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Bundesverwaltungsgericht 17.11.2011 D-5522/2009

17 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·3,694 parole·~18 min·1

Riassunto

Aufhebung vorläufige Aufnahme (Asyl) | Aufhebung der vorläufigen Aufnahme; Verfügung des BFM vom 3. August 2009

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­5522/2009 Urteil   v om   1 7 .   No v embe r   2011   Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli, Richter Bendicht Tellenbach,    Gerichtsschreiber Lorenz Mauerhofer. Parteien A._______, geboren am … , Kosovo,  vertreten durch lic. iur. Christian Hoffs,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,  Vorinstanz.  Gegenstand Aufhebung der vorläufigen Aufnahme;  Verfügung des BFM vom 3. August 2009 / N … .

D­5522/2009 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  –  ein  Staatsangehöriger  der  damaligen  Bundesrepublik Jugoslawien (heute ein Staatsangehöriger von Kosovo) –  reichte  am  5.  September  1997,  zusammen  mit  seiner  Ehefrau  und  in  Begleitung  ihrer  drei  gemeinsamen Kinder  (im Alter  von damals …  , …  und  …  Jahren),  in  der  Schweiz  ein  Asylgesuch  ein.  Dabei  trat  er  gegenüber den schweizerischen Behörden unter dem Namen B._______  auf und er machte zur Begründung seines Gesuches geltend, er gehöre  zur  Volksgruppe  der  Albaner,  er  stamme  aus  der  Ortschaft  …  und  er  habe seine Heimat am 1. September 1997 mit seiner Familie verlassen,  da er dort wegen angeblichen Waffenbesitzes mit der serbischen Polizei  in Konflikt geraten sei. Reise­ oder Identitätspapiere reichten die Eheleute  nicht  zu  den  Akten,  sondern  lediglich  angebliche  jugoslawische  Geburtsurkunden,  ausgestellt  am  16.  Juli  1997,  sowie  eine  angebliche  jugoslawische Heiratsurkunde.  Mit  Verfügung  vom  19.  November  1997  lehnte  das  damals  zuständige  Bundesamt für Flüchtlinge (BFF; heute ein Teil des BFM) das Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  und  seiner  Angehörigen  ab  und  ordnete  deren  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Wegweisungsvollzug  an.  In  seinem Entscheid erkannte das BFM die vorgebrachten Gesuchsgründe  zum  einen  mangels  hinreichender  Substanziierung  der  Vorbringen  als  unglaubhaft  und  zum  andern  als  flüchtlingsrechtlich  nicht  relevant.  Im  Anschluss  daran  erklärte  das BFF den Vollzug  der Wegweisung  in  den  Kosovo als zulässig, zumutbar und möglich.  Gegen  diesen  Entscheid  reichte  der  Beschwerdeführer  am  2.  Januar  1998  bei  der  damals  zuständigen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK)  Beschwerde  ein,  auf  welche  die  ARK –  zufolge  unbenutztem  Ablauf  einer  Frist  zur  Beschwerdeverbesserung –  mit Urteil vom 16. Januar 1998 nicht eintrat. Dem Beschwerdeführer und  seinen Angehörigen wurde in der Folge vom BFF eine neue Ausreisefrist  per  28.  Februar  1998  angesetzt.  Ende  Februar  1998  war  indes  die  Rückführung von Personen aus dem Kosovo von Seiten des BFF bereits  eingestellt  worden,  da  in  der  Zwischenzeit  im  Kosovo  offene  Kampfhandlungen ausgebrochen waren.  B.  Mit  Eingabe  vom  10.  Juni  1998  ersuchten  der  Beschwerdeführer  und  seine Ehefrau das BFF um einen weiteren Verbleib in der Schweiz, da in 

D­5522/2009 ihrer Heimat der Krieg ausgebrochen sei und sie sich vor eine Rückkehr  fürchten  würden.  In  der  Folge  wurden  sie  mit  Schreiben  vom  18.  Juni  1998  darüber  in  Kenntnis  gesetzt,  dass  die  Ausreisefristen  für  abgewiesene Asylsuchende aus der  jugoslawischen Provinz Kosovo bis  Ende Juli 1998 erstreckt worden sei und dass über das weitere Vorgehen  nach  einer  Neubeurteilung  der  Lage  entschieden  werde.  Aufgrund  der  weiteren Zuspitzung der Lage bis hin zum offenen Krieg verzichtete das  BFF  auch  nach  diesem Datum  auf  Rückführungen  in  den  Kosovo.  Der  Krieg im Kosovo fand schliesslich erst im Juni 1999, nach einer während  Wochen  dauernden  Intervention  der  NATO  gegen  strategische  Ziele  in  der Bundesrepublik Jugoslawien, ein Ende.  C.  Am … wurde  in  der  Schweiz  das  jüngste  Kind  des  Beschwerdeführers  und seiner Ehefrau geboren. D.  Mit Verfügung vom 5. Juli 1999 kam das BFF von Amtes wegen auf die  Frage  des Wegweisungsvollzuges  zurück,  indem  es  –  gestützt  auf  den  Bundesratsbeschluss  (BRB)  vom  7.  April  1999  betreffend  die  gruppenweise  vorläufige  Aufnahme  von  jugoslawischen  Staatsangehörigen  mit  letztem  Wohnsitz  in  der  Provinz  Kosovo  –  die  vorläufige  Aufnahme  des  Beschwerdeführers,  seiner  Ehefrau  und  der  nunmehr vier gemeinsamen Kinder in der Schweiz anordnete. E.  Mit Schreiben vom 1. Dezember 1999 setzte … [die zuständige kantonale  Behörde] den Beschwerdeführer und seine Ehefrau darüber  in Kenntnis,  dass  der  Bundesrat mit  neuem Beschluss  (BRB  vom  11.  August  1999)  die  kollektive  vorläufige  Aufnahme  von  Personen  aus  dem  Kosovo  per  16. August  1999  wieder  aufgehoben  habe,  wobei  allen  betroffenen  Personen  –  und  damit  auch  dem  Beschwerdeführer  und  seinen  Angehörigen –  eine  neue  Ausreisefrist  auf  den  31. Mai  2000  angesetzt  worden sei.  In  der  Folge  ersuchten  der  Beschwerdeführer  und  seine  Ehefrau  – mit  Eingabe  vom  21.  Februar  2000  und  handelnd  durch  ihre  damalige  Rechtsvertretung  –  das  BFF  um  die  Anordnung  einer  vorläufigen  Aufnahme  aus  individuellen  Gründen.  Dabei  brachten  sie  vor,  der  Beschwerdeführer  gehöre  zur  Ethnie  der  Roma  und  seine  Ehefrau  zur  Ethnie der Ashkali, was sich an ihrer dunklen Hautfarbe erkennen lasse. 

D­5522/2009 Von  ihren  Familien  lebe  niemand  mehr  in  ihrer  Heimat  und  nachdem  heute  im  Kosovo  die  Angehörigen  der  ethnischen  Minderheiten  systematisch  verfolgt,  vertrieben  oder  gar  getötet  würden,  erweise  sich  der Wegweisungsvollzug als unzulässig und unzumutbar. F.  Mit  Verfügung  vom  20.  Juli  2001  hiess  das  BFF  das  Wiedererwägungsgesuch  des  Beschwerdeführers  und  seiner  Ehefrau  gut; es hob die Verfügung vom 19. November 1997 im Vollzugspunkt auf  und  ordnete  zufolge  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  die  vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers, seiner Ehefrau und der vier  gemeinsamen Kinder in der Schweiz an. G.  Aus  den  Akten  geht  hervor,  dass  der  Beschwerdeführer  und  seine  Ehefrau  am 14.  Juni  2004 bei  der  zuständigen  kantonalen Behörde ein  Gesuch  um  Erteilung  einer  Härtefall­Aufenthaltsbewilligung  einreichten  (im  Sinne  von  Art.  13  Bst.  f  der  damals  geltenden  Verordnung  vom  6. Oktober 1986 über die Begrenzung der Zahl der Ausländer  [BVO, AS  1986 1791]). Unter Hinweis darauf, dass sich der Beschwerdeführer und  seine  Ehefrau  bis  dahin  keine  dauerhafte  wirtschaftliche  Existenz  geschaffen  hatten,  sondern  nach  wie  vor  von  der  Sozialhilfe  abhängig  waren,  wurde  das  Härtefallgesuch …  [von  der  zuständigen  kantonalen  Behörde] mit Verfügung vom 7. September 2004 abgelehnt.  H.  Aus  den  Akten  ergibt  sich  ferner,  dass  das  BFM  auch  im  Falle  des  Beschwerdeführers und seiner Angehörigen periodisch überprüfte, ob die  vorläufige  Aufnahme  gegebenenfalls  wieder  aufzuheben  wäre,  was  jedoch  aufgrund  der  Akten  jeweils  verneint  wurde  (sowohl  im  Februar  2006 als auch im Juni 2007).  I.  Aufgrund  einer  Anzeige  von  Seiten  seiner  Wohngemeinde  vom  30. November 2007 wurde gegen den Beschwerdeführer ein polizeiliches  Ermittlungsverfahren wegen Betruges respektive betrügerischen Bezuges  von  Sozialleistungen  sowie  Fahrens  ohne  Führerausweis  eröffnet  (act.  D1/79).  Nach  Abschluss  der  polizeilichen  Ermittlungen  erliess  die  Staatsanwaltschaft des Kantons X._______  in dieser Sache am 15. Mai  2008  zuhanden  des  zuständigen …  [Gerichts]  eine  Anklageschrift  (act.  D2/11). Darin wurde dem Beschwerdeführer namentlich zur Last gelegt, 

D­5522/2009 dass er ab 2004 während 4 Jahren aus dem An­ und Wiederverkauf …  [alter Gegenstände] einen erheblichen Gewinn erzielt habe, welchen er –  obwohl er in dieser Zeit für sich und seine Familie Sozialhilfe bezog – der  zuständigen  Sozialbehörde  pflichtwidrig  nicht  gemeldet  hatte,  womit  in  dieser  Zeit  die  Auszahlung  zu  hoher  Leistungen  erwirkt  worden  sei.  Zudem  habe  er  ohne  über  einen  Führerausweis  zu  verfügen  im  November 2007 einen Lieferwagen gelenkt. Als  Folge  dieser  Anklage  wurde  der  Beschwerdeführer  mit  Urteil  des  zuständigen  …  [Gerichts]  vom  30.  September  2008,  mit  schriftlicher  Begründung  vom  3.  Oktober  2008  (act.  D14/20),  wegen  gewerbsmässigen Betruges und wegen Fahrens ohne Führerausweis zu  einer  Freiheitsstrafe  von  8  Monaten  verurteilt,  unter  Gewährung  des  bedingten Strafvollzuges bei einer Probezeit von drei Jahren, sowie einer  Busse  von  Fr. 500.–  und  Auferlegung  der  Verfahrenskosten.  In  seinem  Urteil stellte das … [Gericht] ferner fest, die relevante Deliktsumme habe  Fr.  37'500.–  betragen,  worauf  es  der  Wohngemeinde  des  Beschwerdeführers  in  diesem  Umfang  einen  Rückforderungsanspruch  zusprach.  Gegen  das  Urteil  wurde  zwar  ursprünglich  vom  Beschwerdeführer  und  im  Anschluss  auch  von  der  Staatsanwaltschaft  appelliert,  nach  Rückzug  der  Appellation  durch  den  Beschwerdeführer  erwuchs es jedoch am 25. Juni 2009 in Rechtskraft (act. D35/4).  J.  Kurz  nach  Anklageerhebung  im  vorgenannten  Strafverfahren,  im  Juni  2008, gelangte die Staatsanwaltschaft des Kantons X._______ aufgrund  einer  Information  von  dritter  Seite  zur  Kenntnis,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  und  seine  Familie  vor  ihrer  Einreise  in  die  Schweiz  unter  einem  anderen  Namen  als  Asylsuchende  in  Deutschland  aufgehalten hatten, wo der Beschwerdeführer gesucht worden sei, weil er  einen  Familienangehörigen  mit  einem  Messer  angegriffen  haben  soll.  Abklärungen via  Interpol ergaben daraufhin, dass der Beschwerdeführer  im  Jahre  1997  unter  einem  anderen  Namen  als  Asylsuchender  in  Deutschland gemeldet war.  In der Folge gestand der Beschwerdeführer  am 30. Juni 2008  im Rahmen einer polizeilichen Einvernahme ein, dass  er  tatsächlich  A._______  heisse  und  er  und  seine  Familie  ursprünglich  aus  …  [dem  Zentralkosovo]  stammen  würden  (act.  D6/25).  Auf  dem  Wege der Rechtshilfe ging der Staatsanwaltschaft  schliesslich Mitte  Juli  2008 ein den Beschwerdeführer betreffenden Auszug aus dem deutschen  Bundeszentralstrafregister vom 9. Juli 2008 zu, welcher in der Folge dem  BFM zugänglich gemacht wurde (act. D14/20). 

D­5522/2009 Aus  den  Akten  folgt,  dass  der  Beschwerdeführer  im  Verlauf  des  vorgenannten  Strafprozesses  vor  dem  zuständigen  …  [Gericht]  als  Beweismittel  seinen  alten  jugoslawischen  Pass  im  Original  wie  auch  jenen  seiner  Ehefrau  einreichte,  sowie  seinen  tatsächlichen  jugoslawischen  Eheschein  und  deutsche Geburtsbescheinigungen  (vom  … , vom … und vom … ) betreffend die drei älteren Kinder der Eheleute. K.  Mit  Schreiben  vom  17.  Februar  2009  setzte  das  BFM  den  Beschwerdeführer  und  seine  Ehefrau  darüber  in  Kenntnis,  dass  die  sie  und  ihre  Kinder  betreffenden  Angaben  zu  ihren  Personalien  in  der  ZEMIS­Datenbank  aufgrund  der  im  Rahmen  des  Strafverfahrens  erhobenen Dokumente,  welche  sich  als  echt  erwiesen  hätten,  geändert  werden.  L.  Mit  Schreiben  vom  18.  Februar  2009  ersuchte  …  [die  zuständige  kantonale  Behörde]  das  BFM  darum,  die  dem  Beschwerdeführer  und  seinen  Angehörigen  gewährte  vorläufige  Aufnahme  aufzuheben.  Zum  einen habe das Verhalten des Beschwerdeführers wiederholt  zu Klagen  Anlass  gegeben. Dabei  verwies  die  kantonale Behörde  auf  eine wegen  Diebstahls erfolgte Verurteilung zu einer Busse am 10. Januar 1998, eine  wegen Hehlerei  erfolgte Verurteilung zu  fünf Tagen Gefängnis  (bedingt)  am  20.  Februar  1998  und  namentlich  auf  die  vorgenannte  Verurteilung  vom  30.  September  2008.  Zum  andern  sei  im  Rahmen  des  Strafverfahrens  festgestellt  worden,  dass  der  Beschwerdeführer  und  seine Ehefrau  die Behörden  durch Angabe  einer  falschen  Identität  aufs  massivste getäuscht hätten. Bei dieser Sachlage sei die Anwesenheit der  Familie  nicht  mehr  erwünscht  und  es  sei  von  einem  überwiegenden  öffentlichen Interesse am Wegweisungsvollzug auszugehen. Ihren Antrag  ergänzte die kantonale Behörde mit Schreiben vom 12. März 2009  (vgl.  dazu act. D20/2 und D25/24). M.  Mit  Schreiben  vom  5.  März  2009  beauftragte  das  BFM  die  Schweizerische  Vertretung  im  Kosovo  im  Hinblick  auf  die  Klärung  der  Frage  der  Möglichkeit  und  Zumutbarkeit  einer  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  und  seiner  Familie  mit  Abklärungen  vor  Ort.  In  der  Folge wurde im Bericht der zuständigen Auslandvertretung vom 23. März  2009 bestätigt, dass es sich beim Beschwerdeführer und seiner Ehefrau  um  Angehörige  der  ethnischen  Minderheit  der  Ashkali  aus  …  [dem 

D­5522/2009 Zentralkosovo] handle. Gemäss der erhaltenen Auskünfte habe sich der  Beschwerdeführer  zu  Anfang  der  1990er­Jahre  nach  Deutschland  begeben  und  sei  nie  mehr  in  den  Kosovo  zurückgekehrt.  Auch  seine  Verwandten  befänden  sich  –  mit  Ausnahme  eines  Cousins  –  alle  seit  Jahren  im  Ausland.  Das  vormalige  Haus  des  Vaters  des  Beschwerdeführers  sei  klein,  vollständig  leer,  das Dach und die Wände  teilweise zerstört und das Haus seit Jahren unbewohnt. Die noch vor Ort  verbliebenen  Ashkali  hätten  grosse  wirtschaftliche  Schwierigkeiten.  Vor  diesem  Hintergrund  wurde  im  Bericht  geschlossen,  mangels  bewohnbarem  Haus  und  ohne  Unterstützung  vor  Ort  würde  sich  eine  Rückkehr als sehr schwierig erweisen (vgl. dazu act. D26/2). N.  Mit Schreiben vom 11. März 2009 setzte das BFM den Beschwerdeführer  und  seine Ehefrau  über  den Antrag  der  kantonalen Behörde  in Sachen  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  in  Kenntnis  und  lud  sie  –  im  Hinblick auf eine Aufhebung der  ihnen gewährten vorläufigen Aufnahme  in  Anwendung  von  Art.  83  Abs.  7  des  Bundesgesetzes  vom  16.  Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR 142.20) – zur Stellungnahme ein. Dabei verwies das BFM auf die zu  diesem  Zeitpunkt  noch  nicht  rechtskräftige  Verurteilung  des  Beschwerdeführers vom 30. September 2008, ferner die Einreichung des  Asylgesuches  unter  falschen  Namen  und  zudem  den  vorgängigen  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  und  seiner  Familie  in  Deutschland.  Dabei merkte das BFM an, dass der Beschwerdeführer in Deutschland in  den Jahren 1992 bis 1997 auch in mehreren Fällen strafrechtlich verurteilt  worden sei.  O.  Am  3.  April  2009  reichten  der  Beschwerdeführer  und  seine  Ehefrau –  handelnd  durch  ihren Rechtsvertreter  –  die  einverlangte  Stellungnahme  zur  Frage  der  Aufhebung  der  vorläufigen Aufnahme  in Anwendung  von  Art.  83  Abs.  7  AuG  ein.  Dabei  machten  sie  in  ihrer  Eingabe  zur  Hauptsache  geltend,  die  bisher  noch  nicht  rechtskräftige  Verurteilung  vom 30. September 2008 betreffe den einzigen strafrechtlich  relevanten  Vorfall der Familie innert zehn Jahren in der Schweiz. Zwar hätten sie in  der  Vergangenheit  sicherlich  Fehler  gemacht,  eine  Aufhebung  der  vorläufigen Aufnahme würde aber sie und  insbesondere  ihre vier Kinder  unverhältnismässig  hart  treffen.  In  diesem  Zusammenhang  wurde  namentlich über die  fortgeschrittene Verwurzelung der vier Kinder  in der  Schweiz  berichtet  und  unter  Verweis  auf  die  Praxis  des 

D­5522/2009 Bundesverwaltungsgerichts  sowie  der  Praxis  des  europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  zu  Art.  8  Ziff.  2  der  EMRK  geltend  gemacht, im Falle ihrer Kinder erweise sich der Vollzug der Wegweisung  als unzumutbar. P.  Mit Schreiben vom 4. Mai 2009 und 26. Juni 2009 ersuchte das BFM die  Staatsanwaltschaft  des  Kantons X._______  um Auskunft  zur  Frage  der  Rechtskraft des Strafurteils vom 30. September 2008. Das BFM wurde in  der  Folge  am  1.  Juli  2009  von  der  Staatsanwaltschaft  über  die  nach  Rückzug der Appellation eingetretene Rechtskraft des Urteils in Kenntnis  gesetzt. Gleichzeitig stellte die Staatsanwaltschaft dem BFM in Aussicht,  dass nunmehr ein neues Verfahren sowohl gegen den Beschwerdeführer  als  auch  gegen  seine  Ehefrau  eingeleitet  werde,  und  zwar  wegen  der  Verwendung gefälschter Ausweisschriften (act. D33/1 und D35/4). Q.  Mit Verfügung vom 3. August 2009 (eröffnet am folgenden Tag) hob das  BFM  –  in  Anwendung  von  Art.  83  Abs.  7  AuG  –  die  dem  Beschwerdeführer gewährte vorläufige Aufnahme in der Schweiz auf und  ordnete  den  Wegweisungsvollzug  an.  Dabei  sah  das  BFM  in  seinem  Entscheid im Falle der Ehefrau des Beschwerdeführers und im Falle der  vier  gemeinsamen  Kinder  ausdrücklich  von  einer  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  ab,  da  eine  solche  aufgrund  der  gesamten  Umstände  des  Einzelfalls,  namentlich  in  Bezug  auf  die  Kinder,  unverhältnismässig  wäre.  Auf  die  weitere  Entscheidbegründung  wird  in  den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.  R.  Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 2. September  2009 – handelnd durch seinen Rechtsvertreter – Beschwerde.  In  seiner  Eingabe beantragte er die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, wie  auch  die  Feststellung  der  Unzulässigkeit  und  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  zwecks  Anordnung  respektive  Wiedererteilung  einer vorläufigen Aufnahme. Auf die Beschwerdebegründung und die mit  der  Beschwerde  eingereichten  Beweismittel  wird  in  den  nachfolgenden  Erwägungen eingegangen.  Mit  Eingaben  vom  8.  und  23.  September  2009  wurden  weitere  Beweismittel  nachgereicht  und  diesbezüglich  kurz  Stellung  genommen.  Auch darauf wird nachfolgend eingegangen.

D­5522/2009 S.  Mit  Zwischenverfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  8. September  2009  wurde  –  unter  Hinweis  auf  das  Kostenrisiko  respektive  die  Kostentragungspflicht  nach  Art.  63  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  –  auf  das  Erheben  eines  Kostenvorschusses  (nach Art.  63 Abs.  4 VwVG)  verzichtet. Gleichzeitig  wurde das BFM zur Vernehmlassung eingeladen (Art. 57 Abs. 1 VwVG).  T.  In  seiner  Vernehmlassung  vom  21.  September  2009  hielt  das  BFM –  unter Verweis auf seine bisherigen Erwägungen – an der angefochtenen  Verfügung  fest  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Die  vorinstanzliche  Vernehmlassung  wurde  dem  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers am folgenden Tag zur Kenntnisnahme zugestellt.  U.  Aus  den  Akten  geht  hervor,  dass  der  ältesten  Tochter  des  Beschwerdeführers  …  [im  Jahre]  2010  mit  Zustimmung  des  BFM  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung (B) erteilt wurde. Dies gestützt  auf  ein  Gesuch  von  Seiten  der  zuständigen  kantonalen  Behörde  um  Erteilung  einer  Härtefallbewilligung  (im  Sinne  von  Art.  14  Abs.  2  und  3  AsylG  i.V.m.  Art.  85  Abs.  6  AuG).  Nach  Erteilung  der  Aufenthaltsbewilligung  bestätigte  das  BFM  der  ältesten  Tochter  des  Beschwerdeführers  …  das  Erlöschen  der  ihr  vormals  gewährten  vorläufigen Aufnahme in der Schweiz (vgl. Art. 84 Abs. 4 AuG). V.  Nachdem die Beschwerdeführenden ihr Asylgesuch im Jahre 1997 unter  falschem Namen gestellt und entsprechende gefälschte Geburtsurkunden  und eine gefälschte Heiratsurkunde eingereicht hatten (vgl. oben Bst. A, J  und P), und daraus folgend in den schweizerischen Registern respektive  Datenbanken unzutreffend verzeichnet worden waren, wurden sowohl der  Beschwerdeführer  als  auch  seine  Ehefrau  wegen  mehrfacher  Urkundenfälschung,  der  mehrfachen  Fälschung  von  Ausweisen  (Gebrauch),  der mehrfachen Erschleichung einer  falschen Beurkundung  sowie  der  Täuschung  der  Behörden  für  schuldig  befunden  (vgl.  …  [Strafmandat]  vom  11. Februar  2010).  Der  Beschwerdeführer  wurde  deswegen – teilweise im Zusatz zum Strafurteil vom 30. September 2008  – zu  einer  Freiheitsstrafe  von  6  Monaten  verurteilt,  ohne  Gewährung  eines bedingten Strafvollzuges. Auf einen Widerruf der mit Strafurteil vom 

D­5522/2009 30.  September  2008  ausgesprochenen  Probezeit  wurde  hingegen  ausdrücklich verzichtet und stattdessen eine Verwarnung ausgesprochen.  Seine  Ehefrau  wurde  gleichzeitig  zu  einer  Geldstrafe  von  180  Tagessätzen  zu  je  Fr.  30.–  verurteilt,  unter  Gewährung  des  bedingten  Vollzuges bei einer Probezeit von drei Jahren, sowie zu einer Busse von  Fr. 2'000.–.  W.  Ein  weiteres  Gesuch  der  Ehefrau  des  Beschwerdeführers  um  Erteilung  einer Härtefallbewilligung  (im Sinne von Art. 14 Abs. 2 AsylG  i.V.m. Art.  85  Abs.  6  AuG)  wurde  unter  Hinweis  darauf,  sie  habe  die  geltende  Rechtsordnung  nicht  respektiert,  …  [im  Sommer  2010  vom  der  zuständigen kantonalen Behörde] abgelehnt.  Der zweitältesten Tochter wurde demgegenüber – wie zuvor schon ihrer  älteren  Schwester  –  …  [im  Jahre]  2011  wegen  Vorliegens  eines  schwerwiegenden  persönlichen  Härtefalls  eine  Aufenthaltsbewilligung  B  erteilt  und  mit  Verfügung  des  BFM  …  wurde  das  Erlöschen  der  vorläufigen Aufnahme festgestellt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.   1.1. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet unter anderem endgültig  über Beschwerden  gegen Verfügungen  des BFM  in Sachen Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  von  Ausländerinnen  und  Ausländern  in  der  Schweiz  (Art.  84  Abs.  2  ­  3  AuG  i.V.m.  Art. 31  ­  33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst.  c  Ziff. 3  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [BGG, SR 173.110]). 1.2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG). 1.3. Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerde legitimiert und er hat seine  Eingabe  frist­ und  formgerecht eingereicht, weshalb auf die Beschwerde  einzutreten  ist  (vgl.  dazu  Art. 37  VGG  i.V.m.  Art. 112  AuG  und  Art. 48  Abs. 1, Art. 50 und 52 VwVG).

D­5522/2009 2.  2.1. Der Beschwerdeführer wurde vom BFF mit Verfügung vom 20.  Juli  2001 gestützt auf Art. 44 Abs. 2 AsylG (in der Fassung vom 26. Juni 1998  [AS 1999 2273])  in Verbindung mit Art. 14a Abs. 4 des Bundesgesetzes  vom  26. März 1931  über  Aufenthalt  und  Niederlassung  der  Ausländer  (ANAG, BS 1 121) in der Schweiz vorläufig aufgenommen. Am 1. Januar  2008  ist  das  AuG  in  Kraft  getreten  und  gleichzeitig  das  ANAG  aufgehoben worden  (Art. 125  i.V.m.  Anhang Ziff. I  AuG).  Für  Personen,  die im Zeitpunkt des Inkrafttretens des AuG vorläufig aufgenommen sind,  gilt  gemäss  Art. 126a  Abs. 4  AuG  neues  Recht.  Im  vorliegenden  Beschwerdeverfahren  ist  mithin  zu  prüfen,  ob  die  Voraussetzungen  für  die  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  des  Beschwerdeführers  nach  dem AuG gegeben sind. 2.2. Gemäss  Art. 84  Abs. 1  AuG  überprüft  das  BFM  periodisch,  ob  die  Voraussetzungen  für die vorläufige Aufnahme – eine Ersatzmassnahme  für  den  nicht  durchführbaren  Vollzug  der Wegweisung  –  noch  gegeben  sind. Ist dies nicht mehr der Fall, hebt es die vorläufige Aufnahme auf und  ordnet  den  Vollzug  der  Wegweisung  an  (Art. 84  Abs. 2  AuG).  Die  Voraussetzungen  für die vorläufige Aufnahme sind nicht mehr gegeben,  wenn der Vollzug der Wegweisung zulässig  ist (Art. 83 Abs. 3 AuG) und  es  der  ausländischen  Person  auch  zumutbar  (Art. 83  Abs. 4  AuG)  und  möglich ist (Art. 83 Abs. 2 AuG), sich rechtmässig in ihren Heimat­, in den  Herkunfts­  oder  in  einen  Drittstaat  zu  begeben.  Ausserdem  kann  das  BFM  eine  wegen  Unzumutbarkeit  oder  Unmöglichkeit  des  Vollzugs  angeordnete  vorläufige  Aufnahme  auf  Antrag  der  kantonalen  Behörden  oder  des  Bundesamts  für  Polizei  aufheben,  wenn  Gründe  nach  Art. 83  Abs. 7  AuG  gegeben  sind  (Art. 84  Abs. 3  AuG). Gemäss Art. 83  Abs. 7  AuG wird die vorläufige Aufnahme aufgehoben, wenn die weggewiesene  Person  zu  einer  längerfristigen  Freiheitsstrafe  im  In­  oder  Ausland  verurteilt wurde oder wenn gegen sie eine strafrechtliche Massnahme im  Sinne  von  Art. 64  oder  61  StGB  angeordnet  wurde  (Bst. a),  wenn  sie  erheblich oder wiederholt gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in  der Schweiz oder  im Ausland verstossen hat oder diese gefährdet oder  die  innere oder äussere Sicherheit gefährdet  (Bst. b), oder wenn sie die  Unmöglichkeit des Vollzugs der Wegweisung durch ihr eigenes Verhalten  verursacht hat (Bst. c).  3.  3.1. Vorliegend hat das BFM die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme in  Anwendung  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  verfügt,  wobei  es  in  seinem 

D­5522/2009 Entscheid sowohl die Tatbestandsvariante von Bst. a als  jene von Bst. b  dieser  Bestimmung  erwähnt.  Im  Rahmen  seines  Entscheides  führt  es  diesbezüglich zur Hauptsache das Folgende aus: Der Beschwerdeführer  sei  in  Deutschland  wegen  insgesamt  10  Verurteilungen  in  den  Jahren  1991 bis  1996  verzeichnet,  und  zwar wegen einer Freiheitsstrafe  von 1  Jahr  und 7 Monaten,  einer Freiheitsstrafe  von 5 Monaten und wegen 8  Geldstrafen  im Betrag von  insgesamt DM 5'275.–.  Im Weiteren sei er  in  der Schweiz am 30. September 2008 rechtskräftig zu einer Freiheitsstrafe  von 8 Monaten verurteilt worden. Er sei demnach  in der Schweiz und  in  Deutschland zu Freiheitsstrafen von insgesamt 2 Jahren und 8 Monaten  und  zu  8  Geldstrafen  verurteilt  worden,  womit  die  Anforderungen  von  Art. 83 Abs. 7 AsylG für eine Aufhebung der vorläufigen Aufnahme erfüllt  seien. Zwar sei die Ausschlussklausel von Art. 83 Abs. 7 AuG nur unter  Beachtung des Verhältnismässigkeitsprinzips  (nach Art. 96 Abs. 1 AuG)  anzuwenden,  was  eine  Abwägung  zwischen  den  Interessen  des  Ausländers auf Verbleib  in der Schweiz und denjenigen der Schweiz an  der Wegweisung voraussetze. Bei dieser Beurteilung sei nicht von einer  schematischen  Betrachtungsweise  auszugehen,  sondern  auf  die  gesamten Umstände des Einzellfalles abzustellen. Zu Berücksichtigen sei  dabei  insbesondere die Art  der  verletzten Rechtsgüter  und die  schwere  des  Verschuldens.  Andererseits  sei  der  Dauer  der  Anwesenheit  sowie  den  mit  dem  Vollzug  der  Wegweisung  allenfalls  verbundenen  persönlichen  und  familiären  Nachteilen  ein  vergleichsweiser  hoher  Stellenwert  beizumessen.  Anders  als  im  Falle  seiner  Angehörigen –  seiner  Ehefrau  und  namentlich  seiner  Kinder  –  erweise  sich  die  Aufhebung der vorläufigen Aufnahme im Falle des Beschwerdeführers als  angemessen.  So  sei …  [von  der  zuständigen  kantonalen  Behörde]  am  7. September  2004  festgestellt  worden,  dass  die  Voraussetzungen  für  eine Härtefallregelung nicht erfüllt seien, da die Familie bis dahin bereits  mit  rund  Fr.  150'000.–  unterstützt  worden  sei  und  die  Unterstützung  angedauert  habe.  Der  Beschwerdeführer  sei  dabei  keiner  Arbeit  nachgegangen  und  schon  damals  durch  ein  strafrechtliches  Verhalten  aufgefallen. Zum Zeitpunkt der Festnahme des Beschwerdeführers im …  [Jahre]  2008  habe  die  (insgesamt)  bezogene  Sozialhilfe  bereits  Fr.  261'124.– erreicht, wobei der Beschwerdeführer das von 2005 bis 2008  durch seinen Schwarzhandel erwirtschaftete Geld vor allem zur Deckung  seiner  Spielschulden  und  seines  Alkoholkonsums  ausgegeben  habe.  Angesichts des  langen Strafregisters  in Deutschland und in der Schweiz  sei  für  die  Zukunft  mit  Rückfällen  zu  rechnen,  wobei  die  Spiel­  und  Alkoholsucht des Beschwerdeführers der künftigen Integration auch nicht  diene.  Der  Beschwerdeführer  lebe  inzwischen  seit  12  Jahren  in  der 

D­5522/2009 Schweiz,  einen  Beitrag  zum  Wohle  seiner  Familie  habe  er  jedoch  in  dieser  Zeit  nicht  geleistet,  sondern  im  Gegenteil  deren  Fortkommen  in  wirtschaftlicher  und  psychischer  Sicht  durch  seine  Spiel­  und  Alkoholsucht  erschwert.  Zwar  stelle  der  Vollzug  der Wegweisung  einen  schweren Eingriff  in sein Privatleben dar, angesichts der seit Anfang der  1990­er  Jahre  fortwährenden  Straffälligkeit  sowie  der  fortgesetzten  Fürsorgeabhängigkeit  beständen  jedoch  keine  Anhaltpunkte,  dass  der  Beschwerdeführer  gewillt  sei,  sich  in Zukunft  an die Rechtsordnung der  Schweiz  zu  halten.  Bei  dieser  Sachlage  habe  das  Interesse  der  öffentlichen Sicherheit und Ordnung dem Recht auf Achtung des Privat­  und Familienlebens vorzugehen. Nachdem aufgrund der Akten auch von  der Zulässigkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzuges auszugehen  sei,  sei  die  vorläufige  Aufnahme  aufzuheben  und  die  Wegweisung  zu  vollziehen. 3.2. Den  vorinstanzlichen  Erwägungen  hält  der  Beschwerdeführer  eine  rechtswidrige Anwendung von Art. 83 Abs. 7 Bst. a AuG entgegen, sowie  eine  unverhältnismässig  zu  seinen  Lasten  erfolgte  Abwägung  der  Interessen.  Dabei  führt  er  vorab  aus,  aus  der  Begründung  der  angefochtenen  Verfügung  gehe  hervor,  dass  das  BFM  in  seinem  Entscheid  die  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  alleine  auf  Art. 83  Abs. 7  Bst. a  [erster  Teil]  AuG  abstütze,  erachte  das  BFM  doch  die  Voraussetzungen für eine Aufhebung nach dieser Bestimmung erfüllt, da  er  zu  insgesamt  2 Jahren  und  8  Monaten  Freiheitsstrafe  und  zu  acht  Geldstrafen in Deutschland und der Schweiz verurteilt worden sei. Indes  setze  der  Wortlaut  von  Art. 83  Abs. 7  Bst. a  AuG  die  Verurteilung  zu  "einer"  längerfristigen  Freiheitsstrafe  im  In­  oder Ausland  voraus,  in  der  Schweiz sei er  jedoch lediglich zu 8 Monaten verurteilt worden. Aus den  Akten  ergebe  sich  sodann,  dass  der  Beschwerdeführer  in  der  Schweiz  nicht vorbestraft gewesen sei, weshalb der Schluss der Vorinstanz nicht  überzeuge,  aufgrund  des  langen  Strafregisters  in  Deutschland  und  der  Schweiz  sei  auch  in  Zukunft  mit  Rückfällen  zu  rechnen.  Zwar  sei  es  richtig,  dass  der  Beschwerdeführer  in  Deutschland  in  den  Jahren  1994  bis  1996  zu  Freiheitsstrafen  verurteilt  worden  sei,  diese  Verurteilungen  lägen  jedoch  zeitlich  weit  zurück  und  seien  auch  von  den  schweizerischen  Strafbehörden  nicht  strafschärfend  berücksichtigt  worden.  Auch  in  Deutschland  seien  nur  bedingte  Haftstrafen  ausgesprochen  worden.  In  den  Jahren  1996  bis  2004  sei  der  Beschwerdeführer  weiter  unbescholten  geblieben  und  dann  einmalig  wegen  gewerbsmässigen  Betrugs  und  Fahren  ohne  Führerschein  verurteilt  worden.  Die  Delikte  in  Deutschland  und  diejenigen  in  der 

D­5522/2009 Schweiz seien sodann nicht miteinander vergleichbar. Die Verurteilung in  der  Schweiz  sei  denn  auch  mit  8  Monaten  bedingter  Gefängnisstrafe  milde  ausgefallen.  Demnach  sei  die  Bedingung  einer  "längerfristigen  Freiheitsstrafe"  offensichtlich  nicht  erfüllt.  Auch  von einer Rückfallgefahr  sei  nicht  auszugehen,  so  sei  denn  vom  Strafrichter  auch  der  bedingte  Strafvollzug  ausgesprochen  worden.  Schliesslich  hält  der  Beschwerdeführer fest, zwar stütze das BFM seinen Entscheid einzig auf  die Bestimmung von Art. 83 Abs. 7 Bst. a AuG, in seinem Fall seien aber  auch  die  Voraussetzungen  für  eine  eventuelle  Anwendung  von  Art. 83  Abs. 7 Bst. b und c AuG nicht erfüllt. Zwar habe er durch seine Straftat  gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Schweiz verstossen,  der Verstoss  habe  sich  jedoch nicht  als  dermassen erheblich  erwiesen,  dass eine Anwendung von Art. 83 Abs. 7 Bst. b AuG gerechtfertigt wäre.  Zwar  erübrige  sich  eine  Verhältnismässigkeitsprüfung,  da  die  Tatbestandsvoraussetzungen für eine Aufhebung nicht erfüllt seien. Indes  erweise  sich  auch  die  vom  BFM  vorgenommene  Verhältnismässigkeitsprüfung  als  nicht  überzeugend.  Insbesondere  rechtfertige der Schuldenstand der Familie keine Verfügung mit einer so  weitreichenden  Wirkung.  Zudem  seien  er  und  seine  Familie  seit  April  2009  nicht  mehr  fürsorgeabhängig  und  er  habe  mit  seiner  Wohngemeinde  eine  Rückzahlungsvereinbarung  getroffen.  Im Weiteren  bewerbe er sich kontinuierlich auf dem Arbeitsmarkt. Ausserdem habe er  seit  geraumer  Zeit  seine  Alkoholprobleme  unter  Kontrolle.  Schliesslich  seien  die Ehefrau  und die Kinder  auf  die Anwesenheit  des Ehemannes  und  Vaters  dringend  angewiesen  und  es  sei  auch  zu  berücksichtigen,  dass  der  Beschwerdeführer  sich  seit  über  20  Jahren  nicht  mehr  im  Heimatstaat aufgehalten habe. 4.  4.1. Das  BFM  stützt  seinen  Entscheid  auf  die  Bestimmung  von  Art.  84  Abs.  3  i.V.m.  Art. 83  Abs. 7  AuG,  wobei  es  –  entgegen  den  anderslautenden Beschwerdevorbringen – in seinen Erwägungen sowohl  Bst. a  als  auch Bst. b  des Art.  83 Abs.  7 AuG erwähnt.  Zwar weist  das  BFM  tatsächlich  nicht  explizit  aus,  ob  es  sich  auf  den  einen  oder  den  anderen Aufhebungsgrund stützt, oder aber beide Aufhebungsgründe als  erfüllt  erachtet.  Aufgrund  der  vorinstanzlichen  Erwägungen  ist  indes  davon  auszugehen,  dass  das  BFM  die  Voraussetzungen  beider  Tatbestandsvarianten  als  erfüllt  erachtet,  zumal  zwar  mit  der  Zusammenrechnung  der  ausgesprochenen  Freiheitsstrafen  auf  Bst.  a  Bezug genommen wird, auf der anderen Seite aber auch die wiederholte 

D­5522/2009 Straffälligkeit im Sinne von Bst. b aufgezeigt wird. Dabei ist das Folgende  festzuhalten:  4.1.1.  Der  Aufhebungsgrund  von  Art.  84  Abs.  3  i.V.m.  Art. 83  Abs. 7  Bst. a  AuG  setzt  namentlich  voraus,  dass  eine  Person  zu  einer  längerfristigen  Freiheitsstrafe  im  In­  oder  Ausland  "verurteilt  wurde",  womit  diese Bestimmung  bei  Vorliegen  eines  rechtskräftigen Urteils  zur  Anwendung  gelangen  kann.  Der  Begriff  der  "längerfristigen  Freiheitsstrafe"  wird  demgegenüber  vom  Gesetzgeber  nicht  näher  definiert.  Nachdem  in  der  Lehre  die  Auffassung  vertreten  wurde,  die  betreffende Freiheitsstrafe müsse  "deutlich über einem Jahr"  liegen, hat  das  Bundesgericht  den  Begriff  der  "längerfristigen  Freiheitsstrafe"  im  Sinne von Art. 62 Bst. b AuG (und damit auch den gleichlautenden Begriff  von Art. 83 Abs. 7 Bst. a AuG) dahingehend konkretisiert, dass darunter –  im Sinne  eines  festen Grenzwertes  –  eine  Freiheitsstrafe  von mehr  als  einem Jahr zu verstehen ist (vgl. BGE 135 II 377 E. 4.2 S. 379 f.). Dieser  Praxis folgt das Bundesverwaltungsgericht im Bereich seiner endgültigen  Entscheidkompetenz  (vgl.  dazu das Urteil D­1972/2009 vom 11. August  2011 E. 4.4 S. 9 f.).  In diesem Zusammenhang ist gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass unter  dem Begriff  der  "längerfristigen Freiheitsstrafe" nach Art. 62 Bst. b AuG  (und damit auch nach dem auch den gleichlautenden Begriff von Art. 83  Abs.  7  Bst.  a  AuG)  nicht  kürzere  Freiheitsstrafen  zusammengerechnet  werden dürfen, sondern das Kriterium erst erfüllt  ist, wenn eine sich aus  einem  einzigen  Urteil  ergebende  Strafe  die  Dauer  von  einem  Jahr  überschreitet (vgl. BGE 137 II 297 E. 2.3).  4.1.2. Der Aufhebungsgrund  von Art.  84 Abs.  3  i.V.m.  83 Abs.  7 Bst.  b  AuG setzt namentlich voraus, dass eine Person erheblich oder wiederholt  gegen  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung  in  der  Schweiz  oder  im  Ausland verstossen hat oder diese gefährdet. Aus diesem Wortlaut ergibt  sich,  dass  nicht  jeder  Verstoss  gegen  die  gesetzliche  Ordnung  zur  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  führt,  es  bedarf  vielmehr  einer  gewissen  Intensität.  Somit  genügt  es  nicht,  wenn  die  kriminellen  Handlungen der betreffenden Person den Schluss zulassen, dass diese  nicht  gewillt  oder  nicht  fähig  ist,  sich  an  die  elementaren  gesellschaftlichen  Regeln  des  Zusammenlebens  zu  halten.  Vielmehr  müssen  diese  Handlungen  eine  schwerwiegende  Gefährdung  oder  Verletzung  der  öffentlichen  Sicherheit  und  Ordnung  darstellen.  Die  Verurteilung zu einer bedingten Freiheitsstrafe lässt beispielsweise in der 

D­5522/2009 Regel  nicht  auf  eine  solche  schliessen,  jedoch  kann  deren  Strafmass  oder der Umstand, dass durch das begangene Delikt besonders wertvolle  Rechtsgüter betroffen sind,  zum gegenteiligen Schluss  führen. Auch die  wiederholte  Deliktsbegehung  kann  trotz  bedingt  ausgesprochener  Freiheitsstrafe  Anhaltspunkte  für  eine  Gefährdung  der  öffentlichen  Sicherheit  und  Ordnung  geben,  stellt  eine  solche  doch  die  vermutete  günstige Prognose erheblich in Frage.  4.2.  Aufgrund  der  Akten  ist  festzustellen,  dass  im  Falle  des  Beschwerdeführers  –  entgegen  seinen  anders  lautenden  Vorbringen –  sowohl  die  Tatbestandsvariante  von  Bst.  a  als  auch  von  Bst.  b  der  Bestimmung von Art. 83 Abs. 7 AsylG als erfüllt zu erkennen ist.  4.2.1.  Aus  den  Akten  geht  hervor,  dass  der  Beschwerdeführer  in  Deutschland  mehrmals  zu  verschiedenen  Geldstrafen  verurteilt  worden  war  (unter anderem wegen Diebstahls und Körperverletzung), bis er am  16. Mai 1995 wegen räuberischen Diebstahls und Beleidigung (begangen  am  17. November  1994)  zu  einer  Freiheitsstrafe  von  1  Jahr  und  7  Monaten  verurteilt  wurde  (Strafe  ausgesprochen  unter  Gewährung  des  bedingten  Strafvollzuges  bei  einer  Bewährungszeit  von  2  Jahren;  Bewährungszeit  einmalig  verlängert  bis  zum  22. Oktober  1998,  danach  Strafe erlassen mit Wirkung vom 31. Dezember 1999). Am 26. März 1997  wurde  er  nochmals wegen Beleidigung  in  zwei  Fällen,  in  Tateinheit mit  Bedrohung,  bei  erheblich  verminderter  Schuldfähigkeit  (begangen  am  23. August 1996) zu einer Freiheitsstrafe von 5 Monaten verurteilt (Strafe  ausgesprochen  unter  Gewährung  des  bedingten  Strafvollzugs  bei  einer  Bewährungszeit von 3 Jahren; Strafe erlassen mit Wirkung vom 20. Juni  2000).  Nach  seiner  Einreise  in  die  Schweiz  wurde  er  …  [im  Strafmandatsverfahren]  am  14.  Januar  1998  wegen  geringfügigen  Diebstahls zu einer Busse verurteilt,  und am 20. Februar 1998 zu einer  bedingten  Gefängnisstrafe  von  5  Tagen  wegen  Hehlerei  (begangen  im  Dezember  1997  durch  den  Kauf  eines  gestohlenen  Feuerzeugs  der  Marke  „Dupont“  von  einem  russischen  Asylsuchenden;  bedingte  Strafe  bei einer Probezeit von zwei Jahren ausgesprochen; vgl. dazu act. A16).  Aktenkundig  sind  im Weiteren  namentlich  die  nach  einem  ordentlichen  Strafprozess  ergangene Verurteilung  vom 30. September  2008  zu  einer  Freiheitsstrafe  von  8  Monaten,  unter  Gewährung  des  bedingten  Strafvollzuges  bei  einer  Probezeit  von  zwei  Jahren  (vgl.  oben  Bst.  I),  sowie die … [im Strafmandatsverfahren] ergangene Verurteilung vom 11.  Februar 2010 zu einer Freiheitsstrafe von 6 Monaten (vgl. oben Bst. V), 

D­5522/2009 welche  unbedingt  ausgesprochen  wurde  und  in  der  Folge  teilweise  zu  vollziehen war.  4.2.2. Soweit das BFM im Rahmen seiner Erwägungen mit Blick auf die  Bestimmung  von  Art.  83  Abs.  7  Bst.  a  AsylG  die  gegen  den  Beschwerdeführer  ausgesprochenen Freiheitsstrafen  zusammenrechnet,  macht  der  Beschwerdeführer  zu  Recht  geltend,  dass  eine  solche  Aufrechnung  nicht  statthaft  ist  (vgl.  oben  E.  4.1.1  [zweiter  Absatz]).  In  seinen diesbezüglichen Vorbringen  verkennt  er  jedoch,  dass bereits mit  der Verurteilung vom 16. Mai 1995 die Voraussetzung der Verurteilung zu  einer  "längerfristigen Freiheitsstrafe"  gemäss Art.  83 Abs.  7 Bst   a AuG  erfüllt  ist, da die mit der in Deutschland ausgesprochenen Freiheitsstrafe  von  1  Jahr  und  7  Monaten  der  Grenzwert  von  einem  Jahr  deutlich  überschritten  ist  (vgl.  oben  E.  4.1.1  [erster  Absatz]).  Alleine  dem  Umstand, dass diese Verurteilung im Ausland erfolgte, kommt nach dem  klaren Wortlaut von Art. 83 Abs. 7 Bst. a AuG keine Bedeutung zu, und  auf den Umstand, dass diese Strafe nur bedingt und zudem vor Jahren  ausgesprochen  wurde,  ist  erst  in  Zusammenhang  mit  der  Frage  der  Verhältnismässigkeit  des  Widerrufs  einzugehen  (vgl.  nachfolgend).  Aufgrund der vorstehenden Aufstellung ist schliesslich festzuhalten, dass  der Beschwerdeführer  im Verlauf der Jahre immer wieder aufs Neue mit  dem Strafrecht in Konflikt geraten ist, womit auch die Voraussetzung des  "wiederholten Verstosses gegen die öffentliche Ordnung und Sicherheit"  gemäss Art. 83 Abs. 7 Bst. b AuG als erfüllt zu erkennen ist.  4.3. Nach dem Gesagten ist der Grundtatbestand für eine Aufhebung der  vorläufigen Aufnahme erfüllt, womit aber noch nichts über die Frage der  Verhältnismässigkeit einer solchem Massnahme ausgesagt ist. Auf diese  Frage  –  welche  von  der  Frage  der  grundsätzlichen  Anwendbarkeit  der  Bestimmung von Art. 84 Abs. 3 i.V.m. 83 Abs. 7 AuG zu trennen ist (vgl.  ebenfalls BGE 135 II 377 E. 4.2,  insbes. S. 380 Mitte) –  ist nachfolgend  einzugehen.  5.  5.1. Es  verbleibt  demnach  zu  prüfen,  ob  die Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  mit  dem  Verhältnismässigkeitsprinzip  im  Einklang  steht.  Dieses  Prinzip  (welches  einen  allgemeinen  Grundsatz  staatlichen  Handelns  bildet;  vgl.  Art.  5  Abs.  2  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  [BV,  SR  101])  wird  für  den  vorliegend  relevanten  Rechtsbereich  durch  Art.  96  Abs.  1  AuG  spezifisch  festgeschrieben,  wonach  die  zuständigen  Behörden  bei 

D­5522/2009 der Ermessensausübung die öffentlichen Interessen und die persönlichen  Verhältnisse  sowie  den  Grad  der  Integration  der  Ausländerinnen  und  Ausländer  zu  berücksichtigen  haben.  In  diesem  Sinne  sind  bereits  die  Bestimmungen  von  Art.  10  Bst.  a  und  Art.  14a  Abs. 6  des  Bundesgesetzes vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung  der  Ausländer  (ANAG,  BS  1  121)  –  welche  durch  die  vorgenannten  Bestimmungen  des  AuG  abgelöst  wurden  –  durch  die  massgebliche  Rechtsprechung  ausgelegt  worden.  So  hat  die  Praxis  der  ARK  der  Anwendung  von  Art.  14a  Abs.  6  ANAG  eine  Abwägung  zwischen  den  Interessen  des Ausländers  auf  Verbleib  in  der  Schweiz  und  denjenigen  der  Schweiz  an  seiner  Wegweisung  vorausgesetzt,  wobei  sich  das  öffentliche  Interesse  insbesondere  im  Schutz  des  Staates  vor  erneuter  Gefährdung  oder  Verletzung  der  öffentlichen  Sicherheit  und  Ordnung  ausrückt.  Die  Ausschlussklausel  von  Art. 14a  Abs.  6  ANAG  sei  mit  Zurückhaltung  und  insbesondere  unter  Beachtung  des  Verhältnismässigkeitsprinzips  anzuwenden  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen der AKR [EMARK] 2006 Nr. 30 E. 6 S. 325 ff., 2006 Nr. 23  E. 8.3 S. 347 ff., 2006 Nr. 11 E. 7.2 S. 125 ff., 2004 Nr. 39 E. 5.3 S. 271,  2003 Nr. 3 E. 3a S. 26, 1997 Nr. 24, 1995 Nr. 10 und 11). Auch nach der  Rechtsprechung  des Bundesgerichts  zu Art. 62  f.  AuG  –  in  Fortführung  der Praxis zur Ausweisung nach dem vormaligen Art. 10 Bst b ANAG –  wird  für  die  Anwendung  dieser  Bestimmung  eine  Interessenabwägung  vorausgesetzt,  d.h.  die  Massnahme  muss  nach  den  gesamten  Umständen  angemessen,  also  verhältnismässig  sein.  Dabei  sind  namentlich  die  Schwere  des  Delikts  und  des  Verschuldens  des  Betroffenen, der seit der Tat vergangene Zeitraum und das Verhalten des  Ausländers in dieser Periode, der Grad seiner Integration bzw. die Dauer  seiner  Anwesenheit  in  der  Schweiz  sowie  die  ihm  und  seiner  Familie  drohenden Nachteile zu berücksichtigen (BGE 135 II 371 E. 4.3, 134 II 1  E.  2.2  m.w.H.;  vgl.  ferner  EMARK  2006  Nr.  11  sowie  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­1808/2010  vom  21. September  2010  E.  6.1).  Es  ist  also  nicht  von  einer  schematischen  Betrachtungsweise  auszugehen,  sondern  auf  die  gesamten  Umstände  des  Einzelfalls  abzustellen. 5.2. Aufgrund der Akten ist zu schliessen, der Beschwerdeführer habe vor  seiner  Einreise  in  die  Schweiz  –  während  seines  Aufenthalts  in  Deutschland  –  wiederholt  und  auch  erheblich  gegen  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung  verstossen  und  dabei  wertvolle  Rechtsgüter  verletzt. Allerdings blieb es bei bedingt ausgesprochenen Freiheitsstrafen  und seit den entsprechenden Verurteilungen sind bereits 16 respektive 14 

D­5522/2009 Jahre  vergangen.  Kurz  nach  seiner  Einreise  in  die  Schweiz  wurde  er  sodann  wegen  Diebstahls  zu  einer  Busse  und  wegen  Hehlerei  zu  5  Tagen  Gefängnis  mit  bedingtem  Strafvollzug  verurteilt.  Diese  ersten  in  der  Schweiz  begangenen  Delikte  sind  an  sich  kaum  als  gewichtig  zu  beurteilen, und sie  liegen ebenfalls weit  in der Vergangenheit, sie  fügen  sich  aber  immerhin  in  eine  Reihe  von  Straftaten  ein,  was  auf  eine  gewisse  kriminelle  Energie  hinweist.  In  den  seither  vergangenen  14  Jahren  ist  der  Beschwerdeführer  sodann  zweimal  verurteilt  worden;  einmal zu 8 Monaten (unter Gewährung des bedingten Strafvollzugs)  im  Zusammenhang  mit  dem  Handel  von  …  [alten  Gegenständen]  und  gleichzeitigem  Bezug  von  Sozialhilfegeldern  und  zuletzt  zu  6  Monaten  (mit  unbedingtem  Strafvollzug)  im  Zusammenhang  mit  den  falschen  Angaben  zu  seiner  Identität  anlässlich  seiner  Asylgesuchstellung  im  Jahre  1997.  Insgesamt  schwer  ins  Gewicht  fällt,  dass  der  Beschwerdeführer  damit  immer  wieder  straffällig  wurde,  auch  wenn  zwischen  den  Delikten  teils  Jahre  liegen.  Bei  den  in  der  Schweiz  begangenen jüngeren Verurteilungen waren – anders als bei denjenigen  in Deutschland  –  zwar  nicht  besonders wertvolle Rechtsgüter  betroffen,  die  falschen  Angaben  zu  seiner  Identität  und  das  Unterlassen  der  Meldung  seines  Nebeneinkommens  sind  jedoch  keineswegs  zu  verharmlosen. So hat er mit der Angabe einer  falschen  Identität  sowohl  ein Aufdecken seiner Delinquenz in Deutschland als auch die Möglichkeit  einer  Rückführung  nach  Deutschland  vereitelt.  Mit  der  Verheimlichung  seines  Nebeneinkommens  wiederum  hat  er  das  Gemeinwesen  beträchtlich  geschädigt,  ging  es  doch  im  Zusammenhang  mit  dem  betrügerischen  Bezug  von  Sozialfürsorge  um  eine  Deliktsumme  von  Fr. 37'500.–. In beiden diesbezüglichen Strafurteilen wurde denn auch auf  das nicht geringe Verschulden des Beschwerdeführers und das durchaus  vorhandene  Unrechtsbewusstsein  hingewiesen.  Lange  Haftstrafen  wurden  jedoch  nicht  ausgefällt  und  die  Strafe  für  den  betrügerischen  Sozialhilfebezug  wurde  nur  bedingt  ausgesprochen.  Auch  konnte  der  Beschwerdeführer  die  Strafe  in  Zusammenhang  mit  der  falschen  Identitätsangabe  offenbar  in  Halbgefangenschaft  ableisten,  was  grundsätzlich eine positive Beurteilung bedingt.  5.3.  Im  Sinne  einer  Zwischenbilanz  ist  festzuhalten,  dass  zwar  die  meisten  Straftaten  und  insbesondere  die  gewichtigeren  bereits  längere  Zeit  –  zum  Teil  20  Jahre  –  in  der  Vergangenheit  liegen  und  dass  der  Beschwerdeführer soweit ersichtlich seit 2008 auch nicht mehr straffällig  geworden  ist.  Die  Gesamtdelinquenz,  respektive  das  immer  wieder  erneut  straffällig  werden,  lässt  jedoch  das  öffentliche  Interesse  am 

D­5522/2009 Vollzug  der  Wegweisung  nicht  unerheblich  erscheinen.  Die  Aufhebung  der vorläufigen Aufnahme wäre damit grundsätzlich gerechtfertigt, zumal  aufgrund der Akten – trotz des bereits langen Aufenthalts in der Schweiz  – kaum  Hinweise  auf  eine  weitreichende  Integration  des  Beschwerdeführers  in der Schweiz bestehen. Im vorliegenden Fall  fallen  gemäss  den  nachfolgenden  Ausführungen  allerdings  die  mit  einem  Vollzug  der  Wegweisung  einhergehenden  Nachteile  für  die  Familienangehörigen des Beschwerdeführers massgeblich ins Gewicht.  5.4. So handelt es sich beim Beschwerdeführer um einen Familienvater,  dessen  Familienangehörige  –  seine  Ehefrau  und  seine  zwei  noch  minderjährige  Kinder  –  zufolge  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  weiterhin  über  eine  vorläufige  Aufnahme  in  der  Schweiz  verfügen.  Zudem  verfügen  seine  beiden  bereits  volljährigen  Töchter  in der Schweiz über eine Aufenthaltsbewilligung. Aus den Akten  ergibt sich  ferner, dass das BFM –  in Kenntnis der wahren  Identität des  Beschwerdeführers  und  seiner  Angehörigen  –  nach  wie  vor  von  der  Unzumutbarkeit  des Wegwiesungsvollzugs  in den Kosovo  im Sinne von  Art.  83  Abs.  4  AuG  ausgeht.  Die  Familie  ist  ursprünglich  wegen  ihrer  Zugehörigkeit  zur  Minderheit  der  Ashkali  in  der  Schweiz  vorläufig  aufgenommen worden und Abklärungen vor Ort haben ergeben, dass sie  auch  zum  heutigen  Zeitpunkt  im  Falle  der Rückkehr  in  den Kosovo  als  Angehörige  einer  ethnischen  Minderheit  und  ohne  familiäre  Anknüpfungspunkte  vor  Ort  in  ernsthafte  Schwierigkeiten  geraten  würden. Betreffend  die Person  des Beschwerdeführers  vermögen  diese  Umstände nach der klaren Konzeption von Art. 84 Abs. 3  i.V.m. Art. 83  Abs.  7  AuG  keine  Wirkung  zu  entfalten,  auch  wenn  in  seinem  Fall  erschwerend hinzu  kommt,  dass er  sich  schon  seit mehr  als  20  Jahren  nicht mehr  in seiner Heimat aufgehalten hat. Aufgrund der  festgestellten  Umstände  in  der  Heimat  ist  jedoch  auszuschliessen,  dass  die  Ehefrau  und  die  Kinder  des  Beschwerdeführers  –  welche  zusammen  mit  ihrem  Ehemann respektive Vater bereits seit 14 Jahren in der Schweiz leben –  dem Beschwerdeführer in die Heimat nachfolgen könnten. Die Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  würde  daher  eine  Trennung  der  Kernfamilie  nach  sich  ziehen,  was  im  vorliegenden  Fall  als  unverhältnismässig  erschiene.  So  wird  die  Trennung  einer  Familie  in  der  Praxis  nur  in  Ausnahmefällen  angeordnet,  wenn  dies  das  erhebliche  öffentliche  Interesse bedingt oder wenn die Familie ohnehin bereits als tief zerrüttet  betrachtet  werden  muss  (vgl.  EMARK  2006  Nr.  11).  Zwar  weist  die  Vorinstanz  im  vorliegenden  Fall  auf  gewisse  familiäre  Probleme  hin,  mithin  der  Beschwerdeführer  das  zu  Unrecht  erwirtschaftete  Geld  nicht 

D­5522/2009 für  die  Familie  eingesetzt,  sondern  verspielt  und  für  seine  Trunksucht  ausgegeben  habe.  Aus  den Akten  ergeben  sich  jedoch  keine Hinweise  darauf, dass die Familie Schwierigkeiten hätte oder sogar zerrüttet wäre.  Für  die  Familie  würde  damit  der  Vollzug  der  Wegweisung  allein  des  Beschwerdeführers  eine beträchtliche Härte bedeuten,  insbesondere  für  die  Ehefrau,  die  dann  alleine  für  das  Wohl  der  beiden  noch  minderjährigen Kinder ( … und … Jahre alt) zu sorgen hätte. Die beiden  Kinder würden sodann  ihren Vater – wenn überhaupt – nur noch selten  treffen können, was sich  insbesondere auch  für die Entwicklung … [des  jüngsten Kindes] ausgesprochen negativ auswirken dürfte.  5.5.  Nach  einer  Gesamtabwägung  der  Interessen  ergibt  sich,  dass  insgesamt  das  private  Interesse  auf  Seiten  des  Beschwerdeführers,  insbesondere  in  Bezug  auf  dessen  Familienangehörige,  als  knapp  überwiegend zu veranschlagen  ist. Mit Blick auf  den Aspekt  der Einheit  der  Familie  ist  daher  die  vom BFM  verfügte  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme als unverhältnismässig zu erkennen.  Es  ist  an  dieser  Stelle  jedoch mit  Nachdruck  darauf  hinzuweisen,  dass  das  Resultat  der  vorgenommenen  Interessenabwägung  und  die  damit  verbundene  weiterhin  zu  gewährende  vorläufige  Aufnahme  auch  als  letzte Chance für eine weitergehende Integration des Beschwerdeführers  verstanden werden soll und dieser den Tatbeweis zu erbringen hat, dass  er  gewillt  und  fähig  ist,  sich  in  Zukunft  an  die  in  der  Schweiz  geltende  Rechtsordnung  zu  halten.  Bei  weiterem  deliktischem  Verhalten  des  Beschwerdeführers  würde  eine  erneute  Interessenabwägung  mutmasslich  zu  Ungunsten  der  privaten  Interessen  ausfallen,  was  zur  Aufhebung der vorläufigen Aufnahme führen würde. 6.  Nach  vorstehenden  Erwägungen  ist  die  Beschwerde  gutzuheissen  und  die Verfügung des BFM vom 3. August 2009 entsprechend aufzuheben.  7.  7.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).  Dem  vertretenen  Beschwerdeführer  ist  angesichts  seines  Obsiegens  in  Anwendung  von  Art. 64  VwVG  und  Art. 7  Abs. 1  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für 

D­5522/2009 die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Eine  Kostennote  wurde  bisher  nicht  zu  den  Akten  gereicht.  Auf  das  Nachfordern  einer  solchen  kann  indes  verzichtet  werden,  da  sich  der  notwendige  Vertretungsaufwand  aufgrund  der  Akten  hinreichend  zuverlässig abschätzen  lässt. Gestützt  auf die  in Betracht  zu ziehenden  Bemessungsfaktoren  (Art. 8­13  VGKE)  ist  dem  Beschwerdeführer  zu  Lasten  der  Vorinstanz  eine  Parteientschädigung  von  Fr. 900.–  zuzusprechen.  (Dispositiv nächste Seite)

D­5522/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  im  Sinne  der  Erwägungen  gutgeheissen,  die  angefochtene  Verfügung  aufgehoben  und  das  BFM  angewiesen,  den  Beschwerdeführer weiterhin vorläufig aufzunehmen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Dem  Beschwerdeführer  wird  zu  Lasten  des  BFM  eine  Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 900.– zugesprochen. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Lorenz Mauerhofer Versand:

D-5522/2009 — Bundesverwaltungsgericht 17.11.2011 D-5522/2009 — Swissrulings