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Bundesverwaltungsgericht 03.11.2011 E-7396/2010

3 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·823 mots·~4 min·4

Résumé

Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung | Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 17. August 2010

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­7396/2010 Urteil   v om   3 .   No v embe r   2011 Besetzung Einzelrichterin Muriel Beck Kadima, mit Zustimmung von Richter Kurt Gysi;   Gerichtsschreiberin Alexandra Püntener. Parteien A._______, Kolumbien,  Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung,  Verfügung des BFM vom 17. August 2010 / N (…).

E­7396/2010 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass  die  Beschwerdeführerin  mit  spanischsprachiger  –  vom  6.  Februar  2009 datierter – Eingabe an die Schweizerische Botschaft  in Kolumbien  (Eingang Botschaft: 9. Februar 2009) um Asyl in der Schweiz ersuchte, dass  sie  dabei  mehrere  Beweismittel  in  spanischer  Sprache  in  Kopie  einreichte, dass  die  Schweizerische  Botschaft  mit  Eingabe  vom  15.  Juli  2009  die  Beschwerdeführerin  in  spanischer  Sprache  zu  einer  Stellungnahme  einlud, dass  die  Beschwerdeführerin  am  24.  Juli  2009  eine  spanischsprachige  Ergänzung (Eingang Botschaft: 3. August 2009) einreichte, dass  die  Schweizerische  Botschaft  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin mit Begleitnotiz vom 14. September 2009 dem BFM  zustellte und darauf hinwies, eine Befragung sei aus Kapazitätsgründen  nicht möglich, dass  das  BFM  der  Beschwerdeführerin  durch  Vermittlung  der  Schweizerischen Botschaft mit Schreiben vom 15. Februar 2010 mitteilte,  es  erachte  den  entscheidrelevanten  Sachverhalt  aufgrund  der  schriftlichen  Begründung  des  Asylgesuchs  sowie  der  beigelegten  ausführlichen  Dokumenta­tion  als  erstellt,  weshalb  sich  eine  Anhörung  auf der Botschaft als nicht notwendig erweise, dass es unter Berücksichtigung der Akten, der zu beachtenden Umstände  (Beziehungsnähe  der  asylsuchenden  Person  zur  Schweiz,  deren  Assimilationsmöglichkeiten  in  der  Schweiz,  die  aktuelle  Gefährdung  im  Heimatstaat,  die  Möglichkeit  der  Schutzsuche  in  einem  anderen  Staat  und  das  öffentliche  Interesse  der Schweiz)  und  des  ihm  zukommenden  weiten  Ermessensspielraums  erwäge,  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin  abzulehnen  und  die  Einreise  in  die  Schweiz  zu  verweigern, dass  es  die  Möglichkeit  einer  anderweitigen  Schutzsuche  als  gegeben  erachte, dass  es  der  Beschwerdeführerin  gleichzeitig  eine  30­tägige  Frist  zur  Einreichung einer schriftlichen Stellungnahme ansetzte,

E­7396/2010 dass die Schweizerische Botschaft mit Schreiben vom 7. April 2010 dem  BFM  mitteilte,  die  Beschwerdeführerin  habe  die  Frist  ungenutzt  verstreichen lassen, dass  das  BFM  mit  Verfügung  vom  17.  August  2010  die  Einreise  der  Beschwerdeführerin  in  die  Schweiz  verweigerte  und  das  Asylgesuch  ablehnte, dass  dieser  Entscheid  der  Beschwerdeführerin  am  2.  September  2010  per Post eröffnet wurde, dass  die  Beschwerdeführerin  mit  bei  der  Schweizerischen  Botschaft  eingereichter  spanischsprachiger  Eingabe  vom  27.  September  2010  (Eingang Botschaft: 28. September 2010) gegen die Verfügung des BFM  vom  17.  August  2010  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erhob, dass  die  Beschwerdeschrift  –  zusammen  mit  einem  Empfangsschein  (acuso  de  recibo),  zwei  Belegen  der  kolumbianischen  Post  sowie  dem  Überweisungsschreiben  der  Schweizerischen  Botschaft  vom  6. Oktober  2010 – am 15. Oktober 2010 beim Bundesverwaltungsgericht einging, und erwägt, dass das Bundesverwaltungsgericht endgültig über Beschwerden gegen  Verfügungen  (Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über  das Verwaltungsverfahren [VwVG, SR 172.021]) des BFM im Asylbereich  entscheidet  (Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  31­33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  [VGG, SR 173.32]; Art.  83 Bst.  d Ziff.  1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17.  Juni 2005  [BGG,  SR  173.110]),  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art.  105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG), dass  sich  das  Verfahren  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG  richtet, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art.  6 AsylG), dass  die  Beschwerdeführerin  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders berührt ist, ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung 

E­7396/2010 beziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert ist (Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass auf die  frist­ und  formgerecht eingereichte Beschwerde einzutreten  ist (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 VwVG), dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass  über  offensichtlich  begründete  Beschwerden  in  einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG), und es  sich  vorliegend,  wie  nachfolgend  aufgezeigt,  um  eine  solche  handelt,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen  ist  (Art. 111a Abs. 2 AsylG), dass  gestützt  auf  Art.  111a  Abs.  1  AsylG  vorliegend  auf  einen  Schriftenwechsel verzichtet wurde, dass gemäss Art. 19 Abs. 1 AsylG ein Asylgesuch  im Ausland bei einer  schweizerischen  Vertretung  gestellt  werden  kann,  welches  mit  einem  Bericht an das Bundesamt überwiesen wird (Art. 20 Abs. 1 AsylG),  dass die schweizerische Vertretung mit der asylsuchenden Person in der  Regel eine Befragung durchführt (Art. 10 Abs. 1 AsylV 1) und, wenn dies  nicht  möglich  ist,  die  asylsuchende  Person  von  der  Vertretung  aufgefordert wird,  ihre Asylgründe schriftlich  festzuhalten  (Art. 10 Abs. 2  AsylV 1),  dass  die  schweizerische  Vertretung  dem  Bundesamt  das  Befragungsprotokoll  oder  ein  schriftliches  Asylgesuch  sowie  weitere  zweckdienliche Unterlagen und einen ergänzenden Bericht überweist, der  ihre Beurteilung des Asylgesuches enthält (Art. 10 Abs. 3 AsylV 1), dass  das  Bundesamt  ein  im  Ausland  gestelltes  Asylgesuch  ablehnen  kann, wenn die asylsuchende Person keine Verfolgung glaubhaft macht  oder  ihr  die Aufnahme  in  einem Drittstaat  zugemutet werden  kann  (vgl.  Art. 3, Art. 7 und Art. 52 Abs. 2 AsylG), dass  gemäss  Art.  20  Abs.  2  AsylG  das  Bundesamt  der  asylsuchenden  Person die Einreise zur Abklärung des Sachverhaltes bewilligt, wenn  ihr 

E­7396/2010 nicht  zugemutet  werden  kann,  im  Wohnsitz­  oder  Aufenthaltsstaat  zu  bleiben oder in ein anderes Land auszureisen, dass  gestützt  auf Art.  20 Abs.  3 AsylG  das Eidgenössische  Justiz­  und  Polizeidepartement  (EJPD)  die  schweizerischen  Vertretungen  ermächtigen  kann,  einer  asylsuchenden  Person  die  Einreise  zu  bewilligen,  die  glaubhaft macht,  dass  eine  unmittelbare Gefahr  für  Leib  und  Leben  oder  für  die  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG bestehe, dass  im Auslandverfahren  gemäss Praxis  eine  asylsuchende Person  in  der Regel somit zu befragen ist und davon nur abgewichen werden kann,  wenn  eine  Befragung  faktisch  oder  aus  organisatorischen  oder  kapazitätsmässigen Gründen unmöglich ist, dass,  falls  die  Befragung  nicht  durchgeführt  werden  kann,  die  asylsuchende  Person  –  soweit  möglich  und  notwendig  –  mittels  eines  individualisierten  und  konkretisierten  Schreibens  aufgefordert  werden  muss, ihre Gründe für das Asylgesuch schriftlich darzulegen, und auf die  allfällige Konsequenz eines negativen Entscheids infolge Verletzung ihrer  Mitwirkungspflicht aufmerksam zu machen ist, dass,  falls  der  Sachverhalt  bereits  aufgrund  des  eingereichten  Asylgesuchs  erstellt  ist,  sich  eine  persönliche  Befragung  ebenfalls  erübrigen  kann,  jedoch  bei  einem  sich  abzeichnenden  negativen  Entscheid der asylsuchenden Person diesbezüglich das rechtliche Gehör  zu gewähren  ist und das Bundesamt gehalten  ist, den Verzicht auf eine  Befragung  im  Ausland  in  der  Verfügung  zu  begründen  (vgl.  BVGE  2007/30 E. 5), dass im vorliegenden Fall keine Befragung der Beschwerdeführerin durch  die Botschaft stattfand,  jedoch mit Schreiben vom 15. Februar 2010 das  rechtliche Gehör zum beabsichtigten negativen Entscheid gewährt wurde,  dass  die  Vorakten  –  bis  auf  das  Überweisungsschreiben  der  Schweizerischen Botschaft vom 14. September 2009, das Schreiben des  BFM  vom  15.  Februar  2010  und  die  angefochtene  Verfügung –  ausschliesslich  in  spanischer  Sprache  vorliegen  und  das  BFM  die  entscheidrelevanten Akten nicht in eine Amtssprache übersetzen liess,  dass  die  vorinstanzlichen  Akten  ausserdem  weder  paginiert  noch  in  einem Aktenverzeichnis aufgelistet wurden,  

E­7396/2010 dass  vorliegend  nicht  abschliessend  beurteilt  werden  kann,  ob  eine  Befragung der Beschwerdeführerin durch die Botschaft möglich gewesen  respektive eine Abweichung von der Regel gerechtfertigt gewesen ist, da  in  der  angefochtenen  Verfügung  (wie  auch  im  vorgängig  gewährten  rechtlichen Gehör)  lediglich  darauf  hingewiesen wurde,  der  Sachverhalt  sei  gestützt  auf  die  vorhandene  Aktenlage  abschliessend  beurteilbar,  weshalb sich sinngemäss eine direkte Anhörung der Beschwerdeführerin  zu ihren Asylgründen erübrige,  dass  das  Bundesamt  jedoch  gehalten  ist,  das  Absehen  von  einer  Befragung  in  seinem  Entscheid  substanziiert  zu  begründen  (vgl.  dazu  auch BVGE 2007/30 E. 5), dass  sich  nicht  nachvollziehen  lässt,  wie  und  aufgrund  welcher  Überlegungen  das  BFM  sich  in  diesem  fast  ausschliesslich  spanischsprachigen Dossier  seine Meinung  hat  bilden  können  und  sich  aus  den  Eingaben  in  den  Vorakten,  die  nicht  in  eine  Amtssprache  übersetzt vorliegen, für eine des Spanischen nicht mächtigen Person die  entscheidrelevanten Informationen nicht entnehmen lassen,  dass  aufgrund  der  Mitwirkungspflicht  der  Parteien  das  BFM  von  Asylsuchenden  verlangen  kann,  für  die  Übersetzung  ihrer  fremdsprachigen Dokumente besorgt zu sein (Art. 8 Abs. 2 AsylG), dass  das  BFM  bei  Verzicht  hierauf  im  Rahmen  einer  gehörigen  Dossierführung  jedenfalls  jene  Schriftstücke  –  zumindest  in  summarischer Weise – von Amtes wegen zu übersetzen hat, die  für die  Beurteilung der Sach­ und Rechtslage von Bedeutung sind,  dass  demnach  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  als  nicht  genügend  abgeklärt zu gelten hat, zumal es nicht Aufgabe der Rechtsmittelinstanz  ist, sich vorab um die Übersetzung vorinstanzlicher Akten zu kümmern, dass  die  obigen  Ausführungen  und  Schlussfolgerungen  indessen  nicht  dazu  führen,  dass  der  Beschwerdeführerin  die  Einreise  in  die  Schweiz  bereits deshalb zu bewilligen wäre,  dass angesichts der Aktenlage – auch mangels Kenntnis des Inhalts der  eingereichten Beweismittel – nicht genügend konkrete Anhaltspunkte  für  die  Annahme  bestehen,  der  Beschwerdeführerin  wäre  ein  Verbleib  in  Kolumbien  für  die  Dauer  der  weiteren,  noch  erforderlichen  Verfahrenshandlungen nicht zumutbar im Sinne von Art. 20 Abs. 2 AsylG,

E­7396/2010 dass  nach  dem  Gesagten  die  Beschwerde  im  Sinne  der  Erwägungen  gutzuheissen,  die  vorinstanzliche  Verfügung  vom  17. August  2010  aufzuheben  und  das  BFM  anzuweisen  ist,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  vollständig  festzustellen,  die  Eingaben  der  Beschwerdeführerin  sowie  die  sachverhaltsrelevanten  Dokumente  zu  übersetzen  oder  übersetzen  zu  lassen  und  in  der  Sache  neu  zu  entscheiden, dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  keine  Kosten  aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG) sind, dass  sich  die  Beschwerdeführerin  für  das  Verfahren  nicht  hat  vertreten  lassen, ihr folglich keine Kosten erwachsen sind und aus den Akten auch  keine weiteren zu entschädigende Auslagen hervorgehen,  dass  ihr daher  keine Parteientschädigung zuzusprechen  ist  (vgl. Art.  64  Abs. 1 VwVG sowie Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite)

E­7396/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen. 2.  Die Verfügung des BFM vom 17. August 2010 wird aufgehoben und die  Vorinstanz  angewiesen,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  vollständig  festzustellen und in der Sache neu zu entscheiden. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  Schweizerische Vertretung in Bogotá. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Alexandra Püntener Versand:

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