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Bundesverwaltungsgericht 15.08.2011 E-2554/2011

15 agosto 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,692 parole·~8 min·1

Riassunto

Nichteintreten auf Asylgesuch (Identitätstäuschung) und Wegweisung | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 21. April 2011

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­2554/2011 Urteil   v om   1 5 .   Augus t   2011   Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richterin Regula Schenker Senn, Gerichtsschreiberin Karin Maeder­Steiner. Parteien A._______,  Afghanistan, geboren (…),  vertreten durch Johanna Fuchs, Elisa – Asile, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 21. April 2011 / N (…).

E­2554/2011 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer verliess Afghanistan eigenen Angaben zufolge am  11.  August  2010  und  reiste  über  den  Iran  und  die  Türkei  nach  Griechenland, wo er sich ungefähr drei Monate lang aufhielt. Von dort aus  gelangte er auf dem Luftweg am 17. März 2011  in die Schweiz. Am 18.  März 2011 suchte er  im Empfangs­ und Verfahrenszentrum Vallorbe um  Asyl  nach. Nach  einem Transfer  ins  damalige  Transitzentrum Altstätten  wurde er  dort  am 28. März 2011  summarisch befragt. Am 7. April  2011  führte das BFM die Anhörung zu seinen Asylgründen durch. B.  Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer, ein  ethnischer  Hazara  aus  B._______  in  der  Provinz  Kunduz  im  Wesentlichen  vor,  er  sei  minderjährig,  habe  in  Afghanistan  die  Schule  besucht, aber kurz vor seinem Abitur abgebrochen. Daneben habe er als  (…)  gearbeitet.  Wie  viele  seiner  Schulkollegen  habe  er  sich  bei  der  Armee  zum  Dienst  gemeldet,  sei  aber  aufgrund  seines  Alters  nicht  aufgenommen  worden.  Weil  es  ihnen  wirtschaftlich  schlecht  gegangen  sei,  habe  er  nach  einem anderen Weg  gesucht,  um Geld  zu  verdienen  und  habe  sich  bei  den  Taliban  gemeldet.  Sein  Vater  habe  davon  erfahren, sei damit nicht einverstanden gewesen und habe ihn zu Hause  festgehalten. Dann hätten sie beschlossen, dass er ins Ausland zu seiner  Schwester reisen würde.  C.  Als  Beweismittel  reichte  der  Beschwerdeführer  einen  afghanischen  Identitätsausweis  ("Taskera")  und  eine  durch  einen  Imam  verfasste  Leumundsbestätigung ein. D.  Am  29.  März  2011  wurde  der  Beschwerdeführer  einer  radiologischen  Knochenaltersanalyse  unterzogen.  Diese  ergab  ein  wahrscheinliches  chronologisches  Alter  von  19  Jahren  und  mehr.  Hierzu  wurde  dem  Beschwerdeführer am 7. April 2011 das rechtliche Gehör gewährt. Dabei  hielt er daran fest, am 1. August 1995 geboren worden zu sein. E.  Mit Verfügung vom 21. April 2011 – eröffnet am 27. April 2011 – trat das  BFM  gestützt  auf  Art.  32  Abs.  2  Bst.  b  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR142.31)  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers 

E­2554/2011 nicht  ein,  ordnete  die Wegweisung  aus  der Schweiz  und  deren Vollzug  an.  F.  Mit  Eingabe  vom  4.  Mai  2011  liess  der  Beschwerdeführer  durch  seine  Rechtsvertreterin  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht  erheben  und  beantragte  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  vom  21.  April  2011, das Eintreten auf das Asylgesuch und die Anerkennung der  Flüchtlingseigenschaft.  Eventualiter  sei  die  Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  In  prozessrechtlicher  Hinsicht  beantragte  der  Beschwerdeführer  den  Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und die Gewährung  der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  [VwVG,  SR  172.021]). G.  Mit Verfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 9. Mai 2011 hielt der  zuständige  Instruktionsrichter  fest,  der  Beschwerdeführer  könne  den  Ausgang  des  Asylverfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  und  verwies  für  den  Entscheid  über  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege auf einen späteren Zeitpunkt. H.  Mit Verfügung des BFM vom 9. Mai  2011 wurde  der Beschwerdeführer  dem Kanton Zürich zugewiesen. Eine gegen diesen Entscheid erhobene  Beschwerde  ist  beim  Bundesverwaltungsgericht  hängig.  Sie  wird  aufgrund des sachlichen Zusammenhangs ebenfalls mit heutigem Datum  und vom gleichen Spruchgremium entschieden. I.  In  seiner  Vernehmlassung  vom  3.  Juni  2011  äusserte  sich  das  BFM  ausführlich  zu  den  Vorbringen  in  der  Beschwerde,  hielt  indessen  an  seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.  Auf die Ausführungen wird, soweit entscheidrelevant, in den Erwägungen  Bezug genommen. J.  Mit  Eingabe  vom  29.  Juni  2011  reichte  der  Beschwerdeführer  seine  Stellungnahme  zur  vorinstanzlichen Vernehmlassung  zu den Akten. Auf 

E­2554/2011 die  Ausführungen  wird,  soweit  entscheidrelevant,  in  den  Erwägungen  eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG).  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist – unter Vorbehalt der nachfolgenden Erwägung 3  – einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen 

E­2554/2011 (Art. 32­35a AsylG),  ist die Beurteilungskompetenz grundsätzlich auf die  Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht  eingetreten  ist  (vgl.  die  diesbezüglich  weiterhin  zutreffende  Rechtsprechung  der  ARK  in  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2004  Nr.  34  E.  2.1  publiziert  und,  stellvertretend  für  andere,  das  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  31. Dezember  2008  [E­7878/2008]),  während das Bundesverwaltungsgericht die Frage der Wegweisung und  des Vollzugs mit voller Kognition prüft.  Unter  diesen  Umständen  kann  nicht  auf  den  Antrag  des  Beschwerdeführers eingetreten werden, seine Flüchtlingseigenschaft sei  im Rahmen des vorliegenden Verfahrens anzuerkennen. 4.  Der Beschwerdeführer hat zu Protokoll gegeben, er sei minderjährig. Es  stellt  sich  deshalb  zunächst  die  Frage,  ob  die Vorinstanz  zu Recht  von  der  Unglaubhaftigkeit  der  geltend  gemachten  Minderjährigkeit  ausgegangen ist.  4.1.  Gemäss  Rechtsprechung  trägt  eine  asylsuchende  Person  die  objektive Beweislast  für  die  behauptete Minderjährigkeit  und  die Folgen  der Beweislosigkeit;  diese Beweislastregel wirkt  sich  zuungunsten  einer  asylsuchenden  Person  aus,  wenn  die  Behauptung  der  Minderjährigkeit  tatsächlich unbewiesen bleibt, das heisst, wenn weder der asylsuchenden  Person der Nachweis gelingt, dass sie weniger als 18 Jahre alt  ist, noch  der  Behörde,  dass  sie  18­jährig  oder  älter  ist  (vgl.  zum  Ganzen  etwa  EMARK 2004 Nr. 30).  4.2.  Radiografische  Untersuchung  des  Handknochens  haben  zur  Bestimmung  des  tatsächlichen  Alters  einer  Person  nur  beschränkten  Aussagewert,  da  das  Knochenwachstum  –  in  einem  nach  Rasse  und  Geschlecht  unterschiedlichen  Mass  –  individuell  variieren  kann  (vgl.  EMARK  2001  Nr.  23  und  EMARK  2000  Nr.  19).  Nachdem  eine  Abweichung von zweieinhalb bis drei Jahren zwischen dem Knochenalter  und  dem  tatsächlichen  Alter  noch  als  innerhalb  des  Normalbereichs  betrachtet  werden  kann,  vermag  eine  solche  Knochenaltersanalyse  gemäss  konstanter  Praxis  den  Beweis  für  eine  unrichtige  Altersangabe  nur  zu  erbringen,  wenn  das  vom  Asylsuchenden  behauptete  Alter  im  Vergleich  zum  festgestellten  Knochenalter  ausserhalb  dieser  Standard­ Abweichung liegt. 

E­2554/2011 Wie nachfolgend dargelegt wird,  ist der Unterschied zwischen dem vom  Beschwerdeführer  angegebenen  Alter  und  dem  radiologisch  festgestellten  Knochenalter  derart  gross,  dass  das  Ergebnis  der  Knochenaltersanalyse  somit  zwar  mit  hinreichender  Sicherheit  die  Unrichtigkeit  der  Altersangabe  des  Beschwerdeführers  belegt;  aufgrund  der  erwähnten  Standard­Abweichung  vermag  es  zwar  allein  die  behauptete  Minderjährigkeit  nicht  mit  Sicherheit  zu  widerlegen  (vgl.  EMARK 2004 Nr. 30 E. 6.2). Angesichts der widersprüchlichen Aussagen  zum  Alter,  der  erwiesenen  Täuschung  über  das  Alter,  des  auffällig  ausweichenden  Aussageverhaltens  des  Beschwerdeführers  und  seiner  unglaubhaften  Schilderung  der  Reiseumstände,  insbesondere  der  Einreise in die Schweiz, schliesst sich das Gericht jedoch der Auffassung  der Vorinstanz an.  4.3. Die Minderjährigkeit des Beschwerdeführers ist somit nicht glaubhaft  gemacht  worden.  Es  bleibt  zu  prüfen,  ob  das  BFM  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist. 5.  Die Vorinstanz macht  in der angefochtenen Verfügung  im Wesentlichen  geltend, gemäss Art. 32 Abs. 2 Bst. b AsylG werde auf Asylgesuche nicht  eingetreten,  wenn  Asylsuchende  die  Behörden  über  ihre  Identität  täuschen  würden  und  diese  Täuschung  aufgrund  der  Ergebnisse  der  erkennungsdienstlichen Behandlung oder anderer Beweismittel feststehe.  Der  Beschwerdeführer  habe  sich  im  Laufe  des  Asylverfahrens  widersprüchlich  über  sein  Alter  beziehungsweise  sein  Geburtsdatum  geäussert.  Anlässlich  des  ihm  am  7.  April  2011  gewährten  rechtlichen  Gehörs habe er erklärt, am (…) geboren und (…) Jahre alt zu sein. Die  Schweizerische Asylrekurskommission habe in ihrem Grundsatzentscheid  EMARK 2000 Nr. 19  festgehalten, dass eine Abweichung bis drei Jahre  zwischen  dem  Knochenalter  und  dem  tatsächlichen  Alter  noch  als  innerhalb des Normalbereichs betrachtet werden könne. Diese Praxis sei  vom  Bundesverwaltungsgericht  übernommen  worden.  Nachdem  der  Beschwerdeführer  angegeben  habe,  (…)  Jahre  alt  zu  sein,  die  Handknochenanalyse jedoch ein Alter von 19 Jahren oder mehr ergeben  habe, betrage die Abweichung klar mehr als drei Jahre. Damit werde die  Identitätstäuschung durch die Knochenaltersanalyse nachwiesen und das  BFM betrachte den Beschwerdeführer als volljährig.

E­2554/2011 Was  die  vom  Beschwerdeführer  eingereichte  afghanische  "Taskera"  betreffe, sei  festzuhalten, dass diese  Identitätspapiere  leicht zu  fälschen  und  vielerorts  unrechtmässig  zu  erwerben  seien.  Der  Aussage­  und  Beweiswert von "Taskeras" sei somit a priori als gering einzustufen. Das  eingereichte  Dokument  weise  Fälschungsmerkmale  auf  und  auch  der  Zeitpunkt  der  Ausstellung  durch  den  Vater  (nach  Ausreise  des  Beschwerdeführers)  lasse  Zweifel  an  der  Echtheit  des  Dokuments  aufkommen, die durch die massiven Widersprüche und Ungereimtheiten  in den Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Alter noch verstärkt  würden. Somit werde das eingereichte Dokument vom BFM als gefälscht  betrachtet und eingezogen. Aufgrund dieser Ausführungen stehe fest, dass der Beschwerdeführer die  Behörden über seine Identität getäuscht habe. Ausserdem erachtete das  BFM  den  Vollzug  der  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  nach  Afghanistan als zulässig, zumutbar und möglich.    6.  Demgegenüber  hält  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Beschwerde  fest,   dass weder er selber noch seine Schwester sein genaues Geburtsdatum  kennen würden. Seine Angaben seien approximativ und würden sich des  Weiteren  auf Aussagen  von Drittpersonen und die  niedergeschriebenen  Angaben  auf  der  Rückseite  eines  Korans  und  seiner  gescannten  afghanischen  "Taskera"  stützen.  In  der  afghanischen  Kultur  spiele  das  Geburtsdatum  keine  wichtige  Rolle.  Seine  Mutter  habe  alle  Kinder  zu  Hause zur Welt gebracht; somit gebe es auch keine Geburtsurkunde, die  es  erlauben  würde,  sein  genaues  Geburtsdatum  zu  beweisen.  Die  Ungereimtheiten  seien  bei  der  Umrechnung  des  persischen  Datums  durch seine Schwester oder den Dolmetscher entstanden. Er habe nicht  falsche  Angaben  zu  seinem  Alter  machen  wollen,  kenne  sein  genaues  Geburtsdatum nicht, wisse aber,  dass  er  ungefähr  (…)­jährig  und  somit  minderjährig  sei.  Die  Abweichung  zwischen  seinen  Angaben  und  dem  Alter,  das  sich  aus  der  radiologischen  Knochenaltersanalyse  ergeben  habe, betrage drei Jahre und bewege sich noch innerhalb des in EMARK  2000 Nr. 19 genannten Normalbereichs. Das BFM zweifle ausserdem an der Echtheit des vom Beschwerdeführer  eingereichten Beweismittels,  namentlich  der  "Taskera". Die Begründung  des BFM, wonach es sich um ein gefälschtes Dokument handle, sei nicht  überzeugend.  Die  "Taskera"  sei  in  Afghanistan  das  am  häufigsten  verwendete  Identitätsdokument  und  belege  auch,  dass  der 

E­2554/2011 Beschwerdeführer (…)­jährig sei. Die Echtheit des Dokuments könne bei  der afghanischen Botschaft überprüft werden. 7.  In  seiner  Vernehmlassung  führt  das  BFM  im  Wesentlichen  aus,  der  Beschwerdeführer  habe  –  entgegen  den  Ausführungen  in  der  Beschwerdeschrift – zu keiner Zeit zu Protokoll gegeben, dass  ihm sein  genaues  Geburtsdatum  nicht  bekannt  oder  er  sich  dessen  nicht  sicher  sei.  Vielmehr  sei  es  diesbezüglich  zu  mehreren  evidenten  Wiedersprüchen  und  inkonsistenten  Aussagen  gekommen.  Was  die  Ausführungen  zur  "Taskera"  betreffe,  sei  anzufügen,  dass  der  Beschwerdeführer bis heute keinen Ausdruck seiner auf dem Mobiltelefon  gescannten  alten  "Taskera"  mit  seinem  angeblich  eingetragenen  Geburtsdatum  zu  den  Akten  gegeben  habe.  Das  nachgereichte  Schreiben eines  Imams aus Kunduz sei nicht als brauchbarer Nachweis  der  Identität  zu  werten,  zumal  es  keine  Altersangaben  des  Beschwerdeführers aufweise. Vielmehr könnte es sich dabei auch um ein  Gefälligkeitsschreiben einer Drittperson handeln.  8.  In der Replik werden bezüglich des Geburtsdatums im Wesentlichen die  bereits in der Beschwerde aufgeführten Argumente wiederholt. Bezüglich  der eingereichten "Taskera" wird darum gebeten, "de restituer  la tazkera  en  original",  damit  er  diese  bei  der  afghanischen  Botschaft  auf  ihre  Echtheit überprüfen lassen könne.  9.  9.1.  Gemäss  Art.  32  Abs.  2  Bst.  b  AsylG  wird  auf  Asylgesuche  nicht  eingetreten,  wenn  Asylsuchende  die  Behörden  über  ihre  Identität  täuschen  und  diese  Täuschung  aufgrund  der  Ergebnisse  der  erkennungsdienstlichen Behandlung oder anderer Beweismittel  feststeht  (Art. 32 Abs. 2 Bst. b AsylG). Der Begriff der  Identität  im asylrechtlichen  Sinn umfasst unter anderem das Alter (Art. 1 Bst. a der Asylverordnung 1  vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen [AsylV 1, SR 142.311]). 9.2. Vorliegend  steht  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  widersprüchliche  und  unglaubhafte Angaben  zu  seinem Geburtsdatum macht. So  nannte  er  einmal  als Geburtsdatum den  (…),  ein  andermal  den  (…). Auf  diese  Unstimmigkeit  in  seinen  Aussagen  angesprochen,  erklärte  der  Beschwerdeführer,  seine  Schwester  habe  das  Geburtsdatum  falsch  umgerechnet.  Im  weiteren  Verlauf  des  Verfahrens  hielt  der 

E­2554/2011 Beschwerdeführer  daran  fest,  sein  genaues Geburtsdatum  gar  nicht  zu  kennen, aber zu wissen, dass er ungefähr (…) Jahre alt sei.  Die  bei  den  Akten  befindliche  radiologische  Knochenaltersanalyse  vom  29.  März  2011  hat  ein  wahrscheinliches  chronologisches  Alter  von  19 Jahren  oder  mehr  ergeben.  Vorliegend  besteht,  –  wie  vom  BFM  zu  Recht festgestellt – ein Unterschied von drei Jahren oder mehr zwischen  dem  Knochenalter  und  dem  angegebenen  Alter  und  somit  eine  Abweichung  ausserhalb  des  Normalbereichs.  Diese  bildet  somit  eine  genügende Grundlage für einen Nichteintretensentscheid gestützt auf Art.  32  Abs. 2  Bst.  b  AsylG.  Auch  die  in  EMARK  2004  Nr.  31  definierten  formellen Anforderungen an die ärztliche schriftliche Auskunft betreffend  die  Knochenaltersbestimmung  können  vorliegend  als  erfüllt  betrachtet  werden.  Dem  Beschwerdeführer  wurde  diesbezüglich  am  7.  April  2011  das  rechtliche  Gehör  gewährt  (vgl.  Art.  36  Abs.  2  AsylG).  Die  Ausführungen  des  Beschwerdeführers  anlässlich  der  Gewährung  des  rechtlichen Gehörs sowie die Ausführungen zum Geburtsdatum in seiner  Beschwerdeschrift  wie  auch  in  der  Stellungnahme  zur  vorinstanzlichen  Vernehmlassung  sind  nicht  geeignet,  die  Ungereimtheiten  im  Zusammenhang mit seinen Altersangaben plausibel zu klären.  Aufgrund  der  Akten  erweisen  sich  weitere  Abklärungen  zur  Frage  der  Echtheit  der  eingereichten  "Taskera"  als  unnötig.  Dem  Antrag  des  Beschwerdeführers  in  der  Stellungnahme  vom  29.  Juni  2011  auf  Herausgabe des Originaldokuments steht entgegen, dass das BFM diese  Urkunde  zwecks  Vermeidung  weiteren  Missbrauchs  (zu  Recht)  eingezogen hat (vgl. angefochtene Verfügung S. 4).  9.3. Zusammenfassend kann aufgrund des oben Gesagten  festgehalten  werden,  dass  das BFM zu Recht  und mit  der  zutreffenden Begründung  auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers gemäss Art. 32 Abs. 2 Bst. b  AsylG nicht eingetreten ist. 10.  10.1. Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder  tritt es darauf nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 10.2. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer 

E­2554/2011 solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E. 9). 11.  11.1. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 11.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG). 11.2.1. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 11.2.2.  Aus  den  Akten  und  den  Ausführungen  in  der  Beschwerde  ergeben sich keine Anhaltspunkte, aufgrund derer allenfalls zu schliessen 

E­2554/2011 wäre,  das  BFM  habe  den  Vollzug  der  Wegweisung  in  Verletzung  der  landes­  und  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  der  Schweiz  als  zulässig  bezeichnet.  11.2.3. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich damit als zulässig. 11.3. Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  aufgrund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 11.3.1. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in seinem zur Publikation  vorgesehenen  Grundsatzurteil  E­7625/2008  vom  16.  Juni  2011  ausführlich mit der aktuellen Lage in Afghanistan auseinandergesetzt und  hält fest, dass die Geschehnisse bis heute dauernd im Fluss sind, und die  Lage  unbeständig  und  unberechenbar  ist.  Insgesamt  ergibt  sich  ein  düsteres Bild der aktuellen Sicherheitslage in Afghanistan, und zwar über  alle Regionen hinweg. Die Experten sind sich einig, dass  in Afghanistan  Krieg  herrscht.  Das Gericht  kommt  zum Schluss,  dass  in weiten  Teilen  von  Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in  den  Grossstädten  –  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  herrscht  und  schwierige  humanitäre  Bedingungen bestehen, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinn  von Art.  83 Abs.  4 AuG  zu  qualifizieren  ist  (vgl.  E­7625/2008 E.  9.9.1).  Demgegenüber  gehört  der  Bereich  der  Hauptstadt  Kabul  trotz  vereinzelter  spektakulärer  Anschläge  weiterhin  zu  den  relativ  stabilen  Landesteilen. Somit  ist  die Situation  in  der Hauptstadt  etwas  anders  zu  beurteilen. Dort hat sich die Sicherheitslage im Verlauf des vergangenen  Jahres  nicht  weiter  verschlechtert  und  die  humanitäre  Situation  ist  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger  dramatisch.  Der  Vollzug der Wegweisung nach Kabul kann demnach unter Umständen als  zumutbar qualifiziert werden  (vgl. E­7625/2008 E. 9.9.2). Dabei müssen  die  bereits  in  EMARK  2003  Nr.  10  formulierten  Bedingungen  (insbesondere  das Vorhandensein  eines  tragfähigen Beziehungsnetzes)  in jedem Einzelfall geprüft und erfüllt sein.  11.3.2.  Der  Beschwerdeführer  will  aus  Kunduz  stammen,  wo  er  zusammen  mit  seiner  Familie  gelebt  habe.  Aus  den  Schweizer  Visumsunterlagen seiner angeblichen Schwester aus dem Jahr 2008 geht  allerdings  Kabul  als  aktueller  Wohnort  hervor.  Somit  sind  die  Angaben 

E­2554/2011 des Beschwerdeführers zu seinem Wohnort vor der Ausreise zumindest  anzuzweifeln.  11.3.3.  Ein Wegweisungsvollzug  nach  Kunduz  würde  sich  heute  –  wie  oben  ausgeführt  –  als  unzumutbar  erweisen.  Somit  ist  vorliegend  zu  prüfen,  ob  der  Beschwerdeführer  über  eine  Aufenthaltsalternative  in  Kabul verfügt.  11.3.4. Beim Beschwerdeführer handelt es sich gemäss Akten um einen  alleinstehenden,  jungen  und  gesunden  Mann,  der  über  eine,  für  afghanische  Verhältnisse,  überdurchschnittliche  Schulbildung  und  Fremdsprachenkenntnisse  verfügt. Er hat  zwar  keinen Beruf  erlernt,  hat  aber erste Berufserfahrung  in einer  (…) und als  (…) gesammelt  und  ist  arbeitsfähig. Es ist nicht auszuschliessen, dass der Beschwerdeführer vor  seiner Ausreise bereits eine Zeit lang in Kabul gelebt hat; dies kann aber  vorliegend offen bleiben, hat er doch  in Kabul eigenen Angaben zufolge  (…) Tanten und Onkel. Gemäss Akten  ist  davon auszugehen, dass der  Beschwerdeführer  in Kabul über ein tragfähiges Beziehungsnetz verfügt,  das  ihn zudem offenbar bereits vor seiner Ausreise  finanziell unterstützt  hat.  Somit  darf  vorliegend  auch  davon  ausgegangen  werden,  dass  die  Verwandten  ihn  auch  zukünftig  unterstützten  werden  – insbesondere  durch  Vermittlung  einer Wohngelegenheit  und  einer  Arbeitsstelle  –  und  ihm  bei  der  Bewältigung  der  auch  in  Kabul  schwierigen  Lebensverhältnisse helfen können. 11.3.5. Nach  dem  Gesagten  erweist  sich  der  Vollzug  der Wegweisung  nach Kabul auch als zumutbar. An dieser Einschätzung vermögen auch  die  Vorbringen  in  der  Beschwerde  und  der  Stellungnahme  zur  vorinstanzlichen Vernehmlassung nichts zu ändern. 11.4.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 ff.), weshalb der Vollzug der  Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 11.5. Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1­4 AuG).

E­2554/2011 12.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde  ist  nach  dem  Gesagten  abzuweisen,  soweit  darauf  einzutreten ist. Mit  dem  vorliegenden  Entscheid  in  der  Sache  wird  der  Antrag  auf  Verzicht  einer  Kostenvorschusserhebung  gegenstandslos. Nachdem die  Voraussetzungen  von Art.  65 Abs.  1 VwVG erfüllt  sind,  ist  das Gesuch  um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gutzuheissen und sind  keine Kosten aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite)

E­2554/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art. 65 Abs. 1 VwVG wird gutgeheissen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die kantonale  Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Markus König Karin Maeder­Steiner Versand:

E-2554/2011 — Bundesverwaltungsgericht 15.08.2011 E-2554/2011 — Swissrulings