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Bundesverwaltungsgericht 10.02.2012 D-6297/2010

10 febbraio 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,470 parole·~12 min·3

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 3. August 2010

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­6297/2010 Urteil   v om   1 0 .   Februar   2012 Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz), Richter Hans Schürch, Richter Daniele Cattaneo; Gerichtsschreiber Matthias Jaggi. Parteien 1. A._______, geboren (…), Tunesien, dessen Ehefrau 2. B._______, geboren (…), Bosnien und Herzegowina, und deren gemeinsame Kinder 3. C._______, geboren (…), Bosnien und Herzegowina,   4. D._______, geboren (…), Bosnien und Herzegowina,   5. E._______, geboren (…), Staatsangehörigkeit ungeklärt,   alle vertreten durch Afra Weidmann,  (…),  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), vormals Bundesamt für Flüchtlinge (BFF), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 3. August 2010 / N (…).

D­6297/2010 Sachverhalt: A.  A.a Die Beschwerdeführenden 1 bis 4 stellten am 30. Mai 2001 bei den  Grenzbehörden am Flughafen F._______ ein Asylgesuch. Mit Verfügung  vom gleichen Tag verweigerte das BFF ihnen die Einreise in die Schweiz  und  wies  ihnen  für  die  Dauer  des  weiteren  Asylverfahrens  den  Transitbereich  des  Flughafens  F._______  als  Aufenthaltsort  zu.  Am  1.  und  9.  Juni  2001  wurden  die  Beschwerdeführenden  1  und  2  von  der  Flughafenpolizei F._______ zu  ihren Asylgesuchen befragt. Am 13. Juni  2001  bewilligte  die  Vorinstanz  den  Beschwerdeführenden  1  bis  4  die  Einreise in die Schweiz zur Prüfung ihrer Asylgesuche. A.b Am  15.  Juni  2001 wurden  die  Beschwerdeführenden  1  und  2  vom  BFF  in  der  Empfangsstelle  G._______  zu  ihren  Asylgesuchen  befragt  (Kurzbefragung)  und  am  15.  Oktober  2001  vom  Migrationsamt  des  Kantons F._______ zu ihren Asylgründen angehört (Anhörung). Im  Wesentlichen  machte  der  Beschwerdeführende  1  anlässlich  der  Flughafenbefragung, der Kurzbefragung sowie der Anhörung geltend, er  sei  arabischer  Ethnie  und  in  Tunesien  Sympathisant  der  Ennahda  gewesen.  Im  März  1989  sei  er  festgenommen  worden,  da  man  ihm  vorgeworfen habe, an Demonstrationen teilgenommen und die Behörden  angeprangert zu haben. Nach einer Nacht auf dem Polizeiposten sei er in  das Gefängnis von H._______ überführt worden, wo er misshandelt und  aufgefordert worden sei, Namen von Ennahda­Mitgliedern zu nennen, die  ins  Ausland  geflüchtet  seien.  Neun  Monate  später  sei  er  entlassen  worden.  Nach  seiner  Entlassung  sei  er  nach  Hause  zurückgekehrt.  Da  die  Polizei  immer  wieder  bei  ihm  erschienen  sei,  habe  er  sich  zur  Ausreise  entschlossen.  Vierzig  Tage  nach  seiner  Entlassung  aus  dem  Gefängnis sei er mit der Hilfe eines Schleppers nach Italien gereist, wo er  sich bis Januar 1996  illegal aufgehalten und  in der (…) gearbeitet habe.  Aufgrund der beschwerlichen Arbeit sei er mit einem Auto nach Bosnien  und  Herzegowina  gefahren,  da  er  gehört  habe,  dass  man  dort  bei  arabischen Hilfswerken eine gut bezahlte Arbeit finde. In I._______ habe  er etwa zwei Jahre lang für ein arabisches Hilfswerk gearbeitet, bevor er  als freier Händler auf dem Markt tätig gewesen sei. Im August 1996 habe  er die Beschwerdeführende 2  traditionell  geheiratet. Da er aufgrund der  Abwahl  der  SDA  (Partei  der  demokratischen  Aktion)  befürchtet  habe,  dass  in  Bosnien  und  Herzegowina  alle  Araber  bald  einmal  an  ihre  Heimatländer ausgeliefert würden, habe er sich zur Ausreise aus diesem 

D­6297/2010 Land  entschlossen.  Deshalb  sei  er  am  28.  Mai  2001  zusammen  mit  seiner  Frau  und  seinen  beiden  Kindern  mit  einem  fremden  Pass  von  J._______  nach  F._______  geflogen.  Anlässlich  der  Anhörung  machte  der  Beschwerdeführende  1  zudem geltend,  er  habe  kürzlich  von  einem  Freund  erfahren,  dass  er  in  Tunesien  in  Abwesenheit  wegen  seines  Aufenthalts  in  Bosnien  und  Herzegowina  verurteilt  worden  sei,  da  es  tunesischen Islamisten verboten sei, sich dort aufzuhalten.  A.c  Anlässlich  der  Flughafenbefragung,  der  Kurzbefragung  sowie  der  Anhörung machte  die  Beschwerdeführende  2  im Wesentlichen  geltend,  sie  habe  Bosnien  und  Herzegowina  wegen  der  Probleme  ihres  Ehemannes  verlassen.  Sie  selbst  habe  in  ihrem  Heimatland  keine  Probleme gehabt.  A.d  Mit  Verfügung  vom  7.  November  2003  lehnte  das  BFF  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführenden  1  ohne  Entscheid  über  das  Vorliegen der Flüchtlingseigenschaft ab und ordnete die Wegweisung aus  der  Schweiz  sowie  den  Vollzug  bei  ausdrücklichem  Verzicht  auf  eine  Rückführung  nach  Tunesien  und  unter  Einräumung  einer  bis  zum  5.  Januar 2004 laufenden Ausreisefrist an. Mit separater Verfügung gleichen  Datums trat das BFF auf das Asylgesuch der Beschwerdeführenden 2 bis  4  nicht  ein  und  ordnete  die  Wegweisung  sowie  den  Vollzug  unter  Ansetzung einer gleich bemessenen Ausreisefrist an. A.e Mit  separaten Beschwerden vom 5. Dezember 2003 an die damals  zuständige Schweizerische Asylrekurskommission (ARK) beantragten die  Beschwerdeführenden  1  bis  4  die  Aufhebung  der  Verfügungen  vom 7.  November  2003,  die  Gewährung  von  Asyl  beziehungsweise  das  Eintreten  auf  das Asylgesuch  und –  im Eventualpunkt  –  die Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme.  Die  ARK  vereinigte  die  beiden  Beschwerdeverfahren  und  schloss  den  am  20.  Dezember  2003  geborenen Beschwerdeführenden 5  in das Verfahren ein. Mit Urteil vom  23. Februar 2005 wies die ARK die Beschwerden vollumfänglich ab. B.  B.a Die  Beschwerdeführenden  gelangten  am  19.  April  2005  mit  einem  Wiedererwägungsgesuch  an  das  BFM  und  beantragten  darin  den  Verzicht  auf  die  Wegweisung  und  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme.

D­6297/2010 B.b  Mit  Verfügung  vom  23.  Mai  2005  wies  das  BFM  das  Wiedererwägungsgesuch  ab  und  bestätigte  die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs. B.c  Auf  die  gegen  die  Verfügung  vom  23.  Mai  2005  erhobene  Beschwerde trat die ARK mit Urteil des Einzelrichters vom 26. Juli 2005  nicht  ein,  nachdem  die  Beschwerdeführenden  es  versäumt  hatten,  den  Verfahrenskostenvorschuss zu entrichten. C.  Mit  Eingabe  ihrer  Rechtsvertreterin  vom  1.  Juni  2007  an  das  BFM  ersuchten  die  Beschwerdeführenden  im  Wesentlichen  um  Wiedererwägung  der  Verfügung  vom  7.  November  2003  betreffend  Ablehnung  des  Asylgesuchs  des  Beschwerdeführenden  1,  um  Feststellung  der  Unmöglichkeit  seiner  Rückkehr  nach  Bosnien  und  Herzegowina und um materielle Prüfung des Asylgesuchs respektive der  Flüchtlingseigenschaft  in Bezug auf dessen Heimatland Tunesien  sowie  um  Behandlung  als  Familieneinheit  im  Sinne  von  Art.  44  des  Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31). D.  Mit  Verfügung  vom  11.  März  2008  hiess  das  BFM  das  Wiedererwägungsgesuch  gut,  soweit  darin  die  Feststellung  der  Unmöglichkeit  des  Wegweisungsvollzugs  betreffend  den  Beschwerdeführenden  1  nach  Bosnien  und  Herzegowina  beantragt  wurde.  In  Anknüpfung  an  diese  Feststellung  verfügte  das  BFM  die  vorläufige  Aufnahme  des  Beschwerdeführenden  1  in  der  Schweiz  und  nahm gestützt auf den Grundsatz der Familieneinheit nach Art. 44 Abs. 1  AsylG auch die übrigen Beschwerdeführenden vorläufig auf. Hinsichtlich  des  Antrags  auf  materielle  Prüfung  der  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführenden  1  lehnte  das  BFM  das Wiedererwägungsgesuch  hingegen  ab.  Zugleich  wurde  das  Ausstandsbegehren  abgewiesen  und  eine Gebühr von Fr. 600.– erhoben. E.  Mit  Eingabe  ihrer  Rechtsvertreterin  vom  10.  April  2008  fochten  die  Beschwerdeführenden die Verfügung des BFM vom 11. März 2008 beim  Bundesverwaltungsgericht  an.  Dabei  beantragten  sie  in  materieller  Hinsicht  im Wesentlichen  die  Aufhebung  der  Verfügung  des  BFM  vom  11. März 2008, die Gutheissung  ihres Wiedererwägungsgesuchs vom 1.  Juni  2007,  den  Verzicht  auf  die  Wegweisung  nach  Bosnien  und 

D­6297/2010 Herzegowina  und  die  Prüfung  der  Flüchtlingseigenschaft  in  Bezug  auf  das Heimatland (Tunesien) des Beschwerdeführenden 1. In prozessualer  Hinsicht  beantragten  die  Beschwerdeführenden  unter  anderem  die  Gewährung  ergänzender  Akteneinsicht  sowie  das  rechtliche  Gehör  zu  einer – aus dem Aktenverzeichnis ersichtlichen – Kontaktnahme des BFM  mit dem Oberauditor  im Departement  für Bevölkerungsschutz und Sport  (VBS).  F.  Das  Bundesverwaltungsgericht  stellte  im  Urteil  D­2345/2008  vom  25.  August  2008  fest,  dass  nunmehr  durch  die  in  der  angefochtenen  Verfügung  festgestellten  Unmöglichkeit  des  Wegweisungsvollzugs  des  Beschwerdeführenden  1  nach  Bosnien  und  Herzegowina  offensichtlich  die  Grundlage  für  die  Anwendung  des  Art.  52  Abs.  1  Bst.  a  AsylG –  nämlich  die  mögliche  Rückkehr  in  diesen  Staat  –  und  mithin  die  Voraussetzung  für  das Offenlassen  der  Flüchtlingseigenschaft  in Bezug  auf den Heimatstaat des Beschwerdeführenden 1 (Tunesien) weggefallen  sei.  Mit  anderen  Worten  ergebe  sich  aus  der  Feststellung  der  Unmöglichkeit  des Wegweisungsvollzugs  zugleich,  dass  nunmehr  auch  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführenden  1  in  Bezug  auf  Tunesien sowie – darüber hinaus – die Frage zu prüfen seien, ob diesem  in  der  Schweiz  Asyl  zu  gewähren  sei.  Infolgedessen  hiess  das  Bundesverwaltungsgericht  die Beschwerde gut,  hob die Dispositivziffern  1  und  10  der  Verfügung  des  BFM  vom  11. März 2008 auf und wies die Sache zur Neubeurteilung  im Sinne der  Erwägungen  an  das  BFM  zurück.  Gleichzeitig  wurde  das  BFM  angewiesen,  den  Beschwerdeführenden  im  Sinne  der  Erwägungen  Einsicht in zwei Aktenstücke zu gewähren.  G.  Am 25. November 2008 wurde der Beschwerdeführende 1 vom BFM  in  K._______  ergänzend  angehört.  Anlässlich  dieser  Ergänzungsanhörung  machte er zusätzlich zu den bereits vorgebrachten Asylgründen geltend,  bei einer Rückkehr nach Tunesien würde man ihm vorwerfen, wegen des  Krieges nach Bosnien und Herzegowina gegangen zu sein, weshalb man  ihn  inhaftieren  würde.  In  der  Zwischenzeit  habe  er  von  seinem  Bruder  erfahren, dass im Jahre 2004 eine ihn betreffende Vorladung zu ihm nach  Hause gebracht worden sei. Zudem habe  ihm sein Bruder erzählt, dass  ein Tunesier namens L._______, der  in  Italien aufenthaltsberechtigt  sei,  während  seiner  Ferien  in  Tunesien  im  Jahre  2006  sechs  Monate  lang  festgehalten und immer wieder nach ihm – dem Beschwerdeführenden 1 

D­6297/2010 – befragt  worden  sei.  Bei  der  Ergänzungsanhörung  erhielt  der  Beschwerdeführende 1 das rechtliche Gehör zu einer Internetseite eines  kroatischen Hilfswerks, gemäss der eine Person namens M._______  im  Jahre 1992  in Bosnien und Herzegowina eingebürgert worden sei, 1997  die  Beschwerdeführende  2  geheiratet  habe  und  einen  Pass mit  diesen  Personalien  besitze.  Gleichzeitig  wurde  der  Beschwerdeführende  1  aufgefordert,  seine  Identität  anhand  geeigneter Dokumente  zu  belegen,  die  Geburtsurkunden  seiner  in  Bosnien  und  Herzegowina  geborenen  Kinder und einen ihn betreffenden Arztbericht einzureichen.  Anlässlich  der  Ergänzungsanhörung  reichte  der  Beschwerdeführende  1  zwei  Bestätigungsschreiben  von  Privatpersonen  sowie  eine  Seite  aus  dem "Bericht innere Sicherheit der Schweiz" zu den Akten.  H.  Mit Eingaben vom 28. November 2008 und 26. Januar 2009  liessen die  Beschwerdeführenden  durch  ihre  Rechtsvertreterin  die  folgenden  Beweismittel  zu  den  Akten  reichen:  Drei  den  Beschwerdeführenden  1  betreffende  ärztliche  Berichte,  Kopien  von  Identitätskarten  (inklusive  Briefumschlag),  eine  "DECLARATION  A  LHONNEUR"  sowie  eine  fremdsprachige  Polizeivorladung  vom  25.  November  2004  (in  Kopie,  inklusive deutscher Übersetzung). I.  Mit  Eingabe  vom  9.  Februar  2009  liessen  die  Beschwerdeführenden  einen  Internetausdruck  einreichen,  gemäss  dem  mehrere  tunesische  NGO's  die  Schweiz  aufforderten,  dem Beschwerdeführenden  1  Asyl  zu  gewähren und ihn nicht nach Tunesien zurückzuweisen.  J.  Das BFM  ersuchte  Bosnien  und Herzegowina  am  24.  August  2009  um  Rückübernahme  der  Beschwerdeführenden  gestützt  auf  das  Rückübernahmeabkommen vom 1. Juli 2009. K.  In einem Schreiben vom 4. Januar 2010 an das BFM setzte sich Amnesty  International  für  die  Beschwerdeführenden  sowie  weitere  ähnlich  gelagerte Fälle  ein. Am 25.  Januar  2010 beantwortete  das BFM dieses  Schreiben.  L.  Am  12.  April  2010  liessen  die  Beschwerdeführenden  durch  ihre 

D­6297/2010 Rechtsvertreterin  ein  Schreiben  des  Botschafters  von  Bosnien  und  Herzegowina  in  der  Schweiz  vom  1.  April  2010  zu  den  Akten  reichen,  wonach die Botschaft kein Laissez­passer für den Beschwerdeführenden  1 ausstellen könne.  M.  Am 3.  Juni  2010  liessen  die Beschwerdeführenden  dem BFM mitteilen,  dass  Bosnien  und  Herzegowina  das  Rückübernahmeabkommen  der  Schweiz  abgelehnt  habe.  Am  10.  Juni  2010  beantwortete  das  BFM  dieses Schreiben.  N.  Mit Eingabe vom 21. Juni 2010  liessen die Beschwerdeführenden durch  ihre  Rechtsvertreterin  beim  Bundesverwaltungsgericht  eine  Rechtsverzögerungs­  respektive  Rechtsverweigerungsbeschwerde  einreichen.  O.  Mit Verfügung vom 2. Juli 2010 gewährte das Bundesverwaltungsgericht  der Vorinstanz die Möglichkeit, bis zum 19. Juli 2010 eine Stellungnahme  zur  Rechtsverzögerungs­  respektive  Rechtsverweigerungsbeschwerde  einzureichen.  Diese  Frist  wurde  in  der  Folge  bis  zum  5.  August  2010  erstreckt.  P.  Mit Verfügung vom 3. August 2010 – eröffnet am 5. August 2010 – hob  die Vorinstanz ihre Verfügungen vom 7. November 2003 auf, ersetzte sie  durch ihre neue Verfügung und stellte fest, dass der Beschwerdeführende  1  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  erfülle,  während  die  Beschwerdeführenden  2  bis  5  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss Art.  3  AsylG nicht  erfüllen würden. Die Vorinstanz anerkannte Letztere  jedoch  gemäss  Art.  51  Abs.  1  AsylG  als  Flüchtlinge.  Überdies  verfügte  die  Vorinstanz,  dass  die  Asylgesuche  abgelehnt  und  die  Beschwerdeführenden  aus  der  Schweiz  weggewiesen  würden.  Wegen  Unzulässigkeit  des  Wegweisungsvollzugs  würden  die  Beschwerdeführenden  in  der  Schweiz  vorläufig  aufgenommen.  Im  Weiteren  hielt  die  Vorinstanz  fest,  dass  der  Beschwerdeführende  5  ungeklärter  Staatsangehörigkeit  sei  (Dispositivziffer  12).  Schliesslich  lehnte  es  das Ausstandsbegehren  vom 1.  Juni  2007 ab  (Dispositivziffer  13).

D­6297/2010 Als  Begründung  führte  die  Vorinstanz  im  Wesentlichen  aus,  der  Beschwerdeführende  1 mache  geltend,  er  sei  in  Tunesien  einmal  neun  Monate  in  Haft  gewesen.  Zu  dieser  Haft  habe  er  bei  der  Flughafenbefragung und der Anhörung Folgendes gesagt: Er sei im März  1989 zu Hause festgenommen, eine Nacht in N._______ auf dem Posten  und danach bis Januar 1990 in H._______ festgehalten worden. Er sei zu  zweit  mit  einer  Person  in  einer  Zelle  gewesen,  die  sonst  für  zehn  Häftlinge  vorgesehen  wäre.  Seine  Schwester  habe  ihn  jeweils  am  Donnerstag  besucht,  auch  zwei  Brüder  hätten  ihn  besucht.  Die  Freilassung  sei  in  Form  einer  Begnadigung  beziehungsweise  vorläufig  erfolgt,  während  sein  Fall  weiter  untersucht  worden  sei.  Er  sei  anschliessend vierzig Tage lang zu Hause geblieben; in dieser Zeit sei er  vier Mal  von  der  Polizei  gesucht  worden.  Bei  der  Ergänzungsanhörung  habe  er  ausgesagt,  er  sei  im  März  1990  festgenommen  worden.  Die  Festnahme sei beim Verlassen der Moschee erfolgt. Sie seien zu sechst  mitgenommen  worden.  Nach  einer  Nacht  in  N._______  seien  sie  nach  H._______  überstellt  worden.  In  seiner  Zelle  hätten  sich  rund  vierzig   Häftlinge  aufgehalten,  als  sie  dazu gekommen seien. Besucht  habe  ihn  nur  ein  Bruder.  Gemeinsam  seien  sie  zu  sechst  nach  neun  Monaten  vorläufig entlassen worden. Bis zur Ausreise Anfang 1991 sei nichts mehr  passiert.  Bei  der  Ergänzungsanhörung  sei  er  mit  seinen  widersprüchlichen Aussagen konfrontiert worden, habe diese jedoch nicht  aufzulösen  vermocht.  Aufgrund  dieser  widersprüchlichen  Beschreibung  der  Haft  könne  somit  nicht  geglaubt  werden,  dass  der  Beschwerdeführende  1  vor  seiner  Ausreise  aus  Tunesien  Verfolgungsmassnahmen  erlitten  habe.  Dieses  Vorbringen  des  Beschwerdeführenden  1  halte  somit  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand.  Der Beschwerdeführende 1 mache im Weiteren geltend, er habe Bosnien  und  Herzegowina  verlassen,  weil  er  befürchtet  habe,  nach  Tunesien  zurückgeführt zu werden. Dort werde er wegen seines langen Aufenthalts  in  Bosnien  und  Herzegowina  verdächtigt,  am  Krieg  teilgenommen  zu  haben. Die Rechtsvertreterin habe am 9. Februar 2009 ausserdem einen  Internetausdruck eingereicht, gemäss dem sich tunesische NGO's für den  Beschwerdeführenden 1 einsetzten und die Schweiz auffordern würden,  ihn  nicht  nach  Tunesien  zurückzuschicken,  weil  er  dort  verfolgt  werde.  Zudem habe der Beschwerdeführende 1 als Beweismittel die Kopie einer  Vorladung vom 25. November 2004 eingereicht. Aufgrund der gesamten  Aktenlage, spätestens jedoch seit der Internetaktion der NGO's, in der der  Beschwerdeführende  1  namentlich  als  tunesischer  Regimegegner  und 

D­6297/2010 aus  politischen  Gründen  Verfolgter  erwähnt  werde,  sei  davon  auszugehen,  dass  die  tunesischen  Behörden  auf  den  Beschwerdeführenden  1  und  seinen  Lebenslauf  aufmerksam  geworden  seien  und  den  Sachverhalt  abklären  möchten,  wenn  er  nach  Tunesien  zurückkehre.  Damit  bestehe  begründeter  Anlass  zur  Annahme,  dass  er  mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile  im Sinne von  Art.  3  AsylG  zu  gewärtigen  hätte.  Die  flüchtlingsrelevanten  Elemente  seien  indessen erst nach der Ausreise aus dem Heimatland geschaffen  worden und als subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG  zu  qualifizieren.  Nach  dem  Gesagten  sei  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführende  1  die  Flüchtlingseigenschaft  nach  Art.  3  AsylG  erfülle, ihm jedoch kein Asyl gewährt werden könne.  Die  Beschwerdeführenden  2  bis  5  machten  für  sich  weder  Vor­  noch  Nachfluchtgründe  geltend.  Sie  erfüllten  deshalb  die  Flüchtlingseigenschaft nicht selbständig nach Art. 3 AsylG, sondern nach  Art.  51  Abs.  1  AsylG.  Nachdem  dem  Beschwerdeführenden  1  die  Asylgewährung  verweigert  worden  sei,  sei  auch  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführenden 2 bis 5 abzulehnen, weil der Beschwerdeführende  1 seinen Familienangehörigen keinen Rechtsstatus vermitteln könne, der  über  seinen  hinausgehe.  In  Anwendung  von  Art.  54  AsylG  werde  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführenden  2  bis  5  ebenfalls  abgelehnt.  Da  die Beschwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft erfüllten, werde der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  gemäss  Art.  5  Abs.  1  AsylG  angewandt,  weshalb  das  BFM  im  vorliegenden  Fall  den  Vollzug  der  Wegweisung  als  nicht  zulässig  erachte.  Deswegen  seien  die  Beschwerdeführenden  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen.  Für  die  weitere Begründung wird auf die vorinstanzliche Verfügung verwiesen.  Q.  Mit  Abschreibungsentscheid  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­4498/2010  vom  16.  August  2010  wurde  die  von  den  Beschwerdeführenden  erhobene  Rechtsverzögerungs­  respektive  Rechtsverweigerungsbeschwerde  vom  21.  Juni  2010  infolge  Gegenstandslosigkeit abgeschrieben.  R.  Mit  Beschwerde  vom  4.  September  2010  (Poststempel)  liessen  die  Beschwerdeführenden durch ihre Rechtsvertreterin in materieller Hinsicht  beantragen,  der  Entscheid  des  BFM  vom  3.  August  2010  sei  mit  Ausnahme  der  Dispositivziffern  2  und  4  aufzuheben,  ihnen  sei  Asyl  zu 

D­6297/2010 gewähren  und  es  sei  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführende  1  Tunesien  wegen  erlittener  Verfolgung  und  begründeter  Furcht  vor  erneuter  Verhaftung  verlassen  habe.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  ersuchten die Beschwerdeführenden um die Möglichkeit, nach Einsicht in  die Akten  ihre Beschwerde zu ergänzen, da die angeforderte Zustellung  der  Akten  nicht  rechtzeitig  erfolgt  sei.  Zudem  sei  die  unentgeltliche  Prozessführung zu gewähren und für den Aufwand der Beschwerde eine  angemessene  Entschädigung  zuzusprechen.  Auf  die  Begründung  der  Beschwerde  wird,  soweit  für  den  Entscheid  wesentlich,  in  den  Erwägungen eingegangen.  Der Beschwerde  lagen zwei Akteneinsichtsgesuche vom 17. März 2008  beziehungsweise vom 7. August 2010 (in Kopie), ein Schreiben des BFM  vom  13.  Dezember  2007  (in  Kopie),  eine  Fürsorgebestätigung  vom  21. Juni 2010 (in Kopie) sowie eine Honorarnote vom 4. September 2010  bei.  S.  Mit  Verfügung  vom  28.  September  2010  ordnete  der  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  an,  dass  über  das  Gesuch  um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege  im Endentscheid befunden  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  verzichtet  werde.  Gleichzeitig gewährte er der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführenden  die  Gelegenheit,  bis  am  14.  Oktober  2010  eine  Beschwerdeergänzung  einzureichen.  T.  Am  12.  Oktober  2010  liessen  die  Beschwerdeführenden  eine  Beschwerdeergänzung zu den Akten reichen. Dabei befanden sich unter  anderem mehrere Medikamentenpackungen sowie eine Rezeptkopie. U.  Mit  Verfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  27.  Oktober  2010  wurde dem BFM die Möglichkeit gewährt, bis zum 12. November 2010 zu  den  Eingaben  der  Beschwerdeführenden  im  Beschwerdeverfahren  eine  Stellungnahme einzureichen.  V.  In  ihrer Vernehmlassung vom 8. November 2010 hielt die Vorinstanz an  der  angefochtenen  Verfügung  fest  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde. 

D­6297/2010 W.  Am  18.  November  2010  und  10.  Dezember  2010  reichten  die  Beschwerdeführenden  weitere  Eingaben  ein,  darunter  ein  ärztlicher  Bericht  von med.  pract. O._______  vom 30. November 2010 betreffend  den  Beschwerdeführenden  1  sowie  eine  Bestätigung  der  A.V.T.T  (Association des victimes de la torture en Tunisie) vom 20. Oktober 2010.  X.  Aufgrund der Veränderung der politische Lage in Tunesien seit Erlass der  angefochtenen  Verfügung  gewährte  der  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  der  Vorinstanz  mit  Verfügung  vom  2.  September 2011 erneut Gelegenheit, eine Stellungnahme einzureichen.  Y.  In ihrer Vernehmlassung vom 27. September 2011 machte die Vorinstanz  im  Wesentlichen  geltend,  nachdem  die  Ennahda­Partei  in  Tunesien  Anfang  März  2011  legalisiert  worden  sei,  bestehe  für  den  Beschwerdeführenden  1  keine  begründete  Furcht  vor  zukünftiger  Verfolgung  in  Tunesien, weshalb  es  sich  nicht  rechtfertige,  ihm Asyl  zu  gewähren.  Im  Übrigen  verweise  man  auf  die  Erwägungen  in  der  angefochtenen Verfügung,  an  denen  vollumfänglich  festgehalten werde.  Es werde daher die Abweisung der Beschwerde beantragt.  Z.  Mit Schreiben  vom 17. Oktober  2011  liessen  die Beschwerdeführenden  durch ihre Rechtsvertreterin replizieren. Der Eingabe lag die Kopie eines  Schreibens  des  BFM  vom  13.  Dezember  2007  bei  (bereits  früher  eingereicht). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der 

D­6297/2010 vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).  1.2. Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG ist im  vorliegenden  Verfahren  nicht  gegeben,  so  dass  das  Bundesverwaltungsgericht in der Sache endgültig entscheidet. 1.3. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.4.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1  sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Mit  Verfügung  vom  3.  August  2010  stellte  die  Vorinstanz  fest,  der  Beschwerdeführende  1  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG, anerkannte die Beschwerdeführenden 2 bis 5 gemäss Art. 51 Abs.  1  AsylG  als  Flüchtlinge,  lehnte  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  ab,  ordnete  ihre  Wegweisung  an,  schob  jedoch  deren Vollzug zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf und nahm die  Beschwerdeführenden  vorläufig  auf.  Da  die  Beschwerdeführenden  zufolge  beim  Beschwerdeführenden  1  vorliegender  subjektiver  Nachfluchtgründe  als  Flüchtlinge  vorläufig  aufgenommen  wurden,  beschränkt sich das vorliegende Beschwerdeverfahren gemäss Begehren  (im Wesentlichen; vgl. dazu nachstehend E. 4.11) nur noch auf die Frage,  ob der Beschwerdeführende 1 aufgrund der von ihm geltend gemachten 

D­6297/2010 Vorfluchtgründe  als  Flüchtling  anzuerkennen  ist,  auf  die  Frage  der  Asylgewährung und die Wegweisung.  4.  4.1.  Im Folgenden ist somit zu prüfen, ob das BFM im vorliegenden Fall  zu  Recht  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführenden  1  aufgrund  der  von  ihm  vorgebrachten  Vorfluchtgründe  verneint  und  demzufolge die Asylgesuche der Beschwerdeführenden abgewiesen hat.  4.2.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 4.3.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art.  7  AsylG). 4.4. Ehegatten, eingetragene Partnerinnen und Partner von Flüchtlingen  und  ihre  minderjährigen  Kinder  werden  als  Flüchtlinge  anerkannt  und  erhalten Asyl, wenn keine besonderen Umstände dagegen sprechen (Art.  51 Abs. 1 AsylG). 4.5.  Der  Beschwerdeführende  1  macht  als  Vorfluchtgründe  geltend,  Sympathisant  der  Ennahda  gewesen  und  für  diese  Partei  in  Tunesien  politisch  tätig  gewesen  zu  sein.  Aus  diesem  Grund  habe  man  ihn  in  Tunesien  währen  neun  Monaten  inhaftiert.  Aus  Angst  vor  weiterer  Verfolgung habe er Tunesien schliesslich verlassen.  Die Vorinstanz hat diese Vorbringen in der angefochtenen Verfügung als  unglaubhaft beurteilt. 

D­6297/2010 4.6. Da das Bundesverwaltungsgericht an die rechtliche Begründung der  vorinstanzlichen Verfügung nicht gebunden ist (vgl. Art. 62 Abs. 4 VwVG),  kann  es  eine  angefochtene  Verfügung  im  Ergebnis  gleich  belassen,  dieser aber eine andere Begründung zu Grunde legen (Motivsubstitution).  Diese  Möglichkeit  der  Motivsubstitution  ist  im  Grundsatz  der  Rechtsanwendung  von  Amtes  wegen  begründet  (vgl.  ANDRÉ  MOSER/MICHAEL  BEUSCH/LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht,  Basel  2008,  S.  181  Rz.  3.197).  Im  vorliegenden  Fall  nimmt  das  Bundesverwaltungsgericht  eine  Motivsubstitution  im  erwähnten  Sinne  vor  und  würdigt  nachstehend  die  vom  Beschwerdeführenden  1  geltend  gemachten  Vorfluchtgründe  nicht  unter dem Gesichtspunkt der Glaubhaftigkeit, sondern unter demjenigen  der Asylrelevanz. 4.7.  Vorab  ist  festzuhalten,  dass  zur  Bestimmung  der  Flüchtlingseigenschaft  –  als  Grundvoraussetzung  der  Asylgewährung –  grundsätzlich  diejenige  Situation  relevant  ist,  wie  sie  sich  im  Zeitpunkt  des  Entscheides  darstellt.  Veränderungen  der  objektiven  Situation  im  Heimatstaat  zwischen  Ausreise  und  Asylentscheid  sind  zugunsten  und  zulasten  der  ein  Asylgesuch  stellenden Person  zu  berücksichtigen  (vgl.  BVGE  2007/31  E. 5.3,  BVGE  2008/4  E.  5.4,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  [vormaligen]  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK] 2000 Nr. 2   E. 8b S. 20). 4.8. Es  ist  festzustellen,  dass  sich  die  (politische) Situation  in  Tunesien  grundlegend  verändert  hat,  seit  der  Beschwerdeführende  1  sein  Heimatland  im Jahre 1990 verlassen hat.  Infolge der  "Jasminrevolution"  kam  es  in  Tunesien  im  letzten  Jahr  zu  weitreichenden  politischen  Veränderungen: Am 14.  Januar 2011 wurde die Regierung von Zine el­ Abidine  Ben  Ali  aufgrund  des  öffentlichen  Drucks  durch  die  massiven  Proteste  seit  Dezember  2010  gestürzt.  Die  Übergangsregierung  hat  in  Tunesien  demokratische  Prinzipien  eingeführt,  so  insbesondere  die  Pressefreiheit.  Zudem  wurden  alle  politischen  Gefangenen  freigelassen  und alle politischen Parteien zugelassen, die unter dem Regime von Ben  Ali  als  Oppositionsparteien  betrachtet  worden  waren,  was  den  Führern  von  zahlreichen  Parteien  erlaubte,  nach  Tunesien  zurückzukehren.  Überdies  ist  darauf  hinzuweisen,  dass  die  tunesische  Übergangsregierung  das  Römer  Statut  des  Internationalen  Strafgerichtshofs  ratifiziert  hat  (vgl.  http://www.icc­ cpi.int/Menus/ASP/states+parties/African+States/Tunisia.htm  [zuletzt  besucht am 6. Februar 2012]). Am 23. Oktober 2011 fanden in Tunesien  http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/31 http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/31 http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/31 http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/4 http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/4 http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/4 http://links.weblaw.ch/EMARK-2000/2 http://links.weblaw.ch/EMARK-2000/2 http://links.weblaw.ch/EMARK-2000/2 http://links.weblaw.ch/EMARK-2000/2 http://links.weblaw.ch/EMARK-2000/2 http://links.weblaw.ch/EMARK-2000/2 http://links.weblaw.ch/EMARK-2000/2 http://www.icc-cpi.int/Menus/ASP/states+parties/African+States/Tunisia.htm http://www.icc-cpi.int/Menus/ASP/states+parties/African+States/Tunisia.htm

D­6297/2010 die  ersten  freien  Wahlen  zu  einer  verfassunggebenden  Versammlung  statt.  Aufgabe  der  verfassunggebenden  Versammlung  soll  es  unter  anderem  sein,  eine  neue  Verfassung  auszuarbeiten  und  die  nächsten  Präsidentschafts­  und Parlamentswahlen  zu  organisieren. Weiterhin  soll  sie  die Macht  haben,  entweder  eine  neue Regierung  zu  ernennen oder  die Amtszeit der gegenwärtigen Regierung bis zu allgemeinen Wahlen zu  verlängern. Infolge der Revolution in Tunesien hat sich insbesondere die  Situation  für  die  islamische  Partei  Ennahda  und  deren  Mitglieder  wesentlich  verändert.  So  kehrte  Rachid  al­Ghannouchi,  der  politische  Führer der Partei Ennahda, am 30. Januar 2011 nach Tunesien zurück,  nachdem er sich zwanzig Jahre lang in London im Exil aufgehalten hatte.  Am  1.  März  2011  legalisierte  die  tunesische  Übergangsregierung  die  Partei  Ennahda;  bereits  zuvor waren  zehntausende  ihrer  Anhänger  aus  dem Gefängnis entlassen worden. Bei der Wahl zur verfassunggebenden  Versammlung vom 23. Oktober 2011 erhielt Ennahda als stärkste Partei  89  der  217  Sitze.  Aufgrund  dieses  guten  Wahlresultats  wurde  am  24.  Dezember  2011  Hamadi  Jebali  von  der  Partei  Ennahda  zum  Premierminister  ernannt  (vgl.  http://de.wikipedia.org/wiki/Revolution_in_Tunesien_2010/2011;  http://de. wikipedia.org/wiki/Wahl_zur_Verfassunggebenden_Versammlung_Tunesi ens_2011;  http://de.wikipedia.org/wiki/Ennahda  [zuletzt  besucht  am  3. Februar 2012]). 4.9.  Aufgrund  des  soeben  Ausgeführten  ist  nicht  davon  auszugehen,  dass in Tunesien Mitglieder der Ennahda zum heutigen Zeitpunkt von den  tunesischen Behörden noch asylrelevante Nachteile zu befürchten haben.  Daher  ist  auch  unwahrscheinlich,  dass  der  Beschwerdeführende  1  als  Sympathisant bei der Ennahda sowie wegen seiner angeblichen früheren  politischen  Tätigkeit  für  diese  Partei  zum  heutigen  Zeitpunkt  bei  einer  Rückkehr in sein Heimatland von deren Behörden asylrelevante Nachteile  zu  befürchten  hat,  weshalb  seine  Flüchtlingseigenschaft  aufgrund  der  geltend  gemachten  Vorfluchtründe  zu  verneinen  ist.  Mangels  Asylrelevanz  kann  daher  darauf  verzichtet  werden,  die  vom  Beschwerdeführenden  1  geltend  gemachten  Vorfluchtgründe  unter  dem  Gesichtspunkt der Glaubhaftigkeit zu prüfen.  4.10. Zusammenfassend  ist  demnach  festzuhalten,  dass  die  Vorinstanz  im  Ergebnis  zu  Recht  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführenden  1  aufgrund  der  von  ihm  geltend  gemachten  Vorfluchtgründe  verneint  und  demzufolge  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  abgelehnt  hat.  Aufgrund  der  vorstehenden  http://de.wikipedia.org/wiki/Revolution_in_Tunesien_2010/2011 http://de.wikipedia.org/wiki/Wahl_zur_Verfassunggebenden_Versammlung_Tunesiens_2011 http://de.wikipedia.org/wiki/Wahl_zur_Verfassunggebenden_Versammlung_Tunesiens_2011 http://de.wikipedia.org/wiki/Wahl_zur_Verfassunggebenden_Versammlung_Tunesiens_2011 http://de.wikipedia.org/wiki/Ennahda

D­6297/2010 Erwägungen  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Vorbringen  in  den  Beschwerdeeingaben  einzugehen,  zumal  diese  nicht  geeignet  sind,  an  dieser Beurteilung etwas zu ändern. 4.11.  Die  Beschwerdeführenden  haben  zwar  ebenfalls  die  Dispositivziffern  12  und  13  der  angefochtenen  Verfügung  angefochten,  jedoch  dazu  keine  Begründung  angeführt,  weshalb  auf  die  diesbezüglichen Begehren nicht weiter einzugehen ist. 5.  Wie  bereits  vorstehend  unter  E.  3  ausgeführt,  ist  vorliegend  nicht  zu  prüfen, ob die Vorinstanz den Beschwerdeführenden gestützt auf die vom  Beschwerdeführenden  1  geltend  gemachten  subjektiven  Nachfluchtgründe zu Recht die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt und die  vorläufige Aufnahme angeordnet  hat. Es  ist  jedoch  darauf  hinzuweisen,  dass  es  aufgrund  der  dargelegten  grundlegenden  politischen  Veränderungen  in Tunesien Aufgabe der Vorinstanz sein wird,  in einem  späteren  Schritt  diesen  Sachverhalt  einer  eingehenden  Überprüfung  zu  unterziehen. 6.  Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine fremdenpolizeiliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  haben  sie  einen  Anspruch  auf  eine  solche  (vgl. Art. 32 Bst. a der Asylverordnung 1 über Verfahrensfragen [AsylV 1;  SR 142.311]). Die Vorinstanz hat gemäss Art. 44 Abs. 1 AsylG zu Recht  die Wegweisung angeordnet (BVGE 2009/50 E. 9.).  7.  Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung in  Bezug auf die Frage der Anerkennung als Flüchtlinge aufgrund der vom  Beschwerdeführenden  1  geltend  gemachten  Vorfluchtgründe,  die  Frage  der Asylgewährung und der Wegweisung Bundesrecht nicht verletzt, den  rechtserheblichen  Sachverhalt  richtig  und  vollständig  feststellt  und  angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist daher abzuweisen. 8.  Da  die  Beschwerdeführenden  mit  ihrer  Beschwerde  vollumfänglich  unterlegen  sind,  wären  ihnen  grundsätzlich  die  Verfahrenskosten  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs.  1  und  5  VwVG).  Die  Beschwerdeführenden  haben  jedoch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ersucht.  Gemäss  Art.  65  Abs. 1  VwVG  wird  die  Partei,  die  nicht  über  die  erforderlichen  Mittel  verfügt,  auf  Antrag  von  der  Bezahlung  der 

D­6297/2010 Verfahrenskosten  befreit,  sofern  ihre  Begehren  nicht  aussichtslos  erscheinen.  Vorliegend  ist  davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführenden  mittellos  sind.  Zudem  erschienen  ihre  Begehren  im  Zeitpunkt  der  Beschwerdeeinreichung  als  nicht  aussichtslos.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  ist  demnach  gutzuheissen  und  es  sind  den  Beschwerdeführenden  keine  Verfahrenskosten aufzuerlegen. 9.  Bei dieser Sachlage ist keine Parteientschädigung zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen.  2.  Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird gutgeheissen.  3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.  4.  Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Robert Galliker Matthias Jaggi

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