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Bundesverwaltungsgericht 03.08.2011 D-7193/2009

3 agosto 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,512 parole·~13 min·1

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 14. Oktober 2009

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­7193/2009 Urteil   v om   3 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richter Hans Schürch, Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren X._______, Türkei, vertreten durch lic. iur. Peter Frei, Rechtsanwalt,  Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,   Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 14. Oktober  2009 / N_______.

D­7193/2009 Sachverhalt: A.   A.a. Am 13. Dezember 2000 reiste der Beschwerdeführer ein erstes Mal  in die Schweiz ein und stellte gleichentags in B._______ ein Asylgesuch.  Mit Verfügung vom 22.  Juni 2001  lehnte das Bundesamt  für Flüchtlinge  (BFF) das Asylbegehren gestützt auf Art. 3 und 7 des Asylgesetzes vom  26.  Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  ab.  Auf  die  dagegen  erhobene  Beschwerde  vom  23. Juli  2001  trat  die  Schweizerische  Asylrekurskommission  (ARK)  mangels  Zahlung  des  Kostenvorschusses  mit  Urteil  vom  17. August  2001  nicht  ein.  In  der  Folge  wurde  dem  Beschwerdeführer  mit  Schreiben  des  BFF  vom  22. August  2001  eine  neue  Frist  bis  10. September  2001  zum  Verlassen  der  Schweiz  eingeräumt.  Mit  Schreiben  des  C._______  vom  23. November  2001  wurde  der  Beschwerdeführer  als  "verschwunden  am  11. September  2001" gemeldet. A.b. Am  13.  Juli  2009  reichte  der  Beschwerdeführer  im D._______  ein  zweites Asylgesuch ein. Anlässlich der Kurzbefragung im D._______ vom  16. Juli 2009 führte er dabei im Wesentlichen an, nach seinem Verlassen  der Schweiz zunächst nach E._______ und dann – ab Mitte des Jahres  (...)  –  nach  F._______  weitergereist  zu  sein,  wo  er  sich  jeweils  als  Asylbewerber aufgehalten habe. Im (...) sei er in die Türkei zurückgereist.  Nach  seiner  Rückkehr  habe  er  weder  irgendwelchen  behördlichen  Kontakt  gehabt  noch  sei  er  festgenommen  worden.  Im  Falle  eines  solchen  Kontaktes  wäre  er  schon  alleine  wegen  des  nicht  absolvierten  Militärdienstes festgenommen worden. Bei Anlässen sei er sehr vorsichtig  gewesen oder habe sich auch versteckt gehalten. Ferner werde er wegen  seiner  Tätigkeiten  für  die  G._______  anlässlich  der  Wahlen  vom  (...)  sowie wegen der Teilnahme an der Geburtstagsfeier  von Öcalan  in  (...)  am (...) behördlich gesucht. Am  6.  August  2009  wurde  der  Beschwerdeführer  vom  BFM  direkt  angehört.  In  Ergänzung  zu  seinen  bisherigen  Äusserungen  brachte  der  Beschwerdeführer vor, er habe nach seiner Rückkehr aus F._______ im  Jahre  (...)  bei  seinen  Verwandten  in  H._______  gewohnt  und  dort  unregelmässig gearbeitet.  In der Türkei hätten die Kurden keine Rechte  und würden unterdrückt. So könnten sie in öffentlichen Einrichtungen ihre  Sprache  nicht  sprechen  und  würden  angepöbelt,  wenn  sie  in  ihren  traditionellen Kleidern in die Stadt gingen. Als Kurde wolle er zudem auch  keinen Militärdienst absolvieren. Weiter habe er für die G._______ in den 

D­7193/2009 Jahren  (...)  bis  (...)  an  Seminaren  teilgenommen,  folkloristische  Tätigkeiten ausgeübt und am  (...)  für die Partei  um Stimmen geworben.  Vor  Jahren  habe  er  überdies  ein  Aufgebot  für  die  Musterung  zum  Militärdienst erhalten, welches er  jedoch nicht befolgt habe. Auch sei er  nicht  in  den  Militärdienst  eingerückt.  Deswegen  werde  er  nun  von  den  Militärbehörden gesucht. Er habe daher aus Sicherheitsgründen während  seines  Aufenthaltes  in  H._______  unter  der  Identität  seines  Bruders  I._______,  der  den  Militärdienst  bereits  absolviert  habe,  gelebt  beziehungsweise  dessen  Identitätskarte  auf  sich  getragen.  Auf  die  weiteren  Ausführungen  wird,  soweit  wesentlich,  in  den  nachfolgenden  Erwägungen eingegangen. A.c. Mit Verfügung vom 12. August 2009  trat das BFM gestützt auf Art.  32  Abs.  2  Bst.  e  AsylG  auf  das  neuerliche  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  nicht  ein  und  ordnete  die Wegweisung  sowie  deren  Vollzug  an.  Die  dagegen  erhobene  Beschwerde  vom  25.  August  2009  wurde mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 1. September 2009  gutgeheissen, soweit darauf eingetreten wurde, die Verfügung des BFM  vom  12. August  2009  aufgehoben  und  die  Sache  im  Sinne  der  Erwägungen zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. Zur  Begründung  wurde  angeführt,  dass  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers  Hinweise  dafür  entnommen  werden  könnten,  dass  seit  Abschluss  des  letzten  Asylverfahrens  im  August  2001  Ereignisse  eingetreten  seien,  welche  geeignet  sein  könnten,  die  Flüchtlingseigenschaft  zu  begründen.  Damit  falle  die  Möglichkeit,  in  Anwendung  von  Art.  32  Abs.  2  Bst.  e  AsylG  einen  Nichteintretensentscheid zu fällen, ausser Betracht. A.d. Mit Eingabe vom 16. September 2009 reichte der Beschwerdeführer  weitere Beweismittel (Nennung Beweismittel) zu den Akten. A.e.  Mit  Verfügung  vom  24.  September  2009  wurde  der  Beschwerdeführer  für  den  Aufenthalt  während  des  Asylverfahrens  dem  Kanton J._______ zugewiesen. B.  Mit Verfügung vom 14. Oktober 2009 – eröffnet  am 19. Oktober 2009 –  lehnte  das  BFM  das  Asylbegehren  ab  und  ordnete  gleichzeitig  die  Wegweisung  des Beschwerdeführers  aus  der Schweiz  und  den Vollzug  an.  Die  Vorinstanz  begründete  ihre  Verfügung  im  Wesentlichen  damit,  dass  die  Schilderungen  des  Beschwerdeführers  die  Anforderungen  von 

D­7193/2009 Art. 3 AsylG an die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllten. Der Vollzug der  Wegweisung sei als zulässig, zumutbar und möglich zu erachten. C.  Mit Eingabe vom 18. November 2009 beantragte der Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung,  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  die  Gewährung  von  Asyl.  Eventuell  sei  die  Unzulässigkeit  und  Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs  festzustellen.  In prozessualer  Hinsicht  sei  die  unentgeltliche  Rechtspflege  mit  unentgeltlicher  Verbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 des Bundesgesetzes  vom  20.  Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  zu  gewähren.  Auf  die  Begründung  wird,  soweit  entscheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen. D.  Mit Zwischenverfügung des  Instruktionsrichters vom 24. November 2009  wurde  dem  Beschwerdeführer  mitgeteilt,  dass  er  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  könne.  Für  die  Beurteilung  des  Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art.  65  Abs. 1  VwVG  wurde  auf  einen  späteren  Zeitpunkt  verwiesen  und  gleichzeitig  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  verzichtet.  Das  Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung wurde abgewiesen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art.  5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art.  33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni  2005  [BGG,  SR  173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG  liegt  in  casu  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  demnach endgültig.

D­7193/2009 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung. Er  ist  daher  zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert  (Art.  108 AsylG sowie Art. 105 AsylG  i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1  und Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.4. Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden  in der  Regel  in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen  (vgl. Art. 21  Abs. 1 VGG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf  die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 2.   2.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen  (Art. 3 AsylG). 2.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art.  7  AsylG). 2.3. Begründete Furcht  vor Verfolgung  liegt  vor, wenn  konkreter Anlass  zur  Annahme  besteht,  eine  Verfolgung  hätte  sich  –  aus  der  Sicht  im 

D­7193/2009 Zeitpunkt  der  Ausreise  –  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zeit  verwirklicht  beziehungsweise  werde  sich  –  auch  aus  heutiger  Sicht  –  mit  ebensolcher  Wahrscheinlichkeit  in  absehbarer  Zukunft  verwirklichen.  Eine  bloss  entfernte  Möglichkeit  künftiger  Verfolgung genügt nicht; es müssen konkrete  Indizien vorliegen, welche  den Eintritt der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz aufgezählten  Motive  erfolgenden  –  Benachteiligung  als  wahrscheinlich  und  dementsprechend  die  Furcht  davor  als  realistisch  und  nachvollziehbar  erscheinen  lassen  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2005  Nr.  21  E.  7  S.  193 f., EMARK 2004 Nr. 1 E. 6a S. 9). 3.   3.1.  Die  Vorinstanz  hielt  zur  Begründung  des  ablehnenden  Asylentscheides  im Wesentlichen  fest,  der Beschwerdeführer  befürchte,  als  ethnischer Kurde während des Militärdienstes  im Osten des Landes  im Kampf gegen die Guerilla, mithin gegen Kurden, eingesetzt zu werden.  Die  Dienstpflicht  alleine  sei  jedoch  nicht  asylrelevant,  wenn  die  Streitkräfte  zur Bekämpfung eines  innerstaatlichen Notstands eingesetzt  würden.  Die Wehrpflicht  diene  nämlich  dem Schutz  des  Staates  gegen  Bedrohungen.  Ein  Zusammenhang  zwischen  Ort  der  Stationierung  und  Ethnie des Beschwerdeführers  lasse sich in casu nicht herstellen, zumal  die  Einteilung  in  eine  Truppeneinheit  nach  dem  Zufallsprinzip  vorgenommen werde. Ein Einsatz des Beschwerdeführers  im Osten der  Türkei  (wie  auch  ein  militärstrafrechtliches  Vorgehen  gegen  ein  Dienstversäumnis)  stelle  somit  keine  asylbeachtliche  Massnahme  im  Sinne  des  Asylgesetzes  dar,  woran  auch  die  beiden  eingereichten  Schreiben des Einberufungsamtes (...) nichts zu ändern vermöchten. Weiter mache der Beschwerdeführer geltend, wegen seiner Teilnahme an  verschiedenen  Veranstaltungen  (Demonstrationen;  Geburtstagsfeier  für  Öcalan, etc.) in der Türkei gesucht zu werden. Zudem habe er sich für die  G._______  engagiert.  Auch  bei  Wahrunterstellung  eines  solchen  Engagements  für  die  G._______  könne  ein  gewisses  Interesse  lokaler  Behörden  am  Beschwerdeführer  nicht  ausgeschlossen  werden,  auch  wenn  die  heutige  G._______  eine  legale  Partei  sei.  Dieses  Interesse  genüge  jedoch  nicht,  um  begründete  Furcht  vor  einer  zukünftigen  asylrelevanten  Verfolgung  anzunehmen.  Aus  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers gehe hervor, dass er nicht in exponierter Stellung für  die  G._______  tätig  und  sein  politisches  Engagement  gering  gewesen  sei.  Deshalb  bestehe  keine  beachtliche  Wahrscheinlichkeit,  dass  sich 

D­7193/2009 seine  Befürchtungen  verwirklichen  würden.  Obwohl  derzeit  seitens  der  türkischen  Staatsanwaltschaft  ein  gerichtliches  Verbot  dieser  Partei  angestrengt  werde,  gelte  diese  Schlussfolgerung  nach  wie  vor.  Hinsichtlich  der  Zugehörigkeit  des  Beschwerdeführers  zur  kurdischen  Minderheit sei festzuhalten, dass Angehörige der kurdischen Bevölkerung  in  der  Türkei  Schikanen  und  Benachteiligungen  verschiedenster  Art  ausgesetzt sein könnten. Dabei handle es sich jedoch nicht um ernsthafte  Nachteile  im Sinne des Asylgesetzes, die einen Verbleib  im Heimatstaat  verunmöglichen  oder  unzumutbar  erschweren  würden.  Daher  führe  die  allgemeine Situation,  in welcher sich die kurdische Bevölkerung befinde,  praxisgemäss  für  sich  allein  nicht  zur  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft.  Zudem  habe  sich  im  Zuge  der  verschiedenen  Reformen  in  der  Türkei  seit  dem  Jahre  2001  die  Situation  der  Kurden  merklich  verbessert.  So  würden  rein  kulturelle  Betätigungen  nicht mehr  verfolgt  und  die  kurdische  Sprache  werde  auch  im  öffentlichen  Raum  toleriert. Seit Frühjahr 2004 würden Kurse in Kurdisch angeboten und seit  Juni 2004 strahle das türkische Fernsehen auch Sendungen in kurdischer  Sprache  aus.  Vorliegend  würden  die  geltend  gemachten  Probleme  in  ihrer  Intensität nicht über die Nachteile hinausgehen, welche weite Teile  der  kurdischen  Bevölkerung  in  der  Türkei  in  ähnlicher  Weise  treffen  könnten.  Sie  seien  somit  nicht  als  ernsthaft  zu  qualifizieren  und  daher  asylirrelevant. 3.2.  Demgegenüber  bringt  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Beschwerdeschrift  im  Wesentlichen  vor,  hinsichtlich  des  Militärdienstes  schliesse  auch  die  Vorinstanz  nicht  aus,  dass  er  im  Rahmen  seiner  Dienstpflicht  im  Osten  der  Türkei  gegen  die  Guerilla  der  Kurdischen  Arbeiterpartei (PKK) eingesetzt werden könnte. Dabei möge es zutreffen,  dass die Einteilung nach dem Zufallsprinzip  vorgenommen werde,  auch  wenn das BFM dafür keinen Nachweis liefere. Mit diesem Argument stelle  die Vorinstanz allerdings bloss die Verfolgungsmotivation des  türkischen  Staates in Frage, nicht aber die Tatsache, dass er in einen unerträglichen  Gewissenskonflikt  geraten  würde,  falls  er  tatsächlich  in  der  Osttürkei  Militärdienst  leisten müsste.  In diesem Zusammenhang sei es entgegen  der  vorinstanzlichen  Ansicht  durchaus  möglich,  dass  er  gezwungen  werden könnte,  gegen Kurden kämpfen zu müssen. So würden Medien  immer  wieder  über  Todesfälle  von  kurdischen  Armeeangehörigen  berichten, die aus ungeklärten Gründen ums Leben gekommen seien und  nach  der  offiziellen  Darstellung  als  Selbstmorde  gelten  würden.  Der  allenfalls  gegen  ihn  ausgeübte  staatliche  Zwang  sei  als  asylrelevant  zu  erachten,  zumal  die  Türkei  keine  gesetzlich  vorgesehenen  Alternativen 

D­7193/2009 für Dienstverweigerer kenne.  Im Übrigen sei aufgrund der eingereichten  Unterlagen der Militärbehörden von (...) von einer nationalen Suche nach  seiner  Person  wegen  des  nicht  geleisteten Militärdienstes  auszugehen.  Da er sich  für die G._______ politisch engagiert und an Kundgebungen  sowie Seminaren teilgenommen habe, müsse er im Falle einer Rückkehr  in  die  Türkei  mit  der  Aufdeckung  seiner  wahren  Identität  und  damit  einhergehend  der  Inhaftierung  rechnen.  Dabei  bestehe  im  Gewahrsam  der  Polizei  ein  erhöhtes  Folterrisiko  und  er  müsse  überdies  damit  rechnen, vor ein Militärgericht gestellt, verurteilt und zwangsweise in den  Militärdienst geschickt zu werden. Weiter  erscheine  es  aufgrund  seiner  bisherigen  Ausführungen  weder  widersprüchlich noch unglaubhaft, dass er an der Kundgebung anlässlich  des  Geburtstages  von  Öcalan  in  (...)  teilgenommen  habe.  Die  Demonstration  habe  nicht  in  sein  Heimatdorf  geführt,  wo  er  möglicherweise erkannt worden wäre. Zudem hätten die Teilnehmer eine  grössere  Menschenmenge  gebildet,  weshalb  eine  Prüfung  der  Identität  sämtlicher  Kundgebungsteilnehmer  durch  die  Sicherheitskräfte  zum  Vornherein als unwahrscheinlich erscheine. Auch habe er  innerhalb von  H._______,  also  in  der  Stadt,  und  nicht  in  seinem  Heimatdorf,  um  Stimmen  für  die  G._______  geworben.  Gemäss  Berichten  anerkannter  Menschenrechtsorganisationen könnten politische Aktivisten, welche sich  für die G._______ engagierten, auch dann gefährdet sein, wenn sie nicht  Mitglied  seien oder  eine Kaderfunktion  ausüben würden.  In  casu  könne  der  vorinstanzlichen  Einschätzung,  wonach  das  mögliche  Verfolgungsinteresse der türkischen Behörden an seiner Person nicht für  die Annahme einer begründeten Furcht ausreiche, nicht gefolgt werden.  So  sei  er  bereits  wegen  seiner  Flucht  vor  dem Militärdienst  vorbelastet  und  habe  nachgewiesen,  dass  er  deswegen  auf  nationaler  Ebene  gesucht  werde.  Es  bestehe  ein  "real  risk"  einer  unmenschlichen  Behandlung,  falls er zu einer Rückkehr  in die Türkei gezwungen werde.  Der  Vorinstanz  sei  beizupflichten,  dass  die  schweizerische  Praxis  die  allgemeine  Lage  der  Kurden  und  Kurdinnen  in  der  Türkei  nicht  als  asylrelevant anerkenne. 3.3.  Vorliegend  ist  nach  Prüfung  und  Würdigung  der  bestehenden  Aktenlage  festzuhalten,  dass  es  dem  Beschwerdeführer  mit  seiner  Rechtsmitteleingabe nicht gelingt, die zu Recht getroffene Einschätzung  der Vorinstanz im angefochtenen Entscheid zu seiner Gefährdungslage in  seiner Heimat in einem anderen Licht erscheinen zu lassen.

D­7193/2009 3.3.1. Soweit der Beschwerdeführer anführt, er hätte  in den Militärdienst  einrücken  müssen,  ist  festzuhalten,  dass  gemäss  konstanter  Rechtsprechung  eine  allfällige  Strafe  wegen  Refraktion  oder  Desertion  grundsätzlich  keine  Verfolgung  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  darstellt.  Es  gehört  zu  den  legitimen  Rechten  eines  Staates,  seine  Bürger  zum  Militärdienst  einzuberufen  und  zur  Durchsetzung  der  Wehrpflicht  strafrechtliche oder disziplinarische Sanktionen zu verhängen (vgl. bspw.  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­5392/2010  vom  30. August  2010 und D­1896/2009 vom 22. September 2009; EMARK 2004 Nr. 2 E.  6b.aa  S.  16).  Allerdings  ist  eine  wegen  Missachtung  der  Dienstpflicht  drohende  Strafe  dann  asylrelevant,  wenn  der  Wehrpflichtige  wegen  seines Verhaltens mit einer Strafe zu rechnen hat, welche entweder aus  Gründen  nach  Art.  3  AsylG  diskriminierend  höher  ausfällt  oder  an  sich  unverhältnismässig hoch ist, oder wenn die Einberufung zum Wehrdienst  darauf  abzielt,  einem  Wehrpflichtigen  aus  einem  der  in  Art.  3  AsylG  genannten  Gründe  erhebliche  Nachteile  zuzufügen  oder  diesen  in  völkerrechtlich verpönte Handlungen zu verstricken (EMARK 2004 Nr. 2).  Wehrpflichtige  Männer  werden  in  der  Türkei  aufgrund  der  Staatsangehörigkeit und ihres Jahrgangs für das Militär aufgeboten, ohne  dass dieser Verpflichtung eine asylrechtlich relevante Verfolgungsabsicht  des  Staates  zugrunde  liegen  würde.  Eine  allfällige  Bestrafung  des  Beschwerdeführers  wegen  Wehrdienstverweigerung  wäre  mithin  als  asylrechtlich  nicht  relevant  zu  qualifizieren. Kurdische Refraktäre  haben  ihrer  Ethnie  wegen  nicht  generell  strengere  Strafen  im  Sinne  eines  "Politmalus"  zu  befürchten.  Aufgrund  der  Akten  besteht  kein Grund  zur  Annahme,  dass  ein  allfälliges  Verfahren  gegen  den  Beschwerdeführer  aus anderen als militärstrafrechtlichen Gründen angehoben und er härter  als andere Dienstverweigerer bestraft würde. Allerdings ist bekannt, dass  während  des Militärdienstes  Schikanen  von  türkischen  Kameraden  und  Vorgesetzten gegen Kurden vorkommen, solche Behelligungen jedoch in  der  Regel  nicht  derart  gravierend  sind,  dass  es  sich  um  ernsthafte  Nachteile  im  Sinne  des  Asylgesetzes  handeln  würde.  Die  vom  Beschwerdeführer  geäusserte  Befürchtung, während  des Militärdienstes  im Osten des Landes eingesetzt zu werden,  ist zudem unbegründet, da  für die aktive Bekämpfung der kurdischen Guerillaeinheiten in aller Regel  freiwillige  Spezialeinheiten  der  Armee  und  Gendarmerie  eingesetzt  werden. Es  liegen somit keine Hinweise  für das Vorliegen einer objektiv  begründeten  Furcht  vor  Verfolgung  vor.  An  dieser  Einschätzung  respektive  der  Asylirrelevanz  allfälliger  staatlicher  Massnahmen  vermögen  auch  –  wie  die  Vorinstanz  im  angefochtenen  Entscheid  zu  Recht festhielt – die beiden Schreiben der Einberufungsbehörde von (...) 

D­7193/2009 nichts zu ändern. Immerhin ist zu den beiden Beweismitteln festzustellen,  dass  es  sich  dabei  sowohl  beim Schreiben  des Einberufungsamtes  (...)  an  (...)  als  auch  beim  Schreiben  der  gleichen  Stelle  betreffend  die  Aufforderung  zur  Festnahme  des  Beschwerdeführers  vom  (...)  um  behördeninterne  Mitteilungen  handelt,  in  deren  Besitz  der  Beschwerdeführer  grundsätzlich  gar  nicht  gelangen  könnte.  Zudem gab  der Beschwerdeführer anlässlich der direkten Anhörung an, er könne sich  nicht erinnern, dass er nach seiner Rückkehr im (...) noch einmal für den  Militärdienst  aufgeboten  worden  sein  soll;  seine  Familie  habe  ihn  diesbezüglich nur über eine Vorladung informiert (vgl. act. B9/14, S. 10).  Es  erstaunt  daher,  dass  es  dem  Beschwerdeführer  überhaupt  möglich  war,  die  vorgelegten  Dokumente  in  seiner  Heimat  zu  beschaffen.  Jedenfalls  kann  diesen  aufgrund  obiger  Ausführungen  nur  ein  sehr  eingeschränkter  Beweiswert  zuerkannt  werden  und  sie  vermögen  insbesondere  nicht  dem  Nachweis  einer  landesweiten  behördlichen  Suche  nach  dem  Beschwerdeführer,  die  eine  Verfolgung  im  Sinne  von  Art. 3 AsylG darstellen soll, zu dienen. 3.3.2.  Der  Beschwerdeführer  führt  an,  da  er  sich  für  die  G._______  politisch  engagiert  und  an  Kundgebungen  sowie  Seminaren  teilgenommen habe, müsse er  im Falle einer Rückkehr  in die Türkei mit  der  Aufdeckung  seiner  wahren  Identität  und  damit  einhergehend  mit  seiner  Inhaftierung  rechnen.  Diesbezüglich  ist  zunächst  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  zwar  anführte,  aus  Sicherheitsgründen  die  Identitätskarte  seines  Bruders  I._______  auf  sich  getragen  zu  haben,  gleichzeitig  jedoch angab,  nach  seiner Rückkehr  in  die Türkei  im  Jahre  (...)  nie  in  persönlichen  Kontakt  mit  den  heimatlichen  Behörden  gekommen  zu  sein  (vgl.  act.  B1/9,  S.  5).  Es  ist  daher  zunächst  davon  auszugehen,  dass  die  türkischen  Behörden  weder  von  der  "falschen"  Identität des Beschwerdeführers noch von seiner geringfügigen Tätigkeit  für  die  G._______  (vgl.  auch  untenstehende  Ausführungen)  Kenntnis  erhalten haben können. Weiter ist festzuhalten, dass er eigenen Angaben  zufolge mit seiner eigenen Identitätskarte ausreiste (vgl. act. B1/9, S. 4),  womit  er  sich  jedoch  bei  einer  allfälligen Kontrolle  seiner Person  einem  erheblichen Risiko der Entdeckung ausgesetzt hätte – wegen angeblicher  landesweiter  Suche  im  Zusammenhang  mit  dem  ausstehenden  Militärdienst  –  und  ein  solches  Verhalten  jedenfalls  mit  den  vorher  getroffenen  Vorsichtsmassnahmen  nicht  im  Einklang  steht,  zumal  er  schon für die Rückreise  in seine Heimat  im Jahre (...) einen gefälschten  Nüfus  verwendet  haben  will  (vgl.  act.  B1/9,  S.  5  unten).  In  diesem  Zusammenhang  fällt  auf,  dass  der  Beschwerdeführer  anlässlich  des 

D­7193/2009 ersten  Asylgesuches  angab,  sowohl  sein  Pass  als  auch  seine  Identitätskarte seien beim Schlepper geblieben (vgl. act. A2/9, S. 3), um  im  Rahmen  seines  erneuten  Asylgesuches  anzuführen,  nur  der  Pass  befinde sich seit dem Jahre (...) beim Schlepper (vgl. act. B1/9, S. 3), und  zugleich  seine  Identitätskarte  im  B._______  zu  den  Akten  reichte.  Diesbezüglich bleibt im Dunkeln, wie der Beschwerdeführer in den Besitz  seiner  Identitätskarte  gekommen  sein  will.  Mit  Blick  auf  das  vom  Beschwerdeführer  angeführte  Engagement  für  die  G._______  ist  festzustellen, dass er einerseits eigenen Angaben bei der Erstbefragung  zufolge  wegen  seiner  Tätigkeiten  bei  den  Wahlen  vom  (...)  gesucht  worden  sei  (vgl.  act.  B1/9,  S. 5),  um  andererseits  bei  der  direkten  Anhörung  anzugeben,  er  sei  nicht  an  vorderster  Front  aktiv  gewesen,  sondern habe sich zurückgehalten und sei von den Behörden auch nicht  bei seinen politischen Aktivitäten registriert worden (vgl. act. B9/14, S. 7  ff.). Die noch im Rahmen der Befragung im D._______ angeführte Suche  vermochte  der  Beschwerdeführer  anlässlich  der  direkten  Anhörung  in  keiner Weise zu konkretisieren, sondern führte dort  lediglich an, er habe  keinen persönlichen Kontakt mit den Behörden gehabt, sondern sei von  radikalen  Nationalisten  beschimpft  und  ausgestossen  worden  (vgl.  act.  B9/14,  S.  9  unten).  Substanziiertere  Angaben  zum  vorgebrachten  politischen Engagement bleibt  er  jedenfalls  schuldig. Den Akten zufolge  will er auch kein Mitglied der G._______ gewesen sein (vgl. act. B1/9, S.  5) und sein Engagement für die G._______ (Nennung des Engagements)  erscheint  insgesamt  als  geringfügig  und  klarerweise  als  nicht  exponiert.  Angesichts dessen ist mit Bezug auf Repressionen durch den türkischen  Staat  wegen  Unterstützung  der  G._______  eine  graduell  hohe  und  zeitlich eingrenzbare Eintrittswahrscheinlichkeit nach dem von der Praxis  entwickelten  Verständnis  der  begründeten  Furcht  im  Sinne  von  Art.  3  Abs.  1  AsylG  (vgl.  oben  E.  2.3)  zu  verneinen.  Der  Beschwerdeführer  weist  insgesamt  kein  solches  politisches  Profil  auf,  das  die  türkischen  Behörden  zu  Verfolgungsmassnahmen  veranlassen  könnte.  Allein  aus  dem  Verbot  der  G._______  durch  den  Entscheid  des  türkischen  Verfassungsgerichts  vom  11.  Dezember  2009  lässt  sich  im  fallspezifischen  Kontext  überdies  auch  kein  Verfolgungsrisiko  für  den  Beschwerdeführer herleiten. 3.4.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer  keiner  Verfolgungssituation  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  ausgesetzt  war  respektive  begründete  Furcht  vor  künftigen  ernsthaften  Nachteilen  hat.  Unter  diesen Umständen  kann eine weitergehende Auseinandersetzung  mit  den  in  der  Rechtsmitteleingabe  geäusserten  Einwendungen 

D­7193/2009 unterbleiben, da sie an obiger Einschätzung nichts zu ändern vermögen.  Die  angefochtene  Verfügung  ist  bezüglich  der  Verneinung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  der  Abweisung  des  Asylgesuchs  zu  bestätigen. 4.   4.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 4.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9 S. 733, BVGE 2008/34 E. 9.2 S. 510,  EMARK 2001 Nr. 21). 5.  5.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 5.2.  Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 5.3.  5.3.1.  Der  Vollzug  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  in  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf  keine Person  in  irgendeiner  Form  zur Ausreise  in  ein  Land ge­ zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem  Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, 

D­7193/2009 zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu werden  (Art.  5  Abs.  1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art.  33  Abs.  1  des  Abkommens  vom  28.  Juli  1951  über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art.  25  Abs.  3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  (BV,  SR  101),  Art.  3  des  Übereinkommens  vom  10.  Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR  0.105)  und  der  Praxis  zu  Art.  3  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum Schutze  der Menschenrechte  und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 5.3.2. Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf  hin,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  nur  Personen  schützt,  die  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  es  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann das in Art. 5  AsylG verankerte Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulements  in  casu keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in  den  Heimatstaat  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von  Art.  5  AsylG  rechtmässig. 5.3.3.  Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für  den  Fall  einer  Ausschaffung  in  den  Heimatstaat  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer nach Art.  3 EMRK oder Art.  1 FoK verbotenen  Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss konstanter Praxis des  EGMR  sowie  jener  des  UN  Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche Behandlung  drohen würde  (vgl.  EMARK 2001 Nr.  16 E.  6a  S.  122,  mit  weiteren  Hinweisen;  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§  124  bis  127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Diese  Voraussetzungen  sind  jedoch  in casu als nicht erfüllt  zu erachten. Alleine aus der allgemeinen  Menschenrechtssituation  in  der  Türkei  lässt  sich  kein  reales Risiko  von  Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung  im Sinne von Art. 3 EMRK herleiten.

D­7193/2009 Nach  dem Gesagten  ist  der  Vollzug  der Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 5.4.  5.4.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt,  ist ­ unter Vorbehalt von Art.  83  Abs. 7  AuG  ­  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März  2002, BBl 2002 3818). 5.4.2. Der Begriff der "konkreten Gefährdung" gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG  ist  eng  auszulegen  und  bezieht  sich  vorab  auf  einen  schwerwiegenden  Eingriff  in  die  körperliche  Integrität  des Ausländers. Art.  83 Abs.  4 AuG  findet  insbesondere Anwendung auf Personen,  die  nach  ihrer Rückkehr  einer  konkreten  Gefahr  ausgesetzt  wären,  weil  sie  aus  objektiver  Sicht  wegen der vorherrschenden Verhältnisse mit grosser Wahrscheinlichkeit  unwiederbringlich  in  völlige  Armut  gestossen  würden,  dem  Hunger  und  somit  einer  ernsthaften  Verschlechterung  ihres  Gesundheitszustandes,  der  Invalidität oder gar dem Tod ausgeliefert wären (vgl. BVGE 2009/51  E. 5.5 S. 748, BVGE 2009/41 E. 7.1 S. 576 f., EMARK 2006 Nr. 10 E. 5.1,  mit weiteren Hinweisen). 5.4.3.  Die  allgemeine  Lage  in  der  Türkei  spricht  nicht  gegen  die  Zumutbarkeit  des  Vollzuges  der  Wegweisung.  Vorliegend  ist  der  Wegweisungsvollzug  auch  aus  individuellen  Gründen  als  zumutbar  zu  erachten,  weil  keine  Anhaltspunkte  dafür  bestehen,  dass  der  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  in  die  Türkei  einer  konkreten  Gefährdung  ausgesetzt  wäre.  So  verfügt  er  eigenen  Angaben  zufolge  über  gute  Kenntnisse  der  türkischen  Sprache,  eine  knapp  sechsjährige  Schulbildung sowie über Berufserfahrungen in (...) (vgl. B1/9, S. 2; B9/14,  S.  4).  Damit  bringt  er  relativ  gute  Voraussetzungen  mit,  die  es  ihm  ermöglichen sollten,  in seiner Heimat  in absehbarer Zeit ein Einkommen  zu erzielen und für seinen Unterhalt selber aufzukommen. Zudem hat er  mit  seinen  engsten Familienangehörigen, welche  sich  derzeit  in  seinem  Herkunftsort aufhalten sollen, in seiner Heimat auch ein intaktes soziales  Beziehungsnetz  (vgl.  B1/9,  S.  3).  Sodann  lebt  ein  Bruder  des  Beschwerdeführers  in  der  Schweiz,  der  ihn  zumindest  finanziell  unterstützen  kann  und  dies  Angaben  des  Beschwerdeführers  zufolge 

D­7193/2009 auch schon seit seiner Rückkehr  im Jahre (...) getan habe (vgl. B1/9, S.  3: B9/14, S. 4). 5.4.4.  Nach  dem  Gesagten  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  auch als zumutbar. 5.5.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (Art.  8  Abs.  4  AsylG),  weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist  (Art. 83 Abs. 2 AuG). 5.6.  Insgesamt  ist  der  durch  die  Vorinstanz  verfügte  Vollzug  der  Wegweisung  zu  bestätigen.  Die  Vorinstanz  hat  diesen  zu  Recht  als  zulässig,  zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung der  vorläufigen Aufnahme ausser Betracht  (Art.  83 Abs.  1­4  AuG). 6.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 7.  7.1. Eine Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, wird auf  Antrag  hin  von  der  Bezahlung  der  Verfahrenskosten  befreit,  sofern  ihr  Begehren  nicht  aussichtslos  erscheint  (Art.  65  Abs.  1  VwVG).  Der  Beschwerdeführer  ist seit dem 1. Juli 2010 erwerbstätig, weshalb davon  auszugehen  ist,  er  sei  nicht  bedürftig.  Deshalb  ist  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  –  in  Ermangelung  des  Vorliegens der Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG – abzuweisen. 7.2.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG) und auf  insgesamt  Fr.  600.­  festzusetzen  (Art.  1  ­  3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).

D­7193/2009 (Dispositiv nächste Seite)

D­7193/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird abgewiesen. 3.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Thomas Wespi Stefan Weber Versand:

D-7193/2009 — Bundesverwaltungsgericht 03.08.2011 D-7193/2009 — Swissrulings