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Bundesverwaltungsgericht 08.09.2010 BVGE 2010/46

8 settembre 2010·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,570 parole·~8 min·3

Riassunto

Revisionsaufsicht | Zulassung als Revisor. Anwendbarkeit der Härtefal...

Testo integrale

Revisionsaufsicht 2010/46 BVGE / ATAF / DTAF 647 2 Privatrecht – Zivilrechtspflege – Vollstreckung Droit privé – Procédure civile – Exécution Diritto privato – Procedura civile – Esecuzione 46 Auszug aus dem Urteil der Abteilung II i. S. X. gegen Eidgenössische Revisionsaufsichtsbehörde B­1181/2010 vom 8. September 2010 Zulassung als Revisor. Anwendbarkeit der Härtefallregelung. Art. 43 Abs. 6 RAG. Obwohl  gesetzessystematisch  bei  den  Übergangsbestimmungen  eingeordnet, stellt die Härtefallregel von Art. 43 Abs. 6 RAG eine  Ausnahmeregelung und keine befristete Übergangsregelung dar.  Die  zeitliche  Anwendbarkeit  der  Bestimmung  ist  infolge  eines  qualifizierten  Schweigens  des  Gesetzes  nicht  beschränkt  (E. 3.4.4). Agrément de réviseur. Applicabilité de la règle sur les cas de rigueur. Art. 43 al. 6 LSR. Bien qu'elle figure parmi les dispositions transitoires, la règle sur  les  cas  de  rigueur  de  l'art. 43  al. 6  LSR  constitue  une  règle  particulière  et  non une  règle  transitoire. En  raison d'un  silence  qualifié  de  la  loi,  l'application  de  cette  disposition  n'est  pas  limitée dans le temps (consid. 3.4.4). Abilitazione come revisore. Applicabilità della regolamentazione nei  casi di rigore. Art. 43 cpv. 6 LSR. Sebbene  secondo  la  sistematica  della  legge  figuri  tra  le  disposizioni  transitorie,  la  regola  per  i  casi  di  rigore  secondo  l'art. 43 cpv. 6 LSR rappresenta una regola particolare e non una  disposizione  transitoria.  L'applicabilità  della  disposizione  non  è  limitata nel tempo a seguito di un silenzio qualificato della legge  (consid. 3.4.4).

2010/46 Revisionsaufsicht 648 BVGE / ATAF / DTAF Am 8. Oktober 2009 ersuchte der Beschwerdeführer die Vorinstanz um  persönliche  Zulassung  sowie  um  Zulassung  seines  Einzelunternehmens  als Revisor. Mit  Verfügung  vom  27. Januar  2010  wies  die  Vorinstanz  das  Zulassungsgesuch  des  Beschwerdeführers  im  Wesentlichen  mit  der  Begründung  ab,  er  erfülle  die  Voraussetzungen  für  die  Zulassung  aufgrund  fehlender  beaufsichtigter  Fachpraxis  auf  den  Gebieten  des  Rechnungswesens  und  der  Rechnungsrevision  nicht.  Auch  die  Härtefallregel könne in seinem Fall nicht zur Anwendung kommen, da er  sein  Gesuch  mehr  als  zwei  Jahre  nach  Inkrafttreten  des  neuen  Revisionsrechts eingereicht habe. Gegen  diese  Verfügung  erhob  der  Beschwerdeführer  am  25. Februar  2010  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht  (BVGer).  Er  macht  im Wesentlichen  geltend,  die  zeitliche  Limitierung  der Härtefallklausel  auf  zwei  Jahre  sei  nirgends  verbindlich  geregelt  und  somit willkürlich,  weshalb  er  aufgrund  des  Vorliegens  der  gesetzlichen  Voraussetzungen  der Härtefallregel als Revisor zuzulassen sei. Mit Schreiben vom 22. März 2010 beantragte der Beschwerdeführer die  Sistierung des Beschwerdeverfahrens bis zum Entscheid der Vorinstanz  über  sein  am 22. März  2010 gestelltes Wiedererwägungsgesuch. Dieser  Antrag wurde vom BVGer mit Zwischenverfügung vom 30. März 2010  gutgeheissen. Mit  Schreiben  vom  31. März  2010  teilte  die  Vorinstanz  dem  Beschwerdeführer mit,  dass  sie  auf  sein Wiedererwägungsgesuch  nicht  eintrete. Mit Verfügung vom 6. April 2010 hob das BVGer deshalb die  verfügte Sistierung des Verfahrens wieder auf. Das BVGer heisst die Beschwerde teilweise gut und weist die Sache im  Sinne  der  Erwägungen  zum  erneuten  Entscheid  an  die  Vorinstanz  zurück. Aus den Erwägungen: 3. (...) Gemäss  Art. 43  Abs. 6  des  Revisionsaufsichtsgesetzes  vom  16. Dezember  2005  (RAG,  SR  221.302)  kann  die  Aufsichtsbehörde  in  Härtefällen  auch  eine  Fachpraxis  anerkennen,  die  den  gesetzlichen  Anforderungen  nicht  genügt,  sofern  eine  einwandfreie  Erbringung  von  Revisionsdienstleistungen  auf  Grund  einer  langjährigen  praktischen 

Revisionsaufsicht 2010/46 BVGE / ATAF / DTAF 649 Erfahrung  nachgewiesen  wird.  Strittig  ist  vorliegend,  ob  sich  der  Beschwerdeführer auf diese Bestimmung berufen kann. 3.1 Art. 43  Abs. 6  RAG  schreibt  in  offener  Form  vor,  dass  die  Vorinstanz  über  Härtefälle  befindet  und  bei  ihrem  Entscheid  die  langjährige  Fachpraxis  eines  Gesuchstellers  und  dessen  einwandfreie  Dienstleistungserbringung in Betracht zu ziehen hat. Damit räumt Art. 43  Abs. 6  RAG  der  Verwaltungsbehörde  einerseits  Ermessen  ein  (« Die  Aufsichtsbehörde  kann »)  und  enthält  andererseits  unbestimmte  Rechtsbegriffe  (« einwandfreie  Erbringung »  und  « langjährige  praktische  Erfahrung »).  Beides  –  Ermessen  wie  auch  unbestimmte  Rechtsbegriffe – dient der Einzelfallgerechtigkeit. Das BVGer kann sowohl Ermessenskontrollen durchführen als auch die  Auslegung  von  unbestimmten  Gesetzesbegriffen  durch  eine  Verwaltungsbehörde  überprüfen  (Art. 37  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [VGG,  SR  173.32]  i. V. m. Art. 49 Bst. a des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über  das  Verwaltungsverfahren  [VwVG,  SR  172.021]).  Nach  konstanter  Praxis  ist  dabei  jedoch  Zurückhaltung  zu  üben  und  den  Verwaltungsbehörden ein gewisser Beurteilungsspielraum zuzuerkennen,  wenn  der  Entscheid  besondere  Kenntnisse  oder  Vertrautheit  mit  den  tatsächlichen  Verhältnissen  voraussetzt  und  die  Behörde  die  für  den  Entscheid  wesentlichen  Gesichtspunkte  geprüft  und  die  erforderlichen  Abklärungen sorgfältig und umfassend durchgeführt hat (vgl. Urteil des  BVGer B­7968/2009 vom 6. Mai 2010 E. 4.4). Bei missbräuchlichen und  ermessensunterschreitenden  oder  ­überschreitenden  Entscheiden  liegt  jedoch  immer  eine  Rechtsverletzung  vor,  welche  das  BVGer  frei  überprüft. Die Behörde, welche einen Ermessensentscheid zu treffen hat,  ist  gehalten,  ihre  Entscheidkompetenz  insbesondere  pflichtgemäss,  das  heisst verfassungs­ und gesetzeskonform, auszuüben. Ihren Entscheid hat  sie  daher  vor  dem  Hintergrund  von  Verfassungsgrundsätzen,  wie  insbesondere der Rechtsgleichheit,  der Verhältnismässigkeit,  der Pflicht  zur Wahrung öffentlicher Interessen und dem Willkürverbot, auszufällen  und  zu  begründen.  Darüber  hinaus  sind  auch  Sinn  und  Zweck  der  gesetzlichen  Ordnung  zu  beachten  (vgl.  PIERRE  TSCHANNEN/ULRICH  ZIMMERLI,  Allgemeines  Verwaltungsrecht,  2. Aufl.,  Bern  2005,  § 26  Rz. 11 ff.;  ULRICH  HÄFELIN/GEORG  MÜLLER/FELIX  UHLMANN,  Allgemeines  Verwaltungsrecht,  6. Aufl.,  Zürich/St. Gallen  2010,  Rz. 441,  445 ff.,  1938;  ANDRÉ  MOSER/MICHAEL  BEUSCH/LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht,  Basel 

2010/46 Revisionsaufsicht 650 BVGE / ATAF / DTAF 2008, Rz. 2.149 ff.; ANDRÉ GRISEL, Traité de droit administratif, Bd. I,  Neuenburg 1984, S. 333). Vorliegend  ist  somit  zu  prüfen,  ob  die  Vorinstanz  ihren  Entscheid  im  Rahmen  des  ihr  zugestandenen  Ermessens  gefällt  und  dabei  die  materiellen Beurteilungskriterien  in genügend konkreter und schlüssiger  Weise gewürdigt und begründet hat. 3.2 Die Vorinstanz ist der Ansicht, der Beschwerdeführer, der über  eine mehrjährige  unbeaufsichtigte  Fachpraxis  verfügt,  könne  sich  nicht  auf  die  Härtefallregelung  von  Art. 43  Abs. 6  RAG  berufen,  da  diese  Bestimmung  nur  bei  Gesuchen  zur  Anwendung  komme,  die  bis  zwei  Jahre  seit  Inkrafttreten  des  RAG  am  1. September  2007  eingereicht  worden seien. Art. 43  RAG  sei  als  Übergangsbestimmung  ausgestaltet,  die  den  Übergang  vom  alten  zum  neuen  Recht  mit  Blick  auf  verschiedene  Konstellationen habe erleichtern sollen. Sie sehe unter anderem vor, dass  bei Einreichung eines Gesuchs bis zum 31. Dezember 2007 grundsätzlich  vorerst eine provisorische Zulassung erteilt werde (Art. 43 Abs. 3 RAG)  und  dass  Fachpraxis  bis  zum  31. August  2009  unter  erleichterten  Voraussetzungen  erworben werden könne  (Art. 43 Abs. 4 und 5 RAG).  Art. 43 Abs. 6 RAG schliesslich statuiere eine Härtefallklausel in Bezug  auf  die  Fachpraxis.  Auch  diese  Bestimmung  habe  den  Zweck,  den  Übergang  zum  neuen  Recht  in  gewissen  Fällen  zu  erleichtern,  indem  insbesondere  mit  Blick  auf  allfällige  Schwierigkeiten  beim  Nachweis  lange  zurückliegender  Fachpraxis  weniger  hohe  Anforderungen  gelten  würden. Der Gesetzgeber  habe mit  der  Einordnung  von Art. 43 Abs. 6  RAG in das Übergangsrecht seinen Willen zum Ausdruck gebracht, dass  diese  Ausnahmebestimmung  ebenfalls  nur  für  einen  beschränkten  Zeitraum zur Anwendung kommen solle. Zwar enthalte der Wortlaut der  Norm  tatsächlich  keine  ausdrückliche  Verwirkungsfrist,  systematische,  historische  und  teleologische  Auslegung  geböten  aber  eine  restriktive  Anwendung.  Wer  über  zwei  Jahre  lang  seit  Inkrafttreten  der  neuen  Bestimmung  ohne  Zulassung  ausgekommen  sei  und  nicht  einmal  ein  Gesuch um Zulassung gestellt habe, demonstriere damit, dass er auf die  Zulassung  nicht  angewiesen  sei  und  stelle  daher  auch  keinen Härtefall  dar.  Mehr  als  zwei  Jahre  nach  Inkrafttreten  des  revidierten  Revisionsrechts  sei der Übergang zum neuen Recht vollzogen, weshalb  grundsätzlich  kein  Härtefall  mehr  vorliegen  könne.  Die  von  der  Aufsichtsbehörde  im  Rahmen  des  ihr  zustehenden  Ermessens  angenommene  Frist  zur Anwendbarkeit  der Härtefallregelung  sei  dabei 

Revisionsaufsicht 2010/46 BVGE / ATAF / DTAF 651 identisch  mit  der  Frist  gemäss  Art. 43  Abs. 4  und  5  RAG.  Da  der  Beschwerdeführer  sein Gesuch  um Zulassung  erst  am  8. Oktober  2010  eingereicht habe, komme die Regelung von Art. 43 Abs. 6 RAG bei ihm  nicht  mehr  zur  Anwendung.  Er  habe  auch  nicht  darlegen  können,  inwieweit  ihn die Abweisung seines Gesuchs wirtschaftlich unzumutbar  hart  treffe. Er könne auch ohne Zulassung weiterhin  an der Erbringung  von  Revisionsdienstleistungen  mitwirken,  und  eine  Neuorganisation  seines Unternehmens durch Anstellung einer Person mit entsprechender  Zulassung  erscheine  ebenfalls  möglich.  So  müsse  in  Anbetracht  der  relativ  kurzen  Periode,  während  der  die  jährlichen  Revisionen  stattfänden, nicht zwingend eine Vollzeitstelle dafür ausgeübt werden. 3.3 Dem hält der Beschwerdeführer entgegen, Art. 43 Abs. 6 RAG  sehe  keine  ausdrückliche  zeitliche  Befristung  der  Anwendbarkeit  vor,  weshalb die Vorinstanz die Härtefallbestimmung, deren Voraussetzungen  er offensichtlich erfülle, auf sein Gesuch materiellrechtlich in geeigneter  Weise  anzuwenden  habe.  Zwar  treffe  es  zu,  dass  es  sich  bei  Art. 43  Abs. 6  RAG  um  eine  Übergangsbestimmung  handle,  es  sei  aber  auch  klar,  dass  die  Übergangsbestimmung  sich  ausschliesslich  auf  die  Fachpraxis vor Inkraftsetzung des RAG beziehe. Die Bestimmung wolle  einzig  und  allein  sicherstellen,  dass  die Vorinstanz  bei  der Beurteilung  von  Fachpraxis,  die  vor  dem  1. September  2007  erworben worden  sei,  den  bereits  für  den  Gesetzgeber  vorhersehbaren  Härtefällen  gerecht  werden  könne.  Dies  auch  deshalb,  weil  das  RAG  in  eine  organisch  gewachsene  Berufswelt  eingreife,  die  sich  noch  nicht  auf  das  neue  Gesetz  habe  einrichten  können. Zudem könne bei  einer Überschreitung  der von der Vorinstanz willkürlich gesetzten Verwirkungsfrist von zwei  Jahren  um  lediglich  38 Tage  nicht  von  einer  ungebührlichen  Verzögerung  gesprochen werden.  Er  habe  ausserdem  sachliche Gründe  dafür  genannt,  weshalb  er  zunächst  keinen  Handlungsbedarf  für  eine  Gesuchseinreichung  gesehen  habe.  Angesichts  der  Anzahl  seiner  Revisionsmandate  und  aufgrund  der  Wichtigkeit  bei  der  Kundenakquisition  bedürfe  er  aber  der  Zulassung  als  Revisor.  Schliesslich wolle  er die Zulassung auch aus Prestigegründen, was  ihm  angesichts  seiner  Ausbildung  als  Experte  in  Rechnungslegung  und  Controlling nicht zu verdenken sei. 3.4 In  Art. 43  Abs. 6  RAG  spricht  das  Gesetz  einerseits  von  Härtefällen  und  andererseits  von  langjähriger  Erfahrung  in Verbindung  mit  einwandfreier  Dienstleistungserbringung.  Ein  fest  bestimmter  Zeitraum,  über  welchen  hinweg  diese  Bestimmung  angerufen  werden  kann, lässt sich dem Gesetz nicht entnehmen. Ebenso wenig finden sich 

2010/46 Revisionsaufsicht 652 BVGE / ATAF / DTAF in  der  Revisionsaufsichtsverordnung  vom  22. August  2007  (RAV,  SR  221.302.3) Hinweise auf eine für die Zulassung erforderliche Frist für die  Gesuchseinreichung. Es stellt sich deshalb vorliegend die Frage, ob die Vorinstanz berechtigt  war,  die  Anwendbarkeit  der  Härtefallklausel  im  Rahmen  behördlicher  Lückenfüllung zu befristen. 3.4.1 Eine  Lücke  des  Gesetzes  liegt  dann  vor,  wenn  sich  eine  gesetzliche  Regelung  als  unvollständig  erweist,  weil  sie  auf  eine  bestimmte Frage keine Antwort gibt. Die bisher herrschende Lehre und  bundesgerichtliche  Rechtsprechung  unterscheiden  echte  und  unechte  Lücken  und  behandeln  sie  unterschiedlich.  Eine  echte  Gesetzeslücke  liegt danach dann vor, wenn der Gesetzgeber etwas zu regeln unterlassen  hat,  was  er  hätte  regeln  sollen,  und  dem  Gesetz  weder  nach  seinem  Wortlaut  noch  nach  dem  durch  Auslegung  zu  ermittelnden  Inhalt  eine  Vorschrift  entnommen  werden  kann.  Von  einer  unechten  oder  rechtspolitischen  Lücke  ist  demgegenüber  die  Rede,  wenn  dem Gesetz  zwar  eine  Antwort,  aber  keine  befriedigende  zu  entnehmen  ist,  namentlich, wenn die vom klaren Wortlaut geforderte Subsumtion eines  Sachverhalts  in  der  Rechtsanwendung  teleologisch  als  unhaltbar  erscheint. Echte Lücken zu  füllen,  ist dem Richter  aufgegeben, unechte  zu  korrigieren  ist  ihm  nach  traditioneller  Auffassung  grundsätzlich  verwehrt,  es  sei denn, die Berufung auf den als massgeblich  erachteten  Wortsinn der Norm stelle  einen Rechtsmissbrauch dar  (vgl. BGE 128  I  34  E. 3b,  BGE  121  III  219  E. 1d/aa  mit  weiteren  Hinweisen).  Eine  neuere Auffassung in der juristischen Methodenlehre verzichtet auf eine  Unterscheidung  von  echten  und  unechten  Lücken  und  bezeichnet  eine  Lücke  in allgemeiner Weise als  sog. Planwidrige Unvollständigkeit  des  Gesetzes, die von den rechtsanwendenden Organen behoben werden darf  (vgl.  ULRICH  HÄFELIN,  Die  Lückenfüllung  im  öffentlichen  Recht,  in:  Festschrift  zum  70. Geburtstag  von  Hans  Nef,  Zürich  1981,  S. 91 ff.,  108 f.,  113 f.;  ERNST A. KRAMER,  Juristische  Methodenlehre,  3. Aufl.,  Bern  2010,  S. 181 f.).  Auch  in  der  Praxis  wird  vermehrt  von  der  genannten Unterscheidung abgesehen und eine vom Gericht zu füllende  Lücke  nur  angenommen,  wenn  die  gesetzliche  Regelung  aufgrund  der  dem  Gesetz  zugrunde  liegenden  Wertungen  und  Zielsetzungen  als  unvollständig und daher ergänzungsbedürftig erachtet werden muss (vgl.  Urteil  des  BVGer  B­7384/2006  vom  2. Juli  2007  E. 3.1  mit  weiteren  Hinweisen). Um eine ausfüllungsbedürftige Lücke annehmen zu können,  ist  ausserdem  durch  Auslegung  zu  ermitteln,  ob  das  Fehlen  einer 

Revisionsaufsicht 2010/46 BVGE / ATAF / DTAF 653 Anordnung eine bewusst negative Antwort des Gesetzgebers, das heisst  ein  sogenanntes  qualifiziertes  Schweigen,  darstellt  (vgl.  HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, a. a. O., Rz. 233 ff.). 3.4.2 Gemäss  Botschaft  des  Bundesrates  zur  Änderung  des  Obligationenrechts  (Revisionspflicht  im  Gesellschaftsrecht)  sowie  zum  Bundesgesetz über die Zulassung und Beaufsichtigung der Revisorinnen  und  Revisoren  vom  23. Juni  2004  (BBl  2004  3939,  nachfolgend:  Botschaft)  kann  die  Aufsichtsbehörde  in  Härtefällen  auch  Fachpraxis  anerkennen,  die  nicht  der  gesetzlichen  Regelung  –  vorliegend  einer  beaufsichtigten einjährigen Tätigkeit – entspricht, falls eine einwandfreie  Erbringung  von  Revisionsdienstleistungen  aufgrund  einer  langjährigen  praktischen  Erfahrung  nachgewiesen  wird.  So  könne  es  sich  unter  bestimmten  Umständen  als  schwierig  erweisen,  die  notwendigen  Nachweise für die erworbene Fachpraxis zu erbringen. Denkbar sei etwa,  dass die Fachpraxis bei Personen erworben werde, die verstorben  seien  und  deren  Fachdiplome  nicht  mehr  beigebracht  werden  könnten.  Für  entsprechende  Fälle  enthalte  der  Entwurf  eine  Härteklausel.  Unter  Berücksichtigung  des  Normzwecks  habe  die  Aufsichtsbehörde  jedoch  nur  restriktiv  von  dieser  Sondervorschrift  Gebrauch  zu  machen.  Die  Ausnahmeregelung solle insbesondere nicht ermöglichen, Praktiker ohne  eine  abgeschlossene Ausbildung  im Sinne von Art. 4 Abs. 2 RAG oder  ohne qualifizierte Berufserfahrung als Revisionsexperten oder Revisoren  zuzulassen.  Sie  müsse  vielmehr  auf  Personen  beschränkt  bleiben,  die  über  ein  Diplom  und  eine  langjährige  praktische  Erfahrung  verfügten;  dies  gelte  auch  für  Revisoren.  Andernfalls  wäre  die  Durchsetzung  der  Neuordnung  nicht  gewährleistet  (vgl.  Botschaft,  BBl  2004  4093 f.).  Hinweise  darauf,  dass  der  historische  Gesetzgeber  die  Bestimmung  innerhalb einer Frist angewendet haben wollte, ergeben sich damit keine  aus dem Botschaftstext. 3.4.3 Dass  der  Gesetzgeber  es  im  Anschluss  an  zwei  befristete  Regelungen  gemäss  Art. 43  Abs. 4  und  5  RAG  planwidrig  versäumt  haben  könnte,  eine  Befristung  vorzusehen,  ist  nicht  anzunehmen.  Die  vom Gesetzgeber postulierte Restriktion bei der Anwendung von Art. 43  Abs. 6  RAG  bezieht  sich  einzig  auf  die  Auslegung  der  materiellen  Beurteilungskriterien.  Nach  dem  klaren  Gesetzeswortlaut  von  Art. 43  Abs. 6  RAG  sollen  grundsätzlich  diejenigen  Personen  als  Revisoren  zugelassen  werden,  welche  über  lange  praktische  Erfahrung  verfügen  und  für  eine  tadellose  Dienstleistung  garantieren  können.  Weitere  Angaben  zur  Konkretisierung  der  Härtefallregelung  lassen  sich  weder 

2010/46 Revisionsaufsicht 654 BVGE / ATAF / DTAF dem Wortlaut noch dem Botschaftstext entnehmen, weshalb ein Härtefall  bei Vorliegen der genannten Voraussetzungen zu vermuten ist. Wenn die Vorinstanz ausführt, dass, wer zwei Jahre lang ohne Zulassung  als  Revisor  auskäme,  keinen Härtefall mehr  darstellen  könne,  verkennt  sie, dass die Beantwortung der Frage, ob ein Härtefall vorliegt,  letztlich  nichts  anderes  beinhaltet  als  die  Prüfung  des  Verhältnismässigkeitsgrundsatzes  –  konkret  der  Zumutbarkeit  –,  was  zeitlich  unbeschränkt  erfolgen  kann  und  muss.  Fristen,  insbesondere  solche,  die  eine  Verwirkung  von  Rechten  zur  Folge  haben,  können  empfindlich  in  die  Rechtsstellung  von  Betroffenen  eingreifen,  weshalb  sie  im  Rahmen  einer  voraussehbaren  und  präzisen  Regelung  auf  Gesetzesstufe zu verankern sind. Gerade bei Rechtsinstituten, die um der  Rechtssicherheit  willen  errichtet  wurden,  darf  in  Einzelfragen  keine  Rechtsunsicherheit bestehen. 3.4.4 Im Lichte  einer wertenden Gesamtbetrachtung  erweist  sich die  gesetzliche  Regelung  somit  nicht  als  unvollständig  und  ergänzungsbedürftig. Obwohl Art. 43 Abs. 6 RAG gesetzessystematisch  bei  den  Übergangsbestimmungen  eingeordnet  ist,  handelt  es  sich  bei  dieser  Bestimmung  um  eine  Ausnahmeregelung,  und  nicht  um  eine  befristete Übergangsregelung (vgl. Urteil des BVGer B­1379/2010 vom  30. August  2010  E. 7.4.1);  für  Letzteres  fehlt  es  bereits  an  einer  entsprechenden Zeitangabe, die auf Gesetzesstufe verankert sein müsste  (vgl. ALFRED KÖLZ, Intertemporales Verwaltungsrecht, veröffentlicht in:  Zeitschrift  für  Schweizerisches  Recht  1983  II,  S. 155 ff.;  HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN,  a. a. O.,  Rz. 795 ff.).  Für  die  formelle  Limitierung  der  Anwendbarkeit  der  Härtefallbestimmung  kann  folglich  keine  durch  den  Rechtsanwender  auszufüllende  Lücke  angenommen  werden. Vielmehr  ist  von  einem qualifizierten Schweigen  des Gesetzes  auszugehen,  die  zeitliche  Anwendbarkeit  dieser  Bestimmung  nicht  zu  beschränken.  Ob  die  Ansiedlung  von  Art. 43  Abs. 6  RAG  unter  der  Marginalie  « Übergangsbestimmungen »  einem  gesetzgeberischen  (redaktionellen) Versehen gleichkommt, kann offen bleiben. 3.5 Aufgrund  des  Gesagten  ist  bei  der  Prüfung  eines  Härtefalls  einzig  massgebend,  ob  ein  Gesuchsteller  die  materiellen  Voraussetzungen von Art. 43 Abs. 6 RAG erfüllt. Der Vorinstanz kann zwar darin gefolgt werden, dass die zeitliche Dauer  des  Auskommens  ohne  Zulassung  als  Indiz  zur  Verneinung  eines  Härtefalls herangezogen werden kann, aber nicht  im Sinne einer starren  und  unumstösslichen  Vermutung.  Im  Rahmen  einer  präzisen 

Revisionsaufsicht 2010/46 BVGE / ATAF / DTAF 655 einzelfallbezogenen Beurteilung  ist den von einem Gesuchsteller hierzu  geltend  gemachten  Ausführungen  vielmehr  rechtsgenüglich  Gehör  zu  verschaffen. Der  Beschwerdeführer  erklärt,  dass  er  hauptsächlich  aus  gesundheitlichen  und  familiären  Gründen  eine  berufliche  Umorientierung  in Betracht  gezogen habe, welche  sich dann  aber  nicht  habe  realisieren  lassen. Deshalb  sei  er  zwecks  Existenzsicherung  heute  zwingend  auf  seine  Revisionsmandate  angewiesen.  Zudem  sei  im  September  2009  ein  ehemaliger  Geschäftspartner  von  ihm  verstorben,  dessen  Revisionsmandate  er  nun  im  Sinne  einer  Nachfolgeregelung  ebenfalls  übernehmen  könne.  Aus  diesen  Gründen  führe  die  Verweigerung  der  Zulassung  als  Revisor  zu  einem  grossen  Schaden,  bedrohe seine Existenz und gefährde Arbeitsstellen. Mit  diesen  Ausführungen  legt  der  Beschwerdeführer  –  entgegen  der  Ansicht  der  Vorinstanz  –  schlüssig  dar,  weshalb  er  sein  Gesuch  um  Zulassung  nicht  bereits  unmittelbar  nach  Inkrafttreten  des  neuen  Revisionsaufsichtsrechts eingereicht hatte. 3.6 Aus  alledem  folgt,  dass  die  Vorinstanz  zu  Unrecht  davon  ausgegangen ist, dass der Beschwerdeführer auf Grund seines Zuwartens  mit der Einreichung des Zulassungsgesuchs nicht unter die Bestimmung  von Art. 43 Abs. 6 RAG falle. Indem  sie  dem Beschwerdeführer  die Zulassung  einzig  gestützt  auf  die  ihrer Ansicht  nach  verspätete Gesuchseinreichung  verweigert  hat,  ohne  die  gesetzlichen  Beurteilungskriterien  von Art. 43  Abs. 6  RAG  geprüft  zu  haben,  hat  die  Vorinstanz  von  ihrem  Ermessen  nicht  ausreichend  Gebrauch gemacht und damit Bundesrecht verletzt. Die Beschwerde erweist sich deshalb als begründet und ist gutzuheissen. 4. Das  BVGer  entscheidet  in  der  Sache  selbst  oder  weist  diese  ausnahmsweise mit  verbindlichen Weisungen  an  die Vorinstanz  zurück  (Art. 61 Abs. 1 VwVG). Als  reformatorisches Rechtsmittel gestattet die  Beschwerde  der  Rechtsmittelinstanz,  über  die  Kassation  hinaus  in  der  Sache  selbst  abschliessend  zu  entscheiden,  also  das  streitige  Rechtsverhältnis  zu  regeln.  Damit  wird  prozessökonomisch  das  Verfahren  abgekürzt,  indem  sich  nicht  nochmals  die  Vorinstanzen  und  allenfalls erneut die Rechtsmittelinstanz mit der Sache befassen müssen.  Ein  reformatorischer  Entscheid  ist  jedoch  unzulässig,  wenn  Fragen  erstmals zu entscheiden sind, bezüglich derer ein Beurteilungs­ oder ein 

2010/46 Revisionsaufsicht 656 BVGE / ATAF / DTAF Ermessensspielraum einer Vorinstanz zu respektieren ist (vgl. Urteil des  BVGer B­7084/2007 vom 20. Mai 2008 E. 4). Auf  Grund  der  Vorgehensweise  der  Vorinstanz  ist  vorliegend  unklar,  inwiefern  der  Beschwerdeführer  die  Kriterien  « langjährige  praktische  Erfahrung »  sowie  « einwandfreie  Erbringung  von  Revisionsdienstleistungen »  im  Sinne  von  Art. 43  Abs. 6  RAG  erfüllt.  Dies hat  die Vorinstanz vertieft  abzuklären und danach  erneut  über die  Zulassung des Beschwerdeführers als Revisor zu befinden. Der  angefochtene  Entscheid  ist  deshalb  aufzuheben,  und  die  Sache  ist  zum  erneuten  Entscheid  im  Sinne  der  Erwägungen  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen.

BVGE 2010/46 — Bundesverwaltungsgericht 08.09.2010 BVGE 2010/46 — Swissrulings