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Bundesverwaltungsgericht 22.12.2011 D-1714/2009

22 dicembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,721 parole·~14 min·3

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 11. Februar 2009

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­1714/2009 law/auj/sed Urteil   v om   2 2 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richter Kurt Gysi, Richter Fulvio Haefeli;  Gerichtsschreiberin Jacqueline Augsburger. Parteien A._______, geboren am […],  und ihr Kind B._______, geboren am […],  Côte d'Ivoire, vertreten durch Hans­Willy Balmer, Fürsprecher,  […], Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 11. Februar 2009 / N […]. 

D­1714/2009 Sachverhalt: A.  Die Beschwerdeführerin – eine ivorische Staatsangehörige aus Abidjan –  reiste  eigenen  Angaben  zufolge  am  16. November  2007  in  Begleitung  des Freundes eines  verstorbenen Onkels  auf  dem Luftweg  von Abidjan  nach Casablanca. Von dort  flog sie alleine weiter nach Genf, wo sie am  folgenden  Tag  mit  einem  gefälschten  ivorischen  Pass  in  die  Schweiz  einreiste.  Am 19. November  2007  suchte  sie  in Vallorbe  um Asyl  nach.  Anlässlich der Befragung zur Person  (BzP)  vom 29. November 2007  im  Empfangs­  und Verfahrenszentrum  (EVZ)  Vallorbe  erhob  das  BFM  ihre  Personalien  und  befragte  sie  summarisch  zum  Reiseweg  und  zu  den  Gründen  für  das  Verlassen  des  Heimatlandes.  Am  12. Dezember  2007  hörte  das Bundesamt  die Beschwerdeführerin  zu  ihren Asylgründen an.  Mit Verfügung vom 14. Dezember 2007 wies das BFM sie  für die Dauer  des Asylverfahrens dem Kanton Z._______ zu.  B.  Zur Begründung des Asylgesuchs machte die Beschwerdeführerin – nach  eigenen Angaben eine Christin evangelischer Konfession und Angehörige  der  Ethnien  der  Baule  und  Djimini  –  im  Wesentlichen  geltend,  ihr  Heimatland  im  Alter  von  21  Jahren  aus  Angst  vor  einer  drohenden  Genitalverstümmelung verlassen zu haben. Ihre Familie mütterlicherseits  habe an ihr als kleines Mädchen eine Exzision vornehmen lassen wollen,  doch  habe  ein  einflussreicher  und  gebildeter  Onkel  mütterlicherseits,  welcher  sich  anstelle  des  Vaters  um  die  Familie  gekümmert  habe  und  gegen  diese  Praxis  gewesen  sei,  sie  davor  bewahren  können.  Im April  2007 sei dieser Onkel gestorben, und im August desselben Jahres habe  ihre  Mutter  sie  während  der  Schulferien  zur  Grossmutter  in  deren  Heimatdorf  geschickt.  Da  sie  die  Sprache  der  Grossmutter  –  Djimini –  nicht  verstehe,  habe  sie  nicht  gewusst,  dass  ihre  Beschneidung  vorbereitet  worden  sei.  Um  den  20. September  2007  habe  ein  Cousin  mütterlicherseits, welcher ebenfalls im Dorf seine Ferien verbracht habe,  sie über die geplante Exzision  informiert und  ihr bei der Flucht aus dem  Dorf  nach  Abidjan  geholfen.  Als  sie  zunächst  zu  ihrer  Mutter  zurückgekehrt  sei,  habe  diese  ihr  befohlen,  sich  wieder  ins  grossmütterliche  Dorf  zu  begeben  und  sich  dort  der  Exzision  zu  unterziehen. Deshalb habe sie bei einer Freundin  im Stadtteil Yopougon  Unterschlupf  gesucht.  Als  ihr  Vater  nach  zwei  oder  drei  Tagen  bei  den  Behörden  eine  Suchanzeige  („avis  de  recherche“)  aufgegeben  habe,  habe ihre Freundin sie vor die Türe gesetzt, um Probleme mit der Polizei 

D­1714/2009 zu  vermeiden.  Sie  habe  sich  dann  zur  Freundin  ihres  verstorbenen  Onkels  begeben  und  mit  deren  Vermittlung  einen  Freund  des  Onkels  kennengelernt, welcher ihre Ausreise organisiert sowie finanziert und sie  am 16. November 2007 nach Casablanca begleitet habe.  C.  Mit  Verfügung  vom  11. Februar  2009  –  eröffnet  am  13. Februar  2009 –  stellte  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeführerin  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft nicht, und  lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig  verfügte  es  die Wegweisung  aus  der Schweiz  und  ordnete  den Vollzug  der Wegweisung an.  D.  Gegen diesen Entscheid  liess die Beschwerdeführerin mit Eingabe  ihres  Rechtsvertreters  vom  16. März  2009  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erheben  und  beantragen,  es  sei  die  vorinstanzliche  Verfügung  aufzuheben  und  die  Sache  zur  Neubeurteilung  an  das  BFM  zurückzuweisen;  eventualiter  sei  die  Verfügung  aufzuheben  und  der  Beschwerdeführerin Asyl  zu gewähren.  In  verfahrensrechtlicher Hinsicht  liess sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne von  Art. 65 Abs. 1 und Abs. 2 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968  über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) ersuchen und eine  Fürsorgebestätigung in Aussicht stellen.  E.  Mit  Verfügung  vom  16. März  2009  bestätigte  das  Bundesverwaltungsgericht den Eingang der Beschwerde.  F.  Der  Instruktionsrichter  hiess  mit  Verfügung  vom  27. März  2009  das  Gesuch  um Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  gut  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses;  das  Gesuch  um  Gewährung  eines  unentgeltlichen  Rechtsbeistandes  (Art. 65 Abs. 2 VwVG) wies  er  ab. Gleichzeitig  lud  er  die Vorinstanz zur Vernehmlassung zur Beschwerde ein.  G.  Das BFM beantragte  in  seiner Vernehmlassung  vom 31. März 2009 die  Abweisung  der  Beschwerde.  Die  Stellungnahme  wurde  der  Beschwerdeführerin am 1. April 2009 zur Kenntnisnahme zugestellt. 

D­1714/2009 H.  Am […] gebar die Beschwerdeführerin ihren Sohn B._______.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde; es  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).  1.2. Das während des Verfahrens geborene Kind B._______ wird in das  vorliegende Beschwerdeverfahren einbezogen.  1.3. Die  Beschwerdeführenden  sind  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 37  VGG,  Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Auf  die  frist­  und  formgerecht  (Art. 108  Abs. 1  AsylG;  Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereichte  Beschwerde ist einzutreten.  2.  Mit Beschwerde  können die Verletzung  von Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).  3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete 

D­1714/2009 Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen  (Art. 3 AsylG).  3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.   4.1. Das BFM hielt zur Begründung seines ablehnenden Asylentscheides  fest,  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  hielten  den Anforderungen  an die Glaubhaftmachung der Flüchtlingseigenschaft  (Art. 7 AsylG) nicht  stand,  so  dass  ihre  asylrechtliche  Relevanz  (Art. 3  AsylG)  nicht  geprüft  werden müsse.  Im Einzelnen führt es aus, die Beschwerdeführerin habe  widersprüchliche Angaben zum Zeitpunkt gemacht, an welchem sie von  ihrem  Cousin  von  der  bevorstehenden  Genitalverstümmelung  erfahren  habe  (am 20. September  2007  respektive  zirka Mitte September  2007),  zum Ort, an den sie sich nach der Rückkehr aus dem grossmütterlichen  Dorf  nach  Abidjan  zuerst  begeben  habe  (zu  einer  Freundin  oder  den  Eltern)  sowie  zur  Dauer  ihres  anschliessenden  Aufenthaltes  bei  einer  Freundin  im  Stadtteil  Yopougon  (zwei  bis  drei  Tage  beziehungsweise  zwei  Wochen).  Ferner  seien  ihre  Aussagen  zur  geplanten  Genitalverstümmelung  sowie  zum  Umgang  mit  diesem  Thema  in  ihrer  Familie  zu  allgemein  ausgefallen.  So  habe  sie  keine  konkreten  Informationen über Zeitpunkt und Ort der geplanten Beschneidung sowie  zur  Anzahl  durchführender  Personen  und  deren  Geschlecht  machen  können.  Da  ihr  Cousin  sie  über  die  angeblich  bevorstehende  Beschneidung informiert habe, hätte sie in der Lage sein sollen, darüber  weit detaillierter und sachbezogener Auskunft zu erteilen. Auch habe sie  weder Informationen zur Beschneidung ihrer Mutter noch darüber geben  können,  wie  dieses  Thema  in  ihrer  Familie  besprochen worden  sei.  Ihr  Verhalten  widerspreche  sodann  der  allgemeinen  Erfahrung  oder  der  Logik  des  Handelns.  Die  Rückkehr  nach  der  Flucht  aus  dem  grossmütterlichen Dorf zu ihren Eltern nach Abidjan entspreche in keiner 

D­1714/2009 Art und Weise dem Verhalten einer tatsächlich verfolgten Person, hätten  doch gerade diese sie zur Beschneidung  ins Dorf geschickt. Zudem sei  nicht  nachvollziehbar,  dass die 21­jährige, mündige Beschwerdeführerin  mit mehrjähriger Schulbildung sich ohne Rückfragen zu ihrer Grossmutter  begeben habe und die angeblich geplante Beschneidung ohne Weiteres  über sich hätte ergehen lassen.  4.2.  In  der  Beschwerde  wird  demgegenüber  geltend  gemacht,  die  Würdigung der Verfolgungsvorbringen der Beschwerdeführerin durch das  BFM  sei  willkürlich.  Die  Vorbringen  hielten  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  gemäss  Art. 7  AsylG  stand,  und  deren  asylrechtliche  Relevanz  sei  durch  die  Vorinstanz,  eventualiter  die  Beschwerdeinstanz  zu prüfen.  4.2.1. Entgegen den vorinstanzlichen Erwägungen  in der angefochtenen  Verfügung  habe  die  Beschwerdeführerin  weder  an  der  BzP  gesagt,  genau  am  20. September  2007  von  der  bevorstehenden  Beschneidung  erfahren zu haben, noch habe sie an der Anhörung zu Protokoll gegeben,  dies sei zirka zwei Monate nach  ihrer Ankunft  im Dorf  (somit etwa Mitte  September) geschehen. Vielmehr habe sie an der BzP gesagt, sie habe  dies „vers le 20 septembre 2007 environ“ vernommen (vgl. BFM­act. A1/8  S. 4),  sowie  an  der  Anhörung  angegeben,  sie  habe  davon  zirka  zwei  Wochen  nach  Ankunft  des  Cousins  im  Dorf  –  nicht  nach  ihrer  eigenen  Ankunft  –  erfahren,  und  das  Dorf  „vers  le  20  du  mois  de  septembre“  verlassen (act. A7/15 S. 5). Auch wenn man den Berechnungen des BFM  folgte, ergäbe sich nur eine Abweichung von fünf Tagen, was angesichts  der  relativen  Angaben  der  Beschwerdeführerin  nicht  als  wesentlicher  Widerspruch bezeichnet werden könne. Auf die Frage des BFM, wo sie  zwischen  Ende  August  2007  und  dem  16. November  2007  (Ausreisedatum)  gewohnt  habe,  habe  die  Beschwerdeführerin  geantwortet, sie habe sich nach der Flucht aus dem Dorf zunächst bei der  Freundin  in  Yopougon  und  danach  bis  zur  Ausreise  in  Treichville  aufgehalten (act. A1/8 S. 1 f.). Sie habe bei keiner Befragung gesagt, sie  sei  nach  der  Rückkehr  aus  dem  Dorf  bei  ihrer  Mutter  geblieben  ("séjourné")  (act.  A1/8  S. 2,  A7/15  S. 9),  und  sie  habe  ihren  Fluchtweg  übereinstimmend beschrieben. Hinsichtlich der Aufenthaltsdauer  bei  der  Freundin  im  Stadtteil  Yopougon  habe  die  Beschwerdeführerin  nie  angegeben,  die  Freundin  habe  sie  unmittelbar  nach  der  vom  Vater  aufgegebenen Suchanzeige,  also  bereits  nach  zwei  bis  drei  Tagen,  vor  die  Türe  gesetzt.  Der  genaue  Zeitpunkt,  an  dem  sie  die Wohnung  der  Freundin  habe  verlassen  müssen,  lasse  sich  aufgrund  der  Akten  nicht 

D­1714/2009 eruieren.  Anlässlich  der  Anhörung  habe  die  Beschwerdeführerin  den  angeblichen  Widerspruch  in  ihren  Aussagen  ausgeräumt  (act. A7/15  S. 10,  Antwort  auf  Frage  107), was  das BFM  in  seiner Verfügung  nicht  berücksichtigt habe.  4.2.2.  Der  Einschätzung  des  BFM,  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  seien  wenig  detailliert  ausgefallen  und  damit  nicht  hinreichend  begründet,  wird  in  der  Beschwerde  entgegengehalten,  sie  habe  glaubhaft  und  vom  Bundesamt  nicht  bestritten  erklärt,  dass  die  Vorbereitungen und die Umstände der  geplanten Genitalverstümmelung  geheimgehalten  worden  seien,  weshalb  von  ihr  nicht  erwartet  werden  könne,  sich  zu  den Einzelheiten  zu  äussern. Die Vorinstanz  habe  nicht  dargelegt,  weshalb  der  Cousin  als  Mann  besser  als  die  Beschwerdeführerin informiert gewesen sein sollte, sei die Tatsache doch  notorisch,  dass  die Genitalverstümmelung  in  afrikanischen  Ländern  von  Frauen  praktiziert  werde.  Sodann  gehe  es  vorliegend  um  die  der  Beschwerdeführerin drohende Beschneidung, und nicht um diejenige der  Mutter  oder  um  die  Praxis  der  Genitalverstümmelung  allgemein.  Entgegen  der  Ansicht  des  BFM  habe  die  Beschwerdeführerin  über  die  Haltung  ihrer  Mutter  zu  dieser  Thematik  detailliert  Auskunft  erteilt  (vgl.  act. A7/15 S. 5 [recte: 6 f.], Antworten auf die Fragen 64 sowie 69 bis 71).  Sie  habe  ferner  auch  erklärt,  weshalb  man  ihre  Meinung  zu  sie  betreffenden Themen nicht eingeholt habe (act. A7/15 S. 5, Antworten auf  die  Fragen  70  und  73),  was  das BFM  in  der  angefochtenen Verfügung  nicht berücksichtigt habe.  4.2.3.  Schliesslich  wird  in  der  Beschwerde  geltend  gemacht,  mit  der  Aussage  des  BFM,  wonach  die  Rückkehr  der  Beschwerdeführerin  zu  ihren  Eltern  nach  der  Flucht  aus  dem  Dorf  der  allgemeinen  Lebenserfahrung  oder  der  Logik  des  Handelns  widerspreche,  verkenne  dieses  die  emotionalen  Bindungen  zwischen  afrikanischen  Kindern  und  ihren  Eltern,  welche  nur  unter  sehr  gravierenden  Umständen  aufgelöst  würden.  Vor  der  Rückkehr  nach  Hause  habe  die  Beschwerdeführerin  nicht  wissen  können,  ob  ihre  Mutter  an  den  Vorbereitungen  der  Grossmutter  zur  Beschneidung  der  Tochter  beziehungsweise  Enkelin  beteiligt  gewesen  sei.  Der  ihr  von  der  Mutter  mitgeteilte  Wunsch  der  Grossmutter,  ihre  Enkelin  zu  sehen,  sei  ausserdem  nicht  der  einzige  Beweggrund  für  die  Reise  ins  Dorf  gewesen;  die  Beschwerdeführerin  habe  anlässlich  der  Anhörung weitere Gründe  für  den  Besuch  genannt  (act. A7/15 S. 5, Antwort auf Frage 49). Bei einer Gesamtbetrachtung der 

D­1714/2009 Motive  sei  das  Verhalten  der  Beschwerdeführerin  logisch  und  verständlich.  5.   5.1. Zunächst  ist  festzuhalten,  dass die ausschliesslich auf Art. 7 AsylG  gestützten Erwägungen der Vorinstanz zur Begründung des ablehnenden  Asylentscheides einer gerichtlichen Überprüfung nicht standhalten. Die in  der  angefochtenen  Verfügung  genannten  Unglaubhaftigkeitselemente  werden  in  der  Beschwerde  grösstenteils  überzeugend  widerlegt.  Das  BFM  äussert  sich  in  seiner  Vernehmlassung  nicht  dazu.  Da  der  Sachverhalt  jedoch  im  Hinblick  auf  die  Beurteilung  einer  allfälligen  asylrechtlichen  Relevanz  der  Verfolgungsvorbringen  hinreichend  erstellt  ist,  besteht  keine  Veranlassung,  die  Sache  zur  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen,  weshalb  der  diesbezügliche  Kassationsantrag abzuweisen ist.  5.2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die  Unangemessenheit  gerügt  werden  (Art. 106  Abs. 1  AsylG).  Das  Bundesverwaltungsgericht  kann  den  angefochtenen  Entscheid  jedoch  ungeachtet  der  erhobenen  Rügen  grundsätzlich  in  vollem  Umfang  überprüfen.  Es  stellt  den  Sachverhalt  von  Amtes  wegen  fest  (Art. 12  VwVG)  und  wendet  das  Recht  von  Amtes  wegen  an  (Art. 62  Abs. 4  VwVG).  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  demzufolge  verpflichtet,  auf  den  festgestellten  Sachverhalt  jene  Rechtsnormen  anzuwenden,  die  es  als zutreffend erachtet, und  ihnen  jene Auslegung zu geben, von der es  überzeugt ist. Es kann deshalb die Entscheidbegründung des BFM durch  eine andere ersetzen und eine Beschwerde aus andern Überlegungen als  jenen des BFM abweisen (sog. Motivsubstitution; vgl. MADELEINE CAMPRUBI  in: AUER/MÜLLER/SCHINDLER [HRSG.], VwVG, Kommentar zum Bundesgesetz  über das Verwaltungsverfahren, Zürich/St. Gallen 2008, N 15 zu Art. 62  VwVG;  ALFRED  KÖLZ/ISABELLE  HÄNER,  Verwaltungsverfahren  und  Verwaltungsrechtspflege  des Bundes,  2.  Aufl.,  Zürich  1998,  S. 240, Rz.  677, BVGE 2007/41 E. 2 S. 529 f.). 5.3. In Côte d'Ivoire haben beinahe 40% der Frauen eine der drei Formen  der Genitalverstümmelung erlitten. Am weitesten verbreitet  ist die Praxis  im  Norden  (87,8 %),  Nordwesten  (87,9%)  und  im  Westen  des  Landes  (73,3%),  doch  ist  die  Beschneidung  aufgrund  der  massiven  Migrationsbewegungen  der  letzten  Jahre  zunehmend  auch  zu  einem  städtischen  Phänomen  geworden.  Die  Verbreitung  der  Praxis  und  das 

D­1714/2009 Risiko,  einer  solchen  ausgesetzt  zu  sein,  variiert  ferner  stark  nach  der  ethnischen  Herkunft  und  der  Religionszugehörigkeit  sowie  der  Schulbildung  der  Mütter  und  ihrer  Töchter.  Während  bei  manchen  Ethnien  und  Sprachgruppen  über  70%  der  Frauen  Opfer  einer  Genitalverstümmelung geworden sind – etwa bei den nördlichen Mande  (Malinke, Foula, Bambara, Dioula) und bei Angehörigen der  voltaischen  Sprachgruppen (unter anderen Senoufo und Djimini), – sind bei anderen  Ethnien nur wenige Mädchen und Frauen betroffen, so etwa 2% bei den  Akan, zu denen die Baule gehören. Am weitesten verbreitet ist die Praxis  in Côte  d'Ivoire mit  78% unter muslimischen Frauen, während  nur  19%  der  Katholikinnen  und  13%  der  Protestantinnen  beschnitten  sind.  Das  Risiko,  eine  Genitalverstümmelung  zu  erleiden,  ist  für  Töchter  von  protestantischen und katholischen Müttern mit  6% beziehungsweise 8%  bedeutend  tiefer  als  für  Töchter muslimischer Mütter mit  46%.  61% der  Frauen  ohne  Schulbildung  sind  beschnitten;  bei  den  Frauen  mit  einer  Sekundarschulbildung  sind  es  17%.  Frauen,  welche  in  städtischer  Umgebung  leben  und  über  eine  höhere  Schulbildung  verfügen,  lehnen  eine  Beschneidung  ihrer  Töchter  eher  ab  als  Frauen  aus  ländlichen  Gegenden  und  mit  geringer  Schulbildung.  49%  der  beschnittenen  Mädchen erlitten die Prozedur bis im Alter von fünf Jahren, und 78% bis  im Alter von neun Jahren, 2% waren über 15 Jahre alt. Wie viele Frauen  sich einer Genitalverstümmelung erst  im Erwachsenenalter  unterziehen,  sei  es  freiwillig  oder  unter  Zwang,  ist  nicht  bekannt.  Anlass  zu  einer  Beschneidung  als  volljährige  Frau  kann  eine  bevorstehende  Eheschliessung  sein,  wobei  der  Druck  meistens  von  der  Familie  des  Bräutigams  ausgeht.  Die  Genitalverstümmelung  ist  in  Côte  d'Ivoire  seit  1998  gesetzlich  verboten.  Die  Regierung  engagiert  sich  in  Zusammenarbeit  mit  den  Vereinten  Nationen  und  lokalen  Frauenorganisationen  für  die  Abschaffung  der  Praxis,  und  die  Anzahl  beschnittener  Frauen  sinkt  kontinuierlich  (vgl.  IRIN  Africa,  humanitarian  news  and  analysis,  a  service  of  the  UN  Office  for  the  Coordination  of  Humanitarian  Affairs,  "Côte  d'Ivoire:  Zero  tolerance  of  FGM/C",  31. Mai  2010,  UK  Border  Agency,  Female  Genital  Mutilation  [FGM],  Country  of  Origin  Information Report, 20. Juni 2008, UNICEF Côte d'Ivoire, Female  Genital Mutilation/Cutting Fact Sheet, April 2007, UNICEF, Côte d'Ivoire  Female Genital Mutilation/Cutting Country Profile, November 2005, U.S.  Department of State, Côte d'Ivoire: Report on Female Genital Mutilation  [FGM] or Female Genital Cutting [FGC], 1. Juni 2001.  5.4. 

D­1714/2009 5.4.1.  Zwar  sind  Statistiken  zur  Genitalverstümmelung  mit  Vorsicht  zu  geniessen, doch geben sie vorliegend einige nützliche Anhaltspunkte zur  Einschätzung des Risikos beziehungsweise der Wahrscheinlichkeit einer  der  Beschwerdeführerin  in  ihrem  Heimatland  drohenden  Genitalverstümmelung.  5.4.2. Die  im  Zeitpunkt  der  Ausreise  21­jährige  Beschwerdeführerin  ist  eigenen  Angaben  zufolge  Christin  evangelischer  Konfession  (vgl.  act.  A1/8  S. 2).  Ihre  ethnische Herkunft  gibt  sie  als  Baule­Djimini  an,  wobei  aus  den  Akten  zu  schliessen  ist,  dass  sie  eher  der  Ethnie  der  Baule  zuzurechnen ist als derjenigen der Djimini. Ihren Angaben zufolge ist die  Grossmutter  mütterlicherseits  eine  Djimini  (act.  A7/15  S. 5),  der  Grossvater mütterlicherseits ein Baule (act. A7/15 S. 8, Antwort zu Frage  82),  ihre  Mutter  somit  je  zur  Hälfte  Baule  und  Djimini.  Die  Beschwerdeführerin  bezeichnet  Französisch  als  ihre Muttersprache  und  spricht  Baule  (act.  A1/8  S. 2);  Djimini  versteht  und  spricht  sie  eigenen  Angaben  zufolge  nicht  (act.  A1/8  S. 4,  A7/15  S. 5).  Sowohl  hinsichtlich  ihrer  ethnischen  Herkunft  als  auch  der  Religionszugehörigkeit  ist  das  Risiko  einer  Beschneidung  für  die  Beschwerdeführerin  als  eher  gering  einzustufen (vgl. E. 5.3). Die Beschwerdeführerin besuchte die Schule bis  kurz  vor  dem  Abitur  (act.  A7/15  S. 2)  und  verfügt  damit  über  eine  überdurchschnittliche  Schulbildung.  Sie  ist  in  Abidjan  geboren  und  aufgewachsen und hat ihr ganzes bisheriges Leben bis zur Ausreise dort  gelebt.  Zwar  vertritt  ihre  Mutter,  die  über  keine  Schulbildung  verfügt,  hinsichtlich der Genitalverstümmelung ähnlich traditionelle Ansichten wie  die  Grossmutter,  welche  im  Dorf  Y._______  in  der  Sub­Präfektur  X._______  lebt.  Aufgrund  der  Akten  ist  jedoch  erstellt,  dass  die  Beschwerdeführerin  in  einem grossstädtischen Milieu aufgewachsen  ist,  welches – mit Ausnahme von nach Abidjan zugezogenen Migranten aus  ländlichen  Gebieten  und  aus  den  Nachbarstaaten  –  der  weiblichen  Genitalverstümmelung  eher  ablehnend  gegenübersteht.  Die  Beschwerdeführerin  ist  offensichtlich  nicht  in  einem  familiären  und  gesellschaftlichen  Milieu  aufgewachsen,  in  welchem  die  Genitalverstümmelung auch in ihrer Generation noch praktiziert wird. Auf  die  Frage,  wie  viele  Frauen  ihrer  Familie  beschnitten  seien,  nannte  sie  lediglich  ihre  Mutter  (act.  7/15  S. 6,  Antwort  auf  Frage  61).  Aus  ihrer  engsten Umgebung  vermochte  sie  keine  einzige weibliche  Person  ihrer  Generation  zu  nennen,  welche  eine  Genitalverstümmelung  erlitten  hat.  Ihre  vier  Halbschwestern  (Töchter  des  Vaters  mit  einer  anderen  Frau)  sind  nach  ihren Angaben nicht  beschnitten  (act.  A7/15 S. 6, Antwort  zu  Frage  66),  was  den  Schluss  zulässt,  dass  auch  ihr  Vater  diese  Praxis 

D­1714/2009 nicht  befürwortet.  Die  Beschwerdeführerin  gab  denn  auch  zu  Protokoll,  dass  die  Genitalverstümmelung  nicht  in  ihrer  Familie  väterlicherseits  praktiziert  werde,  sondern  in  der  Familie  der  Mutter  (act.  A7/15  S. 6,  Antwort  zu  Frage  66).  Die  Tatsache,  dass  sie  –  gemäss  eigenen  Angaben  einzige  Tochter  ihrer  Mutter  –  bis  zur  Volljährigkeit  nicht  beschnitten  wurde  und  ihre  vier  Brüder  die  Genitalverstümmelung  ablehnen (act. A7/15 S. 7 und 10, Antworten zu den Fragen 72 und 112),  deutet  darauf  hin,  dass  dieser  Brauch  auch  in  der  in  Abidjan  lebenden  Familie  der Mutter  –  abgesehen  von  ihr  selbst  –  im  heutigen  Zeitpunkt  keinen Rückhalt mehr geniesst. Offenbar hat sie auch keine Freundinnen,  welche  beschnitten  sind  (act.  7/15  S. 13,  Antwort  auf  Frage  141).  Schliesslich  nennt  die  Beschwerdeführerin  selbst  neben  ihrer  Schulbildung  auch  ihre  christliche  Religionszugehörigkeit  als  Faktor,  welcher  zumindest  in  Côte  d'Ivoire  für  eine  ablehnende  Haltung  zur  Genitalverstümmelung  spricht  (act.  A7/15  S. 7,  Antwort  auf  Frage  76).  Dass sie sich nicht in einem Milieu bewegt, in dem Genitalverstümmelung  praktiziert wird,  zeigt  sich  auch  daran,  dass  sie  nur  in  der  Lage  ist,  die  mildeste  der  verschiedenen  Formen  –  die  Klitoridektomie  –  zu  beschreiben, nicht hingegen die in Côte d'Ivoire hauptsächlich praktizierte  Form der Exzision (act. A7/15 S. 8, Antwort auf Frage 83).  5.4.3.  Im  unmittelbaren  Umfeld  der  Beschwerdeführerin  in  Abidjan  befürwortete somit  lediglich die Mutter eine Beschneidung  ihrer Tochter;  die einzige andere massgebliche Befürworterin, die Grossmutter,  lebt  im  Dorf  fernab  von  Abidjan.  Offensichtlich  hat  die  Beschwerdeführerin  in  ihrer  Familie  mit  ihren  Brüdern  und  einem  Cousin  bisher  genügend  Unterstützung gefunden, um sich einer drohenden Beschneidung – auch  nach  dem  Tod  des  Onkels  mütterlicherseits  zu  entziehen,  ohne  den  Schutz  des  ivorischen  Staates  beziehungsweise  der  Polizei  oder  von  Frauenorganisationen  in Anspruch nehmen zu müssen  (act. A7/15 S. 7,  Antworten auf Fragen 74 bis 75, sowie S. 13, Antworten auf Fragen 138  bis 140). Der Wahrheitsgehalt  der Aussage der Beschwerdeführerin,  ihr  Vater  habe  wenige  Tage  nach  ihrem  Verschwinden  eine  Suchanzeige  aufgegeben, ist schon deshalb zweifelhaft, weil sich dieser den Angaben  seiner Tochter zufolge bislang nie um sie und ihre Brüder gekümmert hat  (vgl.  act. A1/8 S. 5, A7/15 S. 2 bis 4). Dass er die Anzeige aufgegeben  haben soll,  um seine Tochter  nach erfolgreicher Suche beschneiden zu  lassen, ist nicht plausibel, hat ihr Vater doch – wie oben dargelegt – keine  seiner  vier  Töchter  aus  einer  anderen  Beziehung  beschneiden  lassen,  und  ist  nicht  nachvollziehbar,  weshalb  er  bei  der  –  erwachsenen –  Beschwerdeführerin  plötzlich  zum  Befürworter  der  in  Côte  d'Ivoire 

D­1714/2009 gesetzlich verbotenen Genitalverstümmelung geworden sein soll und sich  damit  dem  Risiko  einer  Strafverfolgung  aussetzen  sollte.  Die  Beschwerdeführerin  vermochte  an  der  Anhörung  ferner  nicht  plausibel  darzulegen, wie sie als erwachsene Frau gegen ihren Willen beschnitten  werden sollte (vgl. act. A7/15 S. 8 f., Antworten auf Fragen 84 f. und 99).  Die  Beschwerdeführerin  war  somit  mit  hoher  Wahrscheinlichkeit  im  Zeitpunkt  ihrer Ausreise nicht von asylrechtlich relevanten Nachteilen  im  Sinne von Art. 3 AsylG bedroht.  5.4.4. Das Risiko, dass die mittlerweile 25­jährige Beschwerdeführerin bei  einer Rückkehr nach Abidjan Opfer einer Genitalverstümmelung werden  könnte,  kann  ebenfalls mit  an Sicherheit  grenzender Wahrscheinlichkeit  ausgeschlossen  werden,  zumal  ausser  ihrer  Mutter  in  ihrem  Umfeld  in  Abidjan  offensichtlich  niemand diese Praxis  befürwortet,  sich  die Mutter  bisher  gegen  die  übrigen  Familienangehörigen  der  Beschwerdeführerin  (Onkel, vier Brüder, Vater, Cousin, Halbschwestern) nicht durchzusetzen  vermochte,  und  zudem nicht  vorstellbar  ist, wie  die Beschwerdeführerin  als  25­jährige,  gebildete  erwachsene  Person  gegen  ihren  Willen  zwangsweise beschnitten werden sollte, zumal die Täter angesichts des  gesetzlichen Verbots der Genitalverstümmelung in Côte d'Ivoire, welches  zunehmend auch durchgesetzt wird, mit einer Strafverfolgung zu rechnen  hätten  (vgl.  U.S.  Department  of  State,  Côte  d'Ivoire:  Report  on  Female  Genital Mutilation [FGM] or Female Genital Cutting [FGC], 1. Juni 2001).  5.5. Zusammenfassend ergibt sich, dass es der Beschwerdeführerin nicht  gelingt, nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen, dass sie im  Zeitpunkt der Ausreise ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG  ausgesetzt  gewesen  sein  soll  oder  begründete  Furcht  hat,  solche  Nachteile  im  Falle  der  Rückkehr  in  absehbarer  Zukunft  mit  erheblicher  Wahrscheinlichkeit  erleiden  zu  müssen.  Das  BFM  hat  ihr  Asylgesuch  demnach im Ergebnis zu Recht abgelehnt.  6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein, verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet  den  Vollzug  an;  es  berücksichtigt  dabei  den  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2.  Die  Beschwerdeführerin  und  ihr  in  der  Schweiz  geborenes,  mittlerweile  […]jähriges Kind verfügen über keine Aufenthaltsbewilligung  (Art. 32 Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1]). Es 

D­1714/2009 ist zudem nicht ersichtlich, dass sie über einen grundsätzlichen Anspruch  auf  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  verfügen,  welcher  der  Wegweisung  aus  der  Schweiz  entgegen  stehen  könnte  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2001  Nr. 21).  Die  Wegweisung  der  Beschwerdeführerin  –  und  des  in  ihr  Verfahren  einbezogenen  Kindes –  wurde demnach vom BFM zu Recht verfügt (vgl. Art. 44 Abs. 1 AsylG).  7.   7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht  möglich,  regelt  das  Bundesamt  das  Anwesenheitsverhältnis  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländerinnen und Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005  über  die Ausländerinnen  und  Ausländer [AuG, SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser,  Ausländerrecht, 2. Auflage, Basel 2009, Rz. 11.148).  7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den Heimat­, Herkunfts­ oder  in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83  Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und 

D­1714/2009 Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen  werden.  7.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf  hin,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  nur  Personen  schützt,  welche  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  es  der  Beschwerdeführerin  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann das in Art. 5  AsylG verankerte Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulements im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  der  Beschwerdeführerin  und  ihres  Kindes  nach  Côte  d'Ivoire  ist  demnach  unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.  Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin  noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie oder  ihr Kind für den  Fall  einer  Rückschaffung  nach  Côte  d'Ivoire  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wären.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  sie  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihr  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR,  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar  2008,  Beschwerde  Nr. 37201/06,  §§ 124­127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Dies  ist  der  Beschwerdeführerin  unter  Hinweis  auf  die  vorstehenden Erwägungen zur  fehlenden asylrechtlichen Relevanz  ihrer  Vorbringen nicht  gelungen. Auch die allgemeine Menschenrechtslage  in  Côte d'Ivoire lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht  als unzulässig erscheinen. Der Vollzug der Wegweisung ist daher sowohl  im Sinne der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.  7.4.  7.4.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 

D­1714/2009 7.4.2.  In  Côte  d'Ivoire  fanden  am  28. November  2010  Präsidentschaftswahlen  statt.  Nachdem  der  abgewählte  Präsident  Laurent  Gbagbo  den  Wahlsieg  seines  Herausforderers  Alassane  Ouattara  nicht  anerkannt  hatte,  brachen  im  März  2011  heftige  Kämpfe  zwischen den Truppen der Kontrahenten  aus. Am 11. April  2011 wurde  Gbagbo  festgenommen;  in  manchen  Teilen  Abidjans  dauerten  die  Kämpfe bis Anfang Mai 2011. Am 1. Juni 2011 stellte Präsident Ouattara  die  neue Regierung  vor.  Seither  hat  sich  die Sicherheitslage  in Abidjan  kontinuierlich verbessert. Am 29. November 2011 wurde Gbagbo an den  Internationalen  Strafgerichtshof  in  Den  Haag  ausgeliefert  und  die  Parlamentswahlen  vom  11. Dezember  2011  sind  –  wie  der  UN­ Vertreter  für  die Elfenbeinküste,  Bert  Koenders, mitteilte,  im Grossen  und Ganzen  friedlich  verlaufen.  In  Côte  d'Ivoire  herrscht  im  heutigen  Zeitpunkt keine landesweit bestehende Bürgerkriegssituation oder eine  Situation  allgemeiner  Gewalt,  und  auch  in  Abidjan  hat  sich  die  Lage  normalisiert.  7.4.3.  Das  BFM  hat  den  Vollzug  der  Wegweisung  der  Beschwerdeführerin mit  der  Begründung  als  zumutbar  erklärt,  diese  sei  jung, ledig und gesund, habe mehrere Jahre die Schule besucht, spreche  Französisch und Baule, und verfüge mit vier erwachsenen Brüdern, vier  Halbschwestern und den Eltern über ein tragfähiges Beziehungsnetz. Da  die  geltend  gemachte,  angeblich  von  den Eltern  initiierte  Beschneidung  nicht  der  Wahrheit  entspreche,  könne  sie  auf  die  Unterstützung  ihrer  Familie zählen.  7.4.4.  Die  mittlerweile  […]­jährige,  gesunde  Beschwerdeführerin  ist  in  Abidjan  geboren  und  aufgewachsen  und  hat  somit  bis  zur  Ausreise  während  über  20  Jahren  in  verschiedenen  Stadtteilen  der  Metropole,  insbesondere  in  Yopougon,  gewohnt.  Deshalb  ist  davon  auszugehen,  dass  sie  dort  über  ein  soziales Beziehungsnetz  verfügt,  an welches  sie  auch  nach  vierjähriger  Landesabwesenheit  wird  anknüpfen  können.  Neben ihren Eltern leben auch vier Brüder sowie ein Halbbruder und vier  Halbschwestern,  welche mit  Ausnahme  eines  Bruders  alle  älter  als  sie  sind,  in  Abidjan  (act. A1/18  S. 3).  Mit  ihren  Brüdern  versteht  sie  sich  eigenen Angaben zufolge gut (act. A7/15 S. 3); diese, insbesondere auch  ihr ältester Bruder, haben sie stets unterstützt und lehnen alle die Praxis  der Genitalverstümmelung ab. Die letzten beiden Jahre vor der Ausreise  hat sie bei einer Halbschwester in Yopougon gewohnt, (act. A7/15 S. 3),  wobei sie auch während dieser Zeit an Wochenenden und Ferien in ihrem  Elternhaus  verbrachte  (act.  A7/15  S. 4).  Da  eine  drohende 

D­1714/2009 Genitalverstümmelung  –  wie  oben  dargelegt  –  ausgeschlossen  werden  kann,  kann  die  Beschwerdeführerin  somit  auch  auf  ein  ausgedehntes  familiäres Beziehungsnetz zurückgreifen, welche sie und ihr Kleinkind bei  der  Reintegration  in  ihrem  Heimatstaat  unterstützen  können.  Aufgrund  ihres  familiären  und  sozialen  Beziehungsnetzes,  ihrer  überdurchschnittlichen  Schulbildung  (bis  zur  letzten  Klasse  vor  dem  Abitur, vgl. act. A17/15 S. 2) sowie ersten Erfahrungen als Händlerin (act.  A7/15  S. 4),  bestehen  keine  konkreten  Anhaltspunkte,  die  darauf  hinweisen würden, die Beschwerdeführerin oder ihr Kind gerieten im Falle  der  Rückkehr  nach  Abidjan  aus  individuellen  Gründen  wirtschaftlicher,  sozialer  oder  gesundheitlicher  Natur  in  eine  existenzbedrohende  Situation.  7.4.5.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  vor  dem  Hintergrund  der  allgemeinen  Lage  in  Abidjan als auch in individueller Hinsicht nicht als unzumutbar erweist.  7.5.  Schliesslich  obliegt  es  der  Beschwerdeführerin,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen Reisedokumente für sich und ihr Kind zu beschaffen (Art. 8  Abs. 4 AsylG), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu  bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7.6.  Das  BFM  hat  daher  den  Vollzug  der  Wegweisung  zu  Recht  als  zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Die Anordnung der vorläufigen  Aufnahme fällt somit nicht in Betracht (Art. 83 Abs. 1­4 AuG).  8.   Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist demnach abzuweisen. 9.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich  vollumfänglich  den  Beschwerdeführenden  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG). Nachdem das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege im Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  VWVG  mit  Zwischenverfügung  vom  27. März  2009  gutgeheissen  wurde  und  sich  die  finanziellen  Verhältnisse  der  Beschwerdeführerin  seither  nicht  verbessert  haben,  sind  keine  Verfahrenskosten zu erheben. 

D­1714/2009 (Dispositiv nächste Seite) 

D­1714/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen.  2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.  3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Jacqueline Augsburger Versand:

D-1714/2009 — Bundesverwaltungsgericht 22.12.2011 D-1714/2009 — Swissrulings