Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 24.01.2012 E-6609/2011

24 janvier 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,714 mots·~9 min·1

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 10. November 2011 / N

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­6609/2011 Urteil   v om   2 4 .   J a nua r   2012 Besetzung Einzelrichterin Regula Schenker Senn, mit Zustimmung von Richter Daniel Willisegger, Gerichtsschreiberin Néomie Nicolet. Parteien A._______, (Beschwerdeführerin 1), B._______, (Beschwerdeführer 2), C._______, (Beschwerdeführer 3), D._______, (Beschwerdeführer 4), Serbien,  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 10. November 2011 / N (…).

E­6609/2011 Sachverhalt: A.  Gemäss  eigenen  Angaben  verliessen  die  Beschwerdeführenden  ihren  Heimatstaat  Serbien  am  23.  August  2011  und  reisten  am  25.  August  2011  in  die  Schweiz  ein,  wo  sie  gleichentags  um  Asyl  nachsuchten.  Anlässlich der Kurzbefragungen vom 13. September 2011 im Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  E._______  und  der  Anhörungen  vom  3. November  2011  zu  den  Asylgründen  machten  sie  im  Wesentlichen  Folgendes geltend: Sie  seien  ethnische  Roma  muslimischen  Glaubens  und  in  ihrem  Heimatland  Serbien  Schikanen  und  Belästigungen  ausgesetzt.  Insbesondere  die  Kinder  hätten  darunter  zu  leiden.  Zweimal  sei  der  Beschwerdeführer 3 in der Schule so schwer verprügelt worden, dass der  Beschwerdeführer 2  vor Schreck  jeweils einen Herzinfarkt  erlitten habe.  Im Spital  sei  er wegen seiner Ethnie nur mangelhaft  behandelt worden.  Auch  der  Beschwerdeführer  4  sei  bereits  tätlich  angegriffen  und  im  Bauchbereich  verletzt  worden.  Sie  hätten  die  Übergriffe  auf  die  Kinder  jeweils  der  Polizei  gemeldet,  welche  jedoch  untätig  geblieben  sei.  Die  Beschwerdeführerin  1  sei  seit  Mai  2010  von  einem  Mann  regelmässig  belästig  worden.  Dieser  habe  sie,  während  ihr  Ehemann  auf  der  Arbeit  gewesen  sei,  jeden  zweiten  oder  dritten  Tag  aufgesucht  und  zum  Beischlaf zwingen wollen. Sie habe es aber nie erlaubt. Aus Angst, dass  ihr  Ehemann  sie  verlassen  würde,  habe  sie  ihm  bis  zuletzt  nie  etwas  davon erzählt. Erst am 20. August 2011, als dieser Mann die Fenster und  Türen  eingeschlagen  habe,  um  ins  Haus  zu  gelangen,  habe  sie  ihrem  Ehemann von den Vorfällen berichtet. Da der Fremde ihr mit der Tötung  der  Kinder  und  des  Ehemannes  gedroht  habe,  hätten  sie  (die  Beschwerdeführenden)  sich  entschlossen, Serbien  zu  verlassen. Weiter  sei auch der Beschwerdeführer 2 am 10. August 2011 auf dem Heimweg  von  einer  Gruppe  Personen  angegriffen  worden,  welche  zum  fremden  Mann, der die Beschwerdeführerin 1 belästigt habe, gehört hätten. Als  Beweismittel  reichten  Beschwerdeführenden  die  Reisepässe  sowie  die  Identitätskarten  der  Beschwerdeführerin  1  und  des  Beschwerdeführers 2 zu den Akten.  B. Mit  Verfügung  vom  10.  November  2011  –  eröffnet  am  12.  November 

E­6609/2011 2011 –  lehnte  das  BFM  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  ab  und ordnete deren Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. C. Mit  Beschwerdeeingabe  vom  5.  Dezember  2011  (Poststempel  7. Dezember  2011)  beantragten  die  Beschwerdeführenden  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung,  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft,  die Gewährung  des Asyls  sowie  eventualiter  die  Gewährung  der  vorläufigen  Aufnahme  in  der  Schweiz.  In  prozessualer  Hinsicht  beantragten  sie  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege,  den Verzicht  auf  die Erhebung eines Kostenvorschusses,  die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde und  die  vorsorgliche  Anweisung  an  die  zuständige  Behörde,  die  Datenweitergabe  an  die  heimatlichen  Behörden  zu  unterlassen  und  sie  bei bereits erfolgter Datenweitergabe zu informieren. D. Mit  Verfügung  vom  13.  Dezember  2011  bestätigte  das  Bundesverwaltungsgericht  den  Eingang  der  Beschwerde  und  teilte  den  Beschwerdeführenden mit,  sie  könnten  den Ausgang  des Verfahrens  in  der Schweiz abwarten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 

E­6609/2011 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 108 Abs. 1 AsylG sowie Art. 105 AsylG i.V.m  Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde  ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten  Richterin  entschieden  (Art. 111  Bst. e  AsylG).  Wie  nachstehend  aufgezeigt,  handelt  es  sich  vorliegend  um  eine  solche,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen  ist  (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  wurde  auf  die  Durchführung  eines  Schriftenwechsels verzichtet. 4.  4.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich  die  Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie 

E­6609/2011 Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den  frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 4.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG).  Nach Lehre und Praxis ist für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft  erforderlich,  dass  die  asylsuchende  Person  ernsthafte  Nachteile  von  bestimmter  Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche  im Falle einer  Rückkehr  in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und  in  absehbarer  Zukunft  befürchten  muss.  Die  Nachteile  müssen  der  asylsuchenden  Person  gezielt  und  aufgrund  bestimmter  Verfolgungsmotive  drohen  oder  zugefügt  worden  sein  (vgl. W. STÖCKLI,  §11 Asyl,  in: Uebersax/Rudin/Hug Yar/Geiser  [Hrsg.], Ausländerrecht, 2.  Auflage,  Basel  2009,  S.  521  –  588,  S.  525  ff.).  Nach  der  sogenannten  Schutztheorie  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2006  Nr. 18  S. 180)  kann eine Verfolgungshandlung im Sinne von Art. 3 AsylG von staatlichen  und  nichtstaatlichen  Akteuren  ausgehen.  Danach  ist  nichtstaatliche  Verfolgung als Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes zu erachten, wenn  der Staat  unfähig oder nicht willens  ist, Schutz  vor besagter Verfolgung  zu  bieten.  Es  ist  dabei  nicht  eine  faktische  Garantie  für  langfristigen  individuellen  Schutz  der  von  nichtstaatlicher  Verfolgung  bedrohten  Person  zu  verlangen, weil  es  keinem Staat  gelingen  kann,  die  absolute  Sicherheit  seiner  Bürgerinnen  und  Bürger  jederzeit  und  überall  zu  garantieren. Erforderlich ist aber, dass eine funktionierende und effiziente  Schutzinfrastruktur  zur  Verfügung  steht,  wobei  in  erster  Linie  an  polizeiliche Aufgaben wahrnehmende Organe sowie an ein Rechts­ und  Justizsystem zu denken ist, das eine effektive Strafverfolgung ermöglicht.  Die  Inanspruchnahme  dieses  Schutzsystems  muss  der  betroffenen  Person  zudem  objektiv  zugänglich  und  individuell  zumutbar  sein,  was  jeweils  im  Rahmen  einer  Einzelfallprüfung  unter  Berücksichtigung  des  länderspezifischen Kontexts zu beurteilen ist (vgl. EMARK 2006 Nr. 18 E.  10.2 S. 202  f.; EMARK 2006 Nr. 32 E. 6.1 S. 340  f.). Die Anerkennung  der Flüchtlingseigenschaft setzt ferner voraus, dass die betroffene Person 

E­6609/2011 einer landesweiten Verfolgung ausgesetzt ist und nicht in einem anderen  Teil  ihres  Heimatstaates  um  effektiven  Schutz  nachsuchen  kann  (vgl.  EMARK 2006 Nr. 18 E. 10.3.1 f. S. 203 mit weiteren Hinweisen). 5.  5.1.  Die  Vorinstanz  führte  zur  Begründung  ihres  ablehnenden  Asylentscheides  im  Wesentlichen  aus,  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  1  hielten  weder  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  gemäss  Art.  7  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  noch  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  stand.  Es  sei  insbesondere  nicht  nachvollziehbar,  wie  sich  ein  Mann  über  Monate  hinweg  ungehindert  Zutritt  zur  Wohnung  der  Beschwerdeführenden  habe  verschaffen  können,  und  es  wirke  lebensfremd,  dass  die  Beschwerdeführerin  1  keine  Sicherheitsmassnahmen  dagegen  ergriffen  habe.  Zudem  habe  sie  sich  widersprüchlich  geäussert,  indem  sie  anfangs  gesagt  habe,  keine  Anzeige  bei  der  Polizei  erhoben  zu  haben  –  aus  Angst  ihr  Ehemann  würde  von  den  Übergriffen  erfahren  –,  bei  der  Anhörung  jedoch  angegeben habe, sich einmal alleine an die Polizei gewendet zu haben.  Was  die  übrigen  Übergriffe  und  Benachteiligungen  durch  Dritte,  insbesondere auch auf  die Kinder,  angehe,  so  seien diese asylrechtlich  nicht  relevant.  In  Serbien  sei  am  25. Februar  2002  das  Bundesgesetz  zum Schutz und zur Freiheit der nationalen Minoritäten in Kraft getreten,  ein gesetzlicher Rahmen, der die Rechte der nationalen Minderheiten und  der  Angehörigen  schütze.  Zwar  könnten  vereinzelte  Übergriffe  durch  Drittpersonen auf Roma nicht  restlos ausgeschlossen werden, hingegen  komme  solchen  Verfolgungsmassnahmen  in  der  Regel  keine  asylrelevante  Intensität zu. Ausserdem billige oder unterstütze der Staat  solche  Übergriffe  nicht.  Es  sei  demnach,  trotz  der  nicht  in  Abrede  zu  stellenden schwierigen Lebensbedingungen der Volksgruppe der Roma,  vom  Vorhandensein  eines  adäquaten  Schutzes  durch  den  Heimatstaat  auszugehen, weshalb die geltend gemachten Übergriffe  im vorliegenden  Fall nicht asylrelevant seien. 5.2.  In  ihrer Rechtsmitteleingabe wiederholen die Beschwerdeführenden  ihre bei der Vorinstanz gemachten Vorbringen und weisen erneut auf die  schwierige Situation der Roma  in Serbien hin. Der Staat sei nicht  in der  Lage und gewillt,  ihnen Schutz vor Verfolgung und Willkür zu gewähren.  Weiter  führen  sie  aus,  der  Beschwerdeführer  2  sei  mehrmals  wegen  seiner  ethnischen  Zugehörigkeit  zusammengeschlagen  worden  und  die 

E­6609/2011 Beschwerdeführerin  1  sei  oft  von mehreren Männern  verfolgt,  bedrängt  und sexuell belästigt worden.  5.3.  In  Übereinstimmung  mit  der  Vorinstanz  gelangt  das  Bundesverwaltungsgericht  zum  Schluss,  dass  die  Schilderungen  der  Beschwerdeführenden  betreffend  die  sexuellen  Belästigungen  der  Beschwerdeführerin  1  als  unglaubhaft  zu  beurteilen  sind.  Die  Beschwerdeführerin 1 konnte nicht nachvollziehbar darlegen, wie dieser  Mann  über  eine  so  lange  Zeit  sich  ungehindert  Zugang  zum  Haus  verschaffe  konnte,  obwohl  sie  offensichtlich  seine  Anwesenheit  nicht  wünschte. Überdies erscheint es realitätsfremd, dass dieser Mann sie so  lange besucht und  immer wieder von  ihr abgelassen habe, weil  sie  ihm  den  sexuellen  Kontakt  nicht  erlaubt  habe  und  sie  nie  respektive  nur  einmal deswegen die Polizei aufgesucht habe.  Die  in  der  Rechtsmittelschrift  gemachten  Vorbringen,  wonach  die  Beschwerdeführerin  1  täglich  belästigt  und  oft  von  mehreren  Männern  bedrängt worden sei, sind als nachgeschoben zu erachten und stehen im  Widerspruch zu den erstinstanzlichen Aussagen.  Im  Weiteren  schliesst  sich  das  Bundesverwaltungsgericht  den  ausführlichen  Erwägungen  der  Vorinstanz  zur  Situation  der  Minderheit  der  Roma  in  Serbien  sowie  zur  grundsätzlichen  Schutzfähigkeit  und  ­ willigkeit  des  Staates  vollumfänglich  an.  Unter  Verweis  auf  deren  Ausführungen in der Verfügung vom 10. November 2011 ergibt sich, dass  den bei den Anhörungen und auf Beschwerdeebene geltend gemachten  alltäglichen  Benachteiligungen  und  Diskriminierungen,  selbst  unter  Berücksichtigung der erschwerten Lebensbedingungen der Roma, keine  Asylrelevanz  zukommt.  Aufgrund  dieser  Erwägungen  ist  auf  die  weiteren  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden  –  unter  anderem  betreffend  die  Schikanen  und  Benachteiligungen  im  täglichen  Leben  und  in  der  Schule  –  nicht  mehr  näher  einzugehen,  zumal  sie  am  Ausgang  des  Verfahrens  nichts  zu  ändern vermögen.  5.4. Zusammenfassend  ist  festzuhalten, dass die Beschwerdeführenden  die  Voraussetzung  zur  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllen und die Vorinstanz die Asylgesuche zu Recht abgelehnt hat.  6. 

E­6609/2011 6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2.  Die  Beschwerdeführenden  verfügen  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet (Art. 44 Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E. 9). 7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft,  das  heisst,  sie  sind  zu  beweisen,  wenn  der  strikte  Beweis  möglich  ist,  und  andernfalls  wenigstens  glaubhaft  zu  machen  (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl.,  Basel 2009, Rz. 11.148). 7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art. 83  Abs. 3 AuG). So darf  keine Person  in  irgendeiner Form zur Ausreise  in  ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit  aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet  ist oder in dem sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).  Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom 

E­6609/2011 4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Die Vorinstanz wies  in  ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf  hin,  dass  das  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen  Non­Refoulement  nur  Personen  schützt,  die  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  es  den  Beschwerdeführenden  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  der  Beschwer­ deführenden  nach  Serbien  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von  Art. 5  AsylG rechtmässig.  Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den  Aussagen  der  Beschwerdefüh­ renden  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  sie  für  den  Fall  einer Ausschaffung nach Serbien dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wären.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses  müssten  die  Beschwerdeführenden  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihnen  im  Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  Serbien  lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt klarerweise nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 7.3.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Angesichts der heutigen Lage in Serbien kann gemäss konstanter Praxis  nicht  von  einer  Situation  allgemeiner  Gewalt  oder  kriegerischen  respektive bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen gesprochen werden. Zur 

E­6609/2011 Lage  der  Roma  in  Serbien  hat  sich  das  Bundesverwaltungsgericht  im  Urteil  E­4115/2006  vom  18. September  2009  ausführlich  geäussert.  Es  stellte  unter anderem fest, aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit seien Roma  generell  unterschiedlichen  Schikanen  und Diskriminierungen  ausgesetzt  und  ihre  Lage  in  wirtschaftlicher  und  sozialer  Sicht  sei  allgemein  schwierig  (vgl. BVGE 2009 Nr.  51 E. 5.7.2.). Auch wenn Übergriffe  von  Privatpersonen  auf  Angehörige  der  Roma  und  teilweise  behördliche  Schikanen  sowie  Diskriminierungen  nicht  völlig  ausgeschlossen werden  können, erreichen diese im Allgemeinen nicht ein Ausmass, welches den  Wegweisungsvollzug  als  unzumutbar  erscheinen  lässt  (vgl.  statt  vieler  Urteil  des  Bundesverwaltungsgericht  D­5714/2009  vom  13.  November  2009).  Die  Beschwerdeführenden  bringen  nichts  Substanziiertes  vor,  weshalb  für sie der Wegweisungsvollzug nicht zumutbar wäre. Gemäss Akten sind  die  Beschwerdeführenden  1  und  2  im  erwerbsfähigen  Alter.  Dem  Beschwerdeführer 2 war es vor der Ausreise möglich, als Arbeiter  in der  Landwirtschaft  für seine Familie aufzukommen. Es  ist  ihm zumutbar, bei  einer  Rückkehr  diese  Tätigkeit  wieder  aufzunehmen.  Mit  den  Eltern,  einem Bruder und zwei Tanten der Beschwerdeführerin 1 und dem Vater,  den  Geschwistern  und  Grosseltern  des  Beschwerdeführers  2  verfügen  die Beschwerdeführenden zudem über ein familiäres Beziehungsnetz an  ihrem letzten Wohnsitz in F._______ und in der näheren Umgebung.  7.4. Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so  bildet bei der Zumutbarkeitsprüfung das Kindeswohl einen Gesichtspunkt  von  gewichtiger  Bedeutung.  Dies  ergibt  sich  nicht  zuletzt  aus  einer  völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AuG im Lichte von  Art.  3  Abs.  1  des  Übereinkommens  vom  20. November  1989  über  die  Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) (vgl. dazu EMARK 2005 Nr. 6 E. 6.  S.  57  f.).  In  diesem  Zusammenhang  ist  festzuhalten,  dass  unter  dem  Aspekt  des  Kindeswohls  sämtliche  Umstände  einzubeziehen  und  zu  würdigen sind, die im Hinblick auf einen Wegweisungsvollzug wesentlich  erscheinen  (vgl.  EMARK 1998 Nr.  13 E.  5e/aa). Der Persönlichkeit  des  Kindes  und  seinen  Lebensumständen  ist  umfassend  Rechnung  zu  tragen. Dabei können bei dieser gesamtheitlichen Beurteilung namentlich  folgende Kriterien von Bedeutung sein: Alter, Reife, Abhängigkeiten, Art  (Nähe,  Intensität,  Tragfähigkeit)  seiner  Beziehungen,  Eigenschaften  seiner  Bezugspersonen  (insbesondere  Unterstützungsbereitschaft  und  –fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich Entwicklung und Ausbildung, 

E­6609/2011 sowie der Grad der erfolgten Integration bei einem längeren Aufenthalt in  der  Schweiz.    Die Beschwerdeführenden 3 und 4 sind (…) und (…) Jahr alt. Da sie sich  jedoch  erst  seit  fünf  Monaten  in  der  Schweiz  aufhalten,  was  nicht  als  längerer  Aufenthalt  zu  beurteilen  ist,  ist  trotz  ihres  jugendlichen  Alters  nicht von einer fortgeschrittenen Integration in der Schweiz auszugehen.  Nach  dem  Gesagten  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  zumutbar. 7.5.  Schliesslich  obliegt  es  den  Beschwerdeführenden,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2  AuG). 7.6. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 – 4 AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9.  Mit vorliegendem Urteil in der Hauptsache sind die Gesuche um Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  sowie  um  vorsorgliche  Anweisung  der  zuständigen  Behörden,  die  Kontaktaufnahme  und  Datenweitergabe  an  die  heimatlichen  Behörde  zu  unterlassen,  gegenstandslos  geworden.  Überdies  finden  sich  in  den  Akten  keine  Hinweise,  wonach  bereits  eine  Kontaktaufnahme  mit  den  heimatlichen  Behörden erfolgt wäre. 10.  Die Rechtsbegehren haben sich aufgrund vorstehender Erwägungen als  aussichtslos erwiesen. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege nach  Art. 65 Abs. 1 VwVG ist deshalb abzuweisen.

E­6609/2011 11.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  den  Beschwer­ deführenden  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 600.– festzusetzen (Art. 1 – 3 des Reglements vom 21. Februar 2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 

E­6609/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.–  werden  den  Beschwerdeführenden  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Néomie Nicolet Versand:

E-6609/2011 — Bundesverwaltungsgericht 24.01.2012 E-6609/2011 — Swissrulings