Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 04.08.2011 D-311/2010

4 agosto 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,447 parole·~7 min·1

Riassunto

Asyl und Wegweisung (Beschwerden gegen Wiedererwägungsentscheid) | Wiedererwägung

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­311/2010 Urteil   v om   4 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Fulvio Haefeli (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richter Bruno Huber; Gerichtsschreiber Gert Winter. Parteien A._______, geboren (…), alias A._______, geboren (…), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Urs Ebnöther, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Wiedererwägung; Verfügung des BFM  vom 23. Dezember 2009 / N.

D­311/2010 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  Afghane  aus  Kabul,  zur  Volksgruppe  der  Qeselbash gehörend und schiitischen Glaubens, stellte am 15. Dezember  2006 ein Asylgesuch  in der Schweiz. Zu dessen Begründung machte er  im Wesentlichen geltend, er habe Afghanistan wenige Monate nach der  Machtübernahme  der  Taliban  verlassen  und  danach  acht  oder  neun  Jahre  lang  illegal  in Teheran gelebt. Dort habe er eine Liebesbeziehung  mit der Frau seines jüngeren Bruders gehabt. Als der Bruder nachts nach  Hause  gekommen  sei,  habe  er  sie  in  flagranti  ertappt.  Er  habe  das  Zimmer  durch das Fenster  verlassen, während  sein Bruder  die Ehefrau  verprügelt habe. In der Folge habe er Teheran umgehend verlassen und  sei  kurz  darauf  aus  dem  Iran  ausgereist,  weil  er  Angst  vor  der  Rache  seines Bruders gehabt habe. B.  B.a. Mit Verfügung vom 2. Februar 2007 lehnte das BFM das Asylgesuch  des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 7 des Asylgesetzes vom 26. Juni  1998  (AsylG, SR 142.31)  ab  und  ordnete  dessen Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie den Vollzug an. Das Bundesverwaltungsgericht wies die  am  2. März  2007  dagegen  erhobene  Beschwerde  mit  Urteil  vom  14. Januar 2009 (D­1631/2007) vollumfänglich ab.  In der Folge erwuchs  die angefochtene Verfügung der Vorinstanz in Rechtskraft. B.b. Am 12. Dezember 2009 verweigerte der Beschwerdeführer den von  SwissRepat organisierten Rückflug in den Heimatstaat. C.  C.a.  Am  14.  Dezember  2009  traf  beim  BFM  ein  Gesuch  vom  11.  Dezember  2009  um  Wiedererwägung  der  Verfügung  vom  2.  Februar  2007  bezüglich  des  Wegweisungsvollzugs  ein.  Darin  liess  der  Beschwerdeführer  die  Gewährung  der  vorläufigen  Aufnahme  infolge  Unzumutbarkeit,  allenfalls  infolge  Unzulässigkeit  des  Wegweisungsvollzugs  sowie  im  Sinne  einer  vorsorglichen  Massnahme  die Aussetzung des Wegweisungsvollzugs beantragen, wobei namentlich  das  Migrationsamt  des  Kantons  M._______  anzuweisen  sei,  von  jeglichen Vollzugsmassnahmen abzusehen.

D­311/2010 C.b. Mit Verfügung vom 23. Dezember 2009 – eröffnet am 28. Dezember  2009 – wies das BFM das Wiedererwägungsgesuch ab und stellte  fest,  die  Verfügung  vom  2.  Februar  2007  sei  rechtskräftig  und  vollstreckbar  und  einer  allfälligen  Beschwerde  komme  keine  aufschiebende Wirkung  zu. Gleichzeitig auferlegte das BFM dem Beschwerdeführer eine Gebühr  in der Höhe von Fr. 600.­. D.  Der  Beschwerdeführer  erhob mit  Eingabe  vom  18.  Januar  2010  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragte  in  materieller  Hinsicht  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  23.  Dezember  2009,  die  Gewährung  der  vorläufigen  Aufnahme  in  der  Schweiz  infolge  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs,  eventualiter  die  Rückweisung  der  Sache  an  die  Vorinstanz zur Neubeurteilung, und ersuchte in prozessualer Hinsicht um  Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde, um die  Anweisung  an  das  Migrationsamt  des  Kantons  M._______,  im  Sinne  einer  superprovisorischen  Massnahme  bis  zum  Entscheid  über  die  Wiederherstellung  der  aufschiebenden  Wirkung  von  jeglichen  Vollzugsmassnahmen  abzusehen,  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses und um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege  unter Beigabe eines Anwalts. Auf die Begründung und das eingereichte  Beweismittel  –  ein  Arztzeugnis  vom  21. Dezember  2009  –  wird,  soweit  wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. E.  E.a.  Mit  Zwischenverfügung  vom  22. Januar  2010  setzte  der  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  den  Vollzug  der  Wegweisung bis auf Weiteres aus und hiess das Gesuch um Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) unter der Voraussetzung des  Nachreichens  einer  Fürsorgebestätigung  sowie  unter  Vorbehalt  der  Veränderung  der  finanziellen  Lage  des  Beschwerdeführers  gut.  Das  Gesuch  um  Beigabe  eines  Anwalts  hingegen  wies  er  ab.  Gleichzeitig  forderte er den Beschwerdeführer auf, bis zum 8. Februar 2010 entweder  eine  Fürsorgebestätigung  nachzureichen  oder  einen  Kostenvorschuss  von Fr. 600.­ zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen.

D­311/2010 E.b. Mit Eingabe vom 25. Januar 2010  liess der Beschwerdeführer eine  Fürsorgebestätigung vom 21. Januar 2010 zu den Akten reichen. E.c. Am 3. August 2010 wurde der Beschwerdeführer im Zusammenhang  mit Hehlerei daktyloskopiert. E.d.  Mit  Eingabe  vom  6.  Juli  2011  liess  der  Beschwerdeführer  die  Anordnung eines Schriftenwechsels beantragen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Das  Bundesverwaltungsgericht  beurteilt  gemäss  Praxis  letztinstanzlich  auch  Beschwerden  gegen  Verfügungen,  in  denen  das  Bundesamt  es  ablehnt,  einen  früheren  Entscheid  auf  Gesuch  hin  in  Wiedererwägung zu ziehen, zumal die diesbezügliche Rechtslage  in der  vorliegenden und massgeblichen Konstellation  keine Änderung erfahren  hat. 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  und  Art. 108  Abs. 1  AsylG,  Art. 48  Abs. 1  sowie  Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.

D­311/2010 1.4. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.5. Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden  in der  Regel  in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen  (vgl. Art. 21  Abs. 1 VGG). 2.  Gestützt  auf  Art.  111a  Abs.  1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 3.  Ein  Anspruch  auf Wiedererwägung  besteht  unter  anderem  dann,  wenn  sich der rechtserhebliche Sachverhalt seit dem ursprünglichen Entscheid  beziehungsweise  seit  dem  Urteil  der  mit  Beschwerde  angerufenen  Rechtsmittelinstanz  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  [vormaligen]  Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  1995 Nr.  21  E.  1c  S.  204)  in  wesentlicher  Weise  verändert  hat  und  die  ursprüngliche  (fehlerfreie)  Verfügung  an  nachträglich  eingetretene  Veränderungen der Sachlage anzupassen ist (vgl. EMARK 2003 Nr. 7 E.  1 S. 42 f.). 4.  4.1.  Das  Bundesamt  trat  auf  das  Wiedererwägungsgesuch  des  Beschwerdeführers  ein  und  lehnte  es  ab.  Zur  Begründung  wurde  im  Wesentlichen  angeführt,  bezüglich  der  geltend  gemachten  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  sei  Folgendes  festzuhalten:  Gemäss  der  aktuellen  Lageeinschätzung  des  BFM  sei  die  allgemeine  Sicherheitslage  in  Afghanistan  zwar  angespannt.  Die  aufständischen  Kräfte  hätten  ihre  Aktivitäten  verstärkt.  Sie  hätten  ihren  Einfluss  besonders  in  den  südlichen und  südöstlichen Provinzen  sowie  teilweise  im  Norden  und  Westen  des  Landes  ausdehnen  können.  Die  internationale  Truppenpräsenz  sei  zahlenmässig  zu  schwach,  um  flächendeckend  wirksam  zu  sein.  Funktionierende  staatliche  Strukturen  seien in vielen Regionen noch kaum entwickelt. Dennoch könne nicht von  einer  konkreten  Gefährdung  der  gesamten  Bevölkerung  in  Afghanistan  oder  einer  Situation  allgemeiner  Gewalt  gesprochen  werden.  Trotz  vereinzelter Anschläge sei die Lage in den nördlichen Provinzen Parwan,  Baghlan,  Takhar,  Badakshan,  Balkh,  Sari  Pul  sowie  in  Kabul,  in  der 

D­311/2010 westlichen  Provinz  Herat  und  in  Bamiyan,  der  zentralen  Provinz  des  Hazarajat,  weiterhin  als  vergleichsweise  sicher  einzustufen.  In  diesen  Regionen  könne  nicht  von  einer  permanent  instabilen  Situation  gesprochen  werden.  Eine  Wegweisung  in  diese  Provinzen  sei  somit  grundsätzlich zumutbar. Abgesehen davon sprächen auch keine anderen  Gründe  gegen  eine  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  nach  Afghanistan.  Was  die  geltend  gemachten  gesundheitlichen  Probleme  angehe,  so  lasse  sich  dem ärztlichen Zeugnis  lediglich  entnehmen,  der  Beschwerdeführer sei wegen Arthrose, Schlafstörungen und psychischen  Störungen  in  ärztlicher  Behandlung.  Detaillierte  Angaben  bezüglich  der  psychischen Probleme fehlten. Wie den Akten zu entnehmen sei, stamme  der  Beschwerdeführer  aus  Kabul. Gemäss  den  Informationen  des  BFM  seien  in Kabul medizinische Einrichtungen vorhanden,  in denen sich die  angeführten  gesundheitlichen  Probleme  behandeln  liessen.  Zudem  verfüge  der  Beschwerdeführer  in  Kabul  über  ein  familiäres  tragfähiges  Beziehungsnetz,  das  ihm  bei  einer  Rückkehr  die  notwendige  Unterstützung geben könne, so dass er sich trotz seines Alters wieder in  die  afghanische  Gesellschaft  integrieren  könne.  Angesichts  dieser  Umstände sei die Wegweisung des Beschwerdeführers nach Afghanistan  als  zumutbar  einzustufen.  Zusammenfassend  sei  festzuhalten,  dass  keine  Gründe  vorlägen,  welche  die  Rechtskraft  der  Verfügung  vom  2.  Februar  2007  beseitigen  könnten.  Das  Wiedererwägungsgesuch  sei  deshalb abzuweisen. 4.2.  Demgegenüber  brachte  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Rechtsmitteleingabe  im Wesentlichen  vor,  die  Vorinstanz  habe  in  ihren  Erwägungen die aktuelle Sicherheitslage  in Afghanistan verkannt. Diese  habe sich nämlich  in den  letzten  Jahren dramatisch  verschlechtert. Wie  sich  als  Schlussfolgerung  aus  zahlreichen  Berichten  ergebe,  habe  das  BFM die jüngste Entwicklung der Situation in Afghanistan nicht genügend  berücksichtigt. Die Unsicherheit habe sich in Afghanistan flächendeckend  und  insbesondere auch  in Kabul massiv  verstärkt. Die Gefahr,  jederzeit  bei  einem  Anschlag  verletzt  oder  gar  getötet  zu  werden,  sei  auch  für  Zivilisten  real  und  stets  präsent.  Was  die  persönliche  Situation  des  Beschwerdeführers  anbelange,  so  müsse  dieser  angesichts  seines  Jahrgangs  1951  als  ein  für  afghanische  Verhältnisse  sehr  alter  Mann  eingestuft  werden.  Dementsprechend  sei  eine  Wegweisung  nach  Afghanistan  für  ihn  bereits  gemäss  EMARK  2006  Nr.  9  unzumutbar.  Zudem sei der Beschwerdeführer nicht nur nicht jung, sondern leide auch  an  gesundheitlichen  Problemen,  nämlich  an  Arthrose  sowie  an  psychischen Störungen, weshalb  er  sich  aktuell  in  Behandlung  befinde. 

D­311/2010 Entgegen  der  Ansicht  der  Vorinstanz  könne  nicht  ohne  Weiteres  angenommen werden, dass die erforderlichen Behandlungsmöglichkeiten  in Kabul vorhanden seien. 4.3.  Gemäss  Art.  83  Abs.  4  des  Bundesgesetzes  vom  16.  Dezember  2005 über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG, SR 142.20) kann der  Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  aufgrund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme anzuordnen  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 4.3.1. Die vormalige Schweizerische Asylrekurskommisson  (ARK) setzte  sich  in  ihrer  Rechtsprechung  mehrmals  eingehend  mit  der  Lage  in  Afghanistan auseinander, äusserte sich zu verschiedenen Provinzen des  Landes und stellte namentlich die Unterschiede zwischen der Hauptstadt  Kabul und anderen Regionen Afghanistans dar. Dabei erkannte die ARK  im  Jahre  2003  den  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  –  infolge  der  vergleichsweise  günstigeren  Situation  –  unter  bestimmten  strengen  Voraussetzungen,  insbesondere  eines  tragfähigen  Beziehungsnetzes,  der  Möglichkeit  der  Sicherung  des  Existenzminimums  und  einer  gesicherten Wohnsituation,  als  zumutbar  (vgl. EMARK 2003 Nr.  10 und  Nr.  30).  Im  Jahre  2006  bestätigte  die  ARK  ihre  Rechtsprechung  (vgl.  EMARK  2006  Nr.  9),  wobei  –  zusätzlich  zu  Kabul  –  der  Wegweisungsvollzug  in  weitere,  abschliessend  aufgeführte  Provinzen  (Parwan, Baghlan, Takhar, Badakhshan, Kunduz, Balkh, Sari Pul, Herat  und die Gegend von Samangan, die nicht  zum Hazarajat  zu zählen  ist)  unter den  in EMARK 2003 Nr. 10 erwogenen strengen Bedingungen als  zumutbar  erklärt wurde. Betreffend  die  übrigen  östlichen,  südlichen  und  südöstlichen  Provinzen  stellte  die  ARK  demgegenüber  fest,  dass  dort  weiterhin  eine  allgemeine  Gewaltsituation  herrsche,  weshalb  der  Wegweisungsvollzug dorthin nach wie vor als unzumutbar zu betrachten  sei  (vgl.  EMARK  2006  Nr.  9  E. 7.5.3  und  7.8).  Diese  Praxis  der  ARK  wurde  vom  Bundesverwaltungsgericht  bis  vor  kurzem  im Wesentlichen  weitergeführt. 4.3.2. Aufgrund einer zunehmenden Verschlechterung der Verhältnisse in  Afghanistan  unterzog  das  Bundesverwaltungsgericht  die  bisherige  Rechtsprechung  einer  eingehenden  Prüfung.  Dabei  gelangte  es  im 

D­311/2010 Rahmen einer erneuten Lageanalyse zum Schluss, dass  im Verlauf der  letzten  Jahre  die  allgemeine  Sicherheitslage  in  Afghanistan  über  alle  Regionen  hinweg  –  inklusive  der  urbanen  Zentren  und  der  Hauptstadt  Kabul  –  deutlich  schlechter  geworden  ist  (vgl.  dazu  zur  Publikation  vorgesehenes Urteil BVGE E­7625/2008 vom 16. Juni 2011 E. 9.1 ­ 9.7).  Parallel  zur  allgemeinen  Sicherheitslage  hat  sich  namentlich  auch  die  humanitäre Situation in Afghanistan verschlechtert, wobei aber erhebliche  Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Gebieten festzustellen  sind. Erweisen sich zum heutigen Zeitpunkt die Verhältnisse in ländlichen  Gebieten  grossmehrheitlich  als  prekär,  so  ist  zumindest  in  Kabul  eine  deutlich bessere Situation anzutreffen,  zumal sich dort nach den  letzten  Jahren auch die Sicherheitslage wieder stabilisiert hat (vgl. a.a.O., E. 9.8  ­  9.9).  Unter  Berücksichtigung  der  gesamten  Umstände  erachtet  das  Bundesverwaltungsgericht  den  Wegweisungsvollzug  nach  Afghanistan  nur  als  zumutbar,  wenn  sich  im  Einzelfall  erweist,  dass  die  betroffene  Person in Kabul sozial vernetzt ist, sie also über ein tragfähiges soziales  Netz im Sinne der bisherigen strengen Anforderungen nach EMARK 2003  Nr. 10 verfügt. Offengelassen wurde vom Bundesverwaltungsgericht, ob  betreffend  die  Städte  Herat  und  Mazar­i­Sharif  in  gleicher  Weise  zu  entscheiden  wäre,  womit  aber  gleichzeitig  festgestellt  wurde,  dass –  ausser  in  Kabul  und  allenfalls  auch  in  diesen  beiden  Städten  –  in  den  meisten Gebieten von einer existenzbedrohenden Situation im Sinne von  Art. 83 Abs. 4 AuG auszugehen ist. 4.3.3. Der mittlerweile 60­jährigeBeschwerdeführer, der von Geburt an bis  1996 oder 1997 in Kabul lebte, macht namentlich geltend, er verfüge dort  nicht mehr  über  ein  tragfähiges Beziehungsnetz, weil  er  sich nach dem  bekannt gewordenen Verhältnis mit der Schwägerin nicht mehr bei seiner  Familie  blicken  lassen  könne.  Indessen  handelt  es  sich  bei  diesem  Vorbringen  keineswegs  um  ein  solches,  das  eine  wesentliche  Veränderung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  seit  dem  ursprünglichen Entscheid zum Gegenstand hat. Vielmehr wurde bereits in  der Verfügung des BFM vom 2. Februar 2007 in diesem Zusammenhang  unter  anderem  festgehalten,  in  der  patriarchalischen  afghanischen  Gesellschaft gelte die Schande und die Rache der Frau. Ausserdem gehe  dieser  Standpunkt  auch  aus  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers  hervor,  der  seiner  Schwägerin  die  gesamte  Verantwortung  für  die  aufgeflogene  Liebesbeziehung  zugeschrieben  habe.  Schon  aus  diesem  Grunde  erscheine  es  als  unglaubhaft,  wenn  der  Beschwerdeführer  geltend mache, er sei nach der Entdeckung der Affäre unversehens aus  Teheran abgereist und habe sich zu einem Freund begeben, von dem er 

D­311/2010 sich  sein  gesamtes Vermögen habe auszahlen  lassen,  um es  für  seine  Reise  in  die  Schweiz  auszugeben,  ohne  sich  vorher  im  Mindesten  darüber  zu  informieren, wie  sich  sein  zweiter  Bruder,  der  in Kabul  lebe  und als  (…)  tätig sei, zur ganzen Sache stelle. Schliesslich müsse auch  gesagt  werden,  dass  der  Beschwerdeführer  das  älteste  männliche  Mitglied  der  Familie  und  somit  das  Familienoberhaupt  sei,  dem  in  afghanischen  Verhältnissen  auf  jeden  Fall  Respekt  gezollt  werden  müsse. Der Beschwerdeführer habe  ferner  lange Jahre  in Kabul  im  (…)  gestanden  und  verfüge  somit  über  Beziehungen,  ohne  die  er  sich  während  der  wechselnden  Machtverhältnisse  von  Mitte  siebziger  Jahre  bis Mitte neunziger Jahre kaum hätte halten können. In Bezug auf diesen  bereits  seit  Jahren  feststehenden  Sachverhalt  wird  im  Wiedererwägungsgesuch  keine wesentlich  veränderte  Sachlage  geltend  gemacht.  Stattdessen  lässt  der  Beschwerdeführer  Bezug  auf  die  Rechtsprechung  der  vormaligen  ARK  und  des  Bundesverwaltungsgerichts nehmen. Indessen hält auch das vorstehend  erwähnte  zur  Publikation  vorgesehene  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­7625/2008  vom  16. Juni  2011  an  der  grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Kabul fest,  weil  dort  weiterhin  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht.  Dementsprechend  kann  sich  der  Beschwerdeführer  weder  auf  eine  Veränderung  der  Sicherheitslage  in  Kabul  noch  auf  Veränderungen  berufen, welche sein soziales Netz in Kabul betreffen. Auch das Alter des  Beschwerdeführers  hat  sich  seit  dem  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  14.  Januar  2009  nicht  erheblich  geändert;  ebenso  wenig  kann  er  als  "alt"  im  Sinne  von  gebrechlich  bezeichnet werden. Sodann ist keine wesentliche Veränderung bezüglich  seines  Gesundheitszustands  zu  erkennen,  äusserte  er  doch  schon  anlässlich der Anhörung vom 26. Januar 2007 durch das BFM suizidale  Gedanken  (A7/7  R58  S. 6),  die  denn  auch  –  wie  schon  das  Alter  des  Beschwerdeführers  –  bereits  im  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  14. Januar  2009  in  die  Erwägungen  einbezogen  wurden.  Dementsprechend  lässt  auch  die  im  wenig  substanziierten  Arztzeugnis  vom  21. Dezember  2009  erwähnte  Behandlung  von  Arthrose,  Schlafstörungen  und  psychischen  Störungen  durch  einen  Facharzt  für  Innere  Medizin  FMH  keine  wesentlich  veränderte  Sachlage  erkennen,  zumal  die  diagnostizierten  Krankheiten  zum  einen  auch  in  Kabul  ohne  weiteres  fachgerecht  behandelt  werden  können,  und  die  Behandlungen  zum anderen dem Beschwerdeführer auch dort zugänglich sind, gilt doch  die  finanzielle Situation der Familie als eher günstig  (A1/10 S. 2  f., A7/7  R43  S. 5).  Dementsprechend  ist  der  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul 

D­311/2010 auch  im  Lichte  der  aktuellen  Rechtsprechung  zu  Afghanistan  als  zumutbar zu erachten. 4.3.4. Zusammenfassend  ist demnach  festzuhalten, dass die Vorinstanz  zu  Recht  das  Wiedererwägungsgesuch  des  Beschwerdeführers  abgewiesen  hat,  weshalb  der  Eventualantrag,  die  Sache  sei  zur  Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, abzuweisen ist. 5.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Verfügung  des Bundesamtes ist demzufolge zu bestätigen und die Beschwerde vom  18. Januar 2010 abzuweisen. 6.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  und  5  VwVG).  Da  er  indessen eine Fürsorgebestätigung nachreichen  liess und somit die  ihm  mit  Zwischenverfügung  vom  22.  Januar  2010  auferlegte  Bedingung  erfüllte, wurde ihm die unentgeltliche Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1  VwVG  gewährt.  Demnach  sind  dem  Beschwerdeführer  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite)

D­311/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten gesprochen. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Fulvio Haefeli Gert Winter Versand:

D-311/2010 — Bundesverwaltungsgericht 04.08.2011 D-311/2010 — Swissrulings