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Bundesverwaltungsgericht 12.12.2011 E-6561/2011

12 décembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·911 mots·~5 min·1

Résumé

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 25. November 2011

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­6561/2011 Urteil   v om   1 2 .   D e z embe r   2011 Besetzung Einzelrichterin Muriel Beck Kadima, mit Zustimmung von Richter Gérard Scherrer;   Gerichtsschreiberin Patricia Petermann Loewe. Parteien A._______, geboren am (…), Tunesien, (…) Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung nach Italien  (Dublin­Verfahren); Verfügung des BFM vom 25. November 2011 / N (…).

E­6561/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass der Beschwerdeführer eigenen Angaben zufolge am (…) Tunesien  per Schiff  verliess und über  Italien und am 23. Juli 2011  in die Schweiz  einreiste, wo er am gleichen Tag um Asyl nachsuchte, dass  er  im  Rahmen  der  summarischen  Befragung  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Chiasso  vom  3. August  2011  erwähnte,  er  habe  in  Italien  ein  Asylgesuch  gestellt,  das  abgelehnt  worden  sei;  für  einen Rekurs habe er kein Geld gehabt,  dass ihm – im Hinblick auf eine Überstellung nach Italien – während der  Befragung  das  rechtliche Gehör  gewährt  wurde;  dabei  sagte  er  aus,  er  wolle  nicht  dorthin  zurückkehren,  da  er  dort  keine  juristische  Hilfe  bekommen würde, dass das BFM mit Verfügung vom 25. November 2011 in Anwendung von  Art. 34  Abs. 2  Bst. d  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR 142.31) auf das Asylgesuch nicht eintrat und die Wegweisung aus der  Schweiz nach Italien sowie den Vollzug anordnete, dass  das  BFM  zur  Begründung  im  Wesentlichen  anführte,  dass  der  Beschwerdeführer am 2. April 2011 in Italien um Asyl nachgesucht habe;  dies gehe aus seinen Aussagen und aus einem Eurodac­Treffer hervor, dass  die  italienischen  Behörden  innerhalb  der  festgelegten  Frist  zum  Übernahmeersuchen  der  Schweiz  vom  28.  September  2011  nicht  Stellung  bezogen  hätten,  in  Anwendung  von  Art. 20  Abs. 1  Bst. c  der  Verordnung  (EG)  Nr. 343/2003  des  Rates  vom  18. Februar  2003  zur  Festlegung  von  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  Asylantrags  zuständig  ist,  den  ein Staatsangehöriger eines Drittlandes in einem Mitgliedstaat gestellt hat  (Dublin­II­VO) und des Abkommens vom 26. Oktober 2004 zwischen der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen Staates für die Prüfung eines in einem Mitgliedstaat oder  in  der Schweiz gestellten Asylantrags (Dublin­Assoziierungsabkommen, SR  0.142.392.689)  Italien  für  das  Asyl­  und  Wegweisungsverfahren  des  Beschwerdeführers zuständig sei, dass  der  Beschwerdeführer  mit  Eingabe  vom  5. Dezember  2011  (Poststempel)  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht 

E­6561/2011 Beschwerde erhob und dabei  unter  anderem beantragte,  die Verfügung  des  BFM  sei  aufzuheben  und  dieses  sei  anzuweisen,  sein  Recht  zum  Selbsteintritt  auszuüben  und  sich  für  das  vorliegende  Asylgesuch  zuständig zu erachten, dass  in  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  im  Sinne  vorsorglicher  Massnahmen die aufschiebende Wirkung der Beschwerde zu erteilen sei  und  die  Vollzugsbehörden  anzuweisen  seien,  von  einer  Überstellung  nach  Italien  abzusehen,  bis  das  Bundesverwaltungsgericht  über  den  Suspensiveffekt  der  vorliegenden Beschwerde entschieden habe;  ferner  sei dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von  Art. 65  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  zu  bewilligen  und  auf  die  Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten,  dass  der  Beschwerdeführer  diesen  Einwand  im  Wesentlichen  mit  der  Rückführung der  italienischen Behörden  in sein Heimatland begründete,  die  ihn  nach  dem  negativen  Asylbescheid  bevorstehe;  in  Tunesien  erwarte  ihn  indes  einerseits  eine  lebenslange Haftstrafe,  weil  er  seinen  Militärposten  ohne  Erlaubnis  verlassen  habe,  und  anderseits  habe  er  Angst, umgebracht zu werden, da er  in Befolgung eines Schiessbefehls  einen Mann umgebracht habe; nun würde dessen Familie ihn verfolgen, dass er ferner aufgrund eines Unfalls derzeit an Stöcken gehen und eine  Physiotherapie  besuchen  müsse;  in  Italien  müsste  er  auf  der  Strasse  leben, was unzumutbar sei, dass  er  zur  Untermauerung  seiner  Vorbringen  eine  Kopie  einer  Verordnung zur Physiotherapie von Dr. med. B._______ (Solothurn) vom  6. November  2011  einreichte,  die  als  physiotherapeutische Massnahme  einen vorsichtigen Belastungsaufbau vorsieht, dass  das  Bundesverwaltungsgericht  per  Telefax  am  6. Dezember  2011  als vorsorgliche Massnahme anordnete, der Vollzug der Wegweisung sei  per sofort auszusetzen, bis nach Eingang der vorinstanzlichen Akten über  die  allfällige  Gewährung  der  aufschiebenden  Wirkung  nach  Art. 107a  AsylG zu befinden sei, dass  die  vorinstanzlichen  Akten  am  7. Dezember  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht eintrafen (Art. 109 Abs. 2 AsylG),

E­6561/2011 und zieht in Erwägung, dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  (Art. 5  VwVG)  des  BFM  entscheidet,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG  i. V. m.  Art. 31 – 33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG nicht  vorliegt, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet, dass  der  Beschwerdeführer  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  ist,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  ist  (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass  somit  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  einzutreten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 VwVG), dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass  bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM  ablehnt,  das  Asylgesuch  auf  seine  Begründetheit  hin  zu  überprüfen  (Art. 32 – 35  AsylG),  die  Beurteilungskompetenz  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt  ist,  ob  die  Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist, dass  sich  demnach  die  Beschwerdeinstanz  – sofern  sie  den  Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet –  einer  selbstständigen materiellen Prüfung enthält, die angefochtene Verfügung  aufhebt  und  die  Sache  zu  neuer  Entscheidung  an  die  Vorinstanz  zurückweist (vgl. BVGE 2007/8 E. 2.1 m.w.H.),  dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten Richterin  entschieden wird  (Art. 111 Bst. e AsylG)  und  es  sich  vorliegend,  wie  nachfolgend  aufgezeigt,  um  eine  solche  handelt, 

E­6561/2011 weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen  ist  (Art. 111a Abs. 2 AsylG), dass  gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  vorliegend  auf  einen  Schriftenwechsel verzichtet wurde, dass  gemäss  Art. 34  Abs. 2  Bst. d  AsylG  auf  ein  Asylgesuch  nicht  eingetreten  wird,  wenn  Asylsuchende  in  einen  Drittstaat  ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist, dass  der  Beschwerdeführer  im  Rahmen  der  summarischen  Befragung  angab,  in  Italien am (…) um Asyl nachgesucht zu haben (A6 S. 6), was  sich auch aus dem Aktenblatt Eurodac (A4) ergibt, dass die Vorinstanz daher zu Recht Italien für die Zuständigkeit des vom  Beschwerdeführer  am  (…) eingereichten Asylgesuchs erachtet  hat, was  vom Beschwerdeführer auch nicht bestritten wird, dass dieses Land auf ein entsprechendes Aufnahmegesuch seitens der  Schweiz  innert Frist nicht geantwortet hat,  so dass davon ausgegangen  werden  kann,  es  habe  die  Wiederaufnahme  im  Sinne  der  Dublin­ Verordnung implizit akzeptiert (vgl. Art. 20 Abs. 1 Bst. d Dublin­II­VO), dass  Italien  Signatarstaat  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR  0.142.30)  und  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) ist und keine konkrete Anhaltspunkte  vorliegen,  wonach  sich  Italien  nicht  an  die  daraus  resultierenden  völkerrechtlichen Verpflichtungen hält, dass  folglich aus genereller Sicht  keine menschenrechtlichen Bedenken  offenkundig  gegen  die  Überstellung  nach  Italien  sprechen  (vgl.  das  zur  Publikation vorgesehene Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts  D­2076/2010 vom 16. August 2011 E. 2.6 und 4.11; EGMR, Urteil M.S.S.  gegen  Belgien  und  Griechenland  vom  21. Januar  2011,  Nr. 30696/09,  § 205 ff.),  auch  wenn  nicht  zu  verkennen  ist,  dass  die  Aufnahmebedingungen in Italien schwierig sind,  dass  zudem  grundsätzlich  innerhalb  des  Dublin­Systems  davon  ausgegangen  werden  kann,  dass  der  betreffende  Staat  die  nötigen  medizinischen  Versorgungsleistungen  erbringen  kann,  hat  doch  jeder 

E­6561/2011 Staat  –  so  auch  Italien –  die  Aufnahmerichtlinie,  welche  eine  medizinische Versorgung garantiert, in Landesrecht umgesetzt (vgl. auch  BVGE 2010/45, E. 7.6.3 f. sowie E. 8), dass daher davon auszugehen  ist, dass der Beschwerdeführer  in  Italien  die  vorgesehene  Physiotherapie,  d.h.  eine  adäquate  medizinische  Betreuung, finden wird, dass  es  ihm  folglich  weder  in  der  Befragung  noch  in  der  Beschwerdeschrift  gelungen  ist,  eine  einzelfallspezifische  besondere  Verletzlichkeit  nachzuweisen,  aufgrund  derer  geschlossen  werden  könnte, es drohe ihm in Italien eine unmenschliche Behandlung oder ein  Refoulement  in sein Heimatland, bzw. es würden humanitäre Gründe im  Sinne  von  Art. 29a  Abs. 3  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR  142.311)  vorliegen,  die  einen  Selbsteintritt  gemäss  Art. 3  Abs. 2  Dublin­II­VO  als  notwendig  oder  angezeigt erscheinen lassen,  dass das BFM demnach  in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  nicht  eingetreten  ist, dass das Nichteintreten auf ein Asylgesuch in der Regel die Wegweisung  aus  der  Schweiz  zur  Folge  hat  (Art. 44  Abs. 1  AsylG),  vorliegend  der  Kanton keine Aufenthaltsbewilligung erteilt hat und zudem kein Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen  besteht  (vgl.  EMARK 2001 Nr. 21),  weshalb  die  verfügte  Wegweisung  im  Einklang  mit  den  gesetzlichen  Bestimmungen steht und demnach vom Bundesamt zu Recht angeordnet  wurde, dass  im  Rahmen  des  Dublin­Verfahrens,  bei  dem  es  sich  um  ein  Überstellungsverfahren  in  den  für  die  Prüfung  des  Asylgesuchs  zuständigen  Staat  handelt,  systembedingt  kein  Raum  bleibt  für  Ersatzmassnahmen  im  Sinne  von  Art. 44  Abs. 2  AsylG  i.V.m.  Art. 83  Abs. 1 AuG,  dass eine entsprechende Prüfung, soweit notwendig, vielmehr bereits im  Rahmen  des  Nichteintretensentscheides  stattzufinden  hat  (vgl.  BVGE 2010/45 E. 10.2),  dass  nach  dem  Gesagten  der  vom  Bundesamt  verfügte  Vollzug  der  Wegweisung nach Italien zu bestätigen ist,

E­6561/2011 dass  es  dem  Beschwerdeführer  demnach  nicht  gelungen  ist  darzutun,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  den  rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig  feststellt oder  unangemessen ist (Art. 106 AsylG), weshalb die Beschwerde abzuweisen  ist, dass  mit  Ergehen  des  vorliegenden  Urteils  der  mit  Eingabe  vom  5. Dezember  2011  gestellte  Antrag  auf  aufschiebende  Wirkung  der  Beschwerde gegenstandslos wird, dass  eine  Partei,  die  nicht  über  die  erforderlichen  Mittel  verfügt,  auf  Antrag hin  von der Bezahlung der Verfahrenskosten befreit wird,  sofern  ihr Begehren nicht aussichtslos erscheint (Art. 65 Abs. 1 VwVG), dass  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art. 65  Abs. 1  VwVG  ungeachtet  einer  möglichen  Bedürftigkeit  des  Beschwerdeführers  abzuweisen  ist,  da  die  Beschwerdebegehren  nach dem Gesagten als aussichtslos zu bezeichnen sind, dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  die  Kosten  von  Fr. 600.­ (Art. 1 – 3  des Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1  VwVG). (Dispositiv nächste Seite)

E­6561/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtspflege  gemäss  Art. 65  Abs. 1  VwVG wird abgewiesen. 3.   Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Patricia Petermann Loewe Versand:

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