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Bundesverwaltungsgericht 22.02.2012 D-5970/2010

22 febbraio 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,174 parole·~6 min·3

Riassunto

Nichteintreten auf Asylgesuch (Papierlosigkeit) und Wegweisung | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 13. August 2010

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­5970/2010 Urteil   v om   2 2 .   Februar   2012 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Regula Schenker Senn, Richter Yanick Felley,    Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei,   vertreten durch Kathrin Oppliger,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 13. August 2010 / N (…) .

D­5970/2010 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass  der  Beschwerdeführer  die  Türkei  gemäss  eigenen  Angaben  am     23. Juni 2010 verliess und über ihm unbekannte Länder am 27. Juni 2010  in die Schweiz gelangte, wo er am 29. Juni 2010 ein Asylgesuch stellte, dass er dazu am 5. Juli 2010 summarisch befragt wurde, dass  die  damalige  Rechtsvertretung  des  Beschwerdeführers  dem  BFM  am 6. Juli 2010  ihre Mandatsübernahme anzeigte und um Akteneinsicht  vor Entscheidreife ersuchte, dass die Vorinstanz am 6. August 2010 eine Anhörung durchführte, dass  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  geltend  machte,  aus  B._______  zu  stammen,  kurdischer  Ethnie  zu  sein  und  seit  1990  in  C._______ behördlich registrierten Wohnsitz gehabt zu haben,  dass er sich auch in anderen Städten aufgehalten habe,  dass gegen ihn im Alter von 18 Jahren ein polizeiliches Verfahren eröffnet  worden sei,  dass  er  immer  wieder  einen  Bruder  im  Gefängnis  besucht  und  1994  fünfzehn beziehungsweise zwanzig Tage selber in Haft verbracht habe,  dass  er  sich  an  zahlreichen  Protestveranstaltungen  und  Anlässen  zugunsten von Inhaftierten beteiligt habe,  dass  er  von  der  Polizei  wegen  des  Bruders  unter  behördlichem  Druck  gestanden sei,   dass sich dieser und ein weiterer Bruder jetzt als anerkannte Flüchtlinge  in der Schweiz aufhielten,  dass zwei andere Brüder 2004 im Herkunftsort vergiftet worden seien,  dass  ein  weiterer  Bruder  als  TKP/ML­Kämpfer  in  den  80er­Jahren  im  Gefecht gefallen sei, dass er sich im Verein Demokratische Volksföderation (DHF) und dessen  Kulturorganisation betätigt habe,

D­5970/2010 dass er oftmals festgenommen und misshandelt worden sei,  dass er beschuldigt worden sei, Mitglied der maoistisch­kommunistischen  Partei (MKP) zu sein,  dass im Juni 2005 zahlreiche Personen – darunter drei seiner Freunde –  umgebracht worden seien,  dass  die  Polizei  wiederholt  vorgesprochen  und  das  Haus  beobachtet  habe,  dass er sich deswegen ab 2005 nicht mehr zuhause aufgehalten habe,  dass er letztmals Anfang Mai 2008 festgenommen worden sei,  dass im Jahr 2009 Verhaftungsaktionen erfolgt seien,  dass er von dieser Gefährdung durch seinen Anwalt erfahren habe,  dass er  die Türkei  im September 2009 mit  dem Ziel Schweiz  verlassen  habe, aber in Griechenland festgenommen worden sei,  dass  er  fünf  Monate  inhaftiert  und  zum  Verlassen  des  Landes  aufgefordert worden sei,  dass  ihm  gewisse  Dokumente,  nicht  aber  die  Identitätskarte  wieder  ausgehändigt worden seien,  dass er  in Anbetracht der befürchteten Ausschaffung  ins Heimatland  im  Februar  2010  aus  eigenem  Antrieb  und  bei  einem  illegalen  Grenzübergang in die Türkei zurückgekehrt sei,  dass  zu  diesem Zeitpunkt  unter  anderem  zwei  ihm  bekannte Mitglieder  der DHF verhaftet worden seien, dass  er  nach wie  vor  im  Fokus  der  Behörden  gestanden  sei,  wobei  es  sich dabei nicht um eine explizite Suche gehandelt habe,  dass  gegen  seine  Freunde  Verfahren  wegen  Zugehörigkeit  zu  einer  illegalen Organisation eingeleitet worden seien, 

D­5970/2010 dass  er  in  Anbetracht  dieser  Situation  ein  zweites  Mal  ausser  Landes  geflohen sei,  dass er im Falle der Rückkehr ernsthafte Nachteile befürchte,  dass  er  als  Beweismittel  für  die  Asylvorbringen  ein  Schreiben  seines  türkischen Rechtsanwalts zu den Akten gab,  dass er ferner einen Antrag für die Ausstellung einer türkischen ID­Karte,  einen  Versicherungsausweis,  den  heimatlichen  Führerschein  und  Registerauszüge einreichte,  dass das BFM auf das Asylgesuch mit Verfügung vom 13. August 2010    – der Rechtsvertretung am 16. August 2010 eröffnet – gestützt auf Art. 32  Abs.  2 Bst. a  des Asylgesetzes  vom 26.  Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  nicht  eintrat  und  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Vollzug  anordnete, dass  das  BFM  zur  Begründung  seines  Entscheids  im  Wesentlichen  anführte,  die  eingereichten  Unterlagen  seien  keine  Reise­  oder  Identitätspapiere  im Sinne von Art. 1 Bst. b und c der Asylverordnung 1  vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen (AsylV 1, SR 142.311), dass  aufgrund  seiner  substanzlosen  Aussagen  zu  Reise­  und  Identitätsdokumenten  beziehungsweise  realitätsfremder  Angaben  davon  ausgegangen  werden  müsse,  der  Beschwerdeführer  enthalte  den  Behörden seine Reisepapiere bewusst vor, dass  insbesondere nicht nachvollzogen werden könne, weshalb  ihm die  griechischen  Behörden  die  Identitätskarte  nicht  wieder  ausgehändigt  haben sollten,  dass  entsprechend  keine  entschuldbaren Gründe  für  die Papierlosigkeit  vorlägen,  dass das BFM weiter  festhielt,  in Anbetracht  seiner Darlegungen erfülle  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  und         7  AsylG  nicht,  wobei  zusätzliche  Abklärungen  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  oder  eines  Wegweisungsvollzugshindernisses  aufgrund der Aktenlage nicht erforderlich seien,

D­5970/2010 dass die  letzte Haft  vom Mai 2008  in zeitlicher Hinsicht nicht als kausal  für seine Ausreise gewertet werden könne,  dass  er  die  angeblich  fortbestehende  Gefährdung  nicht  mit  einem  Bestätigungsschreiben  des  DHF  untermauert  und  wiederholt  vage  vorgebracht habe,  dass  die  Darlegungen  zur  angeblichen  Verfolgungssituation  zudem  ungereimt ausgefallen seien,  dass  im  anwaltlichen  Bestätigungsschreiben  nicht  von  einer  gezielten  Suche nach ihm die Rede sei,  dass der Vollzug der Wegweisung aufgrund der Aktenlage als  zulässig,  zumutbar und möglich erscheine, dass  der  Beschwerdeführer  diese  Verfügung  mit  Eingabe  seiner  Rechtsvertretung  vom  23.  August  2010  beim Bundesverwaltungsgericht  anfechten liess,  dass er die Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheids, die Rückweisung  der Sache an das BFM zwecks Eintretens auf sein Asylgesuch sowie  in  prozessualer Hinsicht  die  unentgeltliche Prozessführung  (Art.  65 Abs.  1  des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 [VwVG, SR  172.021]) samt Entbindung von der Vorschusspflicht beantragte,  dass  er  zur  Begründung  anführte,  sein Reisepass  befinde  sich  bei  den  griechischen Behörden,  dass dessen Nichtaushändigung an ihn nicht als unglaubhaft bezeichnet  werden  könne,  zumal  das BFM  in  einer  vergleichbaren Fallkonstellation  bei Asylsuchenden in der Schweiz ebenso vorgehe,  dass  seine  Angaben  zur  Reise  in  die  Schweiz  überdies  nicht  als  realitätsfremd,  erfahrungswidrig  und  substanzlos  bezeichnet  werden  könnten,  dass mithin entschuldbare Gründe für seine Papierlosigkeit bestünden, dass er seine Identität mit anderen Unterlagen zu belegen versucht habe  und  seine  beiden  in  der  Schweiz  lebenden  Brüder  seine  Identität  ebenfalls bestätigten, 

D­5970/2010 dass  der  vorliegende  Nichteintretensentscheid  demnach  zu  Unrecht  erfolgt sei, dass der Eingabe eine Erklärung und Ausweisdokumente  der Brüder  in  Kopie beilagen,  dass  das  Bundesverwaltungsgericht  mit  Zwischenverfügung  vom  25.  August 2010 die aufschiebende Wirkung der Beschwerde feststellte, das  Gesuch  im  Sinne  von  Art. 65  Abs.  1  VwVG  –  unter  Vorbehalt  der  Veränderung  der  finanziellen  Lage  –  guthiess,  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses verzichtete und einen Schriftenwechsel veranlasste,  dass  das  Bundesamt  mit  Vernehmlassung  vom  21.  September  2010  ohne  zusätzliche  Erwägungen  die  Abweisung  der  Beschwerde  beantragte, dass  die  vorinstanzliche  Stellungnahme  dem  Beschwerdeführer  am       21. Oktober 2010 zur Kenntnis gebracht wurde, dass  die  vom  Beschwerdeführer  mandatierte  Rechtsberatungsstelle  am  25. Januar 2012 ihr Mandat niederlegte,  dass sich die Rechtsberatungsstelle mit Schreiben vom 1. Februar 2012  nach dem Verfahrensstand erkundigte,  dass  die  Instruktionsrichterin  am  3.  Februar  2012  auf  die  eingereichte  Mandatsniederlegung  hinwies  und  festhielt,  ohne  Gegenbericht  werde  nicht mehr von einem bestehenden Mandatsverhältnis ausgegangen,  dass  die  Beratungsstelle  am  8.  Februar  2012  auf  ein  nach  wie  vor  bestehendes Mandatsverhältnis hinwies,  und erwägt, dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  (Art.  5 VwVG)  des  BFM  entscheidet,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG,  i. V. m.  Art. 31 – 33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]),

D­5970/2010 dass  der  Beschwerdeführer  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  ist,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  ist  (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass  somit  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  einzutreten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 VwVG), dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass  das  BFM  den  angefochtenen  Nichteintretensentscheid  auf  der  Grundlage von Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG getroffen hat, dass  bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide  die  Beurteilungszuständigkeit  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Überprüfung der Frage beschränkt ist, ob die Vorinstanz zu Recht auf das  Asylgesuch nicht eingetreten ist, dass  bei  Begründetheit  der  Beschwerde  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben  und  die  Sache  zu  neuer  Entscheidung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen  ist  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK] 2000 Nr. 34 E. 2.1 S.  240 f.), dass  gemäss  der  Bestimmung  von Art.  32 Abs.  2 Bst.  a  AsylG  auf  ein  Asylgesuch  nicht  eingetreten  wird,  wenn  Asylsuchende  den  Behörden  nicht  innerhalb  von  48  Stunden  nach  Einreichung  des  Gesuchs  Reise­  oder Identitätspapiere abgeben, dass  diese  Bestimmung  jedoch  keine  Anwendung  findet,  wenn  Asylsuchende  glaubhaft  machen  können,  sie  seien  dazu  aus  entschuldbaren Gründen nicht  in der Lage (Art. 32 Abs. 3 Bst. a AsylG),  oder wenn auf Grund der Anhörung sowie gestützt auf Art. 3 und 7 AsylG  die Flüchtlingseigenschaft  festgestellt wird  (Art.  32 Abs. 3 Bst.  b AsylG)  oder wenn sich auf Grund der Anhörung die Notwendigkeit  zusätzlicher  Abklärungen  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  oder  eines  Wegweisungsvollzugshindernisses ergibt (Art. 32 Abs. 3 Bst. c AsylG),

D­5970/2010 dass  mithin  auch  die  Flüchtlingseigenschaft  Prozessgegenstand  des  Beschwerdeverfahrens  bildet,  wobei  im  Rahmen  der  summarischen  Prüfung das offenkundige Fehlen der Flüchtlingseigenschaft, sei es, weil  die  Vorbringen  offensichtlich  unglaubhaft  sind,  oder  sei  es,  weil  sie  offensichtlich  keine  flüchtlingsrechtliche  Relevanz  nach  Art.  3  AsylG  aufweisen,  und  das  offenkundige  Fehlen  von  Wegweisungsvollzugshindernissen zu beurteilen sind (vgl. BVGE 2007/8  E. 2.1), dass gemäss BVGE 2007/8  im Fall des Vorliegens von Umständen, die  auf Grund einer summarischen materiellen Prüfung keine abschliessende  Beurteilung erlauben, auf das Asylgesuch gestützt auf Art. 32 Abs. 3 Bst.  c  AsylG  zwecks  weiterer,  im  ordentlichen  Verfahren  vorzunehmender  Abklärungen  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  oder  von  Wegweisungsvollzugshindernissen einzutreten ist, dass bei der beabsichtigten Anwendung von Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG  mithin  ausgeschlossen  bleibt,  einen  Nichteintretensentscheid  zu  fällen,  wenn das Fehlen der Flüchtlingseigenschaft oder der Vollzugshindernisse  nicht  offenkundig  ist,  beziehungsweise  wenn  zusätzliche  Abklärungen  jeglicher  Art  nötig  erscheinen  oder  der  Entscheid  einer  einlässlichen  Begründung  bedarf  (was  sich  auch  aus  dem Umkehrschluss  zu Art.  40  AsylG und in Anlehnung an Art. 41 AsylG ergibt), dass  der  Gesetzgeber  mit  dieser  Regelung  insbesondere  mit  Blick  auf  das  verkürzte  Verfahren  die  Gefahr  der  vorschnellen  falschen  Einschätzung  einer  Situation  sowohl  in  rechtlicher  oder  in  sachlicher  Hinsicht vermeiden wollte, dass  die  Vorinstanz  in  ihrem  Entscheid  festhielt,  es  lägen  keine  entschuldbaren Gründe vor, die es dem Beschwerdeführer verunmöglicht  hätten,  Reise­  oder  Identitätspapiere  einzureichen,  und  zum  Schluss  gelangte, er erfülle die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 und 7 AsylG  nicht,  und  es  seien  auf  Grund  der  Aktenlage  keine  zusätzlichen  Abklärungen  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  oder  eines  Wegweisungsvollzugshindernisses erforderlich, dass  entsprechend  die  Voraussetzungen  für  ein  Nichteintreten  gemäss  Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG erfüllt seien, dass diese Sichtweise vom Bundesverwaltungsgericht nicht geteilt wird, 

D­5970/2010 dass der Beschwerdeführer unbestrittenermassen in Griechenland weilte  und erkennungsdienstlich erfasst wurde (vgl. A 5/1),   dass  seine  Behauptung,  ihm  sei  dort  die  Identitätskarte  abgenommen  worden,  demnach  nicht  als  blosses Konstrukt  erscheint  (A  1/14 S.  5  f.;      A 14/12 Antworten 3 ff.),  dass  das  Bundesverwaltungsgericht  in  seiner  Zwischenverfügung  vom  25.  August  2010  festhielt,  die  geltend  gemachte  Vorgehensweise  der  griechischen Behörden (Rückerstattung des Original­Identitätsdokuments  erst  im  Falle  einer  kontrollierten  Ausreise)  könne  entgegen  der  vorinstanzlichen Sichtweise nicht als erfahrungswidrig und realitätsfremd  bezeichnet werden,  dass vor diesem Hintergrund das Vorbringen des Beschwerdeführers, es  sei  ihm  aus  entschuldbaren Gründen  nicht möglich  gewesen,  innert  48  Stunden  nach  Einreichung  seines  Asylgesuchs  ein  rechtsgenügliches  Reise­ oder Identitätspapier abgegeben, nicht als haltlos erscheint, zumal  er angab, nie im Besitze eines Reisepasses gewesen zu sein,  dass er  im Übrigen schon bei der Gesuchseinreichung einen Antrag  für  die Ausstellung einer türkischen ID­Karte als Dokument abgab,  dass  unter  den  gegebenen  Umständen  nicht  von  einem  willentlichen  Vorenthalten  der  verwendeten  Reisepapiere  auszugehen  sein  dürfte,  auch  wenn  seine  Aussage,  nie  einen  Pass  beantragt  oder  erhalten  zu  haben, nur bedingt überzeugt,  dass  die  Frage,  ob  entschuldbare  Gründe  für  die  Papierlosigkeit  bestehen, aber letztlich offen bleiben kann, dass die Vorinstanz  im angefochtenen Entscheid die  Inhaftierungen des  Beschwerdeführers nicht in Zweifel gezogen hat,  dass  der  Beschwerdeführer  nebst  eigenen  politischen  Aktivitäten  insbesondere auf die Verfolgung eines Bruders aus politischen Gründen  hinwies,  dass  das BFM diesem und  einem weiteren Bruder  in  der Schweiz Asyl  gewährte (vgl. die Akten N (…) und N (…)),

D­5970/2010 dass  der  politisch­familiäre  Hintergrund  des  Beschwerdeführers  somit  offenkundig ist,  dass  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  möglicherweise  gewisse  Ungereimtheiten  aufweisen,  wobei  aber  bei  der  Schilderung  einer  seit  mehr  als  einem  Jahrzehnt  andauernden  behördlichen  Verfolgung  insbesondere  auch  wegen  politisch  agierender  Angehöriger  gewisse  Unstimmigkeiten  in zeitlicher Hinsicht nicht als a priori entscheidrelevant  eingestuft werden könnten,  dass er präzisierend angab, er sei als Mitglied einer politisch auffälligen  Familie behördlich bekannt, werde aber nicht explizit gesucht, und  führe  ein "illegales Leben" in der Türkei (A 14/12 Antworten 65 ff.), dass diese Aussagen verbunden mit dem geltend gemachten  familiären  Hintergrund durch das eingereichte Anwaltsschreiben bestätigt werden,  dass  der  Beschwerdeführer  überdies  in  der  Lage  war,  seine  Verbindungen zum Verein DHF mit einer gewissen Substanz zu schildern  (A 14/12 Antworten 20 ff.),  dass  in  Anbetracht  der  eher  komplexen  Situation  von  Personen  in  der  Türkei,  deren  Angehörige  in  der  Schweiz  Asyl  erhalten  haben,  bereits  fraglich  ist,  ob eine Auseinandersetzung mit  deren Gefährdung  im Falle  der  Rückkehr  im  Rahmen  der  Begründungsdichte  eines  Nichteintretensentscheides sinnvollerweise überhaupt erfolgen kann,  dass  das BFM  im  angefochtenen Entscheid  die  Vorkommnisse  vor Mai  2008 wie  namentlich  die  Inhaftierungen wegen  des  Zeitablaufs  generell  für nicht asylrelevant erachtete und dabei den familiären Hintergrund des  Beschwerdeführers vollkommen ausblendete,  dass diese Erwägungen offensichtlich nicht zu überzeugen vermögen,  dass  vielmehr  eine  differenzierte  Auseinandersetzung  im  Hinblick  auf  begründete  Furcht  wegen  des  familiären  Hintergrundes  hätte  erfolgen  müssen,  dass  auch  die  Vorbringen  für  den  Zeitraum  nach  Mai  2008  nach  dem  Gesagten nicht generell als offensichtlich haltlos erscheinen, und sich  in  den  entsprechenden  Schilderungen  des  Beschwerdeführers  gewisse  Realkennzeichen finden, 

D­5970/2010 dass  in  die  vorinstanzlichen  Erwägungen  überdies  keinerlei  Elemente,  welche  nach  dem  Gesagten  allenfalls  für  seine  Gefährdung  sprechen  würden, Eingang gefunden haben,  dass  nach  dem Gesagten  im  Rahmen  einer  summarischen  materiellen  Prüfung nicht  vom offenkundigen Fehlen  der Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers auszugehen war respektive ist,  dass das BFM praxisgemäss keine Nichteintretensverfügung zu erlassen  hat, wenn der Entscheid einer einlässlichen Begründung bedarf,  dass die angefochtene Verfügung demnach mit einem schwerwiegenden  Mangel behaftet ist,  dass der gestützt auf Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG gefällte Entscheid den  gesetzlichen Anforderungen nach dem Gesagten nicht entspricht, dass das Verfahren entsprechend an die Vorinstanz zurückzuweisen  ist,  damit  diese  –  sofern  erforderlich  –  weitere  Abklärungen  vornimmt  und  diese  in  einem  neuen,  materiellen,  beschwerdefähigen  und  rechtsgenüglich begründeten Entscheid berücksichtigt, dass  in  diesem  Zusammenhang  auf  die  Untersuchungsmaxime  hinzuweisen  ist,  wonach  die Behörde  verpflichtet  ist,  von Amtes wegen  für  die  richtige  und  vollständige  Abklärung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes zu sorgen (Art. 12 VwVG), dass die verfügende Behörde im Rahmen des rechtlichen Gehörs (Art. 29  VwVG; Art. 32 Abs. 1 VwVG) ferner generell gehalten ist, die Vorbringen  der  betroffenen Person  tatsächlich  zu hören,  sorgfältig  und ernsthaft  zu  prüfen  und  in  der  Entscheidfindung  zu  berücksichtigen,  was  sich  entsprechend in der Entscheidbegründung niederschlagen muss (vgl. Art.  35 Abs. 1 VwVG), dass sich die Begründungsdichte nach dem Verfügungsgegenstand, den  Verfahrensumständen und den Interessen der betroffenen Person richtet,  wobei  die  bundesgerichtliche  Rechtsprechung  bei  schwerwiegenden  Eingriffen  in die rechtlich geschützten Interessen der betroffenen Person  eine sorgfältige Begründung verlangt, dass  die  Beschwerde  nach  dem  Gesagten  gutzuheissen,  die  angefochtene Verfügung des BFM vom 13. August 2010 aufzuheben und 

D­5970/2010 die  Sache  zur Wiederaufnahme  des  Verfahrens  und Neubeurteilung  im  Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen ist, dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  keine  Kosten  aufzuerlegen  sind (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG), dass obsiegende Parteien Anspruch auf eine Parteientschädigung für die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  Kosten  haben  (Art.  7  Abs.  1  des  Reglements vom 11. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]), dass  die  Rechtsvertretung  keine  Kostennote  einreichte,  weshalb  die  Kosten von Amtes wegen auf insgesamt Fr. 600.­­ festzusetzen sind (vgl.  Art. 8 ff. und 14 Abs. 2 VGKE). (Dispositiv nächste Seite)

D­5970/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen.  2.  Die  Verfügung  des  BFM  vom  13.  August  2010  wird  aufgehoben.  Die  Akten werden zur Neubeurteilung dem BFM überwiesen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Die  Parteientschädigung  wird  auf  Fr.  600.­­  festgesetzt.  Das  BFM  wird  angewiesen, diesen Betrag dem Beschwerdeführer zu entrichten. 5.   Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand:

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