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Bundesverwaltungsgericht 09.12.2011 C-5835/2010

9 dicembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,678 parole·~8 min·2

Riassunto

Einreiseverbot | Einreiseverbot

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung III C­5835/2010 Urteil   v om   9 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Andreas Trommer (Vorsitz), Richterin Elena Avenati­Carpani, Richter Jean­Daniel Dubey, Gerichtsschreiberin Denise Kaufmann. Parteien A._______, Beschwerdeführerin, vertreten durch lic.iur. Judith Napier, Advokatin, gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz Gegenstand Einreiseverbot.

C­5835/2010 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführerin,  eine  1958  geborene  kanadische  Staatsangehörige, wurde am 26. Dezember 2009 bei der beabsichtigten  Ausreise  im  Flughafen  Zürich  kontrolliert  und  –  weil  der  Verdacht  auf  Missachtung  ausländerrechtlicher  Bestimmungen  bestand  –  der  Kantonspolizei Zürich zugeführt. B.  In  der  unmittelbar  darauf  von  der  Kantonspolizei  durchgeführten  Befragung  gestand  die  Beschwerdeführerin  nach  Vorhalt  eines  entsprechenden  Passeintrages  ein,  am  21.  April  2009  über  den  Flughafen Basel  in die Schweiz eingereist zu sein und das Land seither  (mit Ausnahme kurzer Ausflüge nach Deutschland) nicht mehr verlassen  zu haben. Eigentlich hätte sie noch bis im Januar hier bleiben wollen, sich  dann  aber  wegen  einer  Erkrankung  ihrer  Mutter  für  eine  vorzeitige  Ausreise entschieden. Während  ihrer Anwesenheit  in der Schweiz habe  sie sich die ganze Zeit bei ihrem im Kanton Basel­Landschaft wohnhaften  Freund,  einem  deutschen  Staatsangehörigen,  aufgehalten.  Einen  gleichartigen Besuch habe sie schon zwischen Sommer und Herbst 2008  abgestattet.  Über  die Einreisevorschriften  habe  sie  sich  vorgängig  nicht  informiert;  sie  sei  davon  ausgegangen,  dass  sie  sich  6  Monate  in  der  Schweiz aufhalten dürfe. Die  Beschwerdeführerin  wurde  von  der  Kantonspolizei  über  die  Rapporterstattung  an  die  zuständigen  Behörden  informiert  und  über  Folgen  straf­  und  administrativrechtlicher  Art  (insbesondere  über  den  möglichen  Erlass  einer  Fernhaltemassnahme)  ins  Bild  gesetzt.  Anschliessend wurde sie in den Transitbereich des Flughafens entlassen,  worauf sie das Land verliess. C.  Noch  gleichentags,  am  26.  Dezember  2009,  wurde  die  Beschwerdeführerin  mit  Strafbefehl  der  Staatsanwaltschaft  Winterthur  /  Unterland,  Zweigstelle  Flughafen,  des  rechtswidrigen  Aufenthalts  im  Sinne  von  Art.  115  Abs.  1  Bst.  b  des  Ausländergesetzes  vom  16. Dezember 2005 (AuG, SR 142.20) für schuldig befunden und zu einer  Geldstrafe  von  40  Tagessätzen  zu  Fr.  30.­  verurteilt,  wobei  die  Strafe  unter Ansetzung einer Probezeit  von  zwei  Jahren aufgeschoben wurde.  Der  Strafbefehl  konnte  der  Beschwerdeführerin  noch  vor  ihrer  Ausreise 

C­5835/2010 eröffnet  werden;  er  blieb  offenbar  unangefochten  und  erwuchs  in  Rechtskraft. D.  Gestützt  auf  den  gleichen  Sachverhalt  verfügte  die  Vorinstanz  am  4. Februar  2010  gegenüber  der  Beschwerdeführerin  ein  zweijähriges  Einreiseverbot. Zur Begründung führte sie unter Bezugnahme auf Art. 67  Abs. 1 Bst. a AuG (zur damaligen Fassung vgl. AS 2007 5437) aus, es  liege  ein  Verstoss  gegen  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung  vor  wegen  illegaler  Einreise  und  illegalen  Aufenthalts.  Einer  allfälligen  Beschwerde  entzog  die  Vorinstanz  vorsorglich  die  aufschiebende  Wirkung.  Des  weiteren  wies  sie  in  der  Verfügung  darauf  hin,  dass  das  Einreiseverbot  –  gestützt  auf  eine  Ausschreibung  im  Schengener  Informationssystem  SIS  –  Wirkung  für  das  gesamte  Gebiet  der  Schengener Mitgliedstaaten entfalte. Die  Verfügung  wurde  der  Betroffenen  von  der  Vorinstanz  vorerst  nicht  eröffnet. E.  Am  25.  Februar  2010  wollte  die  Beschwerdeführerin  von  Kanada  herkommend  am  Flughafen  Frankfurt  a.M.  in  die  Bundesrepublik  Deutschland  einreisen.  Dabei  wurde  sie  von  der  dortigen  Bundespolizeiinspektion  kontrolliert,  und  ihr  wurde  die  Einreise  unter  Hinweis auf die Ausschreibung im SIS verweigert.  F.  Am  16.  Juni  2010  bevollmächtigte  die  Beschwerdeführerin  die  Rechtsanwälte Baader  in Gelterkinden mit der Wahrung  ihrer  Interessen  und  am  13.  Juli  2010  übermittelte  die  Vorinstanz  der  eingesetzten  Rechtsvertreterin wunschgemäss die Verfahrensakten. G.  Mit  Rechtsmitteleingabe  vom  17.  August  2010  gelangte  die  Beschwerdeführerin  über  ihre  Rechtsvertreterin  an  das  Bundesverwaltungsgericht.  Darin  beantragt  sie,  die  vorinstanzliche  Verfügung  sei  ersatzlos  aufzuheben,  eventualiter  in  ihrer  Dauer  angemessen,  d.h.  auf  höchstens  ein  Jahr  zu  befristen.  In  formeller  Hinsicht rügt die Beschwerdeführerin eine Verletzung ihres Anspruchs auf  rechtliches  Gehör  und  Eröffnungsmängel.  Diese  Mängel  könnten  nicht  nachträglich  im  Beschwerdeverfahren  geheilt  werden.  Sie  hätten 

C­5835/2010 Nichtigkeit  zur  Folge  und  müssten  schon  für  sich  allein  zwingend  zur  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  führen.  Sollte  das  Bundesverwaltungsgericht dieser Argumentation nicht folgen, so wäre die  Fernhaltemassnahme  wegen  fehlerhafter  Ausübung  des  Entschliessungsermessens dennoch gänzlich aufzuheben. Zwar habe sie  (die Beschwerdeführerin) sich rund fünf Monate zu lange in der Schweiz  aufgehalten.  Dabei  handle  es  sich  aber  um  einen  einmaligen  Verstoss  gegen  die  schweizerische Rechtsordnung.  Komme  hinzu,  dass  sie  sich  einzig  zum  Zwecke  eines  Verbleibs  bei  ihrem  Freund  hier  aufgehalten  habe und schliesslich aus eigenem Antrieb ausgereist sei. Ihre Einreise in  die  Schweiz  im April  2009  sei  entgegen  der  Auffassung  der  Vorinstanz  rechtmässig  gewesen,  habe  sie  doch  damals  noch  nicht  beabsichtigt,  sich länger als drei Monate hier aufzuhalten. Entsprechend sei auch kein  Visum notwendig gewesen. Der Unrechtsgehalt der von  ihr begangenen  Ordnungswidrigkeit  wiege  nicht  schwer  und  es  bestehe  auch  keine  Gefahr,  dass  sich  solches  wiederholen  könnte,  da  sie  ja  jetzt  die  Vorschriften  kenne.  Sollte  das  Bundesverwaltungsgericht  dennoch  zur  Auffassung gelangen, dass eine Fernhaltemassnahme am Platze sei, so  wäre  diese  in  gehöriger  Berücksichtigung  ihrer  persönlichen  Interessen  auf die Dauer eines Jahres zu reduzieren. H.  In ihrer Vernehmlassung vom 8. November 2010 bestreitet die Vorinstanz  die von der Beschwerdeführerin gerügten formellen Mängel wie auch eine  fehlende  Verhältnismässigkeit  und  schliesst  auf  Abweisung  der  Beschwerde.  I.  In  einer  Replik  vom  29.  November  2010  hält  die  Beschwerdeführerin  ihrerseits  an  ihren  Anträgen  und  deren  Begründung  fest.  Bei  gleicher  Gelegenheit wies  sie darauf  hin,  dass  sich  ihre persönlichen  Interessen  an  möglichst  ungehinderten  Einreisen  in  die  Schweiz  inzwischen  noch  akzentuiert  hätten.  Im  September  2010  sei  ihre  Mutter  in  Kanada  verstorben,  weshalb  sie  nun  ganz  besonders  auf  Unterstützung  durch  ihren Lebenspartner in der Schweiz angewiesen sei.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden 

C­5835/2010 gegen  Verfügungen  im  Sinne  von  Art.  5  des  Verwaltungsverfahrensgesetzes  vom  20. Dezember  1968  (VwVG,  SR  172.021),  sofern  keine  Ausnahme  nach  Art.  32  VGG  vorliegt.  Als  Vorinstanzen  gelten  die  in  Art.  33  VGG  genannten  Behörden.  Dazu  gehört  auch  das  BFM,  das  mit  der  Anordnung  eines  Einreiseverbotes  eine  Verfügung  im  erwähnten  Sinne  und  daher  ein  zulässiges  Anfechtungsobjekt erlassen hat. Eine Ausnahme nach Art. 32 VGG liegt  nicht vor. 1.2. Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet  sich  nach  dem  VwVG,  soweit  das  Verwaltungsgerichtsgesetz  nichts  anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.3. Die Beschwerdeführerin  ist  als  Verfügungsbetroffene  zur  Erhebung  des Rechtsmittels  legitimiert  (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die  im Übrigen  frist­ und formgerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art.  50 und 52 VwVG). 1.4.  Das  Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  in  der  vorliegenden  Streitsache endgültig  (Art.  83 Bst.  c Ziff.  1 des Bundesgerichtsgesetzes  vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 2.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht  einschliesslich  Überschreitung  oder  Missbrauch  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  sowie  –  soweit  nicht  eine  kantonale  Behörde  als  Beschwerdeinstanz  verfügt  hat  –  die  Unangemessenheit  gerügt  werden  (Art.  49  VwVG).  Das  Bundesverwaltungsgericht  wendet  das  Bundesrecht  von  Amtes  wegen  an.  Es  ist  gemäss  Art.  62  Abs.  4  VwVG  an  die  Begründung  der  Begehren  nicht  gebunden  und  kann  die  Beschwerde  auch  aus  anderen  als  den  geltend  gemachten  Gründen  gutheissen  oder  abweisen.  Massgebend  ist  grundsätzlich  die  Sachlage  zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE 2011/1 E. 2). 3.  3.1.  3.1.1. Die Beschwerdeführerin  rügt eine Verletzung  ihres Anspruchs auf  rechtliches Gehör. Zwar sei sie von der Kantonspolizei Zürich anlässlich  ihrer  Einvernahme  am  26.  Dezember  2009  darüber  informiert  worden,  dass die zuständige Behörde allenfalls eine Fernhaltemassnahme gegen 

C­5835/2010 sie  aussprechen  könnte.  Das  sei  aber  nicht  genügend,  weil  in  diesem  Zeitpunkt noch gar nicht  festgestanden habe, ob überhaupt und  falls  ja,  wann die Vorinstanz ein Einreiseverbot verfügen werde.  3.1.2.  Die  Beschwerdeführerin  stellt  nicht  in  Abrede,  von  der  Kantonspolizei  Zürich  auf  ein  möglicherweise  zu  verhängendes  Einreiseverbot aufmerksam gemacht worden zu sein und die Möglichkeit  erhalten  zu  haben,  dagegen  Einwände  zu  erheben.  Damit  wurde  ihren  Ansprüchen  in Bezug auf  die Wahrung des  rechtlichen Gehörs Genüge  getan. Der Einwand der Beschwerdeführerin geht schon deshalb an der  Sache  vorbei,  weil  der  verfügenden  Behörde  –  wie  die  Beschwerdeführerin  in  anderem  Zusammenhang  zu  Recht  selbst  feststellt  –  ein  Entschliessungsermessen  zukommt  und  sie  bei  ihrem  Entscheid,  ob  sie  überhaupt  eine Massnahme  verhängen will, mögliche  Einwände der verfügungsbelasteten Person mit zu berücksichtigen hat.  3.2.  3.2.1. Des weiteren  rügt die Beschwerdeführerin Eröffnungsmängel. Die  Verfügung datiere zwar vom 4. Februar 2010, sei ihr aber erst am 14. Juli  2010 eröffnet worden. Indem die Vorinstanz sie (die Beschwerdeführerin)  dennoch  schon  bei  Erlass  der  Verfügung  im  SIS  zur  Einreiseverweigerung  ausgeschrieben  habe,  habe  sie  in  rechtswidriger  Weise ein Einreiseverbot für das gesamte Gebiet der Schengen­Staaten  bewirkt. Sie  (die Beschwerdeführerin) sei deshalb bei  ihrer Landung am  25.  Februar  2010  im Flughafen Frankfurt  a.M.  angehalten  und an  einer  Einreise  in  den  Schengen­Raum  gehindert  worden.  Hätte  sie  vom  Einreiseverbot  gewusst,  hätte  sie  gar  nicht  erst  versucht,  in  den  Schengen­Raum  einzureisen.  Entsprechend  seien  ihr  die  in  diesem  Zusammenhang  erwachsenen  Kosten  (von  den  deutschen  Behörden  erhobene Verwaltungsgebühren) von der Vorinstanz zu ersetzen. 3.2.2. Die Rügen der Beschwerdeführerin zielen auch in diesem Punkt ins  Leere.  In Wirklichkeit  geht es nicht  um eine mangelhafte Eröffnung und  deren Folgen. Die angefochtene Verfügung wurde unbestrittenermassen  am  14.  Juli  2010  eröffnet.  Zuvor  war  nicht  etwa  mangelhaft,  sondern  überhaupt nicht eröffnet worden. Soweit die Beschwerdeführerin geltend  macht,  die  von  der  Vorinstanz  schon  mit  der  Ausfällung  der  angefochtenen  Verfügung  und  lange  vor  deren  Eröffnung  veranlasste  Ausschreibung  im  SIS  sei  rechtswidrig  gewesen  und  einen  ihr  daraus  entstandenen  finanziellen  Schaden  ersetzt  haben  will,  stellt  sie  Forderungen,  die  nicht  im  vorliegenden  Verfahren,  sondern  im 

C­5835/2010 Zusammenhang mit  einer  allfällig  gegen  die  Vorinstanz  zu  erhebenden  Verantwortlichkeitsklage zu beurteilen wären.  3.3.  Unter  den  gegebenen  Umständen  braucht  nicht  näher  darauf  eingegangen zu werden, welche rechtlichen Folgen die gerügten Mängel  – sollten sie bestätigt werden – haben würden. 4.  4.1.  Die  Vorinstanz  schliesst  in  der  angefochtenen  Verfügung  vom  4.  Februar  2010  auf  einen  Verstoss  gegen  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung und stützt die Massnahme auf Art. 67 Abs. 1 Bst. a AuG in der  damals gültigen Fassung. 4.2.  Mit  dem  Bundesbeschluss  über  die  Genehmigung  und  die  Umsetzung  des  Notenaustauschs  zwischen  der  Schweiz  und  der  EG  betreffend  die  Übernahme  der  EG­Rückführungsrichtlinie  (Richtlinie  2008/115/EG) vom 18. Juni 2010 (AS 2010 5925) wurde Art. 67 AuG mit  Wirkung  per  1. Januar  2011  revidiert,  ohne  dass  Übergangsbestimmungen  erlassen  worden  wären.  Diese  Rechtsänderung ist allerdings im Falle der Beschwerdeführerin nicht von  Relevanz. Denn die  zuvor  in Art.  67 Abs.  1 AuG geregelte Fernhaltung  wegen Verstosses  gegen  die  öffentliche Sicherheit  und Ordnung wurde  unverändert  in  Abs.  2  der  neuen  Norm  übernommen.  Betroffen  ist  die  Beschwerdeführerin auch nicht von der Neuformulierung in Art. 67 Abs. 3  AuG,  steht  doch  nicht  ein  Einreiseverbot  von mehr  als  fünf  Jahren  zur  Diskussion.  Der  Anwendung  des  neuen  Rechts  –  auf  das  nachfolgend  der Einfachheit halber allein Bezug genommen wird – steht somit nichts  entgegen. 5.  5.1. Die öffentliche Sicherheit und Ordnung  im Sinne von Art. 67 Abs. 2  Bst.  a  AuG  bildet  den  Oberbegriff  für  die  Gesamtheit  der  polizeilichen  Schutzgüter.  Sie  umfasst  unter  anderem  die  Unverletzlichkeit  der  objektiven  Rechtsordnung  und  der  Rechtsgüter  Einzelner  (BBl  2002  3809; vgl. auch RAINER J. SCHWEIZER / PATRICK SUTTER / NINA WIDMER, in:  Rainer J. Schweizer [Hrsg.], Sicherheits­ und Ordnungsrecht des Bundes,  SBVR  Bd.  III/1,  Basel  2008,  Teil  B  Rz.  13  mit  Hinweisen).  In  diesem  Sinne  liegt nach Art.  80 Abs. 1 Bst.  a der Verordnung vom 24. Oktober  2007  über  Zulassung,  Aufenthalt  und  Erwerbstätigkeit  (VZAE,  SR  142.201) ein Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung unter  anderem  dann  vor,  wenn  gesetzliche  Vorschriften  oder  behördliche 

C­5835/2010 Verfügungen  missachtet  werden.  Widerhandlungen  gegen  Normen  des  Ausländerrechts fallen ohne weiteres unter diese Begriffsbestimmung und  können  als  solche  ein  Einreiseverbot  nach  sich  ziehen  (vgl.  BBl  2002  3813). 5.2.  Für  die  Verhängung  eines  Einreiseverbots  ist  kein  vorsätzlicher  Verstoss  gegen  ausländerrechtliche  Bestimmungen  erforderlich.  Es  genügt,  wenn  der  ausländischen  Person  eine  Sorgfaltspflichtverletzung  zugerechnet  werden  kann.  Unkenntnis  oder  Fehlinterpretation  der  Einreise­  und  Aufenthaltsvorschriften  stellen  normalerweise  keinen  hinreichenden  Grund  für  ein  Absehen  von  einer  Fernhaltemassnahme  dar.  Jeder  Ausländerin  und  jedem  Ausländer  obliegt,  sich  über  bestehende  Rechte  und  Pflichten  im  Zusammenhang  mit  ausländerrechtlichen Vorschriften ins Bild zu setzen und sich im Falle von  Unklarheiten  bei  der  zuständigen  Stelle  zu  informieren  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­7263/2008 vom 31. August 2010 E. 4.1 S. 6 mit Hinweis). 5.3.  Wird  gegen  eine  Person,  die  nicht  das  Bürgerrecht  eines  Mitgliedstaates  der  Europäischen  Union  besitzt  (Drittstaatsangehörige),  ein Einreiseverbot nach Art. 67 AuG verhängt, wird diese Person gestützt  auf Art. 94 Abs. 1 und Art. 96 des Übereinkommens vom 19. Juni 1990  zur  Durchführung  des  Übereinkommens  betreffend  den  schrittweisen  Abbau  der  Kontrollen  an  den  gemeinsamen  Grenzen  (Schengener  Durchführungsübereinkommen  [SDÜ],  Abl.  L  239  vom  22.  September  2000,  S.  19­62)  und  Art.  16  Abs.  2  und  4  des  Bundesgesetzes  vom  13. Juni  2008  über  die  polizeilichen  Informationssysteme  des  Bundes  (BPI, SR 361) in der Regel im Schengener Informationssystem ([SIS], vgl.  dazu  Art.  92  ff.  SDÜ)  zur  Einreiseverweigerung  ausgeschrieben.  Diese  Ausschreibung  bewirkt  dem  Grundsatz  nach,  dass  der  betroffenen  Person  die  Einreise  in  das Hoheitsgebiet  der  Schengen­Mitgliedstaaten  verboten  ist  (vgl. Art. 5 Abs. 1 Bst d und Art. 13 Abs. 1 der Verordnung  [EG] Nr. 562/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 15.  März  2006  über  einen  Gemeinschaftskodex  für  das  Überschreiten  der  Grenzen durch Personen [Schengener Grenzkodex bzw. SGK, Abl. L 105  vom  13.  April  2006,  S.  1­32]).  Vorbehalten  bleibt  die  Zuständigkeit  der  Mitgliedstaaten,  einer  solchen  Person  aus  humanitären  Gründen  oder  Gründen  des  nationalen  Interesses  oder  aufgrund  internationaler  Verpflichtungen  die  Einreise  in  das  eigene  Hoheitsgebiet  zu  gestatten  (Art. 13 Abs. 1 i.V.m. Art. 5 Abs. 4 Bst. c SGK) bzw. ihr zu diesem Zweck  ein  Schengen­Visum  mit  räumlich  beschränkter  Gültigkeit  auszustellen 

C­5835/2010 (Art.  25  Abs.  1  Bst.  a  [ii]  der  Vorordnung  [EG]  Nr.  810/2009  des  Europäischen Parlaments  und  des Rates  vom 13.  Juli  2009 über  einen  Visakodex der Gemeinschaft [Visakodex], Abl. L 243 vom 15. September  2009). 6.  6.1. Ausländische Personen,  die  in  der  Schweiz  keiner  Erwerbstätigkeit  nachgehen,  bedürfen  für  einen  Aufenthalt  von  bis  zu  drei  Monaten  innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten nach der Einreise  keiner  Bewilligung,  und  sie  müssen  sich  nicht  anmelden  (bewilligungsfreier  Aufenthalt; Art. 10 AuG und Art. 9 VZAE). Die Einreisevoraussetzungen  nach  Art.  5  AuG  müssen  während  des  gesamten  bewilligungsfreien  Aufenthalts  erfüllt  sein  (Art.  9  Abs.  2  VZAE).  An  die  Höchstaufenthaltsdauer  von  drei  Monaten  anrechenbar  sind  dabei  Aufenthalte  in der Schweiz und  im übrigen Schengen­Raum. Das ergibt  sich aus dem Vorrang des Schengen­Rechts (Art. 2 Abs. 4 AuG) und der  Tatsache,  dass  sich  im  Anwendungsbereich  des  Schengen­Rechts  visumspflichtbefreite Drittausländer höchsten drei Monate innerhalb einer  Frist  von  sechs  Monaten  vom  Datum  der  ersten  Einreise  an  im  Hoheitsgebiet der Schengen­Staaten frei bewegen dürfen, und auch das  nur, wenn und solange sie die Einreisevoraussetzungen des Art. 5 Abs. 1  SGK erfüllen (Art. 20 Abs. 1 SDÜ). 6.2.  Die  Beschwerdeführerin  hielt  sich  unbestrittenermassen  vom  21.  April  bis  zum  26.  Dezember  2009  in  der  Schweiz  auf,  ohne  diesen  Aufenthalt  in  rechtlich  relevanter Weise  zu  unterbrechen  und  ohne  sich  anzumelden  bzw.  ohne  die  dazu  erforderliche  Bewilligung  einzuholen  (Art. 12 AuG bzw. Art. 10 Abs. 2 AuG). Es steht ausser Frage und wurde  im Übrigen auch vom Strafbefehlsrichter  festgestellt, dass sie damit den  bewilligungsfrei  zulässigen  maximalen  Aufenthalt  um  mehr  als  fünf  Monate  überzogen  hat.  Wie  es  sich  mit  der  Rechtmässigkeit  ihrer  Einreise  verhält  (die  Beschwerdeführerin  behauptet,  anlässlich  ihrer  Einreise  noch  nicht  die  Absicht  gehabt  zu  haben,  sich  länger  als  drei  Monate in der Schweiz bzw. im Schengen­Raum aufzuhalten) muss nicht  abschliessend beurteilt werden,  denn der  illegale Aufenthalt  bildet  unter  dem Gesichtspunkt von Art. 67 Abs. 2 Bst. a AuG hinreichenden Anlass  für  die  Verhängung  einer  Fernhaltemassnahme.  Immerhin  ist  darauf  zu  verweisen, dass die Einreisevoraussetzungen von Art. 5 Abs. 1 SGK für  eine  Einreise  in  das  Hoheitsgebiet  der  Schengen­Staaten  während  der  ganzen Dauer des Aufenthaltes in diesem Raum erfüllt sein müssen (Art. 

C­5835/2010 20 Abs. 1 SDÜ; vgl. auch die bereits erwähnte landesrechtliche Regelung  in Art. 9 Abs. 2 VZAE). 7.  7.1.  Es  bleibt  zu  prüfen,  ob  die  angeordnete  Massnahme  in  richtiger  Ausübung des Ermessens ergangen und angemessen ist. Der Grundsatz  der  Verhältnismässigkeit  steht  dabei  im  Vordergrund.  Unter  diesem  Gesichtspunkt  ist eine wertende Abwägung vorzunehmen zwischen dem  öffentlichen  Interesse  an  der  Massnahme  einerseits  und  den  von  der  Massnahme  beeinträchtigten  privaten  Interessen  der  Betroffenen  andererseits.  Die  Stellung  der  verletzten  oder  gefährdeten Rechtsgüter,  die  Besonderheiten  des  ordnungswidrigen  Verhaltens  und  die  persönlichen  Verhältnisse  des  Verfügungsbelasteten  bilden  dabei  den  Ausgangspunkt  der  Überlegungen  (vgl.  statt  vieler  ULRICH  HÄFELIN  /  GEORG MÜLLER / FELIX UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 6. Aufl.,  Zürich / St. Gallen 2010, Rz. 613 ff.). 7.2. Das Fehlverhalten der Beschwerdeführerin wiegt objektiv nicht leicht.  Es beinhaltet die Missachtung einer ausländerrechtlichen Norm, welcher  im  Interesse  einer  funktionierenden  Rechtsordnung  zentrale  Bedeutung  zukommt.  Aber  auch  was  die  subjektive  Seite  anbelangt,  ist  das  Verhalten  der  Beschwerdeführerin  nicht  zu  bagatellisieren.  So  hielt  sie  sich unbestrittenermassen nach Ablauf des bewilligungsfreien Aufenthalts  von drei Monaten noch weitere gut fünf Monate in der Schweiz auf. Selbst  wenn sie – wie von ihr behauptet – davon ausgegangen sein sollte, sich  ununterbrochen  während  sechs Monaten  im  Schengen­Raum  aufhalten  zu  dürfen,  hat  sie  sich  demnach  bewusst  über  die  geltende  Rechtsordnung  hinweggesetzt.  Das  öffentliche  Interesse  an  ihrer  befristeten  Fernhaltung  lässt  sich  mit  den  von  ihr  geltend  gemachten  Umständen  (Aufenthalt  ausschliesslich  beim  Freund,  kein  Bezug  von  Sozialhilfe,  keine  sonstige  Delinquenz,  Ausreise  aus  eigenem  Antrieb,  fehlende  Wiederholungsgefahr)  nicht  ernsthaft  in  Frage  stellen.  Nach  dem  bisher  Gesagten  ist  dem  öffentlichen  Interesse  an  einer  zeitlich  befristeten Fernhaltung grosses Gewicht beizumessen.  7.3.  Was  die  persönlichen  Interessen  der  Beschwerdeführerin  daran  betrifft,  ohne  besondere  Restriktionen  in  die  Schweiz  einreisen  zu  können,  so  geht  sie  offenbar  irrtümlicherweise  davon  aus,  das  Einreiseverbot gelte absolut und verunmögliche von vornherein jeglichen  persönlichen  Kontakt  zu  ihrem  Lebenspartner  innerhalb  der  Schweiz.  Gemäss Art.  67 Abs.  5  in  fine AuG kann die  verfügende Behörde  (also 

C­5835/2010 das BFM) das Einreiseverbot vorübergehend aufheben, wenn humanitäre  oder andere wichtige Gründe bestehen.  7.4. Eine wertende Gewichtung der sich entgegenstehenden öffentlichen  und  privaten  Interessen  führt  das  Bundesverwaltungsgericht  zum  Schluss,  dass  das  auf  zwei  Jahre  befristete Einreiseverbot  sowohl  vom  Grundsatz her als auch in Bezug auf seine Dauer eine verhältnismässige  und angemessene Massnahme zum Schutze der öffentlichen Sicherheit  und Ordnung  darstellt.  Sie  entspricht  auch  der  Praxis  in  vergleichbaren  Fällen  (vgl.  anstelle  vieler  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­ 1667/2010 vom 21. März 2011, C­6017/2010 vom 19. April 2011 und  C­5458/2010 vom 3. November 2011).  8.  Aus  vorstehenden  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  nicht  verletzt  und  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  richtig  und  vollständig  feststellt;  sie  ist  auch  angemessen  (Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist daher abzuweisen. 9.  Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind der Beschwerdeführerin  die Kosten aufzuerlegen  (Art.  63 Abs.  1 VwVG  i.V.m. Art.  1, Art.  2  und  Art. 3 Bst. b des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [SR  173.320.2]).  Auf  die  Unzulässigkeit  ihres  Antrags  im  Zusammenhang  mit  dem  eingeforderten Schadenersatz wurde bereits hingewiesen (E 3.2.2). Dispositiv S. 12

C­5835/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  800.­  werden  der  Beschwerdeführerin  auferlegt. Sie sind mit dem in gleicher Höhe geleisteten Kostenvorschuss  gedeckt. 3.  Dieses Urteil geht an: – die Beschwerdeführerin (Einschreiben) – die Vorinstanz (Beilage: Akten ZEMIS Ref­Nr. […]) Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Andreas Trommer Denise Kaufmann Versand:

C-5835/2010 — Bundesverwaltungsgericht 09.12.2011 C-5835/2010 — Swissrulings