Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 13.09.2011 E-7663/2007

13 septembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,568 mots·~13 min·2

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 15. Oktober 2007

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­7663/2007 beu/pep/ris Urteil   v om   1 3 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richter Maurice Brodard, Richterin Regula Schenker Senn,    Gerichtsschreiberin Patricia Petermann Loewe. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), E._______, geboren am (…), Kosovo,  Eigerstrasse 20, 3076 Worb Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM  vom 15. Oktober 2007 / N (…).

E­7663/2007 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführenden,  Kosovaren  albanischer  Ethnie  aus  dem  Distrikt  F._______,  sind  seit  1995  nach  Brauch  verheiratet.  Gemäss  eigenen Angaben verliessen sie ihre Heimat am (…) 2007 und gelangten  mit  Hilfe  eines  Schleppers  per  Auto  über  Mazedonien,  Montenegro,  Kroatien, Slowenien und weitere, unbekannte Länder in die  Schweiz, wo  sie am 6. Juni 2007 um Asyl nachsuchten. Am 11. Juni 2007 wurden der  Beschwerdeführer  und  am  18. Juni  2007  die  Beschwerdeführerin  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Vallorbe  summarisch  befragt;  am  3. September  2007  wurden  beide  vertieft  zu  ihren  Asylgründen  angehört.  Dabei  brachten  sie  vor,  sie  seien  aufgrund  schwerwiegender  familiärer Probleme aus dem Kosovo geflohen.  Im Jahre 1998 habe die  Frau des Bruders X. des Beschwerdeführers – G._______ – ihren Mann  verlassen, um mit dem Bruder Y. der Beschwerdeführerin zusammen zu  leben, bis dieser einige Jahre später getötet worden sei. Die Familie des  Beschwerdeführers,  bei  der  die  Beschwerdeführenden  seit  der  Heirat  gelebt hätten, habe ihn seit dem Vorfall von 1998 gedrängt, seine Frau zu  verlassen,  und  diese  permanent  psychisch  unter  Druck  gesetzt  und  eingeschlossen;  die  Kinder  seien  oft  geschlagen  worden.  Mehrmals  hätten  Familienmitglieder  des  Beschwerdeführers  zudem  versucht,  ihn  und seine Frau umzubringen. Etwa drei Jahre vor der Ausreise habe die  Beschwerdeführerin  einen  Suizidversuch  gemacht.  Etwa  zweieinhalb  Jahre  vor  der Flucht  habe der Beschwerdeführer Ausweise  der Mission  der  Vereinten Nationen  zur Übergangsverwaltung  des Kosovo  (UNMIK)  erhalten, mit denen er das Land habe verlassen wollen, die seine Familie  jedoch  entdeckt  und  verbrannt  habe.  Im  (…)  2007  sei  schliesslich  die  Flucht geglückt. B.  Mit Verfügung vom 15. Oktober 2007 – eröffnet am 16. Oktober 2007 –  stellte  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeführenden  würden  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllen  und  lehnte  die  Asylgesuche  ab.  Zudem  verfügte  es  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  deren  Vollzug. Zur Begründung führte das BFM im Wesentlichen aus, die Aussagen der  Beschwerdeführenden  würden  in  zentralen  Bereichen  Ungereimtheiten  aufweisen, weshalb die Vorbringen insgesamt unglaubhaft seien und den  Anforderungen  von Art.  7  des Asylgesetzes  vom 26.  Juni  1998  (AsylG, 

E­7663/2007 SR  142.31)  nicht  genügen  würden.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  sei  zudem zulässig, zumutbar und möglich. C.  Mit  Beschwerde  vom  14.  November  2007  (Poststempel:  13. November  2007)  wandten  sich  die  Beschwerdeführenden  an  das  Bundesverwaltungsgericht  und  beantragten  die  Aufhebung  des  Entscheides  der  Vorinstanz,  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  und Asylerteilung sowie eventualiter die Feststellung der Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  und  die  vorläufige  Aufnahme  von  Amtes  wegen.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  wurde  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes  über  das  Verwaltungsverfahren  vom  20. Dezember  1968  (VwVG,  SR 172.021) und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses  ersucht.  Die  Beschwerdeführenden  reichten  in  diesem  Zusammenhang  eine Fürsorgebestätigung ein. Zur Begründung brachten sie insbesondere vor, sie würden aufgrund der  schutzlosen  Stellung  der  Frau  in  ihrer  Gesellschaft  verfolgt.  Werde  die  Ehefrau verlassen, weil es die Familie des Ehemannes fordere, so sei sie  ohne  Schutz.  Weil  sie  zusammenhalten  würden  und  der  Beschwerdeführer  seine  Frau  nicht  verlassen  habe,  sei  es  bisher  nicht  zum Racheakt beziehungsweise Ehrenmord gekommen. Als Preis dafür  hätten sie  in den vergangenen Jahren unter unerträglichem psychischen  Druck  leben  müssen,  was  die  Flucht  bewirkt  habe.  Der  Beschwerdeführerin  gehe  es  wegen  der  schlimmen  Erlebnisse  gesundheitlich nicht gut, sie sei in medizinischer Behandlung.  D.  Mit  Instruktionsverfügung  vom  19.  Dezember  2007  entschied  das  Bundesverwaltungsgericht, dass die Beschwerdeführenden den Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  können,  und  führte  aus,  die  Beschwerdebegehren würden  als  aussichtslos  erscheinen, weshalb  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  abgewiesen  wurde.  Gleichzeitig  wurde  ein  Kostenvorschuss  von  Fr.  600.­­  eingefordert  und  angekündigt,  dass  auf  die  Beschwerde  bei  nicht  fristgerechter Zahlung nicht eingetreten werde. Die Beschwerdeführende  leisteten den Kostenvorschuss fristgemäss am 28. Dezember 2007. E.  Am (…) wurde der Sohn der Beschwerdeführenden, E._______, geboren.

E­7663/2007 F.  Am  2.  Februar  2010  reichte  ein  Oberarzt  der  Universitären  Psychiatrischen  Dienste  Bern  (UPD)  mit  Einverständnis  der  Beschwerdeführenden einen ärztlichen Bericht deren Tochter C._______  betreffend  ein.  Demnach  leide  diese  unter  anderem  an  einer  posttraumatischen  Belastungsstörung  und  sei  psychopharmakologisch  sowie mittels einer Verhaltenstherapie und systematischer Interventionen  innerhalb der Familie behandelt worden.  Mit  Schreiben  vom  3.  Februar  2010 wurde  durch  die  UPD  ein  weiterer  ärztlicher  Bericht  eingereicht,  dem  zufolge  bei  der  Beschwerdeführerin  ebenfalls  eine  posttraumatische  Belastungsstörung  sowie  eine  mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom vorliege. G.  Das  BFM  liess  sich  auf  Einladung  des  Bundesverwaltungsgerichts  am  27. Mai 2011 vernehmen und  führte aus, die Beschwerdeschrift enthalte  keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, die eine Änderung  seines  Standpunktes  rechtfertigen  könnten.  Im  Übrigen  werde  auf  die  Erwägungen  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen,  an  denen  vollumfänglich festgehalten werde.  H.  Mit  Instruktionsverfügung  vom  25. Juli  2011  forderte  das  Bundesverwaltungsgericht  die Beschwerdeführenden  auf,  bezüglich  des  Gesundheitszustands  der  Beschwerdeführerin,  des  Beschwerdeführers  und deren Tochter C._______ bis zum 8. August 2011 aktuelle ärztliche  Berichte  und  je  eine  ärztliche  Entbindungserklärung  von  der  Schweigepflicht einzureichen. Zudem wurde ihnen die Stellungnahme der  Vorinstanz vom 27. Mai 2011 zur Kenntnis zugestellt. Innert  erstreckter  Frist  wurden  am  16. August  2011  ein  Arztbericht  die  Tochter  C._______  und  am  19. August  2011  je  ein  Arztbericht  die  Beschwerdeführenden betreffend eingereicht.

E­7663/2007 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]) 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG, Art. 48 Abs. 1,  Art. 50 und Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4.  Der  am  (…)  geborene  Sohn  E._______  wird  in  das  Beschwerdeverfahren einbezogen. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen 

E­7663/2007 grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen  (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art.  7  AsylG). 4.  4.1. Das BFM befand in der angefochtenen Verfügung, die Aussagen der  Beschwerdeführenden  würden  zahlreiche  Ungereimtheiten  in  zentralen  Bereichen aufweisen;  insgesamt seien  ihre   Vorbringen unglaubhaft und  würden  den  Anforderungen  von  Art. 7  AsylG  nicht  genügen.  So  sei  es  nicht  nachvollziehbar,  dass  sie  mit  ihrer  Ausreise  bis  zum  (…)  2007  zugewartet  hätten,  obgleich  sie  geltend  machten,  seit  1998  grosse  Schwierigkeiten  mit  den  Familienmitgliedern  des  Beschwerdeführers  gehabt zu haben, die sie oft mit Pistolen und Beilen bedroht, die Kinder  geschlagen  und  die Gesuchstellerin  eingesperrt  hätten.  Schleierhaft  sei  auch,  wie  die  Beschwerdeführenden  –  in  Anbetracht  der  strengen  Überwachung  durch  die  Familienmitglieder  –  unbemerkt  die  Ausreise  hätten  vorbereiten  und  mit  den  Kindern  das  Haus  verlassen  können.  Zudem  habe  die  Beschwerdeführerin  hinsichtlich  des  Zeitpunkts  der  Tötung  ihres  Bruders  drei  verschiedene  Jahre  ((…),(…)  und  (…))  angegeben.  Auch  der  Beschwerdeführer  habe  sowohl  zum  Todesjahr  seines  Schwagers  als  auch  zur  letzten  Bedrohung  durch  seine  Familienmitglieder  verschiedene  Angaben  gemacht  beziehungsweise  verschiedene Daten genannt. 

E­7663/2007 4.2. Auf Beschwerdeebene beantragten die Beschwerdeführenden, es sei  ihren Ausführungen im Asylverfahren die gebührende Aufmerksamkeit zu  schenken.  Ebenso  seien  die  im  Asylverfahren  der  Eltern  der  Beschwerdeführerin  (N  (…)) sowie die  im Asylverfahren von G._______  gemachten  Angaben  zu  berücksichtigen;  diese  würden  die  Glaubwürdigkeit  (recte:  Glaubhaftigkeit)  der  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden  bestätigen  und  die  Sache  könne  nicht  wie  im  angefochtenen  Entscheid  mit  dem  Hinweis  auf  ein  paar  angebliche  Ungereimtheiten  abgetan  werden.  Die  Bedrohung  dauere  schon  viele  Jahre  an;  ob  des  ständigen  Druckes  seien  sie  krank  geworden.  Einzelheiten  seien  deswegen  vielleicht  unterschiedlich  geschildert  worden,  das Problem  könne  aber  nicht wegdiskutiert  werden.  Effektiver  behördlicher  Schutz  vor  der  dargelegten  Verfolgung  (durch  die  Familienmitglieder  des Beschwerdeführers)  bestehe  nicht.  Aufgrund  der  schlimmen  Erlebnisse  gehe  es  der  Beschwerdeführerin  gesundheitlich  nicht gut, weshalb sie sich um medizinische Hilfe bemüht habe und sich  in (psychiatrischer und neurologischer) Behandlung befinde.  5.  5.1.  Vorab  ist  festzustellen,  dass  der  Kosovo  seit  der  Ausreise  der  Beschwerdeführenden  unabhängig  geworden  ist,  und  die  Schweiz  die  Republik  Kosovo  am 27. Februar  2008  als  souveränen Staat  anerkannt  hat.  Von  diesem Status  geht  somit  auch  das Bundesverwaltungsgericht  aus.  Am  1.  April  2009  erklärte  sodann  der  Bundesrat  Kosovo  als  sogenanntes Safe Country.  5.2.  Gemäss  Art.  29  des  kosovarischen  Gesetzes  über  die  Staatsangehörigkeit  vom  20.  Februar  2008  (Law  Nr.  03/L­034,  in  Kraft  getreten am 15. Juni 2008) sind alle Personen, die am 1. Januar 1998 die  jugoslawische Staatsbürgerschaft besassen und am selben Tag auch ihr  Domizil  auf  dem Territorium der  jetzigen Republik Kosovo  hatten  (ohne  Rücksicht  auf  ihre  heutige  [weitere]  Staatsangehörigkeit  oder  auf  ihren  heutigen  Aufenthaltsort),  Staatsangehörige  der  Republik  Kosovo.  Die  Beschwerdeführenden lebten gemäss eigenen Angaben seit ihrer Geburt  bis zur Ausreise im Distrikt F._______, verzeichneten dort Wohnsitz und  sind somit als Staatsangehörige der Republik Kosovo zu betrachten. 6.  Wie  nachfolgend  aufgezeigt  wird,  vermögen  die  durch  die  Beschwerdeführenden  angeführten  Gründe  für  das  Verlassen  ihrer 

E­7663/2007 Heimat  unbesehen  der  Glaubhaftigkeit  der  Asylvorbringen  keine  Asylrelevanz  im Sinne von Art. 3 AsylG zu entfalten. Damit erübrigt sich  eine  Berücksichtigung  der  Verfahrensakten  der  Eltern  der  Beschwerdeführerin  beziehungsweise  von  G._______,  deren  Heranziehung  die  Beschwerdeführenden  zur  Bestätigung  ihrer  Glaubhaftigkeit begehrt hatten. 7.  7.1.  Die  Beschwerdeführenden  gaben  an,  ausschliesslich  durch  die  Familie des Beschwerdeführers und nicht durch die Behörden bedroht zu  sein (A12/16 S. 13). Das  schweizerische  und  das  internationale  Flüchtlingsrecht  sind  grundsätzlich  subsidiär  ausgestaltet. Der Schutz eines Drittstaates  kann  erst  dann  in  Anspruch  genommen  werden,  wenn  der  Heimatstaat  des  Betroffenen keinen Schutz bieten will oder kann (vgl. Entscheidungen und  Mitteilungen  der  ehemaligen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2006  Nr.  18  E.  10.1  S.  201).  Schutz  vor  nichtstaatlicher  Verfolgung  im Heimatstaat  ist als ausreichend zu qualifizieren, wenn die  betroffene  Person  effektiv  Zugang  zu  einer  funktionierenden  und  effizienten  Schutzinfrastruktur  hat  und  ihr  die  Inanspruchnahme  eines  solchen innerstaatlichen Schutzsystems individuell zumutbar ist. 7.2. Der Schutzwille und die Schutzfähigkeit der kosovarischen Behörden  und Sicherheitskräfte können im jetzigen Zeitpunkt bejaht werden. Diese  sind  grundsätzlich  willens  und  in  der  Lage,  schwere  Straftaten  zu  verfolgen  (vgl.  bspw.  das  Urteil  E­2442/2007  des  Bundesverwaltungsgerichts vom 1. April 2010 E. 7.1). Anlässlich  seiner  Befragung  zur  Person  vom  11. Juni  2007  gab  der  Beschwerdeführer  an,  er  sei  wegen  der  Morddrohungen  seiner  Familie  gegen  ihn und seine Frau etwa ein Jahr zuvor einmal bei der Polizei  in  F._______  gewesen;  diese  habe mehr  oder weniger  alles  gewusst.  Sie  habe ihm gesagt, sie könne intervenieren, aber seine Brüder (durch die er  u.a.  bedroht  worden  sei)  könne  sie  nicht  verhaften.  Falls  sich  etwas  derartiges wiederhole, solle er sofort anrufen, da die Polizei Beweise und  nicht bloss Aussagen benötige (vgl. A1/11 S. 7). Auf die Frage, ob er vor  seiner  Abreise  noch  einmal  zur  Polizei  gegangen  sei,  führte  der  Beschwerdeführer  aus,  man  habe  ihm  gesagt,  falls  die  Polizei  interveniere,  könnten  sich  die  Dinge  für  ihn  verschlimmern,  und  er  sei 

E­7663/2007 (darum)  nicht  mehr  hingegangen  sondern  habe  begonnen,  über  eine  Flucht  nachzudenken  (vgl.  A1/11  S. 7).  Die  Beschwerdeführerin  bestätigte  im  Wesentlichen  die  Aussagen  ihres  Mannes  (vgl.  A8/10  S. 5f.).  Bei  der  Anhörung  vom  3. September  2007  gab  der  Beschwerdeführer zu Protokoll, er, seine Frau und die Kinder seien trotz  zunehmendem  Druck  so  lange  bei  seiner  Familie  geblieben,  weil  sie  gedacht hätten, diese werde sie  in Ruhe  ihr Leben  leben  lassen; es sei  aber  unmöglich  gewesen,  so weiterzuleben  (vgl. A12/16 S. 10). Bei  der  Familie  seiner  Frau  –  die  dieser  angeboten  habe,  bei  ihr  zu  leben  (vgl.  A12/16 S. 7) – habe er nicht leben wollen; er habe es auch nicht gewagt,  an einem anderen Ort innerhalb des Kosovo zu leben (vgl. A12/16 S. 10),  beziehungsweise habe dies nicht in Betracht gezogen (vgl. A12/16 S. 13).  Die Polizei  habe  ihm gesagt,  sie  könne nicht  kommen,  da die Situation  dadurch schlimmer würde (vgl. A12/16 S. 7), beziehungsweise könne sie  zwar kommen, aber sie wisse nicht, was danach geschehe; es sei besser  für ihn, wenn sie nicht kommen würde (vgl. A12/16 S. 10). Deshalb habe  er  keine  andere  Lösung  gesehen,  als  den  Kosovo  zu  verlassen  (vgl.  A12/16 S. 7 und 13). Die Beschwerdeführerin führte gleichentags aus, die  Polizei sei bezüglich ihrer Situation auf dem Laufenden; ihr Mann sei vor  etwa einem Jahr dort gewesen. Auch sie habe einmal eine Aussage bei  der  Polizei  gemacht,  dies  allerdings  in  einem  anderen  Zusammenhang  (vgl. A13/19 S. 14). Die Familie ihres Mannes habe ihr gesagt, falls sie zu  ihren Eltern  gehen würde, würden  sie  die Kinder  nicht mitgehen  lassen  und sie würde sie nie mehr wiedersehen (vgl. A13/19 S. 10). Sie sei um  ihrer Kinder willen nicht weggegangen  (vgl. A13/19 S. 15). Wenn sie  im  Kosovo geblieben wären (statt in die Schweiz zu flüchten, wo seit einigen  Jahren auch  ihre Eltern  leben würden,  vgl. A13/19 S. 12),  so  hätte  ihre  Schwiegermutter  sie  wiederfinden  können,  da  es  ein  kleines  Land  sei  (vgl.  A13/19  S.  12).  In  der  Beschwerdeschrift  schliesslich  brachten  die  Beschwerdeführenden vor, effektiver behördlicher Schutz vor Verfolgung  bestehe nicht. 7.3.  Es  ist  damit  festzuhalten,  dass  sich  die  Beschwerdeführenden  gemäss  eigenen  Angaben  einmal  im  Zusammenhang  mit  den  Behelligungen  durch  die  Familienmitglieder  des  Beschwerdeführers  im  Jahre  2006  an  die  Polizei  gewandt  hatten,  wobei  diese  scheinbar  auf  blossen  Verdacht  beziehungsweise  auf  reine  Aussagen  der  Beschwerdeführenden  hin  nicht  intervenieren  wollte,  jedoch  anbot,  bei  weiteren Vorfällen vorbeizukommen. Damit ergeben sich keine Hinweise,  dass  die  staatliche  Schutzinfrastruktur  den  Beschwerdeführenden  nicht  zugänglich  wäre  und  die  kosovarischen  Behörden  offensichtlich  aus 

E­7663/2007 einem  Grund  nach  Art.  3  AsylG  nicht  willens  wären,  ihnen  Schutz  vor  Übergriffen  durch  die Familie  des Beschwerdeführers  zu  gewähren  und  zu diesem Zweck konkrete und geeignete Massnahmen zu treffen.  Den Beschwerdeführenden  –  insbesondere  dem Beschwerdeführer,  der  das Haus  frei  habe verlassen können – wäre es zudem auch zumutbar  gewesen,  sich  (erneut)  an  die  Polizei  zu  wenden  und  um  Schutz  zu  ersuchen. Dies tat er nicht, da er gedacht und gehört habe, dass dies die  Situation nur verschlimmern würde. Allerdings stellt diese Einstellung den  Schutzwillen und die Schutzfähigkeit der kosovarischen Behörden nicht in  Frage.  Die  geltend  gemachten  Ereignisse  vermögen  unter  diesen  Umständen  praxisgemäss  nicht  zur  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft und zur Gewährung des Asyls zu führen. 7.4.   Da die Beschwerdeführenden bei den kosovarischen Behörden  im  Zusammenhang  mit  ihrer  vorgebrachten  Bedrohung  hätten  Schutz  suchen  können  und  ihnen  dies  auch  zumutbar  gewesen  wäre  beziehungsweise auch bei einer Rückkehr weiterhin zumutbar ist, sind sie  auf den Schutz der Schweiz nicht angewiesen, weshalb ihren Vorbringen  keine Asylrelevanz zukommt. 8.  Aufgrund der vorstehenden Erwägungen folgt unter Berücksichtigung der  gesamten  Umstände,  dass  das  BFM  im  Ergebnis  zu  Recht  die  Flüchtlingseigenschaft  der  Beschwerdeführenden  verneint  und  ihre  Asylgesuche abgelehnt hat. 9.  Die Ablehnung eines Asylgesuchs hat in der Regel die Wegweisung aus  der  Schweiz  und  deren  Vollzug  zur  Folge  (Art.  44  Abs.  1  AsylG);  vorliegend  hat  der  Kanton  keine  Aufenthaltsbewilligung  erteilt  und  es  besteht  auch  kein  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen  (vgl.  EMARK  2001  Nr. 21),  weshalb  das  BFM  zu  Recht  die  Wegweisung  der  Beschwerdeführenden angeordnet hat.  10.  Ist  der Vollzug der Wegweisung nicht möglich,  nicht  zulässig oder nicht  zumutbar,  so  regelt  das  Bundesamt  das  Anwesenheitsverhältnis  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG, 

E­7663/2007 SR 142.20]).  Die  drei  Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den  Wegweisungsvollzug  sind  alternativer  Natur.  Sobald  eine  dieser  Bedingungen erfüllt  ist,  ist der Vollzug als undurchführbar zu betrachten  (BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748; EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54 f.). 10.1. Gemäss Art.  83 Abs.  4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art.  83 Abs.  7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März  2002, BBl 2002 3818). 10.2.  Die  Vorinstanz  hielt  in  der  angefochtenen  Verfügung  fest,  dass  weder  die  im Heimatstaat  herrschende politische Situation  noch  andere  Gründe  gegen  die  Zumutbarkeit  der  Rückführung  nach  Serbien  (recte:  den Kosovo) sprechen würden. Auch gebe es im Kosovo keine Situation  allgemeiner  Gewalt  mehr,  da  es  dort  seit  dem  Einmarsch  der  Kosovo  Force  (KFOR)  am  12.  Juni  1999  zu  keinen  kriegerischen  Auseinandersetzungen mehr  gekommen  sei.  In  ihrer  Beschwerdeschrift  hielten  die  Beschwerdeführenden  den  Ausführungen  des  BFM  nichts  entgegen. Diesen ist zuzustimmen; eine konkrete allgemeine Gefährdung  der Beschwerdeführenden im Kosovo ist nicht ersichtlich. 10.3.  Fraglich  ist  hingegen  das  Vorliegen  von  individuellen  Gründen,  welche  gegen  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  in  den  Kosovo sprechen könnten.  10.3.1. Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen,  so  bildet  im  Rahmen  der  Zumutbarkeitsprüfung  das  Kindeswohl  einen  Gesichtspunkt  von gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt  sich nicht  zuletzt  aus einer  völkerrechtskonformen Auslegung  von Art.  83 Abs.  4 AuG  im  Lichte von Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens vom 20. November 1989  über  die  Rechte  des  Kindes  (KRK,  SR  0.107).  Unter  dem  Aspekt  des  Kindeswohls  sind  demnach  sämtliche  Umstände  einzubeziehen  und  zu  würdigen, die im Hinblick auf eine Wegweisung wesentlich erscheinen. In  Bezug  auf  das  Kindeswohl  können  für  ein  Kind  namentlich  folgende  Kriterien  im Rahmen einer  gesamtheitlichen Beurteilung  von Bedeutung  sein:  Alter,  Reife,  Abhängigkeiten,  Art  (Nähe,  Intensität,  Tragfähigkeit)  seiner  Beziehungen,  Eigenschaften  seiner  Bezugspersonen 

E­7663/2007 (insbesondere  Unterstützungsbereitschaft  und  ­fähigkeit),  Stand  und  Prognose bezüglich Entwicklung/Ausbildung sowie der Grad der erfolgten  Integration  bei  einem  längeren  Aufenthalt  in  der  Schweiz.  Gerade  letzterer  Aspekt,  die  Dauer  des  Aufenthaltes  in  der  Schweiz,  ist  im  Hinblick  auf  die  Prüfung  der  Chancen  und  Hindernisse  einer  Reintegration beziehungsweise Integration im Heimatland bei einem Kind  als gewichtiger Faktor zu werten, da Kinder nicht ohne guten Grund aus  einem einmal vertrauten Umfeld herausgerissen werden sollten. Dabei ist  aus  entwicklungspsychologischer  Sicht  nicht  nur  das  unmittelbare  persönliche  Umfeld  des  Kindes  (d.h.  dessen  Kernfamilie)  zu  berücksichtigen,  sondern  auch  dessen  übrige  soziale  Einbettung.  Die  Verwurzelung in der Schweiz kann eine reziproke Wirkung auf die Frage  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  haben,  indem  eine  starke  Assimilierung  in  der  Schweiz  mithin  eine  Entwurzelung  im  Heimatstaat  zur Folge haben kann, welche unter Umständen die Rückkehr dorthin als  unzumutbar  erscheinen  lässt  (BVGE  2009/51  E. 5.6  mit  weiteren  Hinweisen).  Die Beschwerdeführenden haben drei Kinder, wobei das jüngste erst (…)  Jahre  alt  und  damit  noch  vollständig  an  die  Eltern  gebunden  ist.  C._______,  geboren  am  (…),  war  im  Zeitpunkt  der  Einreise  in  die  Schweiz (…) Jahre alt. Sie besuchte im Kosovo die Schule bis zur fünften  Klasse  und  setzte  den  Schulbesuch  in  der  Schweiz  fort.  Im  jetzigen  Zeitpunkt  ist  sie  (…)  Jahre  alt.  D._______,  geboren  am  (…)  war  im  Ausreisezeitpunkt  (…)  Jahre  alt  und  besuchte  im  Kosovo  den  Kindergarten  beziehungsweise  stand  kurz  vor  der  Einschulung  (vgl.  A12/16 S. 3); derzeit  ist er  (…) Jahre alt und besucht die Primarschule.  Nach  dem  über  vier  Jahre  dauernden  Aufenthalt  in  der  Schweiz  ist  aufgrund  des  Fehlens  anderer  Hinweise  davon  auszugehen,  dass  sich  beide Kinder  in das schweizerische Schul­ und soziale System integriert  haben. Dem am 2. Februar 2010 eingereichten ärztlichen Bericht von Dr.  med.  H._______  (Oberarzt  an  der  Kinder­  und  Jugendpsychiatrischen  Poliklinik  der  Universität  Bern)  (act.  7)  ist  u.a.  zu  entnehmen,  dass  C._______  in  der  Schule  als  aufgewecktes,  manchmal  fröhliches  und  sehr  lernmotiviertes  Kind  erlebt  werde.  Sie  habe  Freunde,  gehe  mit  Kolleginnen  aus  und  habe  ihr  erstes  Liebeserlebnis  hinter  sich.  Beide  Kinder  haben  Lebensabschnitte  in  der  Schweiz  verbracht,  die  ihre  Persönlichkeit nachhaltig geprägt haben dürften. Gerade der Besuch der  Schule über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg, die natürliche  Interaktion  mit  Klassenkammeradinnen  und  ­kameraden  sowie  das  sukzessive Erlernen der deutschen Sprache dürfte bei den Kindern eine 

E­7663/2007 weitreichende  Anpassung  an  die  schweizerische  Lebensweise  bewirkt  haben,  so  dass  eine  abrupte  Trennung  vom  gewohnten  Umfeld  sich  zwangsläufig  stark  negativ  auf  die  individuelle  Entwicklung  auswirken  würde. Insbesondere bei D._______ erscheint zudem fraglich, ob er über  die – namentlich schriftlichen – Kenntnisse seiner Muttersprache verfügt,  die  für  eine  erfolgreiche  Eingliederung  ins  Schulsystem  des  Kosovo  vorauszusetzen  wäre.  C._______,  die  die  prägenden  Jahre  zwischen  Kindheit und Adoleszenz – und damit dem Beginn der Ablösung von ihren  Eltern  –  in  der  Schweiz  verbracht  hat,  dürfte  dagegen  kurz  vor  einer  beruflichen  oder  weiterführenden  schulischen  Ausbildung  und  damit  an  einem wichtigen Wendepunkt stehen. Es besteht bei dieser Sachlage für  C._______  und  D._______  die  erhebliche  Gefahr,  dass  die  mit  einem  Vollzug  der  Wegweisung  verbundene  Entwurzelung  aus  dem  gewachsenen  sozialen  Umfeld  in  der  Schweiz  einerseits  und  die  sich  gleichzeitig  abzeichnende  Problematik  einer  Reintegration  in  die  ihnen  mittlerweile  fremde  Kultur  und  Umgebung  andererseits  zu  starken  Belastungen  ihrer  kindlichen beziehungsweise  jugendlichen Entwicklung  führen  würden,  die  mit  dem  Schutzanliegen  des  Kindeswohls  nicht  vereinbar  wären  (vgl.  EMARK 2005  Nr.  6  E.  7.1  sowie  das  Urteil  D­ 4571/2006  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  1.  Februar  2010  E. 7.2.2.2). 10.3.2.  In  Bezug  auf  die  Beurteilung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  ist  im  vorliegenden  Falle  neben  den  Beeinträchtigungen  des  Kindeswohls  auch  der  psychische  Gesundheitszustand  der  Beschwerdeführenden  zu  beachten.  Dabei  ist  darauf hinzuweisen, dass aufgrund einer medizinischen Notlage nur dann  auf  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  geschlossen  werden  kann,  wenn  eine  notwendige  medizinische  Behandlung  im  Heimatland  nicht  zur  Verfügung  steht  und  die  Rückkehr  zu  einer  raschen  und  lebensgefährdenden  Beeinträchtigung  des  Gesundheitszustands  der  betroffenen  Person  führt.  Dabei  wird  als  wesentlich  die  allgemeine  und  dringende  medizinische  Behandlung  erachtet,  die  zur  Gewährleistung  einer menschenwürdigen Existenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit  liegt  jedenfalls  noch  nicht  vor,  wenn  im  Heimatstaat  eine  nicht  dem  schweizerischen  Standard  entsprechende  medizinische  Behandlung  möglich ist (vgl. BVGE 2009/2, EMARK 2003 Nr. 24 E. 5a und b).  Dem erwähnten Arztbericht  vom 2. Februar  2010 betreffend C._______  ist  zu  entnehmen,  dass  bei  dieser  eine  posttraumatische  Belastungsstörung  (PTBS;  ICD­10  F43.1)  sowie  –  vermutlich  im 

E­7663/2007 Zusammenhang  mit  der  PTBS  –  Kopfschmerzen  und  Nabelkolliken  diagnostiziert  wurden,  wobei  die  Probleme  beim  Eintritt  in  die  psychiatrische Behandlung  so  schwer  gewesen  seien,  dass  der weitere  Besuch der Schule  bedroht  gewesen  sei. Die Traumatisierungen hätten  mit Todesängsten  zu  tun  sowie mit  der Befürchtung,  dass  sie oder  ihre  Eltern durch Blutrache seitens der Familie väterlicherseits getötet werden  könnten.  C._______  sei  in  der  Folge  seit  September  2008  psychopharmakologisch  behandelt  worden  und  habe  eine  kognitive  Verhaltenstherapie  gemacht,  wobei  die  Behandlungsbemühungen  (erst)  auf entscheidende Art und Weise greifen konnten, als  ihr Vater  ihr habe  versichern können, dass sie nie mehr  in den Kosovo zurück müsse. Mit  Eingabe  vom  16.  August  2011  (vgl.  act.  20)  reichten  die  Beschwerdeführenden  einen  Arztbericht  gleichen  Datums  von  Dr.  med.  H._______ bezüglich des aktuellen Gesundheitszustands von C._______  ein.  In  jenem  wird  bestätigt,  dass  sie  unter  einer  PTBS  gelitten  habe,  welche  therapiefähig war beziehungsweise  ist. Die mittlerweile  erreichte  Stabilität der Situation erlaube es, mit der Frequenz der therapeutischen  Sitzungen  deutlich  zurückzugehen.  Die  wichtigste  Bedingung  für  die  seelische  Gesundheit  von  C._______  bestehe  indes  in  der  Sicherheit,  nicht mehr  in das traumatisierende Umfeld zurückkehren zu müssen. Es  sei  durchaus  anzunehmen,  dass  eine  Retraumatisierung  durch  die  Rückkehr  nicht  nur  zu  einem  Rückfall  führen  würde,  sondern  auch  die  Gefahr  einer  dauernden  psychischen  Schädigung  mit  chronischer  psychischen Invalidisierung nach ziehen könne. Gemäss dem die Beschwerdeführerin betreffenden Bericht der UPD vom  3.  Februar  2010  (vgl.  act.  8),  verfasst  von  lic.  phil.  I._______  (Psychologin) und Dr. med. J._______ (Oberarzt an der Universitätsklinik  und  Poliklinik  für  Psychiatrie  Bern),  leidet  diese  an  mittelgradig  depressiven  Episoden  mit  somatischem  Syndrom  (ICD­10  F32.11)  und  ebenfalls  an  einer  PTBS.  Seit  Februar  2009  befinde  sie  sich  in  ambulanter psychiatrisch­psychotherapeutischer Behandlung und nehme  zudem  an  einer  therapeutischen  Bewegungsgruppe  für  traumatisierte  Frauen  teil.  Durch  die  Behandlung  habe  die  depressive  Symptomatik  leicht  verbessert werden  können. Suizidale Handlungsabsichten würden  im  Moment  nicht  bestehen;  eine  psychotherapeutische  und  medikamentöse Weiterbehandlung  sei  jedoch dringend notwendig. Dem  Bericht  lässt  sich  entnehmen,  dass  auch  der  Beschwerdeführer  zur  psychiatrischen  Behandlung  an  die  UPD  überwiesen  worden  sei.  Mit  Eingabe vom 19. August 2011 reichten die Beschwerdeführenden weitere  sie  betreffende  Arztberichte  derselben  Fachpersonen  ein.  Diese 

E­7663/2007 bestätigten  in  ihrem Bericht über die Beschwerdeführerin die genannten  Diagnosen  und  führten  aus,  diese  leide  nach  wie  vor  unter  den  Symptomen  der  Depression  und  der  PTBS,  welche  unter  der  antidepressiven  Medikation  und  der  fortgesetzten  Psychotherapie  allerdings  weiter  zurückgegangen  seien.  Eine  weitere  psychotherapeutische  und  medikamentöse  Weiterbehandlung  sei  notwendig,  um die  bis  anhin  erreichte Stabilisierung  aufrechtzuerhalten.  Beim  Beschwerdeführer  wurde  aufgrund  einer  anhaltenden  psychosozialen  Belastungssituation  –  dem  Familienkonflikt  im  Kosovo  und  der  unsicheren  Asylsituation  in  der  Schweiz  –  eine  mittelgradige  depressive  Episode  ohne  somatisches  Syndrom  (ICD­10  F32.10)  bei  psychosozialer chronischer Belastungssituation diagnostiziert. Er befinde  sich  seit  dem  4.  März  2010  in  ambulanter  psychiatrisch­ psychotherapeutischer  Behandlung.  Mit  der  Installation  einer  antidepressiven  Medikation  und  dem  Aufbau  einer  Tagesstruktur  habe  eine  gewisse  psychische  Stabilisierung  erreicht  werden  können;  die  Symptome der Depression hätten sich  leicht  reduziert. Eine Fortsetzung  der Behandlung sei indiziert.  Aus  den  erwähnten  Berichten  ergibt  sich,  dass  die  erlebte  familiäre  Situation  im  Kosovo  –  wenn  auch  nicht  asylrelevant  –  so  doch  traumatisierend gewesen zu sein scheint. Es  ist anzunehmen, dass sich  die  psychischen  Probleme  durch  den  bisherigen  Aufenthalt  und  die  Behandlung  in  der  Schweiz  sowohl  bei  den  Beschwerdeführenden  als  auch bei ihrer Tochter stabilisiert haben, es jedoch bei einer Rückkehr in  den  Kosovo  zu  ernstzunehmenden  Rückfällen  –  insbesondere  bei  C._______ – kommen würde.  10.4. Die  psychische  Erkrankung  der  Beschwerdeführenden  lässt  zwar  nicht auf eine konkrete Gefährdung aufgrund einer medizinischen Notlage  schliessen, die im Kosovo nicht behandelbar wäre. Indessen gelangt das  Bundesverwaltungsgericht im Rahmen einer Gesamtwürdigung und unter  Berücksichtigung des Kindeswohls, des Risikos von Retraumatisierungen  – insbesondere bei der Tochter – sowie des Grundsatzes der Einheit der  Familie  (vgl.  Art.  44  Abs.  1  AsylG)  zum  Schluss,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung der Beschwerdeführenden zum heutigen Zeitpunkt als nicht  zumutbar  zu  erachten  ist.  Die  Voraussetzungen  für  die Gewährung  der  vorläufigen  Aufnahme  sind  damit  erfüllt,  zumal  ihr  vorliegend  keine  einschränkenden  gesetzlichen  Tatbestände  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 7 AuG).

E­7663/2007 11.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt.  Die  Beschwerde  ist  demnach  teilweise  gutzuheissen, die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der Verfügung des BFM  vom 15. Oktober 2007 sind aufzuheben und das BFM ist anzuweisen, die  Beschwerdeführenden  infolge  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen  (vgl.  Art. 44 Abs. 2 AsylG und Art. 83 AuG).

E­7663/2007 12.  12.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist vom hälftigen Obsiegen der  Beschwerdeführenden  auszugehen.  Von  ihnen  sind  deshalb  in  Anwendung von Art. 63 Abs. 1 VwVG und Art. 1­3 des Reglements vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR  173.320.2)  reduzierte  Verfahrenskosten  in der Höhe von Fr. 300.­­ zu erheben. Diese sind mit  dem am 28. Dezember 2007 geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 600.­­  zu  verrechnen.  Dementsprechend  sind  den  Beschwerdeführenden  Fr.  300.­­ zurückzuerstatten.  12.2.  Da  die  Beschwerdeführenden  im  Beschwerdeverfahren  keine  Rechtsvertretung  mandatiert  haben  und  sich  aus  den  Akten  keine  Hinweise  darauf  ergeben,  dass  ihnen  selber  durch  die  Beschwerdeführung verhältnismässig hohe Kosten  im Sinne von Art. 64  Abs.  1  VwVG  erwachsen  wären,  ist  ihnen  trotz  ihres  teilweisen  Obsiegens keine Parteientschädigung auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

E­7663/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  soweit  beantragt  wird,  es  sei  die  Unzumutbarkeit  des Wegweisungsvollzuges  festzustellen  und  das  BFM  sei  anzuweisen,  für  die  Beschwerdeführenden  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen. Im Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen.  2.  Die Dispositivziffern  4  und  5  der  Verfügung  des  BFM  vom  15. Oktober  2007  werden  aufgehoben  und  das  BFM  wird  angewiesen,  die  Beschwerdeführenden wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs  vorläufig aufzunehmen. 3.  Den  Beschwerdeführenden  werden  reduzierte  Verfahrenskosten  von  Fr. 300.­­  auferlegt  und  mit  dem  am  28.  Dezember  2007  geleisteten  Kostenvorschuss  von  Fr.  600.­­  verrechnet.  Fr.  300.­­  werden  den  Beschwerdeführenden  durch  das  Bundesverwaltungsgericht  zurückerstattet. 4.  Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Patricia Petermann Loewe Versand:

E-7663/2007 — Bundesverwaltungsgericht 13.09.2011 E-7663/2007 — Swissrulings