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Bundesverwaltungsgericht 22.02.2012 E-679/2012

22 février 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·844 mots·~4 min·4

Résumé

Nichteintreten auf Asylgesuch (Safe Country) und Wegweisung | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 1. Februar 2012

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­679/2012 Urteil   v om     2 2 .   Februar   2012 Besetzung Richter Daniel Willisegger (Vorsitz), Richter Thomas Wespi, Richterin Christa Luterbacher;  Gerichtsschreiberin Linda Rindlisbacher.   Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), E._______, geboren am (…), Serbien,  (…),   Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 1. Februar 2012 / N (…)

E­679/2012 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführenden,  eine  der  ethnischen  Minderheit  der  Roma  angehörige Familie,  reichten am 28. Dezember 2011  im Empfangs­ und  Verfahrenszentrum (EVZ) des BFM Basel Asylgesuche ein. Dort wurden  die  Eltern  und  die  zwei  älteren Kinder  am  10.  Januar  2012  zur  Person  befragt sowie am 25. und 30. Januar 2012 vertieft zu  ihren Asylgründen  angehört.  B.  Mit  Verfügung  vom  1.  Februar  2012  (eröffnet  am  3.  Februar  2012)  trat  das BFM auf die Asylgesuche nicht ein, wies die Beschwerdeführenden  aus  der  Schweiz  weg  und  forderte  sie  –  unter  Anordnung  von  Zwangsmitteln  im  Unterlassungsfall  –   auf,  die  Schweiz  am  Tag  nach  Eintritt  der  Rechtskraft  zu  verlassen.  Überdies  verpflichtete  es  den  zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung und händigte den  Beschwerdeführenden  die  editionspflichtigen  Akten  gemäss  Aktenverzeichnis aus.  C.  Die Beschwerdeführenden erhoben gegen diese Verfügung mit Eingabe  vom  6. Februar  2012  (Poststempel)  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht  und  beantragten,  es  sei  die  Flüchtlingseigenschaft  auf  Grund  von  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) festzustellen. In prozessualer Hinsicht  beantragten sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  Gemäss  Art.  31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni  2005  (VGG, SR 173.32) ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von  Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom  20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)  zuständig  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  in  der  Regel  endgültig  (vgl.  Art.  83  Bst.  d  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110];  Art.  105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR  142.31]).  Die  Beschwerdeführenden  sind  als 

E­679/2012 Verfügungsadressaten  zur  Beschwerdeführung  legitimiert  (Art.  48  VwVG). Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht erhoben (Art. 52 VwVG  und  Art.  108  Abs.  2  AsylG).  Die  Beschwerdevoraussetzungen  sind  insoweit erfüllt. 2.  2.1.  Das  Bundesverwaltungsgericht  überprüft  die  angefochtene  Verfügung  auf  Verletzung  von  Bundesrecht,  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  Unangemessenheit hin (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2.  Die  Prüfungskompetenz  des  Bundesverwaltungsgerichts  ist  bei  Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen die Vorinstanz  es  ablehnt,  das  Asylgesuch  auf  seine  Begründetheit  hin  zu  überprüfen  (Art. 32­35  AsylG),  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  auf  das  Asylgesuch  zu  Recht  nicht  eingetreten  worden  ist.  Ist  der  Nichteintretensentscheid  zu  Unrecht  ergangen,  enthält  sich  das  Bundesverwaltungsgericht einer selbständigen materiellen Prüfung, hebt  die  angefochtene  Verfügung  auf  und  weist  die  Sache  zur  neuen  Entscheidung  an  die  Vorinstanz  zurück.  Da  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  und die Asylgewährung nicht Prozessgegenstand  bilden,  ist  auf  entsprechende  Rechtsbegehren  nicht  einzutreten  (Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­7706/2009  vom  2.  Februar  2010  mit  Hinweis). 2.3.  Das  Begehren  der  Beschwerdeführenden,  es  sei  die  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen,  weist  über  den  zulässigen  Prozessgegenstand  hinaus.  Auf  die  Beschwerde  ist  insoweit  nicht  einzutreten. Im Beschwerdeverfahren ist nachfolgend einzig zu prüfen, ob  die Vorinstanz auf das Asylgesuch nach Art. 34 Abs. 1 AsylG zu Recht  nicht eingetreten ist.  2.4. Gestützt auf Art. 111 a Abs. 1 AsylG wird auf einen Schriftenwechsel  verzichtet. 3.  3.1. Die Vorinstanz begründet den Nichteintretensentscheid gestützt auf  Art.  34 Abs.  1 AsylG damit,  dass Serbien ein  verfolgungssicherer Staat  sei  und  keine  Hinweise  auf  eine  Verfolgung,  welche  die  widerlegbare  Vermutung der Verfolgungssicherheit umstossen könnten, aus den Akten 

E­679/2012 ersichtlich  seien.  Im  Einzelnen  führt  sie  zur  Begründung  aus,  dass  der  Tod  des  Onkels  (väterlicherseits  A._______)  und  seines  Kontrahenten  bzw.  die  aus  dieser  Angelegenheit  resultierende  Familienfeindlichkeit  nicht grundsätzlich in Abrede gestellt würden. In ihrer Gesamtheit würden  die Vorbringen indes einer Glaubhaftigkeitsprüfung nicht standhalten. So  sei  es  nicht  überzeugend,  dass  die  rivalisierende  Familie  die  Drohung,  Angehörige  der  verfeindeten  Familie  umzubringen,  im  Laufe  der  letzten  drei  Jahre  nicht  wahrgemacht  habe,  wenn  sie  solches  tatsächlich  vorgehabt  hätte.  Die  von  den  Beschwerdeführenden  vorgenommenen  Schutzmassnahmen – sie seien den  täglichen Verpflichtungen nur noch  während  der  Dunkelheit  nachgekommen;  die  beiden  Söhne  hätten  den  Nachnamen  der Mutter  angenommen;  die  beiden  älteren  Kinder  hätten  aus  Sicherheitsgründen  aus  der  Schule  genommen  werden  müssen,  derweil das Jüngste schon gar nicht habe eingeschult werden können –  seien  nicht  nachvollziehbar.  Die  Schutzmassnahmen  hätten  kaum  den  nötigen  Schutz  geboten  und  es  sei  nicht  einleuchtend,  weshalb  die  Familie nicht einfach in einen anderen Teil Serbiens gezogen sei. Zudem  sei  den  Beschwerdeführenden  nicht  gelungen,  die  ihren  Aussagen  zufolge  unablässig  erfolgten  Drohungen  konkret  zu  beschreiben.  Betreffend den Vorfall vom 13. Oktober 2011 hätten sie sich überdies  in  nicht unerhebliche Widersprüche bezüglich Ort des Geschehens und des  Wissens  um  die  Identität  der  Angreifer  verstrickt.  Aufgrund  der  Unglaubhaftigkeit der Vorbringen könne auf eine eingehende Würdigung  der eingereichten Dokumente verzichtet werden. 3.2.  Die  Beschwerdeführenden  bringen  in  ihrer  Beschwerde  vom  6.  Februar 2012 vor, dass die Vertreibung der Minderheiten  in Serbien auf  verschiedene  Arten  erfolge,  es  würden  den  Menschen  die  Lebensgrundlage  (Arbeit,  Wohnung,  Nahrung)  und  die  Rechte  (Falschbeschuldigungen  und  polizeilicher  Gewahrsam  seien  an  der  Tagesordnung) entzogen. Sie seien nicht mehr sicher und fürchteten um  das  Leben  der  Kinder.  Die  Mutter  habe  schlimme  psychische  Folgen  davongetragen  und  lasse  sich  zur  Zeit  in  der  psychiatrischen  Poliklinik  Basel­Stadt stationär behandeln. Sie sei weder  fähig zu kommunizieren,  noch  zu  reisen.  Auch  der  14­jährige  Sohn  sei  psychisch  belastet  und  spreche deshalb manchmal monatelang nicht. Seit der Flucht sei wieder  Schlimmes passiert, die Grossmutter sei von Männern tätlich angegriffen  worden. 4. 

E­679/2012 4.1. Gemäss Art. 34 Abs. 1 AsylG wird auf Gesuche von Asylsuchenden  aus verfolgungssicheren Staaten nach Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG nicht  eingetreten, ausser es gebe Hinweise auf eine Verfolgung.  4.2.  Nach  der  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  gilt  im  Anwendungsbereich  von  Art.  34  Abs.  1  AsylG  ein  weiter  Verfolgungsbegriff und ein tiefes Beweismass. Der Begriff der Verfolgung  umfasst  nicht  nur  ernsthafte Nachteile  nach Art. 3 AsylG,  sondern  auch  die  von  Menschenhand  verursachten  Wegweisungshindernisse  (BVGE  2011/8  E.  4.2).  Das  bedeutet,  dass  im  Vergleich  zum  –  bereits  erleichterten  –  Beweismass  des  Glaubhaftmachens  ein  nochmals  reduzierter  Massstab  anzuwenden  ist.  Auch  bei  Asylsuchenden  aus  einem  verfolgungssicheren  Staat  muss  das  Erfüllen  der  Flüchtlingseigenschaft geprüft werden, sobald in den Akten Hinweise auf  Verfolgung  (im  soeben  erläuterten  Sinn)  zu  verzeichnen  sind,  deren  Unglaubhaftigkeit nicht schon auf den ersten Blick erkannt werden kann  (Urteil  D­5898/2011  vom  31.  Oktober  2011,  mit  weiteren  Hinweisen).  Sobald nicht "offensichtlich haltlose Hinweise" auf eine Verfolgung durch  Dritte  vorliegen,  ist  zur  Prüfung  auch  im  Hinblick  auf  eine  inländischen  Fluchtalternative auf das Asylgesuch einzutreten ist (vgl. BVGE 2007/8 E.  5.2 S. 77 am Ende; EMARK 2004 Nr. 5 E.3c.bb S. 36 und E.3c.cc S. 36).  4.3.  Im  vorliegenden  Fall  wird  in  der  angefochtenen  Verfügung  zwar  zutreffend  angenommen,  dass  aufgrund  der  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden Hinweise auf eine Verfolgung vorliegen. Doch die  Vorinstanz  verkennt  das  reduzierte  Beweismass.  Sie  selbst  geht  davon  aus,  dass  die  Tötung  des Onkels  und  seines Rivalen  sowie  die  daraus  entstandene  Familienfehde  "nicht  grundsätzlich  in  Abrede  gestellt"  werden  könnten  (Verfügung,  S.  4),  kommt  aber  nach  summarischer  Prüfung  dennoch  zum  Schluss,  dass  die  Vorbringen  bloss  "in  ihrer  Gesamtheit  einer  Glaubhaftigkeitsprüfung  nicht  standzuhalten"  vermöchten  (Verfügung,  S.  4  und  5). Wenn  die  Vorinstanz  schon  –  zu  Recht – annimmt, dass die Vorbringen auf ihre Glaubhaftigkeit hin geprüft  werden müssen, weil sie sich nicht auf den ersten Blick als offensichtlich  haltlos  erweisen,  dann  wäre  sie  gehalten  gewesen,  auf  das  Gesuch  einzutreten. Sie hätte in der Sache prüfen müssen, ob die Vorbringen der  Beschwerdeführenden namentlich  zu den beiden Vorfallen  vom 15. Mai  2011  und  13.  Oktober  2011  begründet  erscheinen,  wozu  auch  eine  Würdigung  der  eingereichten  Dokumente  gehört  hätte.  Wenn  es  ferner  zutrifft,  dass  der  Vater  über  Jahre  hinweg  die  Polizei  mehrfach  über  Vorfälle  informiert  hat  (BFM­Akten,  A9/12  S.6)  und  trotz  erfolgter 

E­679/2012 Strafanzeige  im  Oktober  2011  keine  Schutzmassnahmen  durch  die  Polizei  erfolgt  sind,  dann  steht  die  näher  abzuklärende  Frage  nach  der  Flüchtlingseigenschaft  zur  Diskussion.  Der  Vorinstanz  ist  sodann  zwar  grundsätzlich  darin  zuzustimmen,  dass  es  wenig  wahrscheinlich  erscheint,  die  Beschwerdeführenden  könnten  in  ganz  Serbien  keine  Zuflucht  finden.  Da  aber  konkrete  Angaben  zur  Frage  der  inländischen  Fluchtalternative vorliegen (z.B. BFM­Akten, A9/12 S. 5 Antwort auf F34),  wäre auch diese Frage einer vertieften Prüfung zu unterziehen gewesen  (siehe  dazu  das  zur  Publikation  vorgesehene  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts D­4935/2007 vom 21. Dezember 2011 E. 8).  Indem die Vorinstanz eine eingehende Prüfung unterlassen hat und auf  das Asylgesuch trotz Hinweisen auf eine Verfolgung nicht eingetreten ist,  hat sie Bundesrecht verletzt.  4.4.  Das  Bundesverwaltungsgericht  enthält  sich  bei  dieser  Sach­  und  Rechtslage  einer  selbständigen  materiellen  Prüfung,  weshalb  die  angefochtene Verfügung  ohne Weiteres  aufzuheben  und  die Sache  zur  neuen Beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen ist.  5.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art.  63  Abs.  1  und  2  VwVG).  Das  Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtspflege  wird damit gegenstandslos. Da die Beschwerdeführenden nicht anwaltlich  vertreten sind, ist davon auszugehen, dass ihnen keine notwendigen und  verhältnismässig  hohen  Kosten  durch  das  Beschwerdeverfahren  entstanden sind  (Art.  64 VwVG), weshalb  keine Parteientschädigung zu  entrichten ist.  (Dispositiv nächste Seite)

E­679/2012 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit darauf eingetreten wird.  2.  Die  angefochtene  Verfügung wird  aufgehoben  und  die  Sache  im  Sinne  der  Erwägungen  zur  neuen  Entscheidung  an  die  Vorinstanz  zurückgewiesen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.  4.  Es wird keine Parteientschädigung entrichtet.  5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Daniel Willisegger Linda Rindlisbacher Versand:

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