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Bundesverwaltungsgericht 27.12.2011 D-4843/2009

27 dicembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,732 parole·~9 min·5

Riassunto

Vollzug der Wegweisung | Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 29. Juni 2009

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­4843/2009 law/joc Urteil   v om   2 7 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richter Gérard Scherrer,  Richterin Contessina Theis, Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Morgenegg. Parteien A._______, geboren am (…), und deren Kind B._______, geboren am (…), angeblich Eritrea, (…), Beschwerdeführerinnen, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 29. Juni 2009 / N (…).

D­4843/2009 Sachverhalt: A.  Die Beschwerdeführerin A._______  reiste eigenen Angaben zufolge am  28.  Juli  2008  in  die  Schweiz  ein  und  suchte  am  gleichen  Tag  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Basel  um  Asyl  nach.  Dort  wurde sie am 31. Juli 2008 summarisch zu ihren Asylgründen befragt. Am  9. Juni 2009 hörte sie das BFM einlässlich zu ihren Asylgründen an. B.  Die Beschwerdeführerin machte zur Begründung  ihres Asylgesuches  im  Wesentlichen geltend, sie sei Staatsbürgerin von Eritrea und  tigrinischer  Ethnie.  Geboren  und  aufgewachsen  sei  sie  jedoch  in  C._______  (Äthiopien). Als sie 13 Jahre alt gewesen sei, sei ihr Vater gestorben. Ihre  Mutter  sei  ein  Jahr  später  einer  Krankheit  erlegen.  Danach  sei  sie  mit  ihrem Bruder alleine  in Äthiopien zurückgeblieben. 1999/2000 seien alle  Eritreer in Äthiopien aufgefordert worden, Äthiopien zu verlassen. Damals  sei ihr Bruder in ihrer Abwesenheit von der Polizei festgenommen und ihr  Haus  versiegelt  worden.  Sie  sei  deshalb  nach  D._______,  Sudan,  geflohen.  Dort  habe  sie  als  Haushaltshilfe  gearbeitet  und  mit  ihrem  Ehemann,  einem  eritreischen  Staatsangehörigen,  und  ihren  beiden  Kindern  zusammen  gelebt.  Dann  habe  die  sudanesische  Regierung  angefangen, alle Eritreer  in  ihren Heimatstaat zurückzuweisen. Aufgrund  ihrer  Schwangerschaft  habe  ihr  Ehemann  entschieden,  dass  sie  alleine  aus dem Sudan ausreisen solle. Für alle hätte das Geld zur Flucht nicht  gereicht. Sie sei von D._______ aus mit dem Auto nach Libyen gelangt.  Anschliessend sei sie von Tripolis weiter mit dem Schiff nach Italien und  von dort mit dem Zug in die Schweiz gefahren. Ihr Ehemann wisse nicht,  dass sie sich hier befinde.  C.  Mit  Verfügung  vom  29. Juni  2009  stellte  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeführerin  und  ihre  Tochter würden  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllen,  und  lehnte  ihre  Asylgesuche  ab.  Gleichzeitig  verfügte  es  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnete  den  Vollzug  der  Wegweisung an.  D.  Mit  Eingabe  vom  29. Juli  2009  erhob  die  Beschwerdeführerin  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  gegen  diesen  Entscheid  und  beantragte,  die  angefochtene Verfügung  sei  in  den Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs aufzuheben und ihr sei infolge Unzumutbarkeit des Vollzuges 

D­4843/2009 der  Wegweisung  die  vorläufige  Aufnahme  zu  erteilen.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  beantragte  sie,  es  sei  ihr  die  Bezahlung  von Verfahrenskosten sowie eines Kostenvorschusses zu erlassen.  E.  Mit Verfügung vom 5. August 2009 hiess das Bundesverwaltungsgericht  das Gesuch der Beschwerdeführerin um Gewährung der unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art. 65  Abs.1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)  gut  und  verzichtete  antragsgemäss  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  F.  Das  BFM  beantragte  mit  Vernehmlassung  vom  12. August  2009  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Die  Vernehmlassung  wurde  der  Beschwerdeführerin am 17. August 2009 zur Kenntnisnahme zugestellt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend  – endgültig  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1  AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die  Beschwerdeführerin und ihr Kind haben am Verfahren vor der Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.

D­4843/2009 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1. Die Beschwerdeführerin beantragt, die Dispositivziffern 4 und 5 der  angefochtenen  Verfügung  seien  aufzuheben,  und  ihr  und  ihrer  Tochter  sei infolge Unzumutbarkeit des Vollzuges der Wegweisung die vorläufige  Aufnahme zu gewähren. Die Verfügung des BFM ist somit, soweit sie die  Fragen  des  Asyls  und  der  Flüchtlingseigenschaft  betrifft,  in  Rechtskraft  erwachsen  (vgl.  Ziff. 1  und  2  des  Dispositivs  der  angefochtenen  Verfügung).  3.2. Die verfügte Wegweisung als solche (vgl. Ziffer 3 des Dispositivs der  vorinstanzlichen Verfügung), welche die Regelfolge der Ablehnung eines  Asylgesuches  bildet  (Art. 44  Abs. 1  AsylG),  kann  nur  dann  aufgehoben  werden,  wenn  ein  Anspruch  auf  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  besteht  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). Aufgrund der Akten ergibt  sich kein solcher Anspruch und ein solcher wird auch in der Beschwerde  nicht  geltend  gemacht.  Gegenstand  des  vorliegenden  Beschwerdeverfahrens bildet daher lediglich die Frage, ob das BFM den  Vollzug  der  Wegweisung  zu  Recht  angeordnet  hat  (vgl.  Art. 44  Abs.  2  AsylG) beziehungsweise, ob entsprechend des Rechtsbegehrens  infolge  Unzumutbarkeit  anstelle  des  Vollzugs  der  Wegweisung  die  vorläufige  Aufnahme anzuordnen ist (Art. 44 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 1 und  4 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen  und Ausländer [AuG, SR 142.20]). 4.  4.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländerinnen  und  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  AuG). 4.2.  Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. 

D­4843/2009 WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 4.3.  4.3.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 4.3.2. Das BFM  gelangt  in  der  angefochtenen  Verfügung  zum Schluss,  dass  die  allgemeine  Lage  in  Äthiopien  einem Wegweisungsvollzug  der  Beschwerdeführerin  und  ihrem  Kind  nicht  entgegenstehen  würde.  Im  Weiteren seien weder die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte  eritreische  Herkunft  noch  die  geltend  gemachte  Vertreibung  aus  Äthiopien noch die von ihr behauptete eritreische Staatsangehörigkeit als  glaubhaft  zu  erachten.  Ebenfalls  nicht  glaubhaft  sei  die  Angabe  der  Beschwerdeführerin, seit acht Jahren zu niemanden in Äthiopien Kontakt  gehabt  zu  haben.  Es  sei  zudem  davon  auszugehen,  dass  sie  in  C._______,  woher  sie  angeblich  stamme,  über  ein  tragfähiges  Beziehungsnetz verfüge.  4.3.3.  Die  Beschwerdeführerin  stellt  sich  demgegenüber  in  der  Rechtsmittelschrift  hauptsächlich auf  den Standpunkt,  eine Rückführung  nach Äthiopien sei  für sie als alleinstehende Mutter eritreischer Herkunft  generell  nicht  zumutbar.  Zudem hält  sie  an  ihrer Darstellung  eritreische  Staatsangehörige,  jedoch  in  Äthiopien  geboren  und  aufgewachsen  zu  sein,  fest. Ebenso wiederholt sie,  in Äthiopien über kein Beziehungsnetz  mehr  zu  verfügen.  Ausserdem  weist  sie  auf  Konzentrationsschwierigkeiten während  der Anhörung  vom 9. Juni  2009  hin, die aufgrund der Anwesenheit ihres Kindes entstanden seien. 4.3.4.  Die  Behauptung  der  Beschwerdeführerin,  eritreische  Staatsangehörige  zu  sein  (vgl.  act.  A1/9  S. 1),  ist  mangels  Vorlegung  rechtsgültiger  Ausweisepapiere  nicht  belegt.  Ihre  Angaben  zu  ihrer  Herkunft  respektive  zur  eritreischen  Herkunft  und  Ethnie  ihrer  Eltern  erweisen sich zudem als ungereimt. Einmal gab sie an, ihre Eltern seien  Tigriner  (vgl.  act.  A1/9  S. 2),  an  anderer  Stelle  nannte  sie  als  deren  Volkszugehörigkeit jedoch "Eritreer" respektive "Hadike" (vgl. act. A14/18  S. 5).  Letztere  Bezeichnungen  sind  jedoch  nicht  für  Volksgruppen  in 

D­4843/2009 Eritrea  gebräuchlich.  Die  Beschwerdeführerin  brachte  zudem  während  der Anhörung vor, ihre Eltern stammten aus E._______ (Eritrea) (vgl. act.  A14/18  S. 4).  Im  Gegensatz  dazu  gab  sie  jedoch  später  zu  Protokoll,  diese  stammten  aus  F._______  und  bezeichnete  deren  Ethnie  gleichzeitig mit Tigre  (vgl. act. A14/18 S. 15).  Im Rahmen der Anhörung  legte  sie  zudem  erstmals  dar,  ihr  Vater  sei  in  Eritrea  schon  einmal  verheiratet gewesen und bevor er nach Äthiopien gekommen sei, um ihre  Mutter zu heiraten, habe er sich scheiden  lassen (vgl. act. A14/18 S. 5).  Aus  dieser  Aussage  wäre  zu  schliessen,  dass  die  Mutter  der  Beschwerdeführerin  –  entgegen  ihrer  späteren  Darstellung  –  stets  in  Äthiopien, nicht aber  in Eritrea gelebt hat. Auch diese Behauptung  lässt  sich  nicht  mit  ihren  weiteren  Angaben  vereinbaren,  wonach  sich  ihre  Eltern  in  Eritrea  kennengelernt  und  zusammen  nach  C._______  (Äthiopien)  gezogen  seien  (vgl.  act.  A14/18  S. 5).  Sollte  ihre  Mutter  eritreischer  Abstammung  sein,  so  wäre  zudem  zu  erwarten  gewesen,  dass  die  Beschwerdeführerin  zumindest  ein  eritreisches  Kinderlied  auf  Tigrinya  hätte  angeben  können,  was  jedoch  nicht  der  Fall  ist  (vgl.  act.  A14/18  S. 8).  Die  Aussagen  der  Beschwerdeführerin  zur  geltend  gemachten eritreischen Herkunft sind daher – übereinstimmend mit dem  BFM – als nicht glaubhaft zu erachten. Der Einwand in der Beschwerde,  es  könne  diesbezüglich  von  klaren  Angaben  der  Beschwerdeführerin  gesprochen  werden,  überzeugt  nicht.  Auch  die  geltend  gemachten  Konzentrationsschwierigkeiten  vermögen  nicht  zu  erklären,  weshalb  sie  sich  hinsichtlich  der  von  ihr  behaupteten  eritreischen  Herkunft  teils  in  massive Widersprüche verstrickt.  4.3.5. Die Beschwerdeführerin gab einerseits an, in der Stadt C._______,  Provinz G._______,  geboren  zu  sein.  Andererseits  nannte  sie  als  ihren  Geburts­  und  damaligen  Lebensmittelpunkt  in  Äthiopien,  die  Stadt  H._______  (vgl.  act.  A1/9  S. 1,  act.  A14/18  S. 3  und  10).  Trotz  dieser  divergierenden  Angaben  zu  ihrem  Geburtsort  erscheint  jedoch  wahrscheinlich,  dass  sie,  wie  von  ihr  bekräftigt,  tatsächlich  in  Äthiopien  sozialisiert wurde. Sie  spricht Amharisch und bezeichnet  diese Sprache  als  ihre Muttersprache  (vgl.  act.  A1/9  S. 3  und  7,  act.  A2/2  S. 2).  Auch  ihre  Kenntnisse  gewisser  äthiopischer  Zeremonien  (vgl.  act.  A14/18  S.  13)  bilden  ein  Indiz  für  eine  Sozialisation  in  Äthiopien.  Die  Beschwerdeführerin  bestätigt  zudem  in  der  Beschwerde  erneut,  aus  Äthiopien  zu  stammen  und  dort  geboren  und  aufgewachsen  zu  sein.  Mangels  anderweitiger  Anhaltspunkte,  die  für  einen  anderen  als  den  äthiopischen Staat  als Herkunftsstaat  der  Beschwerdeführerin  sprechen 

D­4843/2009 würden, ist demnach zu prüfen, ob ihr und ihrem Kind die Rückkehr nach  Äthiopien, zuzumuten ist.  4.3.6.  Der  zweieinhalb  Jahre  dauernde  Grenzkrieg  zwischen  Äthiopien  und Eritrea wurde  im  Juni  2000 mit  einem von der Organisation  für  die  Einheit Afrikas (OAU) vermittelten Waffenstillstand und einem von beiden  Staaten  am  12. Dezember  2000  unterzeichneten  Friedensabkommen  beendet. Trotz des Abzugs der UN­Friedenstruppen aus Eritrea im März  2008 und aus Äthiopien  im August  2008  ist  im heutigen Zeitpunkt  nicht  von  einem  offenen  Konflikt  im  Grenzgebiet  zwischen  diesen  beiden  Staaten auszugehen, wenn auch gleichzeitig zu bemerken ist, dass eine  Lösung  der  Grenzproblematik  und  eine  Normalisierung  zwischen  den  beiden  Staaten  nach  wie  vor  nicht  in  Sicht  ist  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgericht  E­2097/2008  vom  7. Juli  2011  E. 8.3).  Das  Bundesverwaltungsgericht  geht daher weiterhin von der grundsätzlichen  Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges nach Äthiopien aus.  4.3.7. Zu berücksichtigen gilt es allerdings, dass die Lebensumstände für  den  Grossteil  der  am  oder  unter  dem  Existenzminimum  lebenden  Bevölkerung Äthiopiens (Einkommen, Ernährungssicherung, Gesundheit,  Bildung,  Wohnraumversorgung)  als  prekär  zu  erachten  sind.  Die  Existenzbedingungen  sind  für  die  Mehrheit  der  Bevölkerung  äusserst  hart. Immer mehr Haushalte auch im städtischen Bereich fallen unter die  Armutsgrenze,  so  dass  sie  nicht  mehr  in  der  Lage  sind,  die  zum  Überleben notwendigen Nahrungsmittel  zu erwerben. Zum Aufbau einer  sicheren Existenz sind somit ausreichend finanzielle Ressourcen und gut  vermarktbare  berufliche  Fähigkeiten  sowie  intakte  familiäre  und  soziale  Netzwerke  nötig.  Insbesondere  für  alleinstehende  und  zurückkehrende  Frauen  ist  es  nicht  leicht,  sich  sozial  und  wirtschaftlich  wieder  zu  reintegrieren.  Nicht  verheiratete  und  allein  lebende  Frauen  werden  von  der Gesellschaft – auch der städtischen – nicht akzeptiert. Eine Wohnung  zu  finden  ist  für  sie  in  der  Regel  nur  über  Bekannte  möglich  und  die  Arbeitslosigkeit von Frauen wird beispielsweise in Addis Abeba auf 40 bis  55%  geschätzt  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgericht  E­2097/2008  vom 7. Juli 2011 E. 8.4).  4.3.8. Ob  aufgrund  dieser  Sachlage  für  die Beschwerdeführerin  und  ihr  Kind eine Rückkehr nach Äthiopien nur unter bestimmten begünstigenden  Faktoren als zumutbar erachtet werden kann, lässt sich nicht zuverlässig  abschätzen. Die Beschwerdeführerin widerspricht  sich nämlich nicht nur  hinsichtlich  der  Herkunft  ihrer  Eltern,  sondern  sie  ist  –  entgegen  den 

D­4843/2009 Ausführungen  in  der  Beschwerde  –  auch  nicht  in  der  Lage,  konkrete,  übereinstimmende  und  substanziierte  Angaben  über  ihre  weiteren  familiären  und  persönlichen  Verhältnisse  zu  machen.  Überdies  erscheinen  ihre  Antworten  insgesamt  als  ausweichend.  So  weiss  sie  nicht,  in welchem Alter sie die Schule  in Äthiopien besucht hat  (vgl. act.  A14/18 S. 6). Auch die Todesursache ihrer Eltern vermag sie lediglich mit  "diese sind einer Krankheit erlegen" zu beschreiben. Das Einreisedatum  ihrer Eltern nach Äthiopien kennt sie ebenfalls nicht  (vgl. act. A1/9 S. 3,  act. A14/18 S. 5 ff.). Hinsichtlich des Todesjahres ihrer Eltern widerspricht  sie  sich,  indem  sie  einmal  darlegt,  ihre  Eltern  seien  in  Äthiopien  gestorben,  als  sie  16 Jahre  alt  gewesen  sei,  während  sie  andererseits  angibt,  diese  seien  gestorben,  als  sie  13  und  14 Jahre  alt  gewesen  sei  vgl. act. A14/18 S. 6). Im EVZ erwähnte sie zudem, sie habe in Äthiopien  einen  Bruder  (vgl.  act.  A1/9  S. 3).  Demgegenüber machte  sie  während  der  Anhörung  unter  anderem  geltend,  sie  sei  ein  Einzelkind  (vgl.  act.  A14/18 S. 4). Ihre Lebensumstände als Waisenkind vermochte sie jedoch  nicht näher zu beschreiben (vgl. act. A14/18 S. 6). Während sie  im EVZ  ausführte,  ihr Ehemann sei eritreischer Herkunft und sie habe diesen  im  Sudan kennengelernt (vgl. A1/9 S. 2 und 5), erklärte sie  im Rahmen der  Anhörung wiederum, ihr Ehemann stamme aus C._______ (Eritrea) (vgl.  act.  A14/18  S. 9),  was  angesichts  der  Tatsache,  dass  C._______  in  Äthiopien  liegt,  nicht  zutreffen  kann.  Darauf  angesprochen  gab  sie  ausweichend zu Protokoll, sie sei  in Äthiopien geboren (vgl. act. A14/18  S. 9).  Ihre  Kenntnisse  über  die  Familie  ihres  Ehemannes  beschränken  sich  zudem  darauf,  dass  sich  diese  in  Eritrea  aufhalten  würden  und  Eritreer seien. Auch über  ihren Ehemann kann sie  lediglich die Auskunft  erteilen, dass dieser Eritreer sei  (vgl. act. A14/18 S. 9). Angesichts  ihrer  Erklärung, sie sei mit diesem seit 2000/2001 – also mehrere Jahre –  im  Sudan verheiratet gewesen (vgl. act. A1/9 S. 2), deutet eine derart banale  Auskunft  darauf  hin,  dass sie nicht  bereit  ist,  betreffend  ihren Ehemann  wahrheitsgemässe  Angaben  zu  machen.  Dieser  Eindruck  wird  auch  durch  ihre  Behauptung  bestätigt,  sie  wisse  nicht,  wie  sie  ihrem  Mann  schreiben  könne,  da  sie  die  Postleitzahl  nicht  kenne  (vgl.  act.  A14/18  S. 4.). Hinsichtlich des Aufenthaltes der Beschwerdeführerin im Sudan ist  schliesslich zu bemerken, dass sie einerseits erklärte, sie habe dort in der  Stadt  D._______  im  Quartier  L._______  gelebt  (vgl.  act.  A1/9  S. 2)  andererseits  dieses Quartier  aber  auch  als Ortschaft  bezeichnet,  indem  sie antwortet,  im Sudan  in L._______ gelebt zu haben  (vgl. act. A14/18  S. 3). Auch bezüglich des behaupteten langjährigen Aufenthalts im Sudan  ergeben sich daher erhebliche Zweifel. 

D­4843/2009 4.4.  Wie  das  BFM  zutreffend  festgehalten  hat,  findet  die  Untersuchungspflicht  der  Asylbehörden  im  Zusammenhang  mit  der  Prüfung  der  Zumutbarkeit  des Wegweisungsvollzuges  ihre  Grenzen  an  der  Mitwirkungspflicht  der  betroffenen  Person.  Kommt  diese  ihrer  Mitwirkungspflicht  insbesondere  bei  der  Erhebung  der  persönlichen  Verhältnisse  im  Herkunftsland  nicht  beziehungsweise  nur  in  ungenügendem Mass nach oder sind ihre diesbezüglichen Angaben nicht  glaubhaft,  können  daraus  im  Rahmen  der  freien  Beweiswürdigung  (Art. 40  des  Bundesgesetzes  vom  4. Dezember  1947  über  den  Bundeszivilprozess  [BZP,  SR 273]  i.V.m.  Art. 19  VwVG  durchaus  Rückschlüsse  auf  die  für  sie  im  Heimatland  tatsächlich  bestehende  Situation gezogen werden. Lassen sich im Rahmen der Beweiswürdigung  die  Verhältnisse,  die  sich  im  Falle  einer  Rückkehr  ins  Herkunftsland  ergeben  würden,  zuverlässig  einschätzen,  besteht  kein  Anlass,  diesbezüglich  von  Amtes  wegen  weitere  Abklärungen  vorzunehmen.  Aufgrund  vorstehender  Erwägungen  (vgl.  E. 4.3.8)  ergibt  sich,  dass  die  Beschwerdeführerin  –  aus  unerfindlichen Gründen  –  offensichtlich  nicht  bereit  ist,  vollständig  und  wahrheitsgemäss  über  ihre  persönliche  und  familiäre Situation im Herkunftsland Auskunft zu erteilen. Es ist demnach  nicht Sache der Asylbehörden nach hypothetischen Vollzugshindernissen  im  Herkunftsland  zu  forschen  und  es  kann  –  da  es  ihr  nicht  gelingt,  Wegweisungshindernisse  zumindest  glaubhaft  zu  machen  –  davon  ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin in Äthiopien über ein  soziales Netz verfügt, das ihr im Falle der Rückkehr bei der Reintegration  behilflich  sein  kann,  und  sie  weder  aus  sozialen,  wirtschaftlichen  oder  gesundheitlichen Gründen  in  eine  existenzbedrohende  Situation  geraten würde.  Das  bei  der  Prüfung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  zu  beachtende  Kindeswohl  spricht  im  Übrigen  ebenfalls  nicht  gegen  eine  Rückkehr nach Äthiopien. Die Tochter der Beschwerdeführerin ist zwar in  der  Schweiz  geboren,  jedoch  erst  drei  Jahre  alt.  Angesichts  dieser  verhältnismässig kurzen Aufenthaltsdauer  in der Schweiz kann nicht von  einer Verwurzelung ausgegangen werden, die einer Rückkehr zusammen  mit der Mutter in deren Herkunftsstaat entgegenstehen würde. Den Akten  kann  zudem  nicht  entnommen  werden,  dass  aus  der  in  der  Vergangenheit  behandelten  Hirnblutung  bei  der  Tochter  weitergehende  medizinische  Probleme  resultiert  hätten.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  nach Äthiopien erweist sich demnach nicht als unzumutbar.  4.5.  4.5.1.  Die  Beschwerde  enthält  alsdann  in  Bezug  auf  die  vom  BFM  festgestellte  Zulässigkeit  (Art. 83  Abs. 3  AuG)  beziehungsweise 

D­4843/2009 Möglichkeit  (Art. 83  Abs. 2  AuG)  des  Vollzugs  der  Wegweisung  keine  Anträge. Auch  in der Begründung der Beschwerde wird nicht dargelegt,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  diesbezüglich  Bundesrecht  verletzen, den rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig  feststellen oder unangemessen sein soll. Das Bundesverwaltungsgericht  kann  eine  fehlerhafte  Verfügung  zugunsten  einer  Partei  jedoch  auch  ändern  (Art. 62  Abs. 1  VwVG),  wenn  in  der  Beschwerde  kein  entsprechendes  Begehren  formuliert  wird  (MADELEINE  CAMPRUBI  in:  Auer/Müller/Schindler  [Hrsg.],  Kommentar  zum  Bundesgesetz  über  das  Verwaltungsverfahren,  Zürich  2008,  Rz. 6  zu  Art. 62  VwVG).  Es  ist  allerdings  nicht  gehalten,  über  die  Vorbringen  der  Parteien  hinaus  den  Sachverhalt  vollkommen  neu  zu  erforschen  noch  hat  es  nach  allen  möglichen Rechtsfehlern zu suchen; vielmehr prüft es von den Parteien  nicht  aufgeworfene  Rechtsfragen  nur  dann,  wenn  hierzu  aufgrund  bestimmter,  sich  aus  den  Akten  ergebender  Anhaltspunkte  hinreichend  Anlass  besteht  (vgl.  ANDRÉ  MOSER/MICHAEL  BEUSCH/LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht,  Basel  2008,  Rz. 1.54  ff., BVGE 2007/41 E. 2 S. 529 f.). 4.5.2.  In  der  Beschwerde  werden  hinsichtlich  allfälliger  Vollzugshindernisse  im  Sinne  von  Art. 83  Abs. 2  und  3  AuG  keine  Anträge  gestellt  und  auch  der  Begründung  sind  keine  entsprechenden  Einwände zu entnehmen. Ungeachtet dessen ergeben sich auch aus den  Akten  keine  Anhaltspunkte,  die  darauf  hindeuten  würden,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  gegen  Art. 5  Abs. 1  AsylG  beziehungsweise  Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  [FK,  SR 0.142.30])  verstossen  würde  oder  der  Beschwerdeführerin  oder  ihrer  Tochter  im  Falle  der  Rückkehr  nach  Äthiopien  Folter  beziehungsweise  eine  nach  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April  1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) oder nach Art. 3 der Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutz  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  unmenschliche  oder  erniedrigende  Strafe  oder  Behandlung  drohen  würde.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  erweist  sich  somit  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen  als  zulässig.  Schliesslich  obliegt  es  der  Beschwerdeführerin,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu 

D­4843/2009 beschaffen  (Art. 8  Abs. 4  AsylG),  weshalb  nicht  ersichtlich  ist,  weshalb  der Vollzug der Wegweisung unmöglich sein sollte (Art. 83 Abs. 2 AuG).  4.6. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorinstanz den Vollzug der  Wegweisung  zu  Recht  als  zulässig  erachtet  hat,  und  es  besteht  auch  sonst kein Anlass, den vom BFM angeordneten Vollzug der Wegweisung  von  Amtes  wegen  zu  beanstanden.  Die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme fällt deshalb nicht in Betracht.  5.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist demnach abzuweisen. 6.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  der  Beschwerdeführerin  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 600.–  festzusetzen  (Art.  1  –  3  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2]).  Der  Beschwerdeführerin  wurde  jedoch  durch  das  Bundesverwaltungsgericht  mit  Verfügung  vom  5. August  2009  die  unentgeltliche  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  gewährt.  Aufgrund  der  Akten  ist  nicht  davon  auszugehen,  ihre  finanzielle  Lage  habe  sich  seit  Erlass  der  Verfügung  verändert.  Sie  ist  daher  weiterhin  als  bedürftig  zu  erachten.  Auf die Auferlegung von Verfahrenskosten ist somit zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­4843/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten gesprochen.  3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerinnen,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Claudia Jorns Morgenegg Versand:

D-4843/2009 — Bundesverwaltungsgericht 27.12.2011 D-4843/2009 — Swissrulings