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Bundesverwaltungsgericht 31.01.2012 E-4678/2009

31 gennaio 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,632 parole·~8 min·1

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom . / N

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­4678/2009 Urteil   v om   3 1 .   J a nua r   2012   Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richter François Badoud, Gerichtsschreiber Rudolf Bindschedler. Parteien A._______, Türkei, vertreten durch lic. iur. Serif Altunakar, Rechtsberatung, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz, Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 18. Juni 2009 / N (…).

E­4678/2009 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  verliess  eigenen  Angaben  zufolge  seinen  Heimatstaat am 20. Mai 2009 von Istanbul aus in einem Lastwagen und  gelangte über ihm angeblich unbekannte Länder am 27. Mai 2009 illegal  in  die  Schweiz.  Gleichentags  stellte  er  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ) Kreuzlingen ein Asylgesuch. Am 2.  Juni 2009  fand dort die summarische Befragung statt, und am 10. Juni 2009 wurde  er vom BFM zu seinen Asylgründen angehört. Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer geltend, er sei kurdischer  Ethnie und sei  in B._______, Provinz Sanliurfa, aufgewachsen. Er habe  sich für kurdische Organisationen und Parteien eingesetzt. Ab 1998 habe  er  an  der  Berufshochschule  in  C._______  (…)  studiert.  Wegen  seiner  Ethnie und politischen Gesinnung sei er von Rechtsextremen unter Druck  gesetzt und gelegentlich angegriffen worden. Das Studium habe er 1999  ohne  Abschluss  aufgegeben  und  sei  nach  B._______  zurückgekehrt.  Wegen  seiner  Beteiligung  an  den  Newroz­Feierlichkeiten  des  Jahres  2000 sei er von den Sicherheitskräften für einen Tag inhaftiert worden. Ab  2001  habe  er  ein  Fernstudium  an  (…)  in  Angriff  genommen.  Dieses  Studium  habe  er  aufgrund  diskriminierender  Massnahmen  nicht  abschliessen können. Seit 2006 respektive 2007 sei er auf der Flucht vor  Verfolgern  gewesen,  welche  ihn  telefonisch  bedroht  hätten.  Seit  2007  habe  er  in  F._______  bei  (…)  gewohnt.  (…)  2008  habe  er  das  dortige  Vereinslokal der DTP (Demokratik Toplum Partisi) besucht und sei später  nach  Verlassen  der  Lokalität  von  seinen  Feinden  verfolgt  worden,  die  auch  auf  ihn  geschossen  hätten.  Am  (…)  2009  habe  er  an  der  (…)­ Protestkundgebung  teilgenommen  und  danach  wieder  seine  Eltern  in  B._______  besucht.  Gegen  Mitternacht  sei  er  dort  von  Armeeangehörigen  festgenommen  und  auf  den  Militärposten  von  D._______ verbracht worden. Am Morgen des (…) 2009 sei er entlassen  worden, nachdem seine Familie Bestechungsgeld bezahlt habe. Er habe  daraufhin die Türkei verlassen, zumal er auch nicht bereit gewesen sei,  seine Militärdienstpflicht zu erfüllen. Der  Beschwerdeführer  gab  zum Beleg  seiner  Identität  seinen Nüfus  zu  den Akten. B.  Mit Verfügung  vom 18.  Juni  2009 – eröffnet  am 19.  Juni  2009 –  lehnte  das Bundesamt das Asylgesuch ab und  führte zur Begründung aus, die 

E­4678/2009 Vorbringen  des  Beschwerdeführers  hielten  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  gemäss  Art.  7  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  sowie  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  nicht  stand.  Gleichzeitig  verfügte  das  BFM  die  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  aus  der  Schweiz und ordnete den Wegweisungsvollzug an. C.  Mit  Beschwerde  vom  20.  Juli  2009  an  das  Bundesverwaltungsgericht  beantragte  der  Beschwerdeführer  in  materieller  Hinsicht  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung,  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  sowie  die  Asylgewährung,  eventualiter  die  Feststellung  der  Unzulässigkeit  oder  der  Unzumutbarkeit  des  Vollzugs  der Wegweisung und die Gewährung der vorläufigen Aufnahme. In  prozessualer  Hinsicht  beantragte  er  den  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines Kostenvorschusses, weil er von der Sozialhilfe unterstützt werde. Als Beweismittel gab der Beschwerdeführer einen Internet­Ausdruck vom  20. Juli 2009 über den Vorfall in E._______ zu den Akten. D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  23.  Juli  2009  bestätigte  das  Bundesverwaltungsgericht den Eingang der Beschwerde und stellte fest,  dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz  abwarten könne. E.  Mit  Eingabe  vom  27.  Juli  2009  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Bestätigung seiner Fürsorgeabhängigkeit nach. F.  Mit  Zwischenverfügung  des  Instruktionsrichters  vom  12.  August  2009  wurde  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  verzichtet  und  die  Beschwerde dem BFM zur Vernehmlassung überwiesen. G.  In  seiner  Vernehmlassung  vom  14.  August  2009  hielt  das  BFM  an  der  angefochtenen  Verfügung  fest  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.

E­4678/2009 H.  Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 20. August 2009  zur Kenntnis gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

E­4678/2009 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1.  In  der  Rechtsmitteleingabe  macht  der  Beschwerdeführer  zusammenfassend  geltend,  seine  Vorbringen  entsprächen  den  Anforderungen sowohl  von Art.  7 AsylG als auch von Art.  3 AsylG  (vgl.  Beschwerde S. 3 ff. und 10). Im Einzelnen bringt er vor, die Ausführungen  des BFM betreffend seine Festnahme vom (…) 2009 seien unzutreffend  (vgl. Beschwerde S. 4 ff.). Der Beschwerdeführer habe genau geschildert,  wie  er  festgenommen  und  auf  den  Posten  von  D._______  gebracht  worden  sei,  was  einer  typischen  Vorgehensweise  der  Özel  Tim  (Sondereinheiten der türkischen Sicherheitskräfte) entspreche, vor allem,  wenn  jemand  im  Zusammenhang  mit  Öcalan  respektive  der  PKK  festgenommen werde. Wäre der Beschwerdeführer durch die Behandlung  nicht ohnmächtig geworden, wäre er sicher noch verhört worden; zudem  habe ihn ja seine Familie schon am nächsten Morgen durch Bestechung  frei bekommen. Er habe sowohl die Festnahme als auch die Zeit auf dem  Posten  genau  geschildert,  sei  dort  allerdings  fast  die  ganze  Nacht  bewusstlos  gewesen  (vgl.  Beschwerde  S.  5  f.).  Mit  Bezug  auf  die  telefonischen  Drohungen  sowie  die  Beschiessung  beim  Verlassen  des  DTP­Vereinslokals  in  F._______  2008  macht  der  Beschwerdeführer  geltend,  seine  Angaben  seien  entgegen  den  Behauptungen  des  BFM  weder  widersprüchlich  noch  unglaubhaft  (vgl.  Beschwerde  S.  6  ff.). 

E­4678/2009 Ferner macht  der  Beschwerdeführer  geltend,  die  Ansicht  des  BFM,  die  vor 2007 erlittenen Benachteiligungen und Verfolgungen lägen zeitlich zu  weit  zurück  und  seien  deshalb  flüchtlingsrechtlich  nicht  relevant,  sei  unzutreffend  (vgl.  Beschwerde  S.  9  f.).  Schliesslich  sei  auch  nicht  der  Militärdienst, sondern die politische Verfolgung der eigentliche Grund für  seine Flucht aus der Türkei gewesen (vgl. Beschwerde S. 10). 4.2. Nach Durchsicht der Akten,  insbesondere der Befragungsprotokolle  des  Beschwerdeführers,  kommt  das  Bundesverwaltungsgericht  zum  Schluss,  dass  die  angefochtene  Verfügung  und  ihre  Begründung  einer  Prüfung  standhalten.  Die  den  Akten  zu  entnehmenden  klaren  Unglaubhaftigkeitsindizien hat das BFM grundsätzlich korrekt erkannt und  in seinen Erwägungen zutreffend gewürdigt (vgl. angefochtene Verfügung  S. 3). Zu Recht hat das BFM auch die zeitlich vor 2007 anzusiedelnden  Vorkommnisse als asylrechtlich unerheblich qualifiziert. Die Einwände  in  der Beschwerde führen insgesamt nicht zu anderen Schlussfolgerungen. 4.2.1. Das  Bundesverwaltungsgericht  teilt  insbesondere  die  Auffassung  der Vorinstanz, dass die vorgebrachte Festnahme und das Festhalten auf  dem  Posten  von  D._______  insgesamt  einen  deutlichen  Mangel  an  so  genannten  Realkennzeichen  aufweist.  Die  protokollierten  Vorbringen  hinterlassen  einen  unsubstanziierten,  teilweise  lebensfremden  und  insgesamt  konstruierten  Eindruck.  Diesen  vermögen  weder  die  Einwendungen des Beschwerdeführers  (vgl. Beschwerde S. 5) noch der  Internet­Ausdruck vom 20. Juli 2009 über einen Vorfall  in E._______,  in  dem  der  Beschwerdeführer  nicht  erwähnt  wird,  etwas  zu  ändern.  Abschliessend  bleibt  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  von  den  türkischen Behörden mit Sicherheit  nicht  bereits nach kurzer Zeit  – und  vor  einer  Befragung  –  aufgrund  von  Bestechung  freigelassen  worden  wäre,  wenn  er  tatsächlich  während  der  Protestkundgebung  von  E._______ speziell aufgefallen und somit von besonderem behördlichen  Interesse gewesen wäre.  4.2.2.  Was  die  angeblich  andauernden  telefonischen  Drohungen  anbelangt  (vgl.  Beschwerde  S.  6  ff.),  ist  festzuhalten,  dass  dieses  zentrale  Sachverhaltselement  bei  der  Erstbefragung  im  EVZ  gemäss  Protokoll mit  keinem Wort  erwähnt  (vgl.  EVZ­Protokoll  S.  6  f.),  sondern  erst  bei  der  einlässlichen  BFM­Anhörung  erstmals  vorgebracht  wurde  (vgl.  BFM­Protokoll  S. 8 f.).  Angesichts  des  summarischen  Charakters  der  Befragung  in  der  Empfangsstelle  (heute  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum)  kommt  den  Aussagen  zu  den  Ausreisegründen  für 

E­4678/2009 die  Beurteilung  von  deren  Glaubhaftigkeit  zwar  nur  beschränkter  Beweiswert  zu,  indessen  sind  bestimmte  Ereignisse,  welche  später  als  zentrale  Asylgründe  genannt  werden,  bereits  in  der  Empfangsstelle  zumindest  ansatzweise  zu  erwähnen  (vgl.  dazu  ausführlich  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  1993 Nr. 3  E. 3  S. 13  f.).  Der  Einwand  des Beschwerdeführers, man habe  ihm  in der EVZ angeblich gesagt, er  solle  kein  Details  erzählen  (vgl.  BFM­Protokoll  S.  8),  ist  schon  deshalb  unbehelflich,  weil  er  gegen  Ende  der  EVZ­Befragung  explizit  nach  anderen Gründen  für  das Verlassen  des  Landes  gefragt wurde, was  er  ausdrücklich  verneinte  (vgl.  EVZ­Protokoll  S.  7).  Zu  Recht  hat  deshalb  das BFM auch diese Drohanrufe als unglaubhaft bezeichnet.  4.2.3.  Angesichts  der  insgesamt  wenig  substanziierten  Angaben  des  Beschwerdeführers,  beispielsweise  auch  zu  seinen  angeblichen  Verfolgern  (vgl.  BFM­Protokoll  S.  5  f.),  erscheint  auch  das  angebliche  Vorkommnis  von  2008  –  die  beim  Verlassen  des  DTP­Vereinslokals  in  F._______ auf  ihn abgegebenen Schüsse – als unglaubhaft;  dies umso  mehr als eine solche Verfolgungshandlung im konkreten Länderkontext in  keinem  nachvollziehbaren  Verhältnis  zum  geringen  politischen  Engagement  des  Beschwerdeführers  gestanden  wäre  und  dessen  geringer  Exponierungsgrad  kaum  das  behauptete  Verfolgungsinteresse  ausgelöst hätte. 4.2.4.  Soweit  der  Beschwerdeführer  für  die  Zeit  ab  Ende  der  1990er­ Jahre Verfolgungshandlungen geltend macht, besteht – wie das BFM zu  Recht  festgestellt hat  (vgl. angefochtene Verfügung S.4) – offensichtlich  kein zeitlicher und sachlicher Zusammenhang zu der erst Ende Mai 2009  erfolgten  Ausreise  aus  dem Heimatstaat.  Die  Frage  der Glaubhaftigkeit  dieser Vorbringen kann deshalb offen bleiben. 4.3.  Schliesslich  ist  davon  Kenntnis  zu  nehmen,  dass  der  Beschwerdeführer  ausdrücklich  geltend  macht,  sein  Unwille,  in  der  Türkischen Armee Dienst zu leisten, sei nicht der Grund für die Ausreise  gewesen (vgl. Beschwerde S. 10). 4.4. Soweit  der  Beschwerdeführer  bei  seiner  Summarbefragung  eine  in  der  Schweiz  als  Flüchtling  anerkannte  Schwester  erwähnt  hat,  ist  nach  Beizug  und  Durchsicht  der  betreffenden  Asylakten  (N  (…))  Folgendes  festzustellen:  Die  Angehörige  hatte  in  der  Schweiz  am  30.  September  2004 um Asyl nachgesucht. Mit  (unangefochten gebliebener) Verfügung 

E­4678/2009 vom  15.  Dezember  2004  wurde  vom  damaligen  Bundesamt  für  Flüchtlinge  (BFF,  heute:  BFM)  festgestellt,  dass  sie  die  originäre  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art. 3  AsylG  nicht  aufweist;  sie  wurde  jedoch  in  Anwendung  von  Art.  51  Abs.  1  AsylG  in  die  Flüchtlingseigenschaft  ihres  Ehemanns  eingeschlossen.  Zu  Beginn  des  Jahres  2010  verzichtete  die  Schwester  auf  ihre  Flüchtlingseigenschaft,  worauf das Erlöschen des Asyls festgestellt wurde.  Aufgrund  der  Akten  kann  ausgeschlossen  werden,  dass  der  Beschwerdeführer  in  der  Türkei  mit  Bezug  auf  seine  Schwester  (oder  deren  Ehemann)  einer  so  genannten  Anschlussverfolgung  ausgesetzt  wäre. 4.5.  Nach  diesen  Erwägungen  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Ausführungen in den Eingaben des Beschwerdeführers einzugehen, weil  sie am Ergebnis nichts zu ändern vermögen. Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  Gründe  nach  Art.  3  AsylG  nachweisen  oder  glaubhaft  machen  konnte.  Die Vorinstanz hat das Asylgesuch demnach zu Recht abgelehnt. 5.  5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9). 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner 

E­4678/2009 Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 6.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 6.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  den  Heimatstaat  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder 

E­4678/2009 Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft machen,  dass  ihm  im Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  im  Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 6.4.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 6.5. Eine Situation, welche  den Beschwerdeführer  als  "Gewalt­oder  de­ facto­Flüchtling" qualifizieren würde, ist aufgrund der heutigen Situation in  der  Türkei  nicht  gegeben.  Nach  dem  oben  Gesagten  ist  nicht  davon  auszugehen,  dass  er  nach  der  Rückkehr  in  seinen  Heimatstaat  einer  Gefährdung ausgesetzt wäre. Es  steht  dem  relativ  jungen und –  soweit  den Akten zu entnehmen ist – gesunden Beschwerdeführer offen und ist  ihm  zuzumuten,  sich  wieder  in  der  Türkei  niederzulassen,  wo  er  auch  über  ein  familiäres  Beziehungsnetz  (Eltern,  Geschwister)  verfügt.  Angesichts  seiner  schulischen  Ausbildung  (Gymnasium  mit  Abitur­ Abschluss, Studien  in Fachrichtung  (…)  [ohne Abschluss]), Erfahrung  in  der elterlichen Landwirtschaft und Auslanderfahrung wird es ihm möglich  sein,  sich  in  der  Türkei  wieder  eine  Existenz  aufzubauen.  In  der  Beschwerde  werden  im  Übrigen  keine  besonderen  Gründe  glaubhaft  gemacht, welche sich ernsthaft gegen die Zumutbarkeit der Rückkehr  in  den Heimatstaat richten würden. Damit erweist sich der Vollzug der Wegweisung als zumutbar.

E­4678/2009 6.6.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und  dazu  auch  BVGE 2008/34  E. 12  S. 513­515),  weshalb  der  Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2  AuG). 6.7. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich  bezeichnet.  Damit  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1­4  AuG). 7.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist abzuweisen. 8.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 600.–  festzusetzen  (Art.  1­3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite)

E­4678/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.–  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3.  Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die kantonale  Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Markus König Rudolf Bindschedler Versand:

E-4678/2009 — Bundesverwaltungsgericht 31.01.2012 E-4678/2009 — Swissrulings