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Bundesverwaltungsgericht 12.10.2011 E-5337/2011

12 ottobre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·759 parole·~4 min·1

Riassunto

Vollzug der Wegweisung | Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 23. August 2011 / N

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­5337/2011 Urteil   v om   1 2 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Einzelrichter Bruno Huber, mit Zustimmung von Richter Maurice Brodard;   Gerichtsschreiberin Laura Wayllany. Parteien A._______, geboren (…),  dessen Ehefrau  B._______, geboren (…), und deren Kinder C._______, geboren (…), D._______, geboren (…),  E._______, geboren (…), F._______, geboren (…), angeblich Kosovo, (…) Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz .  Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 23. August 2011 / N (…).

E­5337/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass  die  Beschwerdeführenden  eigenen  Angaben  zufolge  Kosovo  am  12. März  2010  verliessen  und  am  14. März  2010  in  die  Schweiz  gelangten, wo sie am gleichen Tag um Asyl nachsuchten, dass sie anlässlich der Kurzbefragungen vom (…) beziehungsweise vom  (…) und den Anhörungen zu ihren Asylgründen vom (…) im Wesentlichen  geltend machten, eines ihrer Häuser sei (…) während ihres Aufenthaltes  in  G._______,  wohin  sie  wegen  des  Krieges  gegangen  seien,  von  Albanern besetzt worden, dass  sie  nach  ihrer Rückkehr mit Hilfe  der Organisation H._______  die  Albaner  vertrieben,  diese  aber  das  eine  Haus  beziehungsweise  beide  Häuser  zerstört  und  die  Beschwerdeführerin  B._______  (in  der  Folge: Beschwerdeführerin)  und  den  Beschwerdeführer  A._______  geschlagen und gedroht hätten, die ganze Familie umzubringen, dass  die  Beschwerdeführerin  während  der  Anhörung  unter  anderem  zu  Protokoll gab, sie sei von den Albanern (…) worden, und da sie im Koma  gewesen sei, wisse sie nicht, was die Albaner mit ihr gemacht hätten, dass  das  BFM  mit  Verfügung  vom  23.  August  2011  feststellte,  die  Beschwerdeführenden  erfüllten  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  deren  Asylgesuche vom 14. März 2010 ablehnte und die Wegweisung aus der  Schweiz sowie den Vollzug anordnete, dass  die  Beschwerdeführenden  mit  Rechtsmitteleingabe  vom  26.  September 2011 in materieller Hinsicht die Aufhebung der Ziffern 4 und 5  des  Dispositivs  des  angefochtenen  Entscheides,  die  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung  und  die  Anordnung  der  vorläufigen Aufnahme beantragen, dass  sie  in  prozessualer  Hinsicht  um  Erlass  der  Verfahrenskosten,  um  Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um Entrichtung  einer angemessenen Parteientschädigung ersuchen, dass  die  vorinstanzlichen  Akten  am  28.  September  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht  eintrafen  (Art. 109  Abs. 2  des  Asylgesetzes  vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]),

E­5337/2011 und erwägt, dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig  über Beschwerden gegen Verfügungen (Art. 5 des Bundesgesetzes vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  [VwVG,  SR 172.021])  des  BFM  entscheidet,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG  i. V. m.  Art. 31 – 33  des Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom 17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass  die  Beschwerdeführenden  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen  haben,  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  sind,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  haben  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert sind (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  in  Berücksichtigung  der  nachstehenden Erwägung  einzutreten  ist  (Art. 108  AsylG sowie Art. 105 AsylG  i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 und  Art. 52 VwVG),  dass  nämlich  nicht  feststeht,  wann  der  vorinstanzliche  Entscheide  eröffnet worden  ist,  in einem solchen Fall  jedoch die Beweislast bei den  Behörden  liegt  (vgl.   ANDRÉ  MOSER/MICHAEL  BEUSCH/LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht,  Handbücher für die Anwaltspraxis, Band X, Basel 2008, Rz. 3.150, S. 166  f.)  und  demnach  von  der  Rechtzeitigkeit  der  Beschwerdeeinreichung  auszugehen ist, dass  die  sich  in  den  Vorakten  befindende  Rechtskraftmitteilung  der  Vorinstanz  an  das  Migrationsamt  des  Kantons  I._______  vom  27. September 2011 somit fälschlicherweise ergangen ist, dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass  die  Dispositivziffern  1  bis  3  der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  23. August 2011 mangels Anfechtung in Rechtskraft erwachsen sind,

E­5337/2011 dass  somit Gegenstand  des  vorliegenden Beschwerdeverfahrens  einzig  die  Frage  bildet,  ob  das  BFM  den  Vollzug  der  Wegweisung  der  Beschwerdeführenden  aus  der  Schweiz  zu  Recht  als  zumutbar  erklärt  hat, dass  über  offensichtlich  begründete  Beschwerden  in  einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer zweiten Richterin entschieden wird  (Art. 111 Bst. e AsylG), und es  sich  vorliegend,  wie  nachfolgend  aufgezeigt,  um  eine  solche  handelt,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen  ist  (Art. 111a Abs. 2 AsylG), dass gemäss Art. 17 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 6 der Asylverordnung 1 vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR  142.311)  die  asylsuchende  Person  von  einer  Person  gleichen  Geschlechts  befragt  wird,  wenn  konkrete  Hinweise  auf  geschlechtsspezifische  Verfolgung  vorliegen, dass die Verfolgung dann geschlechtsspezifisch ist, wenn sie in der Form  sexueller Gewalt stattfindet oder die sexuelle Identität des Opfers treffen  soll  (Entscheidungen und Mitteilungen der  [vormaligen] Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 2 E. 5a und b S. 16 ff.), dass  Art.  6  AsylV  1  eine  Ausgestaltung  des  rechtlichen Gehörs,  mithin  eine  Schutzvorschrift  ist,  deren  Zweck  es  ist,  dass  asylsuchende  Personen  ihre  Vorbringen  angemessen  vortragen,  das  heisst  konkret  erlittene  Über­griffe  möglichst  frei  und  unbeeinträchtigt  von  Schamgefühlen schildern können, dass  sie  gleichzeitig  dazu  dient,  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsabklärung zu gewährleisten, dass  diese  Schutzvorschrift  nicht  bloss  das  Recht  der  asylsuchenden  Person  beinhaltet,  eine  solche  Befragung  zu  verlangen,  sondern  die  Behörde dazu verpflichtet,  in der oben angegebenen Weise vorzugehen,  so­bald  es  entsprechende  Hinweise  gibt,  weshalb  die  Vorschrift  grundsätzlich von Amtes wegen anzuwenden ist, dass  ein  Verzicht  der  betroffenen  asylsuchenden  Person  auf  die  Befragung  durch  eine  Person  gleichen  Geschlechts  nur  dann  angenommen werden könnte, wenn er ausdrücklich erklärt wird (EMARK  2003 Nr. 2     E. 5b/dd und 5c S. 19 f.),

E­5337/2011 dass mit  der  Aussage  der Beschwerdeführerin  anlässlich  der  Anhörung  vom (…), sie sei von Albanern (…) worden, und da sie im Koma gewesen  sei, wisse sie nicht was diese mit ihr gemacht hätten (Akten BFM A 17/10  S.  2  und  4),  konkrete  Hinweise  auf  eine  geschlechtsspezifische  Verfolgung vorlagen, dass  diese Hinweise  zwingend  (EMARK 2003 Nr.  2 E. 5c S.19) Anlass  dazu  hätten  geben  müssen,  die  Schutzvorschrift  von  Art. 6  AsylV  1  anzuwenden  und  die  Beschwerdeführerin  durch  ein  reines  Frauenteam  zu    ihren Asylgründen anzuhören, dass  die  Vorinstanz  indessen  die  Anhörung  durch  den  männlichen  Befrager  und  den  männlichen  Dolmetscher  fortsetzte,  ohne  die  Beschwerdeführerin auf ihre diesbezüglichen Rechte hinzuweisen,  dass  die  Hilfswerkvertreterin  nach  der  Anhörung  vermerkte  (vgl.  Anhörungsprotokoll  Unterschriftenblatt  der  Hilfswerkvertretung),  die  Beschwerdeführerin  habe  einen  geschlechtsspezifischen  Asylgrund  angedeutet, die Befragung und die Übersetzung seien aber durch einen  Mann vorgenommen und der Sachverhalt nicht  richtig erstellt worden (A  17/10 S. 10), dass  die  Vorinstanz  weder  zur  dieser  Bemerkung  noch  zu  den  diesbezüglichen  Aussagen  der  Beschwerdeführerin  im  Nachgang  zur  Anhörung oder in der Verfügung Stellung nahm,  dass  sich  schliesslich  aus  den  Akten  auch  keine  Anhaltspunkte  dafür  ergeben,  die  Beschwerdeführerin  habe  auf  eine  Anhörung  durch  ein  reines Frauenteam ausdrücklich verzichtet, dass vor diesem Hintergrund nicht davon ausgegangen werden kann, die  Beschwerdeführerin  habe  ihre  Vorbringen  angemessen  vortragen  und  möglicherweise  erlittene  Übergriffe  frei  und  unbeeinträchtigt  von  Schamgefühlen  schildern  können,  weshalb  auch  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsabklärung nicht gewährleistet ist, dass  somit  das  Bundesamt  dadurch,  dass  es  die  Beschwerdeführerin  trotz  klarer  Hinweise  auf  eine  geschlechtsspezifische  Verfolgung  nicht  durch  ein  reines  Frauenteam  zu  ihren  Asylgründen  anhörte,  deren  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör  verletzt,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  unrichtig  respektive  unvollständig  festgestellt  und  damit  Bundesrecht verletzt hat,

E­5337/2011 dass zwar eine Missachtung von Verfahrensvorschriften durch die Vorin­ stanz  aufgrund  der  umfassenden  Kognition  des  Bundesverwaltungsge­ richts in bestimmten Schranken geheilt werden kann, dass  indessen  die  vorliegend  festgestellte  schwere  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  auf  Beschwerdeebene  nicht  zu  heilen  ist,  zumal  es  nicht  Sache  des  Bundesverwaltungsgerichts  sein  kann,  die  vom  BFM  pflichtwidrig  unterlassene  Anhörung  der  Beschwerdeführerin  durch  ein  reines  Frauenteam  nachzuholen,  und  es  dem  Gericht  aufgrund  des  unvollständig  festgestellten  Sachverhalts  nicht  möglich  ist,  die  Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung zu überprüfen, dass gegen eine Heilung  insbesondere auch der Umstand spricht, dass  den Beschwerdeführenden eine Instanz verloren ginge (vgl. dazu EMARK  1998 Nr. 34 E. 10d S. 292), dass angesichts der formellen Natur des Anspruchs auf rechtliches Gehör  von  vornherein  keine  Rolle  spielt,  ob  die  Missachtung  der  Verfahrensvorschrift  von Art.  6  AsylV  1  auch Einfluss  auf  das Ergebnis  hatte, dass die Beschwerde demnach  im Sinne der Erwägungen gutzuheissen  ist, die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der angefochtene Verfügung vom  23. August  2011  aufzuheben  sind  und  das  Bundesamt  anzuweisen  ist,  der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör  im Sinne der Erwägungen  zu  gewähren,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  vollständig  und  richtig  festzustellen und in der Sache neu zu entscheiden, dass bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens keine Verfahrens­ kosten  aufzuerlegen  sind  (Art.  63  Abs.  3  VwVG)  und  die  Gesuche  um  Erlass  der  Verfahrenskosten  und  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses gegenstandslos werden, dass den nicht vertretenen Beschwerdeführenden aus dem vorliegenden  Verfahren keine  ins Gewicht  fallenden Kosten erwachsen sind, weshalb  ihnen keine Parteientschädigung auszurichten ist (Art. 7 Abs. 1 und 4 des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) 

E­5337/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen. 2.  Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der Verfügung vom 23. August 2011  werden aufgehoben. Das BFM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin  das rechtliche Gehör im Sinne der Erwägungen zu gewähren, den rechts­ erheblichen Sachverhalt richtig respektive vollständig festzustellen und in  der Sache neu zu entscheiden. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  das  Migrationsamt des Kantons I._______. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Bruno Huber Laura Wayllany Versand:

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