeit  gemäss  Praxis  nur  ein  geringer  Beweiswert  zukommt  und  das  Bundesverwaltungsgericht  von  einer  Standardabweichung  von  zweieinhalb bis drei Jahren ausgeht (vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 6.2. S.  210).  Hingegen  hat  der  Beschwerdeführer  zum  Zeitpunkt  der  Untersuchung angegeben, fünfzehn Jahre und sechs Monate alt zu sein, 

E­6103/2011 womit das behauptete Alter im Vergleich zum festgestellten Knochenalter  ausserhalb dieser Standard­Abweichung liegt und somit feststeht, dass er  über  sein  wahres  Alter  getäuscht  hat  (vgl.  a.a.O.).  Zudem  sind  seine  Ausführungen  anlässlich  der  Nachbefragung  beziehungsweise  der  Gewährung  des  rechtlichen  Gehörs  zur  Knochenaltersanalyse  vom  20.  Juli  2011  unsubstantiiert  ausgefallen.  So  konnte  er  keine  genaue  Angaben  zum  Unfalltod  seines  Vaters  machen,  obwohl  er  selber  bei  diesem Unfall dabei gewesen sein will. Auch das Alter seiner Mutter bei  seiner Geburt  konnte er  nicht  nennen und die Frage nach  seinem Alter  bei  Schulabschluss  konnte  er  nur  sehr  vage  mit  "vermutlich"  vierzehn  Jahren  beantworten.  Weiter  sind  auch  die  Angaben  zum  Reiseweg,  welche  der  Beschwerdeführer  anlässlich  der  Befragung  zur  Person  machte, als unglaubhaft zu beurteilen. Insbesondere fällt auf, dass er zu  Protokoll  gab,  auf  dem Luftweg  von Bangladesch  via Katar  nach  Italien  gelangt  zu  sein,  er  sich  aber  weder  an  den  Tag  noch  den  Monat  der  Ausreise  noch  an  den  Landeort  in  Italien  erinnern  könne  (vgl.  A11/12  S. 6). Schliesslich hat er  in seiner Rechtsmitteleingabe ausgeführt, dass  es  eine  Geburtsurkunde  geben  müsse  (vgl.  Beschwerdeschrift  vom  9. November  2011  S.  3),  hat  es  aber  unterlassen,  eine  solche  einzureichen oder aber zumindest darzulegen, weshalb die Abgabe einer  solchen  nicht  möglich  sei.  Bezüglich  der  eingereichten  Beweismittel,  welche  von  einem  Spital  in  Bangladesch  ausgestellt  wurden  und  Altersangaben enthalten, ist mit der Vorinstanz festzustellen, dass diesen  keine  Beweiskraft  zukommt,  zumal  der  Beschwerdeführer  dieser  Einschätzung  auf  Vernehmlassungsstufe  beigepflichtet  hat  (vgl.  Replik  vom 4. Januar 2011 S. 2). 5.3.4.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  die  vom  Beschwerdeführer  behauptete  Minderjährigkeit  nicht  glaubhaft  gemacht  worden  ist,  weshalb  die  Anwendbarkeit  von  Art.  6  Abs.  2  Dublin­II­VO  vorliegend  ausgeschlossen  und  mithin  die  Zuständigkeit  für  das  Asylverfahren des Beschwerdeführers anhand der Zuständigkeitskriterien  gemäss Art. 7 ff. Dublin­II­VO zu bestimmen ist. 5.4.  Gemäss  eigenen  Aussagen  ist  der  Beschwerdeführer  im  Februar  2011  mit  einem  gefälschten  Pass  illegal  nach  Italien  gelangt,  womit  gemäss  Art.  10  Abs.  1  Dublin­II­VO  die  Zuständigkeit  Italiens  zur  Durchführung des Asylverfahrens begründet wird. Die Anfrage des BFM  an  Italien  zur  Übernahme  des  Beschwerdeführers  wurde  nicht  beantwortet, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass Italien der  Wiederaufnahme  des  Beschwerdeführers  stillschweigend  durch 

E­6103/2011 Verfristung  zugestimmt  hat  (Art.  20  Abs.  1  Bst.  b  und  c  Dublin­II­VO).  Nachfolgend  bleibt  zu  prüfen,  ob  Vollzugshindernisse  vorliegen,  welche  zur Anwendung der Souveranitätsklausel gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­ VO führen würden. 5.5.  5.5.1. Der  Beschwerdeführer macht  gesundheitliche  Beeinträchtigungen  geltend,  welche  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Italien  unzumutbar  erscheinen  lassen  würden,  zumal  zu  bezweifeln  sei,  dass  Italien  die  notwendigen  medizinischen  Versorgungsleistungen  zu  erbringen  vermöge.  Gemäss  ärztlichem  Bericht  vom  20.  Dezember  2011  wurde  beim  Beschwerdeführer  (…)  diagnostiziert  und  am  27.  Oktober  2011  wurde  er  aufgrund  dieser  Diagnose  operiert.  Für  die  Wiedererlangung  einer  guten  Funktion  sei  es  wichtig,  dass  er  eine  regelmässige  Physiotherapie  erhalte. Weiter  wurde  zusammen mit  der  Replik  vom  4.  Januar  2011  eine  Anmeldung  für  ein  Erstgespräch  in  der  Luzerner  Psychiatrie  und  eine  diesbezügliche  Aktennotiz  eines  Sozialpädagogen  vom 20. Dezember 2011 eingereicht, welcher sich entnehmen lässt, dass  sich der Beschwerdeführer aufgrund seiner schwierigen Vergangenheit in  Bangladesch  und  dem  Suizid  eines  Freundes  hier  in  der  Schweiz  in  einem  psychisch  labilen  Zustand  befinde. Wie  die  Vorinstanz  zu  Recht  ausführte,  ist es dem Dublin­System  inhärent, dass grundsätzlich davon  ausgegangen werden darf, dass der betreffende Dublin­Staat die nötigen  medizinischen  Versorgungsleistungen  erbringen  kann,  ist  doch  jeder  Mitgliedstaat an die Aufnahmerichtlinie, welche medizinische Versorgung  garantiert,  gebunden.  Es  darf  somit  davon  ausgegangen  werden,  dass  der  Beschwerdeführer  in  Italien  adäquate  medizinische  und  psychologische  Betreuung  erhält.  Hingegen  ist  die  gesundheitliche  Situation  des  Beschwerdeführers  bei  der  Ausgestaltung  der  Vollzugsmodalitäten  zu berücksichtigen. Es  ist  sicherzustellen,  dass der  Beschwerdeführer  die  erforderliche  medizinische  und  allenfalls  psychologische  Betreuung  für  die  Reise  und  die  Übergabe  an  die  italienischen  Behörden  erhält.  Des  Weiteren  sind  die  italienischen  Behörden  über  seine  gesundheitliche  Situation  umfassend  zu  informieren. Es  obliegt  dem BFM,  den  gesundheitlichen Problemen des  Beschwerdeführers  bei  der  Organisation  der  konkreten  Überstellungsmodalitäten  im  Sinne  dieser  Ausführungen  Rechnung  zu  tragen.  Diesbezüglich  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  mit  Schreiben  des  BFM  vom  25.  Oktober  2011  aufgefordert  wurde,  einen  Bericht  des  behandelnden  Spezialarztes  zu  seiner  gesundheitlichen 

E­6103/2011 Verfassung,  zur  angezeigten  Behandlung  sowie  zur  Transportfähigkeit  einzureichen,  um  die  medizinische  Versorgung  nach  seiner  Ankunft  in  Italien in die Wege zu leiten zu können. 5.5.2.  Nach  dem  Gesagten  ergibt  sich,  dass  das  BFM  demnach  in  Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG zu Recht keine Veranlassung  für  einen  Selbsteintritt  erkannt  hat  und  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers zu Recht nicht eingetreten ist.  6.  6.1.  Das  Nichteintreten  auf  ein  Asylgesuch  hat  in  der  Regel  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  zur  Folge  (Art.  44  Abs.  1  AsylG).  Vorliegend wurde auch keine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung  erteilt und es besteht kein Anspruch auf Erteilung einer solchen, weshalb  die  verfügte  Wegweisung  im  Einklang  mit  den  gesetzlichen  Bestimmungen steht und demnach zu bestätigen ist. 6.2.  Im  Rahmen  des  Dublin­Verfahrens  –  bei  dem  es  sich  um  ein  Überstellungsverfahren  in  den  für  die  Prüfung  des  Asylgesuches  zuständigen  Staat  handelt  –  bleibt  systembedingt  kein  Raum  für  Ersatzmassnahmen im Sinne von Art. 44 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs.  1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen  und  Ausländer  [AuG,  SR  142.20]).  Eine  entsprechende  Beurteilung  allfälliger Wegweisungshindernisse hat soweit notwendig vielmehr bereits  im Rahmen der Prüfung des Selbsteintritts stattzufinden (vgl. E. 2.2.).  In  diesem  Sinn  ist  der  vom  BFM  verfügte  Vollzug  der  Wegweisung  zu  bestätigen. 7.  Dem  Beschwerdeführer  ist  es  demnach  nicht  gelungen  darzutun,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletze,  den  rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig feststelle oder  unangemessen  sei  (Art.  106  AsylG),  weshalb  die  Beschwerde  abzuweisen ist.  8.  8.1.  Mit  Zwischenverfügung  vom  11.  November  2011  wurde  dem  Beschwerdeführer die unentgeltliche Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1  VwVG gewährt, weshalb ihm keine Verfahrenskosten aufzuerlegen sind.

E­6103/2011 8.2.  Wie  obenstehend  aufgezeigt,  litt  die  angefochtene  Verfügung  im  Zeitpunkt ihres Erlasses hinsichtlich der unterlassenen Würdigung der bei  der  Vorinstanz  eingereichten  Dokumente  an  einem  Verfahrensmangel,  welcher  im Rahmen des Vernehmlassungsverfahrens geheilt wurde. Der  Beschwerdeführer  ist somit diesbezüglich nur durch das Ergreifen eines  Rechtsmittels zu einem rechtskonformen Entscheid gelangt, weshalb ihm  trotz Unterliegens eine reduzierte Parteientschädigung für die ihm aus der  Beschwerdeführung erwachsenen notwendigen Kosten zuzusprechen ist.  Auf die Einholung einer Kostennote kann verzichtet werden, da sich der  notwendige  Vertretungsaufwand  aufgrund  der  Aktenlage  zuverlässig  abschätzen  lässt  (Art. 14 Abs.  2  in  fine VGKE). Die  von  der Vorinstanz  auszurichtende  Parteientschädigung  wird  demnach  unter  Berücksichtigung  der  massgeblichen  Bemessungsfaktoren  (Art.  8  ff.  VGKE)  von  Amtes  wegen  auf  insgesamt  Fr. 400.­  (inkl.  Spesen)  festgesetzt.

E­6103/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung von Fr. 400.­ auszurichten. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  die  Überstellung  des  Beschwerdeführers  nach  Italien  im  Sinne  der  Erwägungen  durchzuführen  und  die  italienischen  Behörden  über  seine  gesundheitliche  Situation  vorgehend  zu informieren. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Anna Poschung Versand:

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