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Bundesverwaltungsgericht 18.07.2011 D-5929/2009

18 luglio 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,656 parole·~13 min·2

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 17. August 2009

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­5929/2009 Urteil   v om   1 8 .   Juli   2011 Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz), Richter Thomas Wespi, Richter Daniele Cattaneo;    Gerichtsschreiberin Daniela Brüschweiler. Parteien A._______, geboren (…), die Ehefrau B._______, geboren (…), sowie die Kinder C._______, geboren (…), D._______, geboren am (…), E._______, geboren (…), F._______, geboren (…), Kosovo, alle vertreten durch lic. iur. Martin Amsler, Rechtsanwalt,  (…),  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), vormals Bundesamt für  Flüchtlinge (BFF), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom  17. August 2009 / N (…).

D­5929/2009 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführenden  (Eltern  mit  dem  (…)  geborenen  Sohn  C._______)  suchten  am  26. September  2002  in  der  Schweiz  um  Asyl  nach. Am 1. Oktober 2002 erhob das BFF in der Empfangsstelle (heute:  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  [EVZ])  G._______  ihre  Personalien  und  führte mit  ihnen die summarische Befragung zum Reiseweg und zu  den Gründen ihrer Asylgesuche durch.  Am  3. Oktober  2002  wurde  durch  die  Fachstelle  LINGUA  je  ein  Gutachten  hinsichtlich  der  Herkunft  der  Beschwerdeführenden  erstellt.  Die Gutachten bestätigten, dass die Beschwerdeführenden aufgrund der  landeskundlich­kulturellen Kenntnisse und ihrer Sprechweise eindeutig in  Kosovo  (albanischsprachige  ethnische  Minderheit  [Beschwerdeführer:  Magjup bzw. Ashkali]) sozialisiert wurden. Mit  Verfügung  vom  4. Oktober  2002  wurden  die  Beschwerdeführenden  für  die  Dauer  des  Asylverfahrens  dem  Kanton  H._______  zugewiesen.  Am  18. November  2002  fanden  die  Anhörungen  der  Beschwerdeführenden durch die kantonalen Behörden statt. Der Beschwerdeführer gab zu seiner Person an, er stamme aus dem Dorf  I._______  (serb.  J._______,  Grossgemeinde  K._______  [serb.  L._______],  heutige Republik Kosovo)  und  gehöre  der Volksgruppe  der  Roma  an.  Von  1993  bis  2000  habe  er  sich  im  Kanton  M._______  aufgehalten.  Im  Jahr  2000  sei  seine  Aufenthaltsbewilligung  nicht  mehr  verlängert worden, weshalb er  am 16. März 2000 zusammen mit  seiner  Ehefrau und dem gemeinsamen Kind nach I._______ zurückgekehrt sei.  Nachdem  er  dort  von  einem  ehemaligen  Nachbarn  beschimpft  und  bedroht worden sei, seien sie gleichentags zur Familie der Ehefrau nach  N._______ (serb. O._______, Kosovo, Grossgemeinde P._______ [serb.  Q._______])  weitergereist.  Am  20. April  2000  seien  sie  aus  Sicherheitsgründen  nach  Montenegro  geflüchtet,  wo  sie  sich  bis  am  21. September  2002  aufgehalten  hätten.  In  der  Folge  seien  sie  in  die  Schweiz  zurückgekehrt,  weil  er  in  Montenegro  keine  Arbeit  gefunden  habe und bei seiner Familie leben wolle. Die  Beschwerdeführerin  schilderte  dieselben  Gründe  wie  ihr  Ehemann.  Zu  ihrer Person  führte sie an, sie sei ethnische Roma und stamme aus  dem Dorf N._______, wo sie auch aufgewachsen sei. 

D­5929/2009 B.  Mit  Verfügung  vom  17. Februar  2003  stellte  das  BFF  fest,  die  Beschwerdeführenden  erfüllten  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  lehnte  die  Asylgesuche  ab.  Gleichzeitig  wurden  sie  aus  der  Schweiz  weggewiesen  und  aufgefordert,  die  Schweiz  bis  14. April  2003  zu  verlassen.  Der  Kanton  H._______  wurde  mit  dem  Vollzug  der  Wegweisung  beauftragt.  Zur  Begründung  führte  das  Bundesamt  im  Wesentlichen  aus,  die  KFOR  und  die  internationale  Polizei  der  United  Nations  Interim Administration Mission  in  Kosovo  (UNMIK)  seien  in  der  Lage,  die  ethnischen  Minderheiten  in  Kosovo  zu  schützen.  Die  KFOR­ Präsenz  sei  gut  sichtbar  sowie  flächendeckend.  Bei  Übergriffen  intervenierten  die  KFOR­Soldaten  regelmässig  und  Straftaten  gegen  Angehörige  von  Minderheiten  würden  geahndet.  Es  sei  demnach  vom  Schutzwillen und der weitgehenden Schutzfähigkeit der KFOR sowie der  UNMIK auszugehen, weshalb die von den Beschwerdeführenden geltend  gemachten Übergriffe nicht asylrelevant seien. Den Wegweisungsvollzug  erachtete das BFF als zulässig, zumutbar und möglich. C.  Gegen  diese  Verfügung  liessen  die  Beschwerdeführenden  durch  ihren  damaligen Rechtsvertreter bei der vormals zuständigen Schweizerischen  Asylrekurskommission (ARK) am 20. März 2003 Beschwerde erheben. D.  Am (…) wurde der Sohn D._______ und am (…) die Tochter E._______  in der Schweiz geboren. E.  Am  1. Januar  2007  übernahm  das  Bundesverwaltungsgericht  das  Beschwerdeverfahren von der ARK. Mit Urteil vom 29. April 2009 wurde  die Beschwerde gutgeheissen, die angefochtene Verfügung aufgehoben  und  die  Sache  zur  weiteren  Abklärung  des  Sachverhalts  und  Neubeurteilung an das BFM zurückgewiesen. Das Gericht erwog zusammengefasst, einerseits sei für die Frage, ob die  Beschwerdeführenden  wirksamen  Schutz  vor  der  geltend  gemachten  Behelligung  durch  Zivilpersonen  erhalten  könnten,  die  Staatsangehörigkeit  von zentraler Bedeutung. Diese sei durch das BFM  vor  der  erstinstanzlichen  Beurteilung  des  Asylgesuchs  festzustellen.  Im  Falle  der  kosovarischen  Staatsangehörigkeit  sei  zu  prüfen,  inwieweit  Angehörige  von  Minderheitsethnien  unter  den  heute  in  Kosovo 

D­5929/2009 herrschenden Verhältnissen mit einem wirksamen Schutz vor Übergriffen  durch private Akteure  rechnen könnten. Anderseits  fehle hinsichtlich der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  die  gemäss  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  erforderliche  Einzelfallabklärung  (insbesondere durch vor Ort­Untersuchungen in Kosovo).  F.  Mit Schreiben vom 13. Mai 2009 ersuchte das BFM die Schweizerische  Botschaft  in  Pristina  um  die  Vornahme  diverser  Abklärungen.  Das  Ergebnis  dieser  Abklärungen  wurde  dem  Bundesamt  mit  Brief  vom  2. Juni  2009  mitgeteilt.  Die  Beschwerdeführenden  wurden  darüber  wie  auch  über  die  Botschaftsanfrage  –  in  zusammengefasster  Form  –  mit  Brief  vom  11. Juni  2009  in  Kenntnis  gesetzt  und  ihnen  wurde  Frist  zur  Stellungnahme  eingeräumt.  Von  ihrem  Äusserungsrecht  machten  die  Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 19. Juni 2009 Gebrauch. G.  Mit  Verfügung  vom  17. August  2009  stellte  das  Bundesamt  erneut  die  fehlende  Flüchtlingseigenschaft  der  Beschwerdeführenden  fest  und  lehnte  die  Asylgesuche  ab.  Es  ordnete  die  Wegweisung  der  Beschwerdeführenden sowie den Wegweisungsvollzug an. H.  Mit  Beschwerde  vom  17. September  2009  an  das  Bundesverwaltungsgericht  liessen  die  Beschwerdeführenden  die  Verfügung  vom  17. August  2009  durch  ihren  Rechtsvertreter  anfechten  und  beantragen,  die  angefochtene  Verfügung  sei  vollumfänglich  aufzuheben, die Beschwerdeführenden seien als Flüchtlinge  i.S.v. Art. 3  des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998  (AsylG, SR 142.31) anzuerkennen  und  es  sei  ihnen  demzufolge  Asyl  zu  gewähren,  eventualiter  seien  die  Beschwerdeführenden  vorläufig  aufzunehmen.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  ersuchten  sie  um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Auf die Begründung der Begehren sowie die eingereichten Beweismittel  wird,  soweit  für  den  Entscheid  wesentlich,  in  den  nachfolgenden  Erwägungen eingegangen. I.  Mit Zwischenverfügung vom 6. Oktober 2009 teilte der Instruktionsrichter  den Beschwerdeführenden mit, sie könnten den Ausgang des Verfahrens 

D­5929/2009 in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig wurde das Gesuch um Gewährung  der unentgeltlichen Rechtspflege abgewiesen und auf die Erhebung eines  Kostenvorschusses verzichtet. Zudem wurden die Beschwerdeführenden  aufgefordert,  fremdsprachige  Beweismittel  innert  Frist  in  eine  Amtssprache  übersetzen  zu  lassen.  Dieser  Aufforderungen  kamen  die  Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 16. Oktober 2009 nach. J.  Am (…) wurde das Kind F._______ in der Schweiz geboren. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme liegt nicht vor. 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1  sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.

D­5929/2009 1.4. Die am (…) geborene Tochter F._______ der Beschwerdeführenden  wird in das vorliegende Beschwerdeverfahren miteinbezogen. 1.5. Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden  in der  Regel  in  der  Besetzung  mit  drei  Richtern  oder  Richterinnen  (Spruchkörper;  vgl.  Art.  21  Abs.  1  VGG).  Gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung  eines  Schriftenwechsels  verzichtet. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1.  Die  Beschwerdeführenden  halten  auf  Beschwerdeebene  an  der  bereits vor Vorinstanz erhobenen Rüge der Verweigerung des rechtlichen  Gehörs fest. Sie machen geltend, das Bundesamt habe ihnen zu Unrecht  nur den zusammengefassten  Inhalt des Botschaftsberichtes vom 2. Juni  2009 mitgeteilt.

D­5929/2009 4.1.1.  In  der  angefochtenen Verfügung wird  ausgeführt,  gemäss Art. 27  Abs. 1  Bst. a  VwVG  dürfe  die  Behörde  die  Einsichtnahme  in  die  Akten  verweigern, wenn wesentliche öffentliche Interessen des Bundes oder der  Kantone,  insbesondere  die  innere  oder  äussere  Sicherheit  der  Eidgenossenschaft,  die  Geheimhaltung  erfordern.  Gestützt  auf  diese  Gesetzesbestimmung  entspreche  es  der  Praxis  des  BFM,  bei  Botschaftsanfragen  Textstellen  –  insbesondere  Namen  von  schützenswerten  Auskunftspersonen  –  einzuschwärzen  oder  –  wie  vorliegend  –  Anfragen  und  Berichte  zusammenfassend  zu  unterbreiten.  Ein solches Vorgehen stelle keine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar,  wenn  dabei  nicht  Sachverhaltselemente,  welche  zur  Entscheidfindung  beitrügen,  unterschlagen  würden.  Vorliegend  seien  den  Beschwerdeführenden  alle  entscheidrelevanten  Fakten  zur  Stellungnahme unterbreitet worden. 4.1.2.  Gemäss  Art. 26  Abs. 1  Bst. b  VwVG  hat  die  Partei  oder  ihr  Vertreter Anspruch darauf, in ihrer Sache alle als Beweismittel dienenden  Aktenstücke  am  Sitze  der  verfügenden  oder  einer  durch  diese  zu  bezeichnenden  kantonalen  Behörde  einzusehen.  Die  Behörde  darf  die  Einsichtnahme  in  die  Akten  gestützt  auf  Art. 27  Abs. 1  Bst. a  VwVG  verweigern, wenn wesentliche öffentliche Interessen des Bundes oder der  Kantone,  insbesondere  die  innere  oder  äussere  Sicherheit  der  Eidgenossenschaft,  die  Geheimhaltung  erfordern.  Das  Geheimhaltungsinteresse  kann  demnach  dem  Interesse  eines  Gesuchstellers  an  einer  unbeschränkten  Einsichtnahme  entgegen  stehen.  Die  Verweigerung  der  Einsichtnahme  stellt  eine  Grundrechtsbeschränkung  dar,  welche  verhältnismässig  sein  muss,  mithin  muss  stets  der  mildeste  Eingriff  gewählt  werden,  der  zur  Erreichung  des  angestrebten  Schutzzwecks  möglich  ist.  Die  Verweigerung  des  Einsichtsrechts  darf  somit  in  personeller,  sachlicher  und  zeitlicher  Hinsicht  nicht  über  das  Notwendige  hinausgehen  (vgl.  STEPHAN C. BRUNNER,  in: Auer/Müller/Schindler  [Hrsg.], Kommentar zum  Bundesgesetz  über  das  Verwaltungsverfahren  [VwVG],  Zürich  2008,  Rz. 6 f. zu Art. 27 VwVG). Eine Einschränkung der Akteneinsicht muss im  Weiteren  auf  einer  Interessenabwägung  im  Einzelfall  beruhen.  Es  ist  unzulässig,  bestimmte  Kategorien  von  Dokumenten  generell  von  der  Akteneinsicht  auszunehmen  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­4125/2006  vom  16. Februar  2010  E.  3.1.2;  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  1997  Nr. 5  E. 5a  S. 35;  ALFRED  KÖLZ/ISABELLE  HÄNER,  Verwaltungsverfahren  und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 2. Aufl., Zürich 1998, S. 110). 

D­5929/2009 Das  Geheimhaltungsinteresse  ist  etwa  hochwertig,  wenn  es  um  den  Schutz  ausländischer  Informanten  und  Kontaktpersonen  geht,  die  entweder  von  Seiten  der  ausländischen  Behörden  oder  aber  von  politischen  Gruppierungen,  denen  der  Asylsuchende  nahe  steht,  Repressionen  wegen  der  Zusammenarbeit  mit  schweizerischen  Behörden zu befürchten haben. Schützenswert sind auch Angaben über  Art  und  Methoden  der  Informationsbeschaffung  der  schweizerischen  Behörden  und  ihrer  Auslandvertretungen  (WALTER KÄLIN,  Grundriss  des  Asylverfahrens, Basel/Frankfurt a. M. 1990, S. 269). Wird einer Partei die  Einsicht  in ein Aktenstück verweigert, muss ihr die Behörde nach Art. 28  VwVG von seinem wesentlichen Inhalt mündlich oder schriftlich Kenntnis  sowie Gelegenheit geben, sich dazu zu äussern und Gegenbeweismittel  zu bezeichnen (vgl. dazu EMARK 1994 Nr. 1). 4.1.3.  Nach  dem  Gesagten  ergibt  sich  zunächst,  dass  auch  bei  Botschaftsanfragen beziehungsweise der Antwort auf solche Anfragen im  Einzelfall  zu  prüfen  ist,  ob  und  wieweit  ein  Geheimhaltungsinteresse  besteht.  Art. 28  VwVG  kommt  erst  zum  Zuge,  wenn  überwiegende  öffentliche  oder  private Geheimhaltungsinteressen  im  Sinne  von  Art. 27  VwVG der Einsichtnahme entgegenstehen (vgl. EMARK 1994 Nr. 1 E. 5b  S. 15).  Soweit  kein  Geheimhaltungsinteresse  besteht,  ist  in  der  Regel  Einsicht  in das Originaldokument zu gewähren. Damit wird zunächst der  Bedeutung des Akteneinsichtsrechts Rechnung getragen, es können aber  auch Unsicherheiten seitens der Verfahrenspartei über die Vollständigkeit  der  Information  und  Fehler  bei  einer  zusammenfassenden  Information  vermieden  werden.  In  Bezug  auf  den  Inhalt  der  Botschaftsantwort  vom  2. Juni  2009  im  vorliegenden  Verfahren  (vgl.  A  31/2)  kann  einzig  im  Hinblick  auf  die  Person  des  Verfassers  ein  Geheimhaltungsinteresse  angenommen  werden.  Unter  Abdeckung  dieser  Angaben  hätte  den  Beschwerdeführenden  aber  ohne  Weiteres  Akteneinsicht  in  das  Originaldokument gewährt werden können. Damit wäre  im Übrigen auch  die von den Beschwerdeführenden bereits in ihrer Stellungnahme an die  Vorinstanz vom 19. Juni 2009 erwähnte Unklarheit über den Umfang der  Botschaftsantwort  (keine  Beantwortung  der  Frage  4)  zu  vermeiden  gewesen.  Das  Vorgehen  der  Vorinstanz  erweist  sich  aber  auch  in  weiterer Hinsicht als mangelhaft. Die zusammengefasste Information des  BFM  erfolgte  nämlich  nicht  nur  unvollständig,  sondern  in  einem  Punkt  auch  falsch. Unvollständig  insoweit,  als  der  abschliessende Kommentar  durch  den Verfasser  (vgl.  A  31/2  S. 2:  "Commentaire:  selon  la  tradition  kosovare,  c'est  en  principe  la  famille  du  mari  qui  doit  assumer  la  responsabilité, et non celle de l'épouse. Un retour des requérants dans la 

D­5929/2009 famille de l'épouse serait donc inhabituel. Etant donné que l'ensemble de  la famille du mari A._______ réside à l'étranger et dispose probablement  de revenus, il peut éventuellement être supposé que le requérant puisse  bénéficier d'un soutien matériel en cas de retour.") keinen Eingang in die  Mitteilung an die Beschwerdeführenden fand (vgl. A 32/3), obschon auch  diesbezüglich  kein  Geheimhaltungsinteresse  besteht.  Als  unzutreffend  erweist  sich  –  wie  von  den  Beschwerdeführenden  in  der  Beschwerdebegründung  ausgeführt  (vgl.  S. 4  f.)  –  sodann,  dass  ein  Gespräch  mit  den  Eltern  der  Beschwerdeführerin  in  N._______  stattgefunden haben soll. Gemäss Botschaftsauskunft fand das Gespräch  nämlich mit der Mutter und dem Grossvater der Beschwerdeführerin statt. 4.1.4. Zusammenfassend ergibt  sich aus diesen Erwägungen, dass das  BFM  das Recht  auf  Akteneinsicht  gemäss Art. 26  f.  VwVG  verletzt  hat,  indem es den Beschwerdeführenden die Einsicht in die Botschaftsantwort  teilweise verweigerte.  4.2.  Der  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör  ist  formeller  Natur.  Eine  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  führt  deshalb  grundsätzlich  –  das  heisst  ungeachtet  der  materiellen  Auswirkungen  –  zur  Aufhebung  des  daraufhin ergangenen Entscheides (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.3.4 S. 676 f.,  BVGE  2008/14  E. 4.1  S. 185,  BVGE  2007/30  E. 8.2  S. 371  m.w.H.,  BVGE 2007/27 E. 10.1 S. 332). Die Heilung von Gehörsverletzungen  ist  aus prozessökonomischen Gründen auf Beschwerdeebene nur möglich,  sofern  das  Versäumte  nachgeholt  wird,  der  Beschwerdeführer  dazu  Stellung nehmen kann und der Beschwerdeinstanz  im streitigen Fall die  freie  Überprüfungsbefugnis  in  Bezug  auf  Tatbestand  und  Rechtsanwendung  zukommt,  die  festgestellte  Verletzung  nicht  schwerwiegender  Natur  ist  und  die  fehlende  Entscheidreife  durch  die  Beschwerdeinstanz  mit  vertretbarem  Aufwand  hergestellt  werden  kann  (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.3.4 S. 676 f. m.w.H.). Im  vorliegenden  Fall  ist  zu  berücksichtigen,  dass  die  Vorinstanz  den  Beschwerdeführenden mit Schreiben vom 11. Juni 2009 – mit Ausnahme  des vorerwähnten abschliessenden Kommentars –  im Sinne von Art. 28  VwVG  Kenntnis  von  der  Botschaftsantwort  einräumte  und  die  Beschwerdeführenden  dazu  Stellung  nehmen  konnten.  Die  Beschwerdeführenden  liessen  bereits,  in  Übereinstimmung  mit  dem  Kommentar  in  der Botschaftsantwort,  in  ihrer Stellungnahme ausführen,  es  sei  völlig  undenkbar,  dass  die  Eltern  der  Beschwerdeführerin  die  Familie in ihrem Familienverband aufnähmen. Dabei spiele insbesondere 

D­5929/2009 auch  die  soziokulturelle  Situation  eine  Rolle.  Ausserdem  wurde  in  der  Beschwerdeschrift  bestätigt,  dass der Vater der Beschwerdeführerin am  Gespräch mit dem Verfasser der Beschwerdeantwort nicht beteiligt war.  Im  Weiteren  wird  nachfolgend  aufgezeigt,  dass  die  Verweigerung  der  Einsicht  in  das  Originalaktenstück  für  die  Beschwerdeführenden  mit  keinem erheblichen Nachteil  verbunden  gewesen  und  deshalb  als  nicht  schwerwiegend  zu  beurteilen  ist.  Es  besteht  daher  kein  Anlass,  die  angefochtene  Verfügung  aus  formellen  Gründen  aufzuheben  und  die  Sache an das Bundesamt zur Neubeurteilung zurückzuweisen. 5.  5.1. Das Bundesamt hielt in der angefochtenen Verfügung zur Frage der  Flüchtlingseigenschaft  der  Beschwerdeführenden  zunächst  fest,  die  Abklärungen  seitens  der  Schweizerischen  Vertretung  in  Pristina  hätten  ergeben,  dass  sich  die  Beschwerdeführenden  seit  den  frühen  1990er  Jahren  nie mehr  in  Kosovo  aufgehalten  hätten.  Ihr  Vorbringen, wonach  sie  dort  im  Jahr  2000  bedroht  worden  seien,  sei  daher  tatsachenwidrig  und  unglaubhaft.  Zudem  führte  die  Vorinstanz  aus,  es  sei  vom  Vorhandensein  eines  adäquaten  Schutzes  durch  den  Heimatstaat  auszugehen, weshalb dem Umstand, dass die Beschwerdeführenden der  Minderheit  der  Ashkali  angehörten,  keine  asylrelevante  Bedeutung  zukomme. 5.2. Die Beschwerdeführenden halten der vorinstanzlichen Argumentation  entgegen, die Auskunft der Schweizerischen Vertretung, wonach sie sich  im  März/April  2000  nicht  in  Kosovo  aufgehalten  hätten,  sei  falsch.  Die  Mutter  der  Beschwerdeführerin  sei  psychisch  krank,  weshalb  ihre  Aussage  zu  einer  Situation  vor  mehreren  Jahren  nicht  verwertbar  sei.  Zudem könnten drei Nachbarn der Familie R._______ den Aufenthalt der  Beschwerdeführenden in N._______ bezeugen. Die gegenteilige Angabe  auf  der  Gemeindeverwaltung  von  J._______  ändere  daran  nichts.  Zur  Sicherheitslage  für  Angehörige  der  Ashkali  verweisen  die  Beschwerdeführenden  auf  diverse  Berichte  verschiedener  Organisationen  und  halten  dazu  fest,  die  Sicherheitssituation  für  ethnische Minderheiten werde als sehr problematisch beschrieben. Viele  Angehörige dieser Minderheiten würden Vorfälle ethnischer Gewalt nicht  zur  Anzeige  bringen,  weil  sie  sich  vor  den  Behörden  selbst  beziehungsweise  vor  weiterer  Verfolgung  durch  die  Täter  aus  der  Mehrheitsbevölkerung  fürchteten.  Es  erstaune  deshalb  nicht,  dass  die  Befragung  der  Behörden  ein  anderes,  viel  positiveres  Bild  ergebe.  Die  Unabhängigkeit von Kosovo verbessere sicher die vorbeschriebene Lage. 

D­5929/2009 Entscheidend  sei  aber,  dass  diese  Bemühungen  noch  lange  nicht  ihre  Ziele erreicht hätten, wie den eingereichten Berichten zu entnehmen sei.  Derzeit bestehe keine genügende Sicherheit  für Ashkali  in Kosovo, kein  genügender Zugang zu öffentlichen Institutionen und Diensten und keine  genügende  Grundlage  für  eine  humane  Existenz.  Die  Beschwerdeführenden  seien  deshalb  Flüchtlinge  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG. 5.3.    Wie  nachfolgend  aufgezeigt  wird,  vermögen  die  von  den  Beschwerdeführenden anlässlich des behaupteten Aufenthalts in Kosovo  im  Jahr  2000  geltend  gemachte  Beschimpfung  und  Bedrohung  die  Voraussetzungen für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft nicht zu  erfüllen.  Eine  abschliessende  Beurteilung  der  Frage,  ob  sich  die  Beschwerdeführenden  tatsächlich  in  Kosovo  aufgehalten  haben,  beziehungsweise ob die Vorinstanz zu Recht von der Tatsachenwidrigkeit  dieser  Behauptung  ausging,  kann  deshalb  unterbleiben.  Entsprechend  erübrigt  sich  auch  die  Abnahme  weiterer  Beweismittel.  Immerhin  erscheint  fraglich,  ob  die  Auskünfte  gegenüber  der  Schweizerischen  Vertretung effektiv auf unglaubhafte Angaben der Beschwerdeführenden  schliessen  lassen.  Insbesondere  geht  aus  der  Botschaftsantwort  nicht  hervor,  aus  welchem  Grund  zumindest  die  Auskunftsperson  auf  der  Gemeindeverwaltung in I._______ zwingend vom sehr kurzen Aufenthalt  der Beschwerdeführenden dort erfahren haben sollte. 5.3.1.  Die  Umschreibung  einer  erlittenen  Verfolgung  als  ernsthafte  Nachteile  für die zentralsten Rechtsgüter macht klar, dass eine gewisse  Intensität der Eingriffe für die Anerkennung als Flüchtling vorauszusetzen  ist.  Bei  Eingriffen  wie  Freiheitsentzug,  Schlägen  und  sexueller  Belästigung  ist  die  psychische  oder  physische  Beeinträchtigung  in  Relation  zu  ihrer  Dauer  und  Häufigkeit  sowie  zu  den  gesamten  Umständen  zu  setzen  (WALTER STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl.,  Basel  2009,  Rz. 11.14).  Im  Falle der Beschwerdeführenden sind diese Anforderungen – selbst wenn  von  ihrer  Sachdarstellung  ausgegangen  wird  –  nicht  erfüllt.  Einer  (einmaligen)  Beschimpfung  und  Bedrohung  während  kurzer  Zeit  (vgl.  A18/18  S. 12  und  A  19/14  S. 8  ff.)  durch  einen  Nachbarn  ist  die  erforderliche Intensität für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft im  Sinne von Art. 3 AsylG abzusprechen. 5.3.2.  Im  Sinne  einer  Vorbemerkung  ist  im  Hinblick  auf  die  Staatsangehörigkeit der Beschwerdeführenden festzuhalten, dass die auf 

D­5929/2009 Beschwerdeebene  geäusserten  Zweifel  an  der  Auskunft  auf  der  Gemeindeverwaltung,  die  Beschwerdeführenden  könnten  problemlos  Identitätsdokumente  und  kosovarische  Reisepässe  erhalten,  nicht  stichhaltig erscheinen. Ein Grund für die Verweigerung der kosovarischen  Staatsbürgerschaft  ist  nicht  ersichtlich  und  wird  von  den  Beschwerdeführenden auch nicht dargetan.  5.3.3. Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person  die  Flüchtlingseigenschaft  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG  auch,  wenn  sie  Nachteile  von  bestimmter  Intensität  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürchten muss, welche ihr  aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt zu werden drohen und  vor  denen  sie  keinen  ausreichenden  Schutz  erwarten  kann  (vgl.  BVGE  2008/4  E. 5  sowie  die  vom  Bundesverwaltungsgericht  fortgeführte  Rechtsprechung  der  ARK  in  EMARK  2006  Nr. 18  E. 7­10  und  Nr. 32  E. 8.7  sowie  1995  Nr. 2  E. 3a).  Massgeblich  für  die  Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft sind die tatsächlichen Verhältnisse, wie sie sich im  Zeitpunkt der Entscheidfällung präsentieren. Ausgangspunkt der Prüfung  ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Furcht vor  einer  absehbaren  Verfolgung  im  Heimatstaat.  Veränderungen  der  objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid  sind  zugunsten  und  zulasten  der  Asylgesuch  stellenden  Person  zu  berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4 S. 38 m.w.H.). 5.3.4.  Die  vormals  zuständige  Beschwerdeinstanz,  die  ARK,  äusserte  sich mit dem in EMARK 2001 Nr. 13 publizierten Urteil erstmals zur Frage  der  Flüchtlingseigenschaft  und  zur Gewährung  von Asyl  an Angehörige  von ethnischen Minderheiten in Kosovo und führte dabei aus, die Lage in  Kosovo habe sich seit der Intervention der NATO im Jahre 1999 und dem  Rückzug  der  serbischen Truppen  aus Kosovo  zum Positiven  verändert,  da  unter  anderem  durch  die  1999  eingesetzte  KFOR  der  Schutz  der  ethnischen Minderheiten verbessert worden sei. Nach den Erkenntnissen  des  Bundesverwaltungsgerichts  sind  in  Kosovo  die  bisher  zuständigen  Behörden  –  im  Rahmen  ihrer  Möglichkeiten  –  systematisch  gegen  Bedrohungen  und  Übergriffe  Dritter  vorgegangen.  Insoweit  kann  zum  heutigen  Zeitpunkt  vom Schutzwillen  und  auch  von  einer weitgehenden  Schutzfähigkeit  der  in  Kosovo  tätigen  nationalen  und  internationalen  Sicherheitsbehörden,  namentlich  der  UNMIK,  des  KPS  und  der  KFOR,  ausgegangen  werden.  Die  Vertreter  der  neuen  Regierung  haben  sich  sodann  im  Rahmen  der  Unabhängigkeitserklärung  im  Februar  2008  verpflichtet,  sämtliche  Verträge  und  Absprachen,  die  sich  aus  dem 

D­5929/2009 „umfassenden  Vorschlag  zur  Regelung  des  Kosovostatus“  des  Sondergesandten  des  UNO­Generalsekretärs  für  den  Prozess  zur  Bestimmung des künftigen Status von Kosovo ergeben, vollumfänglich zu  erfüllen. 5.3.5. Das BFM hat  im angefochtenen Entscheid  zu Recht  – und damit  entgegen  der  in  der  Beschwerdeschrift  vertretenen  Auffassung –  festgestellt,  dass  der  kosovarische  Staat  grundsätzlich  schutzwillig  und  schutzfähig  ist.  Die  von  den  Beschwerdeführenden  geltend  gemachten  Befürchtungen  vor  Übergriffen  Dritter  –  deren  Wahrheitsgehalt  vorausgesetzt – sind nicht asylrelevant. Im Übrigen hat der Bundesrat mit  Beschluss  vom  6. März  2009  Kosovo  als  verfolgungssicheren  Staat  ("Safe  country")  bezeichnet.  Dieser  Beschluss  trat  am  1. April  2009  in  Kraft. Massgebliche Kriterien für die Bezeichnung eines Staates als "Safe  country" sind insbesondere die Einhaltung der Menschenrechte sowie die  Anwendung  internationaler  Konventionen  im  Menschenrechts­  und  Flüchtlingsbereich. 5.4.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  den  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden die Asylrelevanz abzusprechen ist. Die Vorinstanz  hat die Asylgesuche der Beschwerdeführenden zu Recht abgelehnt. 6.   6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2.  Die  Beschwerdeführenden  verfügen  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet  (Art.  44  Abs.  1  AsylG;  vgl.  BVGE  2008/34  E.  9.2;  EMARK  2001 Nr. 21). 7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]).

D­5929/2009 7.2.  Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  STÖCKLI, a.a.O., Rz. 11.148). Bei der Prüfung der drei Kriterien ist auf die  im  Entscheidzeitpunkt  bestehenden  Verhältnisse  abzustellen  (EMARK  1997 Nr. 27 E. 4f S. 211).  7.3. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art. 83  Abs. 3  AuG).  Er  ist  nicht  möglich,  wenn  der  Ausländer  weder  in  den  Herkunfts­  oder  in  den  Heimatstaat  noch  in  einen  Drittstaat  verbracht  werden  kann.  Der  Vollzug  kann  sodann  insbesondere  nicht  zumutbar  sein,  wenn  er  für  den  Ausländer  eine  konkrete  Gefährdung  darstellt  (Art. 83 Abs. 2­4 AuG). 7.4. Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug  der  Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit,  Unmöglichkeit)  sind  alternativer  Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4). 8.   8.1. Gemäss Art.  83 Abs.  4 AuG  ist  der Vollzug  der Wegweisung  nicht  zumutbar,  wenn  die  beschwerdeführende Person  bei  einer Rückkehr  in  ihren  Heimatstaat  einer  konkreten  Gefährdung  ausgesetzt  wäre.  Diese  Bestimmung  wird  vor  allem  bei  Gewaltflüchtlingen  angewendet,  das  heisst  bei  Ausländerinnen  und  Ausländern,  die  mangels  persönlicher  Verfolgung weder  die Voraussetzungen  der  Flüchtlingseigenschaft  noch  jene  des  völkerrechtlichen  Non­Refoulement­Prinzips  erfüllen,  jedoch  wegen der Folgen von Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner  Gewalt  nicht  in  ihren  Heimatstaat  zurückkehren  können.  Im  Weiteren  findet  sie  Anwendung  auf  andere  Personen,  die  nach  ihrer  Rückkehr  ebenfalls einer  konkreten Gefahr ausgesetzt wären, weil  sie die absolut  notwendige medizinische Versorgung  nicht  erhalten  könnten  oder  ­  aus  objektiver  Sicht  ­  wegen  der  vorherrschenden  Verhältnisse  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit unwiederbringlich  in völlige Armut gestossen würden,  dem  Hunger  und  somit  einer  ernsthaften  Verschlechterung  ihres 

D­5929/2009 Gesundheitszustands,  der  Invalidität  oder  sogar  dem  Tod  ausgeliefert  wären (BVGE 2009/52 E. 10.1,  EMARK 1995 Nr. 5 E. 6e S. 47,  EMARK  1994 Nr. 20  S. 155 ff., EMARK 1994 Nr. 19 S. 145 ff., EMARK 1994 Nr.  18 S. 139 ff.). 8.2. Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so  bildet  im  Rahmen  der  Zumutbarkeitsprüfung  das  Kindeswohl  einen  Gesichtspunkt  von gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt  sich nicht  zuletzt  aus  einer  völkerrechtskonformen  Auslegung  von  Art. 83  Abs. 4  AuG  im  Licht von Art. 3 Abs. 1 der Konvention vom 20. November 1989 über die  Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107). Unter dem Aspekt des Kindeswohls  sind demnach sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die  im  Hinblick  auf  eine Wegweisung  wesentlich  erscheinen.  In  Bezug  auf  das Kindeswohl  können namentlich  folgende Kriterien  im Rahmen einer  gesamtheitlichen  Beurteilung  von  Bedeutung  sein:  Alter,  Reife,  Abhängigkeiten, Art (Nähe, Intensität, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen,  Eigenschaften  seiner  Bezugspersonen  (insbesondere  Unterstützungsbereitschaft und ­fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich  Entwicklung/Ausbildung,  Grad  der  erfolgten  Integration  bei  einem  längeren Aufenthalt  in  der Schweiz. Gerade  letzterer Aspekt,  die Dauer  des  Aufenthaltes  in  der  Schweiz,  ist  im  Hinblick  auf  die  Prüfung  der  Chancen  und Hindernisse  einer Reintegration  im Heimatland  bei  einem  Kind als gewichtiger Faktor zu werten, da Kinder nicht ohne guten Grund  aus  einem  einmal  vertrauten  Umfeld  herausgerissen  werden  sollten.  Dabei  ist  aus  entwicklungspsychologischer  Sicht  nicht  nur  das  unmittelbare persönliche Umfeld des Kindes (d.h. dessen Kernfamilie) zu  berücksichtigen,  sondern  auch  dessen  übrige  soziale  Einbettung.  Die  Verwurzelung in der Schweiz kann eine reziproke Wirkung auf die Frage  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  haben,  indem  eine  starke  Assimilierung in der Schweiz eine Entwurzelung im Heimatstaat zur Folge  haben  kann,  welche  unter  Umständen  die  Rückkehr  dorthin  als  unzumutbar erscheinen lässt (vgl. BVGE 2009/28 E. 9.3.2, m.w.H.). 8.3. Das Bundesamt hielt mit Blick auf das Kindeswohl  fest, es sei nicht  abzustreiten,  dass eine Rückkehr  vor  allem der Kinder, welche  sich nie  dort  aufgehalten  hätten,  mit  Härten  verbunden  sei.  Jedoch  sei  diese  Rückkehr  insbesondere  angesichts  des  noch  jungen  Alters  der  Kinder  nicht mit derartigen Härten verbunden, welche sie nicht meistern könnten.  Dieser  vorinstanzlichen  Auffassung  kann  im  heutigen  Zeitpunkt  nicht  (mehr)  zugestimmt  werden.  Alle  vier  Kinder  der  Beschwerdeführenden  wurden in der Schweiz geboren. Einzig der älteste Sohn C._______ hielt 

D­5929/2009 sich – wenn überhaupt – als Kleinkind für kurze Zeit  im Heimatstaat auf.  Mittlerweile ist C._______ (…). Er hat seine gesamte bisherige Schulzeit  in der Schweiz verbracht. Es  ist daher davon auszugehen, dass bereits  eine  weitgehende  Assimilierung  an  die  schweizerische  Kultur  und  Lebensweise  erfolgt  ist.  Zudem  erscheint  fraglich,  ob  er  über  jene –  namentlich  schriftlichen  –  Kenntnisse  seiner  Muttersprache  verfügt,  welche für eine erfolgreiche Eingliederung ins Schulsystem in der Heimat  vorauszusetzen  wären.  Auch  der  bald  (…)  D._______  dürfte  zwischenzeitlich  in  der Schweiz  eingeschult worden  sein. Hinzu  kommt,  dass  sich  die  beschwerdeführenden  Eltern  bereits  lange  Zeit  –  wenn  auch  allenfalls  mit  kurzem  Unterbruch  –  in  der  Schweiz  aufhalten.  Die  Unterstützungsmöglichkeiten  der  Eltern  für  ihre  Kinder  sind  bei  einer  Rückkehr entsprechend als beschränkt zu betrachten. Dies insbesondere  vor  dem  Hintergrund,  dass  sich  das  familiäre  Beziehungsnetz  des  Beschwerdeführers  grösstenteils  in  der  Schweiz  und  in  Deutschland  befindet und eine Aufnahme der Beschwerdeführenden und  ihrer Kinder  in  der  Familie  der Beschwerdeführerin  zumindest  fraglich  erscheint.  Bei  dieser  Sachlage  besteht  insbesondere  für  C._______  die  Gefahr,  dass  die  mit  einem  Vollzug  der  Wegweisung  verbundene  Entwurzelung  aus  dem  gewachsenen  sozialen  Umfeld  in  der  Schweiz  einerseits  und  die  sich gleichzeitig abzeichnende Problematik einer Reintegration in die ihm  weitgehend  fremde  Kultur  und  Umgebung  anderseits  zu  starken  Belastungen  seiner  kindlichen  beziehungsweise  heute  jugendlichen  Entwicklung führen würden, die mit dem Schutzanliegen des Kindeswohls  nicht vereinbar wären. 8.4.  Im Rahmen  einer Gesamtwürdigung  der  genannten  Aspekte  sowie  unter  Berücksichtigung  des  Grundsatzes  der  Einheit  der  Familie  (vgl.  Art. 44 Abs. 1 AsylG; EMARK 1996 Nr. 18 E. 14e S. 189 f., EMARK 1995  Nr. 24  E. 11  S. 230  ff.)  gelangt  das  Bundesverwaltungsgericht  zum  Schluss,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  gegenüber  den  Beschwerdeführenden  und  ihren  Kindern  als  nicht  (mehr)  zumutbar  zu  erachten ist. Weitere Ausführungen zur allfälligen Wohnsituation sowie zu  konkreten Erwerbsmöglichkeiten der Beschwerdeführenden, sowohl was  die  vorinstanzlichen  Erwägungen  als  auch  die  Einwendungen  auf  Beschwerdeebene anbelangt,  können bei  dieser Sachlage unterbleiben,  da sie am Ergebnis nichts zu ändern vermöchten. 8.5.  Im  Übrigen  liegen  gemäss  Aktenlage  keine  Gründe  für  den  Ausschluss  von  der  vorläufigen  Aufnahme  gemäss  Art. 83  Abs. 7  AuG  vor.

D­5929/2009 8.6. Aufgrund vorstehender Ausführungen kann auf die Prüfung weiterer  Wegweisungsvollzugshindernisse,  insbesondere  solcher  medizinischer  Art, verzichtet werden. 9.  Zusammenfassend ist die Beschwerde demnach gutzuheissen, soweit sie  den Vollzug der Wegweisung betrifft;  im Übrigen ist sie abzuweisen. Die  Verfügung des BFM vom 17. August 2009 ist hinsichtlich der Ziffern 4 und  5  des  Dispositivs  aufzuheben,  und  das  BFM  ist  anzuweisen,  die  Beschwerdeführenden  und  ihre  Kinder  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen. 10.   10.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  –  das  Bundesverwaltungsgericht  geht  bei  der  vorliegenden  Konstellation  von  einem  hälftigen  Durchdringen  aus  –  sind  die  reduzierten  Verfahrenskosten  von Fr. 300.­  den Beschwerdeführenden aufzuerlegen  (vgl. Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). 10.2.  Gemäss  Art. 64  Abs. 1  VwVG  kann  die  Beschwerdeinstanz  der  obsiegenden  Partei  eine  Parteientschädigung  für  die  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  zusprechen,  wobei  den  Beschwerdeführenden  angesichts  des  teilweisen  Obsiegens  eine  reduzierte  Parteientschädigung  zu  entrichten  ist  (Art. 7  Abs. 2  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Der  Rechtsvertreter  der  Beschwerdeführenden  hat  keine  Kostennote  eingereicht.  Aufgrund  der  Akten  lässt  sich  der  Aufwand  für  das  Beschwerdeverfahren  jedoch  zuverlässig  abschätzen.  Unter  Berücksichtigung der massgebenden Berechnungsfaktoren (Art. 9­11 und  13  VGKE)  ist  die  um  die  Hälfte  reduzierte  und  vom  Bundesamt  zu  entrichtende  Parteientschädigung  auf  Fr. 1'200.­  (inkl.  Auslagen  und  Mehrwertsteuer) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite)

D­5929/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  teilweise  gutgeheissen,  indem  festgestellt  wird,  dass  der  Wegweisungsvollzug  unzumutbar  ist.  Im  Übrigen  wird  die  Beschwerde abgewiesen. 2.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  Verfügung  des  BFM  vom  17. August  2009  werden  aufgehoben.  Die  Vorinstanz  wird  angewiesen,  die Beschwerdeführenden vorläufig aufzunehmen. 3.  Die  reduzierten  Verfahrenskosten  von  Fr. 300.­  werden  den  Beschwerdeführenden  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand des Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführenden  eine  Parteientschädigung von Fr. 1'200.­ auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Robert Galliker Daniela Brüschweiler Versand:

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