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Bundesverwaltungsgericht 11.08.2011 C-2829/2010

11 agosto 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,911 parole·~10 min·1

Riassunto

Schwerwiegender persönlicher Härtefall | Aufenthaltsbewilligung gemäss Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung III C­2829/2010 Urteil   v om   1 1 .   Augus t   2011 Besetzung Richterin Ruth Beutler (Vorsitz), Richterin Elena Avenati­Carpani, Richter Blaise Vuille,    Gerichtsschreiberin Barbara Giemsa­Haake. Parteien A._______,  vertreten durch Advokat Dieter Gysin, Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,   Vorinstanz.  Gegenstand Verweigerung der Zustimmung zur Erteilung einer  Aufenthaltsbewilligung (Abweichung von den  Zulassungsvoraussetzungen gemäss Art. 30 Abs. 1 Bst. b  AuG) und Wegweisung

C­2829/2010 Sachverhalt: A.  Die  türkische  Staatsangehörige  A._______,  geboren  1980,  reiste  am  13. September 2000  in die Schweiz ein und stellte hier ein Asylgesuch,  welches  sie  später  zurückzog.   Am  15.  Dezember  2000  heiratete  sie  einen  21  Jahre  älteren  Landsmann  mit  Niederlassungsbewilligung,  woraufhin  ihr  eine  Aufenthaltsbewilligung  im  Kanton  Basel­Landschaft  erteilt wurde. Am 30. April 2004 trennten sich die Eheleute voneinander;  ihre Scheidung erfolgte am 14. Juni 2006. B.  Am  15.  Dezember  2006  unterbreitete  die  kantonale  Migrationsbehörde  (im  Folgenden:  Amt  für  Migration)  die  zur  Verlängerung  anstehende  Aufenthaltsbewilligung  von  A._______  dem  BFM  zur  Zustimmung.  Die  Vorinstanz  verweigerte  diese  Zustimmung mit  Verfügung  vom  27. März  2007,  ordnete  die  Wegweisung  an  und  setzte  A._______  eine  Ausreisefrist.  Das  dagegen  erhobene  Rechtsmittel  wies  das  Bundesverwaltungsgericht mit Urteil vom 4. Dezember 2008 (Geschäfts­ Nr. C­2946/2007) ab, wobei der Vollzug der Wegweisung in die Türkei als  zulässig,  möglich  und  zumutbar  erachtet  wurde.  In  letzter  Instanz  wies  schliesslich  auch  das  Bundesgericht  eine  gegen  diesen  Entscheid  erhobene Beschwerde  –  soweit  es  auf  sie  eintrat  –   mit  Urteil  vom  31.  März  2009 (2C_8/2009) ab.  C.  Am 9. April 2009 wandte sich A._______ erneut an das Amt für Migration,   diesmal  mit  dem  Begehren  um  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  aufgrund  eines  schwerwiegenden  persönlichen  Härtefalls.  Das  Amt  erklärte  sich  hierzu  bereit  und  übermittelte  dem  BFM  am  6.  Mai  2009  einen  entsprechenden  Antrag  zur  Zustimmung.  Da  die  Vorinstanz  die  Verweigerung der Zustimmung ins Auge fasste, gewährte sie A._______  hierzu  das  rechtliche  Gehör.  Diese  machte  in  der  darauffolgenden  Eingabe vom 16. Februar 2010 geltend, sie lebe und arbeite seit dem 13.  September 2000, somit mehr als 9 Jahre,  in der Schweiz, spreche sehr  gut Deutsch   und sei hier mit Geschichte, Kultur und Recht vertraut. Sie  habe  die  Rechtsordnung  der  Schweiz  stets  respektiert  und  habe  dementsprechend  auch  keinen  Eintrag  im  Strafregister.  Hier  habe  sie  Verwandte und Bekannte und sei  sozial  fest  integriert, wohingegen  ihre  Wiedereingliederung  in der Türkei unzumutbar  sei,  da  ihre dort  lebende  Familie  sie  wegen  ihrer  Scheidung  verstossen  habe.  Finanziell  sei  sie 

C­2829/2010 selbständig,  gehe  einer  regelmässigen  Tätigkeit  nach  und  ermögliche  dadurch  ihrem  Arbeitgeber  die  Aufrechterhaltung  seiner  Hauswartungsfirma.  Insbesondere sei aber zu berücksichtigen, dass sie  aufgrund  ihrer  Scheidung  und  der  Ungewissheit  ihrer  Zukunft  gesundheitlich angeschlagen sei. Eine Wegweisung  in die Türkei würde  die  bisherigen  medizinischen  Bemühungen  zwecklos  machen.  Insofern  beruhe  ihr Gesuch vom 9. April 2009,  ihr eine Aufenthaltsbewilligung zu  erteilen, auf neuen wesentlichen Tatsachen.   D.  Mit Verfügung vom 19. März 2010 lehnte es die Vorinstanz ab, zugunsten  von  A._______  von  den  Zulassungsvoraussetzungen  abzuweichen  und  einer Aufenthaltsbewilligung aus humanitären Gründen zuzustimmen. Bei  der massgeblichen Bestimmung von Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG handele  es  sich  um  eine  Ausnahmeregelung,  weshalb  die  Voraussetzungen  zur  Anerkennung  eines  Härtefalls  restriktiv  zu  handhaben  seien.  Die  Stellungnahme  des  Rechtsvertreters  vom  16.  Februar  2010  enthalte  keine  neuen Tatsachen  oder Beweismittel,  die  nicht  schon Gegenstand  des  Urteils  des  Bundesgerichts  vom  31.  März  2009  bzw.  des  Bundesverwaltungsgerichts vom 4. Dezember 2008 gewesen seien. Zwar  lebe die Ausländerin mittlerweile seit neuneinhalb Jahren in der Schweiz  und habe sich rasch integriert und klaglos verhalten. Dies allein begründe  aber keine besondere Härte für den Fall, dass sie die Schweiz verlassen  müsse.  Auch  der  Vollzug  ihrer  Wegweisung  sei  möglich,  zulässig  und  auch  im  Hinblick  auf  die  geltend  gemachten  gesundheitlichen  Einschränkungen  zumutbar. Weitere  in  diesem Zusammenhang  geltend  gemachte  Aspekte  –   die  Zugehörigkeit  zur  alevetischen  Glaubensgemeinschaft  und  die  allfällige  Ablehnung  durch  die  in  der  Türkei lebenden Familienmitglieder – seien ebenfalls bereits im Urteil des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  4.  Dezember  2008  überprüft  und  verneint worden.  E.  Mit  Rechtsmitteleingabe  vom  22.  April  2010  erhob  die  anwaltlich  vertretene  A._______  Beschwerde  ans  Bundesverwaltungsgericht.  Sie  beantragt,  die  vorinstanzliche  Verfügung  sei  aufzuheben  und  die  Vorinstanz sei anzuweisen, die  für den Erhalt der Aufenthaltsbewilligung  aus  humanitären  Gründen  erforderliche  Ausnahme  zu  erteilen;  eventualiter  sei  die  Sache  zur  Neubeurteilung  an  das  BFM  zurückzuweisen.  Sie  macht  geltend,  das  BFM  habe  im  vorliegenden  Verfahren  den  relevanten  Sachverhalt  unvollständig  und  unrichtig 

C­2829/2010 festgestellt,  sei  es  doch  davon  ausgegangen,  dass  ihre  Ausführungen  keine neuen Tatsachen oder Beweismittel enthielten, die nicht schon das  Bundesgericht mit Urteil vom 31. März 2009 behandelt habe. Abgesehen  davon,  dass  sich  das  Bundesgericht  seinerzeit  mit  einer  anderen  Rechtsfrage  befasst  habe,  hätten  sich  seitdem  sehr  wohl  neue  wesentliche  Tatsachen  ergeben,  welche  die  Vorinstanz  ausser  Acht  gelassen habe. So  lebe sie, A._______, seit nunmehr  fast 10 Jahren  in  der Schweiz; bei einer derart langen Zeitspanne seien beispielsweise die  Anforderungen  an  die  Integration  zu  relativieren.  Auch  habe  sich  ihr  Gesundheitszustand  verschlechtert,  was  sie  in  ihrer  Eingabe  vom  16.  Februar  2010  ärztlich  belegt  habe.  Zudem  hätten  sich  neben  dem  Gemeindepräsidenten  von  X._______  auch  Freunde,  Bekannte  und  ihr  Arbeitgeber  beim  BFM  für  sie  eingesetzt,  was  die  Vorinstanz  kaum  gewürdigt  habe.  Diese  habe,  insgesamt  betrachtet,  ihre  Begründungspflicht verletzt. Das BFM habe sich auch mit der Möglichkeit  der  Wiedereingliederung  im  Herkunftsstaat  nur  beschränkt  befasst  und  habe der Problematik ihrer Scheidung, ihrer beruflichen Ungewissheit und  ihrer sich verschlechternden gesundheitlichen Situation keine Bedeutung  beigemessen.   F.  Mit  Zwischenverfügung  vom  4.  Mai  2010  hat  das  Bundesverwaltungsgericht  das  gleichzeitig  mit  der  Beschwerde  eingereichte Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung  abgewiesen. G.  In  ihrer  Vernehmlassung  vom  18.  Mai  2010  hält  die  Vorinstanz  an  der  Begründung  der  angefochtenen  Verfügung  fest  und  beantragt  die  Abweisung der Beschwerde.  H.  Mit Eingabe vom 19. Juni 2010 übersendet die Beschwerdeführerin einen  Arztbericht  vom  16.  Juni  2010  und  erläutert  ihren  bereits  dargelegten  rechtlichen Standpunkt.  I.  Auf  die  weiteren  Vorbringen,  die  mit  der  Beschwerde  eingereichten  Beweismittel  (u.a.  den  ärztlichen  Bericht  von  B._______  vom  18.  April  2010)  und  die  separat  eingereichten  Referenzen  (Eingaben  des  Arbeitgebers  C._______  vom  21.  Juni  2010  und  des 

C­2829/2010 Gemeindepräsidenten  von  X._______  vom  26.  April  2010)  wird,  soweit  entscheiderheblich, in den Erwägungen eingegangen.

C­2829/2010 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG,  SR  173.32)  beurteilt  das  Bundesverwaltungsgericht  unter  Vorbehalt  der  in  Art.  32  VGG  genannten  Ausnahmen  Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das Verwaltungsverfahren  (VwVG, SR 172.021), welche  von  einer  der  in  Art.  33  VGG  aufgeführten  Behörden  erlassen  wurden.  Darunter fallen auch Verfügungen des BFM, welche die Zustimmung zur  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  und  die  Wegweisung  zum  Gegenstand  haben.  Das  Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  in  diesem  Bereich  endgültig  (Art.  83  Bst.  c  Ziff.  2  und  4  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (BGG, SR 173.110). 1.2.  Gemäss  Art.  37  VGG  richtet  sich  das  Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  nach  dem  VwVG,  soweit  das  Gesetz  nichts  anderes bestimmt. 1.3. Als  Adressatin  der  Verfügung  ist  die  Beschwerdeführerin  zu  deren  Anfechtung  legitimiert  (Art.  48  Abs.  1  VwVG).  Auf  die  frist­  und  formgerechte Beschwerde ist daher einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG). 2.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht  einschliesslich  Überschreitung  oder  Missbrauch  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  –  soweit  nicht  eine  kantonale  Behörde  als  Beschwerdeinstanz  verfügt  hat  –  die  Unangemessenheit  gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im  Beschwerdeverfahren  das  Bundesrecht  von  Amts  wegen  an.  Es  ist  gemäss  Art.  62  Abs.  4  VwVG  an  die  Begründung  der  Begehren  nicht  gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend  gemachten  Gründen  gutheissen  oder  abweisen.  Massgebend  ist  grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE  2007/41  E.  2  und  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  A­2682/2007  vom 7. Oktober 2010 E. 1.2 und 1.3).   3.  Gegenstand des Beschwerdeverfahrens kann grundsätzlich nur sein, was  Gegenstand  des  erstinstanzlichen  Verfahrens  war  oder  nach  richtiger 

C­2829/2010 Gesetzesauslegung  hätte  sein  sollen  (ALFRED  KÖLZ/ISABELLE  HÄNER,  Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 2. Aufl.,  Zürich  1998,  Rz.  404).  Im  vorliegenden  Fall  geht  es  –  auch  wenn  das  Dispositiv  der  angefochtenen  Verfügung  insoweit  missverständlich  ist  –um ein Zustimmungsverfahren  nach Art.  99 AuG  i.V.m. Art.  85 Abs.  1  Bst. a  VZAE.  Dieses  Verfahren  betrifft  auch  die  Frage  der  Abweichung  von den Zulassungsvoraussetzungen nach Art.  30 AuG und damit  –  so  wie  hier  –  die  Zulassung  im  Rahmen  eines  schwerwiegenden  persönlichen  Härtefalls  gemäss  Art.  30  Abs.  1  Bst.  b  AuG  und  Art.  31  VZAE  (vgl. MARTIN  NYFFENEGGER  in:  Caroni/Gächter/Thurnherr  [Hrsg.],  Stämpflis  Handkommentar  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  [AuG],  Art.  99  N  18  sowie  Weisungen  des  BFM  im  Ausländerbereich, Stand 1. Juli 2009, Ziff. 1.3.2).  4.  4.1.  Mit  dem  Inkrafttreten  des  AuG  am  1.  Januar  2008  wurde  das  ehemalige  Bundesgesetz  vom  26. März  1931  über  Aufenthalt  und  Niederlassung der Ausländer  (ANAG, BS 1 121)  abgelöst  (vgl. Art.  125  AuG  i.V.m.  Ziff.  I  des  Anhangs  2  zum  AuG)  und  damit  auch  gewisse  Ausführungsverordnungen wie die Verordnung vom 6. Oktober 1986 über  die Begrenzung der Zahl der Ausländer (BVO, AS 1986 1791; vgl. Art. 91  der  Verordnung  vom  24. Oktober  2007  über  Zulassung,  Aufenthalt  und  Erwerbstätigkeit  [VZAE,  SR  142.201]).  Auf  Verfahren,  die  vor  diesem  Zeitpunkt eingeleitet wurden, bleibt das bisherige Recht – so wie im Urteil  des  Bundesverwaltungsgericht  C­2946/2007  vom  4.  Dezember  2008 –  anwendbar  (vgl.  Art.  126  Abs.  1  AuG  sowie  BVGE  2008/1,  E.  2).  Das  Gesuch,  mit  dem  sich  die  Beschwerdeführerin  zwecks  Erteilung  einer  humanitären Aufenthaltsbewilligung an den Kanton wandte, wurde nach  dem Inkrafttreten des AuG gestellt. Für die Beurteilung der vorliegenden  Beschwerde ist daher auf das AuG und die VZAE abzustellen.  4.2. Die Anwendung des neuen Rechts hat  jedoch nicht zur Folge, dass  die  bisherige Praxis  des Bundesgerichts  im Zusammenhang mit Art.  13  BVO unbeachtlich ist. Aus der Botschaft des Bundesrates zu Art. 30 AuG  geht  nämlich  klar  hervor,  dass  die  Ausnahmen  von  den  Zulassungsvorschriften  bereits  in der BVO enthalten sind und  im neuen  Recht übernommen und soweit notwendig ergänzt werden (vgl. Botschaft  des  Bundesrates  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002, S. 3786). Der Härtefallbegriff von  Art. 13  Bst.  f  BVO  deckt  sich  daher  mit  dem  heutigen  Begriff  des 

C­2829/2010 schwerwiegenden persönlichen Härtefalles gemäss Art. 30 Abs. 1 Bst. b  AuG  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­1486/2009  vom  9.  Dezember 2010 E. 3.)  5.  5.1.  Abweichungen  von  den  Zulassungsvoraussetzungen  nach  Art.  30  AuG  fallen,  wie  schon  die  Ausnahme  von  der  zahlenmässigen  Begrenzung  gemäss  dem  altrechtlichen  Art.  13  Bst.  f  BVO,  in  die  Zuständigkeit des BFM (Art. 40 Abs. 1 AuG). Dieses entscheidet gemäss  Art. 99 AuG über seine Zustimmung, sofern sich die zuständige kantonale  Behörde  in  diesem  Rahmen  zur  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  bereit  erklärt  hat.  Die  Vorinstanz  und  mithin  auch  das  Bundesverwaltungsgericht  sind  daher  nicht  an  die  Einschätzung  der  kantonalen  Behörde  gebunden  (vgl.  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts C­1555/ 2008 vom 1. September 2009 E. 4.1  und C­196/2006 vom 26. Oktober 2007 [BVGE 2007/45], nicht publizierte  E. 3). 5.2.  Gemäss  Art.  30  Abs.  1  Bst.  b  AuG  kann  von  den  Zulassungsvoraussetzungen  abgewichen werden,  um  schwerwiegenden  persönlichen Härtefällen oder wichtigen öffentlichen Interessen Rechnung  zu  tragen.  Nach  Art.  31  Abs.  1  VZAE  sind  bei  der  Beurteilung  eines  schwerwiegenden  persönlichen Härtefalles  insbesondere  die  Integration  der  gesuchstellenden  Person  (Bst.  a),  die  Respektierung  der  Rechtsordnung (Bst. b), die  Familienverhältnisse (Bst. c), die finanziellen  Verhältnisse sowie der Wille zur Teilhabe am Wirtschaftsleben und zum  Erwerb von Bildung (Bst. d), die Dauer der Anwesenheit  in der Schweiz  (Bst.  e),  der  Gesundheitszustand  (Bst.  f)  und  die  Möglichkeit  für  eine  Wiedereingliederung im Herkunftsland (Bst. g) zu berücksichtigen. Diese  Kriterien  stellen  allerdings  weder  einen  abschliessenden  Katalog  dar  noch müssen sie kumulativ erfüllt sein. 5.3.  Schon  aufgrund  der  Stellung  des  Art.  30  Abs.  1  Bst.  b  AuG  im  Gesetz  (unter  dem  Abschnitt  Abweichungen  von  den  Zulassungsvoraussetzungen),  seiner  Formulierung  und  den  vom  Bundesgericht in der Rechtsprechung zum entsprechenden Art. 13 Bst. f  BVO genannten und  jetzt  in Art. 31 Abs. 1 VZAE aufgeführten Kriterien,  ergibt  sich,  dass  dieser  Bestimmung  Ausnahmecharakter  zukommt  und  dass die Voraussetzungen zur Anerkennung eines Härtefalls restriktiv zu  handhaben sind. Die betroffene Person muss sich  in einer persönlichen 

C­2829/2010 Notlage  befinden.  Das  bedeutet,  dass  ihre  Lebens­  und  Existenzbedingungen,  gemessen  am  durchschnittlichen  Schicksal  von  ausländischen  Personen,  in  gesteigertem  Mass  in  Frage  gestellt  sind  bzw. die Verweigerung einer Ausnahme von den Zulassungsbedingungen  für sie schwere Nachteile zur Folge hätte. Indessen begründen eine lang  dauernde  Anwesenheit  und  eine  fortgeschrittene  soziale  und  berufliche  Integration  sowie  ein  klagloses  Verhalten  für  sich  allein  keinen  schwerwiegenden  persönlichen  Härtefall.  Vielmehr  wird  vorausgesetzt,  dass  die  ausländische  Person  so  enge  Beziehungen  zur  Schweiz  unterhält,  dass  von  ihr  nicht  verlangt  werden  kann,  in  einem  anderen  Land,  insbesondere  in  ihrem  Heimatstaat  zu  leben.  Berufliche,  freundschaftliche  und  nachbarschaftliche  Beziehungen,  welche  die  betroffene  Person  während  ihres  Aufenthaltes  in  der  Schweiz  knüpfen  konnte,  genügen  normalerweise  nicht  für  eine  Abweichung  von  den  Zulassungsvoraussetzungen  (vgl.  BGE  130  II  39  E.  3  S.  41  f.;  BVGE  2007/16  E.  5.2  S.  195  f.  und  BVGE  2007/45  E. 4.2  S.  589  f.,  je  mit  Hinweisen,  sowie  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­7115/2009  vom 31. März 2011 E. 4.3). Auch medizinische Gründe lassen nicht ohne  Weiteres  eine  solche  Abweichung  zu.  Vielmehr  fallen  Gesundheitsbeeinträchtigungen nur ins Gewicht, wenn sie ernsthafter Art  sind  und  für  eine  lange Dauer  ständige Pflege  oder  dringende ärztliche  Eingriffe  notwendig  machen,  die  im  Herkunftsland  nicht  erhältlich  sind,  und  wenn  die  Ausreise  aus  der  Schweiz  schwere  Folgen  für  die  Gesundheit  nach  sich  ziehen  würde  (Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts C­7192/2007 vom 11. Mai 2010 E. 4.2.2).  6.  6.1.  Im  Urteil  C­2946/2007  vom  4.  Dezember  2008  hat  das  Bundesverwaltungsgericht  nicht  nur  den  von  A._______  geltend  gemachten  Aufenthaltsanspruch,  sondern  auch  –  unter  Ermessensgesichtspunkten  –  die  allfällige  Verlängerung  ihrer  Aufenthaltsbewilligung  überprüft.  Es  hat  dabei  betont,  dass  eine  solche  Verlängerung nach Auflösung der Ehe  in erster Linie ein  Instrument zur  Vermeidung  von  Härtefällen  darstelle  (E.  6.2),  und  in  den  weiteren  Erwägungen  hierzu  ausgeführt,  dass  sich  die  Beschwerdeführerin  in  sozialer  und  beruflicher Hinsicht  um  Integration  bemüht  habe  und  ihren  Lebensunterhalt  eigenständig  bestreiten  könne  (E. 7.1).  Ohne Weiteres  kann daraus abgeleitet werden, dass ihre Integration seitdem noch weiter  fortgeschritten ist; dies allein begründet jedoch noch keinen Härtefall. An  dieser Einschätzung  ändert  auch  der Umstand  nichts,  dass A._______, 

C­2829/2010 mittlerweile 31 Jahre alt,  seit über zehn Jahren  in der Schweiz  lebt, hat  sie  doch  den weitaus  grössten  und  prägenden Teil  ihres  Lebens  in  der  Heimat  verbracht.  Zudem  ist  auch  nicht  ersichtlich,  dass  aufgrund  des  weiteren Zeitablaufs für sie eine Situation entstanden ist, die nicht bereits  im vorgängigen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts berücksichtigt oder  vorhergesehen werden konnte.   6.2. Angesichts  dessen  trifft  der  von  der  Beschwerdeführerin  erhobene  Vorwurf,  die  Vorinstanz  habe  sich  in  der  angefochtenen  Verfügung  mit  den  neu  geltend  Aspekten  nicht  hinreichend  auseinandergesetzt  und  insofern  ihre  Begründungspflicht  verletzt,  nicht  zu.  Aufgrund  des  bundesgerichtlichen  Entscheid  vom  31.  März  2009  steht  fest,  dass  sie  über kein Aufenthaltsrecht in der Schweiz mehr verfügt. Seitdem wird ihre  Anwesenheit  lediglich  geduldet,  ein  Umstand,  der  für  sich  allein  genommen  nicht  zugunsten  der  Beschwerdeführerin  sprechen  kann.  Soweit  die  Beschwerdeführerin  geltend  macht,  verschiedene  Personen  hätten  sich  für  sie  beim  BFM  eingesetzt,  handelt  es  sich  um  Ausführungen, die in dieser Art bereits im vorherigen Verfahren vor dem  Bundesverwaltungsgericht  gemacht  wurden  und  die  aufgrund  des  weiteren  Zeitablaufs  durch  Bescheinigungen  des  jetzigen  Arbeitgebers  und  des  Gemeindepräsidenten  von  X._______  aktualisiert  werden  konnten. Abgesehen davon haben derartige Bestätigungen in der Regel –  und  so  auch  hier  –  nur  geringen  Beweiswert,  da  sie  bezwecken,  der  betreffenden  Person  zu  helfen  (vgl.  auch  Urteil  des  Bundesgerichts  2C_8/2009 vom 31. März 2009 E. 3.4 S. 6). Im vorliegenden Fall  lassen  die Referenzschreiben des Gemeindepräsidenten vom 26. April 2010 und  des  Arbeitgebers  vom  21.  Juni  2010  zwar  auf  eine  gewisse  Integration  der Beschwerdeführerin schliessen, ermöglichen aber keine Beurteilung,  ob  sich  diese  in  einer  Härtefallsituation  befindet.  Dass  der  Gemeindepräsident seiner tatsächlichen Meinung Ausdruck verliehen hat,  wird dabei gar nicht in Frage gestellt, und es erübrigt sich daher, auf die  von  der  Beschwerdeführerin  in  ihrer  Replik  für  den  Zweifelsfall  angebotenen Beweismittel einzugehen. Im Hinblick auf die Eingabe ihres  Arbeitgebers  ist  festzustellen,  dass  dieser  erhebliche  eigene  Interessen  an ihrer Weiterbeschäftigung besitzt und in tendenziöser Weise glaubhaft  zu machen versucht, dass für sie als Alevitin eine Rückkehr in die Türkei  – und  zwar  aufgrund  ihrer  Tätigkeit  als  Raumpflegerin  an  der  Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel – gefährlich bzw.  sogar lebensbedrohlich sein könnte.   

C­2829/2010 6.3. Aus den Akten und dem Vorbringen der Beschwerdeführerin ist nicht  ersichtlich,  dass  sie  in  der  Schweiz  über  besonders  enge  persönliche  oder  familiären  Beziehungen  verfügt,  deren  Auflösung  für  sie  zu  einer  besonderen Härte  führen würde. Den Umstand, dass sie  im Heimatland  als Alevitin aufgrund ihrer Scheidung Nachteilen ausgesetzt wäre, hat sie  bereits im vorhergehenden Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht  geltend gemacht. Dieses hat seinerzeit ihren Einwand als recht pauschal  bezeichnet  und  gelangte  zur  Schlussfolgerung,  dass  die  von  ihr  behaupteten  Reintegrationsprobleme  keine  unzumutbares  Mass  erreichen würden. Im vorliegenden Verfahren hat die Beschwerdeführerin  diesbezüglich keine neuen Aspekte dargelegt;  für eine Härtefallregelung  im Rahmen von Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG besteht somit auch aus diesem  Grund keine Notwendigkeit. 6.4.  Die  Beschwerdeführerin  hat  schliesslich  behauptet,  seit  dem  bundesgerichtlichen  Entscheid  vom  31.  März  2009  habe  sich  ihre  gesundheitliche  Verfassung  verschlechtert,  und  insoweit  auf  den  ärztlichen Bericht von B._______ vom 18. April 2010 verwiesen. Diesem  Bericht zufolge stehen ihre gesundheitlichen Probleme – Depression und  Suizidalität  –  in  engem  Zusammenhang  mit  der  bevorstehenden  Rückkehr  ins  Heimatland,  was  von  der  Ärztin  auch  in  einem  weiteren  Bericht vom 16. Juni 2010 bestätigt wird. Eine entsprechende Diagnose  für A._______ hatte bereits die kantonale Psychiatrische Klinik  in Liestal  in  ihrem  Austrittsbericht  vom  22.  Juli  2009  erstellt,  dabei  aber  eine  aktuelle  Suizidalität  klar  verneint.  Die  dargelegten  gesundheitlichen   Probleme  der  Beschwerdeführerin  sind  jedoch  nicht  Ausdruck  einer  vorbestehenden  schweren  Krankheit,  welche  nur  in  der  Schweiz  behandelbar wäre und welche die Rückkehr  ins Heimatland unzumutbar  erscheinen liessen. Vielmehr betreffen diese Probleme – wovon auch das  Bundesgericht  in  seinem  Entscheid  vom  31.  März  2009  (E.  3.4  S.  6)  ausgeht – den Verlust von Lebensperspektiven in der Schweiz und damit  den Wegweisungsvollzug. Hiermit hat sich das Bundesverwaltungsgericht  bereits  im  Urteil  vom  4.  Dezember  2008  (E.  9.2  und  9.3)  auseinandergesetzt.  Dass  sich  die  Krankheitssymptome  aufgrund  des  weiteren  Zeitablaufs  verstärkt  haben,  führt  nicht  dazu,  dass  diese  nunmehr  im Rahmen von Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG und Art. 31 Abs. 1  VZAE zu berücksichtigen wären. 7.  In Gesamtwürdigung  der wesentlichen Umstände  ist  festzustellen,  dass  die  Voraussetzungen  für  die  Annahme  eines  schwerwiegenden 

C­2829/2010 persönlichen  Härtefalles  im  Sinne  von  Art.  30  Abs.  1  Bst.  b  AuG  nicht  erfüllt  sind.  Trotz  langjährigem  Aufenthalt  in  der  Schweiz  ist  nicht  ersichtlich,  dass  die  Beschwerdeführerin  hier  derart  enge  Beziehungen  unterhält,  welche  ihre   Rückkehr  in  die  Heimat  unzumutbar  machen  würden.  Eine  andere  Einschätzung  ergibt  sich  auch  nicht  unter  Berücksichtigung  allfälliger  Nachteile,  die  mit  ihrer  Zugehörigkeit  zur  alevitischen  Glaubensgemeinschaft  in  Zusammenhang  stehen.  Ebenso  wenig  können  in  diesem  Rahmen  die   mit  dem  drohenden  Wegweisungsvollzug einhergehenden psychischen Probleme Beachtung  finden.  8.  Die Möglichkeit, Zulässigkeit und Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzug  hat  das  Bundesverwaltungsgericht  im  vorhergehenden  Urteil  vom  4.  Dezember  2008  bejaht.  Offensichtlich  hat  sich  seitdem  die  gesundheitliche  Situation  der  Beschwerdeführerin  verschlechtert;  ob  diese  Entwicklung  und  die  in  diesem  Rahmen  vorgelegten  neuen  ärztlichen  Stellungnahmen   zu  einer  anderen  Einschätzung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  führen  können,  ist  jedoch  fraglich.  In  ihrer  Stellungnahme  vom  18. April  2010  (Beilage  4  der  Beschwerde)  attestiert  B._______,  Fachärztin  für  Psychiatrie  und  Psychotherapie,  ihrer  Patientin  den  Beginn  einer  schweren  Depression  und  eine  akute  Suizidalität;  diese  Diagnose  bestärkt  sie  in  ihrer  Stellungnahme  vom  16.  Juni  2010  (Beilage  der  Replik)  unter  Hinweis  darauf,  sie  habe  ihre  Patientin  in  die  psychiatrische  Klinik  in  Liestal  eingewiesen; die damit beabsichtigte Stabilisierung werde voraussichtlich  drei Wochen dauern.  8.1.  Die  von  der  behandelnden  Ärztin  an  den  Rechtsvertreter  adressierten Schreiben vom 18. April 2010 und 16. Juni 2010 tragen zwar  beide  den  Titel  Arztbericht;  sie  enthalten  jedoch  keine  objektivierbaren  Informationen  zur  Krankenvorgeschichte  und  zur  Art  und  Dauer  der  bisherigen Behandlungen oder Sitzungen. Insbesondere die Eingabe vom  18. April 2010 ist erkennbar vom Wunsch geprägt, der Patientin zu einem  Aufenthaltsrecht in der Schweiz zu verhelfen. 8.2. Die  psychischen Probleme der Beschwerdeführerin  sind  zwar  nicht  zu bagatellisieren. Entscheidend ist allerdings – und dies machen sowohl  A._______ als auch ihre Ärztin geltend –, dass die gesundheitlichen bzw.  psychischen  Probleme  nur  im  Zusammenhang  mit  der  drohenden  Ausschaffung  und  dem  Verlust  der  Lebensperspektiven  in  der  Schweiz 

C­2829/2010 stehen. Auch wenn dabei – wie in derartigen Konstellationen nicht selten  – Suizidgedanken  thematisiert  werden,  so  handelt  es  sich  um  Risiken,  denen  durch  entsprechende  Ausgestaltung  des  Wegweisungsvollzugs  Rechnung  zu  tragen  ist  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­ 2276/2007  vom  24.  November  2007  E. 10.2.1).  Insoweit  enthält  das  in  diesem  Verfahren  neue  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  keine  Gesichtspunkte,  die  nicht  bereits  im  vorhergehenden  Urteil  vom  4.  Dezember 2008 hinsichtlich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs  (E. 9.2) berücksichtigt worden wären. Hierauf kann verwiesen werden. 9.  Aus  alledem ergibt  sich,  dass  die  angefochtene Verfügung  im Ergebnis   rechtmässig ist (Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist daher abzuweisen. 10.  Entsprechend dem Verfahrensausgang sind der Beschwerdeführerin die  Kosten aufzuerlegen  (Art.  63 Abs.  1 VwVG  i.V.m. Art.  1  und Art.  3  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Dispositiv nächste Seite

C­2829/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 900.­  werden  der  Beschwerdeführerin  auferlegt.  Sie  werden  mit  dem  in   gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss verrechnet. 3.  Dieses Urteil geht an: – die Beschwerdeführerin (Einschreiben) – die Vorinstanz  – das  Amt  für  Migration  Basel­Landschaft,  Postfach  251,  4402  Frenkendorf  Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Ruth Beutler Barbara Giemsa­Haake Versand:

C-2829/2010 — Bundesverwaltungsgericht 11.08.2011 C-2829/2010 — Swissrulings