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Bundesverwaltungsgericht 02.08.2011 D-8555/2010

2 agosto 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,564 parole·~8 min·2

Riassunto

Asyl und Wegweisung (Beschwerden gegen Wiedererwägungsentscheid) | Asyl und Wegweisung (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des BFM vom 10. November 2010

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­8555/2010 law/bah/sed Urteil   v om   2 .   Augus t   2011 Besetzung Einzelrichter Walter Lang, mit Zustimmung von Richter Maurice Brodard; Gerichtsschreiber Christoph Basler. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), E._______, geboren am (…), F._______, geboren am (…), Kosovo,  alle vertreten durch Peter Huber, Fürsprecher, (…),  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,   Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung  (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid);  Verfügung des BFM vom 10. November 2010 / N (…).

D­8555/2010 Sachverhalt: A.  A.a. Die Beschwerdeführenden, ethnische Roma mit letztem Wohnsitz in  G._______,  verliessen  Kosovo  eigenen  Angaben  gemäss  am  6.  Dezember 2007 und suchten am 9. Dezember 2007  in der Schweiz um  Asyl nach. A.b. Mit  Verfügung  vom  20.  November  2009  stellte  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeführenden  würden  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllen,  und  lehnte  die  Asylgesuche  ab.  Gleichzeitig  verfügte  das  BFM  die  Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung  an.  A.c. Das Bundesverwaltungsgericht trat auf eine gegen diese Verfügung  gerichtete Beschwerde vom 28. Dezember 2009 mit Urteil D­8098/2009  vom 30. Dezember 2009 zufolge verspäteter Einreichung derselben nicht  ein.  B.  B.a.  Mit  Eingabe  an  das  BFM  vom  7.  Januar  2010  liessen  die  Beschwerdeführenden durch  ihren damaligen Rechtsvertreter  ein  erstes  Wiedererwägungsgesuch  einreichen,  in  dem  unter  anderem  beantragt  wurde,  der  Entscheid  vom  20. November  2009  sei  aufzuheben  und  sie  seien vorläufig in der Schweiz aufzunehmen. B.b.  Das  BFM  wies  das  Wiedererwägungsgesuch  mit  Verfügung  vom  15. Januar 2010 ab, soweit es darauf eintrat. B.c.  Mit  Urteil  D­392/2010  vom  2.  Februar  2010  wies  das  Bundesverwaltungsgericht  eine  gegen  diese  Verfügung  gerichtete  Beschwerde vom 21. Januar 2010 ab. C.  C.a.  Am  18.  März  2010  liessen  die  Beschwerdeführenden  durch  ihre  damalige  Rechtsvertreterin  beim  BFM  ein  zweites  Wiedererwägungsgesuch  einreichen,  in  dem  unter  anderem  beantragt  wurde, die Verfügung des BFM vom 20. November 2009 sei aufzuheben,  es sei von einer Wegweisung abzusehen und es sei die Unzumutbarkeit  beziehungsweise  die  Unzulässigkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung  festzustellen  und  es  sei  als  Folge  davon  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.

D­8555/2010 C.b.  Das  BFM  trat  auf  dieses  Wiedererwägungsgesuch  mit  Verfügung  vom 29. März 2010 nicht ein. C.c. Das Bundesverwaltungsgericht trat auf eine gegen diese Verfügung  gerichtete  Beschwerde  vom  22.  April  2010  zufolge  Nichtleistung  des  erhobenen Kostenvorschusses mit Urteil D­3122/2010 vom 10. Mai 2010  nicht ein. D.  D.a.  Mit  Eingabe  an  das  BFM  vom  28.  Juli  2010  liessen  die  Beschwerdeführenden durch  ihren damaligen Rechtsvertreter beim BFM  ein  drittes  Wiedererwägungsgesuch  einreichen,  in  dem  sie  die  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  beantragen  liessen.  In  verfahrensrechtlicher Hinsicht  liessen sie  zudem beantragen,  es  sei  dem  Gesuch  die  aufschiebende  Wirkung  zuzuerkennen,  demzufolge  sei  die  kantonale  Behörde  anzuweisen,  während  des  Verfahrens vom Vollzug abzusehen, und es sei  ihnen die unentgeltliche  Rechtspflege zu gewähren. D.b. Gemäss einer Aktennotiz des BFM (act. C4/1) zeigte der derzeitige  Rechtsvertreter  diesem  am  31.  August  2010  telefonisch  seine  Mandatsübernahme  und  die  Einreichung  eines  psychiatrischen  Gutachtens an. D.c.  Das  BFM  wies  das  dritte  Wiedererwägungsgesuch  mit  Verfügung  vom 10. November 2010 ab. D.d. Mit als Wiedererwägungsgesuch bezeichneter Eingabe an das BFM  vom  13. Dezember  2010  liessen  die  Beschwerdeführenden  durch  ihren  Rechtsvertreter beantragen, es sei wiedererwägungsweise  festzustellen,  dass die sie die Flüchtlingseigenschaft erfüllen und es sei ihre vorläufige  Aufnahme  als  Flüchtlinge  anzuordnen.  Eventuell  sei  festzustellen,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  gemäss  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) unzulässig, eventuell unzumutbar sei.  D.e.  Parallel  zu  diesem  Wiedererwägungsgesuch  liessen  die  Beschwerdeführer  mit  Eingabe  vom  13. Dezember  2010  gegen  die  Verfügung  des  BFM  vom  10. November  2010  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erheben  und  beantragen,  der  angefochtene Entscheid des BFM sei aufzuheben und die Sache sei zur  materiellen  Prüfung  und  neuem  Entscheid  an  die  Vorinstanz 

D­8555/2010 zurückzuweisen.  Eventuell  sei  festzustellen,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung unzulässig, unzumutbar und unmöglich sei. Die Vorinstanz  sei  anzuweisen,  den  Vollzug  der  Wegweisung  bis  zum  rechtskräftigen  Entscheid zu sistieren. Das Beschwerdeverfahren sei zu sistieren, bis die  Vorinstanz  über  das  mit  gleicher  Post  eingereichte  neue  Wiedererwägungsgesuch  entschieden  habe.  Es  sei  ihnen  die  unentgeltliche  Rechtspflege  unter  amtlicher  Beiordnung  des  unterzeichnenden Anwalts zu gewähren. D.f. Mit Verfügung vom 21. Dezember 2010 setzte der Instruktionsrichter  den  Vollzug  der  Wegweisung  aus  und  stellte  fest,  dass  die  Beschwerdeführenden  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten können. Das Gesuch um Sistierung des Beschwerdeverfahrens  wies er ab. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  hiess  er  gut  und  verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  2  VwVG wies er ab. Gleichzeitig räumte er dem BFM Gelegenheit ein, eine  Vernehmlassung zur Beschwerde einzureichen. D.g.  Das  BFM  beantragte  in  seiner  Vernehmlassung  vom  22. Februar  2011 die Abweisung der Beschwerde. D.h.  Am  25.  Februar  2011  wurde  die  Vernehmlassung  den  Beschwerdeführenden  vom  Bundesverwaltungsgericht  zur  Kenntnis  gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die 

D­8555/2010 beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1  AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die  Beschwerdeführenden sind durch die angefochtene Verfügung besonders  berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 AsylG  i.V.m. Art. 37 VGG sowie Art. 48  Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Die  Wiedererwägung  im  Verwaltungsverfahren  ist  ein  gesetzlich  nicht  geregelter  Rechtsbehelf,  auf  dessen  Behandlung  durch  die  verfügende  Behörde  grundsätzlich  kein  Anspruch  besteht.  Gemäss  herrschender  Lehre  und  ständiger Praxis  des Bundesgerichts wird  jedoch aus Art. 29  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101)  unter  bestimmten  Voraussetzungen  ein  verfassungsmässiger  Anspruch  auf  Wiedererwägung  abgeleitet  (vgl.  BGE 127 I 133 E. 6 S. 137 f. mit weiteren Hinweisen). Danach ist auf ein  Wiedererwägungsgesuch  einzutreten,  wenn  sich  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  seit  dem  ursprünglichen  Entscheid  beziehungsweise  seit  dem  Urteil  der  mit  Beschwerde  angerufenen  Rechtsmittelinstanz  in  wesentlicher  Weise  verändert  hat  und  mithin  die  ursprüngliche  (fehlerfreie)  Verfügung  an  nachträglich  eingetretene Veränderungen  der  Sachlage  anzupassen  ist.  Sodann  können  auch Revisionsgründe  einen  Anspruch  auf  Wiedererwägung  begründen,  sofern  sie  sich  auf  eine  in  materielle  Rechtskraft  erwachsene  Verfügung  beziehen,  die  entweder  unangefochten  geblieben  oder  deren  Beschwerdeverfahren  mit  einem  formellen Prozessurteil abgeschlossen worden ist. Ein solchermassen als  qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch zu bezeichnendes Rechtsmittel ist  grundsätzlich  nach  den  Regeln  des  Revisionsverfahrens  zu  behandeln  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 17 E. 2.a S. 103 f. mit weiteren  Hinweisen).

D­8555/2010 4.  4.1.  Im  dritten  Wiedererwägungsgesuch  wird  geltend  gemacht,  die  Beschwerdeführenden  hätten  bei  der  Botschaft  des  Kosovo  um  die  Ausstellung  von  Reisepässen  ersucht.  Diese  sei  nicht  in  der  Lage,  Ausweise oder Pässe auszustellen, weshalb die Staatsangehörigkeit der  Beschwerdeführenden  nicht  eindeutig  feststehe.  Es  hätten  sich  neue  Erkenntnisse  hinsichtlich  der  beunruhigenden  Lage  der  nach  Kosovo  zurückkehrenden  Roma  ergeben.  Der  Europarat  habe  in  einem  Bericht  vom  22. Februar  2010  festgehalten,  eine Rückkehr  von Roma  sei  nicht  möglich,  da  die  kosovarische  Regierung  nicht  in  der  Lage  sei,  ihre  Pflichten zu erfüllen. Die Zukunft und das Leben der Kinder sei  im Falle  einer  Rückführung  gefährdet,  was  aus  einem  Bericht  der  UNICEF  hervorgehe. Die Situation der Töchter der Beschwerdeführenden müsse  genauer  geprüft  werden.  In  der  Folge  wird  unter  Bezugnahme  auf  verschiedene Berichte  (vgl. S. 3  f. der Eingabe) die allgemeine Lage  im  Kosovo  dargelegt.  Die  Verfassung  des  Kosovo  besage,  dass  alle  Bewohner  des  Kosovo  zur  Zeit  der  Unabhängigkeit  (1.  Januar  1998)  Anrecht  auf  die  Staatsbürgerschaft  hätten.  Gemäss  Gesetz  03/L­034  werde  eine  UNMIK­Registrierung  verlangt.  Im  Fall  der  Beschwerdeführenden  sei  nicht  klar,  ob  sie  ein  Recht  auf  die  Staatsbürgerschaft des Kosovo hätten. Sie seien am 1. Januar 1998  im  Kosovo gewesen, seien aber kurz nach dem Krieg nach Serbien geflohen  bevor  sie  nach  G._______  zurückgekehrt  seien.  Sie  besässen  keine  UNMIK­Registrierung  und  seien  am  Tag  der  Unabhängigkeit  ausser  Landes gewesen. Der Vollzug der Wegweisung sei somit unmöglich. 4.2. Das BFM begründete seinen Entscheid damit, dass hinsichtlich der  Frage der Zumutbarkeit der Wegweisung in die Republik Kosovo auf das  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  23. April  2007  (BVGE  2007/10)  zu  verweisen  sei.  Beim  Beschwerdeführer  handle  es  sich  um  einen  gesunden  und  arbeitsfähigen  Mann  mit  Schulabschluss.  Die  Beschwerdeführenden sollten in der Lage sein, sich sozial zu integrieren  und  Zugang  zum Wohnungs­  und Arbeitsmarkt  zu  erhalten,  auch wenn  für  Neuzuzüger  die  Bedingungen  für  den  Aufbau  einer  wirtschaftlichen  und  sozialen  Existenz  nicht  leicht  seien.  Es  lägen  keine  Gründe  vor,  welche  die  Rechtskraft  der  Verfügung  vom  20.  November  2009  beseitigen könnten. 4.3.  In  der  Beschwerde  wird  geltend  gemacht,  bei  der  Vorinstanz  sei  gleichentags ein (weiteres) Wiedererwägungsgesuch eingereicht worden,  welches  im  Wesentlichen  auf  einer  psychotraumatologischen 

D­8555/2010 Begutachtung  der  Familie  H._______,  ergänzenden  medizinischen  Berichten sowie auf dem Nachweis der Mittellosigkeit des in Deutschland  lebenden  Bruders  I._______  beruhe.  Bei  einer  Gutheissung  dieses  Gesuchs  werde  die  vorliegende  Beschwerde  gegenstandslos.  Im  Wiedererwägungsgesuch vom 28. Juli 2010 sei geltend gemacht worden,  dass  die  zwangsweise  Rückschaffung  ethnischer  Minderheiten  nach  Kosovo  nicht  zumutbar  sei.  Diese  Frage  könne  offen  bleiben,  da  sie  materiell  im  Wiederwägungsverfahren  erneut  zu  prüfen  sein  werde.  Anderseits sei geltend gemacht worden, es sei nicht gesichert, dass die  Beschwerdeführenden die Staatsbürgerschaft  von Kosovo erhielten. Die  Vorinstanz  habe  dieses  Argument  nicht  geprüft,  sondern  nach  den  Kriterien von BVGE 2007/10,  in welchem sich diese Frage nicht gestellt  habe,  an  der  Zumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  festgehalten.  Der  angefochtene  Entscheid  verstosse  somit  gegen  den  Anspruch  auf  rechtliches Gehör und müsse kassiert werden. Hinsichtlich des Gesetzes  03/L­034 sei die Lage des bereits nach Kosovo zurückgekehrten Sohnes  der Beschwerdeführenden zu beachten, der auch mehrere Monate nach  der  am  18. Juni  2010  erfolgten  Rückkehr  keine  Papiere  erhalten  habe,  besonders  zu  beachten.  Die  Beschwerdeführenden  hätten  bei  der  Botschaft  des  Kosovo  eine  Anfrage  um  einen  Reisepass  gemacht.  Gemäss der Botschaft sei diese nicht in der Lage, Ausweise oder Pässe  herauszugeben,  weshalb  ihre  Staatsbürgerschaft  nicht  eindeutig  festgelegt  werden  könne.  Im  Falle  der  Beschwerdeführenden  sei  nicht  klar,  ob sie ein Anrecht auf die  kosovarische Staatsbürgerschaft  hätten.  Sie  besässen  einen  Teil  der  dafür  notwendigen  Dokumente,  aber  ihr  Sohn, der sich einige Monate im Kosovo aufgehalten habe, habe bislang  keine  Staatsbürgerschaft  oder  Dokumente  erhalten.  Dies  weise  darauf  hin, dass die vorhandenen Dokumente nicht ausreichten. Der Vollzug der  Wegweisung  sei  somit  unzulässig,  da  ihre  Wegweisung  ohne  die  Sicherheit,  in  ihrer  Heimat  Anrecht  auf  Bürgerrecht  und  Staatsbürgerschaft  zu  haben,  die  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  der  Schweiz  verletze.  Insbesondere  würden  Art. 3  und  16 des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK, SR 0.105) sowie Art. 12, 24, 25 und 27 des internationalen Paktes  über  bürgerliche  und politische Rechte  vom 16. Dezember  1996  (UNO­ Pakt  II, SR 0.103.2) verletzt. Der Vollzug sei auch nicht möglich, da  ihre  Rückschaffung  eigentlich  nur  mit  illegalen  Mitteln  ohne  gültige  Reisedokumente  ihres  faktischen,  aber  rechtlich  nicht  gesicherten  Heimatstaats  geschehen  könne.  Selbst  wenn  es  ihnen  möglich  sein  sollte,  im Kosovo die Anerkennung  ihrer Staatsbürgerschaft zu erhalten, 

D­8555/2010 würde  dies  mindestens  neun  bis  zehn  Monate  dauern.  In  der  Zwischenzeit wären sie vollständig vom Bezug  jeglicher staatlichen Hilfe  ausgeschlossen. Angesichts der gesundheitlichen Vorbelastungen sei ein  derartiger  Ausschluss  existenzbedrohend  und  unzumutbar.  Nach  Massgabe  der  Rückkehrberatungsstelle  seien  sie  nunmehr  auch  von  schweizerischer Rückkehrhilfe ausgeschlossen. 5.   5.1. Wie  im Verwaltungsverfahren  allgemein,  gilt  auch  im Asylverfahren  der  Untersuchungsgrundsatz  und  die  Pflicht  zur  vollständigen  und  richtigen  Abklärung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  (Art. 6  AsylG  i.V.m. Art. 12 VwVG). Diese behördliche Untersuchungspflicht wird durch  die  den  Asylsuchenden  gestützt  auf  Art. 8  AsylG  auferlegte  Mitwirkungspflicht  eingeschränkt,  wobei  die  Gesuchsteller  insbesondere  ihre Identität offenzulegen und bei der Anhörung der Behörde alle Gründe  mitzuteilen  haben,  die  für  die  Asylgewährung  relevant  sein  könnten  (BVGE 2009/50 E. 10.2.1 S. 734, BVGE 2008/24 E. 7.2 S. 356 f.). Ferner  verlangt  der  Grundsatz  des  rechtlichen  Gehörs  (Art. 29  Abs. 2  der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April  1999  [BV,  SR 101],  Art. 29  VwVG,  Art. 32  Abs. 1  VwVG),  dass  die  verfügende  Behörde  die  Vorbringen  des  Betroffenen  tatsächlich  hört,  sorgfältig und ernsthaft prüft und  in der Entscheidfindung berücksichtigt,  was sich entsprechend in der Entscheidbegründung niederschlagen muss  (vgl.  Art. 35  Abs. 1  VwVG).  Schliesslich  soll  die  Begründung  der  Verfügungen  dem  Betroffenen  ermöglichen,  den  Entscheid  gegebenenfalls sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist, wenn sich  sowohl  der  Betroffene  als  auch  die  Rechtsmittelinstanz  über  die  Tragweite  des  Entscheides  ein  Bild  machen  können,  wobei  sich  die  verfügende  Behörde  allerdings  nicht  ausdrücklich  mit  jeder  tatbestandlichen  Behauptung  und  jedem  rechtlichen  Einwand  auseinandersetzen  muss,  sondern  sich  auf  die  wesentlichen  Gesichtspunkte  beschränken  kann.  Die  Begründungsdichte  richtet  sich  dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Verfahrensumständen und  den Interessen des Betroffenen, wobei bei schwerwiegenden Eingriffen in  die  rechtlich  geschützten  Interessen  des  Betroffenen  –  und  um  solche  geht  es  bei  der  Frage  der  Gewährung  des  Asyls  beziehungsweise  der  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  –  eine  sorgfältige  Begründung  verlangt wird (BVGE 2008/47 E. 3.2 S. 674 f., EMARK 2006 Nr. 24 E. 5.1.  S. 256).

D­8555/2010 5.2. In der Begründung seiner Verfügung bezieht sich das BFM einzig auf  die  Frage  der  allgemeinen  Zumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  von  Angehörigen der ethnischen Minderheit der Roma, Ashkali und "Ägypter"  sowie  auf  die  Frage  der  Reintegrationsfaktoren.  Im  Wiedererwägungsgesuch vom 28. Juli 2010 wurde jedoch vorweg geltend  gemacht,  es  sei  aufgrund  des  kosovarischen  Gesetzes  über  die  Staatsbürgerschaft Nr. 03/L­034 nicht klar, ob der Beschwerdeführer und  seine Familie die kosovarische Staatsbürgerschaft erlangen können. Sie  hätten  die  Botschaft  des  Kosovos  betreffend  Ausstellung  eines  Reisepasses angefragt. Gemäss deren Angaben sei die Botschaft jedoch  nicht in der Lage, Ausweise oder Pässe auszustellen. Auch ihr bereits in  den  Kosovo  zurückgekehrter  Sohn  habe  dort  bislang  keine  Dokumente  erhalten  (vgl.  E.  4.1).  Auf  diese  Vorbringen  ging  das  BFM  in  seiner  Verfügung  mit  keinem  Wort  ein.  Daraus  ist  zu  schliessen,  dass  die  Vorinstanz die betreffenden Wiedererwägungsgründe nicht sorgfältig und  ernsthaft geprüft hat, denn mit dem Hinweis auf BVGE 2007/10 – dieser  bezieht  sich  nicht  auf  die  hier  interessierenden  Thematik  –  werden  die  durch  das  Wiedererwägungsgesuch  aufgeworfenen  Fragen  nicht  beantwortet.  Das  BFM  hat  somit  die  ihm  obliegende  Prüfungs­  und  Begründungspflicht  und  damit  den  Anspruch  der  Beschwerdeführenden  auf  rechtliches  Gehör  verletzt.  Die  in  der  Beschwerde  diesbezüglich  erhobenen Rüge erweist sich demnach als begründet. 5.3.  Der  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör  ist  formeller  Natur.  Eine  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  führt  deshalb  grundsätzlich  –  das  heisst  ungeachtet  der  materiellen  Auswirkungen  –  zur  Aufhebung  des  daraufhin ergangenen Entscheides (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.3.4 S. 676 f.,  BVGE  2008/14  E. 4.1  S. 185,  BVGE  2007/30  E. 8.2  S. 371,  BVGE  2007/27  E. 10.1  S. 332).  Die  Heilung  von  Gehörsverletzungen  ist  aus  prozessökonomischen  Gründen  auf  Beschwerdeebene  nur  möglich,  sofern  das  Versäumte  nachgeholt  wird,  der  Beschwerdeführer  dazu  Stellung nehmen kann und der Beschwerdeinstanz  im streitigen Fall die  freie  Überprüfungsbefugnis  in  Bezug  auf  Tatbestand  und  Rechtsanwendung  zukommt,  sowie  die  festgestellte  Verletzung  nicht  schwerwiegender  Natur  ist  und  die  fehlende  Entscheidreife  durch  die  Beschwerdeinstanz  mit  vertretbarem  Aufwand  hergestellt  werden  kann  (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.3.4 S. 676 f.).  5.4.  Im  vorliegenden  Fall  ist  die  unsorgfältige  Prüfung  des  Wiedererwägungsgesuches der Beschwerdeführenden seitens des BFM  beziehungsweise  die  unzureichende  Begründung  der  angefochtenen 

D­8555/2010 Verfügung als schwerer Mangel zu bezeichnen. Das BFM ist im Rahmen  des Schriftenwechsels auf die diesbezüglichen Rügen in der Beschwerde  nicht eingegangen und hat es versäumt, die Mängel  in der Verfügung  in  seiner  Vernehmlassung  zu  beseitigen.  Es  ist  vor  diesem  Hintergrund  nicht  Aufgabe  des  Bundesverwaltungsgerichts,  Versäumnisse  des  Bundesamtes  auf  Beschwerdeebene  zu  beheben  und  damit  die  Vorinstanz  gleichsam  von  einer  sorgfältigen  Verfahrensführung  zu  entbinden,  zumal  dem  Beschwerdeführer  durch  ein  solches  Vorgehen  eine Instanz verloren ginge. Eine Heilung der festgestellten Mängel in der  angefochtenen Verfügung aus prozessökonomischen Gründen fällt somit  nicht in Betracht. 5.5.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  die  Vorinstanz  den  Anspruch  der  Beschwerdeführenden  auf  rechtliches  Gehör  verletzt  hat,  indem  sie  deren  Wiedererwägungsgesuch  unsorgfältig  geprüft  und  die  angefochtene  Verfügung  nicht  hinreichend  begründet  hat.  Da  eine  Heilung  dieser  Mängel  im  Rahmen  des  Beschwerdeverfahrens  nicht  angebracht  ist,  ist  die  offensichtlich  begründete  Beschwerde  im  einzelrichterlichen  Verfahren  (Art.  111  Bst.  e  i.V.m.  Art.  111a  Abs.  2  AsylG)  gutzuheissen,  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben  und  die  Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es obliegt  dem  BFM,  über  die  weitere  Vorgehensweise  zu  befinden.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  13. Dezember  2010  eine  als  "Wiedererwägungsgesuch"  bezeichnete  Eingabe  an  das  BFM  gerichtet,  in der die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft beantragt wird. Diese  Eingabe  wurde  vom  BFM  bislang  nicht  anhand  genommen.  Eine  Zusammenlegung der beiden Verfahren könnte sich bei dieser Sachlage  als gerechtfertigt erweisen. 6.  6.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).  6.2.  Den  Beschwerdeführenden  ist  in  Anwendung  von  Art. 64  Abs. 1  VwVG eine Parteientschädigung für die ihnen erwachsenen notwendigen  Vertretungskosten  zuzusprechen  (vgl.  Art. 7  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Der  Rechtsvertreter  hat  keine Kostennote  eingereicht. Die Parteientschädigung  ist  demnach  unter Berücksichtigung der massgebenden Berechnungsfaktoren (Art. 9­ 11 und 13 VGKE) auf Grund der Akten (vgl. Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE) 

D­8555/2010 auf  Fr. 1'300.–  festzulegen  und  das  BFM  ist  anzuweisen,  den  Beschwerdeführenden  diesen  Betrag  als  Parteientschädigung  auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­8555/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen.  2.  Die Verfügung des BFM vom 10. November 2010 wird aufgehoben und  die Sache zur Neubeurteilung an das BFM zurückgewiesen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführenden  eine  Parteientschädigung von Fr. 1'300.– auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Walter Lang Christoph Basler Versand:

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