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Bundesverwaltungsgericht 26.08.2011 D-5243/2010

26 agosto 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,813 parole·~14 min·1

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­5243/2010 Urteil   v om   2 6 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz),  Richter Robert Galliker, Richter Gérard Scherrer, Gerichtsschreiber Martin Scheyli Parteien A._______ B._______, geboren [...], C._______ D._______, geboren [...], und deren Kind E._______, geboren [...],  Sri Lanka, vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende,  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,  Vorinstanz Gegenstand Asyl; Verfügung des BFM vom 28. Juni 2010 / N [...]

D­5243/2010 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführenden  sind  sri­lankische  Staatsangehörige  tamilischer  Ethnie  und  stammen  aus  F._______  im  Distrikt  Jaffna,  Nordprovinz  (Ehemann),  beziehungsweise  aus  G._______  im  Distrikt  Mullaitivu, Nordprovinz (Ehefrau). B.  B.a Der  Beschwerdeführer  (Ehemann)  wandte  sich  mit  Schreiben  vom  7. Juli 2008 an die schweizerische Botschaft in Sri Lanka (Colombo) und  ersuchte  um  Asyl  in  der  Schweiz.  Nebst  Einreichung  verschiedener  weiterer schriftlicher Eingaben wurde er durch die Botschaft am 28. Mai  2009 zu seinen Asylgründen befragt.  B.b  Mit  Verfügung  vom  8.  Juli  2009  bewilligte  das  Bundesamt  für  Migration  (BFM) die Einreise des Beschwerdeführers  in die Schweiz.  In  der Folge  reiste der Beschwerdeführer am 22. Juli  2009  in die Schweiz  ein. B.c  Das  BFM  befragte  den  Beschwerdeführer  am  27.  Juli  2009  summarisch  und  am  14.  September  2009  eingehend  zu  seinen  Asylgründen. B.d Am 13. August 2009 wurde der Beschwerdeführer für die Dauer des  Asylverfahrens dem Kanton Zürich zugewiesen. C.  C.a Die  Beschwerdeführerin  (Ehefrau)  wandte  sich  mit  Schreiben  vom  27. Juli 2009 an die schweizerische Botschaft  in Sri Lanka und ersuchte  für sich und das Kind E._______ um Asyl in der Schweiz.  C.b  Mit  Verfügung  vom  25.  November  2009  bewilligte  das  BFM  die  Einreise  der  Beschwerdeführerin  und  ihres  Kindes  in  die  Schweiz.  Am  13. Januar  2010  reisten  die  Beschwerdeführerin  und  ihr  Kind  in  die  Schweiz ein. C.c  Das  BFM  befragte  die  Beschwerdeführerin  am  19.  Januar  2010  summarisch und am 17. Mai 2010 eingehend zu ihren Asylgründen. C.d Am 9. Februar 2010 wurden die Beschwerdeführerin und ihr Kind für  die Dauer des Asylverfahrens ebenfalls dem Kanton Zürich zugewiesen.

D­5243/2010 D­5243/2010 D.  D.a  Im Rahmen der Eingaben an die Botschaft  und der  durchgeführten  Befragungen  machte  der  Beschwerdeführer  zu  den  Gründen  seines  Asylgesuchs  im Wesentlichen die  folgenden Angaben:  Im Jahr 1990 sei  er durch die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) entführt und in ein  Lager  gebracht worden, wo man  ihn  zum Beitritt  zur Organisation habe  zwingen  wollen.  Er  habe  sich  zunächst  geweigert  und  sei  deshalb  zur  Strafe während zweier Jahre zu Putzarbeiten eingesetzt worden. Danach  habe er sich  im Jahr 1992 zur Mitgliedschaft bereit erklärt. Nach einiger  Zeit sei er selbst zum Ausbildner ernannt worden, und er habe Rekruten  im Gebrauch von Waffen und als Konditionstrainer unterrichtet.  Im Jahr  1998  habe  er  die  LTTE  verlassen  wollen,  sei  deswegen  zunächst  zu  einem  halben  Jahr  Strafarbeit  verurteilt  worden,  danach  aber  aus  dem  militärischen Dienst  entlassen worden.  Anschliessend  habe  er  bis  2001  im  Vanni­Gebiet  bei  einer  Autobus­Gesellschaft  der  LTTE  im  Reinigungsdienst gearbeitet. Er sei dann nach Colombo gezogen, wo er  als Verkäufer gearbeitet habe. Nach der Eheschliessung mit seiner Frau  seien sie  im Jahr 2003 zusammen nach H._______ gezogen, wo er als  Fahrer  einer  Autorikscha  ("Tuk­Tuk")  und  eines  Minibuses  gearbeitet  habe.  Dabei  sei  er  Vorsitzender  der  durch  die  LTTE  kontrollierten  Vereinigung  der  Autorikscha­Fahrer  in  H._______  geworden.  In  dieser  Funktion sei er unter anderem einmal während eines Zeitraums von drei  Monaten  dafür  zuständig  gewesen,  für  die  LTTE  von  den  Autorikscha­ Fahrern  eine  entsprechende  Steuer  einzutreiben.  Wegen  seiner  Eigenschaft als Vorsitzender der Autorikscha­Vereinigung habe er mit der  „Eelam  People's  Democratic  Party“  (EPDP)  Schwierigkeiten  erhalten.  Angehörige  jener Organisation  hätten  ihn  angeschossen  und  ihm  seine  Autorikscha entwendet.  In der Folge sei er mit  seiner Frau wieder nach  Colombo  gezogen.  Dort  sei  er  indessen  mehrfach  von  Unbekannten  bedroht worden. Schliesslich sei er am 5. Januar 2009 durch das Criminal  Investigation  Department  (CID)  der  sri­lankischen  Polizei  verhaftet  und  bis zum 3. April  2009  festgehalten worden, wobei man  ihn während der  Verhöre gefoltert habe. Das CID habe ihn aufgrund seiner Vergangenheit  als LTTE­Ausbildner als  Informanten gewinnen wollen, er habe sich der  Kooperation  aber  widersetzt.  Nach  seiner  Freilassung  sei  er  weiterhin  bedroht  worden,  und  am  9. Juni  2009  habe  ihn  die  Polizei  erneut  verhaftet. Das CID habe  ihn unter Schlägen  verhört  und  ihn dann nach  Vavuniya in ein Flüchtlingslager gebracht. Man habe ihn durch das Lager  gehen  lassen  und  von  ihm  verlangt,  dass  er  Mitglieder  der  LTTE  identifiziere. Obwohl  er  zwischen  150  und  200 Personen  erkannt  habe,  darunter verschiedene hochgestellte Angehörige der LTTE, habe er aber 

D­5243/2010 niemanden  verraten.  Danach  sei  er  wieder  nach  Colombo  gebracht  worden, wo er am 12. Juni 2009 wieder  freigelassen worden sei.  In der  Folge sei er bis zu seiner Ausreise in die Schweiz noch mehrere Male zu  einer  Polizeistation  in  Colombo  gebracht  worden,  wo  man  ihn  über  Angehörige der LTTE ausgefragt habe.  Im Rahmen seiner Eingaben an  die Botschaft  und seiner Befragungen  reichte der Beschwerdeführer als  Beweismittel  verschiedene  Dokumente  zu  den  Akten,  so  Gerichtsurkunden und Bestätigungen in Bezug auf seine Verhaftungen. D.b Die  Beschwerdeführerin machte  im Rahmen  ihrer  Eingaben  an  die  Botschaft  und  ihrer  Befragungen  im  Wesentlichen  geltend,  nach  der  Ausreise  ihres  Ehemannes  sei  sie  mehrfach  durch  Beamte  des  CID  aufgesucht, nach ihrem Ehemann befragt und bedroht worden. Man habe  ihr ein Ultimatum gestellt, innert dessen sich ihr Ehemann melden müsse.  Weiter  sei  ihr  angedroht  worden,  man  werde  sie  zur  Identifikation  von  Angehörigen der LTTE einsetzen. Einmal wöchentlich habe sie  sich bei  einer Polizeistation melden müssen. E.  Mit  Verfügung  vom  28.  Juni  2010  wies  das  BFM  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  ab.  Indessen  anerkannte  das  Bundesamt  den  Beschwerdeführer  gestützt  auf  Art.  3  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG, SR 142.31) beziehungsweise die Beschwerdeführerin und  das  gemeinsame Kind  E._______  gestützt  auf  Art. 51  Abs. 1  AsylG  als  Flüchtlinge und ordnete ihre vorläufige Aufnahme in der Schweiz an. Die  Ablehnung  des  Asylgesuchs  des  Beschwerdeführers  bei  gleichzeitiger  Anerkennung  als  Flüchtling  begründete  das  Bundesamt  gestützt  auf  Art. 53 AsylG damit, dieser sei asylunwürdig.  F.  Mit  Eingaben  vom  30.  Juni  und  vom  2. Juli  2010  ersuchten  die  Beschwerdeführenden  das  BFM  um  Einsicht  in  die  Verfahrensakten.  Diese wurde ihnen durch das Bundesamt mit Schreiben vom 6.  und vom  12. Juli 2010 gewährt. G.  Mit  Eingabe  ihres  Rechtsvertreters  vom  19. Juli 2010  fochten  die  Beschwerdeführenden  die  Verfügung  des  BFM  beim  Bundesverwaltungsgericht an. Dabei beantragten sie die Aufhebung der  angefochtenen Verfügung und die Gewährung des Asyls. In prozessualer  Hinsicht  ersuchten  die  Beschwerdeführenden  um  die  Gewährung  der 

D­5243/2010 unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Auf  die  Begründung  der  Beschwerde  wird,  soweit  für  den  Entscheid  wesentlich,  in  den  Erwägungen eingegangen. H.  Mit Zwischenverfügung des zuständigen Instruktionsrichters vom 27. Juli  2010  wurde  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen. I.  Mit Vernehmlassung vom 2. August 2010 hielt das BFM vollumfänglich an  seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.  J.  Mit  Zwischenverfügung  vom  4.  August  2010  wurde  den  Beschwerdeführenden  in Bezug auf die Vernehmlassung der Vorinstanz  das Replikrecht erteilt.  K.  Mit  Eingabe  ihres  Rechtsvertreters  vom  18.  August  2010  nahmen  die  Beschwerdeführenden  zur  Vernehmlassung  des  BFM  Stellung.  Auf  die  betreffenden Ausführungen wird, soweit  für den Entscheid wesentlich,  in  den Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art.  5  VwVG.  Über  Beschwerden  gegen  Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das BFM erlassen worden  sind,  entscheidet  das  Bundesverwaltungsgericht  grundsätzlich  (mit  Ausnahme  von  Verfahren  betreffend  Personen,  gegen  die  ein  Auslieferungsersuchen  des  Staates  vorliegt,  vor  welchem  sie  Schutz  suchen)  endgültig  (Art. 105 AsylG  i.V.m. Art. 31­33 VGG; Art.  83 Bst.  d 

D­5243/2010 Ziff.  1  des  Bundesgerichts­gesetzes  vom  17.  Juni  2005  [BGG,  SR  173.110]). 1.2.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  können  die  Verlet­zung  von  Bundesrecht,  einschliesslich  Missbrauch  und  Überschreitung  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  die  Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.  Die Beschwerdeführenden sind legitimiert; auf ihre frist­ und formgerecht  eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG;  Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). 3.  Nachdem  das  BFM  mit  der  angefochtenen  Verfügung  die  Beschwerdeführenden  gestützt  auf  Art.  3  AsylG  beziehungsweise  auf  Art. 51  Abs. 1  AsylG  als  Flüchtlinge  anerkannte  und  deren  vorläufige  Aufnahme in der Schweiz anordnete, ist nachfolgend einzig zu beurteilen,  ob das BFM zu Recht zum Schluss gelangt ist, der Beschwerdeführer sei  im  Sinne  von  Art. 53  AsylG  asylunwürdig,  weshalb  dessen  Asylgesuch  abzulehnen sei. 4.  Bezüglich der relevanten Rechtsfragen wurden  im Laufe des Verfahrens  seitens der Parteien die folgenden Argumente vorgebracht. 4.1.  Das  BFM  begründete  in  der  angefochtenen  Verfügung  seine  Einschätzung, der Beschwerdeführer  sei asylunwürdig,  im Wesentlichen  folgendermassen:  Die  LTTE  hätten  seit  ihrer  Gründung  bis  zu  ihrer  Zerschlagung  im  Mai  2009  in  systematischer  Weise  Menschenrechtsverletzungen  begangen.  So  seien  bei  Terroranschlägen  der  Organisation  Tausende  von  Zivilpersonen  getötet  oder  verletzt  worden.  Im  Zug  einer  ethnischen  Säuberung  hätten  die  LTTE  im  Jahr  1990 fast 100'000 Muslime aus der Nordprovinz vertrieben. Im April 2008  seien  bei  einem  Bombenanschlag  auf  einen  Reisebus  mindestens  26  Zivilpersonen getötet worden. In der letzten Kriegsphase des Jahres 2009  hätten  die  LTTE  zahlreiche  Zivilpersonen  am  Verlassen  des  Kampfgebiets  gehindert  und  teilweise  als  menschliche  Schutzschilder  missbraucht. Die Organisation habe ausserdem unter anderem den Tod  zahlreicher  Politiker  zu  verantworten,  so  etwa  dreier  Bürgermeister  von 

D­5243/2010 Jaffna, zahlreicher sri­lankischer Minister, des ehemaligen sri­lankischen  Präsidenten  Ranasinghe  Premadasa  und  des  ehemaligen  indischen  Premierministers  Rajiv  Gandhi.  Der  Beschwerdeführer  habe  während  rund  sieben  Jahren  als  aktives  Mitglied  den  LTTE  angehört.  Wegen  seines grossen Engagements zugunsten dieser Organisation sei er zum  Ausbildner  ernannt  worden  und  habe  gemäss  eigenen  Aussagen  über  1000  Kämpfer  in  der  Handhabung  von  Waffen  und  im  taktischen  Kampfverhalten ausgebildet. Zudem sei er bei der Bergung von verletzten  Kämpfern  im  Einsatz  gestanden  und  habe  mindestens  einmal  aktiv  an  Kampfhandlungen  teilgenommen.  Selbst  unter  der  Annahme,  dass  der  Beschwerdeführer  persönlich  nie  jemanden  getötet  oder  verletzt  habe,  trage er die Mitverantwortung für die zahlreichen von den LTTE verübten  Unrechtstaten. Durch  seine  tatkräftige Mithilfe  bei  der Ausbildung neuer  Kämpfer  habe  er  nämlich  aktiv  dazu  beigetragen,  dass  die  LTTE  überhaupt in der Lage gewesen seien, militante Aktionen zu verüben, die  Tausende  von  Opfern  gefordert  hätten.  Zwar  habe  sich  der  Beschwerdeführer  der  Organisation  nicht  freiwillig  angeschlossen.  Indessen  sei  er  aufgrund  seines  grossen  Engagements  zugunsten  der  Bewegung ausgewählt worden,  junge Kämpfer  auszubilden, was darauf  schliessen  lasse,  dass  er  während  einiger  Jahre  ein  überzeugtes  Kadermitglied  der  LTTE  gewesen  sei.  Damit  habe  er  sich  gemäss  ständiger  Praxis  der  schweizerischen  Asylbehörden  des  Begehens  verwerflicher Handlungen im Sinne des Art. 53 AsylG schuldig gemacht.  4.2. Diesen Argumenten wurde in der Beschwerdeschrift im Wesentlichen  entgegengehalten, das BFM zähle eine Vielzahl von Taten auf, für welche  sich die LTTE zu verantworten hätten, und mache den Beschwerdeführer  mitverantwortlich  für  den  Tod,  das  Verletzen  und  Vertreiben  von  Tausenden von Menschen. Dabei sehe das Bundesamt einen konkreten  Zusammenhang  zwischen  den  genannten  Ereignissen  und  der  Ausbildungsfunktion  des  Beschwerdeführers  bei  den  LTTE.  Indessen  spreche  das  BFM  dem  Beschwerdeführer  die  Asylwürdigkeit  ab,  ohne  sich ernsthaft mit der Frage auseinanderzusetzen, ob seine Handlungen  für die vielen angeführten Ereignisse kausal gewesen seien. Dies werde  schon  aus  dem  Umstand  ersichtlich,  dass  der  Beschwerdeführer  unter  anderem  für  einen  Vorfall  vom  April  2008  mitverantwortlich  gemacht  werde,  obwohl  er  die  LTTE  bereits  im  Jahr  1998  verlassen  habe.  Dies  deute darauf hin, dass das BFM den Beschwerdeführer aufgrund seiner  Mitgliedschaft bei den LTTE als asylunwürdig erachte, und nicht, weil ihm  konkrete verwerfliche Handlungen zur Last gelegt werden könnten. Damit  setze  sich  das  Bundesamt  in  Widerspruch  zur  Praxis  des 

D­5243/2010 Bundesverwaltungsgerichts,  das  beispielsweise  im  Urteil  D­3417/2009  vom  24. Juni  2010  ­  im  Falle  eines  türkischen Mitglieds  der  kurdischen  Rebellenorganisation  PKK  ­  festgehalten  habe,  dass  eine  verwerfliche  Handlung im Sinne von Art. 53 AsylG in einem Zusammenhang mit einer  konkreten  Tat  oder  mit  einer  bestimmten  Operation  der  gewaltsamen  Zweckverfolgung  der  betreffenden  Organisation  stehen  müsse.  Des  Weiteren  führte  der  Beschwerdeführer  aus,  das  BFM  habe  in  der  angefochtenen  Verfügung  behauptet,  es  habe  bei  der  Beurteilung  der  Frage der Asylunwürdigkeit auch den Grundsatz der Verhältnismässigkeit  beachtet. Eine derartige Prüfung sei aber nicht erfolgt, da unter anderem  nicht  berücksichtigt  worden  sei,  wie  lange  die  fraglichen  Handlungen  bereits  zurücklägen.  Auch  seien  das  Alter  zur  Tatzeit  und  die  seither  erfolgten  Veränderungen  der  Lebensumstände  unberücksichtigt  geblieben.  4.3. Im Rahmen der Vernehmlassung stellte sich das BFM hauptsächlich  auf  den Standpunkt,  das  erwähnte Urteil  in Bezug  auf  einen  türkischen  Angehörigen  der  PKK  lasse  sich  mit  dem  Fall  des  Beschwerdeführers  nicht  vergleichen.  Es  sei  offensichtlich,  dass  der  Beschwerdeführer  mit  seiner  mehrjährigen  Ausbildungstätigkeit  zugunsten  der  LTTE  ganz  konkret  dazu  beigetragen  habe,  dass  Kämpfer  der  Organisation  dazu  befähigt  worden  seien,  Gewalthandlungen  verschiedenster  Art  auszuführen.  Es  könne  nicht  Sinn  und  Zweck  von  Art.  53  AsylG  sein,  dass  demjenigen  Asyl  gewährt  werde,  der  unzähligen  Personen  beigebracht habe, wie Menschen getötet würden.  4.4. Mit der Replik führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen aus, es  gehe nicht darum, seinen Fall mit den Umständen des erwähnten Urteils  D­3417/2009  vom  24. Juni  2010  zu  vergleichen,  sondern  darum,  die  zugrundeliegenden Kriterien anzuwenden. Das BFM unterlasse es, dem  Beschwerdeführer  einen  individuellen  Tatbeitrag  nachzuweisen.  Zudem  gelte  es, wie  bereits  geltend  gemacht worden  sei,  auch  den Grundsatz  der Verhältnismässigkeit zu beachten. Dabei sei zu berücksichtigen, dass  die  dem  Beschwerdeführer  zur  Last  gelegten  Handlungen  bereits  über  ein  Jahrzehnt  zurückliegen  würden  und  zur  Zeit  des  Bürgerkriegs  stattgefunden hätten. Dessen persönlichen Lebensumstände hätten sich  seither  auch  gänzlich  verändert.  Schliesslich mute  es  seltsam  an,  dass  nach  Ansicht  des  Bundesamts  bereits  das  Ausbilden  eines  LTTE­ Kämpfers  eine  verwerfliche  und  somit  im  Sinne  des  Strafgesetzes  strafbare Handlung darstellen solle. 

D­5243/2010 5.  Anlässlich  seiner  Befragungen  durch  die  schweizerische  Botschaft  in  Colombo und durch das BFM machte der Beschwerdeführer hinsichtlich  seiner Verbindungen zu den LTTE die folgenden Angaben. 5.1.  Nach  seiner  Entführung  durch  die  LTTE  im  Jahr  1990,  seiner  anfänglichen  Weigerung,  für  die  Organisation  zu  arbeiten,  und  seinem  schliesslich  im  Jahr  1992  doch  erfolgten  Beitritt  habe  er  eine  Grundausbildung von drei Monaten und ein Training für Fortgeschrittene  von  weiteren  drei  Monaten  durchlaufen.  Weil  er  bei  der  Ausbildung  grossen  Einsatz  gezeigt  habe  und  in  Trainingswettbewerben  sehr  gut  abgeschnitten  habe,  sei  er  mit  zwei  Dutzend  anderen  Personen  als  Ausbildner  ausgewählt worden. Zu diesem Zweck  sei  er während eines  weiteren Monats trainiert worden. Danach sei er als einer von insgesamt  120  Ausbildnern,  die  auf  fünf  Trainingslager  im  Vanni­Gebiet  verteilt  gewesen seien, eingesetzt worden.  5.2.  Zu  seinen  Aufgaben  als  Ausbildner  sagte  der  Beschwerdeführer  Folgendes  aus:  Er  habe  die  Rekruten  im  Gebrauch  und  Unterhalt  verschiedener Waffen  (Gewehre,  Handgranaten)  unterrichtet  und  ihnen  Konditionstraining  erteilt.  Dabei  sei  er  für  insgesamt  drei  Ausbildungsdurchgänge  ("Batches")  mit  jeweils  170  bis  200  Rekruten  verantwortlich gewesen (Angabe bei der Befragung durch die Botschaft)  beziehungsweise  habe  insgesamt  rund  1000  (Angabe  bei  der  summarischen  Erstbefragung  durch  das  BFM)  beziehungsweise  2000  (Angabe  bei  der  eingehenden  Befragung  durch  das  BFM)  Personen  ausgebildet. Ein Ausbildungsgang habe jeweils drei Monate gedauert.  In  den  Trainingslagern,  in  welchen  er  als  Ausbildner  tätig  gewesen  sei,  hätten  die  Rekruten  lediglich  eine  Grundausbildung  erhalten.  An  speziellerem Kampftraining und am Training  für besondere Einsätze  sei  er  nicht  beteiligt  gewesen;  dafür  seien  andere  Personen  zuständig  gewesen. Obwohl im Zeitraum seines Engagements bei den LTTE grosse  Kämpfe  stattgefunden  hätten,  sei  er  selbst  nur  einmal  in  einem  Kampfeinsatz  gewesen,  da  man  die  Ausbildner  nur  in  Notfällen  an  die  Front  in den Kampf geschickt habe. Deshalb habe er  lediglich Verletzte  von  der  Front  ins  Spital  gefahren.  Im Verlauf  seiner  Zeit  bei  den  LTTE  habe er  nie  jemanden  verletzt  oder  getötet. Auch habe er,  da  er  selbst  gelitten habe, niemals jemanden persönlich bestraft. Als Ausbildner habe  er keinen besonderen militärischen Grad bekleidet, da er zu wenig lange  Dienst  geleistet  habe.  Als  Gründe  für  sein  Ausscheiden  aus  der  Organisation  im  Jahr  1998  gab  der  Beschwerdeführer  an,  er  habe  mit 

D­5243/2010 einem Vorgesetzten Streit  gehabt,  sei  der Sache  überdrüssig  gewesen,  und zudem habe ihn seine Mutter darum gebeten, aufzuhören. Weil man  nach  sieben  Jahren  im Dienst  der Organisation  habe entlassen werden  können, habe er folglich ein entsprechendes Gesuch gestellt. Zwar habe  man  ihn  in  der  Folge  zu  einem  halben  Jahr  Strafarbeit  verurteilt;  schliesslich sei er aber entlassen worden. 5.3. Nach seinem Ausscheiden aus den LTTE habe er bis 2001 im Vanni­ Gebiet  bei  der  Autobus­Gesellschaft  der  Organisation  als  Reinigungsangestellter gearbeitet. Nach seinem Umzug nach H._______  sei  er  Vorsitzender  der  dortigen  Vereinigung  der  Autorikscha­Fahrer  geworden. Diese Vereinigung sei durch die LTTE kontrolliert worden.  In  seiner  Funktion  als  Vorsitzender  habe  er  hie  und  da  an  Meetings  im  Vanni teilnehmen müssen. Bei dieser Gelegenheit habe er in den Jahren  2004 und 2005 manchmal Führungsleute der LTTE getroffen. Zudem sei  er  einmal  während  eines  Zeitraums  von  drei  Monaten  dafür  zuständig  gewesen, für die LTTE von den Autorikscha­Fahrern eine entsprechende  Steuer  ­  in  der  Höhe  von  monatlich  15  Rupien  ­  einzutreiben.  Die  Verantwortung für das Eintreiben der Abgabe sei alle drei Monate durch  eine  andere  Person  ausgeübt  worden.  Die  LTTE  hätten  ihn  und  die  anderen  Autorikscha­Fahrer  dazu  aufgefordert,  anlässlich  des Märtyrer­ Gedenktags (begangen jeweils am 27. November) Flaggen anzubringen.  Dies habe unter anderem zu seinen Problemen mit der EPDP (einer mit  den LTTE rivalisierenden Partei) geführt.  5.4.  Im  Rahmen  seiner  Eingaben  an  die  schweizerische  Botschaft  in  Colombo  reichte  der  Beschwerdeführer  als  Beweismittel  unter  anderem  die Kopie eines Artikels aus der sri­lankischen Zeitung  "I._______" vom  [...] 2009 ein. Daraus geht gemäss englischer Übersetzung hervor, dass  der  Beschwerdeführer  als  "Tiger  leader"  bezeichnet  wurde,  welcher mit  der Ausbildung von Rekruten im Guerilla­Kampf beauftragt gewesen sei.  Der  Genannte  sei  durch  eine  Spezialeinheit  der  Polizei  festgenommen  worden.  6.  6.1. Die geltende Praxis in Bezug auf den vom BFM im vorliegenden Fall  angerufenen  Asylausschlussgrund  der  „verwerflichen  Handlungen“  im  Sinne von Art. 53 AsylG stellt sich  in den Grundzügen  folgendermassen  dar:  Unter  den  Begriff  der  „verwerflichen  Handlungen“  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  1993  Nr. 8  E. 6  S. 49 ff.,  1996  Nr. 18 

D­5243/2010 E. 5 ff.,  2002  Nr. 9)  fallen  solche  Delikte,  die  dem  abstrakten  Verbrechensbegriff  von  Art. 9  Abs. 1  des  Schweizerischen  Strafgesetzbuchs  vom 21. Dezember  1937  (StGB, SR 311.0)  in  dessen  bis  zum  31. Dezember  2006  gültigen  Fassung  entsprechen.  Als  Verbrechen definiert wird dort  jede mit Zuchthaus bedrohte Straftat. Das  nach  der  am  1. Januar  2007  in  Kraft  getretenen  Teilrevision  heute  geltende StGB definiert  in Art. 10 Abs. 2  jene Straftaten als Verbrechen,  die  mit  mehr  als  drei  Jahren  Freiheitsstrafe  bedroht  sind.  Liegt  eine  entsprechende  Delinquenz  vor,  ist  ausserdem  zu  prüfen,  ob  die  Rechtsfolge  des  Asylausschlusses  auch  eine  verhältnismässige  Massnahme  darstellt  (siehe  EMARK  1996  Nr. 40  S. 354 f.,  2002  Nr. 9  S. 82  ff.).  In Betracht zu ziehen sind dabei unter anderem das Alter des  Beschwerdeführers  im  Zeitpunkt  der  Tatbegehung,  allfällige  Veränderungen  der  Lebensverhältnisse  nach  der  Tat,  die  Wahrscheinlichkeit  der  erneuten  Begehung  von  Straftaten  sowie  die  Frage,  wie  lange  die  Tat  bereits  zurückliegt,  wobei  die  strafrechtlichen  Verjährungsbestimmungen zu berücksichtigen sind. 6.2.  Es  stellt  sich  somit  zunächst  die  Frage,  ob  und  inwiefern  dem  Beschwerdeführer  verwerfliche  Handlungen  im  erwähnten  Sinn  vorgeworfen  werden  können.  Das  BFM  sieht  diese  Voraussetzung  im  Wesentlichen  dadurch  erfüllt,  dass  der  Beschwerdeführer  mit  der  Ausbildung von über 1000 Rekruten der LTTE betraut gewesen sei, bei  der  Bergung  von  verletzten  Kämpfern  im  Einsatz  gestanden  sei,  mindestens  einmal  aktiv  an  Kampfhandlungen  teilgenommen  habe  und  insofern während einiger Jahre ein überzeugtes Kadermitglied der LTTE  gewesen  sei.  Mit  seinem  Handeln  habe  er  dazu  beigetragen,  dass  die  LTTE  zur  Ausübung  militanter  Aktionen  fähig  gewesen  seien,  die  Tausende  von  Opfern  gefordert  hätten.  Er  habe  somit  eine  Mitverantwortung  für  die  zahlreichen  von  den  LTTE  verübten  Unrechtstaten  zu  tragen.  Es  entspreche  der  ständigen  Praxis  der  schweizerischen  Asylbehörden,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  angesichts  dieser Vorwürfe  des Begehens  verwerflicher Handlungen  im  Sinne des Art. 53 AsylG schuldig gemacht habe. 6.3.  Es  ist  nicht  ersichtlich,  wie  das  BFM  zur  soeben  erwähnten  Behauptung  bezüglich  der  schweizerischen  asylrechtlichen  Praxis  gelangt. Über die zuvor genannten Grundsätze (E. 6.1) hinaus ist für den  vorliegenden  Fall  von  Bedeutung,  wie  die  Rechtsprechung  die  Mitgliedschaft bei extremistischen Organisationen beurteilt hat. 

D­5243/2010 6.3.1.  Aus  der  entsprechenden  Praxis  ergibt  sich  zunächst,  dass  die  alleinige  Tatsache  einer  Mitgliedschaft  bei  einer  als  extremistisch  aufzufassenden Organisation nicht zur Folgerung der Asylunwürdigkeit zu  führen vermag (EMARK 1998 Nr. 12 E. 5, 2002 Nr. 9 E. 7c). Vielmehr ist  zum einen zu prüfen, welchen eigenen Tatbeitrag die betreffende Person  selbst  geleistet  hat.  Zum  anderen  ist  nach  dem  spezifischen  Charakter  der Organisation zu fragen.  6.3.2.  Am  Beispiel  der  türkisch­kurdischen  PKK  (Partiya  Karkerên  Kurdistan;  Arbeiterpartei  Kurdistans)  verdeutlichte  die  ehemalige  Schweizerische Asylrekurskommission (ARK), dass bezüglich der beiden  soeben  genannten  Kriterien  eine  differenzierte  Betrachtungsweise  erforderlich  ist  (zum Folgenden EMARK 2002 Nr. 9 E. 7c.). Dabei  führte  sie  aus,  dass  der  PKK  weder  die  blosse  Charakterisierung  als  terroristische  Organisation  (wodurch  bereits  die  blosse  Mitgliedschaft  einer  verwerflichen  Handlung  im  Sinne  des  Art. 53  AsylG  gleichkäme)  noch  eine  solche  als  reine  Bürgerkriegspartei  (deren  Kombattante  bezüglich  ihrer  Handlungen  nicht  nach  den  Regeln  des  Strafrechts,  sondern  nach  denjenigen  des  völkerrechtlichen  Kriegsrechts  zu  beurteilen wären; vgl. auch EMARK 2006 Nr. 29, E. 7.5) gerecht werde.  Zweifellos  sei  die  PKK  für  eine  Vielzahl  von  terroristischen  Aktionen  inner­ und ausserhalb der Türkei verantwortlich. Ebenso stehe aber auch  fest, dass deren politische Motivation und Kriegsführung derjenigen einer  (Bürger­)  Kriegspartei  entsprächen. Während  des  jahrelangen  Kampfes  der PKK habe sich je nach Zeit, Ort, Angriffsziel, Methode, den beteiligten  Personen  etc.  der  politische,  kriegerische  oder  terroristische  Aspekt  in  den Vordergrund geschoben. Die pauschale Qualifizierung aller Taten der  PKK  als  Kriegshandlungen  mit  der  Konsequenz,  dass  diese  den  Kombattanten  nicht  als  Asylausschlussgrund  entgegengehalten  werden  könnten,  erscheine  angesichts  der  unterschiedlichen  Phasen  des  Kampfes  und  der  dabei  verwendeten  Vielfalt  der  Mittel  nicht  als  sachgerecht.  Aber  auch  ein  Asylausschluss  allein  aufgrund  der  Mitgliedschaft bei der PKK ­ indem die PKK als kriminelle Organisation im  Sinne von Art. 260ter StGB betrachtet würde, womit jedes ihrer Mitglieder  allein durch seine Zugehörigkeit strafbar wäre ­ rechtfertige sich nicht. Es  bleibe der  individuelle Tatbeitrag  zu ermitteln,  zu welchem nicht  nur die  Schwere  der  Tat  und  der  persönliche  Anteil  am  Tatentscheid,  sondern  ebenso  das  Motiv  des  Täters  und  allfällige  Rechtfertigungs­  oder  Schuldminderungsgründe zu zählen seien. Zu erwähnen  ist  im Übrigen,  dass das Bundesamt selbst die Praxis verfolgte,  im Zusammenhang mit  Kampfeinsätzen militärischen  Charakters  im  Rahmen  des  afghanischen 

D­5243/2010 Bürgerkrieges  bei  Asylgesuchen  afghanischer  Freiheitskämpfer  keine  Asylunwürdigkeit  anzunehmen  (vgl.  dazu  EMARK  1999  Nr. 12  E. 6b,  m.w.N.). 6.3.3.  Der  Beschwerdeführer  nimmt  mit  dem  in  der  Beschwerdeschrift  angeführten  Urteil  D­3417/2009  vom  24. Juni  2010  ­  welches  sich  in  wesentlichen Punkten auf EMARK 2002 Nr. 9 stützt ­ ausdrücklich auf die  soeben erwähnte Praxis  in Bezug auf die PKK Bezug. Das BFM hat  im  Rahmen seiner Vernehmlassung den Standpunkt vertreten, das genannte  Urteil  sei nicht mit dem Fall des Beschwerdeführers vergleichbar. Es  ist  festzuhalten, dass es  in der Tat nicht darum gehen kann, die konkreten  Umstände  eines  Entscheids,  in  welchem  die  Mitgliedschaft  bei  der  türkisch­kurdischen  Organisation  PKK  zu  beurteilen  war,  mit  dem  vorliegenden Sachverhalt  zu  vergleichen. Gleichwohl  ist  aber  auf  die  in  der  erwähnten  Praxis  entwickelten  Kriterien  zurückzugreifen,  welche  insbesondere  die  Bedeutung  eines  eigenständigen  individuellen  Tatbeitrags der betreffenden Person hervorheben. Weiter erscheint eine  Vergleichbarkeit  zwischen  den  Organisationen  der  PKK  und  den  LTTE  jedenfalls  insofern  gegeben,  als  gestützt  auf  die  in  EMARK  2002  Nr. 9  E. 7c angeführten Argumente auch die LTTE angesichts ihrer Zielsetzung  politischer  Selbstbestimmung  der  Tamilen  in  Sri  Lanka  nicht  ausschliesslich als  terroristisch­kriminelle Organisation aufzufassen sind,  gleichzeitig  aber  aufgrund  der Wahl  ihrer  Mittel,  welche  zu  erheblichen  Menschenrechtsverletzungen  geführt  haben,  ebenso  nicht  nach  den  alleinigen  Kriterien  einer  Bürgerkriegspartei  behandelt  werden  können.  Mit anderen Worten erscheint es auch  in Bezug auf die LTTE einerseits  nicht  als  sachgerecht,  deren  Taten  generell  als  Kriegshandlungen  zu  qualifizieren mit der Konsequenz, dass diese den daran Beteiligten nicht  als  Asylausschlussgrund  entgegengehalten  werden  könnten.  Andererseits  ist  auch  ein  Asylausschluss  einzig  aufgrund  der  Mitgliedschaft bei den LTTE nicht als gerechtfertigt zu erachten. 6.3.4. Aus der Anbindung des Asylausschlussgrundes der „verwerflichen  Handlungen“  im Sinne von Art. 53 AsylG an den Verbrechensbegriff von  Art. 9 Abs. 1 StGB ergibt sich zwingend, dass  in Bezug auf die  in Frage  stehenden  Handlungen  der  betreffenden  Person  eine  strafrechtliche  Verantwortlichkeit  gegeben  sein  muss.  Dies  setzt  bei  im  Ausland  begangenen  Handlungen  zwar  keinen  strikten  Nachweis  voraus.  Erforderlich  sind  im  konkreten  Fall  aber  jedenfalls  schwerwiegende  Gründe  für  die  gerechtfertigte  Annahme,  dass  sich  die  betreffende  Person  einer  Straftat  im  Sinn  der  genannten  Bestimmungen  schuldig 

D­5243/2010 gemacht hat (vgl. Botschaft zur Totalrevision des Asylgesetzes sowie zur  Änderung  des  Bundesgesetzes  über  Aufenthalt  und  Niederlassung  der  Ausländer vom 4. Dezember 1995, BBl 1996 II 73). Angesichts dessen ist  danach  zu  fragen,  welche  Straftaten  dem  Beschwerdeführer  im  Sinne  einer strafrechtlichen Verantwortlichkeit vorgeworfen werden können. Das  BFM  hat  diesbezüglich  keine  klare  Aussage  getroffen,  sondern  dem  Beschwerdeführer generell eine Mitverantwortung für verschiedenste den  LTTE zugeschriebene Gewaltaktionen und Menschenrechtsverletzungen  angelastet. Eine mögliche Verantwortlichkeit aufgrund einer unmittelbaren  Täterschaft  ist  allerdings  einzig  durch  den  Hinweis  auf  eine  vom  Beschwerdeführer  selbst  erwähnte  einmalige  aktive  Teilnahme  an  Kampfhandlungen  ersichtlich.  Indessen  sind  den  Akten  keinerlei  Informationen dazu zu entnehmen, wann, wo und in welchem Umfang der  Beschwerdeführer einmal an Kampfhandlungen teilgenommen haben will.  Das  Bundesamt  hat  es  anlässlich  der  betreffenden  Anhörung  unterlassen, dem Beschwerdeführer  in diesem Zusammenhang konkrete  Fragen zu stellen. Ansonsten stellt sich das BFM ausschliesslich auf den  Standpunkt,  der  Beschwerdeführer  habe  ­  im  Sinne  einer  mittelbaren  Täterschaft  ­  eine  Mitverantwortung  an  Aktionen  der  LTTE  aufgrund  dessen  zu  tragen,  dass  er  Kämpfer  ausgebildet  habe  und  während  einiger Jahre ein überzeugtes Kadermitglied der LTTE gewesen sei.  6.3.5.  Aus  der  relevanten  asylrechtlichen  Rechtsprechungspraxis  ­  welche  insofern  auch  dem  Konzept  des  Strafrechts  entspricht  ­  geht  hervor,  dass  ein  individueller  Tatbeitrag  zum  Ausschluss  von  der  Asylgewährung  führt.  Nachdem  dem  Beschwerdeführer  durch  die  Vorinstanz  keine  konkrete  Beteiligung  in  unmittelbarer  Täterschaft  an  einer  Straftat  im  Sinne  des  Art. 53  AsylG  vorgeworfen  wird,  käme  eine  mittelbare  Täterschaft  allenfalls  dann  in  Frage,  wenn  eine  direkte  oder  indirekte Verantwortung des Genannten  für Handlungen Dritter aufgrund  einer  entsprechenden  Befehlsgewalt  anzunehmen  wäre.  Jedoch  wird  weder  durch  das BFM geltend  gemacht,  der Beschwerdeführer  habe  in  Bezug  auf  jene  Aktionen  der  LTTE,  die  ihm  im  Sinne  einer  Mitverantwortung  angelastet  werden,  eine  solche  Befehlsgewalt  ausgeübt,  noch  bestehen  konkrete  Gründe  für  eine  entsprechende  Annahme.  Nach  eigenen  Aussagen  war  der  Beschwerdeführer  ­  nachdem er  ursprünglich  zwangsweise  zur Mitgliedschaft  bei  den  LTTE  gelangt war  ­  ausschliesslich bei  der Grundausbildung  von Rekruten  im  Gebrauch  und  im  Unterhalt  von Waffen  (Gewehre,  Handgranaten)  und  beim  Konditionstraining  beteiligt.  Nach  seinem  aus  eigenem  Antrieb  erfolgten Ausscheiden aus dieser Tätigkeit im Jahr 1998 hatte er gemäss 

D­5243/2010 seinen  Aussagen  mit  den  LTTE  nur  noch  indirekt,  zunächst  als  Reinigungsangestellter  der  Verkehrsbetriebe  im  Vanni,  später  als  Vorsitzender  der  Vereinigung  der  Autorikscha­Fahrer  in  H._______,  zu  tun.  Es  liegen  keine  Erkenntnisse  vor,  welche  diese  Angaben  des  Beschwerdeführers als unglaubhaft  erscheinen  liessen. Vielmehr  spricht  auch das Verhalten der sri­lankischen Behörden  für die Annahme, dass  der Beschwerdeführer lediglich während gewisser Zeit in untergeordneter  Funktion  im  Rahmen  der  gewöhnlichen  Grundausbildung  von  Rekruten  für  die  LTTE  tätig  war:  Der  Beschwerdeführer  wurde  zwischen  Januar  und  Juni  2009  ­ mithin  in  der  entscheidenden Phase des  sri­lankischen  Bürgerkriegs  ­  zweimal  durch  das  CID  verhaftet,  jedoch  wieder  freigelassen,  obwohl  ­ wie  aus  einem Artikel  in  der  Zeitung  "I._______"  vom  [...]  2009  hervorgeht  ­  seine  ehemalige  Rolle  als  Ausbildner  der  LTTE  bekannt  war.  Nach  dem  Kriegsende  im  Mai  2009  wurden  rund  12'000  Angehörige  der  LTTE  inhaftiert,  von  welchen  sich  mindestens  3'000  zum  heutigen  Zeitpunkt  immer  noch  im  Gewahrsam  der  sri­ lankischen Sicherheitskräfte befinden (vgl.  INTERNATIONAL CRISIS GROUP,  Reconciliation  in  Sri  Lanka:  Harder  than  Ever.  Asia  Report  No.°209,  18. Juli  2011,  S. 17).  Wären  die  sri­lankischen  Behörden  davon  ausgegangen,  dass  der  Beschwerdeführer  einer  Kommandoebene  der  LTTE  angehörte  oder  nicht  bereits  seit  längerem  aus  der  Organisation  ausgeschieden war, so wäre er mit überwiegender Wahrscheinlichkeit im  Jahr 2009 nicht nach kurzer Zeit wieder freigelassen worden.  6.3.6.  Aus  dem  Gesagten  ergibt  sich  zusammenfassend,  dass  der  Beschwerdeführer zwar während einiger Jahre, zwischen 1992 und 1998,  als Ausbildner  von Rekruten  der  LTTE  tätig war.  Indessen  liegen  keine  konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass der Beschwerdeführer selbst  in  unmittelbarer  Täterschaft  Straftaten  im  Sinne  von  Art.  53  AsylG  i.V.m.  Art. 9  Abs. 1  StGB  verübt  oder  eine  Befehlsgewalt  ausgeübt  hätte,  aus  welcher ­ im strafrechtlichen Sinn ­ eine individuelle Verantwortlichkeit für  allfällige  Taten  Dritter  ableitbar  wäre.  Der  Umstand  an  sich,  dass  der  Beschwerdeführer bei der Ausbildung von Rekruten  in der Handhabung  von Waffen beteiligt war, erscheint als Argument zu wenig stichhaltig, um  eine  Mitverantwortung  im  strafrechtlichen  Sinn  für  Taten  Dritter  abzuleiten.  Dem  Beschwerdeführer  kann  somit  nicht,  wie  durch  die  geltende Praxis verlangt, mit der erforderlichen Gewissheit ein konkreter  und  individueller  Tatbeitrag  zu  verwerflichen  Handlungen  im  Sinne  von  Art. 53 AsylG vorgeworfen werden.  6.4. 

D­5243/2010 6.4.1.  Im  Übrigen  ist  festzuhalten,  dass  ­  wäre  von  verwerflichen  Handlungen  des  Beschwerdeführers  im  Sinne  von  Art.  53  AsylG  auszugehen  ­  ausserdem  die  Verhältnismässigkeit  eines  Asylausschlusses zu prüfen wäre. Es  ist  festzustellen, dass das BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  zwar  die  Frage  der  Verhältnismässigkeit  erwähnt  hat.  Dabei  hat  es  indessen  in  keiner  Weise  auf  die  Kriterien  Bezug genommen, die gemäss geltender Rechtsprechungspraxis effektiv  in  Erwägung  zu  ziehen  sind  (vgl.  zuvor,  E. 6.1),  und  eine  ernsthafte  Prüfung der Frage ist somit unterblieben.  6.4.2.  Mit  Blick  auf  die  betreffenden  Kriterien  ist  zunächst  darauf  hinzuweisen,  dass  der  Beschwerdeführer  ursprünglich  im  Alter  von  17  Jahren  zwangsrekrutiert  worden  war  und  seine  aktive  Zugehörigkeit  zu  den LTTE im Alter von 19 bis 25 Jahren erfolgte. Im Jahr 1998 beendete  er  sein  aktives  Engagement  für  die  LTTE  aus  freiem Willen.  Soweit  er  anschliessend  noch  als  Reinigungsangestellter  der  Verkehrsbetriebe  im  Vanni  und  später  als  Vorsitzender  der  Vereinigung  der  Autorikscha­ Fahrer  in  H._______  mit  den  LTTE  zu  tun  hatte,  so  ist  dies  nicht  als  Weiterführung  oder  Folge  seiner  Mitgliedschaft  zu  werten,  sondern  als  Auswirkung  der  gesellschaftlichen  Einflussnahme  der  LTTE  im  betreffenden  Gebiet,  die  für  einen  grossen  Teil  der  betroffenen  Bevölkerung im alltäglichen Leben kaum vermeidbar war. Somit sind seit  der aktiven Mitgliedschaft des Beschwerdeführers bei den LTTE nunmehr  dreizehn Jahre vergangen. Abgesehen von dieser  langen Zeitspanne  ist  weiteren  Umständen  Rechnung  zu  tragen,  so  der  Tatsache,  dass  der  Beschwerdeführer  in  der  Zwischenzeit  eine  Familie  gründete  und  sich  heute  ­  soweit  aktenkundig  ­  in  Lebensverhältnissen  befindet,  die  mit  seiner  Vergangenheit  als  Mitglied  der  LTTE  keinerlei  erkennbare  Verbindung  mehr  aufweisen.  Darüber  hinaus  ist  die  Wahrscheinlichkeit  eines erneuten Engagements ähnlicher Art bei den LTTE ­ sofern dieses  als verwerfliche Handlung im Sinne von Art. 53 AsylG aufzufassen wäre ­  als sehr gering zu bezeichnen. Es wäre folglich gestützt auf die geltende  Praxis  unter  Berücksichtigung  aller  gegebenen  Umstände  auch  unverhältnismässig,  den  Beschwerdeführer  von  der  Gewährung  des  Asyls auszuschliessen. 7.  Aus  den  angestellten  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  der  Beschwerdeführer nicht nur die Flüchtlingseigenschaft  im Sinne von Art.  3 AsylG erfüllt, sondern auch keine Asylausschlussgründe  im Sinne von  Art.  53  AsylG  vorliegen.  Die  Beschwerde  ist  folglich  gutzuheissen,  und 

D­5243/2010 die  angefochtene  Verfügung  ist  aufzuheben,  soweit  mit  ihr  die  Asylunwürdigkeit  des  Beschwerdeführers  festgestellt  und  dessen  Asylgesuch  abgelehnt  wurde.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren. Gestützt auf Art. 51  Abs.  1  AsylG  ist  ausserdem  auch  der  Beschwerdeführerin  und  dem  gemeinsamen Kind E._______ in der Schweiz Asyl zu gewähren.  8.  8.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben  (Art. 63 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG).  8.2.  Gemäss  Art.  64  Abs.  1  VwVG  i.V.m.  Art.  37  VGG  kann  die  Beschwer­deinstanz  der  ganz  oder  teilweise  obsiegenden  Partei  von  Amtes  wegen  oder  auf  Begehren  eine  Entschädigung  für  die  ihr  erwachsenen  notwendi­gen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  zusprechen  (vgl.  für  die  Grund­sätze  der  Bemessung  der  Parteientschädigung  ausserdem  Art. 7  ff.  des  Reglements  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundes­verwaltungsgericht  vom  21. Februar 2008  [VGKE, SR 173.320.2]). Seitens des Rechtsvertreters  wurde keine Kostennote eingereicht. Auf die Nachforderung einer solchen  wird indessen verzichtet (vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE), weil im vorliegenden  Verfahren  der  Aufwand  des  Schriftenwechsels  zuverlässig  abgeschätzt  werden  kann.  Gestützt  auf  die  in  Betracht  zu  ziehenden  Bemessungsfaktoren  (Art.  9­13  VGKE)  sind  den  Beschwerdeführenden  Fr.  500.­­  (inkl.  Auslagen  und  Mehrwertsteuer)  als  Parteientschädigung  zuzusprechen. Dieser Betrag ist ihnen durch das BFM zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­5243/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  und  die  Verfügung  des  BFM  vom  28. Juni  2010 wird  aufgehoben,  soweit mit  ihr  die Asylunwürdigkeit  des  Beschwerdeführers festgestellt und die Asylgesuche abgelehnt wurden. 2.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführenden  Asyl  zu  gewähren. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Den Beschwerdeführenden wird eine Parteientschädigung von Fr. 500.­­  zugesprochen, die ihnen durch das BFM zu entrichten ist. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Martin Scheyli Versand:

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