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Bundesverwaltungsgericht 04.01.2012 E-842/2011

4 janvier 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,738 mots·~14 min·1

Résumé

Wegweisung und Wegweisungsvollzug (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid) | Wegweisung und Wegweisungsvollzug (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des BFM vom 24. Januar 2011 sowie Zwischenverfügung des BFM vom 20. Dezember 2010

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­842/2011 Urteil   v om   4 .   J a nua r   2012 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richter Bruno Huber; Gerichtsschreiberin Natasa Stankovic. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), [Heimatland], alle vertreten durch Randi von Stechow, (…), Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,  Vorinstanz Gegenstand Wegweisung und Wegweisungsvollzug (Beschwerde gegen  Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des BFM vom  24. Januar 2011 sowie Zwischenverfügung des BFM vom  20. Dezember 2010 / N (…).

E­842/2011 Sachverhalt: I. Mit  Verfügung  vom  (…)  2010  trat  das  BFM  auf  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  vom  (…)  2009  nicht  ein  und  ordnete  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Vollzug  der Wegweisung  an.  Die gegen den Entscheid des BFM erhobene Beschwerde vom (…) 2010  (Beschwerdeverbesserung  vom  (…)  2010)  wies  das  Bundesverwaltungsgericht mit Urteil vom (…) 2010 ab.  II. A.  Mit  Arztbericht  vom  16.  September  2010  setzte  die  behandelnde Ärztin  Dr.  med.  D._______,  (…),  das  (kantonales  Migrationsamt)  darüber  in  Kenntnis,  dass  der  Beschwerdeführer  an  einer  schweren  Nierenfunktionsstörung leide und in den nächsten Monaten (der konkrete  Zeitpunkt  sei  kaum  abzuschätzen)  voraussichtlich  einer  regelmässige  Hämodialyse bedürfe.  B.  Mit  Eingabe  vom  8.  Oktober  2010  an  das  BFM  reichte  der  Beschwerdeführer  Arztzeugnisse  (in  Telefaxkopie,  samt  Übersetzung  (…)),  welche  er  aus  [Heimatland]  habe  kommen  lassen,  zu  den  Akten.  Zudem teilte er dem BFM mit, dass seine Beine angeschwollen seien und  er beim Wasserlösen Blut im Urin habe.  C.  Mit  Eingabe  vom  13.  Dezember  2010  an  das  BFM  reichte  die  Rechtsvertreterin namens und  im Auftrag der Beschwerdeführenden ein  Wiedererwägungsgesuch  ein,  mit  welchem  in  materieller  Hinsicht  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  21.  Januar  2010  im  Wegweisungspunkt  (da  eine  wiedererwägungsrechtlich  massgebliche  Änderung  der  Sachlage  eingetreten  sei)  sowie  die  Gewährung  der  vorläufigen  Aufnahme  unter  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  beantragt  wurde.  In  prozessualer  Hinsicht  wurde  um die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Verzicht auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  ersucht.  Sodann  wurde  beantragt,  es  sei  dem vorliegenden Gesuch die aufschiebende Wirkung  zu gewähren und die kantonalen Behörden seien anzuweisen,  im Sinne 

E­842/2011 einer  vorsorglichen  Massnahme  den  Vollzug  während  der  Behandlung  des  vorliegenden  Gesuchs  auszusetzen.  Zur  Stützung  der  geltend  gemachten  Vorbringen  wurden  folgende  Dokumente  in  Kopie  zu  den  Akten gereicht: Arztbericht  von Dr. med. D._______ vom 30. November  2010  (samt Beiblättern; darunter ein nicht datierter Arztbericht  von Prof.  Dr.  med.  E._______,  (…)),  zwei  Berichte  eines  (…)­Krankenhauses  in  [Heimatland]  (der  eine  datiert  vom  10. April  2010,  der  andere  ohne  Datum) sowie eine Fürsorgebestätigung.  Zur  Begründung  des  Wiedererwägungsgesuchs  wurde  angeführt,  folgende  wiedererwägungsrechtlich  erhebliche  Umstände,  die  seit  Abschluss des ordentlichen Asylverfahrens eingetreten seien,  führten zu  einem  Wegweisungsvollzugshindernis:  Im  Juli  2010  habe  sich  die  gesundheitliche  Situation  des  Beschwerdeführers  verschlechtert,  was  dazu geführt  habe,  dass – obwohl  bereits  in  [Heimatland]  die Diagnose  einer  vermuteten  Nierenkrankheit  bestanden  habe,  die  zumindest  medikamentös  nicht  mehr  behandelbar  gewesen  sein  solle  –  sein  Gesundheitszustand  erstmals  korrekt  abgeklärt  worden  sei.  Zwar  habe  das BFM nach  eigenen Angaben Abklärungen  zur Rückführung  und  zu  den  medizinischen  Umständen  in  [Heimatland]  gemacht;  diese  Nachforschungen  würden  sich  allerdings  nur  in  der  Feststellung  erschöpfen, dass die Dialyse an sich in [Heimatland] möglich sei. Bei der  Prüfung  der  Zumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  sei  aber  ebenfalls  abzuklären,  ob  es  für  die  betroffene  Person  individuell  eine Möglichkeit  zur  Behandlung  gebe.  Hierzu  würden  jedoch  noch  keine  Abklärungen  seitens der Vorinstanz vorliegen. Ohnehin sei dies zu verneinen, da die  Beschwerdeführenden  für  die  Bezahlung  der  Behandlung  keine  finanziellen  Mittel  aufbringen  könnten,  zumal  sie  mittellos  seien  und  in  ihrem  Heimatland  über  kein  funktionierendes  soziales  Netz  verfügten.  Von der Dialyse abhängig zu sein, sei ein grosser Eingriff  in das Leben:  Der Beschwerdeführer müsse  eine  strenge Diät  halten  und  könne  nicht  voll  arbeiten.  Er  könne  somit  weder  für  sich  noch  für  seine  Familie  sorgen. Die Beschwerdeführerin müsse sich um das gemeinsame [Kind]  sowie den Beschwerdeführer kümmern, weshalb es ihr nicht möglich sei,  zusätzlich  einer  Arbeit  nachzugehen.  Im  Übrigen  sei  aufgrund  der  vorliegenden  medizinischen  Berichte  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  transplantiert  werden  müsse.  Hierzu  bestehe  in  [Heimatland] freilich keine Möglichkeit.  D.  Mit  Zwischenverfügung  vom 20. Dezember  2010  erhob  das BFM einen 

E­842/2011 Gebührenvorschuss in der Höhe von Fr. 1200.– unter der Androhung, bei  nicht  fristgerechter  Leistung  des  Vorschusses  auf  das  Wiedererwägungsgesuch nicht einzutreten, da das Bundesamt aufgrund  einer  summarischen  Prüfung  die  Rechtsbegehren  als  zum  vorneherein  aussichtslos beurteile.  Zur  Begründung  führte  es  aus,  dass  gemäss  den  beiden  eingereichten  Berichten  aus  [Heimatland]  im  Jahr  2008  eine  [chronische  Niereninsuffizienz]  im  Stadium  2  bis  3  diagnostiziert  worden  sei.  Es  handle sich dabei um dieselbe Diagnose, welche in der Schweiz gestellt  worden  sei.  Das  vorbestehende  Leiden  hätte  dem  BFM  ohne  weiteres  bereits  im  ordentlichen  Verfahren  zur  Prüfung  unterbreitet  werden  können.  Die  Möglichkeit  der  Geltendmachung  im  erstinstanzlichen  Verfahren  sei  jedoch aufgrund eines prozessualen Versäumnisses nicht  genutzt  worden.  Des  Weiteren  gelte  die  medizinische  Situation  in  [Heimatland]  als  erstaunlich  gut:  Sowohl  die  Dialyse  als  auch  die  Hämodialyse  könnten  vorgenommen  werden.  Die  Kosten  seien  teils  gedeckt, teils müssten sie von den Betroffenen bezahlt werden.  E.  Mit  Verfügung  vom  24.  Januar  2011  [recte]  trat  das  BFM  infolge  Nichtleisten  des  eingeforderten  Gebührenvorschusses  auf  das  Wiedererwägungsgesuch  der  Beschwerdeführenden  nicht  ein,  erklärte  die Verfügung vom 21. Januar 2010  für  rechtskräftig sowie vollstreckbar  und  hielt  fest,  dass  einer  allfälligen  Beschwerde  keine  aufschiebende  Wirkung zukomme.  F.  Mit  Eingabe  vom  2.  Februar  2011  erhob  die  Rechtsvertreterin  namens  und  im  Auftrag  der  Beschwerdeführenden  gegen  die  vorinstanzliche  Verfügung  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragte  dabei  in  materieller  Hinsicht  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügungen  vom  21. Januar  2010  (im  Wegweisungspunkt),  vom  20. Dezember 2010 und vom 24. Januar 2011 sowie die Gewährung der  vorläufigen  Aufnahme  unter  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  wurde  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung,  um  Verzicht  auf  Erhebung  eines  Kostenvorschusses,  um  Zuerkennung  der  aufschiebenden  Wirkung  der  Beschwerde  sowie  um  Aussetzung  des  Vollzugs der Wegweisung ersucht. 

E­842/2011 Zur  Begründung  wurde  insbesondere  ausgeführt,  dass  sich  seit  dem  Erlass des negativen Asylentscheids vom (…) 2010 der rechtserhebliche  Sachverhalt  massgeblich  verändert  habe.  Die  gesundheitliche  Situation  des  Beschwerdeführers  habe  sich  –  wie  bereits  im  Wiedererwägungsgesuch  gestützt  auf  die  eingereichten  Arztberichte  geltend  gemacht  worden  sei  –  seit  Juli  2010  verschlechtert.  Sein  Gesundheitszustand sei  in der Folge erstmals korrekt abgeklärt worden.  Bereits  in  [Heimatland]  habe  die  Diagnose  einer  vermuteten  Nierenerkrankung  bestanden,  die  zumindest  medikamentös  nicht  mehr  behandelbar  gewesen  sein  solle.  Es  sei  aber  nicht  richtig,  dass  die  Diagnosen,  welche  in  [Heimatland]  getroffen  worden  seien,  mit  denjenigen aus der Schweiz übereinstimmen würden. Im Arztbericht von  Dr. med. D._______ vom 30. November 2010 sei  festgehalten, dass die  Niereninsuffizienz das Stadium 4 – gegenüber den vormaligen Stadien 2  und 3 – erreicht habe. Zudem habe die behandelnde Ärztin im November  2010 erkannt, dass die Erkrankung des Beschwerdeführers ein Stadium  erreicht habe, welches in kurzer Zeit zur Dialyse führe. Er habe vom 20.  bis  zum  26. Januar  2011  stationär  im  Krankenhaus  behandelt  werden  müssen.  Aus  dem  ärztlichen  Bericht  von  Dr.  med.  D._______  vom  28.  Januar  2011  gehe  hervor,  dass  eine  Rückführung  des  Beschwerdeführers  ohne  Planung  einer  regelmässigen  Dialysemöglichkeit in [Heimatland] aktuell nicht mehr möglich und für den  Beschwerdeführer lebensgefährlich sei. Im ordentlichen Verfahren sei der  Beschwerdeführer  weder  nach  seinem  Gesundheitszustand  befragt  worden  noch  habe  für  ihn  ein  Anlass  bestanden,  den  Behörden  seine  gesundheitliche  Situation  darzulegen,  da  es  ihm  im  Zeitpunkt  der  Asylgesuchsstellung  verhältnismässig  gut  gegangen  sei.  Die  Beschwerdeführenden  seien  in die Schweiz gekommen, um Asylgründe  geltend  zu  machen,  und  nicht  wegen  der  gesundheitlichen  Lage  des  Beschwerdeführers.  Des  Weiteren  habe  sich  seine  Situation  derart  verschlechtert,  dass  er  weder  für  sich  noch  für  seine  Familie  sorgen  könne.  Die  Betreuungssituation  für  das  [Kind]  und  die  Krankheit  des  Beschwerdeführers  würden  die  Situation  beträchtlich  erschweren.  Im  Übrigen  würden  sich  die  Abklärungen  des  BFM  zu  den  medizinischen  Umständen in [Heimatland] lediglich in der Feststellung erschöpfen, dass  gemäss Kenntnissen des Bundesamts die Dialyse an sich in [Heimatland]  möglich sei. Damit  liege eine Verletzung des rechtlichen Gehörs vor, da  die  Beschwerdeführenden  keine  Gelegenheit  gehabt  hätten,  zu  diesen  Ausführungen Stellung zu nehmen. Ausserdem werde nicht offengelegt,  worauf  sich  die  Kenntnisse  des  BFM  stützen  würden.  Gemäss  einer  Auskunft  der  Schweizerischen  Flüchtlingshilfe  (SFH)  bestehe  ein 

E­842/2011 Dialysezentrum im [Krankenhaus] in [Heimatland]. Jedoch sei mit langen  Wartezeiten  zu  rechnen,  was  impliziere,  dass  Personen,  welche  nicht  rechtzeitig  eine  Dialyse  erhielten,  sterben  würden.  Sodann  würden  die  dort  vorhandenen Dialyse­Apparate niemals ausreichen,  um den Bedarf  eines  Landes  wie  [Heimatland]  zu  decken.  Bei  der  Prüfung  des  Wegweisungsvollzugs  gehe  es  weiter  darum,  ob  es  den  Beschwerdeführenden  individuell  zumutbar  sei,  in  ihr  Heimatland  zurückzukehren.  Hierzu  würden  keine  beziehungsweise  unzureichende  Abklärungen  seitens  des  BFM  vorliegen.  Das  BFM  führe  zudem  selber  an, dass die Behandlung in [Heimatland] teilweise kostenpflichtig sei. Die  Beschwerdeführenden seien mittelos und hätten durch die Krankheit des  Beschwerdeführers auch keine Möglichkeit zu arbeiten. Überdies würden  sie  über  kein  funktionierendes  soziales  Netz  verfügen.  Zudem  müsse  davon  ausgegangen  werden,  dass  der  Beschwerdeführer  nach  den  vorliegenden  medizinischen  Berichten  allenfalls  transplantiert  werden  müsse; hierzu bestehe in [Heimatland] aber keine Möglichkeit.  Zur Stützung der  geltend gemachten Vorbringen wurden die  bereits mit  dem  Wiedererwägungsgesuch  vom  13.  Dezember  2010  ins  Recht  gelegten Arztberichte sowie ein vorläufiger Austrittsbericht  von Dr. med.  F._______,  (…), vom 26. Januar 2011 und ein Arztbericht von Dr. med.  D._______ vom 28. Januar 2011 eingereicht.  G.  Mit  Telefax  vom  3.  Februar  2011  setzte  das  Bundesverwaltungsgericht  den Vollzug der Wegweisung gestützt auf Art. 112 des Asylgesetzes vom  26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) per sofort aus.  H.  Mit  Faxeingabe  vom  15.  Februar  2011  teilte  die  Rechtsvertreterin  dem  Bundesverwaltungsgericht  mit,  dass  der  Beschwerdeführer  mit  der –  zunächst drei Mal pro Woche stattfindenden – Dialyse beginne.  I.  Mit Eingabe vom 22. März 2011 an das Bundesverwaltungsgericht reichte  die  Rechtsvertreterin  ein  bereits  in  der  Rechtsmitteleingabe  angekündigtes  Ländergutachten  der  SFH  vom  9. März  2011  zu  den  Akten,  welchem  zu  entnehmen  sei,  dass  die  Möglichkeiten  der  Behandlung  des  Beschwerdeführers  in  [Heimatland]  eher  theoretischer  Natur  seien.  Nur  ein  Bruchteil  der  Personen,  welche  eine  Dialyse  benötigten,  erhielten  diese  auch.  Der  Beschwerdeführer  sei  nun  seit 

E­842/2011 einigen  Wochen  dialysepflichtig  und  auf  diese  lebenserhaltende  Massnahme angewiesen. J.  Mit  Eingabe  vom  4.  April  2011  reichte  die  Rechtsvertreterin  einen  Arztbericht  von Dr. med. D._______ vom 31. März 2011 betreffend den  medizinischen  Verlauf  der  Krankheit  des  Beschwerdeführers  zu  den  Akten. K.  Mit  Verfügung  vom  20.  April  2011  hielt  das  Bundesverwaltungsgericht  fest, aufgrund der Aktenlage bleibe der Vollzug der Wegweisung  für die  Dauer  des  Beschwerdeverfahrens  ausgesetzt  und  die  Beschwerdeführenden könnten den Entscheid  in der Schweiz abwarten;  über  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  werde zu einem späteren Zeitpunkt befunden und auf die Erhebung eines  Kostenvorschusses  werde  verzichtet.  Zudem  lud  das  Gericht  die  Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.  L.  Mit  Vernehmlassung  vom  6.  Mai  2011  beantragte  das  BFM  die  Abweisung der Beschwerde, da gemäss seiner Ansicht zu Recht nicht auf  das  Wiedererwägungsgesuch  eingetreten  worden  sei.  Aufgrund  der  vorhandenen  [aus  dem  Heimatland]  medizinischen  Dokumente  stehe  fest,  dass  die  Nierenprobleme  des  Beschwerdeführers  bereits  im  Heimatland  bestanden  hätten  und  diese  somit  schon  im  ordentlichen  Verfahren  hätten  deponiert  werden  können.  Das  Argument  in  der  Rechtsmitteleingabe,  der  Beschwerdeführer  sei  während  des  Asylverfahrens  nicht  danach  befragt  worden,  sei  unbehelflich,  denn  es  liege  nicht  an  den  Asylbehörden,  ohne  Anlass  mögliche  Erkrankungen  abzufragen.  Zudem  könnten  bereits  anlässlich  der  Einreichung  eines  Asylgesuches  medizinische  Probleme  angegeben  werden  (vgl.  Akten  BFM Personalienblatt A3/4 unten). Sodann halte Dr. med. D._______ im  Arztbericht  vom  16.  September  2010  fest,  dass  es  sich  um  ein  chronisches Nierenleiden handle. Folglich sei die Krankheit nicht erst  im  September  2010  erstmals  aufgetreten.  Auch  dem  SFH­Bericht  vom  9. März  2011  sei  zu  entnehmen,  dass  die Reise  in  die  Schweiz wegen  der  Nierenproblematik  des  Beschwerdeführers  erfolgt  sei.  Im  Übrigen  gehe  aus  dem  Bericht  hervor,  dass  Nierentransplantationen  auch  in  [Heimatland]  möglich  seien.  Schliesslich  obliege  es  dem  Ausländer, 

E­842/2011 entsprechende  Vorkehrungen  zu  treffen,  um  bei  der  Rückkehr  medizinisch behandelt werden zu können.  M.  Mit Verfügung vom 16. Mai 2011 brachte das Bundesverwaltungsgericht  den  Beschwerdeführenden  die  Vernehmlassung  des  BFM  zur  Kenntnis  und bot ihnen Gelegenheit zur Einreichung einer Stellungnahme.  N.  Mit Eingabe vom 30. Mai 2011 an das Bundesverwaltungsgericht reichte  die  Rechtsvertreterin  eine  Replik  zu  den  Akten,  in  welcher  ausgeführt  wird, dass sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers markant  verschlechtert  habe.  Dem  Arztzeugnis  vom  4.  April  2011  sei  zu  entnehmen,  dass  bei  ihm  eine  dialysepflichtige  Niereninsuffizienz  bestehe. Mittlerweile sei es notwendig, drei Mal pro Woche eine Dialyse  durchzuführen. Die SFH halte in ihrem Bericht fest, die Gefahr, dass eine  dialysepflichtige  Person  nicht  rechtzeitig  in  ein  Dialyseprogramm  aufgenommen werde,  sei  sehr  gross. Ausserdem seien die Kapazitäten  begrenzt  und die Wartelisten  lang. Das BFM mache es  sich angesichts  der auch von der SFH bestätigten angeblich herrschenden Korruption  in  [Heimatland] sehr einfach, wenn es schreibe, es obliege dem Ausländer,  rechtzeitig entsprechende Vorkehrungen zu treffen, um bei der Rückkehr  medizinisch  behandelt  werden  zu  können.  Die  intensive  momentane  Behandlung,  welche  keinen  Unterbruch  erlaube,  die  ohnehin  bereits  begrenzten  Behandlungsmöglichkeiten  im  Heimatland  der  Beschwerdeführenden  und  die  Korruption  im  [Heimatland]  Gesundheitssystem  würden  eine  vorläufige  Aufnahme  des  Beschwerdeführers  in  der  Schweiz  zwingend  notwendig  machen.  Im  Übrigen  sei  –  angesichts  der  Feststellungen  der  SFH  –  die Möglichkeit  einer  Transplantation  in  [Heimatland]  mit  an  Sicherheit  grenzender  Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM 

E­842/2011 gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). Da  in  casu  keine Ausnahme  im Sinne  des Art.  83 Bst.  d  Ziff. 1 BGG vorliegt, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht endgültig.  1.2. Das Verfahren  richtet  sich  nach  dem VwVG,  soweit  das  VGG  und  das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG, Art. 6 AsylG). 1.3.  Anfechtungsgegenstand  sind  nicht  nur  die  Verfügungen  des  BFM  vom  21.  Januar  2010  (ursprüngliche  Verfügung)  sowie  vom  24. Januar  2011  (Verfügung,  mit  welcher  das  Bundesamt  auf  das  Wiedererwägungsgesuch der Beschwerdeführenden mangels Bezahlung  des Gebührenvorschusses nicht eintrat),  sondern auch die erst mit dem  Endentscheid  anfechtbare  Zwischenverfügung  des  BFM  vom  20.  Dezember  2010  (vgl. BVGE  2007/18  E.  4),  mit  welcher  es  den  Gebührenvorschuss  mit  der  Begründung,  das Wiedererwägungsgesuch  sei aussichtslos, erhob.  1.4.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  sind  durch  die  angefochtenen  Verfügungen  besonders  berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  und  Art. 108  Abs. 1  AsylG,  Art. 48  Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1. Die Wiedererwägung im Verwaltungsverfahren ist ein gesetzlich nicht  geregelter  Rechtsbehelf,  auf  dessen  Behandlung  durch  die  verfügende  Behörde  grundsätzlich  kein  Anspruch  besteht.  Gemäss  herrschender 

E­842/2011 Lehre  und  ständiger Praxis  des Bundesgerichts wird  jedoch aus Art. 29  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101)  unter  bestimmten  Voraussetzungen  ein  verfassungsmässiger  Anspruch  auf  Wiedererwägung  abgeleitet  (vgl. BGE 127 I 133  E. 6,  mit  weiteren  Hinweisen).  Danach  ist  unter  anderem  dann  auf  ein Wiedererwägungsgesuch  einzutreten,  wenn  sich  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  seit  dem  ursprünglichen  Entscheid  beziehungsweise  seit  dem  Urteil  der  mit  Beschwerde  angerufenen  Rechtsmittelinstanz  in  wesentlicher Weise  verändert  hat  und mithin  die  ursprüngliche  (fehlerfreie)  Verfügung  an  nachträglich  eingetretene  Veränderungen  der  Sachlage  anzupassen  ist  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2003  Nr. 7  E. 1).  Wiedererwägungsentscheide  können  wie  die  ursprüngliche  Verfügung  auf  dem  ordentlichen  Rechtmittelweg  an  das  Bundesverwaltungsgericht weitergezogen werden. 3.2.  Gemäss  Art.  17b  AsylG  erhebt  das  BFM  eine  Verfahrensgebühr,  wenn  eine  Person  nach  rechtskräftigem  Abschluss  ihres  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  ein  Wiedererwägungsgesuch  einreicht,  sofern  es das Gesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt. Das BFM kann von der  gesuchstellenden  Person  einen  Gebührenvorschuss  in  der  Höhe  der  mutmasslichen Verfahrenskosten verlangen. Es setzt zu dessen Leistung  unter Androhung, dass  im Säumnisfall auf das Gesuch nicht eingetreten  werde,  eine  angemessene  Frist  an.  Auf  die  Erhebung  eines  Gebührenvorschusses  wird  auf  Gesuch  hin  verzichtet,  wenn  die  gesuchstellende  Person  bedürftig  ist  und  ihre  Begehren  nicht  aussichtslos erscheinen (Art. 65 Abs. 1 VwVG). 3.3.  Gemäss  Art.  29  Abs.  3  BV  hat  jede  Person,  die  nicht  über  die  erforderlichen Mittel verfügt, auf Gesuch hin Anspruch auf die Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege,  wenn  ihr  Rechtsbegehren  nicht  aussichtslos  erscheint.  Soweit  es  zur Wahrung  ihrer  Rechte  notwendig  ist, hat sie unter den gleichen Voraussetzungen ausserdem Anspruch auf  die Beigabe eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes. Dieser Anspruch gilt  als  verfassungsmässige  Minimalgarantie  auch  in  Verwaltungsverfahren.  Für  das  hier  interessierende  Verfahren  vor  dem  BFM  wird  der  verfassungsrechtliche  Anspruch  auf  unentgeltliche  Rechtspflege  durch  Art. 17b Abs. 2 AsylG konkretisiert. Aussichtslos  sind  nach  der  bundesgerichtlichen  Rechtsprechung  Prozessbegehren, bei denen die Gewinnaussichten beträchtlich geringer 

E­842/2011 sind  als  die  Verlustgefahren  und  die  deshalb  kaum  als  ernsthaft  bezeichnet  werden  können.  Dagegen  gilt  ein  Begehren  nicht  als  aussichtslos, wenn sich Gewinnaussichten und Verlustgefahren ungefähr  die  Waage  halten  oder  jene  nur  wenig  geringer  sind  als  diese.  Massgebend  ist,  ob  eine  Partei,  die  über  die  nötigen  finanziellen Mittel  verfügt, sich bei vernünftiger Überlegung zu einem Prozess entschliessen  würde. Ob im Einzelfall genügende Erfolgsaussichten bestehen, beurteilt  sich nach den Verhältnissen zur Zeit,  in der das Gesuch um Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gestellt  wird,  und  gestützt  auf  eine  summarische  Betrachtungsweise  (vgl.  BGE  133  III  614  E.  5;  Urteil  des  Bundesverwaltungsgericht  A­1411/2007  vom  18.  Juni  2007  E.  2,  mit  Hinweisen auf die einschlägige bundesgerichtliche Rechtsprechung). 4.  4.1.  Als  Wiedererwägungsgründe  wurden  vorliegend  im  Wesentlichen  erhebliche  vollzugshinderliche  Umstände  respektive  die  seit  Abschluss  des ordentlichen Asylverfahrens eingetretene veränderte gesundheitliche  Lage  des  Beschwerdeführers  –  seit  Juli  2010  habe  er  unter  massiven  Beinödemen  gelitten  und  seit  Februar  2011  bekomme  er  drei  Mal  pro  Woche Hämodialyse – und die damit verbundenen Schwierigkeiten, diese  in [Heimatland] zu behandeln, angeführt und mittels diverser Arztberichte  untermauert.  Ein  Vollzug  der  Wegweisung  sei  deshalb  nicht  mehr  zumutbar.  Somit  wurde  eine  Änderung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  geltend  gemacht,  wodurch  ein  Anspruch  auf  Wiedererwägung bestehe.  4.2.  Das  BFM  ist  mit  Verfügung  vom  24.  Januar  2011  aus  formellen  Gründen – infolge des nicht geleisteten Gebührenvorschusses – auf das  Gesuch der Beschwerdeführenden nicht eingetreten. 4.3. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist nach dem Gesagten die  Frage,  ob  das  BFM  zu  Recht  einen  Gebührenvorschuss  erhoben  hat  beziehungsweise ob seine Einschätzung, dem Wiedererwägungsgesuch  fehle  es  an  Erfolgsaussichten,  zutreffend  war,  und  ob  die  nach  Nichtbezahlung  des  Gebührenvorschusses  erlassene  Nichteintretensverfügung zu Recht erfolgt  ist.  In der Beschwerdeeingabe  wurde  gerügt,  das  BFM  sei  in  seiner  Zwischenverfügung  vom  20. Dezember  2010  –  welche  erst  zusammen  mit  der  Endverfügung  angefochten werden kann (vgl. BVGE 2007/18 E. 4) – zu Unrecht von der  Aussichtslosigkeit  des  Wiedererwägungsgesuches  der 

E­842/2011 Beschwerdeführenden  ausgegangen.  Angesichts  der  eingetretenen  dialysepflichtigen Niereninsuffizienz des Beschwerdeführers sei er auf ein  Dialyseprogramm  angewiesen,  welches  in  [Heimatland]  nicht  gewährleistet  sei.  Insgesamt  sei  der  Vollzug  der  Wegweisung  daher  unzumutbar. 5.  5.1.  Ist  der  Vollzug  der  Weg­  oder  Ausweisung  nicht  möglich,  nicht  zulässig  oder  nicht  zumutbar,  so  verfügt  das  BFM  die  vorläufige  Aufnahme (Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005  über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG, SR 142.20]). Der Vollzug  ist nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder in den  Heimat­  oder  in  den  Herkunftsstaat  noch  in  einen  Drittstaat  ausreisen  oder dorthin gebracht werden kann. Der Vollzug  ist nicht zulässig, wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen  der  Schweiz  einer  Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  in  einen  Drittstaat  entgegenstehen.  Der  Vollzug  kann  für  Ausländerinnen  oder  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  in  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und medizinischer  Notlage  im  Heimat­  oder Herkunftsstaat konkret gefährdet sind (Art. 83 Abs. 2 ­ 4 AuG). 5.2.  Im  für  die  Beurteilung  der  Erfolgschancen  des  Wiedererwägungsgesuches massgeblichen Zeitpunkt lagen dem BFM die  ärztlichen  Berichte  von  Dr.  med.  D._______  vom  16.  September  2010  sowie  vom 30. November  2010,  ein  nicht  datierter  Arztbericht  von Prof.  Dr.  med.  E._______  sowie  zwei  Berichte  eines  (…)­Krankenhauses  in  [Heimatland]  (der  eine  datiert  vom  10.  April  2010,  der  andere  ohne  Datum) vor. In  seiner  Zwischenverfügung  vom  20.  Dezember  2010  sowie  in  seiner  Vernehmlassung  vom  6. Mai  2011  führte  das  BFM  aus,  den  ins  Recht  gelegten medizinischen Dokumenten aus [Heimatland] sei zu entnehmen,  dass  es  sich  bei  der  geltend  gemachten  Niereninsuffizienz  um  ein  vorbestandenes Leiden des Beschwerdeführers handle, welches bereits  im ordentlichen Verfahren zur Prüfung hätte unterbreitet werden können.  Sodann  halte  Dr.  med.  D._______  im  Arztbericht  vom  16.  September  2010 fest, dass es sich um ein chronisches Nierenleiden handle. Folglich  sei die Krankheit nicht erst  im September 2010 erstmals aufgetreten.  Im  Übrigen könnten – dies gehe ebenso aus dem eingereichten SFH­Bericht  hervor  –  in  [Heimatland]  sowohl  Dialysen  als  auch  Hämodialysen 

E­842/2011 vorgenommen  werden.  Die  Kosten  der  Dialysetherapie  einschliesslich  notwendiger Medikamente seien teilweise gedeckt.  6.  6.1.  Vorliegend  ist  der  Frage  nachzugehen,  ob  das  BFM  auf  die  Erhebung eines Gebührenvorschusses hätte verzichten müssen und den  Anspruch  auf  Behandlung  als  Wiedererwägungsgesuch  betreffend  die  Anpassung der ursprünglich  fehlerfreien Verfügung an eine nachträglich  veränderte Sachlage zu Recht in Abrede gestellt hat.  6.2. Vorab ist festzuhalten, dass es vorliegend tatsächlich unverständlich  erscheint,  dass  im  Verlauf  des  ordentlichen  Verfahrens  keine  Angaben  bezüglich  des  bereits  in  [Heimatland]  diagnostizierten  vorbestandenen  Nierenleidens des Beschwerdeführers gemacht wurden; dieser Umstand  ist  allerdings  im  vorliegenden  Fall  nicht  ausschlaggebend,  weil  für  die  Beurteilung des Wiedererwägungsgesuchs nur wesentlich ist, ob sich die  rechtserhebliche  Sachlage  verändert  hat.  Dies  ist  vorliegend  –  selbst  wenn  die  Nierenerkrankung  des  Beschwerdeführers  zum  Zeitpunkt  des  Ergehens  der  ursprünglichen  Verfügung  des  BFM  dem  Bundesamt  bekannt gewesen wäre – aus den folgenden Gründen zu bejahen.  6.3. Dem Arztbericht vom 16. September 2010  ist vorab zu entnehmen,  dass  infolge  der  Nierenfunktionsstörung  des  Beschwerdeführers  in  den  nächsten Monaten, wobei der konkrete Zeitpunkt kaum abzuschätzen sei,  mit  dem  Beginn  einer  regelmässigen  Hämodialysetherapie  zu  rechnen  sei.  Sodann  geht  aus  dem  ärztlichen  Bericht  vom  30.  November  2010  hervor,  dass  im  Juli  2010  massive  Beinödeme  beim  Beschwerdeführer  aufgetreten  seien  und  ein  ausgeprägter  Eiweissverlust  im  Urin  habe  festgestellt  werden  können. Die  anschliessende Nierenbiopsie  habe  ein  schweres, chronisches Nierenleiden gezeigt. Das Leiden schreite sodann  schnell  voran,  und  die  chronische  Niereninsuffizienz  befinde  sich  im  Stadium 4. Der  nicht  datierte Arztbericht  von Prof. Dr. med. E._______  (der  Bericht  muss  erst  nach  dem  Krankenhausaustritt  des  Beschwerdeführers  am  9.  September  2010  entstanden  sein)  hält  fest,  dass  in  den  letzten  zwei  Monaten  eine  massive  Zunahme  der  Ödeme  stattgefunden  habe  und  es  zu  einer  Kreatininverschlechterung  gekommen sei.  Der  dem  BFM  im  massgeblichen  Zeitpunkt  der  Beurteilung  noch  nicht  vorgelegene Arztbericht  vom 28.  Januar  2011  hält weiter  fest,  dass  die 

E­842/2011 Niereninsuffizienz  des  Beschwerdeführers  das  Stadium  5  erreicht  habe  und  eine  rasch  fortschreitende  Verschlechterung  der  Nierenfunktion  bestehe,  weshalb  mit  einer  baldigen  Hämodialyse  begonnen  werden  müsse.  Mit  Eingabe  vom  15.  Februar  2011  teilte  die  Rechtsvertreterin  dem Bundesverwaltungsgericht  sodann mit,  dass der Beschwerdeführer  mit  der  Dialyse  nunmehr  beginne.  Die  Dialysepflicht  sowie  der  zuletzt  genannte  Arztbericht  bestätigen  insofern  die  im  Beurteilungszeitpunkt  dem BFM vorgelegenen Arztzeugnisse, welchen zu entnehmen ist, dass  das  Nierenleiden  des  Beschwerdeführers  schnell  voranschreite  und  daher  in  den  nächsten  Monate  mit  dem  Beginn  einer  regelmässigen  Hämodialysetherapie zu rechnen sei. Bei dieser Sachlage muss sich das  BFM  somit  vorwerfen  lassen,  dass  es  nicht  ausreicht,  sich  nur  auf  den  Umstand  zu  berufen,  dass  das  Nierenleiden  im  ordentlichen  Verfahren  von dem Beschwerdeführenden nicht geltend gemacht wurde, da aus den  zum  damaligen  Zeitpunkt  vorgelegenen  Arztzeugnissen  die  Tatsache  hervorging,  dass  das  Nierenleiden  nun  rasch  voranschritt  und  künftige  eine  Dialyse  nötig  machte,  und  dies  per  se  eine  veränderte  Sachlage  darstellte.  6.4.  Im  massgeblichen  Beurteilungszeitpunkt  bestanden  zusätzlich  nachstehende offene Fragen.  6.4.1. Die SFH führt in dem zu den Akten gereichten Bericht vom 9. März  2011 aus, im Zusammenhang mit der Qualität der Dialysebehandlung sei  festzuhalten,  dass  es  in  [Heimatland]  ein  Zentrum  für  Hämodialyse  der  [Zentralklinik] und zwei Abteilungen in den Provinzen gebe. Das Zentrum  der  [Zentralklinik]  verfüge  über  32  Dialyseapparate,  welche  für  136  Personen  eingesetzt  würden;  die  beiden  Abteilungen  in  den  Provinzen  verfügten  je  über  einen  Apparat  für  sechs  bis  acht  Personen.  Die  Kapazitäten  des  Zentrums  und  der  beiden  Abteilungen  würden  bei  weitem  nicht  ausreichen,  um  den  vorhandenen  Bedarf  an  Dialyse  in  [Heimatland]  zu  decken.  In  den  letzten  drei  Monaten  seien  18  von  80  Personen, bei denen die Notwendigkeit einer Dialyse anerkannt worden  sei,  in sogenannte Dialyseprogramme aufgenommen worden. Nur wenn  eine  dialysepflichtige  Person  in  das  Programm  aufgenommen  werde,  würden die Kosten der Behandlung vom Staat übernommen. Die Gefahr,  dass eine neu hinzukommende dialysepflichtige Person nicht  rechtzeitig  in ein Dialyseprogramm aufgenommen werde, sei wegen der begrenzten  Kapazitäten der Dialyseabteilungen beziehungsweise wegen der  langen  Wartelisten sehr gross. Aufgrund der herrschenden Korruption sei es nur  möglich,  anhand  von  Geldzahlungen  oder  durch  Beziehungen  in  ein 

E­842/2011 solches Programm aufgenommen zu werden. Schliesslich sei es auch in  [Heimatland] zu Nierentransplantationen gekommen;  jedoch würden sich  auch  hier  Probleme  im  Zusammenhang  mit  Kapazitäten,  Verfügbarkeit  der Organe und Korruption in verschärftem Mass stellen.  Das  BFM  ging  in  seiner  Zwischenverfügung  vom  20.  Dezember  2010  beziehungsweise  in  seinem  Nichteintretensentscheid  vom  24.  Januar  2011  davon  aus,  der  Zugang  zu  Behandlungsmöglichkeiten  sei  in  [Heimatland] gewährleistet. Sowohl die Dialyse als auch die Hämodialyse  könnten vorgenommen werden. Weiter räumte das Bundesamt zwar ein,  dass die Kosten der Dialysetherapie inklusive notwendiger Medikamente  nur  teilweise gedeckt seien; eine einlässliche Abklärung und  individuelle  Abwägung,  ob  die  Beschwerdeführenden  in  der  Lage  sein  werden,  allfällige Kosten selber zu  tragen,  fehlt selbst auf Vernehmlassungsstufe  jedoch  gänzlich;  dies  obwohl  der  seitens  der  Beschwerdeführenden  geltend gemachte Einwand, sie hätten aufgrund der Betreuungssituation  für  das  [Kind]  und  der  Krankheit  des  Beschwerdeführers  erhöhte  Schwierigkeiten  beim  Zugang  zu  einer  Erwerbstätigkeit,  nicht  von  der  Hand zu weisen ist. Namentlich ist es der Beschwerdeführerin wohl kaum  zuzumuten, ihren Beruf als [Tätigkeit] (vgl. A2/11 S. 2) wieder auszuüben.  Ausserdem  geht  aus  den  Erwägungen  des  BFM  nicht  hervor,  ob  das  Bundesamt annimmt, dass die Beschwerdeführenden in [Heimatland] auf  ein  Familiennetz  zurückgreifen  könnten,  welches  ihnen  auch  finanzielle  Unterstützung  biete.  In  Bezug  auf  ihre  familiäre  Situation  geht  aus  den  protokollierten  Aussagen  jedenfalls  Folgendes  hervor:  Der  Beschwerdeführer  gab  an,  seine  Mutter  sei  [Staatsangehörigkeit]  und  sein Vater [Staatsangehörigkeit] gewesen. Der Beschwerdeführer sei mit  seiner  Mutter  im  Alter  von  (…)  Jahren  in  [Heimatland]  gezogen  (vgl.  A1/13 S. 1), wo die Mutter seinen Stiefvater kennengelernt habe. Als die  Mutter  verstorben  sei,  sei  der  Stiefvater  zu  seinen  eigenen  Kindern  gezogen; seit Oktober 2007 habe er keinen Kontakt mehr zu ihm (vgl. A  10/16  S. 13).  Vor  der  Ausreise  habe  der  Beschwerdeführer  vergeblich  versucht, seinen leiblichen Vater (…) zu finden (vgl. A10/16 S. 12, A11/15  S.  6  f.).  Die  Beschwerdeführerin  führte  an,  ihr  Vater  habe  ihr,  als  er  erfahren  habe,  dass  sie  einen  Mann  [familiärer  Hintergrund]  geheiratet  habe, geraten,  sich scheiden zu  lassen und wieder nach Hause  (…) zu  kommen, um dort zu leben (vgl. A2/11 S. 5). Auch der Beschwerdeführer  erwähnte,  dass  seine  Schwiegereltern  gegen  die Heirat  gewesen  seien  (vgl.  A1/13  S.  8).  Demzufolge  kann  nicht  davon  ausgegangen  werden, 

E­842/2011 dass  die  Beschwerdeführenden  auf  ein  Familiennetz  in  ihrer  Heimat  zurückgreifen können.  6.4.2. Fraglich  ist  schliesslich,  ob aufgrund der Dialyseabhängigkeit  des  Beschwerdeführers ein Vollzug der Wegweisung momentan durchführbar  respektive  möglich  ist.  Das  BFM  äussert  sich  zumindest  auf  Vernehmlassungsstufe,  als  der  Beginn  der  Dialyse  bereits  bekannt  gewesen  ist,  in  seiner  Einschätzung  weder  zur  Frage  der  Transportfähigkeit und noch zu deren Ausgestaltung.  6.4.3. Es bestanden demzufolge im massgeblichen Beurteilungszeitpunkt  der  Erfolgschancen  des  Wiedererwägungsgesuches  insbesondere  Zweifel, ob die Beschwerdeführenden bei einer allfälligen Rückkehr über  die  nötigen  finanziellen  Mittel  verfügt  hätten  respektive  auf  ein  intaktes  Familiennetz  hätten  zurückgreifen  können,  welches  ihnen  pekuniäre  Unterstützung  geboten  hätte.  Ob  dabei  von  einem  gesicherten  Zugang  zur medizinischen Behandlung, welche  im Falle des Beschwerdeführers  lebensnotwendig ist, ausgegangen werden kann, ist unverändert fraglich.  Im  Übrigen  stellte  sich  die  Frage,  ob  ein  Vollzug  der  Wegweisung  überhaupt durchführbar, also möglich war respektive ist.  6.4.4. Schliesslich  ist  aufgrund  der  Akten  davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführenden bedürftig waren respektive auch heute noch sind. 6.5.  In  Anbetracht  aller  im  Zeitpunkt  der  Zwischenverfügung  des  BFM  vom  20. Dezember  2010  bekannt  gewesenen  Umstände  und  der  vorstehend aufgezeigten offenen Fragen in wesentlichen Punkten kommt  das Gericht zum Schluss, dass das BFM das Wiedererwägungsgesuch in  seiner  summarischen Würdigung  zu Unrecht  als  aussichtslos  erachtete.  In Anwendung von Art. 17b Abs. 2 und 3 AsylG hätte es vielmehr auf die  Einforderung  des  Gebührenvorschusses  verzichten  müssen  und  das  Nichteintreten  mangels  Bezahlung  des  Gebührenvorschusses  nicht  verfügen  dürfen.  Die  Beschwerde  ist  folglich  gutzuheissen.  Die  beiden  angefochtenen Verfügungen vom 20. Dezember 2010 sowie 24.  Januar  2011 sind aufzuheben und die Sache ist zur Neubeurteilung an das BFM  zurückzuweisen.  Das  Bundesamt  wird  dabei  dem  gegenwärtigen  Gesundheitszustand,  der  medizinischen  Behandlung  sowie  der  Transportfähigkeit  des  Beschwerdeführers  und  deren  Ausgestaltung  sowie  der  Lebenssituation  der  Beschwerdeführenden  Rechnung  zu  tragen haben.

E­842/2011 7.  Die  vom  Bundesverwaltungsgericht  angeordnete  Aussetzung  des  Wegweisungsvollzugs  bleibt  aufrechterhalten,  bis  das  nunmehr  zuständige  BFM  im  Rahmen  des  Wiedererwägungsverfahrens  entsprechende Anordnungen trifft. 8.  8.1. Bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens  sind keine Kosten  zu erheben (Art. 63 Abs. 1 VwVG). 8.2.  Der  obsiegenden  Partei  ist  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen  Kosten  von Amtes wegen  oder  auf  Begehren  eine  Parteientschädigung  auszurichten  (Art.  64  Abs.  1  VwVG,  Art.  7  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2). 8.3.  Die  Rechtsvertreterin  der  Beschwerdeführenden  hat  keine  Kostennote  zu den Akten gereicht.  Indessen  lässt  sich der entstandene  Vertretungsaufwand  aufgrund  der  Aktenlage  zuverlässig  abschätzen,  weshalb auf die Einholung einer Kostennote verzichtet werden kann (vgl.  Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Unter Berücksichtigung der massgebenden  Berechnungsfaktoren  (Art.  9  ff.  VGKE)  ist  die  von  der  Vorinstanz  zu  entrichtende  Parteientschädigung  auf  Fr.  1100.–  (inkl.  Auslagen  und  Mehrwertsteuer) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite)

E­842/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen.  Die  Verfügungen  des  BFM  vom  20. Dezember  2010  sowie  24.  Januar  2011  [recte]  werden  aufgehoben  und die Sache wird zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an das  BFM zurückgewiesen.  2.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  bleibt  bis  zum  Abschluss  des  Wiedererwägungsverfahrens vor dem BFM ausgesetzt.  3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.  4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführenden  eine  Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1100.– auszurichten.  5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Natasa Stankovic Versand:

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