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Bundesverwaltungsgericht 15.12.2011 D-6655/2011

15 dicembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·890 parole·~4 min·1

Riassunto

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 30. November 2011

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­6655/2011 Urteil   v om   1 5 .   D e z embe r   2011 Besetzung Einzelrichter Robert Galliker, mit Zustimmung von Richter Martin Zoller; Gerichtsschreiberin Daniela Brüschweiler. Parteien A._______, geboren am (…), Niger,  (…)  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin­Verfahren); Verfügung des BFM vom 30. November 2011 / N (…).

D­6655/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass der Beschwerdeführer eigenen Angaben zufolge seinen Heimatstaat  im  Jahre  2005  verliess  und  über  Libyen  im Mai  2011  nach  Lampedusa  gelangte, dass er am 3. November 2011 in der Schweiz einreiste und am folgenden  Tag um Asyl nachsuchte, dass  das  BFM  aufgrund  einer  Abfrage  der  EURODAC­Datenbank  feststellte,  der  Beschwerdeführer  habe  am  (…)  2011  in  Italien  um Asyl  nachgesucht, dass  dem  Beschwerdeführer  im  Rahmen  seiner  Befragung  zur  Person  am  17. November  2011  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  B._______  das  rechtliche  Gehör  zum  Nichteintretensentscheid,  zum  EURODAC­Ergebnis  sowie  zu einer allfälligen Wegweisung nach  Italien  gewährt wurde, dass  er  dabei  angab,  er  sei  in  Italien  obdachlos,  man  erhalte  keine  Papiere und es gebe auch kein Essen, dass  für  die  weiteren  Aussagen  des  Beschwerdeführers  auf  die  Akten  verwiesen wird, dass  das  BFM  mit  Verfügung  vom  30.  November  2011  –  eröffnet  am  6. Dezember  2011  –  in  Anwendung  von  Art. 34  Abs.  2  Bst.  d  des  Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch  nicht eintrat und die Wegweisung nach Italien anordnete, dass das Bundesamt den Beschwerdeführer gleichzeitig aufforderte, die  Schweiz  spätestens  am  Tag  nach  Ablauf  der  Beschwerdefrist  zu  verlassen,  den  Kanton  C._______  mit  dem  Vollzug  der  Wegweisungsverfügung  beauftragte,  festhielt,  eine  Beschwerde  gegen  diese  Verfügung  habe  keine  aufschiebende  Wirkung,  und  ihm  die  editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aushändigte, dass  das  BFM  zur  Begründung  im  Wesentlichen  anführte,  der  Beschwerdeführer  sei  am  9.  Mai  2011  in  Italien  illegal  in  das  Hoheitsgebiet  der  Dublin­Staaten  eingereist  und  habe  am  (…)  2011  in  Italien um Asyl ersucht,

D­6655/2011 dass  gestützt  auf  das  Abkommen  vom  26. Oktober  2004  zwischen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen Staates für die Prüfung eines in einem Mitgliedstaat oder  in  der  Schweiz  gestellten  Asylantrags  (Dublin­Assoziierungsabkommen  [DAA,  SR 0.142.392.68])  und  auf  das  Übereinkommen  vom  17. Dezember  2004  zwischen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft,  der Republik Island und dem Königreich Norwegen über die Umsetzung,  Anwendung  und  Entwicklung  des  Schengen­Besitzstands  und  über  die  Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Staates für die  Prüfung  eines  in  der  Schweiz,  in  Island  oder  in  Norwegen  gestellten  Asylantrags  Italien  für  die  Durchführung  des  Asylverfahrens  zuständig  sei, dass das BFM am 14. November 2011 gestützt auf Art. 16 Abs. 1 Bst. c  der  Verordnung  [EG]  Nr.  343/2003  des  Rates  vom  18.  Februar  2003  (Dublin­II­Verordnung;  nachfolgend  Dublin­II­VO)  die  italienischen  Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers ersucht habe, dass  die  italienischen  Behörden  innerhalb  der  festgelegten  Frist  zum  Übernahmeersuchen  des  BFM  keine  Stellung  genommen  hätten,  somit  gemäss DAA und unter Anwendung von Art. 20 Abs. 1 Bst. c Dublin­II­VO  die  Zuständigkeit,  das Asyl­  und Wegweisungsverfahren  durchzuführen,  am 29. November 2011 auf Italien übergegangen sei, dass die Überstellung – vorbehältlich einer allfälligen Unterbrechung oder  Verlängerung – bis spätestens am 29. Mai 2012 zu erfolgen habe, dass den Einwänden des Beschwerdeführers entgegenzuhalten sei, dass  Italien  die  Richtlinie  2003/9/EG  des  Rates  vom  27.  Januar  2003  (sogenannte  Aufnahmerichtlinie),  welche  zahlreiche  Mindestnormen  für  die  Aufnahme  und  Betreuung  von  Asylsuchenden  beinhalte,  ohne  Beanstandung  von  Seiten  der  Europäischen  Kommission  umgesetzt  habe, die medizinische Grundversorgung sichergestellt sei und er sich an  die  dafür  zuständigen  Behörden  zu  wenden  habe,  um  die  nötige  Unterstützung zu beantragen, dass somit auf das Asylgesuch nicht einzutreten sei, die Wegweisung aus  der Schweiz die Regelfolge des Nichteintretens auf ein Asylgesuch und  der Vollzug der Wegweisung nach Italien zulässig, zumutbar und möglich  sei,

D­6655/2011 dass  bezüglich  der  weiteren  Erwägungen  auf  die  vorinstanzliche  Verfügung zu verweisen ist, dass  der  Beschwerdeführer  mit  Eingabe  vom  7.  Dezember  2011  (Poststempel:  9.  Dezember  2011)  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhob und dabei sinngemäss die  Aufhebung der angefochtenen Verfügung beantragte, dass  die  vorinstanzlichen  Akten  am  13.  Dezember  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht eintrafen (Art. 109 Abs. 2 AsylG), und zieht in Erwägung, dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig  über Beschwerden gegen Verfügungen (Art. 5 des Bundesgesetzes vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  [VwVG,  SR 172.021])  des  BFM  entscheidet,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG  i. V. m.  Art. 31 – 33  des Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom 17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG nicht  vorliegt, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet, dass  der  Beschwerdeführer  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  ist,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  ist  (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass  somit  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  einzutreten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 VwVG), dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten Richterin  entschieden wird  (Art. 111 Bst. e AsylG)  und  es 

D­6655/2011 sich  vorliegend,  wie  nachfolgend  aufgezeigt,  um  eine  solche  handelt,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen  ist  (Art. 111a Abs. 2 AsylG), dass  gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  vorliegend  auf  einen  Schriftenwechsel verzichtet wurde, dass  bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM  ablehnt,  das  Asylgesuch  auf  seine  Begründetheit  hin  zu  überprüfen  (Art. 32 – 35  und  Art.  35a  Abs.  2  AsylG),  die  Beurteilungskompetenz  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt  ist,  ob  die  Vorinstanz  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch  nicht  eingetreten  ist  (vgl.  das  zur  Publikation  vorgesehene  Urteil  E­ 7221/2009 vom 10. Mai 2011 E. 5), dass  auf  Asylgesuche  in  der  Regel  nicht  eingetreten  wird,  wenn  Asylsuchende  in  einen  Drittstaat  ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zuständig ist (Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG), dass der Beschwerdeführer am 9. Mai 2011 in Italien in den Dublin­Raum  einreiste, dass er am (…) 2011 in Italien um Asyl ersuchte, dass die italienischen Behörden das Ersuchen des BFM um Übernahme  des  Beschwerdeführers  innerhalb  der  festgelegten  Frist  unbeantwortet  liessen, weshalb gestützt auf Art. 20 Abs. 1 Bst. c Dublin­II­VO von einer  stillschweigenden Zustimmung Italiens auszugehen ist, dass  der  Beschwerdeführer  somit  ohne  weiteres  in  einen  Drittstaat  (vorliegend  Italien)  ausreisen  kann,  welcher  für  die  Prüfung  seines  Asylantrages staatsvertraglich zuständig ist, dass  hinsichtlich  des  Einwandes  des  Beschwerdeführers,  er  habe  in  Italien keine Unterkunft gehabt und keine Hilfe erhalten,  festzuhalten  ist,  dass  Italien  unter  anderem  Signatarstaat  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR 0.142.30),  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  und  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember 1984 gegen Folter oder andere grausame, unmenschliche  oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) ist,

D­6655/2011 dass  sich  das  italienische  Asylsystem  aufgrund  der  jüngsten  Entwicklungen  im  nordafrikanischen  Raum  verbunden  mit  erhöhtem  Zustrom  von  Asylsuchenden  zwar mit  erheblichen  Kapazitätsproblemen  konfrontiert sieht, dass  Italien aufgrund seiner  impliziten Zustimmung  indes verpflichtet  ist,  über das Asylgesuch des Beschwerdeführers zu befinden, und vorliegend  keine  konkreten  Hinweise  dafür  bestehen,  der  italienische  Staat  würde  den  Zugang  zu  einem  funktionierenden  Asylverfahren  nicht  gewährleisten, dass  Asylsuchende  in  Italien  bei  der  Unterkunft,  der  Arbeit  und  dem  Zugang  zur  medizinischen  Infrastruktur  zwar  gewissen  Schwierigkeiten  ausgesetzt  sein  können,  wobei  sich  bereits  vorbestandene  Kapazitätsprobleme in jüngster Zeit akzentuiert haben dürften, dass  jedoch  auch  unter  Berücksichtigung  dieser Umstände  kein  Anlass  zur  Annahme  besteht,  der  Beschwerdeführer  würde  nach  der  Rückführung in Italien in eine existenzielle Notlage geraten,  dass  das  vorliegende  Urteil  in  Übereinstimmung  mit  der  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts zum Wegweisungsvollzug nach Italien ergeht  (vgl. BVGE 2010/45, Urteile des Bundesverwaltungsgerichts E­3223/2011  vom 14. Juni 2011 und E­2908/2011 vom 25. Mai 2011), dass allein der Wunsch des Beschwerdeführers nach einem "Bleiberecht"  in  der  Schweiz  kein  Grund  ist,  eine  Überstellung  nach  Italien  auszuschliessen, dass  weder  den  vorinstanzlichen  Akten  noch  der  Beschwerdeschrift  Hinweise  auf  eine  besondere  Verletzlichkeit  des  Beschwerdeführers  entnommen werden können, dass  somit  ohne weiteren Begründungsaufwand  davon  auszugehen  ist,  das BFM habe keine Veranlassung zu einem Selbsteintritt gehabt, dass das BFM demnach in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d   AsylG  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  nicht  eingetreten  ist,

D­6655/2011 dass  die  Anordnung  der  Wegweisung  nach  Italien  der  Systematik  des  Dublin­Verfahrens  entspricht  und  nach  dem Nichteintretensentscheid  im  Einklang mit der Bestimmung von Art. 44 Abs. 1 AsylG steht, dass  im Rahmen des Dublin­Verfahrens  –  bei  dem es  sich, wie  bereits  erwähnt,  um  ein  Überstellungsverfahren  in  den  für  die  Prüfung  des  Asylgesuches  zuständigen  Staat  handelt  –  systembedingt  kein  Raum  bleibt  für  Ersatzmassnahmen  im  Sinne  von  Art. 44  Abs. 2  AsylG  i.V.m.  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen und Ausländer (AuG, SR 142.20), dass eine entsprechende Prüfung, soweit notwendig, vielmehr bereits im  Rahmen  des  Dublin­Verfahrens  stattfinden  muss  (vgl.  vorstehende  Erwägungen, BVGE 2010/45 E.10.2), dass  vorliegend  –  wie  aufgezeigt  –  kein  Anlass  für  die  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts (Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO) besteht, weshalb der vom  Bundesamt verfügte Vollzug der Wegweisung nach  Italien zu bestätigen  ist, dass  es  dem  Beschwerdeführer  demnach  nicht  gelungen  ist  darzutun,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  den  rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig  feststellt oder  unangemessen ist (Art. 106 AsylG), weshalb die Beschwerde abzuweisen  ist,  dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  die  Kosten  von  Fr.  600.­­  (Art. 1 – 3  des Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1  und 5 VwVG). (Dispositiv nächste Seite)

D­6655/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.   Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Robert Galliker Daniela Brüschweiler Versand:

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