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Bundesverwaltungsgericht 19.10.2011 D-5414/2011

19 ottobre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,972 parole·~10 min·1

Riassunto

Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­5414/2011/sed Urteil   v om   1 9 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli,  Richter Gérard Scherrer,    Gerichtsschreiberin Eva Zürcher. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei,     Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung;  Verfügung des BFM vom 17. August 2011 / N (…).

D­5414/2011 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  ethnischer  Kurde mit  aktuellem Wohnsitz  in  B._______,  ersuchte  am  22.  März  2011  telefonisch  bei  der  Schweizerischen Vertretung in C._______ um Asyl in der Schweiz. B.  Am 16. Juni 2011 hörte die Schweizerische Vertretung in C._______ den  Beschwerdeführer zu seinen Asylgründen an.  C.  Der  Beschwerdeführer  machte  zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  im  Wesentlichen geltend, er sei ledig, Buchalter bei einer Baufirma, teile das  Gedankengut der Baris  ve Demokratik Partisi  (BDP) und stehe politisch  eher links. Er sei kulturell aktiv und habe bei einem Film als Schauspieler  mitgewirkt. Im Jahr 2007 habe er die Demokratik Toplum Partisi (DTP) als  Wahlhelfer  unterstützt  und  im  Jahr  2011  sei  er  den  unabhängigen  Kandidaten  des  "Freien  Blocks"  bei  den  Parlamentswahlen  von  B._______  behilflich  gewesen.  Zudem  sei  er  seit  2010  Aktivist  der  Menschenrechtsorganisation Insan Haklari Dernegi (IHD), ohne indessen  Mitglied  zu  sein.  Ausserdem  nehme  er  an  den  öffentlichen  Treffen  und  Pressekundgebungen  der  Samstags­Mütter  sowie  an  Pressekundgebungen  der  DTP  und  der  Gewerkschaftsföderation  Kamu  Emekçileri Sendikalari (KESK) teil. Die türkischen Behörden hätten gegen  ihn  zwei Strafverfahren  eingeleitet, welche mit Urteil  des  6. Gerichts  für  schwere  Straftaten  in  D._______  vom  18.  Mai  2010  zusammengelegt  worden  seien.  Am  3.  März  2011  sei  er  vom  Vorwurf  der  Sachbeschädigung  freigesprochen,  indessen  wegen  des  Verstosses  gegen  das  Demonstrationsgesetz  zu  einer  Haftstrafe  von  fünf Monaten  und wegen Widerstands gegen Staatsbeamte  in der Absicht,  sie an der  Ausübung ihres Amtes zu hindern, zu einer Haftstrafe von zehn Monaten  verurteilt  worden.  Die  Verkündung  des  Urteils  bezüglich  der  letzten  beiden  Anklagepunkte  sei  aufgeschoben  worden.  Schliesslich  sei  er  zusätzlich  unter  dem  Vorwurf  der  Verübung  von  Straftaten  im  Namen  einer Terrororganisation, nämlich der Partiya Karkerên Kurdistan  (PKK),  ohne  ihrer  hierarchischen  Struktur  anzugehören,  unter  Berufung  auf  Paragraph  314/2  des  türkischen  Strafgesetzbuches  zu  einer  Haftstrafe  von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt worden. Dieses Verfahren  liege  zur  Zeit  beim  Kassationshof,  und  mit  der  Bestätigung  des  erstinstanzlichen  Urteils  rechne  er  spätestens  in  einem  Jahr.  Im 

D­5414/2011 Zusammenhang mit diesem Verfahren sei er weder  in Gewahrsam noch  in Untersuchungshaft gewesen.  Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer zwei  Anklageschriften der Staatsanwaltschaft D._______ vom 26. März 2008  und vom 5. Mai 2010 sowie zwei begründete Urteile des 6. Gerichts  für  schwere  Straftaten  in  D._______  vom  3.  März  2011  und  vom  18.  Mai  2010 zu den Akten.  D.  Am  20.  Juli  2011  übermittelte  die  Schweizerische  Vertretung  in  C._______ die Akten zusammen mit einem Begleitschreiben an das BFM  (Eingang: 22. Juli 2010). E.  Mit  Verfügung  vom  17.  August  2011  verweigerte  die  Vorinstanz  dem  Beschwerdeführer  die  Einreise  in  die  Schweiz  und  lehnte  dessen  Asylgesuch ab.  Zur  Begründung  führte  das  BFM  im  Wesentlichen  aus,  dass  der  Beschwerdeführer,  obwohl  ein  Onkel  und  ein  Cousin  in  der  Schweiz  lebten,  die  Möglichkeit  habe,  in  ein  anderes  Land  als  die  Schweiz  auszureisen  und  dort  ein  Asylgesuch  zu  stellen,  weshalb  sich  eine  umfassende Prüfung der Schutzbedürftigkeit erübrige. Es würden nämlich  in  E._______  fünfzehn  Onkel  väterlicherseits  mit  einer  Niederlassungsbewilligung leben, weshalb die Schweiz nicht das einzige  Land  sei,  zu  welchem  er  verwandtschaftliche  Beziehungen  pflege.  E._______  biete  sich  vielmehr  als  möglicher  Zufluchtsort  an.  Zudem  könne der Beschwerdeführer visumsfrei nach F._______ reisen und dort  um  Asyl  ersuchen.  Bezüglich  der  Kulturnähe  erscheine  F._______  im  Hinblick  auf  die  türkische  Herkunft  des  Beschwerdeführers  als  vergleichbar. Da er über einen  türkischen Reisepass verfüge, stehe  ihm  diese Möglichkeit auch konkret offen. Zudem habe der Beschwerdeführer  den schweizerischen Behörden gegenüber zugegeben,  im Februar 2008  in  B._______  an  einer  Kundgebung  gegen  den  Einsatz  der  türkischen  Armee  gegen  die  PKK­Camps  im  Nordirak  teilgenommen  und  Steine  gegen  die  Sicherheitskräfte  und  deren  Fahrzeuge  geworfen  zu  haben,  was  ihm  von  den  türkischen  Strafverfolgungsbehörden  vorgeworfen  werde. Auch wenn er  in den gegen  ihn erhobenen Strafverfahren  in der  Türkei  sämtliche  Anschuldigungen  bestritten  habe,  sei  vorliegend  von  einer  Unterstützung  einer  gewaltextremistischen  Organisation 

D­5414/2011 auszugehen.  Da  die  Ahndung  solcher  Unterstützungshandlungen  zu  Gunsten  der  gewaltextremistischen  PKK  im  Kern  gemeinrechtlich  legitimiert  sei,  stelle  sie  keine  politische Verfolgung  dar,  auch wenn  die  dafür ausgesprochene Haftstrafe aus hiesiger Sicht hoch erscheine. Dies  sei  jedoch  im  Vergleich  zum  deutschen  Strafgesetz,  welches  für  Unterstützer  von  gewaltextremistischen  Organisationen  Freiheitsstrafen  von sechs Monaten bis zu zehn Jahren vorsehe, zu  relativieren. Da der  Beschwerdeführer  ferner  im heutigen Zeitpunkt auf  freiem Fuss sei, sich  im  Zusammenhang  mit  dem  noch  offenen  Strafverfahren  weder  in  Gewahrsam  noch  in  Untersuchungshaft  befunden  habe,  den  Ausgang  des  Strafverfahrens  in  Freiheit  abwarten  könne  und  der  Zeitpunkt  des  Verfahrensendes  nicht  feststehe,  sei  er  im  gegenwärtigen  Zeitpunkt  keiner konkreten Gefährdung ausgesetzt. Schliesslich habe er mit seinem  Geständnis, Steine gegen die Sicherheitskräfte geworfen zu haben, seine  Gewaltbereitschaft offenbart, und es liege nicht im Interesse der Schweiz,  Personen aus dem Umfeld der PKK eine Einreisebewilligung zu erteilen.  Immerhin  habe  der  Bundesrat  Ende  2008  nach  einer  Reihe  von  Anschlägen gegen türkische Einrichtungen  in der Schweiz Massnahmen  gegen  die  PKK  beschlossen  und  festgehalten,  dass  das  offensichtliche  Gewaltpotenzial  der  PKK  im  Rahmen  von  Bewilligungsverfahren  wie  beispielsweise  im  Zusammenhang  mit  einem  Aufenthaltsrecht  mitzuberücksichtigen sei. Im Rahmen des den schweizerischen Behörden  zur Verfügung stehenden Ermessensspielraumes sei  im Hinblick auf die  Möglichkeit  des  Beschwerdeführers,  in  einem  andern  Land  um  Asyl  zu  ersuchen, sein Einreise­ beziehungsweise Asylgesuch abzulehnen.  Für  die  weitere  Begründung  wird  auf  die  Verfügung  der  Vorinstanz  verwiesen.  F.  Mit Eingabe vom 19. September 2011 reichte der Beschwerdeführer bei  der  Schweizerischen  Botschaft  in  C._______  (Eingang:  22.  September  2011)  Beschwerde  ein  und  beantragte  sinngemäss  die  Aufhebung  der  Verfügung des BFM vom 17. August 2011 und die Gewährung von Asyl  sowie die Bewilligung zur Einreise.  Zur  Begründung  seiner  Beschwerde  wurde  vom  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  vorgebracht,  er  sei  ungerecht  behandelt  und  missverstanden  worden.  Die  in  E._______  lebenden  Verwandten  seien  mütterlicherseits,  nicht  ersten  Grades  und  zudem  nicht  bereit  ihm  zu  helfen.  Es  sei  deshalb  falsch  zu  behaupten,  diese  Verwandten  in 

D­5414/2011 E._______  seien  zur Hilfeleistung  bereit.  Ferner  habe  er  anlässlich  des  Gespräches auf der Schweizerischen Botschaft  in C._______ mehrmals  erwähnt, dass er mit der PKK nichts zu tun habe, sondern sich auf einer  demokratischen  Basis  für  die  Lösung  der  kurdischen  Frage  einsetze,  weshalb er sich der DTP angeschlossen und an deren Presseerklärungen  teilgenommen  habe.  Dies  sei  die Grundlage  für  die  Anklage  gegen  ihn  gewesen, weshalb er angeklagt worden sei, mit der PKK etwas zu tun zu  haben, auch wenn diese nicht den Tatsachen entspreche. Ferner weise  seine  Teilnahme  als  Schauspieler  in  einem  Film  ebenfalls  auf  seine  Distanz zum politisch bewaffneten Kampf beziehungsweise zur PKK hin.  In einem andern Land als der Schweiz sei er verloren und zudem glaube  er  an  die  hohen  und  heiligen  Prinzipien  sowie  die  Grundrechte  in  der  Schweiz. Schliesslich sei noch  festzuhalten, dass er auf der G._______  Universität  an  der  Fakultät Wirtschaft  und  Informationsverarbeitung  das  Fach  Informatik  abgeschlossen  habe  und  im  Moment  Student  der  Universität  H._______  im  4.  Semester  sei  und  Betriebswirtschaftslehre  studiere.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG).

D­5414/2011 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Die  Abteilungen  des  Bundesverwaltungsgerichts  entscheiden  in  der  Regel  in  der  Besetzung  mit  drei  Richtern  oder  Richterinnen  (Spruchkörper;  vgl.  Art.  21  Abs.  1  VGG).  Gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung  eines  Schriftenwechsels  verzichtet. 4.  4.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich  die  Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken  (Art. 3 AsylG). 4.2. Das BFM kann ein im Ausland gestelltes Asylgesuch ablehnen, wenn  die asylsuchende Person keine Verfolgung glaubhaft machen oder ihr die  Aufnahme  in einem Drittstaat zugemutet werden kann (vgl. Art. 3, Art. 7  und  Art.  52  Abs.  2  AsylG).  Gemäss  Art.  20  Abs.  2  AsylG  bewilligt  das  BFM einem Asylsuchenden die Einreise zur Abklärung des Sachverhalts,  wenn  ihm  nicht  zugemutet  werden  kann,  im  Wohnsitz­  oder  Aufenthaltsstaat  zu  bleiben  oder  in  ein  anderes  Land  auszureisen.  Gestützt auf Art. 20 Abs. 3 AsylG kann das Eidgenössische Justiz­ und 

D­5414/2011 Polizeidepartement  (EJPD)  schweizerische  Vertretungen  ermächtigen,  Asylsuchenden  die  Einreise  zu  bewilligen,  die  glaubhaft  machen,  dass  eine  unmittelbare  Gefahr  für  Leib  und  Leben  oder  für  die  Freiheit  aus  einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG bestehe.  4.3.  Für  die  Erteilung  einer  Einreisebewilligung  gelten  restriktive  Voraussetzungen,  wobei  den  Behörden  ein  weiter  Ermessensspielraum  zukommt.  Neben  der  erforderlichen  Gefährdung  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG sind namentlich die Beziehungsnähe zur Schweiz, die Möglichkeit  der  Schutzgewährung  durch  einen  anderen  Staat,  die  Beziehungsnähe  zu  anderen  Staaten,  die  praktische  Möglichkeit  und  objektive  Zumutbarkeit zur anderweitigen Schutzsuche sowie die voraussichtlichen  Eingliederungs­  und  Assimilationsmöglichkeiten  in  Betracht  zu  ziehen  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 1997 Nr. 15 E. 2.e.­g. S. 131 ff., welcher  angesichts bloss  redaktioneller Änderungen bei der  letzten Totalrevision  des Asylgesetzes nach wie vor Gültigkeit hat; EMARK 2004 Nrn. 20 und  21;  EMARK  2005  Nr.  19).  Ausschlaggebend  für  die  Erteilung  der  Einreisebewilligung  ist  dabei  die  Schutzbedürftigkeit  der  betroffenen  Personen (vgl. EMARK 1997 Nr. 15 E. 2.c S. 130), mithin die Prüfung der  Fragen,  ob  eine  Gefährdung  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  glaubhaft  gemacht  wird  und  ob  der  Verbleib  am  Aufenthaltsort  für  die  Dauer  der  Sachverhaltsabklärung zugemutet werden kann.  5.  5.1.  Der  Beschwerdeführer  machte  anlässlich  der  Anhörung  bei  der  Schweizerischen Botschaft  in C._______ vom 16. Juni 2011 geltend, er  sei  als  Folge  seiner  Teilnahme  an  einer  Demonstration  und  der  dabei  geworfenen  Steine  gegen  die  Sicherheitskräfte  wegen  des  Verstosses  gegen  das  Demonstrationsgesetz,  wegen  Widerstands  gegen  Staatsbeamte  in  der  Absicht,  sie  an  der  Ausübung  ihres  Amtes  zu  behindern  und wegen Mitgliedschaft  bei  der  Terrororganisation  PKK  zu  verschiedenen  Haftstrafen  zwischen  5  Monaten  und  6  Jahren  und  drei  Monaten verurteilt worden. Er befürchte, das erstinstanzliche Urteil werde  vom  Kassationshof  bestätigt.  Im  Beschwerdeverfahren  ergänzte  er  den  Sachverhalt  dahingehend,  dass  er  sich  ausschliesslich  auf  demokratischer  Basis  für  die  DTP  eingesetzt  habe  und  allein  aufgrund  der  Teilnahme  an  einer  Presseerklärung  der  DTP  unter  dem  Vorwurf,  etwas mit der PKK zu tun zu haben, angeklagt worden sei, was indessen  nicht zutreffe.

D­5414/2011 5.2. Gestützt  auf  die bestehende Aktenlage  kann diese Darstellung des  Beschwerdeführers  nicht  in  allen  Teilen  als  glaubhaft  erachtet  werden.  Während  er  nämlich  anlässlich  der  Anhörung  zugab,  im  Anschluss  an  eine  Presseerklärung  der  DTP  in  B._______  an  einer  Demonstration  gegen  die  grenzüberschreitende Operation  der Militärstreitkräfte  im  Irak  teilgenommen  und  dabei  auch  Steine  sowie  andere  Gegenstände  geworfen zu haben, weshalb er erstinstanzlich verurteilt worden sei (vgl.  Akte A3/8 S. 3 und 4), brachte er in seiner Beschwerdeschrift vor, er habe  nur  an  der  Presseerklärung  der  DTP  teilgenommen  und  sei  deswegen  unter dem Vorwurf, etwas mit der PKK zu tun zu haben, verurteilt worden.  Die  nachträgliche  Beschönigung  des  Sachverhalts  kann  indessen  nicht  geglaubt  werden,  weshalb  davon  auszugehen  ist,  dass  der  Beschwerdeführer  – wie er  zuerst  vorgebracht  hatte  – nicht  nur  bei  der  Presseerklärung  der  DTP  anwesend  war,  sondern  sich  auch  im  Anschluss  daran  an  der  Demonstration  beteiligte  und  dabei  gegen  die  Sicherheitskräfte Steine und/oder andere Gegenstände warf. Die geltend  gemachten und belegten Verurteilungen sind somit vor dem Hintergrund  dieser Tatsachen zu sehen. 5.3.  Es  ist  deshalb  nachfolgend  für  die  Beurteilung  des  vorliegenden  Beschwerdeverfahrens  von  folgendem,  als  überwiegend  glaubhaft  zu  erachtenden  Sachverhalt  auszugehen:  Der  Beschwerdeführer  ist  Anhänger der DTP und hat im Anschluss an eine Presseerklärung dieser  Partei an einer nicht bewilligten Protestkundgebung teilgenommen, wobei  er  auch  Steine  und/oder  andere  Gegenstände  gegen  die  Sicherheitsbeamten  warf  und  aus  diesem  Grund  unter  verschiedenen  Vorwürfen  angeklagt  sowie  in  erster  Instanz  zu  mehreren  Haftstrafen  verurteilt  wurde,  wobei  vor  allem  die  Haftstrafe  von  6  Jahren  und  3  Monaten  wegen  Verübung  von  Straftaten  im  Namen  der  Terrororganisation  (PKK),  ohne  der  hierarchischen  Struktur  dieser  Organisation  anzugehören,  ins  Gewicht  fällt.  Das  Urteil  ist  noch  nicht  rechtskräftig, weil es beim Kassationshof liegt. 5.4. Das Bundesverwaltungsgericht berücksichtigt bei seinen Urteilen die  neueste ihm bekannte Rechtsprechung des Bundesgerichtes (vgl. ANDRÉ  MOSER,  MICHAEL  BEUSCH,  LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht,  Handbücher  für  die  Anwaltspraxis,  Band  X,  Basel 2008, Rz. 2.198, S. 89). Zur Qualifikation des Vorgehens der PKK  in  der  Türkei  führt  das  Bundesgericht  in  BGE  133  IV  76  (1A.181/2006/1A.211/2006)  E.  3.8  S.  85  aus:  "Selbst  in  bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen handelt es sich dabei nicht 

D­5414/2011 mehr  um  angemessene  oder  wenigstens  einigermassen  verständliche  Mittel  des  gewalttätigen  Widerstands  gegen  die  geltend  gemachte  ethnische Verfolgung und Unterdrückung  (BGE 131  II  235 E. 3.2­3.3 S.  245  f.;  130  II  337 E.  3.2­3.3 S.  343  f.;  128  II  355 E.  4.2 S.  365,  je mit  Hinweisen)".  Demnach  erachtet  das  Bundesgericht  die  Gewaltanwendung  durch  die  PKK  als  unverhältnismässig  und  nicht  gerechtfertigt.  Das  Bundesverwaltungsgericht  hat  die  Rechtsprechung  des  Bundesgerichts  zu  beachten.  Für  die  Unterstützung  von  gewaltbereiten  Organisationen  ist  der  Nachweis  von  kausalen  Tatbeiträgen  im Hinblick  auf  ein  konkretes  Delikt  nicht  erforderlich  (vgl.  Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D­8260/2008 vom 26. August 2009  E.  5.3).  Aufgrund  des  Gesagten  und  der  Tatsache,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  gemäss  eigenen  Angaben  an  einer  Demonstration  gegen  das  Einschreiten  der  türkischen  Streitkräfte  zur  Besiegung  der  PKK  im  Nordirak  beteiligte  und  dabei  auch  Steine  oder  Gegenstände  gegen  die  Sicherheitskräfte  warf,  ist  die  Argumentation  der  Vorinstanz,  wonach  die  aus  den  Akten  ersichtliche  strafrechtliche  Verfolgung  des  Beschwerdeführers durch die türkischen Behörden wegen Verübung von  Straftaten  zur  Unterstützung  einer  terroristischen  Organisation,  nämlich  der PKK, im Kern als rechtsstaatlich legitim bezeichnet werden muss, zu  bestätigen.  Zwar  ist  übereinstimmend  mit  der  Vorinstanz  festzuhalten,  dass  die  erstinstanzliche  Verurteilung  zu  einer  Haftstrafe  von  sechs  Jahren und drei Monaten durch das 6. Gericht  für schwere Straftaten  in  D._______  in  Berücksichtigung  der  dem  Beschwerdeführer  vorgeworfenen  Delikte  als  –  aus  Sicht  der  schweizerischen  Gesetzgebung  und  Rechtsprechung  –  etwas  hoch  erscheint.  Indessen  kann  aus  der  Höhe  der  verhängten  Strafe  vorliegend  nicht  auf  das  Vorliegen  eines  Politmalus  geschlossen  werden.  Vielmehr  spricht  der  Umstand,  dass  dem  Beschwerdeführer  nicht  die  Mitgliedschaft  bei  der  PKK vorgeworfen wird, sondern dass er wegen Verübung von strafbaren  Handlungen  im  Namen  der  PKK,  ohne  deren  hierarchischen  Struktur  anzugehören, verurteilt wurde, dafür, dass sich das Gericht sorgfältig und  differenziert mit  seinem Fall  auseinandergesetzt  hat. Ausserdem gab er  anlässlich der Anhörung zunächst zu, dass er sich aktiv als Steinewerfer  in  illegaler Weise an der Demonstration beteiligt hatte, womit die gegen  ihn   erhobenen  strafrechtlichen  Vorwürfe  nicht  aus  der  Luft  gegriffen  erscheinen.  Aus  den  Akten  sind  überdies  keine  anderen  Hinweise  ersichtlich,  die  das  Strafverfahren  gegen  den  Beschwerdeführer  in  erheblichem  Masse  als  rechtsstaatlich  unzulässig  erscheinen  lassen  würden,  weshalb  auch  diesbezüglich  ein  Politmalus  ausgeschlossen  werden  kann.  Insbesondere  machte  der  Beschwerdeführer  im 

D­5414/2011 vorliegenden  Verfahren  nicht  geltend,  er  sei  zu  einem  Geständnis  gezwungen  worden;  vielmehr  gab  er  den  gegen  ihn  erhobenen  Sachverhalt  in  der  Anhörung  zu,  auch  wenn  er  ihn  später  in  der  Beschwerdeschrift wieder relativierte und im Strafverfahren sogar bestritt.  Hinsichtlich  des  gegen  ihn  laufenden  Strafverfahrens  ist  ausserdem  festzuhalten, dass diesbezüglich zur Zeit ein Revisionsverfahren vor dem  Kassationsgericht  hängig  ist.  Obwohl  der  Beschwerdeführer  eine  Bestätigung  des  erstinstanzlichen  Urteils  erwartet,  ist  keineswegs  auszuschliessen,  dass  ihn  das  Kassationsgericht  milder  bestrafen  oder  mangels Beweisen  freisprechen wird.  Im Weiteren  ist  festzuhalten, dass  der  Beschwerdeführer  gemäss  eigenen  Aussagen  als  Folge  der  ihm  vorgeworfenen  Straftaten  weder  in  Untersuchungshaft  noch  sonst  inhaftiert  war,  sondern  sich  vielmehr  in  Freiheit  befindet,  was  darauf  hindeutet,  dass  er  von  den  türkischen  Behörden  aufgrund  seiner  Teilnahme  an  der  erwähnten  Demonstration  keine  nennenswerten  Nachteile  zu  befürchten  hat,  wäre  er  doch  ansonsten  anlässlich  seines  Erscheinens vor Gericht nicht ohne Auflagen auf  freiem Fuss geblieben.  Zusammenfassend  ist  daher  festzuhalten,  dass  in  Bezug  auf  den  Beschwerdeführer keine Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG vorliegt.  5.5. Im Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass es nicht wünschenswert ist,  dem  Beschwerdeführer,  der  sich  in  chaotischer  Weise  an  einer  nicht  legalen  Bewilligung  zu  Gunsten  der  PKK  mit  strafbaren  Handlungen  beteiligt  hat,  in  der  Schweiz  die  Vernetzung  mit  Personen  aus  dem  näheren  und  weiteren  Umfeld  der  PKK  zu  ermöglichen,  weshalb  grundsätzlich ein grosses und legitimes Interesse der Schweiz an seiner  Fernhaltung  besteht  (siehe  im  Zusammenhang  mit  dem  Fernhalteinteresse  von  politischen  Extremisten  auch  das  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­1118/2006  vom  2.  Juli  2010  E.  6.3).  An  dieser  Einschätzung  vermag  der  Einwand  des  Beschwerdeführers  im  Beschwerdeverfahren, er habe sich nur im Rahmen von demokratischen  Aktivitäten für die kurdische Angelegenheit eingesetzt und beabsichtige in  der  Schweiz,  sich  insbesondere  im  kulturellen  Bereich  zu  engagierten,  nichts  zu  ändern;  vielmehr  beweist  seine  Teilnahme  an  einer  nicht  bewilligten  Demonstration  zu  Gunsten  der  PKK,  anlässlich  welcher  er  Straftaten,  die  auch  in  der  Schweiz  strafrechtlich  verfolgt  würden,  ausgeübt  hat,  das  Gegenteil  von  dem,  was  er  die  schweizerischen  Asylbehörden  glauben  lassen  will.  Aus  seinen  unzutreffenden  Angaben  bezüglich der von ihm ausgeübten Straftaten im Zusammenhang mit der  erwähnten Demonstration und aus der nachträglichen Beschönigung des  Sachverhalts  ist  vielmehr  zu  schliessen,  dass  seinen  nunmehr 

D­5414/2011 vorgebrachten Beteuerungen, wie er sich in der Schweiz verhalten würde,  kaum geglaubt werden kann. Zudem ist festzustellen, dass er über keine  besondere Beziehungsnähe zur Schweiz verfügt, zumal den Akten keine  entsprechenden  Anhaltspunkte  entnommen  werden  können.  Vorliegend  lässt sich eine hypothetische Beziehungsnähe zu einem andern Land als  dem  Heimatland  einzig  aus  der  vom  Beschwerdeführer  angegebenen  Anzahl  der  Verwandten,  die  im  Ausland  leben  sollen,  ableiten.  Diesbezüglich  legte  er  anlässlich  der  Anhörung  lediglich  dar,  ein Onkel  und  ein  Cousin  würden  in  der  Schweiz  und  etwa  fünfzehn  Onkel  in  E._______leben, wobei er nicht näher ausführte, welche Beziehung er zu  ihnen  bisher  pflegte.  Angesichts  der  grossen  Zahl  von  Verwandten  in  E._______kommt  auch  dieses  Land  als  zumutbare  Möglichkeit  zur  Einreichung  eines  Asylgesuchs  in  Frage.  Insbesondere  hält  sich  E._______an das Non­Refoulement­Gebot, hat die Flüchtlingskonvention  unterzeichnet und führt ein Asylverfahren durch, in welchem eine allfällige  Gefährdung des Beschwerdeführers geprüft würde. Die Behauptung des  Beschwerdeführers,  in  der  Rechtsmittelschrift,  wonach  die  in  E._______lebenden  Verwandten  nicht  ersten  Grades  und  nicht  gewillt  seien,  ihm  zu  helfen,  ist  als  nachgeschoben  und  daher  unglaubhaft  zu  beurteilen.  Zudem  äusserte  er  sich  nicht  darüber,  ob  ihm  die  in  der  Schweiz  lebenden Verwandten  ihre Hilfe anbieten würden. Unter diesen  Umständen  ist  auch  die  Argumentation  des  BFM,  wonach  der  Beschwerdeführer  in  E._______über  ein  ausgedehnteres  familiäres  Beziehungsnetz  verfüge  als  in  der  Schweiz,  weshalb  sich  eine  Schutzsuche in diesem Land vordränge, zu bestätigen.  6.  Das  BFM  hat  demnach  dem  Beschwerdeführer  die  Einreise  in  die  Schweiz  zu  Recht  verweigert  und  das  Asylgesuch  abgelehnt.  Unter  diesen  Umständen  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Vorbringen  in  der  Beschwerde  sowie  die  eingereichten  Beweismittel  im  Einzelnen  weiter  einzugehen,  da  sie  am  Ergebnis  nichts  zu  ändern  vermögen.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  die  Schutzbedürftigkeit  des  Beschwerdeführers  im  Sinne  von  Art.  20  i.V.m.  Art.  3  AsylG  als  nicht  gegeben zu qualifizieren ist und auch keine anderen Gründe die Erteilung  einer Einreisebewilligung indizieren.  7.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und 

D­5414/2011 vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen.  8.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  von  Fr.  600.­  grundsätzlich  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  VwVG). Aus verwaltungsökonomischen Gründen und in Anwendung von  Art.  63  Abs.  1  in  fine  VwVG  und  Art.  6  Bst.  b  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR  173.320.2)  ist  allerdings  auf  die  Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten.  Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  Schweizerische Vertretung in C._______. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Eva Zürcher Versand:

D-5414/2011 — Bundesverwaltungsgericht 19.10.2011 D-5414/2011 — Swissrulings