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Bundesverwaltungsgericht 28.11.2011 D-5415/2011

28 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,465 parole·~7 min·2

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Revision; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 28. Juni 2011; D-6064/2006

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­5415/2011 Urteil   v om   2 8 .   No v embe r   2011 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richter Walter Stöckli, Richter Martin Zoller, Gerichtsschreiber Stefan Weber. Partei A._______, geboren X._______, Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Urs Ebnöther, Rechtsanwalt, Gesuchsteller,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern.    Gegenstand Revision; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom  28. Juni 2011; D­6064/2006.

D­5415/2011 Sachverhalt: A.   A.a.  Der  Gesuchsteller,  aussagegemäss  ein  aus  dem  Dorf  B._______  (Provinz C._______) stammender schiitischer Bayat, reichte am 14. Juni  2006 in der Schweiz ein Asylgesuch ein. Zur Begründung desselben machte er  im Wesentlichen geltend,  im Alter  von zirka  zehn Jahren  ([...]) mit  seiner Familie nach Pakistan geflüchtet  und erst nach dem Sturz der Taliban­Regierung Ende des Jahres (...)  in  sein Heimatdorf zurückgekehrt zu sein. Gegen Ende des Jahres (...) habe  er  begonnen,  als  Buchhalter  für  den  Kommandanten  D._______  zu  arbeiten.  Nach  einigen  Monaten  habe  ihn  D._______  beauftragt,  ein  Paket,  dessen  Inhalt  ihm  unbekannt  gewesen  sei,  nach  E._______  zu  bringen,  um  es  dort  jemandem  zu  übergeben.  Diesen  Auftrag  habe  er  ausgeführt.  Anlässlich  einer  weiteren  Lieferung  habe  er  bemerkt,  dass  sich  in  diesem  Paket  Drogen  befunden  hätten,  was  ihm  von  seinem  Begleiter  beziehungsweise  Chauffeur  F._______  denn  auch  bestätigt  worden  sei.  Nach  seiner  Rückkehr  aus  E._______  habe  er  D._______  bezüglich  der  Drogen  zur  Rede  gestellt,  wobei  es  zwischen  ihnen  zu  einer  Auseinandersetzung  gekommen  sei,  in  deren  Verlauf  er  von  D._______  geschlagen  und  F._______  getötet  worden  sei.  Anschliessend habe ihn D._______ eingesperrt, jedoch kurze Zeit später  wieder freigelassen, wobei dieser ihm mit dem Tod gedroht habe, falls er  nicht das tue, was er, D._______, wolle. Nachdem er noch wenige Tage  bei D._______ gearbeitet habe, sei er nach Absprache mit seinem Vater  und zusammen mit seinen Familienangehörigen nach E._______ gereist  und habe das Land schliesslich verlassen. A.b. Mit  Verfügung  vom 24.  Juli  2006  lehnte  das BFM das Asylgesuch  des  Gesuchstellers  ab  und  ordnete  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie den Vollzug an. A.c. Die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde vom 22. August  2006 wurde mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 28. Juni 2011  abgewiesen. A.d. Mit Schreiben des BFM vom 1. Juli 2011 wurde dem Gesuchsteller  eine neue Frist bis 27. Juli 2011 zum Verlassen der Schweiz eingeräumt. B.  Mit  als  "zweites Asylgesuch"  bezeichneter Eingabe  vom 22. September 

D­5415/2011 2011 gelangte der Gesuchsteller ans BFM und beantragte, es sei seine  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen  und  ihm  Asyl  zu  gewähren,  eventualiter  sei  die  Unzulässigkeit,  allenfalls  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen. Ferner sei auf die Erhebung eines Gebührenvorschusses im  Sinne  von  Art.  17b  des  Asylgesetzes  vom  26.  Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31) zu verzichten. Dabei machte er  geltend,  er  sei  homosexuell  und habe  inzwischen den  Mut  gefunden,  diese  Neigung  den  schweizerischen  Asylbehörden  offenzulegen. Bislang sei nämlich seine Angst, dass entweder durch den  Übersetzer  oder  durch  die  aus  dem  gleichen  Kulturraum  stammende  Rechtsvertreterin oder auf anderem Weg etwas zu seinen Landsleuten in  der  Schweiz  oder  aber  bis  nach  Afghanistan  durchsickern  könnte,  zu  gross gewesen. Mit dem seit Juni 2011 drohenden Wegweisungsvollzug  habe aber die Angst vor einer Rückkehr nach Afghanistan die Angst vor  einem  Coming­out  gegenüber  den  schweizerischen  Asylbehörden  überstiegen.  Er  habe  sich  deshalb  entschlossen,  offen  zu  seiner  sexuellen Orientierung zu stehen. Dass über  seine Homosexualität  kein  Zweifel  bestehe,  belegten  die  diesbezüglich  eingereichten  Beweismittel  (Auflistung  Beweismittel).  Bereits  in  seiner  Pubertät  habe  er  seine  homosexuelle  Neigung  verspürt,  diese  aber  aus  Angst  vor  gesellschaftlicher Ächtung und Verfolgung  in Afghanistan verschwiegen.  Erst hier in der Schweiz, wo er sich in relativer Sicherheit gewähnt habe,  habe er seine Homosexualität in beschränktem Mass ausleben und seine  erste Beziehung  eingehen  können. Offen  gelebte Homosexualität  sei  in  Afghanistan  verschiedenen  Quellen  zufolge  verboten  und  werde  tatsächlich  geahndet.  Auch  sei  Homosexualität  in  seiner  Heimat  mit  langen  Haftstrafen  beziehungsweise  der  Todesstrafe  bedroht.  Obwohl  von  den  Haft­  und  Todesstrafen  seit  dem  Fall  der  Taliban  wenig  Gebrauch  gemacht  worden  sei,  würden  Homosexuelle  in  Afghanistan  unter  einer  starken  Verfolgung  durch  die  Zivilbevölkerung  leiden.  Homosexualität  existiere  in  seiner  Heimat  offiziell  nicht  und  werde  gesellschaftlich  nicht  geduldet.  Gemäss  dem  Amt  des  Hohen  Flüchtlingskommissars  der  Vereinten  Nationen  (UNHCR)  seien  Homosexuelle  trotz  ausbleibender  staatlicher  Verfolgung  wegen  gesellschaftlich  verankerter  Homophobie  als  Flüchtlinge  anzuerkennen.  Zudem könne von  ihm nicht verlangt werden, seine sexuelle  Identität zu  verändern  oder  zu  verbergen,  um  seine  Verfolgung  in  Afghanistan  zu  verhindern.  Sodann  lägen  plausible  Gründe  vor,  weshalb  er  es  nicht  früher gewagt habe, zu seiner sexuellen Neigung zu stehen. Zudem seien 

D­5415/2011 auch  bei  verspäteter  Geltendmachung  von  revisionsrechtlich  relevanten  Vorbringen  völkerrechtliche  Wegweisungshindernisse  gemäss  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 9 zu berücksichtigen. C.  Am  29.  September  2011  leitete  das  BFM  diese  Eingabe  zuständigkeitshalber  zur  Behandlung  als  Revisionsgesuch  an  das  Bundesverwaltungsgericht weiter. D.  Mit  Eingabe  vom  11.  November  2011  reichte  der  Gesuchsteller  zwei  Bestätigungen  (Nennung  Beweismittel),  die  seine  Homosexualität  belegen würden, zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Das  Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  gemäss  Art. 105  AsylG  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  grundsätzlich  endgültig  (vgl.  Art.  83  Bst.  d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR  173.110])  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  des  BFM.  Es  ist  ausserdem  zuständig  für  die  Revision  von  Urteilen,  die  es  in  seiner  Funktion  als  Beschwerdeinstanz  gefällt  hat  (vgl.  BVGE  2007/21  E. 2.1  S. 242). 1.2. Das BFM hat die als  "zweites Asylgesuch" bezeichnete Eingabe zu  Recht an das Bundesverwaltungsgericht überwiesen, zumal es sich dabei  in  der  Tat  um  ein  Revisionsgesuch  handelt  –  die  falsche  Bezeichnung  des Rechtsmittels und die Einreichung bei einer unzuständigen Behörde  schaden nicht (vgl. Art. 7 Abs. 1 und Art. 21 Abs. 2 VwVG) –, da in dieser  Eingabe sinngemäss gesetzliche Revisionsgründe angerufen werden und  sich  der  Gesuchsteller  der  am  13.  Oktober  2011  mitgeteilten  Entgegennahme/Behandlung als Revisionsgesuch nicht widersetzt hat. 1.3. Gemäss Art. 45 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG,  SR 173.32)  gelten  für  die  Revision  von  Urteilen  des  Bundesverwaltungsgerichts  die  Art. 121 ­ 128  BGG  sinngemäss.  Nach  Art. 47  VGG  findet  auf  Inhalt,  Form  und  Ergänzung  des  Revisionsgesuches  Art. 67  Abs. 3  des  Bundesgesetzes  vom 

D­5415/2011 20. Dezember 1986 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)  Anwendung. 1.4.  Mit  dem  ausserordentlichen  Rechtsmittel  der  Revision  wird  die  Unabänderlichkeit  und  Massgeblichkeit  eines  rechtskräftigen  Beschwerdeentscheides  angefochten,  im  Hinblick  darauf,  dass  die  Rechtskraft  beseitigt  wird  und  über  die  Sache  neu  entschieden werden  kann  (vgl.  PIERRE  TSCHANNEN/ULRICH  ZIMMERLI,  Allgemeines  Verwaltungsrecht, 2. Aufl., Bern 2005, S. 269). 1.5.  Das  Bundesverwaltungsgericht  zieht  auf  Gesuch  hin  seine  Urteile  aus den in Art. 121 – 123 BGG aufgeführten Gründen in Revision (Art. 45  VGG). Nicht  als Revisionsgründe  gelten Gründe, welche  die Partei,  die  um  Revision  nachsucht,  bereits  im  ordentlichen  Beschwerdeverfahren  hätte geltend machen können (sinngemäss Art. 46 VGG). 1.6. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der Besetzung mit drei  Richtern  oder  Richterinnen  (Art.  21  Abs.  1  VGG),  sofern  das  Revisionsgesuch  nicht  in  die  Zuständigkeit  des  Einzelrichters  beziehungsweise der Einzelrichterin fällt (vgl. Art. 23 VGG). 2.  2.1. Im Revisionsgesuch ist insbesondere der angerufene Revisionsgrund  anzugeben und die Rechtzeitigkeit des Revisionsbegehrens im Sinne von  Art. 124 BGG darzutun. 2.2.  Der  Gesuchsteller  macht  sinngemäss  den  Revisionsgrund  nachträglich  erfahrener  erheblicher  Tatsachen  und  nachträglich  aufgefundener entscheidender Beweismittel (Art. 123 Abs 2 Bst. a BGG)  geltend und zeigt ausserdem die Rechtzeitigkeit des Revisionsbegehrens  auf,  indem er seine Eingabe innert der 90­tägigen Frist gemäss Art. 124  Abs. 1 Bst. d BGG einreichte. Auf das  im Übrigen frist­ und formgerecht  eingereichte Gesuch ist deshalb einzutreten. 3.  3.1. Gemäss  Art.  123  Abs.  2  Bst.  a  BGG  kann  in  öffentlich­rechtlichen  Angelegenheiten  die  Revision  eines  Urteils  verlangt  werden,  wenn  die  ersuchende  Partei  nachträglich  erhebliche  Tatsachen  erfährt  oder  entscheidende Beweismittel auffindet, die sie im früheren Verfahren nicht  beibringen konnte, unter Ausschluss der Tatsachen und Beweismittel, die  erst nach dem Entscheid entstanden sind.

D­5415/2011 3.2.  Der  Revisionsgrund  der  nachträglich  erfahrenen  Tatsachen  beinhaltet  zum  einen,  dass  sich  diese  bereits  vor  Abschluss  des  Beschwerdeverfahrens verwirklicht haben; als Revisionsgrund sind somit  lediglich  so  genannte  unechte  Nova  zugelassen.  Zum  andern  verlangt  Art.  123  Abs.  2  Bst.  a  BGG,  dass  die  gesuchstellende  Partei  die  betreffende  Tatsache  während  des  vorangegangenen  Verfahrens,  das  heisst  bis  das  Urteil  gefällt  worden  ist,  nicht  gekannt  hat  und  deshalb  nicht geltend machen konnte. Dass es einer aus "anderen Gründen" (Art.  123 BGG) um Revision ersuchenden Partei nicht möglich war, Tatsachen  und  Beweise  bereits  im  früheren  Verfahren  beizubringen,  ist  nur  mit  Zurückhaltung  anzunehmen.  Der  Revisionsgrund  der  unechten  Nova  dient nicht dazu, bisherige Unterlassungen  in der Beweisführung wieder  gutzumachen  (vgl.  ELISABETH  ESCHER,  in:  Basler  Kommentar,  Bundesgerichtsgesetz,  Basel  2008,  N.  8  zu  Art.  123  BGG).  Ausgeschlossen sind damit auch Umstände, welche die gesuchstellende  Partei  bei  pflichtgemässer Sorgfalt  hätte  kennen  können.  Eine Revision  ist  namentlich  dann  ausgeschlossen,  wenn  die  Entdeckung  der  erheblichen  Tatsache  auf  Nachforschungen  beruht,  die  bereits  im  früheren Verfahren hätten angestellt werden können, denn darin  ist eine  unsorgfältige  Prozessführung  der  gesuchstellenden  Partei  zu  erblicken  (vgl. zum Ganzen: ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht,  Handbücher  für  die  Anwaltspraxis, Band X, Basel 2008, Rz. 5.47, S. 249 f.). 3.3. Bei der vom Gesuchsteller erstmals mit Eingabe vom 22. September  2011  vorgetragenen  Homosexualität  handelt  es  sich  offensichtlich  nicht  um  eine  nach  Abschluss  des  ordentlichen  Verfahrens  entstandene  Tatsache, da diese Neigung aussagegemäss bereits zum Zeitpunkt des  vorangegangenen  ordentlichen  Verfahrens  bestand.  Es  stellt  sich  demnach  die  Frage,  ob  es  dem  Gesuchsteller  bei  Anwendung  der  zumutbaren  Sorgfalt  und  in  Beachtung  der  ihm  obliegenden  Mitwirkungspflicht  nach  Art.  8  AsylG  zumutbar  gewesen  wäre,  diese  bereits in dessen Rahmen geltend zu machen (vgl. Art. 123 Abs. 2 Bst. a  BGG). In diesem Zusammenhang macht der Gesuchsteller geltend, er habe aus  Angst,  dass  entweder  durch  den  Übersetzer  oder  durch  die  aus  dem  gleichen  Kulturraum  stammende  Rechtsvertreterin  oder  auf  anderem  Weg  etwas  zu  seinen  Landsleuten  in  der  Schweiz  oder  aber  bis  nach  Afghanistan  durchsickern  könnte,  seine  Homosexualität  bislang  verschwiegen.

D­5415/2011 Diese Erklärung  vermag  jedoch  vorliegend nicht  zu  überzeugen. So  sei  der  Gesuchsteller  gemäss  den  eingereichten  Bestätigungen  von  (...)  während dreier Monate, so vom (...) bis zum (...)  respektive von  (...) bis  (...),  für  diese Organisation  tätig  und  unter  anderem auch  für  (Nennung  Tätigkeit) zuständig gewesen. Diese Tätigkeit  lässt sich  jedoch nicht mit  der  vorgebrachten  Angst,  dass  auch  "auf  anderem  Weg"  seine  Homosexualität  zu seinen Landsleuten  in der Schweiz oder bis  in seine  Heimat durchsickern könnte, vereinbaren. So wird durch dieses Verhalten  des Gesuchstellers offensichtlich, dass es  ihm bereits über ein Jahr vor  Erlass  des  angefochtenen  Urteils  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  28.  Juni  2011  möglich  war,  in  der  Schweiz  offen  und  für  Dritte  über  längere Zeit  problemlos erkennbar  zu  seiner Homosexualität  zu  stehen,  auch wenn im Schreiben von (...) dargelegt wird, der Gesuchsteller habe  Angst  gehabt,  bei  einer  Offenlegung  seiner  sexuellen  Orientierung  in  seinem Heimatland verfolgt zu werden. Selbst wenn angenommen würde,  die  besagte  Tätigkeit  bei  (...)  hätte  auch  von  einem  Heterosexuellen  ausgeübt werden können, hat er dadurch zumindest die Vermutung der  Mitarbeiter und Gäste, selber homosexuell zu sein – und damit auch das  Durchsickern dieser Vermutung bis zu seinen Landsleuten in der Schweiz  und im Heimatland – schon damals in Kauf genommen. Es ist damit festzustellen, dass es dem Gesuchsteller bei Anwendung der  zumutbaren  Sorgfalt  und  in  Beachtung  der  ihm  obliegenden  Mitwirkungspflicht  nach  Art.  8  AsylG  möglich  und  zumutbar  gewesen  wäre,  die  nunmehr  geltend  gemachte  Homosexualität  bereits  im  vorangegangenen ordentlichen Beschwerdeverfahren offen zu legen (vgl.  wiederum Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG). In diesem Lichte besehen ist der  Homosexualität  des  Beschwerdeführers  die  revisionsrechtliche  Neuheit  abzusprechen. Die zu ihrem Beleg eingereichten Beweismittel vermögen  vor diesem Hintergrund insoweit keine Relevanz zu entfalten, als sie sich  auf ein verspätetes Vorbringen beziehen. Bei dieser Sachlage kann offen  bleiben, ob es sich bei den (Auflistung Beweismittel) und mithin nach dem  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  datierenden  Bestätigungen  um  zulässige Beweismittel im Sinne von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG handelt. 4.   4.1. Revisionsweise Vorbringen, die verspätet sind, können aber dennoch  zur  Revision  eines  rechtskräftigen  Urteils  führen,  wenn  aufgrund  dieser  Vorbringen offensichtlich wird, dass einem Gesuchsteller Verfolgung oder  menschenrechtswidrige Behandlung droht und damit ein völkerrechtliches  Wegweisungshindernis besteht (dazu EMARK 1995 Nr. 9 E. 7, insb. E. 7f 

D­5415/2011 und g;  der Entscheid  bezieht  sich  zwar  auf Art.  66 Abs.  3 VwVG,  lässt  sich indessen auch auf den sinngemäss deckungsgleichen Art. 125 BGG  übertragen).  Der  Grund  hierfür  ist  darin  zu  sehen,  dass  auch  bei  grundsätzlicher  Unzulässigkeit  der  Revision  kein  Verstoss  gegen  zwingendes  Völkerrecht  –  es  handelt  sich  dabei  um  die  Garantien  von  Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR  0.142.30),  Art.  3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101),  sowie  Art.  3  des  Übereinkommens  vom  10.  Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR  0.105)  –  resultieren  darf.  Allerdings  hält  der  erwähnte  Grundsatzentscheid der ARK – dessen wesentliche Schlüsse auch für die  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  nach  wie  vor  massgeblich  sind  –  ausserdem  fest,  dass  ein  Abweichen  von  der  Verwirkungsfolge im Sinne von Art. 125 BGG (bzw. Art. 66 Abs. 3 VwVG)  nur  in  sehr  engen Grenzen  zulässig  ist  (EMARK 1995 Nr.  9 E.  7g;  vgl.  dazu  auch  AUGUST  MÄCHLER,  in:  CHRISTOPH  AUER/MARKUS  MÜLLER/BENJAMIN SCHINDLER  [Hrsg.], Kommentar  zum VwVG, Zürich/St.  Gallen 2008, Art. 66, N 26). 4.2.  So  ist  auch  auf  der  Grundlage  einer  völkerrechtskonformen  Auslegung  von  Art.  125  BGG  (bzw.  Art.  66  Abs.  3  VwVG)  vorauszusetzen,  dass  die  in  Frage  stehenden  zwingenden Normen  des  Völkerrechts  bei  strikter  Anwendung  der  gesetzlichen  Revisionsbestimmungen  tatsächlich  verletzt  würden.  Es  genügt  daher  nicht, dass ein Gesuchsteller eine drohende Verletzung von Art. 33 Abs.  1 FK, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK lediglich behauptet. Vielmehr muss die  beachtliche  Wahrscheinlichkeit  einer  aktuellen,  ernsthaften  Gefahr  schlüssig  nachgewiesen  werden,  selbst  wenn  dabei  ein  herabgesetzter  Beweismassstab  des  Glaubhaftmachens  genügt.  Ein  Abweichen  vom  Wortlaut von Art. 125 BGG (bzw. Art. 66 Abs. 3 VwVG)  rechtfertigt sich  mit  anderen  Worten  nicht  bereits  bei  Vorliegen  von  Tatsachen  und  Beweismitteln, welche geeignet sein können, zu einem anderen Ergebnis  als  im  vorangegangenen  ordentlichen Asylverfahren  zu  führen,  sondern  lediglich  dann,  wenn  die  Tatsachen  und  Beweismittel  bei  rechtzeitigem  Bekanntwerden zu einem anderen Beschwerdeentscheid – und zwar zu  einer  Gutheissung  zumindest  bezüglich  der  Frage  der  Zulässigkeit  des  Wegweisungsvollzugs  –  geführt  hätten.  Voraussetzung  für  die  Entkräftung  der Verwirkungsfolge  gemäss Art.  125 BGG  ist  somit,  dass  bereits  im Rahmen der Prüfung des Vorliegens  des geltend gemachten 

D­5415/2011 Revisionsgrunds  eine  vorweggenommene  materielle  Beurteilung  ergibt,  dass die genannten völkerrechtlichen Wegweisungsschranken tatsächlich  bestehen. 4.3.  Vorab  ist  festzustellen,  dass  allein  die  eingereichten  Beweismittel  (Auflistung  Beweismittel)  die  geltend  gemachte  Homosexualität  zwar  nicht  zweifelsfrei  zu  belegen  vermögen,  jedoch  starke  Indizien  für  das  Vorhandensein  derselben  darstellen.  Jedenfalls  lässt  sich  aus  diesen  nicht  der  Rückschluss  ziehen,  es  handle  sich  lediglich  um  Gefälligkeitsschreiben,  welche  eine  nachgeschobene  Sachverhaltsanpassung untermauern sollen. Letztlich  kann  jedoch  die  Frage  nach  der  Glaubhaftigkeit  der  geltend  gemachten  Homosexualität  unter  Hinweis  auf  die  nachstehenden  Ausführungen offenbleiben. 4.4.  Der  Gesuchsteller  macht  keine  Vorverfolgung  aufgrund  seiner  sexuellen  Ausrichtung  geltend.  Indessen  wird  vorgebracht,  Homosexualität  stehe  in  Afghanistan  unter  Strafandrohung  und  werde  gesellschaftlich  nicht  geduldet.  Bei  einer  Rückkehr  habe  er  daher  begründete Furcht vor künftiger Verfolgung. In der Tat werden in Afghanistan homosexuelle Handlungen kriminalisiert  (vgl.  Art.  427  Strafgesetzbuch),  wobei  gemäss  der  Scharia  als  Höchststrafe  für  solche  Handlungen  gar  der  Tod  angedroht  wird.  Indessen  berichten  verschiedene  seriöse  Quellen,  es  seien  seit  dem  Sturz  der  Taliban  keine  Todesstrafen  wegen  Homosexualität  verhängt  worden.  Auch  komme  es  in  Fällen  von  Homosexualität  nur  selten  zu  Verurteilungen  durch  die  Behörden  (International  Lesbian  and  Gay  Association  [ILGA],  State  Sponsored  Homophobia,  Mai  2010,  http://old.ilga.org/Statehomopho­ bia/ILGA_State_Sponsored_Homophobia_2010.pdf,  letztmals  besucht  am  21.  Oktober  2011;  UNHCR  eligibility  guidelines  for  assessing  the  international  protection  needs  of  asylum­seekers  from  Afghanistan,  17  Dezember  2010,  S. 28­29,  http://www.ecoi.net/file_upload/1226_­ 1292833154_4d0b55c92.pdf, letztmals besucht am 21. Oktober 2011; US  Department of State, Country Report on Human Rights Practices 2010 –  Afghanistan,  8.  April  2011,  http://www.state.gov/g/drl/rls/hrrpt/2010/sca­ /154477.htm, letztmals besucht am 21. Oktober 2011; Kroatische Presse:  Gay is OK’ in Afghanistan, 9. März 2008, http://dalje.com/en­world/video­­ gay­is­ok­in­afghanistan/130563,  letztmals  besucht  am  21. Oktober 

D­5415/2011 2011). Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass es offenbar in  der  Praxis  nur  selten  zu  Strafverfolgungen  oder  Übergriffen  kommt.  Folglich  ist  daher  nicht  von  einer  systematischen  Verfolgung  Homosexueller  in  Afghanistan  auszugehen.  Bei  dieser  Sachlage  und  aufgrund  des  Umstands,  dass  der  Beschwerdeführer  weder  den  heimatlichen Behörden noch seinem persönlichen Umfeld  in der Heimat  als Homosexueller bekannt ist, kann nicht auf das Vorliegen begründeter  Furcht vor künftiger Verfolgung geschlossen werden. 4.5. Nach dem Gesagten  ist  –  selbst  bei Wahrunterstellung der geltend  gemachten  sexuellen  Ausrichtung  des Gesuchstellers  –  nicht  von  einer  überwiegenden  Gefahr  einer  drohenden  Verletzung  von  Art.  33  Abs.  1  FK, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK auszugehen. 5.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  keine  revisionsrechtlich  relevanten Gründe dargetan  sind. Das Gesuch um Revision  des Urteils  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  28.  Juni  2011  ist  demzufolge  abzuweisen. 6.   6.1. Mit Ergehen des Urteils ist der im Gesuch vom 22. September 2011  gestellte  Antrag  auf  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Gebührenvorschusses im Sinne von Art. 17b AsylG, der sinngemäss als  Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses  interpretiert werden  kann, gegenstandslos geworden. 6.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 1'200.–  (Art.  16  Abs.  1  Bst.  a  VGG  i.V.m.  Art.  1­3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]  dem  Gesuchsteller  aufzuerlegen (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG und Art. 68  Abs. 2 VwVG). (Dispositiv nächste Seite)

D­5415/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Das Revisionsgesuch wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 1'200.­  werden  dem  Gesuchsteller  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Gesuchsteller,  das  BFM  und  die  zuständige  kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Thomas Wespi Stefan Weber Versand: