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Bundesverwaltungsgericht 22.01.2012 D-3827/2011

22 gennaio 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·3,854 parole·~19 min·1

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 1. Juni 2011

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­3827/2011 law/auj Urteil   v om   2 2 .   Februar   2012 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richterin Regula Schenker Senn, Richter Pietro Angeli­Busi;     Gerichtsschreiberin Jacqueline Augsburger. Parteien A._______, geboren am […], Türkei, vertreten durch Nicole Hohl, Advokatin,  […], Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 1. Juni 2011 / N […]. 

D­3827/2011 Sachverhalt: A.  Die  aus  Z._______  in  der  Region  Y._______  (Provinz  X._______)  stammende  Beschwerdeführerin  kurdischer  Ethnie  und  alevitischen  Glaubens  verliess  eigenen  Angaben  zufolge  ihr  Heimatland  am  2. Februar  2003  und  suchte  am  5. Februar  2003  zusammen  mit  ihrem  Bruder  B._______  […]  erstmals  in  der  Schweiz  um  Asyl  nach.  Mit  Verfügung  vom  17. April  2003  stellte  das  damalige  Bundesamt  für  Flüchtlinge  (heute  BFM)  fest,  die  Beschwerdeführerin  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  lehnte  ihr  erstes  Asylgesuch  ab.  Gleichzeitig  verfügte  das Bundesamt  die Wegweisung  aus  der Schweiz  und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. Die gegen diese Verfügung  erhobene  Beschwerde  wies  die  damalige  Schweizerische  Asylrekurskommission (ARK) mit Urteil vom 16. November 2006 ab.  B.  Eine  als Wiedererwägungsgesuch  bezeichnete  und  ans BFM gerichtete  Eingabe  der  Beschwerdeführerin  vom  23. Januar  2007  überwies  das  Bundesamt zuständigkeitshalber ans Bundesverwaltungsgericht, welches  die  Eingabe  als  Revisionsgesuch  gegen  das  Urteil  der  ARK  vom  16. November  2006  entgegennahm.  Mit  Urteil  D­639/2007  vom  18. August 2010 wies das Gericht das Revisionsgesuch vom 23. Januar  2007 ab, soweit es darauf eintrat.  C.  Am  29. Oktober  2010  teilte  das  […]  des  Kantons  W._______  der  Beschwerdeführerin  und  ihrem  Bruder  in  Beantwortung  deren  vom  21. Juli  2010  datierenden  Gesuchs  um  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  aufgrund des Vorliegens  eines  schwerwiegenden  persönlichen Härtefalls mit, es sei nicht bereit, das BFM um Zustimmung  zur Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen zu ersuchen.  D.  Am  3. November  2010  wurde  der  Bruder  der  Beschwerdeführerin,  B._______,  in  Ausschaffungshaft  genommen;  seine  sowie  die  Ausschaffung  der  Beschwerdeführerin  wurde  für  die  folgende  Woche  vorgesehen.  E.  E.a.  Mit  als  "neues  Asylgesuch"  betitelter  Eingabe  vom  4. November  2010  beantragte  die  Rechtsvertreterin,  die  Beschwerdeführerin  und  ihr 

D­3827/2011 Bruder B._______ seien als Flüchtlinge anzuerkennen, und es sei  ihnen  Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  seien  sie  wegen  Unzumutbarkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung  vorläufig  aufzunehmen.  In  einer  vom  2. November  2010  datierenden  Gesuchsbeilage  führte  die  Beschwerdeführerin  ihr  geltend  gemachtes  exilpolitisches  Engagement  näher aus.  E.b.  Das  BFM  überwies  die  Eingabe  der  Rechtsvertreterin  am  5. November  2010  ans  Bundesverwaltungsgericht  mit  der  Begründung,  es  handle  sich  dabei  weder  um  ein  erneutes  Asylgesuch,  noch  um  ein  Wiedererwägungsgesuch.  E.c.  Mit  Schreiben  vom  9. November  2010  überwies  der  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  die  Eingabe  vom  4. November  2010  zurück  an  das  BFM mit  der  Begründung,  die  in  der  Eingabe  erstmals  geltend  gemachten,  bis  heute  andauernden  exilpolitischen Tätigkeiten der Beschwerdeführerin seien durch das BFM  zu prüfen.  E.d.  Das  BFM  nahm  die  Eingabe  vom  4. November  2010  als  zweites  Asylgesuch entgegen und wies das […] des Kantons W._______ an, vom  Vollzug der Wegweisung einstweilen abzusehen.  F.  F.a.  Mit  Eingabe  vom  9. November  2010  reichte  die  Rechtsvertreterin  beim  BFM  ein  vom  Vortag  datierendes  Bestätigungsschreiben  einer  Organisation  namens  „[…]  Kurdischer  Kulturverein“  beziehungsweise  „[…]  Kurdischer  Informationsverein“  aus  V._______  ein  und  stellte  weitere  Beweismittel  zur  Untermauerung  der  exilpolitischen  Tätigkeiten  der  Beschwerdeführerin  in  Aussicht.  Im  Schreiben  vom  8. November  2010  heisst  es  unter  anderem,  die  Beschwerdeführerin  und  ihr  Bruder  seien Mitglieder des Vereins und nähmen aktiv an dessen kulturellen und  politischen Anlässen und an Demonstrationen teil.  Mit Eingabe vom 5. Januar 2011 reichte die Rechtsvertreterin beim BFM  weitere  Beweismittel  ein  –  unter  anderem  eine  undatierte,  von  der  Beschwerdeführerin  unterzeichnete  Auflistung  diverser  Veranstaltungen  und  Demonstrationen,  an  denen  sie  im  Zeitraum  zwischen  September  2007  und  November  2010  teilgenommen  habe,  mit  dem  Titel  "Einige  meiner  politischen  und  kulturellen  Aktivitäten  in  der  Schweiz  für  die  Belange des kurdischen Volkes", ferner eine DVD, Fotos, fremdsprachige 

D­3827/2011 Zeitungsberichte  und  einen  Internetausdruck  eines  fremdsprachigen  Artikels sowie Veranstaltungshinweise.  G.  G.a. Am  27. April  2011  hörte  das  BFM  die  Beschwerdeführerin  zu  den  neu geltend gemachten Asylgründen an.  G.b. Zur Begründung  des  zweiten Asylgesuchs  vom 4. November  2010  wird  zum  einen  vorgebracht,  die  Familie  der  Beschwerdeführerin  habe  bereits  in  den  neunziger  Jahren  die  Arbeiterpartei  Kurdistans  (PKK)  unterstützt,  weshalb  die  Beschwerdeführerin,  ihr  Bruder  sowie  andere  aus  der  Familie  mehrfach  von  der  Gendarmerie  belästigt  und  verfolgt  worden  seien.  Deshalb  seien  die  Beschwerdeführerin  und  ihr  Bruder  geflüchtet und hätten  im Februar 2003  in der Schweiz um Asyl ersucht.  Nach der Abweisung ihrer Asylgesuche und eines Revisionsgesuchs am  18. August  2010  sowie  eines  Härtefallgesuchs  am  1. November  2010  habe  „sich  der  Gesundheitszustand  der  Gesuchsteller  erneut  massiv  verschlechtert“.  „Anlässlich eines Krisengesprächs“ sei der behandelnde  Arzt, Dr. med. C._______, „darauf gestossen, dass die Gesuchsteller sich  aufgrund ihrer Erfahrungen in der Türkei seit ihrer Einreise in der Schweiz  politisch  für  die Rechte  der Kurden eingesetzt“  hätten  (Asylgesuch  vom  4. November  2010  Ziff. 1  S. 1).  Die  Beschwerdeführerin  und  ihr  Bruder  seien  kurz  nach  ihrer  Einreise  in  die  Schweiz  dem  „Kurdischen  Kultur  Verein“  beigetreten  und  hätten  angefangen,  sich  politisch  zu  betätigen.  Aufgrund der differenzierten Schilderungen der politischen Tätigkeiten  in  den  Briefen  vom  2. November  2010  sei  von  einem  beachtlichen  politischen  Profil  auszugehen.  Beide  hätten  Diskussionsrunden,  Infoveranstaltungen und Demonstrationen mitorganisiert  sowie  Info­ und  Flugblätter  gestaltet.  Auch  seien  beide  in  der  Öffentlichkeitsarbeit  präsent,  beispielsweise  durch  Interviews  im  Fernsehen.  Die  Beschwerdeführerin  habe  zudem  öffentliche  und  im  TV  übertragene  Auftritte  als  kurdische Sängerin  gehabt.  Ihr Bruder  habe  seine Tätigkeit  aufgrund  seiner  schweren  psychischen  Beeinträchtigung  zeitweise  einschränken  müssen.  Beide  befürchteten,  dass  sie  aufgrund  dieses  exponierten Engagements  in der Schweiz vom  türkischen Geheimdienst  registriert  worden  seien.  Da  sich  beide  „besonders  aktiv  beteiligt“  und  „nicht  einfach  teilgenommen,  sondern  initiiert,  organisiert  und  geleitet“  und sich zudem in der Öffentlichkeit exponiert hätten, wären sie bei einer  Wegweisung  in  die  Türkei  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  an  Leib  und 

D­3827/2011 Leben  bedroht  (Asylgesuch  Ziff.  1­4  S. 1­3).  Dies  müsse  umso  mehr  gelten,  als  die  Beschwerdeführerin  (und  ihr  Bruder)  bereits  früher  im  Verdacht  gestanden  hätten,  die  PKK  zu  unterstützen,  und  weil  verschiedene  Verwandte  als  anerkannte  Flüchtlinge  im  Ausland  lebten.  Zu  berücksichtigen  sei  zudem,  dass  die  Beschwerdeführerin  (und  ihr  Bruder) bereits früher in der Türkei Gewalt erfahren hätten und dass ihre  Furcht  vor  einer Verfolgung daher  umso eher  als  begründet  anzusehen  sei. Gemäss Schreiben der Beschwerdeführerin vom 2. November 2010  seien  viele  ihrer  Verwandten  in  der  Türkei  massiv  gefoltert  worden,  so  auch ihre ältere Schwester, welche in der Schweiz anerkannter politischer  Flüchtling sei. An der Anhörung zu den Asylgründen vom 27. April 2011  gab  die  Beschwerdeführerin  ferner  an,  sie  sei  von  der  Familie  ihres  Ehemannes bedroht worden  H.  Mit Verfügung vom 25. Mai 2011 lehnte das BFM das zweite Asylgesuch  von  B._______  vom  5. November  2010  ab  und  ordnete  dessen  Wegweisung aus der Schweiz an. Gleichzeitig nahm das Bundesamt den  Bruder der Beschwerdeführerin aufgrund von dessen Eheschliessung mit  einer  vorläufig  aufgenommenen  türkischen  Staatsangehörigen  vorläufig  auf.  I.  Mit persönlich unterzeichneter Eingabe vom 1. Juni 2011  informierte die  Beschwerdeführerin  unter  Bezugnahme  auf  den  ablehnenden,  ihren  Bruder  betreffenden  Asylentscheid  das  BFM  darüber,  dass  sie  auch  in  letzter  Zeit  politisch  aktiv  gewesen  sei.  So  habe  sie  am  […]  an  einer  Demonstration vor dem […] in U._______ gegen die Suspendierung von  12  kurdischen  Abgeordneten  aus  dem  türkischen  Parlament  teilgenommen. Wie  auf  der  beiliegenden  DVD mit  privaten  Videos  und  Fotos  zu  sehen  sei,  habe  sie  dort  öffentlich  gesungen  und  dem  Fernsehsender  […]  ein  Interview  gegeben.  Der  TV­Sender  habe  ihr  versprochen, ihr in den nächsten Tagen eine CD von der Ausstrahlung zu  senden. Die Beschwerdeführerin ersuchte das BFM um Ansetzung einer  angemessenen Frist für das Beschaffen der CD und die Übersetzung der  massgeblichen Passagen.  J.  Mit Verfügung vom 1. Juni 2011 – eröffnet am 6. Juni 2011 – stellte das  BFM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,  und  lehnte  das  Asylgesuch  ab.  Gleichzeitig  verfügte  das  Amt  die 

D­3827/2011 Wegweisung  der  Beschwerdeführerin  aus  der  Schweiz  und  forderte  sie  unter  Androhung  von  Zwangsmitteln  im  Unterlassungsfall  auf,  die  Schweiz bis am 27. Juli 2011 zu verlassen.  K.  Mit  Eingabe  vom  6. Juli  2011  liess  die  Beschwerdeführerin  durch  ihre  Rechtsvertreterin  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erheben  und  beantragen,  die  vorinstanzliche  Verfügung  vom  1. Juni  2011  sei  aufzuheben  und  das  Asylgesuch  gutzuheissen;  eventualiter  sei  der  Entscheid  des  BFM  aufzuheben  und  die  Sache  zur  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen;  subeventualiter  sei  die  Wegweisungsverfügung  aufzuheben  und  sie  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen.  In  verfahrensrechtlicher Hinsicht  liess sie  für den Fall des Unterliegens um  Bewilligung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  und  Rechtsverbeiständung  ersuchen.  Ferner  liess  sie  beantragen,  es  sei  ihr  zu  gestatten,  sich  für  die  Dauer  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  aufzuhalten,  und  das  […] Migrationsamt  sei  anzuweisen,  für  die  Dauer  des  Beschwerdeverfahrens  von  jeglichen  Wegweisungs­  und  Vollzugsmassnahmen  abzusehen;  zu  allfälligen  Stellungnahmen  des  BFM sei ihr das Replikrecht zu gewähren. In der Beschwerde wurden ein  Bestätigungsschreiben eines "[…] Kurdischen Informationsvereins" sowie  eine  Fürsorgebestätigung  in  Aussicht  gestellt  und  zwei  CDs  mit  Filmaufnahmen der Demonstration vom […] eingereicht.  L.  Mit Eingabe vom 7. Juli 2011 liess die Beschwerdeführerin ein vom 4. Juli  2011  datierendes  Schreiben  einer  Organisation  namens  "Kurdischer  Kultur  und  Solidaritätsverein  /  Frauenkommission"  aus  W._______,  versehen  mit  dem  Stempel  "[…]  Kurdischen  Informationsverein"  aus  V._______  nachreichen.  Darin  bestätigt  der  Verein,  die  Beschwerdeführerin sei als Mitglied "in verantwortlicher Stellung aktiv"; in  der  Frauenkommission  sei  sie  "als  Verantwortliche  (vor  allem  in  der  Frauenarbeit) tätig". Darüber hinaus engagiere sie sich bei der Förderung  des muttersprachlichen Unterrichts sowie in der Öffentlichkeitsarbeit.  M.  Mit  Verfügung  vom  14. Juli  2011  hielt  der  Instruktionsrichter  fest,  die  Beschwerdeführerin könne den Ausgang des Verfahrens  in der Schweiz  abwarten. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember 

D­3827/2011 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) hiess er unter  der  Voraussetzung  des  Nachreichens  einer  Fürsorgebestätigung  sowie  unter  Vorbehalt  der  Veränderung  der  finanziellen  Lage  der  Beschwerdeführerin  gut.  Das  Gesuch  um  Gewährung  einer  unentgeltlichen Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG  wies er ab.  N.  Die  Rechtsvertreterin  liess  dem Gericht  mit  Eingabe  vom  20. Juli  2011  eine vom 18. Juli 2011 datierende Fürsorgebestätigung der zuständigen  Behörde zukommen.  O.  O.a.  Mit  Verfügung  vom  27. Juli  2011  lud  der  Instruktionsrichter  die  Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.  O.b. Das  BFM  nahm  in  seiner  Vernehmlassung  vom  28. Juli  2011  zur  Beschwerde Stellung und beantragte deren Abweisung.  O.c. Die vorinstanzliche Vernehmlassung wurde der Beschwerdeführerin  am 3. August 2011 zur Replik zugestellt.  O.d. Mit Eingabe vom 5. September 2011 nahm die Beschwerdeführerin  innert erstreckter Frist zur vorinstanzlichen Vernehmlassung Stellung. Zur  Untermauerung  ihrer Vorbringen reichte sie diverse Zeitungsberichte mit  Fotos, zwei Internetausdrucke, Werbematerial von kurdischen Festivals in  der Schweiz und in Deutschland, ein Flugblatt einer am […] vor dem […]  in  U._______  durchgeführten  Protestkundgebung  gegen  die  Bombardierung  von  Grenzgebieten  im  Nordirak  durch  türkische  Kampfflugzeuge  sowie  eine  E­Mail  der  Beschwerdeführerin  an  ihre  Rechtsvertreterin ein.  P.  Am  26. September  2011  ging  beim  Bundesverwaltungsgericht  ein  vom  23. September  2011  datierendes  Antwortschreiben  des  BFM  auf  eine  persönliche,  an  Justizministerin  Sommaruga  gerichtete  Eingabe  der  Beschwerdeführerin vom 31. August 2011 ein.  Q.  Mit  Eingabe  vom  9. November  2011  liess  die  Beschwerdeführerin  mitteilen, sie habe am […] mit rund 20 anderen Frauen der Gruppe "[…]"  in  U._______  gegen  die  Bombardierungen  der  türkischen  Luftwaffe  im 

D­3827/2011 Nordirak mit chemischen Waffen und der Blockierung von Hilfsangeboten  für die Erdbebenopfer in Van durch die türkische Regierung demonstriert.  Über den Protest hätten unter anderem der Sender […], die Zeitung […]  sowie der  […] berichtet. Mit der Eingabe wurden zwei Fotos, ein Bericht  des  […] vom  […] und ein  fremdsprachiger Zeitungsbericht  von  […] vom  […] eingereicht.  R.  Mit  Eingabe  vom  1. Februar  2012  liess  die  Beschwerdeführerin  dem  Gericht Flugblätter, Zeitungsberichte und eine DVD zukommen und unter  Hinweis  auf  weitere  "für  die  nächsten  Tage"  geplante  Aktionen  darum  ersuchen, weitere in Aussicht gestellte Dokumente abzuwarten.  S.  Mit  Eingabe  vom  14. Februar  2012  liess  die  Beschwerdeführerin  einen  Internetartikel  vom  […],  zwei  Zeitungsberichte  vom  […]  sowie  zwei  Flugblätter  eines  Protestmarsches  von  T._______  nach  S._______  einreichen,  welcher  sich  unter  anderem  gegen  die  Unterdrückung  des  kurdischen  Volkes  in  der  Türkei  und  in  Europa  sowie  gegen  die  Haftbedingungen  von  Abdullah  Öcalan  richtete,  und  welchen  die  Beschwerdeführerin mitorganisiert habe.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde; es  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR 142.31);  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).  1.2.  Die  Beschwerdeführerin  hat  am  vorinstanzlichen  Verfahren  teilgenommen,  ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt 

D­3827/2011 und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG, Art. 48 Abs. 1  VwVG).  Auf  die  frist­  und  formgerecht  (Art. 108  Abs. 1  AsylG;  Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 37  VGG  und  Art. 52  Abs. 1  VwVG)  eingereichte  Beschwerde ist einzutreten.  2.  Mit Beschwerde  können die Verletzung  von Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).  3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG).  3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1. Das BFM hielt zur Begründung seines ablehnenden Asylentscheides  fest,  gemäss  ständiger  Praxis  der  Schweizer  Asylbehörden  seien  die  Schranken  für  die  Bejahung  einer  allfälligen  Gefährdung  in  der  Türkei  aufgrund  von  exilpolitischen  Tätigkeiten  in  der  Schweiz  hoch.  Da  angesichts  der  beträchtlichen  Anzahl  von  Kundgebungen  und  Veranstaltungen  aller  Art  von  türkischen  Staatsangehörigen  in  den  verschiedensten europäischen Staaten die türkischen Behörden weder in 

D­3827/2011 der  Lage  noch  daran  interessiert  seien,  flächendeckend  alle  Organisatoren  und  Teilnehmenden  derartiger  Veranstaltungen  zu  identifizieren  und  zu  verfolgen,  müsse  die  betreffende  Person  sich  auf  spezifische  und  erkennbare  Weise  exponiert  und  durch  ihr  Verhalten  überdies  ein  individuell  gegen  sie  gerichtetes  Verfolgungsinteresse  geweckt  haben.  In  Bezug  auf  die  Beschwerdeführerin  führte  das  Bundesamt  aus,  das  Bestehen  von  subjektiven  Nachfluchtgründen,  die  eine  begründete  Furcht  vor  ernsthaften  Nachteilen  zu  bewirken  vermöchten,  sei  insgesamt  zu  verneinen.  Aus  den  teilweise  durch  Beweismittel gestützten Vorbringen der Beschwerdeführerin ergebe sich  zwar  das  Gesamtbild  eines  durchaus  beachtlichen  politischen  und  insbesondere  kulturellen  Engagements.  In  der  überwiegenden Mehrheit  der  Fälle  handle  es  sich  dabei  jedoch  um  vorbereitende  und  unterstützende  Aktivitäten  im  Hintergrund  (zum  Beispiel  als  Standbetreuerin)  beziehungsweise  um  einfache  Teilnahmen  an  Veranstaltungen  und  Kundgebungen,  wodurch  sich  die  Beschwerdeführerin  nicht  exponiert  habe.  Auch  ihre  Unterstützung  von  Frauengruppen  sowie  der  Tanz­  und  Musikgruppe  des  Kulturvereins  W._______  werde  auf  kein  spezifisches  Beobachtungsinteresse  von  Behörden  in  der  Türkei  stossen.  Ferner  erschienen  ihre  Auftritte  als  Sängerin ebenfalls  in erster Linie als eine kulturelle Aktivität. Auch wenn  sie mitunter auf dem Sender […] oder anderen Fernsehsendern zu sehen  gewesen  sein  möge,  begründeten  auch  derartige  Auftritte  keine  spezifische Exponierung der Beschwerdeführerin, zumal auf dem Sender  […]  regelmässig  zahlreiche  ähnliche  künstlerische  Auftritte  aus  ganz  Europa  ausgestrahlt  würden.  Ein  diesbezügliches  Verfolgungsinteresse  seitens  der  türkischen  Behörden  sei  zu  verneinen,  da  derartige  künstlerische  Auftritte  im  Ausland  in  aller  Regel  nicht  geeignet  seien,  türkische Staatsinteressen  konkret  zu  tangieren  oder  gar  zu  gefährden.  Eine Gesamtwürdigung  ihrer Aktivitäten ergebe demnach, dass sich die  Beschwerdeführerin nicht auf spezifische und leicht identifizierbare Weise  exponiert  habe,  und  insbesondere  kein  Grund  für  ein  besonderes  Verfolgungsinteresse  seitens  der  türkischen  Behörden  an  ihrer  Person  ersichtlich  sei,  so  dass  auch  davon  auszugehen  sei,  die  Beschwerdeführerin  unterliege  in  der  Türkei  keiner  formellen  behördlichen Suche.  4.2.  In  der Beschwerdeschrift wird  demgegenüber  geltend gemacht,  die  Beschwerdeführerin sei kurz nach  ihrer Einreise  (im Februar 2003) dem  Kurdischen Kulturverein W._______ beigetreten  und habe während des  über  achtjährigen  Aufenthalts  in  der  Schweiz  die  Politik  der  hiesigen 

D­3827/2011 kurdischen  Vereine  in  beachtlichem  Mass  mitgestaltet.  Als  aktives  Vereinsmitglied  habe  sie  viele  Diskussionsrunden,  Informationsveranstaltungen sowie Demonstrationen mitorganisiert sowie  Informations­ und Flugblätter verteilt. Sie habe sich vor allem auch in der  Frauengruppe  des  Vereins  engagiert  und  sei  dort  in  leitender  Funktion  tätig  gewesen.  Zudem  habe  sie  Konzerte  und  andere  Veranstaltungen  von  bekannten  kurdischen  Sängern  und  Kulturschaffenden  organisiert  und auf diese Weise die kurdische Kultur öffentlich gepflegt, und sie sei  selber  wiederholt  als  kurdische  Sängerin  öffentlich  aufgetreten.  Ihre  Auftritte  seien  teilweise  im  Fernsehen  übertragen  worden  und  das  Fernsehen  habe  auch  Interviews  mit  ihr  ausgestrahlt.  Der  kurdische  Sender  […]  habe  kürzlich  über  eine  von  der  Beschwerdeführerin  mitorganisierte  Protestkundgebung  vom  […]  vor  der  […]  in  U._______  berichtet. Da die Beschwerdeführerin von ihren Erlebnissen in der Türkei  psychisch  erheblich  beeinträchtigt  sei,  habe  sie  es  versäumt,  ihr  politisches  Engagement  in  der  Schweiz  bereits  im  ersten  Asylverfahren  geltend zu machen. Dieses Engagement habe dank eines Hinweises des  behandelnden  Psychiaters  gegenüber  der  Rechtsvertreterin  der  Beschwerdeführerin  am 4. November  2010  in  einem neuen Asylgesuch  vorgebracht werden können. Ihren Bruder, B._______, habe das BFM mit  Verfügung vom 25. Mai 2011 vorläufig aufgenommen. Das BFM habe in  der  angefochtenen Verfügung das politische und  kulturelle Engagement  der Beschwerdeführerin als beachtlich gewürdigt. Unter Hinweis auf den  Bericht  der  Schweizerischen  Flüchtlingshilfe  (SFH)  zur  Türkei  vom  20. Dezember  2010  wird  alsdann  die  dortige  Einschätzung  der  SFH  wiedergegeben,  in  der  Türkei  würden  politisch  aktive  Kurden,  die  ihre  kurdische  Identität  öffentlich  pflegten,  regelmässig  angeklagt,  Mitglieder  der verbotenen PKK zu sein und  riskierten damit Haftstrafen. Anlässlich  der von der Beschwerdeführerin mitorganisierten Demonstration vom […]  vor  der  […]  in  U._______,  an  welcher  die  Türkei  wegen  Menschenrechtsverletzungen verurteilt worden sei, habe man Parolen für  die  PKK  und  Abdullah  Öcalan  gerufen.  Die  Beschwerdeführerin  sei  während  der  Kundgebung  zuvorderst  in  der  Gruppe  der  Demonstrierenden  gestanden,  und  später  habe  sie  an  der  Spitze  der  Menge zwischen einer Fahne der PKK und einer "Riesenfahne" mit dem  Bild von Abdullah Öcalan posiert. Die Beschwerdeführerin sei  im Bericht  von  […]  über  die Kundgebung mehrfach  zu  sehen,  insbesondere  auch,  wie  sie  zwischen  der  PKK­Flagge  und  der  Fahne  mit  dem  Bild  von  Öcalan  "posiert"  habe  (Beschwerde  Ziff.  C  II  B  5  S. 5 f.).  Zusammenfasssend wird festgehalten, die Beschwerdeführerin habe sich  durch  ihr Engagement  nicht  nur meinungsbildend  betätigt,  sondern  sich 

D­3827/2011 auch  stark  exponiert,  weshalb  davon  auszugehen  sei,  dass  sie  in  den  Blickpunkt  des  türkischen Geheimdienstes  geraten  sei  und  von  diesem  wegen ihrer meinungsbildenden Funktion als Bedrohung wahrgenommen  werde. Dementsprechend müsse sie bei einer Wegweisung in die Türkei  mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit mit staatlicher Verfolgung rechnen.  4.3. Das BFM hält in seiner Vernehmlassung vom 28. Juli 2011 fest, eine  Visionierung  der  (am  1. Juni  2011  eingereichten,  in  der  angefochtenen  Verfügung desselben Datums nicht berücksichtigten) DVD habe ergeben,  dass an der Demonstration vom […] in der Nähe des […] in U._______,  welche  aus  Anlass  der  Suspendierung  von  12  kurdischen  Parlamentskandidaten von der Parlamentswahl stattgefunden habe, rund  50  Personen  teilgenommen  hätten.  Dabei  seien  verschiedene  prokurdische Losungen gerufen und kurdische Flaggen sowie ein Porträt  von  Abdullah  Öcalan  hochgehalten  worden.  Insgesamt  sei  die  Demonstration  unschwer  dem weiteren Sympathisantenumfeld  der  PKK  zuzuordnen.  In  einigen  der  Sequenzen  sei  ersichtlich,  dass  die  Beschwerdeführerin hinter einer Flagge stehe und im Chor verschiedene  Losungen  mitrufe.  Im  Rahmen  der  offenbar  friedlich  und  unauffällig  verlaufenen  Demonstration  habe  sich  die  Beschwerdeführerin  nicht  spezifisch und für Aussenstehende in erkennbarer Weise exponiert. Allein  aus  ihrer Teilnahme an einer derartigen Demonstration ergebe sich kein  individuelles  Verfolgungsinteresse  seitens  der  türkischen  Behörden  an  ihrer Person. Zu bedenken sei auch, dass die  lediglich vorübergehende  Suspendierung  von  12  kurdischen  Parlamentskandidaten  von  der  Parlamentswahl auch innerhalb der Türkei zu lebhaften Diskussionen und  Demonstrationen  sowie  zu  einer  ausgedehnten Medienberichterstattung  geführt  habe.  Insofern  hätten  sich  auch  die  Demonstration  vom  […]  in  U._______  sowie  die  Berichterstattung  in  […]  innerhalb  des  türkischen  courant  normal  bewegt.  Das  zuständige Wahlgremium  habe  zudem  die  Suspendierung nicht zuletzt aufgrund des öffentlichen Druckes korrigiert.  Sodann  hält  das  BFM  fest,  der  "innertürkische  Massstab"  bei  der  strafrechtlichen  Verfolgungspraxis  von  in  der  Türkei  politisch  aktiven  Kurden  durch  türkische  Behörden  könne  nicht  auf  die  Verhältnisse  im  europäischen Ausland einschliesslich der Schweiz übertragen werden, da  die  türkischen  Behörden  beziehungsweise  die  diplomatischen  und  konsularischen  Vertretungen  im  Ausland  keine  eigenen  polizeilichen  Mittel  zur  Verfügung  hätten,  um  etwa  gegen  Demonstrierende  vorzugehen und deren Namen zu erfassen. Unter anderem deshalb setze  eine  Gefährdung  aufgrund  von  exilpolitischen  Aktivitäten  praxisgemäss 

D­3827/2011 eine  spezifische  Exponierung  voraus.  Eine  solche  sei  vorliegend  nicht  ersichtlich.  4.4. In der Replik vom 5. September 2011 wird den Ausführungen in der  vorinstanzlichen  Vernehmlassung  entgegengehalten,  es  sei  davon  auszugehen,  dass  der  türkische  Geheimdienst  exilpolitische  Aktivitäten  und Veranstaltungen im Ausland genauestens überwache und Personen,  welche sich regelmässig für die Rechte der Kurden und Abdullah Öcalan  einsetzten,  registriere.  Das  exilpolitische  Engagement  der  Beschwerdeführerin  reiche  weit  über  das  des  Durchschnitts  der  kurdischen Bevölkerung  im Ausland hinaus. Sie habe sich auch bei der  Organisation  des  […]  vom  […]  exponiert,  unter  anderem  indem  sie  an  einem  Stand  verantwortlich  für  den  Verkauf  von  kurdischen  Büchern  gewesen  sei.  In  einer  der  Replik  beiliegenden  E­Mail  habe  die  Beschwerdeführerin  die  zum  Kauf  angebotenen  Bücher  aufgeführt;  es  handle  sich  zumeist  um  Bücher  über  Abdullah  Öcalan.  Eine  solche  Tätigkeit  werde  vom  türkischen  Geheimdienst  registriert,  weshalb  die  betroffene  Person  im  Fall  einer  Wegweisung  mit  massiver  und  asylrechtlich  relevanter  Verfolgung  zu  rechnen  habe.  Die  Beschwerdeführerin  habe  ferner  am  […]  einen  Protestmarsch  vor  dem  […] in U._______ gegen die Bombardierung von kurdischen Dörfern und  Guerillastellungen  im Nordirak  durch  das  türkische Militär mitorganisiert  und  daran  auch  aktiv  teilgenommen.  […]  habe  über  die  Kundgebung  berichtet,  und  die  Beschwerdeführerin  versuche,  Videoaufnahmen  von  der  TV­Sendung  erhältlich  zu  machen.  Für  ein  kurdisches  Festival  in  R._______ im […] sei die Beschwerdeführerin für den Billetverkauf in der  Schweiz verantwortlich gewesen. Sodann wird dem Gericht unter Beilage  von  Medienberichten  zur  Kenntnis  gebracht,  dass  im  […]  ein  Cousin  väterlicherseits  der  Beschwerdeführerin  und  im  […]  ein  Cousin  mütterlicherseits in der Türkei getötet worden seien. Für einen der Toten  hätten Trauerfeiern  in der Schweiz und ein Protestmarsch  in Q._______  stattgefunden.  Die  Beschwerdeführerin  habe  an  all  diesen  Veranstaltungen  teilgenommen.  In  ihrer  Heimatregion  fänden  derzeit  regelmässig Razzien in allen kurdischen Wohngebieten statt. Ein Bruder  der  Beschwerdeführerin  sei  nach  der  Beerdigung  eines  der  Cousins  festgenommen worden.  5.  5.1.  Die  ARK  hat  im  Beschwerdeurteil  vom  16. November  2006  übereinstimmend  mit  dem  BFM  den  Verfolgungsvorbringen  der  Beschwerdeführerin  unter  anderem deshalb  die  asylrechtliche Relevanz 

D­3827/2011 abgesprochen,  weil  die  von  ihr  geltend  gemachten  jahrelangen  Unterstützungshandlungen  zugunsten  der  PKK  unglaubhaft  seien  und  bezüglich  der  einstündigen  Festnahme  sowie  zweimaligen  sexuellen  Belästigung  durch  Militärangehörige  in  den  Jahren  1994  und  1996  der  zeitliche  und  sachliche  Kausalzusammenhang  zur  2003  erfolgten  Ausreise unterbrochen sei  (vgl. Urteil der ARK vom 16. November 2006  E. 5.3  S. 12,  E. 6.2  S. 16).  Bezüglich  der  vorgebrachten  Druckversuche  und  Drohungen  durch  den  geschiedenen  Ehemann  der  Beschwerdeführerin  hielt  die  ARK  fest,  diesen Benachteiligungen  durch  Dritte liege kein flüchtlingsrelevantes Motiv zugrunde, der türkische Staat  biete  grundsätzlich  Schutz  gegen  entsprechende  Übergriffe,  und  es  bleibe  der Beschwerdeführerin  unbenommen,  sich  zu  ihren Verwandten  nach  Istanbul  oder  Izmir  zu  begeben  (vgl.  Urteil  der  ARK  vom  16. November  2006  E. 6.3  S. 16).  Im  Revisionsverfahren  ist  es  der  Beschwerdeführerin  nicht  gelungen,  die  Aufhebung  dieses  Urteils  und  eine Wiederaufnahme des Beschwerdeverfahrens zu erwirken (vgl. Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­639/2007  vom  18. August  2010),  so  dass die Beurteilung der von der Beschwerdeführerin geltend gemachten  Vorverfolgung  im ARK­Urteil vom 16. November 2006 weiterhin Bestand  hat.  Insofern  die  Beschwerdeführerin  anlässlich  der  Anhörung  vom  27. April 2011 zum zweiten Asylgesuch geltend macht, Probleme mit der  Familie des ehemaligen Ehemannes zu haben und von diesem bedroht  zu  werden,  sowie  wegen  Unterstützung  und  Beherbergung  von  PKK­ Angehörigen  gesucht  zu  werden,  ist  auf  das  genannte  Urteil  der  ARK  vom  16. November  2006  zu  verweisen.  Im  vorliegenden  zweiten  Asylverfahren  ist  demnach  nur  das  neu  geltend  gemachte  exilpolitische  Engagement der Beschwerdeführerin zu beurteilen.  5.2. Die Beschwerdeführerin macht geltend, aufgrund ihrer exilpolitischen  Aktivitäten  in  der  Schweiz  bei  einer  Rückkehr  in  die  Türkei  Verfolgungsmassnahmen im Sinne des Asylgesetzes zu befürchten. Wer  sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus dem  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  –  insbesondere  durch  politische  Exilaktivitäten  –  eine  Gefährdungssituation  erst  geschaffen  worden  ist,  sich somit auf das Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe (Art. 54 AsylG)  beruft, hat begründeten Anlass zur Furcht vor künftiger Verfolgung, wenn  der  Heimat­  oder  Herkunftsstaat mit  erheblicher Wahrscheinlichkeit  von  den Aktivitäten im Ausland erfahren hat und die Person deshalb bei einer  Rückkehr  in  flüchtlingsrechtlich  relevanter Weise  verfolgt  würde  (BVGE  2009/29  E. 5.1  S. 376 f.,  BVGE  2009/28  E. 7.1  S. 352,  EMARK  2006  Nr. 1 E. 6.1 S. 10, UNHCR, Handbuch über Verfahren und Kriterien  zur 

D­3827/2011 Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, Genf 1993, Ziff. 94 ff.). Wird das  Asylgesuch  mit  exilpolitischen  Aktivitäten  begründet,  darf  erwartet  werden,  dass  sie  in  ihrem  Gesuch  alle  notwendigen  und  verfügbaren  diesbezüglichen Informationen vorbringt; dies auch vor dem Hintergrund,  dass  der  Fokus  ein  im  Vergleich  zu  allgemeinen  Asylgründen  eingeschränkter  ist  und  die  Vorbringen  in  der  Regel  nachgewiesen  werden können (vgl. BVGE 2009/53 E. 5.6 S. 771, WALTER STÖCKLI, Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl.,  Basel 2009, Rz. 11.148 und Fn. 221). 5.3.  5.3.1. Im zweiten, im November 2010 schriftlich eingereichten Asylgesuch  wird  geltend  gemacht,  die  Beschwerdeführerin  sei  seit  ihrer  (Anfang  Februar 2003 erfolgten) Einreise in die Schweiz bis im heutigen Zeitpunkt  mittlerweile seit über acht Jahren exilpolitisch tätig. Für diese Behauptung  finden sich  in den Akten keine Hinweise. Die geltend gemachten,  in der  Eingabe  vom  5. November  2011  aufgelisteten,  den  Zeitraum  von  September  2007  bis  November  2010  umfassenden  Aktivitäten  der  Beschwerdeführerin  sind  grösstenteils  nicht  belegt.  Den  diversen  Bestätigungsschreiben kurdischer Vereine kommt aufgrund der fehlenden  Belege und der unsubstanziierten Schilderungen des angeblich seit 2003  bis  heute  andauernden  Engagements  der  Beschwerdeführerin  kein  Beweiswert  zu.  Anlässlich  der  Anhörung  vom  27. April  2011  war  diese  nicht in der Lage, ihr schriftlich aufgelistetes und von kurdischen Vereinen  teilweise  schriftlich  bestätigtes  Engagement  auch mündlich  anschaulich  zu  erläutern. So  gab  sie  beispielsweise  in  ihrer  vom 2. November  2011  datierenden  Beilage  zum  zweiten  Asylgesuch  an,  sie  habe  in  der  Frauengruppe  des  Kurdischen  Kulturvereins  W._______,  aber  auch  überregional  in  Frauengruppen  in  der  ganzen  Schweiz  als  Mitverantwortliche  gewirkt,  die  Feierlichkeiten  für  den  internationalen  Weltfrauentag  mitorganisiert  und  sei  für  viele  kurdische  Frauen  Ansprechpartnerin  im  Verein.  In  ihrer  Eingabe  vom  5. November  2011  gab sie an, in der kurdischen Frauengruppe ihres […] Vereins zusammen  mit  anderen  Kolleginnen  die  Pressearbeit  für  eine  Informationsveranstaltung übernommen zu haben. Bei der Anhörung gab  sie lediglich zu Protokoll, sie sei ein Jahr lang für die Frauenpublikationen  zuständig  gewesen.  Auf  die  Nachfrage  des  Sachbearbeiters  des  BFM,  was  denn  genau  ihre  Aufgaben  gewesen  seien,  erwiderte  sie:  "Ich  organisierte  Frauenversammlungen,  bei  diesen  Versammlungen  wurde  auch Kaffee und Tee serviert. Das Geld kassierte ich für den Verein ein.  Die  Frauen wurden  zu  den Versammlungen  telefonisch  einberufen.  Die 

D­3827/2011 Gutschrift  für das Telefon erhielt  ich vom Verein"  (vgl. act. B19/11 S. 7).  Auch die wenigen mündlichen Schilderungen ihres übrigen exilpolitischen  Engagements  bleiben  vage,  oberflächlich  und  sehr  allgemein:  "Ich  bin  hier politisch aktiv",  "bei  allen Veranstaltungen hatte  ich eine bestimmte  Aufgabe.  Das mache  ich  für  das  kurdische  Volk,  die  kurdische  Sache"  (vgl.  act.  B19/11  S. 6).  Das  exilpolitische  Engagement  der  Beschwerdeführerin  bleibt  somit  in  weiten  Teilen  diffus.  Wo  die  Beschreibung  der  Tätigkeiten  konkreter  wird,  wie  etwa  "Wir  verkaufen  auch  Tickets,  z.B.  für  Newroz"  (vgl.  act.  B19/11  S. 6),  handelt  es  sich  überwiegend  um  untergeordnete,  unterstützende  Tätigkeiten.  Nicht  als  politische, sondern als kulturelle Tätigkeiten zu bewerten sind sodann ihre  Auftritte als Sängerin und die Betreuung von Künstlern. Im eingereichten  Filmausschnitt einer Sängerin  in  […]  ist die Beschwerdeführerin nicht zu  erkennen. Bis heute hat sie es unterlassen, die mehrmals angekündigten  Originalaufnahmen  von  […]  einzureichen,  auf  denen  sie  als  Sängerin  oder  als  Interviewpartnerin  erkennbar  sein  soll.  Eine  kontinuierliche  exilpolitische  Tätigkeit  der  Beschwerdeführerin  seit  ihrer  Einreise  im  Februar  2003  bis  zum  heutigen  Zeitpunkt  ist  demnach  nicht  nachgewiesen.  Vor  diesem Hintergrund  erstaunt  denn  auch  nicht,  dass  die  Beschwerdeführerin  erst  dank  einem Hinweis  des  Psychiaters  ihres  Bruders  B._______  gegenüber  der  Rechtsvertreterin  auf  die  Idee  gekommen  ist,  ihr  Engagement  zur  Begründung  eines  zweiten  Asylgesuchs  zu  nutzen.  Die  in  der  Beschwerde  nachgelieferte  Begründung  für  die  verspätete  Geltendmachung  ihres  exilpolitischen  Engagements – die Beschwerdeführerin sei von ihren Erlebnissen in der  Türkei  psychisch  erheblich  beeinträchtigt  gewesen  –  überzeugt  nicht.  Weshalb  jemand,  dessen  gesundheitliche  Verfassung  es  zulässt,  sich  exilpolitisch  zu  betätigen,  nicht  in  der  Lage  sein  sollte,  über  dieses  Engagement auch zu berichten, ist nicht nachvollziehbar.  5.3.2.  Eine  auffallende  Häufung  der  mit  Beweismitteln  dokumentierten  exilpolitischen Tätigkeiten der Beschwerdeführerin  ist nach der mit Urteil  D­639/2007  vom  18. August  2010  erfolgten  Abweisung  des  Revisionsgesuchs  und  der  Einreichung  eines  zweiten  Asylgesuchs  am  4. November 2011 zu verzeichnen. Mittels meist privaten Filmaufnahmen  und Fotos sowie Zeitungsberichten belegt ist insbesondere die Teilnahme  der  Beschwerdeführerin  an  diversen  Demonstrationen,  so  am  […],  […],[…] sowie am […]. Betreffend die Teilnahme der Beschwerdeführerin  an  der  Protestkundgebung  vom  […]  vor  dem  […]  in  U._______  sei  an  dieser  Stelle  auf  die  oben  in  E. 4.3  wiedergegebene  zutreffende  Würdigung in der vorinstanzlichen Vernehmlassung verwiesen, welche in 

D­3827/2011 der  Replik  (vgl.  E. 4.4)  nicht  überzeugend  wiederlegt  wird.  Der  unter  anderem mit  dem Umstand  begründete  Rückweisungsantrag,  dass  das  BFM  die  Eingabe  der  Beschwerdeführerin  vom  1. Juni  2011  mit  den  Filmaufnahmen  der  Demonstration  vom  […]  in  der  angefochtenen  Verfügung vom 1. Juni 2011 wegen der zeitlichen Überschneidung nicht  berücksichtigen konnte, ist daher abzuweisen. Auch aus den Teilnahmen  an weiteren, von zahlreichen Personen besuchten Protestkundgebungen,  einschliesslich  des  jüngsten  Protestmarsches  von  T._______  nach  S._______  im  […],  kann  die  Beschwerdeführerin  kein  Verfolgungsinteresse  der  türkischen Behörden an  ihrer Person ableiten;  dies wäre auch dann nicht der Fall, wenn – was allerdings entgegen der  in  den  diversen  Eingaben  vertretenen  Ansicht  nicht  belegt  ist  –  sie  die  Demonstrationen  mitorganisiert  hätte.  Die  "Auftritte"  der  Beschwerdeführerin  an  den  diversen  Kundgebungen  wirken  stets  aufgesetzt  und  inszeniert.  Insgesamt  vermag  die  Beschwerdeführerin  nicht  das  Bild  einer  Person  zu  vermitteln,  welche  getragen  von  einer  aufrichtigen  inneren politischen Überzeugung  im Gastland regimekritisch  an die Öffentlichkeit tritt und als Bedrohung für das politische System der  Türkei  wahrgenommen werden  könnte.  Vielmehr  entsteht  der  Eindruck,  sie versuche  in opportunistischer Art und Weise mit  ihren exilpolitischen  Aktivitäten den schweizerischen Behörden gegenüber den Anschein einer  politisch engagierten Person zu erwecken. Da die Beschwerdeführerin im  Zeitpunkt  der  Ausreise  weder  verfolgt  war  noch  begründete  Furcht  vor  Verfolgung hatte, lassen sich ihre in der Schweiz insbesondere nach der  am 18. August 2010 erfolgten Abweisung des Revisionsgesuchs und der  Einreichung  eines  zweiten  Asylgesuchs  am  4. November  2011  einsetzenden  exilpolitischen  Tätigkeiten  nur  dadurch  erklären,  dass  sie  damit einen flüchtlingsrechtlich vermeintlich bedeutsamen Sachverhalt zu  kreieren versucht. Dieser Eindruck wird selbst durch die Wortwahl in den  diversen Eingaben vermittelt,  in denen explizit  darauf hingewiesen wird,  die Beschwerdeführerin sei während einer Kundgebung zuvorderst in der  Gruppe der Demonstrierenden gestanden und habe später an der Spitze  der  Menge  zwischen  einer  Fahne  der  PKK  und  einer  Riesenfahne  mit  dem Bild von Abdullah Öcalan posiert  (vgl. Beschwerde  II B 5 S. 6), sie  sei  an  einer  Demonstration  zuvorderst  in  der  Menge  gesessen  (vgl.  Eingabe vom 1. Februar 2012), und die Zeitung […] habe am […] auf der  Frontseite  ein Foto  veröffentlicht,  auf welchem die Beschwerdeführerhin  zu sehen sei, wie sie den Protestmarsch mit einem Transparent anführe  (vgl.  Eingabe  vom  14. Februar  2012).  Diese  Einschätzung  wird  ferner  durch die  auf  den eingereichten DVDs aufgezeichneten Filmausschnitte  und  Fotos  bestärkt,  auf  denen  nicht  zu  übersehen  ist,  wie  sich  die 

D­3827/2011 Beschwerdeführerin  anlässlich  von  Kundgebungen  demonstrativ  neben  oder hinter die Fahne mit dem Bild von Abdullah Öcalan stellt. Gerade ein  derartiges  Verhalten  im  Gastland  bildet  jedoch  ein  starkes  Indiz  dafür,  dass  die  Beschwerdeführerin  selber  nicht  ernsthaft  damit  rechnet,  sie  könnte  im Falle einer Rückkehr  in die Türkei wegen  ihrer exilpolitischen  Tätigkeiten ernsthafte Nachteile erleiden. Ein erhöhter Exponierungsgrad  ist  mit  einem  derartigen  Aktivismus  nicht  zu  erzielen.  Selbst  wenn  die  türkischen  Behörden  die  exilpolitischen  Aktivitäten  der  Beschwerdeführerin  in  der  Schweiz  registriert  haben  sollten  –  was  wie  erwähnt  unwahrscheinlich  ist  –  ist  bei  realistischer  Betrachtung  davon  auszugehen,  dass  diese  zu  unterscheiden  vermögen  zwischen  tatsächlich  politisch  engagierten  Regimekritikern  einerseits  und  Exilaktivistinnen  andererseits,  welche  mit  ihren  opportunistischen  Aktionen in erster Linie ein Aufenthaltsrecht in der Schweiz zu erzwingen  versuchen.  Den  Akten  sind  denn  auch  keine  Anhaltspunkte  dafür  zu  entnehmen,  dass  in  der  Türkei  gegen  die Beschwerdeführerin  aufgrund  der  geltend  gemachten  Mitgliedschaft  in  kurdischen  Vereinen  und  der  vorgebrachten  exilpolitischen  Tätigkeiten  behördliche  Massnahmen  eingeleitet worden wären. Das BFM hat in der angefochtenen Verfügung  und  der  Vernehmlassung  zu  Recht  ein  Verfolgungsinteresse  der  türkischen Behörden an der Person der Beschwerdeführerin verneint, da  diese sich nicht auf spezifische Weise exponiert habe. Es ist daher nicht  davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführerin  bei  ihrer  Rückkehr  in  die  Türkei  mit  einer  ernsthaften  Benachteiligung  seitens  der  dortigen  Behörden zu rechnen haben wird.  5.4.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  die  geltend  gemachten  subjektiven  Nachfluchtgründe  keine  flüchtlingsrechtlich  relevante  Verfolgungsfurcht  begründen.  An  dieser  Einschätzung  vermögen  weder  die  weiteren  Ausführungen  in  der  Beschwerde  und  den  zahlreichen  Eingaben noch die eingereichten Beweismittel etwas zu ändern, weshalb  auf  diese  nicht  weiter  einzugehen  ist.  Unter  Berücksichtigung  der  gesamten  Umstände  folgt,  dass  die  Beschwerdeführerin  keine  Gründe  nach  Art. 3  AsylG  nachweisen  oder  glaubhaft  machen  konnte.  Die  Vorinstanz hat  daher  die Flüchtlingseigenschaft  der Beschwerdeführerin  zu Recht verneint und das Asylgesuch abgelehnt.  6.   6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein, verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet 

D­3827/2011 den  Vollzug  an;  es  berücksichtigt  dabei  den  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).  6.2. Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  vom  BFM  zu  Recht  angeordnet  (Art. 44  Abs. 1  AsylG;  BVGE  2009/50  E. 9  S. 733,  BVGE  2008/34 E. 9.2 S. 510, EMARK 2001 Nr. 21).  7.   7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht  möglich,  regelt  das  Bundesamt  das  Anwesenheitsverhältnis  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländerinnen und Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005  über  die Ausländerinnen  und  Ausländer [AuG, SR 142.20]).  Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  STÖCKLI, a.a.O. Rz. 11.148).  7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den Heimat­, Herkunfts­ oder  in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83  Abs. 3 AuG).  So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).  Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder 

D­3827/2011 unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen  werden.  7.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf  hin,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  nur  Personen  schützt,  welche  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  es  der  Beschwerdeführerin  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann das in Art. 5  AsylG verankerte Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulements im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  der  Beschwerdeführerin  in  die  Türkei  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von  Art. 5 AsylG rechtmässig.  Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  sie  für  den  Fall  einer  Rückschaffung  in  die  Türkei  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses  müsste  sie  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR,  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar  2008,  Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124­127, mit weiteren Hinweisen). Dies ist  der Beschwerdeführerin unter Hinweis auf die vorstehenden Erwägungen  zur  fehlenden  flüchtlingsrechtlichen  Relevanz  ihrer  Vorbringen  nicht  gelungen;  zudem  leben  zahlreiche Geschwister  der Beschwerdeführerin  nach  wie  vor  von  den  türkischen  Behörden  unbehelligt  in  ihrem  Heimatland. Auch die allgemeine Menschenrechtslage in der Türkei lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen. Der Vollzug der Wegweisung  ist daher sowohl  im Sinne der  asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.  7.4.  7.4.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl. 

D­3827/2011 Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom 8. März 2002, BBl 2002 3818).  7.4.2.  Das  BFM  hat  den  Vollzug  der  Wegweisung  der  Beschwerdeführerin  im Wesentlichen mit  der  Begründung  als  zumutbar  erklärt, diese verfüge  in verschiedenen Landesteilen der Türkei über ein  ausgedehntes  familiäres  und  soziales  Beziehungsnetz.  Mit  ihren  Geschwistern sei sie bereits  vor ihrer Ausreise eng verbunden gewesen,  und  sie  habe  sich  jeweils  während  längerer  Zeit  bei  ihren  an  verschiedenen Orten in der Türkei wohnhaften Geschwistern aufgehalten.  Selbst wenn  sie mit  einem oder  zwei  ihrer Brüder  keinen Kontakt mehr  unterhalten  sollte,  sei  ihr Beziehungsnetz nach wie  vor  tauglich. Zudem  habe die Beschwerdeführerin die Grundschule besucht, eine Ausbildung  als  […]  absolviert  und  an  mehreren  Orten  verschiedene  Arbeitserfahrungen gesammelt, so dass sie in der Lage sein werde, sich  eine neue Existenz aufzubauen. Das Bundesamt beurteilte eine Rückkehr  der  Beschwerdeführerin  auch  unter  dem  gesundheitlichen  Aspekt  als  zumutbar,  da  die  entsprechende medizinische  Behandelbarkeit  und  die  Erhältlichkeit  allenfalls  benötigter  Medikament  gegeben  seien,  allenfalls  auch mit Hilfe der  sog.  "Grünen Karte". Allfälligen Erschwernissen beim  Wegweisungsvollzug  sei  im  Rahmen  der  Vollzugsmodalitäten  auf  geeignete Weise Rechnung zu tragen.  7.4.3.  In  der  Beschwerde  wird  demgegenüber  geltend  gemacht,  der  schlechte  psychische  Gesundheitszustand  der  Beschwerdeführerin  sei  bereits  aus  den  früheren  Verfahren  dokumentiert.  Nach  Erhalt  des  abschlägigen  Revisionsurteils  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­ 639/2007  vom  18. August  2010  sowie  eines  negativen  Härtefallbescheides  durch  den  Kanton  W._______  habe  sich  der  Gesundheitszustand  der  Beschwerdeführerin  erheblich  verschlechtert,  sich  jedoch  dank  intensiver  und  engmaschiger  psychotherapeutischer  Behandlung  zwischenzeitlich  wieder  stabilisiert.  Nach  Erhalt  der  angefochtenen Verfügung sei es jedoch erneut zu einer Exazerbation der  psychischen  Erkrankung  gekommen.  Eine  Wegweisung  der  Beschwerdeführerin  sei  auch  deshalb  unzumutbar,  weil  diese  in  der  Türkei  nach  der  vorläufigen  Aufnahme  ihres  Bruders  B._______  keine  Bezugspersonen mehr habe.  7.4.4.  In  der  Türkei  besteht  keine  Situation  generalisierter  Gewalt,  die  sich über das ganze Staatsgebiet oder weite Teile desselben erstrecken  würde.  Eine  gänzlich  unsichere,  von  bewaffneten  Konflikten  oder 

D­3827/2011 permanent  drohenden  Unruhen  dominierte  Lage,  aufgrund  derer  die  Beschwerdeführerin  sich  bei  einer  Rückkehr  unvermeidlich  einer  konkreten  Gefährdung  im  Sinne  von  Art. 83  Abs. 4  AuG  ausgesetzt  sehen würde, besteht somit nicht.  7.4.5. Die  laut eingereichtem Nüfus am […], gemäss eigenen Aussagen  allerdings  […] geborene  (vgl.  act. A1/8 S. 1) und somit mittlerweile  […]­ jährige,  alleinstehende  Beschwerdeführerin  ist  in  Z._______  (Provinz  X._______) geboren und aufgewachsen und hat in der Türkei an diversen  Orten  gelebt  (vgl.  act.  B19/11  S. 3).  Sie  spricht  Kurdisch  und  Türkisch  und  verfügt  über  eine  abgeschlossene  Grundschulbildung,  eine  Ausbildung  als  […]  sowie  Arbeitserfahrung  (vgl.  act. B19/11  S. 4).  Wie  das BFM zutreffend  festgestellt hat,  kann sie zudem auf ein  tragfähiges  familiäres  Beziehungsnetz  zurückgreifen.  Die  in  der  Beschwerde  erhobenen  Behauptung,  nach  der  vorläufigen  Aufnahme  ihres  Bruders  B._______  habe  die  Beschwerdeführerin  in  der  Türkei  keine  Bezugspersonen mehr, ist tatsachenwidrig, wohnen doch nach wie vor in  Y._______,  P._______  und  O._______  sechs  Geschwister  (vgl.  act.  B19/11 S. 5),  bei welchen  sie  früher  teilweise  gelebt  hat,  sowie weitere  Verwandte  in  der  Türkei.  Allfällige  finanzielle  Engpässe  wird  die  Beschwerdeführerin mit  Zuwendungen  ihrer  in  der  Schweiz wohnhaften  drei  Geschwister  überbrücken  können.  Im  Hinblick  auf  den  Gesundheitszustand  der  Beschwerdeführerin  wurden  im  zweiten  Asylverfahren  keine  aktuellen Arztberichte  eingereicht;  der  dem zweiten  Asylgesuch vom 4. November 2011 beigelegte psychiatrische Arztbericht  bezieht  sich  ausschliesslich  auf  den  Bruder  der  Beschwerdeführerin.  In  der Beschwerde wird eingeräumt, ihr Gesundheitszustand habe sich dank  intensiver psychotherapeutischer Behandlung stabilisiert, nach Erhalt der  angefochtenen Verfügung  jedoch wieder  verschlechtert. Aktuelle Belege  für  einen  verschlechterten  Gesundheitszustand  der  Beschwerdeführerin  liegen  keine  vor.  Dass  die  in  den  früheren  Verfahren  vorgebrachten  gesundheitlichen  Beeinträchtigungen  auch  in  der  Türkei  adäquat  therapeutisch  und  medikamentös  behandelbar  sind,  wurde  bereits  im  Beschwerdeurteil  der  ARK  vom  16. November  2006  (E. 8.3.3  S. 19)  ausgeführt und im Revisionsurteil D­ 639/2007 vom 18. August 2010 (E. 4  S. 12 f.) bestätigt. Einer allfälligen,  im Zusammenhang mit der Rückkehr  in  die  Türkei  auftretenden  vorübergehenden  Verschlechterung  des  Gesundheitszustandes  der  Beschwerdeführerin  kann  mit  einer  angepassten  Betreuung  und  medikamentösen  Behandlung  begegnet  werden.  Die  Aktenlage  lässt  somit  den  Schluss  zu,  dass  die  Beschwerdeführerin  in  sozialer  und  finanzieller  Hinsicht  nicht  auf  sich 

D­3827/2011 allein  gestellt  sein  wird.  Ohne  die  Anfangsschwierigkeiten  bei  einer  Rückkehr  nach  einem  achtjährigen  Aufenthalt  in  der  Schweiz  zu  verkennen,  ist  davon  auszugehen,  dass  sich  die  Lage  der  Beschwerdeführerin nach einer Eingewöhnungszeit stabilisieren wird und  sie  in  ihrer  Heimat  nicht  aus  individuellen  Gründen  wirtschaftlicher,  sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzbedrohende Situation  geraten wird.  7.4.6. Der Vollzug  der Wegweisung erweist  sich  daher  sowohl  vor  dem  Hintergrund der allgemeinen Lage  in der Türkei als auch  in  individueller  Hinsicht nicht als unzumutbar.  7.5.  Schliesslich  obliegt  es  der  Beschwerdeführerin,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 ­ 515), weshalb der Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2  AuG).  7.6.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  die  das  BFM  den  Wegweisungsvollzug  zu  Recht  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich  erachtet.  Die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  fällt  somit  nicht  in  Betracht (Art. 83 Abs. 1­4 AuG).  8.  Aus  diesen  Erwägungen  folgt,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist demnach abzuweisen.  9.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich  der  Beschwerdeführerin  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG).  Nachdem  das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1  VwVG mit Zwischenverfügung vom 14. Juli 2011 gutgeheissen wurde und  sich  die  finanziellen  Verhältnisse  der  Beschwerdeführerin  seither  nicht  verbessert haben, sind keine Verfahrenskosten zu erheben.  (Dispositiv nächste Seite)

D­3827/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen.  2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.  3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde.  Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Jacqueline Augsburger Versand:

D-3827/2011 — Bundesverwaltungsgericht 22.01.2012 D-3827/2011 — Swissrulings