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Bundesverwaltungsgericht 27.01.2012 D-7010/2011

27 gennaio 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,635 parole·~8 min·1

Riassunto

Familienzusammenführung (Asyl) | Familienzusammenführung (Asyl); Verfügung des BFM vom 30. November 2011

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­7010/2011/sed Urteil   v om   2 7 .   J a nua r   2012 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Jenny de Coulon Scuntaro, Richter Thomas Wespi,    Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien A._______, geboren am _______, Eritrea,   vertreten durch _______,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Familienzusammenführung zugunsten von  B._______, zurzeit im Sudan; Verfügung des BFM vom 30. November 2011 / _______.

D­7010/2011 Sachverhalt: A.  Die  Ehefrau  des  Beschwerdeführers  –  ebenfalls  eine  Staatsangehörige  von Eritrea –  reichte _______ 2009  in der Schweiz ein Asylgesuch ein.  Dazu wurde sie _______ summarisch befragt und _______ angehört. Mit  Verfügung  des  BFM  vom  _______  2010  wurde  ihrem  Asylgesuch  entsprochen;  sie  wurde  als  Flüchtling  im  Sinne  von  Art.  3  Abs.  1  des  Asylgesetzes  vom 26.  Juni  1998  (AsylG, SR 142.31)  anerkannt  und  ihr  wurde Asyl in der Schweiz gewährt. B.  _______  2010  stellte  die  Ehefrau  bei  der  Vorinstanz  ein  Gesuch  um  Familiennachzug  des  Beschwerdeführers  mit  aktuellem  Aufenthalt  in  einem  _______  Flüchtlingslager  sowie  ihrer  drei  sich  im  Sudan  befindenden  Kinder.  In  der  Folge  bewilligte  das  BFM  dem  Beschwerdeführer  und  den  drei  genannten  Kindern  _______  2010  die  Einreise in die Schweiz.  C.  C.a.  _______  2010  gelangte  der  Beschwerdeführer  _______  in  die  Schweiz.  Hier  wurde  er  _______  summarisch  befragt  und  _______  angehört.  Zur  Begründung  seines  Gesuchs  machte  er  unter  anderem  geltend, in Eritrea Haft und Misshandlungen erlitten zu haben.  C.b.  _______  2010  anerkannte  ihn  die  Vorinstanz  als  Flüchtling   und  gewährte  ihm Asyl. Das BFM berief sich  in diesem Entscheid wiederum  auf Art. 3 Abs. 1 AsylG. C.c. Die drei  vorgenannten Kinder befinden sich gemäss Aktenlage seit  _______ Dezember 2011 in der Schweiz.  D.  Ein vom Beschwerdeführer bereits vor dem Gesuch um Familiennachzug  anhängig gemachtes Verfahren aus dem Ausland gemäss Art. 20 AsylG  ist gemäss Aktenlage noch (formal) hängig (vgl. Dossier _______).  E.  _______  2011  liess  der  Beschwerdeführer  ein  Gesuch  um  Familiennachzug seiner ebenfalls im Sudan weilenden leiblichen Tochter  aus  einer  anderen  Beziehung,  deren  Mutter  gestorben  sei,  stellen.  Am  22.  Juni  2011  erkundigte  er  sich  bei  der  Vorinstanz  nach  dem 

D­7010/2011 Verfahrensstand.  Mit  Eingabe  seiner  Rechtsvertretung  vom  6.  Oktober  2011  machte  er  ergänzende  Angaben  zum  Gesuch  und  reichte  Beweismittel  nach.  Er  legte  dar,  die  genannte  Tochter  habe  bei  seinen  Eltern gelebt und sei im Februar 2011 nach _______ geflohen. Dort lebe  sie  zusammen  mit  ihren  Halbschwestern  bei  einem  Bekannten.  Am  3.  November  2011  ersuchte  der  Beschwerdeführer  um  eine  prioritäre  Behandlung des Falles. F.  Mit Verfügung vom 30. November 2011 – eröffnet am 1. Dezember 2011  – wies  das  BFM  die  Eingabe  vom  _______  2011  als  Gesuch  um  Familienzusammenführung ab und bewilligte die Einreise  in die Schweiz  nicht.  In  ihrem  Entscheid  hielt  die  Vorinstanz  fest,  bei  der  genannten  Tochter  handle  es  sich  zwar  um  ein  leibliches  Kind  des  Beschwerdeführers.  Er  habe  aber  nie  längere  Zeit  mit  ihr  zusammen  gelebt, weshalb es am Erfordernis der Trennung durch die Flucht gemäss  Art. 51 Abs. 4 AsylG  fehle.  Im Weiteren dürfe ein Gesuch  im Sinne von  Art. 51 AsylG grundsätzlich nicht ohne vorgängige Prüfung von möglichen  Gründen  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  abgelehnt  werden.  In  diesem  Zusammenhang  verwies  das  BFM  auf  BVGE  2007/19.  Im  vorliegenden  Fall  seien  indes  keine  diesbezüglichen  Indizien  ersichtlich.  Überdies  beziehe  sich  die  Rechtsprechung  lediglich  auf  Angehörige  einer  Kernfamilie  und  mithin  auf  Eltern  oder  Elternteile,  die  selbstredend  die  elterliche  Gewalt  über  ihre  Kinder  ausübten.  Dieser  Nachweis  sei  im  vorliegenden  Verfahren  nicht  gelungen.  Der  Tochter  sei  aber  unbenommen, ein Asylgesuch aus dem Ausland gemäss Art. 20 AsylG zu  stellen. Ein  solches Gesuch würde nach den  für  diesen Gesetzesartikel  geltenden Bestimmungen geprüft.  G.  Mit Eingabe vom _______ 2011 liess der Beschwerdeführer sein Gesuch  um  Einreisebewilligung  der  genannten  Tochter  erneut  stellen.  Im  Antwortschreiben  vom  _______  2011  wies  das  BFM  wiederum  auf  die  Möglichkeit eines Gesuchs  im Sinne von Art. 20 AsylG hin. Ein solches  würde nach anderen Kriterien geprüft.  H.  H.a. _______ 2011 reichte die Rechtsvertretung des Beschwerdeführers  beim  BFM  eine  als  "Gesuch  um  Wiedererwägung  /  Asylgesuch  im  Ausland" bezeichnete Eingabe ein. Darin beantragte sie das Eintreten auf  das  vorliegende  Gesuch  beziehungsweise  die  wiedererwägungsweise 

D­7010/2011 Feststellung,  es  sei  auf  das  Asylgesuch  einzutreten,  sowie  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  der  Tochter  des  Beschwerdeführers  verbunden  mit  der  Erlaubnis  zur  Einreise  in  die  Schweiz.  Zur  Begründung  wurde  angeführt,  die  Tochter  des  Beschwerdeführers  sei  im  Sudan  in  Bälde  auf  sich  allein  gestellt  und  stehe nicht mehr unter der elterlichen Fürsorge einer anderen Person wie  namentlich auch der Grosseltern  in Eritrea. Zusammen mit den anderen  drei  Kindern,  die  bereits  über  eine  Einreisebewilligung  in  die  Schweiz  verfügten,  sei  sie  bei  einem  Cousin  ihrer  Stiefmutter  in  _______  untergebracht.  Dieser  Cousin  fürchte  um  seine  eigene  Sicherheit  und  könne  nicht  mehr  lange  auf  die  Tochter  des  Beschwerdeführers  achtgeben; vielmehr beabsichtige er, nach der Ausreise der drei anderen  Kinder des Beschwerdeführers in ein europäisches Land weiterzufliehen.  Für  die  genannte  Tochter  des  Beschwerdeführers  sei  es  mithin  sehr  wichtig, zusammen mit ihren Halbgeschwistern in die Schweiz zu reisen.  Im Übrigen habe der Beschwerdeführer nicht freiwillig getrennt von seiner  Tochter gelebt, sondern unter Zwang langjährigen Militärdienst  geleistet.  Seine  Vaterpflichten  habe  er  gleichwohl  sowohl  ihr  wie  auch  den  drei  anderen  Kindern  gegenüber  wahrgenommen.  Im  Weiteren  treffe  die  Einschätzung  des  BFM,  das  Vorliegen  der  elterlichen  Sorge  habe  Einfluss  auf  die  Frage  des  Eintretens  auf  ein  Asylgesuch  aus  dem  Ausland, ohnehin nicht zu. Ferner bestünden deutliche Hinweise auf das  Vorliegen  der  Flüchtlingseigenschaft  der  Tochter.  Sie  sei  wegen  ihrer  Eltern unter Druck gesetzt worden. Nach einem Fluchtversuch aus Eritrea  sei  sie _______ 2010  für drei Wochen  inhaftiert worden. _______ 2011  sei  es  ihr  gelungen,  ausser  Landes  zu  fliehen.  Im  Falle  der  Rückkehr  müsse sie mit Haft und Folter  rechnen. Ausserdem bestehe bei  ihr eine  offensichtliche  Beziehungsnähe  zur  Schweiz,  weshalb  ihr  nicht  zuzumuten sei, im Sudan zu verbleiben.  H.b. Am 13. Dezember 2011 übermittelte die Rechtsvertretung dem BFM  eine  von  der  erwähnten  Tochter  des  Beschwerdeführers  _______  unterzeichnete Vollmacht vom _______.  I.  Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 29. Dezember 2011 beantragte  der  Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  vom  30.  November  2011,  die  Erteilung  einer  Einreisebewilligung  für  seine  Tochter  gestützt  auf  Art.  51  AsylG,  eventualiter  die  Gutheissung  ihres  Asylgesuchs  nach  Art.  20  AsylG  verbunden mit der Erteilung einer Einreisebewilligung, subeventualiter die 

D­7010/2011 Anweisung  der  vorinstanzlichen  Behörde,  auf  das  Asylgesuch  gestützt  auf Art. 20 AsylG einzutreten verbunden mit der sofortigen Erteilung der  Einreisebewilligung zwecks Feststellung der Flüchtlingseigenschaft sowie  in  prozessualer  Hinsicht  die  unentgeltliche Rechtspflege  (Art. 65  Abs.  1  und  2  des  Verwaltungsverfahrensgesetzes  vom  20. Dezember  1968  [VwVG,  SR 172.021])  samt  Entbindung  von  der  Vorschusspflicht.  Zur  Begründung  wiederholte  er  im  Wesentlichen  Erwägungen  der  Eingabe  vom  _______  2011  und  brachte  ergänzende  Argumente  vor.  Auf  diese  wird  –  soweit  erforderlich  –  in  den  nachfolgenden  Erwägungen  eingegangen.  J.  Am  3.  Januar  2012  bestätigte  das  Bundesverwaltungsgericht  den  Eingang der Beschwerde.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Der Beschwerdeführer macht  in seiner Eingabe vom _______ 2011  beim BFM geltend, der angefochtene Entscheid vom 29. November 2011  sei  ursprünglich  falsch.  Soweit  er  damit  die  (analoge)  Anwendung  von  Revisionsgründen im Rahmen eines Wiedererwägungsverfahrens bei der  Vorinstanz  zu  erwirken  sucht,  kann  ihm  nicht  gefolgt  werden.  Solche  Gründe  können  vorliegend  insofern  nicht  zur  Anwendung  gelangen,  als 

D­7010/2011 der dafür massgebliche Sachverhalt offensichtlich bereits innert laufender  Beschwerdefrist und damit im ordentlichen Beschwerdeverfahren geltend  gemacht  werden  konnte  und  wurde  (vgl.  Art.  66  Abs.  3  VwVG).  Entsprechend ist auch die Eingabe vom _______ 2011 grundsätzlich als  Teil der Beschwerde gegen den besagten Entscheid entgegenzunehmen.  1.4.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist – unter Vorbehalt der nachfolgenden Erwägungen  – einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1. Nach Art. 51 Abs. 1 AsylG werden – unter dem Titel Familienasyl –  namentlich die Ehegatten und die minderjährigen Kinder von Flüchtlingen  ihrerseits  als  Flüchtlinge  anerkannt  und  erhalten  Asyl  in  der  Schweiz,  wenn  keine  besonderen  Umstände  dagegen  sprechen.  Diese  Bestimmung zielt auf die Mitglieder der Kernfamilie ab, welche mit einem  Flüchtling  in  die  Schweiz  eingereist  sind,  ihrerseits  aber  keine  eigenen  Asylgründe (im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG) geltend machen können,  sondern  sich  auf  der  Basis  ihrer  Familienbande  ebenfalls  auf  die  Gesuchsgründe  des  Flüchtlings  –  hier  des  Beschwerdeführers –  abstützen.  Zentrale  Bedingung  für  den  Einbezug  in  die  Flüchtlingseigenschaft  ist  dabei,  dass  bereits  vor  der  Flucht  eine  Familiengemeinschaft  bestanden  hat  (vgl.  dazu  die  Botschaft  zur  Totalrevision des Asylgesetzes sowie zur Änderung des Bundesgesetzes  über  Aufenthalt  und  Niederlassung  der  Ausländer  vom  4.  Dezember  1995, BBl 1996 II 68):  "Der Leitgedanke des Familienasyls besteht darin, den Rechtsstatus der  zum  Zeitpunkt  der  Flucht  bestehenden  Kernfamilie  eines  Flüchtlings  einheitlich  zu  regeln,  sofern  sie  dieselbe  Nationalität  wie  der  Flüchtling  besitzt.  Diese  einheitliche  Regelung  rechtfertigt  sich,  da  davon 

D­7010/2011 ausgegangen  wird,  dass  die  engsten  Familienangehörigen  unter  der  Verfolgung  des  Ehegatten  beziehungsweise  der  Ehegattin  respektive  eines Elternteils im Heimatstaat mitgelitten haben oder selbst der Gefahr  der Verfolgung ausgesetzt waren. Dabei  ist  es unerheblich, ob einzelne  Familienmitglieder tatsächlich verfolgt wurden. Eine conditio sine qua non  der  Konzeption  des  Familienasyls  ist  daher  die  Tatsache,  dass  zum  Zeitpunkt der Flucht eine Familiengemeinschaft bestanden haben muss." 3.2.  Ebenfalls  unter  dem  Titel  Familienasyl  bestimmt  Art.  51  Abs.  4  AsylG,  dass  jenen  Personen,  welche  aufgrund  ihrer  persönlichen  Beziehung  (im  Sinne  von  Art.  51  Abs.  1  AsylG)  einen  Anspruch  auf  Einbezug  in  die  Flüchtlingseigenschaft  und  die  Gewährung  von  Asyl  haben, auf Gesuch hin die Einreise in die Schweiz zu bewilligen ist, wenn  sie  sich  noch  im  Ausland  befinden  und  sie  durch  die  Flucht  getrennt  wurden.  Diese  Bestimmung  zielt  auf  Mitglieder  der  Kernfamilie  ab,  welche  aufgrund der Umstände der Flucht von der  in der Schweiz als Flüchtling  anerkannten  Person  getrennt  wurden.  Darunter  fallen  namentlich  die  Ehegatten und die noch minderjährigen Kinder von Flüchtlingen, welche  sich  noch  im  Heimatstaat  befinden  oder  erst  einen  Drittstaat  erreicht  haben. Diesen ist – im Sinne des Familiennachzuges – die Einreise in die  Schweiz  zu  bewilligen,  jedoch  ebenfalls  nur  dann, wenn  eine Trennung  durch  die  Fluchtumstände  stattgefunden  hat.  Auch  in  diesem  Fall  ist  demnach  eine  conditio  sine  qua  non  die  Tatsache,  dass  zum Zeitpunkt  der Flucht eine Familiengemeinschaft bestanden haben muss. Zweck der  Bestimmung  von  Art.  51  Abs.  4  AsylG  ist  somit  alleine  die  Wiedervereinigung von vorbestandenen Familiengemeinschaften. 4.  4.1.  In  seinem  Entscheid  hat  das  BFM  die  Anforderungen  von  Art.  51   Abs. 4 AsylG  im Falle der vormals  in Eritrea verbliebenen und sich  jetzt  im  Sudan  aufhaltenden  minderjährigen  Tochter  des  Beschwerdeführers  als  nicht  erfüllt  erkannt  und  die  Erteilung  einer  Einreisebewilligung  verweigert.  Zur  Begründung  dieses  Entscheides  hat  das  BFM  im  Wesentlichen angeführt, der Beschwerdeführer habe nie längere Zeit mit  ihr  zusammengelebt und sei entsprechend nicht durch seine Flucht  von  ihr  getrennt  worden.  In  den  Rekurseingaben  wird  geltend  gemacht,  er  habe  nicht  freiwillig  getrennt  von  seiner  Tochter  gelebt,  sondern  unter  Zwang  langjährigen Militärdienst  geleistet.  Seine  Vaterpflichten  habe  er  gleichwohl  sowohl  ihr  wie  auch  den  drei  anderen  Kindern  gegenüber 

D­7010/2011 wahrgenommen. Besagte Tochter habe bis zum Tod der Kindsmutter bei  dieser  gelebt.  Danach  habe  sie  sich  abwechselnd  bei  den  Grosseltern  väterlicherseits und der Stiefmutter sowie Halbgeschwistern aufgehalten.  Er  habe  eine  sehr  enge  Beziehung  zu  ihr.  Sie  sei  auch  in  der  neuen  Familie als Mitglied in Erscheinung getreten und habe zu ihrer Stiefmutter  und den drei Halbgeschwistern eine enge Beziehung.  4.2.  Die  Argumente  des  Beschwerdeführers  vermögen  nicht  zu  überzeugen.  Gemäss  seinen  Ausführungen  hat  er  sich  _______  1996  verheiratet. Von der Heirat bis zur Ausreise habe er grundsätzlich bei den  Schwiegereltern  der  Gattin  in  _______  Wohnsitz  gehabt.  Er  habe  sich  dort  nur  in  der  militärischen  Urlaubszeit  aufhalten  können.  Die  Tochter  aus einer anderen Beziehung habe bei seinen Eltern  in _______ gelebt       (B  1/12  S.  1  ff.).  Vor  diesem  Hintergrund  erscheint  die  vorinstanzliche  Erwägung,  wonach  der  Beschwerdeführer  und  die  uneheliche  Tochter  nicht  im gleichen Haushalt  lebten, als berechtigt. Einzuräumen  ist,  dass  der  Beschwerdeführer  wegen  des  Militärdienstes  und  der  Inhaftierung  unter  entsprechend  erschwerten  Bedingungen  das  Familienleben  gepflegt  haben  dürfte;  am Umstand, wonach  sich  die  erwähnte  Tochter  offenbar  nicht  bei  seiner  Familie  aufgehalten  hat,  ändern  diese  Sachverhaltselemente indes nichts. Zwar wird in der Beschwerde geltend  gemacht, die Tochter habe sich nebst bei seinen Eltern auch bei seiner  eigenen  Familie  bei  der  Stiefmutter  und  den  Halbgeschwistern  aufgehalten.  Diese  Vorbringen  werden  durch  die  vorhandenen  Akten  indes nicht hinreichend gestützt. Vielmehr fällt auf, dass die Stiefmutter in  ihrem Asylverfahren die Stieftochter nicht  erwähnte. Schliesslich wusste  der  Beschwerdeführer  anlässlich  seiner  Anhörung  vom  _______  2010  insbesondere  auch  den  aktuellen  Aufenthaltsort  seiner  ausserehelichen  Tochter, welche sich mittlerweile  im Sudan befinden soll, nicht  (B 11/12  S.  3).  Auch  diese  Tatsache  spricht  gegen  die  geltend  gemachte  enge  Beziehung respektive die Familiengemeinschaft vor der Flucht.  4.3.  Zusammenfassend  besteht  kein  Anlass  zur  Annahme,  der  Beschwerdeführer  sei  seiner  ausserehelichen  Tochter  in  einer  gelebten  Familiengemeinschaft  verbunden  geblieben  und  diese  Verbindung  sei  alleine  durch  die  Flucht  abgerissen.  Die  Annahme  einer  Familiengemeinschaft  im  Sinne  der  vorstehenden  Erwägungen,  welche  eine einheitliche Regelung  respektive die Bewilligung der Einreise unter  dem  Titel  "Familienasyl"  rechtfertigen  würde,  da  die  Tochter  unter  der  Verfolgung  ihres  Vaters  mitgelitten  habe,  fällt  damit  gestützt  auf  die  vorinstanzlichen Akten und die Beschwerdeeingaben, soweit letztere sich 

D­7010/2011 zur  Familienzusammenführung  äussern,  ausser  Betracht.  Eine  Behandlung  der  Sache  etwa  analog  der  Behandlung  von  ehemaligen  Häftlingen,  welche  ebenfalls  ihren  Aufenthaltsort  nicht  frei  wählen  konnten und deswegen unter Umständen über Jahre von den Mitgliedern  ihrer Kernfamilie getrennt waren, ist damit aufgrund der anders gearteten  familiären  Verhältnisse  des  Beschwerdeführers  abzulehnen.  In  seinem  Fall  ist demnach in Bezug auf seine aussereheliche Tochter die conditio  sine  qua  non  des  Familienasyls  –  das  Bestehen  einer  Familiengemeinschaft  zum  Zeitpunkt  der  Flucht  –  als  nicht  erfüllt  zu  erkennen.  Bei  dieser  Sachlage  kann  mangels  Relevanz  davon  abgesehen  werden,  auf  diesbezügliche  weitere  Beschwerdevorbringen  näher einzugehen.  4.4.  Der  Wunsch  des  Beschwerdeführers  nach  einem  Nachzug  seiner  mittlerweile  im  Sudan  befindlichen  minderjährigen  Tochter  (zusammen  mit  den  ehelichen  Kindern)  ist  augenfällig.  In  dieser  Hinsicht  ist  jedoch  festzuhalten,  dass  die  geltende  Asylgesetzgebung  keine  weitere  respektive  andere  Handhabe  bietet,  um  der  im  Ausland  befindlichen  Tochter  die  Einreise  in  die  Schweiz  zwecks  Einbezug  in  die  Flüchtlingseigenschaft  und  die  Gewährung  des  Familienasyls  zu  bewilligen.  Weder  die  Bestimmungen  von  Art.  8  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) noch jene des Internationalen Paktes  vom 16. Dezember 1966 über bürgerlichen und politische Rechte (UNO­ Pakt  II,  SR.  0.103.2)  können  im  Asylverfahren  ergänzend  angewandt  werden.  Vielmehr  stünde  dem  Beschwerdeführer  für  eine  Aufenthaltsregelung  seiner  Tochter  in  der  Schweiz  –  gestützt  auf  die  genannten  Bestimmungen  –  der  Weg  über  die  in  dieser  Hinsicht  zuständige ausländerrechtliche Behörde offen. Insofern ist er anzuhalten,  sich an die für ihn zuständige kantonale Behörde zu wenden, falls er sich  weiterhin um die Bewilligung einer Einreise seiner unehelichen Tochter im  Sinne  des  Familiennachzuges  bemühen  will  (vgl.  dazu  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2002   Nr. 6 S. 43 und untenstehend Ziff. 6). 4.5. Schliesslich hat die Vorinstanz auch zu Recht darauf verzichtet, das  Gesuch  des  Beschwerdeführers  um  Familiennachzug  seiner  Tochter  unter dem Aspekt des Asylgesuches aus dem Ausland im Sinne von Art.  20  AsylG  zu  beurteilen.  Schriftliche  Eingaben  von  Privaten  an  die  Behörden  sind  so  auszulegen,  wie  sie  nach  Treu  und  Glauben  verstanden  werden  durften  und  mussten  (vgl.  BVGE  2007/19).  Den 

D­7010/2011 Eingaben  im vorinstanzlichen Verfahren waren – wie das BFM zu Recht  festhält – jedoch keinerlei Anhaltspunkte zu entnehmen, welche auf eine  Gefährdung  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  hinwiesen  und  die  damit  die  Durchführung  eines  Asylverfahrens  aus  dem  Ausland  gerechtfertigt  hätten. Demzufolge war das Gesuch allein unter dem Gesichtspunkt des  Familienasyls  im  Sinne  von  Art.  51  Abs.  4  AsylG  zu  prüfen.  Daran  vermag auch nichts zu ändern, dass entsprechende Vorbringen nun auf  Beschwerdeebene eingebracht werden, dem ist vielmehr  in einem durch  das BFM neu anzuhebenden Verfahren Rechnung zu tragen (vgl. Ziff. 6  untenstehend). Gegenstand  der  vorinstanzlichen  Verfügung  war  die  Prüfung  des  Asylgesuchs  im  Rahmen  einer  Familienzusammenführung  gemäss  Art.  51     Abs.  1  und  4  AsylG  sowie  des  Gesuchs  um  Erteilung  einer  Einreisebewilligung. Die Eventualanträge – soweit sie im Zusammenhang  mit  Art.  20  AsylG  stehen  –  stellen  eine  unzulässige  Erweiterung  des  Verfahrensgegenstands dar, weshalb auf sie nicht einzutreten ist.  5.  Nach vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass das BFM zu Recht das  Gesuch  um  Familienzusammenführung  im  Sinne  von  Art.  51  Abs.  4  AslyG  abgelehnt  und  der  im  Ausland  befindlichen  Tochter  des  Beschwerdeführers  die  Einreise  in  die  Schweiz  verweigert  hat.  Die  angefochtene  Verfügung  ist  daher  zu  bestätigen  und  die  Beschwerde  abzuweisen. 6.  Hingegen  liegt  aufgrund  der  Beschwerdeeingaben  nunmehr  ein  Asylgesuch aus dem Ausland im Sinne von Art. 20 AsylG vor. Die Akten  sind  entsprechend  dem  BFM  zur  beförderlichen  Behandlung  dieses  Gesuches  zu  übermitteln  (Art.  8  VwVG).  Diese  Einschätzung  erscheint  namentlich auch in Berücksichtigung der expliziten Hinweise des BFM zur  Möglichkeit  der Asylgesuchstellung  im angefochtenen Entscheid  und  im  Antwortschreiben vom _______ 2011 als angezeigt. 7.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Sie sind indes in  Gutheissung  des  Gesuchs  um  unentgeltliche  Verfahrensführung  zu  erlassen, zumal der Beschwerdeführer den Akten zufolge als bedürftig zu  qualifizieren ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch im Sinne von Art. 65  

D­7010/2011 Abs.  2  VwVG  ist  abzuweisen,  zumal  die  sachliche  Notwendigkeit  der  Verbeiständung  angesichts  der  Untersuchungsmaxime  nicht  gegeben  war. (Dispositiv nächste Seite)

D­7010/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2.  Es  werden  in  Gutheissung  des  Gesuchs  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Das Gesuch im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG wird abgewiesen.  4.  Die Akten werden dem BFM zur Behandlung des Asylgesuchs aus dem  Ausland (Tochter B._______ des Beschwerdeführers) überwiesen.  5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand:

D-7010/2011 — Bundesverwaltungsgericht 27.01.2012 D-7010/2011 — Swissrulings