Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 20.07.2011 E-1204/2010

20 luglio 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,704 parole·~9 min·1

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 25. Januar 2010

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­1204/2010 Urteil   v om     2 0 .   Juli   2011 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richter Walter Stöckli,    Gerichtsschreiberin Patricia Petermann Loewe. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea,   vertreten durch lic. iur. Rebecca Moses,  Thurgauer Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM  vom 25. Januar 2010 / N (…).

E­1204/2010 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  –  ein  eritreischer  Staatsangehöriger  aus  B._______  –  verliess  nach  eigenen  Angaben  seinen  Heimatstaat  am  16. Mai  2008  und  gelangte  am  14. August  2008  in  die  Schweiz,  wo  er  gleichentags um Asyl nachsuchte. Zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  brachte  der  Beschwerdeführer  im  Rahmen  der  summarischen  Befragung  vom  21. August  2008  und  der  Anhörung vom 28. August 2008 im Wesentlichen vor, dass er sich im (…)  1990 der EPLF (Eritrean People's Liberation Front) angeschlossen habe  und dort bis 1993 als Kämpfer geblieben sei. Etwa am 20. Mai 1993 habe  ein Aufstand gegen die Regierung stattgefunden. Der Beschwerdeführer  sei  damals  zu  Unrecht  beschuldigt  worden,  an  den  Kundgebungen  teilgenommen zu haben. Daraufhin sei er für sechs Monate festgehalten  und anschliessend mit einer Verwarnung aus dem Gefängnis und aus der  Befreiungsfront entlassen worden. Zurück in seinem Heimatdorf besuchte  er wieder die Schule. Beim  Ausbruch  des  Grenzkrieges  zwischen  Äthiopien  und  Eritrea  im  Jahre  1998  habe  die  eritreische  Armee  den  Beschwerdeführer  erneut  eingezogen. Als (…) mit Rang eines Leutnants habe er für die militärische  Verwaltung  gearbeitet.  Zwischen  dem Jahr  2000  und  seiner Verhaftung  im Jahr 2006 sei er in C._______ stationiert gewesen, wobei er beruflich  viel  unterwegs  gewesen  sei.  Er  sei  mit  dem  Vorwurf  verhaftet  worden,  (…).  Er  habe  auch  zugelassen,  dass  Soldaten  aus  seiner  Gruppe  desertiert  hätten.  Zunächst  habe  man  ihn  ins  Gefängnis  D._______,  später  ins  Gefängnis  E._______  gebracht,  wo  er  zusammen  mit  120  anderen  Häftlingen  im  gleichen  Raum  festgehalten  worden  sei.  Im Mai  2008  sei  dem  Beschwerdeführer mit  der  Hilfe  eines  Fahrers  die  Flucht  gelungen. Am  (…)  2008  reiste  der Beschwerdeführer  aus  seinem Heimatland  aus  und reiste über den Sudan und Libyen nach Europa. Als  Beleg  für  seine  Vorbringen  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Bestätigung  der  eritreischen  Behörden  über  seine  Teilnahme  am  Befreiungskampf (ausgestellt am […] 1993), vier Fotos (Fotokopien), die  ihn in Uniform zeigen würden, und eine kirchliche Heiratsurkunde zu den  Akten.

E­1204/2010 B.  Das  BFM  lehnte  mit  Verfügung  vom  25. Januar  2010,  welche  am  27. Januar  2010  eröffnet  wurde,  das  Asylgesuch  ab  und  ordnete  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  an.  Die  Vorinstanz  stellte  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  zwar  die  Flüchtlingseigenschaft  im  Sinne  von  Art. 3  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  erfülle,  diese  indes  erst  durch  seine  illegale  Ausreise  aus  seinem  Heimatstaat  zum  Tragen gekommen sei (Art. 54 AsylG über subjektive Nachfluchtgründe).  Aus  diesem  Grunde  sei  der  Beschwerdeführer  vorläufig  als  Flüchtling  aufzunehmen.  Auf  die  Begründung  dieses  Entscheides  wird,  soweit  entscheidwesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. C.  Gegen  diese  Verfügung  hat  der  Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht durch seine Rechtsvertreterin am 25. Februar  2010  (Poststempel:  26. Februar  2010)  Beschwerde  erhoben.  Dabei  wurde  die  Aufhebung  der  Dispositivziffern  2­6  der  vorinstanzlichen  Verfügung  beantragt;  ferner  sei  dem  Beschwerdeführer  Asyl  zu  gewähren.  In  prozessualer  Hinsicht  sei  dem  Beschwerdeführer  die  unentgeltliche  Rechtspflege  zu  gewähren  und  von  der  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  abzusehen.  Auf  die  Begründung  der  Beschwerde  wird,  soweit  entscheidwesentlich,  in  den  nachfolgenden  Erwägungen  eingegangen. D.  Mit  Instruktionsverfügung  vom  12. März  2010  hiess  das  Bundesverwaltungsgericht  das  Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtspflege  im Sinn von Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968  über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) gut und verzichtete  auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. E.  Am 16. März 2010 wurde die Vorinstanz vom Bundesverwaltungsgericht  zu einer Vernehmlassung im Sinne von Art. 57 Abs. 1 VwVG eingeladen.  Das  Bundesamt  wurde  dabei  insbesondere  aufgefordert,  sich  zum  mutmasslich  geleisteten Militärdienst  des  Beschwerdeführers  vor  seiner  Ausreise  aus  Eritrea  zu  äussern.  Das  BFM  hat  von  dieser  Mitwirkungsmöglichkeit am 25. März 2010 Gebrauch gemacht. F.  Mit  Replik  vom  21. April  2010  nahm  der  Beschwerdeführer  dazu 

E­1204/2010 fristgerecht  Stellung.  Dieser  wurde  eine  gescannte  Kopie  eines  Schreibens  vom  (…)  2002  des  eritreischen  Verteidigungsministeriums  sowie  eine  deutsche  Übersetzung  derselben  beigelegt.  Ferner  wurden  vier  gescannte  Fotos  beigefügt,  welche  den  Beschwerdeführer  als  erwachsenen Mann  und  nicht  als  Zwanzigjährigen  zeigen  würden.  Das  Original  einer  Fotografie  sowie  das  mögliche  originale  Schreiben  des  Verteidigungsministeriums wurden am 17. Juni 2010 nachgereicht. G.  Nach  einer  entsprechenden  Aufforderung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  25. Juni  2010  reichte  die  Rechtsvertreterin am 28. Juni 2010 ihre Kostennote ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet im Bereich des Asyls endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1  AsylG,  Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 52  VwVG).  Der  Beschwerdeführer  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

E­1204/2010 3.  Die Ziffer 1 der vorinstanzlichen Verfügung ist  in Rechtskraft erwachsen.  Die Beschwerde richtet sich gegen die Verweigerung des Asyls (Ziffer 2),  die Anordnung der Wegweisung (Ziffer 3) sowie folgerichtig die Erteilung  der vorläufigen Aufnahme (Ziffern 4­7). 4.  4.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken (Art. 3 AsylG). 4.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art.  7  AsylG). 5.  5.1. Die  Vorinstanz  lehnte  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  mit  Verfügung vom 25. Januar 2010 mit folgender Begründung ab: 5.1.1. Das BFM befand, die Vorbringen würden nicht der Glaubhaftigkeit  gemäss  Art. 7  AsylG  standhalten.  Der  Beschwerdeführer  habe  sich  insbesondere zu den konkreten Daten  rund um den Haftbeginn  im Jahr  2006 und um die Flucht aus dieser widersprüchlich geäussert. So habe er  bei der Befragung zur Person vom 21. August 2010 vorgebracht, er habe  bis  Ende  2005  in  C._______  gelebt  und  sei  von  Januar  2006  bis  zum  5. Mai  2008  in  Haft  gewesen.  Demgegenüber  habe  er  während  der  Anhörung  vom  28. August  2010  ausgeführt,  er  sei  am  5. Mai  2006  verhaftet worden und am 1. Mai 2008 geflüchtet. Auf diesen Widerspruch 

E­1204/2010 angesprochen  erklärte  der  Beschwerdeführer,  dass  er  ab  Januar  2006  immer wieder habe Fragen beantworten müssen; aber man habe ihn erst  am  1. Mai  2006  inhaftiert  (A9,  S. 7).  Ferner  widerspreche  sich  der  Beschwerdeführer  gemäss  dem BFM  auch  betreffend  der Dauer  seiner  Inhaftierung  in  D._______.  Einerseits  habe  er  zu  Protokoll  gegeben,  er  sei zwei Monate in D._______ in Einzelhaft gewesen, danach habe man  mit  den Abklärungen  der Vorwürfe  gegen  ihn  begonnen. Anschliessend  sei er ein Jahr in D._______ festgehalten worden. Anderseits habe er  in  der  Anhörung  angegeben,  er  sei  insgesamt  während  eines  Jahres  in  D._______ inhaftiert gewesen. Aufgrund  dieser  Ungereimtheit  stufte  die  Vorinstanz  die  geltend  gemachte  Inhaftierung  und  demnach  auch  die  Flucht  aus  der  Haft,  beziehungsweise aus dem Militärdienst, als unglaubhaft ein. 5.1.2. Der  Akt  des  illegalen  Überschreitens  der  eritreischen  Grenze  im  militärdienstpflichtigen  Alter  wird  indes  gemäss  der  Erkenntnis  der  Vorinstanz  von  Eritrea  als  regierungsfeindliche  Haltung  angesehen.  Bei  einer  Rückkehr  habe  der  Beschwerdeführer  demzufolge  eine  sehr  strenge Strafe zu erwarten, wobei sich die Massnahmen durch ein hohes  Mass  an  Brutalität  auszeichnen  würden.  Es  bestehe  damit  eine  begründete  Furcht  für  den  Beschwerdeführer,  bei  einer  Rückkehr  ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden,  womit  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllt  sei.  Indessen  werde  kein  Asyl  gewährt,  wenn  ein  Flüchtling  wie  im  vorliegenden  Fall  erst  durch  seine  Ausreise  aus  dem  Heimatstaat  die  Flüchtlingseigenschaft  erfülle.  Der  Beschwerdeführer  sei  demzufolge  gemäss  Art. 54  AsylG  (subjektiver  Nachfluchtgrund) als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. 5.2. Der  Beschwerdeführer  wendete  daraufhin  mit  seiner  Eingabe  vom  25. Februar 2010 Folgendes ein: 5.2.1.  Zur  Zeit  der  Flucht,  beziehungsweise  der  Ausreise,  habe  der  Beschwerdeführer aktiv im Militärdienst gestanden und daher sei er – da  er  somit  im  konkreten  Kontakt  zu  den  Behörden  stand  (EMARK  [Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission] 2006 Nr. 3) – aus dem Dienst desertiert. Aufgrund  dessen  erwarte  ihn  bei  einer  Rückkehr  eine  unverhältnismässig  hohe  Bestrafung, welche als politisch motiviert einzustufen sei.

E­1204/2010 5.2.2. Hinsichtlich  der  Glaubhaftigkeit  machte  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Rechtsmittelschrift  geltend,  er  habe  in  ausführlicher  Weise  über  seinen  Gefängnisaufenthalt  und  seine  Flucht  aus  der  Haft  berichtet.  Ferner  handle  es  sich  bei  den  von  der  Vorinstanz  geltend  gemachten  Ungereimtheiten  nur  um  kleinste  Widersprüche  und  es  sei  nicht  nachvollziehbar,  wie  ihm  diese  zur  Last  gelegt  werden  könnten.  Die  Schlüssigkeit  der  ganzen  Erzählung  zeige  hingegen,  dass  der  Beschwerdeführer das Erzählte wirklich erlebt habe. Aufgrund  dieser  Ausführungen  sei  das  Vorliegen  subjektiver  Nachfluchtgründe  zu  verneinen  und  dem  Beschwerdeführer  Asyl  zu  gewähren. 5.3. Die  Vorinstanz  stellte  in  ihrer  Vernehmlassung  vom  25. März  2010  fest,  dass  die  Beschwerdeschrift  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel  enthalte,  welche  eine  Änderung  ihres  Standpunktes  rechtfertigen  würde.  Das  abgegebene  Dokument,  welches  von  den  eritreischen  Behörden  am  (…)  1993  ausgestellt  worden  sei,  bestätige  lediglich,  dass  der  Beschwerdeführer  von  März  1990  bis  Juli  1993  als  Funker  im  Befreiungskampf  aktiv  war.  Das  Dokument  könne  hingegen  nicht  als  Beleg  für  einen  zu  einem  späteren  Zeitpunkt  erfolgten  Militäreinsatz dienen. Des weiteren sei  in der Verfügung vom 25. Januar  2010  ausgeführt  worden,  aus  welchen  Gründen  das  BFM  die  geltend  gemachte Desertion nicht als glaubhaft erachte. 5.4.  In der Replik vom 21. April 2010 wies der Beschwerdeführer darauf  hin,  dass  er  für  den  Militärdienst  nach  dem  Einzug  von  1998  keinen  neuen Militärausweis erhalten habe. Er habe nur den roten Ausweis (aus  dem  Jahr  1993)  als  Identifikation  auf  sich  getragen.  Dieser  Umstand,  dass ehemalige Kämpfer der EPLF bei  ihrer Mobilisierung  im Jahr 1998  keinen neuen Militärausweise erhalten hätten, werde durch eine Auskunft  der  Länderanalyse  der  Schweizerischen  Flüchtlingshilfe  (SFH)  vom  20. April 2010 – welche der Replik beilag – bestätigt, die sich wiederum  auf Informationen des US Departement of State vom Februar 2010 sowie  auf einen Auszug eines Berichts von Günter Schröder aus dem Jahr 2010  stütze.  Ferner  habe  der  Beschwerdeführer  seinen  Bruder  gebeten,  in  seinem  Haus  nach  weiteren  militärischen  Unterlagen  zu  suchen,  die  einen zweiten Militäreinsatz beweisen könnten. Dabei  sei  ein Schreiben  des  eritreischen  Verteidigungsministeriums  vom  (…)  2002  gefunden  worden, welches der Familie A._______ den Erhalt eines Stück Landes  bestätigen würde. Dort stehe zudem, dass der Beschwerdeführer am (…) 

E­1204/2010 1998  eingerückt  und  dem  Verteidigungsministerium  (Militärzone  […],  Division  […])  zugeteilt  worden  sei.  Genau  diese  Angaben  habe  der  Beschwerdeführer auch an den Anhörungen gemacht (A9, Fragen 40­42  und  53­56).  Schliesslich  wurde  eine  originale  Fotografie  zu  den  Akten  gereicht,  die  wahrscheinlich  nach  1998  gemacht  wurde  und  den  Beschwerdeführer in Militäruniform zeigt. Entgegen  der  Auffassung  des  BFM  habe  ein  nach  1993  erfolgter  Militäreinsatz  sehr  wohl  stattgefunden,  weshalb  ihm  Asyl  zu  gewähren  sei. 6.  6.1.  Im  Folgenden  gilt  zu  untersuchen,  ob  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  –  im  Zeitpunkt  der  Ausreise  im  eritreischen  Militärdienst  gestanden  und  dadurch  einen  Asylgrund  geschaffen  zu  haben  –  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  nach  Art. 7  AsylG  entsprechen. 6.2.  Grundsätzlich  sind  die  Vorbringen  eines  Gesuchstellers  dann  glaubhaft,  wenn  sie  genügend  substanziiert,  in  sich  schlüssig  und  plausibel sind; sie dürfen sich nicht  in vagen Schilderungen erschöpfen,  in  wesentlichen  Punkten  nicht  widersprüchlich  sein  oder  der  inneren  Logik  entbehren  und  auch  nicht  den  Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung  widersprechen.  Darüber  hinaus  muss  der  Gesuchsteller  persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall  ist,  wenn  er  seine  Vorbringen  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abstützt,  aber  auch  dann,  wenn  er  wichtige  Tatsachen  unterdrückt  oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt,  steigert  oder  unbegründet  nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am  Verfahren  zeigt  oder  die  nötige  Mitwirkung  verweigert.  Glaubhaftmachung  bedeutet  ferner  –  im  Gegensatz  zum  strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum  für  gewisse  Einwände  und  Zweifel  an  den  Vorbringen  des  Beschwerdeführers.  Entscheidend  ist,  ob  die  Gründe,  die  für  dich  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  des  Gesuchstellers  sprechen,  überwiegen  oder  nicht.  Dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise  abzustellen  (Art. 7  AsylG;  EMARK  2004  Nr. 1,  E. 5a  mit  weiteren  Hinweisen).

E­1204/2010 6.3.  Der  Beschwerdeführer  hat  den  Wortlaut  sämtlicher  Protokolle  mit  seiner  Unterschrift  genehmigt  und  muss  sich  deshalb  seine  Aussagen  grundsätzlich entgegenhalten lassen. Indes gilt darauf hinzuweisen, dass  Aussagen einer asylsuchenden Person  im Empfangszentrum angesichts  des  summarischen  Charakters  der  Befragung  für  die  Beurteilung  der  Glaubhaftigkeit nur ein beschränkter Beweiswert zukommt (EMARK 2005  Nr. 7  E. 6.2.1  mit  weiteren  Hinweisen).  Widersprüche  dürfen  nur  dann  herangezogen  werden,  wenn  klare  Aussagen  im  Empfangszentrum  in  wesentlichen Punkten  der Asylbegründung  von  den  späteren Aussagen  in der Anhörung diametral abweichen.  6.4. Es gilt in Übereinstimmung mit der Vorinstanz festzuhalten, dass die  Asylvorbringen  des  Beschwerdeführers  in  wesentlichen  Punkten  widersprüchlich  sind.  So  gab  er  an  der  Kurzbefragung  an,  er  sei  von  ungefähr  Januar  2006 bis  zum 5. Mai  2008  im Gefängnis  gewesen;  ein  Jahr  lang habe er  im Gefängnis D._______, den Rest  in der Anstalt von  E._______  verbracht  (A1,  S. 2 f.  und  7 f.).  Demgegenüber  brachte  er  während der Anhörung vor, er sei am 5. Mai 2006 verhaftet worden und  am 1. Mai 2008 geflüchtet (A9, S. 7). Diese Differenzen können nicht wie  in der Beschwerdeschrift behauptet als kleinste Widersprüche bezeichnet  werden,  handelt  es  sich  dabei  doch  um  ein  einschneidendes  Erlebnis,  dessen  Anfang  und  Ende  dem  Beschwerdeführer  genau  bekannt  sein  müssten.  Es  erscheint  auch  nicht  nachvollziehbar,  dass  er  mit  einem  Haftgrund der  "schlechten Führung seiner Mitarbeiter"  eine derart  lange  Haft hätte absitzen müssen. Eher wäre zu erwarten, dass ein derartiger  Bagatellfall  mit  einer  kurzen  Haft  oder  gar  eventuell  mit  einer  Degradierung  oder  einer  Entlassung  sanktioniert  worden  wäre.  Ferner  überzeugen  die  Schilderungen  des  Beschwerdeführers  über  seine  Aufgaben  als  Leutnant  im  "Büro  eines Generalmajors"  (vgl.  A9, S. 6 ff.)  nicht,  da  dies,  wenn  dem  so  wäre,  einer  Funktion  in  einer  wichtigen  Kommandozentrale (Führungsstab einer Heereseinheit mindestens in der  Grössenordnung einer Division) gleichkommen würde. Er erklärte jedoch  nur  in  genereller  Weise,  er  sei  in  der  Verwaltung  der  Zoba (…)  tätig  gewesen  (A9,  S. 7);  hier  wären  aufgrund  seiner  behaupteten  Position  substantiiertere Aussagen zu erwarten gewesen. Hinsichtlich der geltend  gemachten Flucht gilt  festzustellen, dass den diesbezüglichen Aussagen  (A9,  S. 12)  die  erforderlichen  Realkennzeichen  einer  Erzählung  fehlen.  Es mangelt an persönlicher Betroffenheit und Detailreichtum. Da es sich  bei der Flucht um ein sehr einschneidendes und einprägsames Erlebnis  handelt, ist anzunehmen, dass der Beschwerdeführer detaillierter darüber  berichtet hätte, hätte er es selber erlebt.

E­1204/2010 6.5. Dies bedeutet  hingegen nicht,  dass der Beschwerdeführer  nie dem  eritreischen Militär als Soldat gedient hat (vgl. dazu auch seinen Ausweis  vom […] 1993). Auch könnte es möglich sein, dass der Beschwerdeführer  nach dem erneuten Ausbruch des Krieges zwischen Äthiopien und Eritrea  im  Jahr  1998  wie  viele  ehemalige  EPLF­Kämpfer  wieder  eingezogen  wurde (und dafür nicht unbedingt einen Militärausweis bekommen haben  muss)  und  bis  im  Jahr  2002  dem  eritreischen  Militär  gedient  haben  könnte;  darauf  deutet  das  Schreiben  vom  (…)  2002  des  eritreischen  Verteidigungsministeriums  an  die  Verwaltung  der  Subzone  F._______  hin.  Der  Inhalt  dieses  Schreibens  –  als  Dank  für  seine  Pflichterfüllung  unterstützte  das  Ministerium  den  Beschwerdeführer  durch  eine  Grundstückszuteilung  und  andere  Hilfen  –  kann  jedoch  auch  dahingehend  interpretiert  werden,  dass  der  Beschwerdeführer  seine  Pflicht  durch  den  geleisteten  Dienst  erfüllt  hat  und  aus  dem  Dienst  in  Würden  und  dankend  entlassen  wurde.  Dementsprechend  ist  es  dem  Beschwerdeführer nicht gelungen, einen von ihm geleisteten Militärdienst  nach  dem  Jahr  2002  nachzuweisen  oder  zumindest  glaubhaft  darzustellen. 6.6.  Zusammenfassend  ist  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  früher  als  Soldat  dem eritreischen Militär  gedient  hat  und  daraus  entlassen  worden  ist.  Indes  scheint  es  sich  bei  den  vorgebrachten Asylvorbringen – die Haft  im  Jahr  2006  sowie die Flucht  aus  dieser  im  Jahr  2008  –  um  ein  Sachverhaltskonstrukt  und  nicht  um  tatsächlich  Erlebtes  zu  handeln.  An  der  Tatsache  der  unglaubhaften  Desertion  vermögen  auch  die  eingereichten  Fotografien,  welche  den  Beschwerdeführer  in  Militäruniform  zeigen,  nichts  zu  ändern,  da  diese  kein Datum aufweisen und daher einer früheren Epoche zuzuordnen sind.  Übereinstimmend  mit  der  Vorinstanz  ist  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer  erst  mit  seiner  illegalen  Ausreise  aus  Eritrea,  mithin  durch Begründung  eines  subjektiven Nachfluchtgrundes,  zum Flüchtling  geworden ist. 6.7. Als Ergebnis gilt  festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer nicht  gelungen ist, nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, dass er vor seiner  Ausreise ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG erlitten hat, bzw.  solche bei der Ausreise zu befürchten hatte. Das BFM hat demnach das  Asylgesuch des Beschwerdeführers zu Recht abgelehnt. 7.  Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so 

E­1204/2010 verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den  Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie  (Art. 44 Abs. 1 AsylG). Mangels entsprechender Anzeige der kantonalen  Behörden  kann  der  Beschwerdeführer  nicht  mit  der  Erteilung  einer  fremdenpolizeilichen  Aufenthaltsbewilligung  rechnen.  Die  Wegweisungsverfügung  erfolgte  demnach  zu  Recht.  Da  der  Beschwerdeführer aufgrund des Vorliegens subjektiver Nachfluchtgründe  gemäss Art. 54 AsylG Flüchtling  im Sinne  des Asylgesetzes  ist,  gilt  der  Vollzug  der  Wegweisung  in  Nachachtung  von  Art. 83  Abs. 3  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005  über  die Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20)  i.V.m.  Art. 5  Abs. 1  AsylG  (sowie  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom 18. April 1999 [BV, SR 101] und Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge  [FK, SR 0.142.30])  als unzulässig. Das BFM ordnete damit zu Recht die vorläufige Aufnahme  des Beschwerdeführers an. 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Verfahrenskosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  und 5  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr.  600.­  festzusetzen  (Art. 1­3  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Dem  Beschwerdeführer  wurde  im Rahmen  des  Instruktionsverfahrens  jedoch  die  unentgeltliche  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  gewährt.  Überdies  ist  weiterhin  von  seiner  Bedürftigkeit  auszugehen.  Folglich werden keine Verfahrenskosten erhoben. (Dispositiv nächste Seite)

E­1204/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3.  Dieses Urteil  geht an die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers, das  BFM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Patricia Petermann Loewe Versand:

E-1204/2010 — Bundesverwaltungsgericht 20.07.2011 E-1204/2010 — Swissrulings