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Bundesverwaltungsgericht 29.08.2011 E-8/2007

29 août 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,712 mots·~14 min·1

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 6. Dezember 2006

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­8/2007 Urteil   v om   2 9 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Walter Stöckli (Vorsitz), Richter Gérald Bovier, Richterin Gabriela Freihofer, Gerichtsschreiberin Barbara Balmelli. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei,  vertreten durch Gabriel Püntener, Rechtsanwalt,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 6. Dezember 2006 / N (…).

E­8/2007 Sachverhalt: A.  Eigenen Angaben  zufolge  verliess  der Beschwerdeführer  die Türkei  am  1. September 2006 und gelangte am 6. November 2006  in die Schweiz,  wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 9. November 2006 wurde er  im Empfangs­ und Verfahrenszentrum Vallorbe erstmals befragt. Das BFM  hörte  ihn  am  27.  November  2006  zu  den  Asylgründen  an.  Der  Beschwerdeführer  machte  geltend,  er  stamme  aus  B._______  (Provinz  C._______) und sei kurdischer Ethnie. Im Jahre 2002 habe er mit seiner  Familie  B._______  verlassen  und  sei  in  das  Haus  seines  Bruders  in  D._______ übersiedelt. Dort habe er bis kurz vor der Ausreise  in einem  Restaurant  gearbeitet.  Er  sei  politisch  nie  aktiv  gewesen.  Als  Kurden  seien  er  und  seine  Familie  aber  immer  unter  Druck  gestanden.  Sein  Bruder  habe  nicht  E._______  werden  und  sein  Vater  seinen  Beruf  als  F._______  nicht  bei  einem  staatlichen  Betrieb  ausüben  können.  Bei  jedem Vorkommnis in ihrer Gegend seien sie von der Polizei aufgesucht  worden.  Zudem  sei  seine  Familie  wegen  seines  Cousins  G._______,  welcher die PKK unterstützt habe, über Jahre hinweg unter polizeilichem  Druck  gestanden.  Als  sein  Cousin  zu  einer  sechs­  bis  siebenjährigen  Freiheitsstrafe  verurteilt  worden  sei,  sei  seine  Familie  die  einzige  gewesen,  die  ihn  während  der  Haftzeit  besucht  und  ihm  Briefe  geschrieben  habe.  In  dieser  Zeit  seien  sie  seitens  der  Polizei  nicht  belästigt worden. Nachdem der Cousin seine Strafe verbüsst habe und in  die  Schweiz  ausgereist  sei  (Frühjahr  2005),  habe  sich  der  Druck  auf  seine  Familie  und  insbesondere  auf  ihn  –  den  Beschwerdeführer –  erheblich verstärkt. Am 31. August 2006 sei er von vier Polizisten  in Zivil  auf  der  Strasse  abgefangen  und  gezwungen  worden,  in  deren  Auto  einzusteigen. Mit  verbundenen Augen sei er an einen  ihm unbekannten  Ort  gebracht  und  dort  unter  Schlägen  nach  dem  Aufenthaltsort  von  G._______  befragt  worden.  Da  er  diesen  nicht  habe  nennen  können,  hätten ihn die Polizisten freigelassen, mit der Auflage, innerhalb von zwei  Tagen  den  Aufenthaltsort  seines  Cousins  zu  melden.  Sein  Vater  habe  ihm  dann  geraten,  das  Land  umgehend  zu  verlassen  und  zu  seinen  Verwandten  in die Schweiz  zu  reisen. Gleichentags habe er D._______  verlassen und sich nach H._______ zu Verwandten begeben. B.  Mit  Verfügung  vom  6.  Dezember  2006  verneinte  das  BFM  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers,  lehnte  sein  Asylgesuch 

E­8/2007 ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug  an.  C.  Mit  Eingabe  vom  29.  Dezember  2006  an  die  damals  zuständige  Schweizerische  Asylrekurskommission  (ARK)  beantragt  der  Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter, die Verfügung des BFM  sei  aufzuheben  und  die  Sache  zur  Feststellung  des  vollständigen  und  richtigen  rechtserheblichen  Sachverhalts  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen.  Eventualiter  sei  die  Verfügung  aufzuheben  und  die  Flüchtlingseigenschaft festzustellen. Subeventuell seien die Punkte 4 und  5  der  angefochtenen  Verfügung  wegen  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs aufzuheben.  D.  D.a.  Mit  Zwischenverfügung  vom  19.  Januar  2007  setzte  der  Instruktionsrichter  dem  Beschwerdeführer  Frist  zur  Leistung  eines  Kostenvorschusses. D.b.  Innert  der  angesetzten  Frist  suchte  der  Beschwerdeführer,  unter  Beilage  einer  Bestätigung  des  I._______  vom  23.  Januar  2007,  um  Verzicht  auf  die Erhebung  des Kostenvorschusses  nach.  Ferner  reichte  er  fünf  Familienregisterauszüge  ein  und  ersuchte  um  Ansetzung  einer  angemessenen Frist zwecks Erläuterung dieser Beweismittel.  D.c.  Mit  Zwischenverfügung  vom  12.  Februar  2007  hiess  der  Instruktionsrichter  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gut  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  des  einverlangten  Kostenvorschusses.  E.  Am 16. Februar 2007 reichte der Beschwerdeführer eine Stellungnahme  zu  den  eingereichten  Einwohnerregisterauszügen,  den  familiären  Verhältnissen und der geltend gemachten Reflexverfolgung ein.  F.  Mit  Eingabe  vom  9.  März  2007  ersuchte  der  Beschwerdeführer,  unter  Beilage  einer  entsprechenden  Ermächtigungserklärung  von  G._______,  um Einsicht in dessen Asylakten.  G.  Mit  Zwischenverfügung  14. März  2007  entsprach  der  Instruktionsrichter 

E­8/2007 dem Gesuch um Einsicht in die Asylakten von G._______ und stellte dem  Beschwerdeführer  die  entscheidwesentlichen  Akten  zu.  Gleichzeitigt  setzte er  ihm Frist zur Einreichung einer Stellungnahme. Diese ging am  29. März 2007 beim Gericht ein. H.  Am  25.  Mai  2010  gab  der  Beschwerdeführer  zwei  Schreiben  des  türkischen Verteidigungsministeriums  vom 26.  Januar  2009  und  6. April  2010 zu den Akten. I.   I.a. Das BFM hielt in der Vernehmlassung vom 27. April 2011 an seinem  Entscheid  und  dessen  Begründung  fest,  bezeichnete  die  Militärdienstpflicht  des  Beschwerdeführers  beziehungsweise  seine  mögliche Verurteilung wegen der Entziehung von den Dienstpflichten als  flüchtlingsrechtlich  irrelevant  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.  I.b.  Mit  Zwischenverfügung  vom  4.  Mai  2011  unterbreitete  der  Instruktionsrichter  dem  Beschwerdeführer  die  Vernehmlassung  zur  Stellungnahme  und  wies,  nachdem  das  BFM  sich  darüber  ausgeschwiegen  hat,  ausdrücklich  ihn  darauf  hin,  dass  der  Cousin  G._______ im Februar 2011 auf die Flüchtlingseigenschaft verzichtet hat  und das  ihm gewährte Asyl mit Verfügung des BFM vom 30. März 2011  erloschen ist.  I.c. Innert der angesetzten Frist replizierte der Beschwerdeführer mit Brief  vom 19. Mai  2011, wobei  er  sich  auf  Ausführungen  zum ausstehenden  Militärdienst beschränkte. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das 

E­8/2007 Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]).  1.2.  Das  Bundesverwaltungsgericht  hat  am  1.  Januar  2007  die  Beurteilung  der  bei  der  ARK  hängigen  Rechtsmittel  übernommen.  Das  neue  Verfahrensrecht  ist  anwendbar  (vgl.  Art.  53  Abs.  2  VwVG).  Das  Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  richtet  sich  nach  dem  VGG, soweit dieses nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 2.  Der  Beschwerdeführer  hat  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt,  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  und  ist mithin  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert.  Auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  ist  einzutreten  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG,  Art. 48  Abs. 1,  Art.  50  und  Art. 52  VwVG). 3.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 4.  4.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die 

E­8/2007 Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen,  die  in  wesentlichen  Punkten  zu  wenig  begründet  oder  in  sich  widersprüchlich  sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte  oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5.  5.1.  Das  BFM  lehnte  das  Asylgesuch  ab,  da  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers weder  den Anforderungen an das Glaubhaftmachen  gemäss  Art.  7  AsylG  noch  denjenigen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  standhalten  würden.  Zur  Begründung  führte  die  Vorinstanz  aus,  der  Beschwerdeführer  sei  nicht  in  der  Lage,  die  politischen  Aktivitäten  seines  Cousins  beziehungsweise  die  Gründe  für  dessen  Verurteilung  darzulegen.  Solche  Unkenntnisse  seien  umso  erstaunlicher, als die Familie des Beschwerdeführers seit dessen Kindheit  mit  den angeführten Problemen  konfrontiert  gewesen  sei  und der Vater  des  Beschwerdeführers  den  Cousin  in  der  Haft  besucht  habe.  Ferner  habe  der  Beschwerdeführer  angegeben,  der  Druck  auf  ihn  und  die  Familie habe seit der Ausreise des Cousins im Jahre 2005 zugenommen.  Indes  sei  er  nicht  in  der  Lage  gewesen,  diesen  Druck  näher  zu  umschreiben. Vielmehr habe er sich auf das Erwähnen des Vorfalls vom  31.  August  2006  beschränkt.  Es  sei  daher  nicht  glaubhaft,  dass  der  Beschwerdeführer  erst  über  ein  Jahr  nach  der  Ausreise  des  Cousins  nach dessen Aufenthaltsort gefragt worden sei. Weiter  anerkannte  das  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung,  dass  die  geltend gemachten Belästigungen der kurdischen Bevölkerung durch die  türkischen  Behörden  vorkommen.  Indes  stellt  es  fest,  dass  solche  Benachteiligungen,  denen  die  gesamte  kurdische  Bevölkerung  ausgesetzt  sei,  den  Anforderungen  für  die  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  nicht  genügen  würden.  Namentlich  würden  auch  die  vom Beschwerdeführer  angeführten  Benachteiligungen  –  Befragung  bei  Zwischenfällen  im Dorf, Mitnahme  in  den  Jahren  1994  bis  1996  als  Zeuge  ins  Leichenhaus  und  der Umstand,  dass  der Vater  seinen Beruf  als  F._______  in  der  Verwaltung  nicht  habe  ausüben  können  –  keine  asylrelevante Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG darstellen.  Obwohl  G._______  und  seine  Ehefrau  in  der  Schweiz  als  Flüchtlinge  anerkannt  worden  seien  und  ihnen  Asyl  erteilt  worden  sei,  habe  der  Beschwerdeführer  keinen  Anhaltspunkt  für  eine  familiäre  Mitverantwortung  geliefert.  Da  der  Beschwerdeführer  kein  eigenes 

E­8/2007 politisches Engagement für eine illegale Organisation geltend mache, sei  die  Wahrscheinlichkeit  einer  Reflexverfolgung  sehr  gering.  Er  könne  mithin nicht wegen seines Verwandten verfolgt sein. 5.2.  5.2.1.  In  der  Rechtsmitteleingabe  wird  gerügt,  das  BFM  habe  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  weder  vollständig  noch  richtig  abgeklärt.  Der Beschwerdeführer habe bereits anlässlich der Erstbefragung darauf  hingewiesen, dass seine Verfolgung mit derjenigen seines in der Schweiz  als Flüchtling anerkannten Cousins  zusammenhängen würde. Das BFM  erachte  indes  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  als  nicht  glaubwürdig,  da  er  nicht  in  der  Lage  gewesen  sei,  das  politische  Engagement seines Cousins zu umschreiben. Allein aus dem Umstand,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  Kenntnisse  über  die  politischen  Aktivitäten seines Cousins habe, könne nicht geschlossen werden, dass  er  durch die Sicherheitskräfte  nicht  verfolgt werde. Da das BFM bereits  anlässlich  der  Erstbefragung  gewusst  habe,  dass  die  Verfolgung  des  Beschwerdeführers mit derjenigen des Cousins in Zusammenhang stehe,  hätte  es  dessen  Dossier  beiziehen  müssen,  um  sich  über  den  Hintergrund  der  Asylvorbringen  des  Beschwerdeführers  und  somit  über  die Basis der geltend gemachten Reflexverfolgung zu informieren. Indem  die  Vorinstanz  dies  unterlassen  habe,  habe  es  den  Sachverhalt  nicht  richtig und unvollständig festgestellt.  Weiter wird in der Rechtsmitteleingabe ausgeführt, eine Reflexverfolgung  folge gewissen Gesetzmässigkeiten. Sie setze voraus, dass die Person,  derentwegen  die Verfolgung  bestehe,  in  ihren  politischen Aktivitäten  für  die  türkischen  Sicherheitskräfte  eine  gewisse  Wichtigkeit  erlangt  habe.  Die türkischen Behörden würden zunächst die nahen und erst später die  entfernteren  männlichen  Verwandten  belangen.  Da  keine  nahen  männlichen  Verwandten  von  G._______  mehr  in  der  Türkei  leben  würden,  sei  der  Beschwerdeführer  der  einzige  gewesen,  den  die  türkischen  Behörden  noch  kontaktieren  konnten.  In  Kenntnis  dieser  Vorgehensweise  hätte  das  BFM  den  Beschwerdeführer  dazu  näher  befragen müssen.  Insoweit  habe  es  den  Sachverhalt  weder  vollständig  noch richtig abgeklärt. 5.2.2.  In der Eingabe vom 16. Februar 2007 wird unter Verweis auf die  eingereichten  Familienregisterauszüge  dargelegt,  welche  der  insgesamt  13  männlichen  Verwandten  der  Familie  von  G._______  und  des  Beschwerdeführers  –  welche  denselben  Grossvater  hätten  –  sich  im 

E­8/2007 Ausland befinden würden und welche vier in der Türkei verblieben seien.  Dass von 13 männlichen Familienangehörigen nur noch vier in der Türkei  leben würden, deute klar auf eine systematische Verfolgung der Familie  Demir hin. Deshalb rechtfertige sich eine Botschaftsabklärung. 5.2.3. In der Eingabe vom 29. März 2007 wird ausgeführt, G._______ sei  wegen  Aktivitäten  für  die  J._______  zu  einer  Freiheitsstrafe  von  zwölf  Jahren verurteilt worden und nach der Teilnahme an einem Hungerstreik  vorzeitig  aus  der Haft  entlassen worden.  In  der  Folge  sei  er wiederholt  zusätzlich behelligt worden. Ferner  sei gegen  ihn wegen der Teilnahme  an  K._______  ein  Strafverfahren  eröffnet  worden,  das  nach  wie  vor  hängig sei. Mit seiner Ausreise in die Schweiz habe sich der Cousin den  türkischen Strafverfolgungsbehörden entzogen, was die Grundlage für die  Reflexverfolgung  des  Beschwerdeführers  darstelle.  Selbst  wenn  dieser  Sachverhalt  als  nicht  genügend  intensiv  für  die  Annahme  einer  asylrelevanten  Verfolgung  erachtet  werde,  bestehe  für  den  Beschwerdeführer bei einer Rückkehr eine konkrete Gefährdung. Bei den  jederzeit  möglichen  Kontrollen  würde  er  erneut  mit  diesen  Angelegenheiten  konfrontiert,  wobei  es  während  dieser  Verhöre  und  Festnahmen auch zu Misshandlungen kommen könnte. 5.2.4. Mit Eingabe vom 25. Mai 2010 macht der Beschwerdeführer unter  Verweis  auf  zwei  Schreiben  des  Verteidigungsministeriums  geltend,  er  werde  in  der  Türkei  wegen  Nichtleistens  des  Militärdienstes  gesucht.  Dieser  Umstand,  in  Kombination  mit  der  geltend  gemachten  Reflexverfolgung, erhöhe seine asylrelevante Gefährdung. 5.3. Das  BFM  führt  in  der  Vernehmlassung  aus,  bei  den  eingereichten  Auszügen  handle  es  sich  um  solche  aus  dem  Zivilstandsamtregister.  Diese  seien  nicht  geeignet,  die  geltend  gemachte Reflexverfolgung  des  Beschwerdeführers  zu  belegen.  Im  Übrigen  hätten  vor  allem  die  Verwandten des Cousins  in der Schweiz Asyl  erhalten. Was die beiden  Schreiben  des  Verteidigungsministeriums  anbelange,  sei  festzuhalten,  dass Desertion keinen Grund nach Art. 3 AsylG darstelle. Dies sei nur der  Fall, wenn eine Person aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit mit einer  unverhältnismässig  schweren  Strafe  zu  rechnen  habe  oder  wenn  das  Strafmass  für  ihn  höher  ausfalle,  als  für  eine  Person  ohne  diesen  spezifischen  Hintergrund  oder  wenn  die  Erfüllung  der  Wehrpflicht  den  Betroffenen  einer  gezielten  menschenrechtswidrigen  Behandlung  aussetze.

E­8/2007 5.4. In der Replik führte der Beschwerdeführer aus, es dürfte unbestritten  sein,  dass  er  in  der  Türkei  wegen  des  ausstehenden  Militärdienstes  gesucht werde. Bei einer Rückkehr werde er einerseits wegen Refraktion  bestraft,  andererseits  müsse  er  noch  den  ausstehenden  Militärdienst  leisten. Während dieses Dienstes habe er mit einer "Sonderbehandlung"  als Angehöriger einer politisch aktiven Familie zu rechnen.  6.  6.1.  In  der  Rechtsmitteleingabe  wird  gerügt,  obwohl  der  Beschwerdeführer  seine  Asylvorbringen  in  Zusammenhang  mit  derjenigen seines als Flüchtling anerkannten Cousins gestellt habe, habe  es  das  BFM  unterlassen,  dessen  Dossier  beizuziehen.  Ferner  habe  es  den  Sachverhalt  insoweit  nicht  richtig  ermittelt,  als  es  den  Beschwerdeführer  nicht  hinreichend  betreffend  die  geltend  gemachte  Reflexverfolgung befragt habe. Damit habe es den Sachverhalt unrichtig  sowie unvollständig  ermittelt. Diese Rüge  ist  vorweg  zu prüfen,  da eine  allenfalls  ungenügende  Sachverhaltsermittlung  eine  materielle  Beurteilung des Falles verunmöglichen würde.  Aufgrund  der  Akten  ergibt  sich,  dass  der  Beschwerdeführer  bereits  zu  Beginn der Erstbefragung seinen Cousin, G._______, erwähnt und seine  persönliche  Verfolgung  mit  dessen  politischen  Engagement  sowie  insbesondere  dessen  Verurteilung  in  Verbindung  gebracht  beziehungsweise  begründet  hat.  In  der  Folge  haben  die  Befrager  des  BFM  dem  Beschwerdeführer  anlässlich  der  Erstbefragung  sowie  der  Anhörung  einerseits  offene,  andererseits  konkrete  Fragen  namentlich  auch  betreffend  den  Cousin,  sein  politisches  Engagement  und  seine  Verurteilung gestellt. Aufgrund dieser Fragestellungen wird offensichtlich,  dass  sich  das  BFM  jederzeit  bewusst  war,  dass  der  Beschwerdeführer  seine Verfolgung auf diejenige des Cousins zurückführt. Insoweit hat das  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  auch  das  Vorliegen  einer  Reflexverfolgung  geprüft.  Indes  ist  es  nicht  allein  Sache  der  Befrager,  anlässlich  der Anhörungen  jede Einzelheit  zu  erfragen;  vielmehr  obliegt  es  dem  Asylsuchenden  im  Rahmen  seiner  gesetzlich  statuierten  Mitwirkungspflicht, von sich aus seine Vorbringen detailliert, substantiiert  und  mit  Realkennzeichen  sowie  persönlichen  Merkmalen  versehen,  mithin glaubhaft im Sinne von Art. 7 AsylG darzutun. Vorliegend ergibt die  Durchsicht  der  Protokolle,  dass  die  Angaben  des  Beschwerdeführers  wenig detailliert, vage und ohne persönlichen Bezug ausgefallen sind. 

E­8/2007 Im Übrigen wird auf dem Deckblatt des BFM­Dossiers auf das Verfahren  des  Cousins  (N…)  verwiesen.  Eine  Recherche  in  dem  für  das  Bundesverwaltungsgericht  einsehbaren  Dossierverwaltungssystem  des  BFM (Zentrales Migrationssystem ZEMIS) hat zudem ergeben, dass das  Dossier N  (…) sich am 29. November 2006 – also zwei Tage nach der  Anhörung  zu  den Asylgründen  –  bei  der  im  erstinstanzlichen Verfahren  zuständigen  BFM­Sachbearbeiterin  befunden  hat.  Auch  wenn  aus  der  Begründung  des  angefochtenen  Entscheides  nicht  explizit  hervorgeht,  dass die Vorinstanz die Aussagen des Beschwerdeführers mit denjenigen  seines Cousin in dessen Verfahren verglichen hat, ist doch ohne weiteres  davon  auszugehen,  dass  sie  dessen  Dossier  nicht  nur  beigezogen,  sondern auch konsultiert hat. Vor diesem Hintergrund gelangt das Gericht zum Schluss, dass das BFM  den  Sachverhalt  sowohl  richtig  als  auch  vollständig  festgestellt  hat.  In  Anbetracht  der  vorstehenden  Erwägungen  erweist  sich  die  erhobene  Rüge als unzutreffend und es besteht keine Veranlassung, die Akten an  die Vorinstanz zurückzuweisen.  6.2. Das BFM hat das Asylgesuch des Beschwerdeführers abgelehnt, da  seine  Vorbringen  weder  den  Anforderungen  an  das  Glaubhaftmachen  gemäss  Art.  7  AsylG  noch  denjenigen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss Art. 3 AsylG standhalten würden.  6.2.1. Zunächst  ist  festzuhalten,  dass die Vorinstanz die Asylvorbringen  des  Beschwerdeführers  zu  Recht  als  nicht  glaubhaft  bewertet  hat.  Die  Durchsicht der das Asylverfahren des Cousins betreffenden Akten – das  Dossier N  (…) wurde auch auf Beschwerdeebene beigezogen –  lassen  die  Asylvorbringen  des  Beschwerdeführers,  entgegen  der  von  ihm  vertretenen Ansicht, nicht  in einem anderen Lichte erscheinen. Vielmehr  wird  offensichtlich,  dass  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  betreffend seines Cousins zu einem wesentlichen Teil unrichtig sind. Dies  erstaunt  umso  mehr,  als  die  Familienangehörigen  des  Beschwerdeführers  als  einzige  Verwandte  den  Cousin  während  der  mehrjährigen  Haftzeit  besucht  und  mit  ihm  in  Briefkontakt  gestanden  haben  sollen.  Vom  Beschwerdeführer  hätten  daher  ohne  Weiteres  zu  gewissen  Vorbringen  korrekte  sowie  insbesondere  konkretere  Angaben  erwartet  werden  dürfen.  Dass  er  erstmals  mehr  als  ein  Jahr  nach  der  Ausreise  seines  Cousins  von  den  heimatlichen  Behörden  kontaktiert  worden  sein  soll,  ist  wenig  wahrscheinlich:  Hätten  die  Behörden  tatsächlich  ein  Interesse  am  Aufenthaltsort  des  Cousins  gehabt,  hätten 

E­8/2007 sie wohl  bereits  kurz  nach  seiner Ausreise  in  seinem  familiären Umfeld  und  auch  beim  Beschwerdeführer  nach  ihm  gesucht.  Die  absolute  Unkenntnis  des  Beschwerdeführers  über  die  politischen  Aktivitäten  und  die  Verurteilung  seines  Cousins  beziehungsweise  dessen  Gefängnisaufenthalt steht  in einem eklatanten Spannungsverhältnis zum  Umstand, dass die Familie des Beschwerdeführers den Kontakt mit dem  Cousin  während  des  Gefängnisaufenthalts  dauernd  aufrechterhalten  haben sollen. Da sich der Beschwerdeführer  in der Rechtsmitteleingabe  zu  den  einzelnen  vom  BFM  aufgezeigten  Unstimmigkeiten  in  seinen  Aussagen  nicht  äussert,  kann,  um  Wiederholungen  zu  vermeiden,  vollumfänglich  auf  die  zutreffenden  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen  werden.  Dies  gilt  auch  hinsichtlich  der  korrekten  Feststellung  des  BFM,  wonach  die  allgemeinen  Benachteiligungen  der  kurdischen  Bevölkerung  in  der  Türkei  praxisgemäss  nicht  zur  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  genügen.  Zudem  ist  diesbezüglich  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer  nach  dem  Wegzug  von  B._______  nach  D._______  laut  seinen  Angaben  keinen  solchen  Behelligungen  mehr  ausgesetzt  war.  Offensichtlich  verfügte  er  damit  über  die  Möglichkeit,  sich  allfälligen  lokalen  Behelligungen  zu  entziehen. 6.2.2.  Der  Beschwerdeführer  macht  weiter  geltend,  wegen  seines  politisch aktiven Cousins, welcher in der Schweiz als Flüchtling anerkannt  worden sei, habe er begründete Furcht vor künftiger Verfolgung im Sinne  einer Reflexverfolgung. Unter  Reflexverfolgung  versteht  man  behördliche  Belästigungen  oder  Behelligungen  von  Angehörigen  aufgrund  des  Umstandes,  dass  die  Behörden  einer  gesuchten,  politisch  unbequemen  Person  nicht  habhaft  werden  oder  schlechthin  von  deren Polit­Malus  auf  einen  solchen  auch  bei  Angehörigen  schliessen.  Der  Zweck  einer  solchen Reflexverfolgung  kann  insbesondere  darin  liegen,  Informationen  über  effektiv  gesuchte  Personen zu erlangen beziehungsweise Geständnisse von Inhaftierten zu  erzwingen.  Eine  "Sippenhaft"  in  diesem  weiteren  Sinn  ist  von  den  türkischen  Behörden  namentlich  in  den  Jahren  des  intensiven  militärischen  Konflikts  in  den  Süd­  und  Ostprovinzen  nicht  selten  angewandt  worden,  wenn  es  galt,  den  Aufenthaltsort  von  flüchtigen  Angehörigen  der  PKK  oder  anderer  staatsfeindlicher  Organisationen  zu  ergründen.  Die  Wahrscheinlichkeit,  Opfer  einer  Reflexverfolgung  zu  werden,  ist  namentlich  dann  gegeben,  wenn  nach  einem  flüchtigen  Familienmitglied gefahndet wird und die Behörde Anlass zur Vermutung 

E­8/2007 hat,  dass  jemand  mit  dem  Gesuchten  in  engem  Kontakt  steht.  Diese  Wahrscheinlichkeit  erhöht  sich,  wenn  der Reflexverfolgte  aus  einer  den  türkischen  Sicherheitskräften  als  "staatsfeindlich"  bekannten  Familie  stammt  respektive  mehrere  illegal  politisch  tätige  Verwandte  aufweist.  Auch  ein  eigenes,  nicht  unbedeutendes  Engagement  seitens  des  Reflexverfolgten  für  illegale politische Organisationen erhöht das Risiko,  Opfer  einer Sippenhaft  im weiteren Sinne  zu werden  (vgl.  die weiterhin  zutreffende  Praxis  der  ARK  in  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1994 Nr. 5). Obwohl die politische Lage in der Türkei verglichen mit derjenigen in den  1980­er­ und 1990­er­Jahren sich stark entspannt hat und die allgemeine  Sicherheitslage wesentlich  besser  geworden  ist,  kann auch  im heutigen  Zeitpunkt  nicht  ausgeschlossen  werden,  dass  die  türkischen  Sicherheitsorgane  gegenüber  Familienmitgliedern  mutmassslicher  Aktivisten  der  PKK  oder  anderer  als  separatistisch  eingestufter  Gruppierungen Repressalien ergreifen, die  in gewissen Fällen sogar die  Intensität  einer  politischen Verfolgung  im Sinne  der  Flüchtlingsdefinition  erreichen  (vgl.  EMARK  2005  Nr.  21  E.  10.2.3:  reduzierte  Wahrscheinlichkeit,  aber  weiterbestehende  Möglichkeit  von  Reflexverfolgung in der Türkei im Jahr 2005, welche Analyse auch für die  Situation im heutigen Zeitpunkt zutreffend ist). Wie  vorstehend  dargelegt  bestehen  überwiegende  Zweifel  an  der  Glaubhaftigkeit  der  Vorbringen  des  Beschwerdeführers,  namentlich  an  der  geltend  gemachten  Inhaftierung  vom  31.  August  2006.  Damit  ist  insoweit  der  geltend  gemachten  Reflexverfolgung  die  Grundlage  entzogen.  Allein  die  Tatsache,  dass  der  Beschwerdeführer  mit  G._______  verwandt  ist,  vermag  keine  hinreichende  Furcht  vor  einer  künftigen Verfolgung im Sinne einer Reflexverfolgung zu begründen. Dies  umso weniger,  als  der Beschwerdeführer  kein  eigenes  politisches Profil  aufweist.  Insoweit  vermag der Beschwerdeführer  aus  den eingereichten  Registerauszügen nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Zudem bedarf es  weder  einer  Befragung  des  Beschwerdeführers  durch  das  Gericht  zur  Familienstruktur noch Abklärungen vor Ort, weshalb die entsprechenden  Anträge abzuweisen sind. Schliesslich  ist  in  diesem  Zusammenhang  darauf  hinzuweisen,  dass  G._______  mit  Schreiben  vom  1.  Februar  2011  auf  seinen  Flüchtlingsstatus  verzichtete  und  die  Rückgabe  seiner  heimatlichen  Dokumente  verlangte,  um  in  die  Türkei  einreisen  zu  können.  Mit 

E­8/2007 Verfügung vom 30. März 2011 stellte das BFM fest, dass das G._______  gewährte Asyl gestützt auf Art. 64 Abs. 1 Bst. c AsylG erloschen sei. Der  Cousin G._______  ist mithin  im heutigen Zeitpunkt nicht  (mehr)  verfolgt  und hat keine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung. Damit verlieren  die  Ausführungen  in  der  Rechtsmitteleingabe  vom  29.  März  2007,  wonach  noch  ein  Strafverfahren  gegen  G._______  hängig  sei,  an  Bedeutung. Ein allfälliges Strafverfahren, sollte es denn zwischenzeitlich  noch nicht abgeschlossen sein,  ist  in Anbetracht des Asylverzichts unter  flüchtlingsrechtlichen Aspekten offensichtlich irrelevant. In Anbetracht der  vorliegenden  Sachlage  ist  die  Gefahr  einer  Reflexverfolgung  für  den  Beschwerdeführer zu verneinen.  6.2.3. Der Beschwerdeführer macht schliesslich geltend, er hätte  in den  Militärdienst  einrücken  müssen.  Dazu  ist  festzuhalten,  dass  gemäss  konstanter  Rechtsprechung  eine  allfällige  Strafe  wegen Refraktion  oder  Desertion  grundsätzlich  keine  Verfolgung  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  darstellt. Es gehört zu den legitimen Rechten eines Staates, seine Bürger  zum  Militärdienst  einzuberufen  und  zur  Durchsetzung  der  Wehrpflicht  strafrechtliche  oder  disziplinarische  Sanktionen  zu  verhängen  (vgl.  z.B.  BVGE  D­5392/2010  vom  30. August  2010  und  D­1896/2009  vom  22. September  2009).  Allerdings  ist  eine  wegen  Missachtung  der  Dienstpflicht drohende Strafe dann asylrelevant, wenn der Wehrpflichtige  wegen  seines  Verhaltens  mit  einer  Strafe  zu  rechnen  hat,  welche  entweder aus Gründen nach Art.  3 AsylG diskriminierend höher ausfällt  oder an sich unverhältnismässig hoch ist, oder wenn die Einberufung zum  Wehrdienst darauf abzielt, einem Wehrpflichtigen aus einem der in Art. 3  AsylG genannten Gründe erhebliche Nachteile zuzufügen oder diesen in  völkerrechtlich verpönte Handlungen zu verstricken (EMARK 2004 Nr. 2).  Wehrpflichtige  Männer  werden  in  der  Türkei  aufgrund  der  Staatsangehörigkeit und ihres Jahrgangs für das Militär aufgeboten, ohne  dass dieser Verpflichtung eine asylrechtlich relevante Verfolgungsabsicht  des  Staates  zugrunde  liegen  würde.  Eine  allfällige  Bestrafung  des  Beschwerdeführers  wegen  Wehrdienstverweigerung  wäre  mithin  als  asylrechtlich  nicht  relevant  zu  qualifizieren. Kurdische Refraktäre  haben  ihrer  Ethnie  wegen  nicht  generell  strengere  Strafen  im  Sinne  eines  "Politmalus"  zu  befürchten.  Aufgrund  der  Akten  besteht  kein Grund  zur  Annahme,  dass  ein  allfälliges  Verfahren  gegen  den  Beschwerdeführer  aus anderen als militärstrafrechtlichen Gründen angehoben und er härter  als andere Dienstverweigerer bestraft würde. Allerdings ist bekannt, dass  während  des Militärdienstes  Schikanen  von  türkischen  Kameraden  und  Vorgesetzten  gegen  Kurden  vorkommen  können.  Solche  Behelligungen 

E­8/2007 sind indes in der Regel nicht derart gravierend, als dass es sich dabei um  ernsthafte Nachteile im Sinne des Asylgesetzes handeln würde. Es liegen  somit keine Hinweise für das Vorliegen einer objektiv begründeten Furcht  vor  Verfolgung  vor.  An  dieser  Einschätzung  respektive  der  Irrelevanz  allfälliger  staatlicher  Massnahmen  unter  flüchtlingsrechtlichen  Gesichtspunkten  vermögen  auch  die  beiden  eingereichten  Schreiben  nichts  zu  ändern.  Dasjenige  vom  26.  Januar  2009  bezieht  sich  zudem  nicht  auf  den  Beschwerdeführer,  sondern  auf  seinen  Bruder,  und  stellt  eine  behördeninterne  Mitteilung  handelt,  in  deren  Besitz  der  Beschwerdeführer grundsätzlich nicht gelangen kann.  6.2.4.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  Gründe  nach  Art.  3  AsylG  glaubhaft  machen  oder  nachweisen  kann.  Bei  dieser  Sachlage  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Ausführungen  in  den  Rechtsmitteleingaben  einzugehen,  da  sie  an  der  vorstehenden  Feststellung  nichts  zu  ändern  vermögen.  Die  Vorinstanz  hat  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  demnach  zu  Recht  abgelehnt. 7.  Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so  verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den  Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie  (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 7.1. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 32  der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfrage [AsylV  1, SR 142.311]). 8.  8.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner 

E­8/2007 Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 8.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 8.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  der  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers in die Türkei ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5  AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung in die Türkei dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung 

E­8/2007 ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar  2008, Beschwerde Nr. 37201/06,  §§ 124 ­ 127, mit weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine Menschenrechtssituation  in  der  Türkei  lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt klarerweise nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 8.4.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Das  Bundesverwaltungsgericht  geht  davon  aus,  dass  die  allgemeine  Lage  in  der  Türkei  nicht  durch  Krieg,  Bürgerkrieg  oder  durch  eine  Situation  allgemeiner  Gewalt  gekennzeichnet  ist,  aufgrund  derer  die  Zivilbevölkerung  als  konkret  gefährdet  bezeichnet  werden  müsste.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  ist  unter  diesen  Umständen  generell  als  zumutbar  zu  bezeichnen.  Bezogen  auf  den  Beschwerdeführer  ist  festzuhalten, dass er bis zu seiner Ausreise in der Türkei gelebt hat und  mit  diesem  Land  und  seiner  Tradition  verwurzelt  ist.  Gemäss  seinen  Angaben  hat  sein  älterer  Bruder  in  D._______  ein  eigenes  Haus,  in  welches  der  Beschwerdeführer  im  Jahre  2002  mit  seinen  Eltern  und  seinen anderen Geschwistern übersiedelte. Ferner hat er auch zumindest  Bekannte  H._______,  bei  welchen  er  während  zwei  Monaten  vor  der  Ausreise lebte. Damit verfügt der Beschwerdeführer in der Türkei über ein  soziales  Beziehungsnetz,  auf  welches  er  bei  einer  Rückkehr  zurückgreifen kann. Sodann hat er vor seiner Ausreise während mehrerer  Jahre als C._______  in D._______ gearbeitet. Zudem hat er hier  in der  Schweiz  weitere  Arbeitserfahrungen  gesammelt,  arbeitet  er  doch  seit  August  2009  als  C._______  in  einem  Restaurant  in  N._______.  Vor  diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr in  den  Heimatstaat  sich  ohne  Weiteres  wieder  ins  Erwerbs­  und  Alltagsleben  integrieren  werden  wird,  zumal  blosse  soziale  und 

E­8/2007 wirtschaftliche  Schwierigkeiten  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  keine  existenzbedrohende  Situation  darstellen, die den Vollzug der Wegweisung als unzumutbar erscheinen  liesse.  Schliesslich  kann  der  Beschwerdeführer  zusammen  mit  seinem  Bruder O._______, dessen Asylgesuch ebenfalls mit heutigem Urteil des  Bundesverwaltungsgerichts abgewiesen wird, in die Türkei zurückkehren.  Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als  zumutbar. 8.5.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG;  BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 ­ 515), weshalb der Vollzug der Wegweisung  auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 8.6. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 ­ 4 AuG). 9.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 10.  Mit Zwischenverfügung vom 12. Februar 2007 hat der  Instruktionsrichter  das Gesuch  um Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  aufgrund  der  eingereichten Fürsorgebestätigung  gutgeheissen. Dementsprechend  sind dem Beschwerdeführer keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite)

E­8/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Stöckli Barbara Balmelli Versand:

E-8/2007 — Bundesverwaltungsgericht 29.08.2011 E-8/2007 — Swissrulings