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Bundesverwaltungsgericht 24.08.2011 E-1995/2009

24 agosto 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,604 parole·~13 min·1

Riassunto

Nichteintreten auf Asylgesuch (Papierlosigkeit) und Wegweisung | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 12. März 2009 / N

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­1995/2009 Urteil   v om   2 4 .   Augus t   2011 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richterin Emilia Antonioni,    Gerichtsschreiberin Sarah Diack. Parteien A._______, geboren am 4. Dezember 1980, Georgien,  (…),   Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 12. März 2009 / N (…).

E­1995/2009 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  –  gemäss  eigenen  Angaben  ein  aus  Tiflis  stammender  Georgier  ossetischer  Ethnie  –  verliess  seinen  Heimatstaat  angeblich  am 29. Oktober  2008 Richtung Türkei  und gelangte  über  ihm  unbekannte  Länder  am  10.  November  2008  in  die  Schweiz,  wo  er  am  11. November  2008  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Chiasso  ein  Asylgesuch  stellte.  Am  25. November  2008  wurde  er  summarisch befragt und am 27. Januar 2009 durch das BFM eingehend  zu  seinen  Asylgründen  angehört.  Für  die  Dauer  des  Asylverfahrens  wurde er dem Kanton B._______ zugewiesen. Der Beschwerdeführer führte im Wesentlichen aus, sein Vater sei am (…)  2008  tot aufgefunden worden, wobei er seiner Vermutung nach ertränkt  worden sei. Es sei deswegen eine Untersuchung eingeleitet worden. Die  Autopsieexperten hätten sich dazu aber nicht wirklich äussern wollen; sie  hätten  einerseits  gesagt,  es  seien  bei  der  Leiche  keine  Spuren  von  Gewalt  festgestellt  worden,  andererseits  aber,  es  sei  nicht  von  einem  natürlichen  Tod,  sondern  von  einer  Tötung  auszugehen.  Letztendlich  hätten sie ihrem Beschluss jedoch lediglich die Formulierung "ertrunken"  angebracht. Weil seine Mutter mit dem Ergebnis nicht zufrieden gewesen  sei,  habe  eine  weitere  Untersuchung  durch  andere  Experten  stattgefunden,  die  die  Todesursache  jedoch  ebenso  wenig  zu  Tage  gebracht habe. Die Leiche sei danach bestattet worden, obwohl niemand  der  Familie  damit  einverstanden  gewesen  sei.  Es  habe  sich  aber  niemand  der  Familie  an  die  georgischen  Behörden  gewendet,  da  nicht  auszuschliessen  sei,  dass  die Polizei  selbst  den Vater  getötet  habe. Er  selbst  sei  als  Fahrer  für  eine  Journalistin,  die  für  die  [Publikation]  geschrieben  habe,  tätig  gewesen.  Diese  Journalistin  sei  mit  vielen  Problemen  und Konflikten  konfrontiert  gewesen,  die  Inhalte  ihrer  Artikel  seien  ihm  indes nicht bekannt. Er  sei erstmals am  (…) Dezember 2007  von (…) unbekannten Personen heimgesucht und zusammengeschlagen  worden. Dieses Ereignis habe sich – nach dem Tod seines Vaters im (…)  2008 –  im (…) 2008 wiederholt. Sein Auto sei dabei ebenfalls beschädigt  worden. Es habe sich um dieselben Leute gehandelt beziehungsweise er  sei  sich  diesbezüglich  nicht  sicher,  da  sich  alles  ziemlich  schnell  abgespielt habe. Das Motiv der Täter sei ihm unbekannt, es könne jedoch  sein,  dass  diese  Geschehnisse  mit  seiner  Tätigkeit  als  Fahrer  für  die  Journalistin zusammenhingen; die Unbekannten könnten vermuten, dass 

E­1995/2009 er über gewisse Geheimnisse informiert sei. Er habe die Vorfälle nicht bei  der Polizei angezeigt. Als  der  Befrager  ihn  aufforderte,  seine  ID  vorzulegen,  entgegnete  der  Beschwerdeführer, er habe bisher nie eine ID oder einen Pass besessen.  Seinen  Führerschein  habe  er  käuflich  erworben  und  daher  zur  Ausstellung  kein  Ausweispapier  vorlegen  müssen  (vgl.  A  11  S.3).  Der  Befrager forderte  ihn anlässlich der Befragung zweimal auf, sich in Genf  bei  der  georgischen  Botschaft  zu  melden,  um  sich  Ersatzpapiere  zu  beschaffen. B.  Mit Verfügung vom 12. März 2009 – eröffnet am 20. März 2009 – trat das  BFM gestützt  auf Art.  32 Abs. 2 Bst.  a des   Asylgesetzes  vom 26. Juni  1998  (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch nicht ein und ordnete die  Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an. Auf die detaillierte  Begründung  wird  –  soweit  entscheidwesentlich   –  in  den  Erwägungen  eingegangen.  C.  Mit  Beschwerde  vom  27.  März  2009  (Datum  des  Telefax;  Datum  des  Poststempels:  28.  März  2009)  focht  der  Beschwerdeführer  die  vorinstanzliche  Verfügung  beim  Bundesverwaltungsgericht  an  und  beantragte,  es  sei  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben  und  bezüglich  der  Frage  der  Flüchtlingseigenschaft  und  der  Asylgewährung  zur  Neubearbeitung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen,  eventualiter  sei  die  Unzumutbarkeit  der  Wegweisung  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  In  formeller  Hinsicht  beantragte  er  die  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Auf  die  Vorbringen  wird –  soweit urteilsrelevant – in den Erwägungen eingegangen. D.  Mit Zwischenverfügung vom 31. März 2009 hielt die  Instruktionsrichterin  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  den  Abschluss  des  Verfahrens  in  der  Schweiz abwarten könne. E.   Mit  Verfügung  vom  3.  April  2009  hiess  die  Instruktionsrichterin  das  Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1 

E­1995/2009 VwVG  gut  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Die Vorinstanz wurde zur Vernehmlassung eingeladen und insbesondere  um  Stellungnahme  dazu  ersucht,  dass  der  Beschwerdeführer  während  des  Verfahrens  (unzulässigerweise)  aufgefordert  wurde,  mit  seinen  heimatlichen Behörden zwecks Ausstellung von Reisepapieren in Kontakt  zu treten.  F.  In  ihrer  Vernehmlassung  vom  20.  April  2009  führte  die  Vorinstanz  aus,   aus dem Protokoll der Erstbefragung habe sich bereits klar ergeben, dass  der  Beschwerdeführer  eine  Verfolgung  Dritter  geltend  mache.  Er  habe  angegeben,  dass  er  zweimal  von  unbekannten  Personen  verprügelt  worden  sei  und  dass  sein  Vater  getötet  worden  sei.  Die  Polizei  habe  daraufhin  Untersuchungen  vorgenommen.  Weder  die  Übergriffe  Dritter  noch  der  Tod  des  Vaters  liessen  somit  auf  irgendeine  staatliche  Verfolgung  schliessen.  Daher  spreche  nichts  dagegen,  dass  der  Beschwerdeführer  mit  den  heimatlichen  Behörden  in  Kontakt  trete,  um  seiner  Mitwirkungspflicht  im  Zusammenhang  mit  der  Beschaffung  von  rechtsgenüglichen Reisepapieren nachzukommen. Er setze sich dadurch  keiner Gefahr aus. Im Übrigen werde vollumfänglich an den Erwägungen  der angefochtenen Verfügung festgehalten. G.  Der Beschwerdeführer verzichtete auf die Eingabe einer Replik.  H.  Aus  den  Akten  geht  hervor,  dass  der  Beschwerdeführer  wiederholt  strafrechtlich  belangt  werden  musste.  Namentlich  wurde  er  mit  Strafverfügung vom  (…) 2009 erstmals und nachfolgend erneut am  (…)  und  (…)  2010  für  geringfügigen  Ladendiebstahl  (Art.  139  Ziff.  1  i.V.m.  172ter  des  Schweizerischen  Strafgesetzbuchs  vom  21. Dezember  1937  [StGB,  SR  311.0])  verurteilt.  Mit  Strafverfügungen  vom  (…)  2009,  (…)  2009,  (…)  2009,  (…)  2009,  (…)  2009,  (…)  2009,  (…)  2009,  (…)  2009,  (…)  2010,  (…)  2010  und  (…)  2010  wurde  er  wegen  Benützens  von  öffentlichen  Verkehrsmitteln  ohne  gültigen  Fahrausweis  (Widerhandlung  gegen das Personenbeförderungsgesetz)  verurteilt.  Am  (…) 2010  folgte  ein  Strafbefehl  wegen  Führens  eines  Motorfahrzeuges  ohne  erforderlichen schweizerischen Führerausweis. Am (…) 2010 erging eine  Strafverfügung wegen Hausfriedensbruchs (Art. 186 StGB), geringfügigen  Ladendiebstahls  und  Missachtung  der  Ausgrenzung  gemäss  dem  Bundesgesetz  vom  16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und 

E­1995/2009 Ausländer  (AuG,  SR  142.20);  am  (…)  2011  erging  ein  weiterer  Strafbefehl  wegen  Hausfriedensbruchs  und  Missachtung  einer  ausländerrechtlichen Ausgrenzung. 

E­1995/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  im  Asylbereich  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Der  Beschwerdeführer  ist  daher  zur  Einreichung der Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und 108 Abs. 2 AsylG,  Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.4. Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen eine Verfügung, laut  deren  Dispositiv  das  BFM  nicht  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  eingetreten  ist.  Bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM  ablehnt,  das  Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 32­35 AsylG),  ist  die Beurteilungskompetenz  der Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  die  Vorinstanz  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch  nicht  eingetreten  ist.  Die  Beschwerdeinstanz  –  sofern  sie  den  Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet  –  enthält  sich  demnach  einer  materiellen  Prüfung.  Sie  hebt  diesfalls  einzig  die  angefochtene Verfügung auf und weist die Sache zu neuer Entscheidung  an  die  Vorinstanz  zurück  (vgl. Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2004 Nr. 34 E.  2.1 S.  240  f.).  Im Falle des Nichteintretens auf ein Asylgesuch gemäss Art. 32 

E­1995/2009 Abs. 2 Bst. a und Abs. 3 AsylG ist indessen über das Nichtbestehen der  Flüchtlingseigenschaft  abschliessend  materiell  zu  entscheiden,  soweit  dies  im  Rahmen  einer  summarischen  Prüfung  möglich  ist  (vgl.  BVGE  2007/8  E.  5.6.5  S. 90  f.).  Dementsprechend  bildet  in  einem  diesbezüglichen  Beschwerdeverfahren  –  ungeachtet  der  vorzunehmenden Überprüfung eines formellen Nichteintretensentscheids  – auch die Flüchtlingseigenschaft Prozessgegenstand (vgl. BVGE 2007/8  E. 2.1  S. 73).  Die  Asylgewährung  bildet  jedoch  nicht  Gegenstand  des  vorliegenden Verfahrens. Bezüglich der Frage der Wegweisung und des  Wegweisungsvollzuges  hat  die  Vorinstanz  eine  materielle  Prüfung  vorgenommen,  weshalb  dem  Bundesverwaltungsgericht  diesbezüglich  volle Kognition zukommt.  2.  Gemäss  Art.  32  Abs.  2  Bst.  a  AsylG  wird  auf  ein  Asylgesuch  nicht  eingetreten,  wenn  Asylsuchende  den  Behörden  nicht  innerhalb  von  48  Stunden  nach  Einreichung  des  Gesuchs  Reise­  oder  Identitätspapiere  abgeben.  Diese  Bestimmung  findet  jedoch  keine  Anwendung,  wenn  Asylsuchende  glaubhaft  machen  können,  sie  seien  dazu  aus  entschuldbaren Gründen nicht  in der Lage (Art. 32 Abs. 3 Bst. a AsylG),  oder wenn aufgrund der Anhörung sowie gestützt auf  Art. 3 und 7 AsylG  die Flüchtlingseigenschaft  festgestellt wird (Art. 32 Abs. 3 Bst. b AsylG),  oder  sich  aufgrund  der  Anhörung  die  Notwendigkeit  zusätzlicher  Abklärungen  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  oder  eines  Wegweisungsvollzugshinder­nisses ergibt (Art. 32 Abs. 3 Bst. c AsylG). 3.  3.1.  Vorab  ist das Vorgehen der Vorinstanz, den Beschwerdeführer während  des  Verfahrens  mehrmals  dazu  aufzufordern,  mit  den  heimatlichen  Behörden  zwecks Beschaffung  von Reisepapieren  in Kontakt  zu  treten,  und  ihre  Argumentation,  er  habe  in  Nichtbeachtung  dieser  Anweisung  seine Mitwirkungspflicht verletzt, zu würdigen. 3.2.  3.2.1. Die Vorinstanz forderte im Verlauf des erstinstanzlichen Verfahrens  den  Beschwerdeführer  von  sich  aus  auf,  sich  bei  der  georgischen  Botschaft  in Genf zu melden, um Ersatzpapiere zu beschaffen (vgl. A11  S.4  "In  Genf  gibt  es  eine  georgische  Botschaft.  Dort  sollten  sie  sich 

E­1995/2009 melden, um Ersatzpapiere ausstellen zu  lassen."). Als Antwort auf seine  Nachfrage  erklärte  sie  ihm,  die  georgische  Botschaft  würde  auf  seine  Anfrage  hin  Ersatzpapiere  ausstellen.  Dies  könne  aber  eine  Weile  dauern,  weshalb  der  Beschwerdeführer  ihr  eine  Bestätigung  seiner  Anfrage auf der Botschaft zukommen lassen solle (vgl. A11, S. 11: „Was  wir  brauchen  ist  eine  ID  oder  ein  Reisepass.  ­  Woher  kann  ich  das  kriegen? ­ In der georgischen Botschaft in Genf. [...] Sie müssen Kontakt  mit der Botschaft aufnehmen. Diese nehmen Abklärungen in Tiflis vor, um  festzustellen wer Sie sind, und stellen dann Ersatzpapiere aus [...]“.).  3.2.2.  In  der  angefochtenen  Verfügung  vom  12.  März  2009  führte  die  Vorinstanz  sodann  aus:  „Die  Unglaubwürdigkeit  seiner  Aussagen  wird  auch dadurch bestätigt, dass der Gesuchsteller bis dato keinerlei Schritte  unternahm,  sich  bei  der  georgischen  Botschaft  in  Genf  Ersatzpapiere  ausstellen  zu  lassen. Dies  ist  ihm  insbesondere  vorzuwerfen,  da  er  bei  der  Anhörung  zu  den  Asylgründen  in  Aussicht  stellte,  sich  darum  zu  bemühen  (vgl. A11 S.11)".  Aufgrund  dieser Überlegungen  verneinte  die  Vorinstanz,  dass  der  Beschwerdeführer  entschuldbare  Gründe  für  die  Nichteinreichung von Papieren habe. Auf Beschwerdeebene brachte der  Beschwerdeführer  die  Rüge  an,  es  dürfe  von  einer  asylsuchenden  Person  bis  zum Abschluss  eines  ordentlichen Verfahrens  nicht  verlangt  werden,  ihre  eigene  konsularische  Vertretung  zu  kontaktieren.  Im  Anschluss  ersuchte  das  Gericht  die  Vorinstanz  um  Stellungnahme;  namentlich  hinsichtlich  ihrer  Vorgehensweise,  erstens  den  Beschwerdeführer  vor  der  Prüfung  der  Flüchtlingseigenschaft  zu  einer  Handlung  aufzufordern,  welche  diesem  bei  Erfüllen  der  Flüchtlingseigenschaft  als  Widerrufsgrund  vorgehalten  werden  könnte,  und  zweitens  ihre  Verfügung  sodann  mit  denselben  Umständen  zu  begründen. Die Vorinstanz führte daraufhin in ihrer Vernehmlassung aus,  der Beschwerdeführer habe lediglich eine Verfolgung Dritter und keinerlei  staatliche Behelligung  geltend  gemacht,  daher  spreche  nichts  dagegen,  mit  den  heimatlichen  Behörden  in  Kontakt  zu  treten,  um  seiner  Mitwirkungspflicht  im  Zusammenhang  mit  der  Beschaffung  von  rechtsgenüglichen  Reisepapieren  nachzukommen.  Der  Beschwerdeführer setze sich dadurch keiner Gefahr aus.  3.3.  3.3.1. Wie  sich  aus  dem  Nachfolgenden  ergibt,  ist  das  Vorgehen  der  Vorinstanz  nicht  haltbar.  Zweck  des  Asylverfahrens  ist  die  Prüfung  der   Flüchtlingseigenschaft  des  Asylsuchenden  gemäss  Art.  1  A  des 

E­1995/2009 Abkommens  vom  28.  Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK, SR 0.142.30) und Art. 3 AsylG. Bis zur endgültigen Rechtskraft einer  verneinten  Flüchtlingseigenschaft  und  somit  einer  Abweisung  des  Asylgesuchs  oder  eines  Nichteintretensentscheides  ist  vom  Grundgedanken  auszugehen,  der  Asylsuchende  sei  möglicherweise  in  asylrelevanter  Weise  gefährdet  und  daher  gelte  der  Non­Refoulement­ Schutz.  In  diesem  Verfahrensstadium  sind  die  heimatlichen  Behörden  somit  als  potentielle  Verfolgerbehörden  zu  betrachten.  Da  zu  diesem  Zeitpunkt noch keine materielle Prüfung der Flüchtlingseigenschaft erfolgt  ist  und  somit  noch  nicht  festgestellt  worden  ist,  ob  eine  asylrelevante  Gefährdung  vorliegt,  ist  es  systemwidrig,  den  Asylsuchenden  während  der  Anhörung  zu  seinen  Asylgründen  aufzufordern,  Kontakt  mit  seinen  heimatlichen Behörden aufzunehmen.  3.3.2. In diesem Zusammenhang ist auch Art. 63 Abs. 1 Bst. b AsylG zu  beachten,  der  auf  Art.  1  C  FK  verweist.  Gemäss  Art.  63  Abs.  1  Bst.  b  AsylG  i.V.m.  Art.  1  C  Ziff.  1  FK  wird  die  Flüchtlingseigenschaft  eines  anerkannten  Flüchtlings widerrufen,  wenn  sich  eine  Person, welche  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllt,  freiwillig  wieder  unter  den  Schutz  des  Landes  stellt,  dessen  Staatsangehörigkeit  sie  besitzt.  Mit  einer  solchen  Handlung gibt der Flüchtling zu erkennen, dass keine begründete Furcht  mehr vor Verfolgung besteht und dass kein  internationaler Schutz mehr  erforderlich  ist  (vgl. GUY GOODWIN­GILL/  JANE MCADAM,  The Refugee  in  International  Law,  3rd  edition,  Oxford  2007,  S. 135 ff.;  JAMES  C.  HATHAWAY, The Law of Refugee Status, Toronto/Vancouver 1991, Reprint  1996, S. 191 ff.). Als eine solche Unterschutzstellung gelten in der Regel  alle Handlungen, die auf die Wiederherstellung der normalen Beziehung  mit  den  Behörden  des  Heimatlandes  abzielen,  namentlich  die  Registrierung beim Konsulat oder die Beantragung eines neuen Passes,  wobei  letztere  Handlung  in  der  Praxis  einen  der  wichtigsten  Anwendungsfälle  der  Unterschutzstellung  darstellt  (vgl.  GOODWIN­ GILL/MCADAM,  a.a.O.,  S. 136;  HATHAWAY,  a.a.O.,  S. 192;  UNHCR  Handbuch  über  Verfahren  und  Kriterien  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft,  Genf  1979,  Rz 121 ff.  S. 33;  JOAN  FITZPATRICK/RAFAEL BONOAN,  Cessation  of  refugee  protection,  in:  ERIKA  FELLER/VOLKER  TÜRK/FRANCES  NICHOLSON,  Refugee  Protection  in  International  Law,  UNHCR's  Global  Consultations  on  International  Protection,  Cambridge  2003,  S. 523  ff.;  für  die  schweizerische  Literatur  und  Praxis  vgl.  insbesondere  SAMUEL  WERENFELS,  Der  Begriff  des  Flüchtlings  im  schweizerischen  Asylrecht,  Bern u.a.  1987,  S. 307  ff.;  ALBERTO ACHERMANN/CHRISTINA HAUSAMMANN, Handbuch des Asylrechts, 

E­1995/2009 2.  Aufl.,  Bern/Stuttgart  1991,  S.  202  f.;  sowie  EMARK  1998  Nr.  29;  Entscheid  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­2912/2010  vom  6.  September  2010).  Analoge  Überlegungen  gelten  bereits  im  Asylverfahren;  verwirklicht  eine  asylsuchende  Person  Tatbestände,  die  bei  einem  anerkannten  Flüchtling  zur  Aberkennung  der  Flüchtlingseigenschaft führen können, steht dies bereits der Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  im  Asylverfahren  entgegen,  denn  es  wäre  "sinnlos […], zuerst Asyl zu gewähren und dieses sogleich zu widerrufen"  (ACHERMANN/HAUSAMMANN, a.a.O., S. 200).  3.3.3. Das  verfassungsmässige Prinzip  von  Treu  und Glauben  und  das  Vertrauensprinzip  verpflichten  die  Behörden  zu  loyalem  und  vertrauenswürdigem  Verhalten  im  Rechtsverkehr  (Art.  5  Abs.  3  der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April  1999  [BV,  SR  101]  und  Art.  9  BV;  vgl.  dazu  GIOVANNI  BIAGGINI,  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft,  Ausgabe  2007,  Zürich  2007,  Art.  5  BV  Rz  22f., ELISABETH CHIARIELLO,  Treu  und  Glauben  als  Grundrecht  nach  Art.  9  der  schweizerischen  Bundesverfassung,  Bern  2004,  S.  224  ff.;  ANDREAS  AUER/GIORGIO  MALINVERNI/MICHEL HOTTELIER, Droit constitutionnel suisse, Bd. II, 2. Aufl.,  Bern  2006,  N 1159 ff.;  YVO  HANGARTNER,  in:  Ehrenzeller/Mastronardi/Schweizer/Vallender  [Hrsg.], Die schweizerische  Bundesverfassung, Kommentar, Zürich u.a. 2008, N 41 zu Art. 5 BV; vgl.  auch BVGE 2007/19 E. 3.3). Diesem Grundsatz entspringt  insbesondere  das Verbot des widersprüchlichen Verhaltens einer Behörde  (vgl. AUER/  MALINVERNI/  HOTTELIER,  a.a.O.,  N 1163 f.,  RENÉ  RHINOW/MARKUS  SCHEFER,  Schweizerisches  Verfassungsrecht,  2.  Aufl.,  Basel  2009,  N 1997).  Es  würde  nun  das  Verbot  des  widersprüchlichen  Verhaltens  verletzen,  wenn  das  BFM  während  des  hängigen  Asylverfahrens  eine  asylsuchende  Person  zu  Handlungen  auffordert,  die  ihr  –  da  sie  eine  Unterschutzstellung im Sinne von Art. 1 C FK sind – bei der Anerkennung  der Flüchtlingseigenschaft zum Nachteil gereichen. 3.3.4.  Daraus  ergibt  sich,  dass  es  dem  BFM  aus  dem  verfassungsmässigen Grundsatz gemäss Art. 5 Abs. 3 BV und aus dem  Vertrauensprinzip  gemäss  Art.  9  BV  verwehrt  ist,  während  des  Asylverfahrens  den  Beschwerdeführer  aufzufordern,  sich  seine  Ausweispapiere  bei  seiner  konsularischen  Vertretung  beziehungsweise  seiner  Botschaft  zu  beschaffen;  dieses  Verhalten  ist  im  Rahmen  eines  Asylverfahrens unzulässig.  

E­1995/2009 3.4.  Nach  dem  Gesagten  sind  demnach  auch  die  Erwägungen  der  Vorinstanz  nicht  zu  bestätigen,  wonach  der  Beschwerdeführer  seine  Mitwirkungspflicht  verletzt  habe,  indem  er  es  unterliess,  sich  bei  der  Vertretung  seines  Heimatlandes  in  Genf  um  Papiere  zu  bemühen.  Zur  Mitwirkungspflicht des Asylsuchenden  im Asylverfahren gehört es, seine  Identität  offenzulegen  und  vorhandene  Identitätspapiere  abzugeben,  an  der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken und in der Anhörung die  Asylgründe darzulegen, allfällige Beweismittel  vollständig zu bezeichnen  und unverzüglich einzureichen sowie bei der Erhebung der biometrischen  Daten  mitzuwirken  (vgl.  Art.  8  AsylG,  Art.  13  VwVG).  Es  kann  aber  gerade  nicht  zur Mitwirkungspflicht  gehören, mit  den Heimatbehörden –  und damit mit den potentiellen Verfolgerbehörden – in Kontakt zu treten.  Gemäss Art.  8 Abs. 4 AsylG  ist  die betroffene Person explizit  erst  nach  Vorliegen  eines  vollziehbaren Wegweisungsentscheides  –  folglich  nach  erfolgter  rechtskräftiger  Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft –  verpflichtet, bei der Beschaffung gültiger Reisepapiere mitzuwirken.  3.5.  Die  auf  Vernehmlassungsebene  eingereichte  Stellungnahme  der  Vorinstanz  –  sie  habe  den  Beschwerdeführer  zur  Kontaktaufnahme mit  den  heimatlichen  Behörden  auffordern  dürfen,  weil  er  offensichtlich  nur  eine  Drittverfolgung  geltend  gemacht  habe  –  bleibt  unbehelflich.  Es  ist  nämlich  irrelevant,  auf  welcher  Begründung  basierend  der  Flüchtlingsstatus  beantragt  wird  und  welche  die  Flüchtlingseigenschaft  begründenden  Vorbringen  dargetan  werden.  Insbesondere  kann  nicht  ausschlaggebend  sein,  ob  der  Beschwerdeführer  direkte  oder  indirekte  staatliche  Verfolgung  oder  private  Verfolgung,  gegen  die  er  in  seinem  Heimatstaat  aufgrund  flüchtlingsrechtlich  relevanter  Motive  keinen  hinlänglichen  Schutz  finden  könne,  geltend  macht;  seit  dem  mit  Grundsatzentscheid  EMARK  2006  Nr. 18  vollzogenen  Paradigmenwechsel,  mit  dem  sich  die  damalige  Schweizerische  Asylrekurskommission  (ARK)  von  der  sogenannten  Zurechenbarkeitstheorie abgewendet und zur sogenannten Schutztheorie  bekannt hat, sind die Fragen der staatlichen oder privaten Urheberschaft  des  Verfolgers  nicht  mehr  von  Bedeutung.  Zu  prüfen  ist  vielmehr  die  Frage  der  hinlänglichen  Schutzfähigkeit  und  Schutzwilligkeit  des  Heimatstaates.  3.6.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  die  Aufforderungen  der  Vorinstanz  an  den  Beschwerdeführer  während  des  hängigen  Asylverfahrens, sich bei den Heimatbehörden Identitätspapiere ausstellen  zu lassen, unzulässig  waren und dass die entsprechenden Erwägungen 

E­1995/2009 – der  Beschwerdeführer  habe  in  diesem  Zusammenhang  seine  Mitwirkungspflicht  verletzt,  weshalb  auch  keine  entschuldbaren  Gründe  für die Nichtabgabe von Identitätspapieren bejaht werden könnten – nicht  aufrechterhalten werden können. 3.7. Wie  indessen aus der nachfolgenden Erwägung hervorgeht,  ist das  BFM  im  Ergebnis  dennoch  zu  Recht  zum  Schluss  gelangt,  der  Beschwerdeführer könne  für die Nichteinreichung von  Identitätspapieren  keine  entschuldbaren  Gründe  gemäss  Art.  32  Abs.  3  Bst.  a  AsylG  aufzeigen. 4.  4.1. Gemäss Art.  32 Abs.  2 Bst.  a AsylG wird nicht  auf  ein Asylgesuch  eingetreten,  wenn  innerhalb  von  48  Stunden  nach  Einreichung  des  Gesuchs  keine  Reise­  oder  Identitätspapiere  abgegeben  werden.  Vorliegend  hat  der  Beschwerdeführer  innert  Frist  keine  solchen  Dokumente eingereicht, womit  der Tatbestand der Nichteinreichung von  Identitätspapieren grundsätzlich erfüllt ist. Vorliegend bleibt zu prüfen, ob  allfällige  Ausnahmen  des  Nichteintretensgrundes  der  Papierlosigkeit  gemäss Art. 32 Abs. 3 Bst. a – c AsylG vorliegen. 4.2.  Die  Vorinstanz  führt  aus,  dem  Beschwerdeführer  könne  nicht  geglaubt werden, dass er nie eine Identitätskarte besessen habe, da alle  Georgier  mit  16  Jahren  eine  solche  erhalten  würden.  Diese  Argumentation  ist  zu  stützen:  In  der  Tat  sind  die  Aussagen  des  Beschwerdeführers,  er  habe  nie  eine  Identitätskarte  gehabt  und  gebraucht  (vgl.  A1  S.  3,  A11  S. 3),  als  realitätsfremd  einzustufen.  Gemäss  Erkenntnissen  des  Bundesverwaltungsgerichts  gilt  in Georgien  ab 14 Jahren eine Pflicht, sich eine  Identitätskarte ausstellen zu  lassen;  allenfalls  kann  es  in  abgelegenen  ländlichen  Regionen  möglich  sein,  ohne  Registration  und  ohne  Identitätskarte  zu  leben.  Daher  ist  beim  Beschwerdeführer,  der  aus  der Hauptstadt  stammt,  davon  auszugehen,  dass  er  eine  solche  erhalten  hatte.  Seine  diesbezüglichen  Aussagen  können  ihm  somit  nicht  geglaubt  werden.  Es  ist  demnach  davon  auszugehen, dass der Beschwerdeführer  Identitätspapiere besitzt, diese  den  Behörden  aber  nicht  eingereicht  hat.  Nach  dem  Gesagten  liegen  keine  entschuldbaren  Gründe  für  die  Nichtabgabe  von  Reise­  und  Identitätspapieren gemäss Art. 32 Abs. 3 Bst. a AsylG vor. 4.3. 

E­1995/2009 4.3.1. Bezüglich der summarischen Prüfung einer allfälligen Erfüllung der  Flüchtlingseigenschaft sind die vorinstanzlichen Erwägungen zu stützen.  Zunächst  kann  zwar  nicht  ausgeschlossen  werden,  dass  die  Ausführungen  zur  wiederholten  Autopsie  der  Leiche  des  verstorbenen  Vaters, wonach die Experten einen nicht­natürlichen Tod festgestellt und  dies dann aber in ihrem Bericht nicht zum Ausdruck gebracht hätten, der  Wahrheit entsprechen (vgl. A1 S. 4; A11 S. 4 und 6 bis 8). Wie auch die  Vorinstanz  zutreffend  festhält,  hat  der  Beschwerdeführer  indessen  den  Tod seines Vaters selbst nicht kausal zu allfälligen Verfolgungsvorbringen  und  zu  seiner  Ausreise  in  Zusammenhang  gebracht.  Selbst  wenn  der  Vater  ermordet  worden  sein  sollte,  wird  nicht  ersichtlich,  weshalb  auch  der Beschwerdeführer selbst gefährdet sein sollte.  4.3.2. Seine weiteren Ausführungen zu dem zweimaligen Auftauchen von  unbekannten  Personen  und  deren  geschilderter  Gewaltanwendung  lassen  sodann  die  nötige Detailliertheit  vermissen  und  haben  – wie  die  Vorinstanz  zu  Recht  ausführt  –  lediglich  stereotypen  Charakter;  beide  Vorfälle,  als  der  Beschwerdeführer  von  Unbekannten  niedergeschlagen  worden  sei,  sollen  sich  in  der  gleichen,  nicht  differenziert  dargestellten  Weise  zugetragen  haben  (vgl.  A1  S. 4  und  5;  A11  S. 4  bis  6).  Zudem  lässt  die  Formulierungsart  des  Beschwerdeführers  –  es  seien  nicht  dieselben  Personen  gewesen  respektive  er  wisse  es  nicht,  weil  es  so  schnell  vonstattengegangen  sei  –  Zweifel  am  Wahrheitsgehalt  seiner  Aussagen aufkommen.  Dass  die  Vorfälle  sodann  einen  Zusammenhang  zur  Tätigkeit  des  Beschwerdeführers für eine Journalistin gehabt haben sollen, ist ebenfalls  nicht glaubhaft. Seine die Journalistin betreffenden Darlegungen blieben  vielmehr gänzlich unsubstanziiert. So gelang es ihm beispielsweise nicht,  ein aktuelles Thema, dem sich diese gewidmet habe, zu nennen (vgl. A11  S. 6).  Dass  er  während  Jahren  als  Chauffeur  für  eine  Journalistin  gearbeitet  haben will,  in  der Folge  aber  nicht  im Detail  aufzeigen  kann,  wo  er  diese  hingefahren  habe  (vgl.  A11  S. 6),  lässt  die  notwendigen  Realkennzeichen,  die  tatsächlich  Erlebtes  widerspiegeln  würden,  vermissen. Ebenso war er nicht  im Stande, einen angeblichen Ausweis,  den  er  als  Chauffeur  für  die  Journalistin  besessen  haben  will,  der  Vorinstanz  auszuhändigen,  da  dieses  Dokument  ihm  angeblich  in  der  Schweiz  gestohlen  worden  sei.  Diese  Behauptung  wirkt  vor  dem  Hintergrund  der  vorangegangenen,  vage  gehaltenen  Aussagen  als  Versuch,  den  Sachverhalt  nachträglich  zugunsten  der  Logik  der  Vorbringen  anzupassen.  Aufgrund  des  Gesagten  halten  die  Aussagen 

E­1995/2009 des Beschwerdeführers einer Glaubhaftigkeitsprüfung nicht stand und es  sind daher keine asylrelevanten Vorbringen festzustellen. 4.4.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  bereits  aufgrund  einer  summarischen  Prüfung  der  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  die  Flüchtlingseigenschaft  verneint  werden  muss.  Gemäss  Art.  32  Abs.  3  Bst. c AsylG  ist  jedoch auch dann auf ein Asylgesuch einzutreten, wenn  sich  aufgrund  der  Anhörung  erweist,  dass  zusätzliche  Abklärungen  zur  Feststellung eines Wegweisungsvollzugshindernisses (gemäss Praxis nur  in Bezug auf Unzulässigkeit, vgl. BVGE 2009/50) nötig sind. Da im Falle  des Beschwerdeführers – wie sich aus den nachfolgenden Erwägungen  zur  Frage  des  Wegweisungsvollzuges  ergibt  –  keine  Unzulässigkeit  vorliegt,  erweisen sich diesbezügliche  zusätzliche Abklärungen nicht  als  notwendig.  Die  Vorinstanz  ist  somit  gestützt  auf  Art. 32  Abs.  2  Bst.  a  AsylG zu Recht nicht auf das Asylgesuch eingetreten.  5.  5.1. Lehnt das BFM das Asylgesuch ab oder  tritt es darauf nicht ein, so  verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den  Vollzug an (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2.  Der  Beschwerdeführer  besitzt  keine  Aufenthalts­  oder  Niederlassungsbewilligung  oder  einen  entsprechenden  Anspruch,  weshalb die Vorinstanz gestützt auf Art. 44 Abs. 1 AsylG zu Recht seine  Wegweisung verfügt hat (vgl. EMARK 2001 Nr. 21).  6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). 6.2.  6.2.1.  Der  Vollzug  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  in  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). 

E­1995/2009 6.2.2. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK). Gemäss Art. 25 Abs.  3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen  werden. 6.2.3. Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf  hin,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  nur  Personen  schützt,  die  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  es  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann das in Art. 5  AsylG verankerte Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulements im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  der  Beschwerdeführers  nach  Georgien  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von  Art. 5 AsylG rechtmässig. 6.2.4.  Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für  den  Fall  einer  Ausschaffung  nach  Georgien  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer nach Art.  3 EMRK oder Art.  1 FoK verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung  drohen würde (vgl. EGMR, [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil  vom  28. Februar  2008,  Beschwerde  Nr. 37201/06,  §§ 124­127,  mit  weiteren  Hinweisen).   Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  Georgien lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als  unzulässig  erscheinen.  Die  Ausführungen  in  der  Beschwerde  sind  ebenfalls nicht geeignet, zu einer anderen Einschätzung zu führen. Nach  dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl­  als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.

E­1995/2009 6.3.  6.3.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  aufgrund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art.  83 Abs.  7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März  2002, BBl 2002 3818). 6.3.2.  Zwar  bleiben  hinsichtlich  der  menschenrechtlichen  Situation  Georgiens  gewisse  Bedenken  bezüglich  der  Misshandlung  von  Häftlingen,  willkürlicher  Verhaftungen,  der  selektiven  Anwendung  von  Gesetzen und Druck auf Unternehmen bestehen (vgl. U.S. Department of  State, Human Rights Report on Georgia 2010, April 2011), eine Rückkehr  nach  Georgien  ist  jedoch  vor  dem  Hintergrund  der  dort  herrschenden  Situation  bezüglich  Sicherheit,  medizinischer  Versorgung  und  wirtschaftlicher  Lage  im  Allgemeinen  zumutbar.  Den  Akten  sind  auch  keine  konkreten  Anhaltspunkte  dafür  zu  entnehmen,  dass  der  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  nach  Georgien  aus  individuellen  Gründen wirtschaftlicher  und  sozialer Natur  in  eine  existenzbedrohende  Situation  geraten würde. Aus  seinen Vorbringen  ergibt  sich,  dass  seine  Mutter und seine Schwestern in seinem Heimatland leben (vgl. A 11 S.9),  weshalb  er  bei  einer  Rückkehr  auf  ein  tragfähiges  soziales  Netz  zurückgreifen  kann.  Der  Beschwerdeführer  verfügt  gemäss  seinen  Angaben über mehrjährige Berufserfahrung, womit angenommen werden  kann, dass er sich bei einer Rückkehr ohne grössere Probleme beruflich  reintegrieren  kann.  Daher  ist  davon  auszugehen,  er  bringe  alle  Voraussetzungen  mit,  um  in  Georgien  wieder  Fuss  zu  fassen  und  aus  eigenen  Kräften  ein  Auskommen  zu  finden.  Aus  den  Akten  ist  zudem  nicht  ersichtlich,  dass  der  Beschwerdeführer  unter  gesundheitlichen  Problemen  leiden  würde,  zumal  er  auch  nichts  Dahingehendes  geltend  macht.  Nach  dem  Gesagten  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  auch als zumutbar. 6.4.  Schliesslich  obliegt  es  –  aber  erst  zum  jetzigen  Zeitpunkt  –  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (Art.  8 Abs.  4 AsylG) weshalb  der Vollzug  der Wegweisung 

E­1995/2009 auch als möglich zu bezeichnen  ist  (Art. 83 Abs. 2 AuG, BVGE 2008/34  E.12).  6.5.  Hinsichtlich  der  angemessenen  Ausreisefrist  setzt  das  Gericht  die  diesbezügliche Praxis der damaligen ARK fort (vgl. EMARK 2004 Nr. 27);  es  übt  Zurückhaltung  bei  der  Bestimmung  der  angemessenen  Ausreisefrist,  hält  aber  das  Faktum  fest,  falls  eine  Ausreisefrist  offensichtlich  unangemessen  ist.  Angesichts  des  Zeitablaufs  seit  dem  12. März 2009 – dem Zeitpunkt der Verfügung des BFM – ist die damals  angesetzte  kurze  Ausreisefrist  ("am  Tag  nach  Eintritt  der  Rechtskraft")  nicht mehr angemessen. Ziffer 3 der angefochtenen Verfügung ist daher  aufzuheben,  und das BFM  ist  anzuweisen,  dem Beschwerdeführer  eine  angemessene Ausreisefrist anzusetzen. 7.  Insgesamt  ist  die  durch  die  Vorinstanz  verfügte  Wegweisung  zu  bestätigen.  Die  Vorinstanz  hat  deren  Vollzug  zu  Recht  als  zulässig,  zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung  der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1­4 AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch  das Gesuch  um Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Verfügung vom 3. April 2009 gutgeheissen  wurde  und  aufgrund  der  Akten  davon  auszugehen  ist,  dass  der  Beschwerdeführer  auch  heute  weiterhin  bedürftig  ist,  werden  keine  Kosten auferlegt. (Dispositiv nächste Seite)

E­1995/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die  mit  Ziffer  3  der  angefochtenen  Verfügung  angesetzte  Ausreisefrist  wird aufgehoben und die Vorinstanz angewiesen, dem Beschwerdeführer  eine angemessene Ausreisefrist anzusetzen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Sarah Diack Versand:

E-1995/2009 — Bundesverwaltungsgericht 24.08.2011 E-1995/2009 — Swissrulings