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Bundesverwaltungsgericht 15.08.2011 E-6790/2007

15 août 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,789 mots·~9 min·2

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 6. September 2007

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­6790/2007 Urteil   v om   1 5 .   Augus t   2011   Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Hans  Schürch, Richterin Muriel Beck Kadima,    Gerichtsschreiber Tobias Meyer. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea,   vertreten durch Christian Hoffs, Jurist,   Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende  St. Gallen/Appenzell, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom  6. September 2007 / N (…).

E­6790/2007 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer, der aus Eritrea stammt, der Ethnie der B._______  angehört  und  Muslim  ist,  desertierte  gemäss  eigenen  Angaben  am  15. Januar 2006 aus dem Militärdienst und  flüchtete  in den Sudan. Von  dort  gelangte  er  ebenfalls  nach  eigenen  Angaben  nach  einem  dreimonatigen  Aufenthalt  nach  Libyen  und  nach  weiteren  drei  Monaten  über Italien  in die Schweiz. Am 22. August 2006 stellte er  im Empfangs­  und Verfahrenszentrum (EVZ) Chiasso ein Asylgesuch. B.  Der Beschwerdeführer wurde am 8. September 2006 im EVZ Chiasso zur  Person  befragt  und  am  3. Februar  2007  in  St. Gallen  zu  seinen  Asylgründen  angehört.  Dabei  bracht  er  im Wesentlichen  vor,  er  sei  am  15. März  1997  in  den  Militärdienst  eingezogen  worden.  Nach  den  offiziellen  18  Monaten  Militärdienst  sei  er  nicht  entlassen  worden,  sondern  habe weiter  Dienst  leisten müssen.  Vom  10. Februar  2002  bis  am  15. Januar  2005  sei  er  ohne  Gerichtsurteil  in  einem  unterirdischen  Gefängnis unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten worden, weil  er  sich  unerlaubt  von  der  Truppe  entfernt  habe,  um  seine  Familie  zu  besuchen.  Nach  seiner  Entlassung  aus  der  Haft  und  der  Rückkehr  zu  seiner Truppe habe er für einen Tag Urlaub erhalten, um einen Kollegen  zu besuchen, mit dem er schwimmen gegangen sei. Dabei seien sie von  Sicherheitsleuten  angehalten worden,  die  ihnen  vorgeworfen  hätten,  sie  seien  auf  der  Flucht  nach Äthiopien.  Anschliessend  sei  er  sieben  Tage  auf  zwei  verschiedenen  Büros  des  Sicherheitsdienstes  eingesperrt  gewesen.  Am  15. Januar  2006  sei  er  aus  dem  zweiten  Büro  geflüchtet  und  in den Sudan gelangt. Die Flucht sei  ihm gelungen, als er aus dem  Gefängnis  gekommen  sei,  um  auf  die  Toilette  zu  gehen.  Er  habe  sich  hinter  den  Bäumen  versteckt  und  nachdem  er  festgestellt  habe,  dass  keine Gefahr mehr bestanden habe, sei er in den Sudan gegangen. C.  Mit  Verfügung  vom  6. September  2007  –  dem  Beschwerdeführer  am  7. September 2007 eröffnet – stellte das BFM fest, der Beschwerdeführer  erfülle  die Flüchtlingseigenschaft  nicht,  lehnte  sein Asylgesuch ab, wies  ihn  aus  der  Schweiz  weg  und  beauftragte  den  zuständigen  Kanton mit  dem Vollzug der Wegweisung. Zur  Begründung  führte  das  BFM  an,  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  seien  widersprüchlich,  wichen  von  den  allgemeinen 

E­6790/2007 Erfahrung ab, seien in wesentlichen Punkten nicht hinreichend begründet  und teilweise tatsachenwidrig. Deshalb entbehrten die Vorbringen in ihrer  Gesamtheit  der  Glaubhaftigkeit  und  deren  Asylrelevanz  müsse  nicht  geprüft  werden.  Der  Beschwerdeführer  habe  insbesondere  nicht  glaubhaft  machen  können,  er  sei  aus  der  Armee  geflüchtet  oder  habe  sich einem drohenden militärischen Aufgebot durch Flucht entzogen. Dar  er seine Mitwirkungspflicht verletzt habe, sei es dem BFM nicht möglich,  den Sachverhalt weitergehend abzuklären. Der Vollzug der Wegweisung  sei zulässig, zumutbar und möglich. D.  Mit  Eingabe  vom  8. Oktober  2007  (Vorabzustellung  per  Fax)  erhob  der  Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  gegen  die  Verfügung  des  BFM  vom  5. September  2007  und  beantragte,  die  Verfügung  sei  aufzuheben,  es  sei  seine  Flüchtlingseigenschaft  anzuerkennen  und  ihm  sei  Asyl  zu  gewähren.  In  prozessualer  Hinsicht  beantragte er unentgeltliche Rechtspflege. Neben  ausführlichen  Ausführungen  zur  allgemeinen  Lage  in  Eritrea  betreffend Militärdienst brachte der Beschwerdeführer  in seiner Eingabe  vor,  das  BFM  habe  es  unterlassen,  seine  Entscheidung  auf  ihre  Realisierungswahrscheinlichkeit  zu  überprüfen,  und  es  habe  die  Faktenlage  bezüglich  des  Militärdienstes  in  Eritrea  nicht  pflichtgemäss  berücksichtigt. Die vom BFM aufgeführten Widersprüche seien  teilweise  irrelevant,  teilweise  im Gegenteil ergänzende Ausführungen und würden  deshalb seine Glaubhaftigkeit nicht beeinträchtigen. E.  Mit  Verfügung  vom  12. Oktober  2007  verschob  die  zuständige  Instruktionsrichterin  des  Bundesverwaltungsgerichtes  die  Behandlung  des Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege auf einen  späteren  Zeitpunkt,  verzichtete  auf  einen  Kostenvorschuss,  stellte  dem  Beschwerdeführer  antragsgemäss  eine  Kopie  seines  Militärausweises   und der Übersetzung zu und lud die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein. Mit  Vernehmlassung  vom  23. Oktober  2007  nahm  die  Vorinstanz  zur  Beschwerde  Stellung,  beantragte  ihre  Abweisung  und  äusserte  sich  erneut zur Unglaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers.

E­6790/2007 Mit  Eingabe  vom  13. November  2007  nahm  der  Beschwerdeführer  zur  Vernehmlassung der Vorinstanz Stellung. Auf den Inhalt der Eingabe wird  soweit entscheidrelevant in den Erwägungen eingegangen. F.   Mit Eingaben vom 20. November 2007 und 27. November 2008 wurden  weitere  Unterlagen  zu  den  Akten  gereicht.  Am  28.  September  2010  reichte der Rechtsvertreter eine Kostennote zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 48 Abs. 1, Art. 50 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten.

E­6790/2007 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.1.  Im  vorliegenden  Fall  ist  zu  prüfen,  ob  das  BFM  zu  Recht  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers  verneint,  ihm  Asyl  verweigert und den Vollzug der Wegweisung angeordnet hat. 2.2.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). Kein Asyl wird Flüchtlingen gewährt, die erst durch ihre Ausreise aus dem  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  oder  wegen  ihres  Verhaltens  nach  der  Ausreise  Flüchtlinge  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  wurden  (subjektive  Nachfluchtgründe nach Art. 54 AsylG). 2.3.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen  (Art.  7  Abs.  1  AsylG).  Vorbringen sind dann glaubhaft, wenn sie genügend substantiiert, in sich  schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen  erschöpfen  oder  den  Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung  widersprechen und sie dürfen nicht widersprüchlich sein oder der inneren  Logik  entbehren.  Darüber  hinaus  muss  die  asylsuchende  Person  persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall  ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel  abstützt  (Art. 7  Abs. 3  AsylG),  wichtige  Tatsachen  unterdrückt  oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt  oder  unbegründet  nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am  Verfahren zeigt oder die nötige Mitwirkung verweigert. Glaubhaftmachung  bedeutet  –  im  Gegensatz  zum  strikten  Beweis  –  ein  reduziertes  Beweismass und  lässt Raum  für gewisse Einwände und Zweifel an den  Vorbringen  des  Beschwerdeführers.  Eine  Behauptung  gilt  bereits  als  glaubhaft  gemacht,  wenn  das  Gericht  von  ihrer  Wahrheit  nicht  völlig 

E­6790/2007 überzeugt  ist,  sie  aber  überwiegend  für  wahr  hält,  obwohl  nicht  alle  Zweifel  beseitigt  sind.  Für  die  Glaubhaftmachung  reicht  es  demgegenüber  nicht  aus, wenn  der  Inhalt  der Vorbringen  zwar möglich  ist,  aber  in  Würdigung  der  gesamten  Aspekte  wesentliche  und  überwiegende  Umstände  gegen  die  vorgebrachte  Sachverhaltsdarstellung  sprechen.  Entscheidend  ist  im  Sinne  einer  Gesamtwürdigung,  ob  die  Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  sprechen,  überwiegen  oder  nicht;  dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise  abzustellen  (vgl.  die  von  der  ARK  begründete  Rechtsprechung  in  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK] 2005 Nr. 21 E. 6.1 S.  190 f., die vom Bundesverwaltungsgericht weitergeführt wird).  3.  3.1. Das BFM bezeichnet die Vorbringen des Beschwerdeführers  in der  angefochtenen Verfügung als ausgeprägt widersprüchlich, unsubstantiiert  und unstimmig. Widersprüche macht  das BFM  insbesondere  in Bezug auf  die Angaben  des  Beschwerdeführers  zu  seinem  genauen Geburtsdatum  und  ­ort,  zu  seiner  Minderjährigkeit  beim  Einzug  in  den  Militärdienst,  zur  Anzahl  Teilnahmen an Kriegshandlungen und  zur Dauer  seines Aufenthaltes  in  Italien vor der Einreise in die Schweiz aus. Der Beschwerdeführer vermag  diese  Widersprüche  in  seinen  Eingaben  an  das  Bundesverwaltungsgericht  zumindest  teilweise  zu  relativieren  und  bezeichnet  diese  im  Übrigen  als  für  die  Frage  des  Militärdienstes  irrelevant.  Das  Bundesverwaltungsgericht  verzichtet  darauf,  diese  Widersprüche  im  Detail  zu  überprüfen,  da  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführer in den entscheidrelevanten Punkten (Militärdienst über  die  "offizielle"  Dienstzeit  von  18  Monaten  hinaus,  Gefängnisaufenthalt  2002  bis  2005  sowie  Flucht  aus  der  Militärhaft  und  in  den  Sudan)  aufgrund der fehlenden Substantiiertheit und ihrer Unplausibilität – wie zu  zeigen sein wird – unglaubhaft sind. 3.2. Mit Blick auf die von der ARK begründete Rechtsprechung, die vom  Bundesverwaltungsgericht  fortgeführt  wird,  ist  festzuhalten,  dass  Dienstverweigerung  und  Desertion  in  Eritrea  unverhältnismässig  streng  bestraft  werden;  die  Bestrafung  ist  als  politisch  motiviert  einzustufen  (absoluter  Malus).  Demzufolge  sind  Personen,  die  begründete  Furcht  haben,  einer  solchen  Bestrafung  ausgesetzt  zu  sein,  als  Flüchtlinge 

E­6790/2007 anzuerkennen.  Die  Furcht  vor  einer  Bestrafung  wegen  Dienstverweigerung  oder  Desertion  ist  dann  begründet,  wenn  die  betroffene  Person  in  einem  konkreten  Kontakt  zu  den  Militärbehörden  stand.  Ein  solcher  Kontakt  ist  regelmässig  anzunehmen,  wenn  die  betroffene  Person  im  aktiven  Dienst  stand  und  desertierte  (vgl.  dazu  EMARK 2006 Nr. 3). 3.3.  Der  vom  Beschwerdeführer  im  erstinstanzlichen  Verfahren  eingereichte  Militärdienstausweis  bestätigt,  dass  der  Beschwerdeführer  vom (…) bis zum (…) 1998 in der eritreischen Armee Dienst tat. Das BFM  zog in seiner Verfügung in Erwägung, der Beschwerdeführer habe an der  Anhörung  angegeben,  er  habe  den  Dienstausweis  am  Ende  der  sechsmonatigen  Dienstzeit  erhalten,  was  offensichtlich  den  auf  dem  Ausweis  vermerkten Daten widerspricht.  Aus  diesem Widerspruch  kann  jedoch nicht ohne Weiteres gefolgert werden, dass der Ausweis gefälscht  ist,  zumal  der  Beschwerdeführer  während  der  Anhörung mehrmals  von  der "offiziellen Dienstzeit" von 18 Monaten sprach, was mit den Daten auf  dem  Ausweis  übereinstimmt.  Auch  bezeichnete  das  BFM  den  Ausweis  nicht  als  gefälscht  und  unternahm  keine  Schritte,  dessen  Echtheit  zu  überprüfen.  Damit  ist  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  vom (…) 1997 bis zum (…) 1998 Militärdienst leistete. 3.4.  Für  die  Zeit  nach  dem  (…)  1998  konnte  der  Beschwerdeführer  jedoch  keinen  weiteren  Kontakt  zu  den  Militärbehörden  glaubhaft  machen.  Seine  Ausführungen  zu  seinen  Tätigkeiten  während  den  angeblich  neun  Jahren  im  Militärdienst  (1997  bis  2006,  inklusive  drei  Jahre Militärhaft) fallen äusserst oberflächlich und unsubstantiiert aus. So  macht  er  weder  genauere  Ausführungen  zu  seiner  militärischen  Ausbildung, noch zu seinen angeblichen Kampfeinsätzen oder den zivilen  Einsätzen in der Landwirtschaft. Nach mehrmaligem Nachfragen führt er  aus, er sei an einer Waffe gegen Panzer ausgebildet worden – an einer  Art Bombe –, sei bei Kampfeinsätzen  in der ersten Reihe gewesen und  habe  gegen  die  Panzer  geschossen.  In  der  Landwirtschaft  habe  er  geholfen,  die  Ernten  einzubringen  (vgl.  A13/20  S.  9  f.).  Die  Unsubstantiiertheit  dieser  Aussagen  lässt  es  als  äusserst  unglaubhaft  erscheinen, dass der Beschwerdeführer neun Jahre im Militärdienst war.  Auch seine Aussagen zu den drei Jahren, die er nach eigenen Angaben  in einem unterirdischen Gefängnis verbracht hat, bleiben unsubstantiiert.  Er sagt  lediglich aus, es hätten unmenschliche Bedingungen geherrscht  und sie hätten nur einmal auf die Toilette gedurft. Es sei dort sehr heiss 

E­6790/2007 gewesen, sie hätten barfuss laufen müssen und Strassen gebaut (A13/20  S.  11).  Weder  macht  er  Angaben  zum  Tagesablauf,  noch  zu  den  zu  verrichtenden Arbeiten oder seiner Behandlung während der Haft. Zudem  verstrickt  er  sich  in  Widersprüche,  indem  er  einerseits  angibt,  das  Gefängnis habe aus einem einzigen Raum bestanden, und andererseits  einmal  an die Türe eines Mitgefangenen geklopft  haben will  (A13/20 S.  11 bzw. 12). Schliesslich gab er an der Anhörung an, er könne sich nicht  an das Datum seiner Entlassung aus dem Gefängnis erinnern (A13/20 S.  12, 13); in der Befragung zur Person konnte er jedoch den genauen Tag  der Entlassung nennen (…) 2005; vgl. A1/8 S. 4). Es  ist nicht plausibel,  dass eine Person, die  sich drei  Jahre  in einem Gefängnis befand, nicht  ausführlicher  über  die  Bedingungen  ihrer  Haft  berichten  kann.  Es  ist  damit  nicht  glaubhaft,  dass  der  Beschwerdeführer  sich  wie  behauptet  während dreier Jahre in Militärhaft befand. Schliesslich  sind  auch  die  Vorbringen  bezüglich  seiner  angeblichen  Flucht aus dem Militärbüro der Sicherheitsleute sehr unsubstantiiert und  wenig plausibel. Der Beschwerdeführer sagte aus, er sei zusammen mit  den  Wachen  aus  dem  Gefängnis  gekommen,  um  auf  die  Toilette  zu  gehen.  Diese  Gelegenheit  habe  er  genutzt,  um  sich  hinter  Bäumen  zu  verstecken. Anschliessend sei er in den Sudan gegangen (A13/20 S. 12,  16 f.). Dabei kann er nicht schlüssig angeben, wie weit diese Bäume vom  Büro entfernt waren und wieso die Wachen nicht gesehen haben, wie er  sich  versteckte.  Ausserdem  verwechselt  er  das  unterirdische Gefängnis  in einer Antwort mit dem Büro der Sicherheitsleute und verweist in Bezug  auf seine Flucht auf ersteres (Akte A13/20 S. 16 f.). Diese Ausführungen  zu seiner angeblichen Flucht sind in keiner Weise plausibel und sind als  unglaubhaft zu qualifizieren. 3.5.  Zusammenfassend  ist  es  dem  Beschwerdeführer  damit  nicht  gelungen,  für  die  Zeit  nach  seinem  offiziellen Militärdienst,  der  gemäss  seinem Militärausweis  am  (…)  1998  beendet  war,  Kontakte  zum Militär  glaubhaft  zu  machen,  da  seine  diesbezüglichen  Ausführungen  unglaubhaft  sind.  Hinzu  kommt,  dass  nach  den  Erkenntnissen  des  Bundesverwaltungsgerichts  eritreische  Staatsbürger,  die  zwischen  1994  und  1997  zum  Militärdienst  eingezogen  worden  waren,  nach  dem  offiziellen  Dienst  von  18  Monaten  entlassen  wurden,  auch  wenn  sie  später  teilweise  wieder  eingezogen  wurden  (Human  Rights  Watch,  Service  for Life, State Repression and  Indefinite Conscription  in Eritrea,  April  2009,  S.  43).  Der  unbefristete  Militärdienst  begann  erst  mit  dem  Grenzkonflikt  mit  Äthiopien  1998.  Der  Beschwerdeführer  macht  keine 

E­6790/2007 Wiedereinziehung zum Militär geltend, womit wahrscheinlich  ist, dass er  1998 entlassen und anschliessend nicht erneut eingezogen wurde. Es ist  entsprechend davon auszugehen, dass er zum Zeitpunkt seiner Ausreise  aus  Eritrea  (nach  seinen  Angaben  am  15. Januar  2006)  in  keinem  konkreten  Kontakt  zu  den  Militärbehörden  seines  Landes  stand.  Der  Beschwerdeführer  kann  somit  keine  begründete  Furcht  vor  Bestrafung  wegen  Dienstverweigerung  oder  Desertion  bei  einer  Rückkehr  nach  Eritrea geltend machen. 4.  Im  Weiteren  ist  zu  prüfen,  ob  der  Beschwerdeführer  aufgrund  seiner  Ausreise  aus  Eritrea  mit  flüchtlingsrelevanter  Verfolgung  rechnen muss  und damit subjektive Nachfluchtgründe geltend machen kann. 4.1.  Als  subjektive  Nachfluchtgründe  gelten  insbesondere  illegales  Verlassen  des  Heimatlandes  (sogenannte  Republikflucht),  Einreichung  eines Asylgesuches im Ausland oder aus der Sicht der heimatstaatlichen  Behörden  unerwünschte  exilpolitische  Betätigung,  wenn  sie  die  Gefahr  einer  zukünftigen  Verfolgung  begründen.  Personen  mit  subjektiven  Nachfluchtgründen  erhalten  zwar  gemäss  Art.  54  AsylG  kein  Asyl,  werden jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. EMARK 2006  Nr.  1  E.  6.1  S.  10,  mit  weiteren  Hinweisen).  Durch  Republikflucht  zum  Flüchtling  wird,  wer  sich  aufgrund  der  unerlaubten  Ausreise  mit  Sanktionen  seines  Heimatstaates  konfrontiert  sieht,  die  bezüglich  ihrer  Intensität und der politischen Motivation des Staates ernsthafte Nachteile  gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG darstellen. 4.2. Die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts basiert auf der  Einschätzung,  dass  es  Staatsbürgern  Eritreas  nur  mit  einem  gültigen  Reisepass und einem Ausreisevisum möglich ist, ihr Heimatland legal zu  verlassen.  Ausreisevisa  werden  in  der  Praxis  bereits  seit  mehreren  Jahren  nur  noch  unter  sehr  restriktiven  Bedingungen  und  gegen  Bezahlung  hoher  Geldbeträge  an  wenige,  als  loyal  beurteilte  Personen  ausgestellt.  Kinder  ab  elf  Jahren, Männer  bis  zum Alter  von  54  Jahren  und  Frauen  bis  47  Jahre  sind  grundsätzlich  von  der  Visumserteilung  ausgeschlossen. Das eritreische Regime erachtet das  illegale Verlassen  des  Landes  als  Zeichen  politischer  Opposition  gegen  den  Staat.  Die  Grenzschutztruppen  haben  den  Befehl,  Fluchtversuche  von  Personen  ohne  behördliche  Erlaubnis  mit  gezielten  Schüssen  zu  verhindern.  Personen, die politischer Opposition verdächtigt werden, sind willkürlicher  Verhaftung  und  Bestrafung  ausgesetzt.  Offiziell  drohen  Freiheitsstrafen 

E­6790/2007 von bis zu fünf Jahren. Politische Häftlinge erhalten in den meisten Fällen  jedoch  keinen  Prozess,  sondern  werden  auf  unbestimmte  Zeit  unter  unmenschlichen  Bedingungen  festgehalten  und  oft  gefoltert.  Auch  aussergerichtliche Tötungen sind verbreitet (siehe zum Ganzen Urteil des  Bundesverwaltungsgerichts  D­3892/2008  vom  6. April  2010;  zudem  International Crisis Group, Eritrea: The Siege State, 21. September 2010,  S.  11,  Human  Rights  Watch,  Service  for  Life,  State  Repression  and  Indefinite Conscription  in Eritrea, April  2009, S. 26 ff.  und Tronvoll Kjetil  [The Oslo Center for Peace and Human Rights], The Lasting Struggle for  Freedom in Eritrea, 2009, S. 99 ff.). 4.3. Die Ausführungen zu den Schwierigkeiten, Eritrea legal zu verlassen,  zeigen,  dass  faktisch  ausgeschlossen  werden  kann,  dass  der  Beschwerdeführer  sein  Heimatland  legal  verlassen  hat.  Damit  ist  es  insgesamt glaubhaft, dass der Beschwerdeführer sein Heimatland  illegal  verlassen  hat,  auch  wenn  der  Zeitpunkt  und  die  konkreten  Umständen  der  Flucht  unklar  sind  und  er  sich  eventuell  schon  länger  in  Europa  befindet.  Er  hat  somit  begründete  Furcht,  bei  einer  Rückkehr  in  sein  Heimatland erheblichen Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt  zu sein und erfüllt die Flüchtlingseigenschaft.  4.4.  Das  BFM  hat  damit  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers  zu  Unrecht  verneint.  Da  die  drohenden  erheblichen  Nachteile allerdings auf die illegale Ausreise des Beschwerdeführers aus  seinem  Heimatland  zurückzuführen  sind,  liegt  ein  subjektiver  Nachfluchtgrund vor und es ist ihm in Anwendung von Art. 54 AsylG kein  Asyl  zu  gewähren.  Das  BFM  hat  das  Asylgesuch  damit  zu  Recht  abgewiesen. 5.  Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den  Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie  (Art. 44  Abs. 1  AsylG).  Da  der  Beschwerdeführer  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen  verfügt,  wurde  die  Wegweisung  zu  Recht  angeordnet  (Art. 44 Abs. 1 AsylG; Entscheidungen und Mitteilungen der  Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 6. 

E­6790/2007 6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 6.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG). So darf  keine Person  in  irgendeiner Form zur Ausreise  in  ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit  aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet  ist oder in dem sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG  und  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). 6.3.  Der  Beschwerdeführer  erfüllt  die  Flüchtlingseigenschaft.  Er  darf  damit aufgrund des flüchtlingsrechtlichen Refoulementverbots nach Art. 5  Abs. 1 AsylG und Art. 33 Abs. 1 FK nicht zur Ausreise in sein Heimatland  gezwungen werden. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich daher als  unzulässig  und  das  BFM  ist  anzuweisen,  den  Beschwerdeführer  in  der  Schweiz vorläufig aufzunehmen. 7.  Aus den Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung des  BFM  vom  6. September  2007  teilweise  Bundesrecht  verletzt.  Die  Verfügung  ist  bezüglich  der  Ziff. 2  und  3  zu  bestätigen  (Ablehnung  des  Asylgesuchs  und  Wegweisung).  Die  Ziff. 1,  4  und  5  (Verneinung  der  Flüchtlingseigenschaft,  Aufforderung  die  Schweiz  innert  Frist  zu  verlassen  und  Anordnung  des  Vollzugs  der  Wegweisung)  sind  aufzuheben.  Das  BFM  ist  anzuweisen,  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers  anzuerkennen  und  ihn  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen. 8.  8.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  von  insgesamt Fr. 600.­ nach dem Grad des Durchdringens praxisgemäss  zu  einem Drittel  dem Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art.  63 Abs.  1  und 5 VwVG; Art. 1­3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die 

E­6790/2007 Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Angesichts  der  Tatsache,  dass  die  Beschwerde  nicht  als  aussichtslos  zu  bezeichnen  war  und  aufgrund  der  aus  den  Akten  ersichtlichen  prozessualen  Bedürftigkeit  des  Beschwerdeführers  ist  indessen  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG  –  soweit  nicht  durch  die  teilweise  Gutheissung  der  Beschwerde  hinfällig  geworden – gutzuheissen und von der Kostenauferlegung abzusehen. 8.2.  Eine  teilweise  obsiegende  Partei  hat  Anspruch  auf  eine  Parteientschädigung  für  die  ihr  erwachsenen  Kosten  (Art.  7  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Dem  Beschwerdeführer  ist  angesichts  des  teilweisen  Obsiegens  im  Beschwerdeverfahren  in  Anwendung  von  Art.  64  Abs.  1  VwVG  eine  Parteientschädigung  für  ihm  erwachsene  notwendige  Vertretungskosten  zuzusprechen  (vgl.  Art.  7  VGKE).  Der  Rechtsvertreter  weist  in  der  Kostennote vom 28. September 2010 für das Beschwerdeverfahren einen  zeitlichen Aufwand von 5.5 Stunden  (zum Stundenansatz von Fr. 180.­)  sowie  Auslagen  von  Fr.  260.­  (namentlich  Übersetzerkosten)  aus.  Dies  erscheint angemessen. Angesichts seines bloss teilweisen Obsiegens ist  die  Parteientschädigung  um  einen  Drittel  zu  reduzieren.  Das  BFM  ist  demnach anzuweisen, dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung  von Fr. 835.­ (inkl. Auslagen) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

E­6790/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen.  2.  Die Ziff. 1, 4 und 5 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom  6. September 2007 werden aufgehoben. 3.  Das BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführer wegen Unzulässigkeit  des Wegweisungsvollzugs als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. 4.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  wird  gutgeheissen. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 5.  Dem  Beschwerdeführer  wird  zu  Lasten  des  BFM  eine  Parteientschädigung von Fr. 835.­ (inkl. Auslagen) zugesprochen. 6.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Christa Luterbacher Tobias Meyer Versand:

E-6790/2007 — Bundesverwaltungsgericht 15.08.2011 E-6790/2007 — Swissrulings