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Bundesverwaltungsgericht 28.11.2011 E-6182/2011

28 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·721 mots·~4 min·1

Résumé

Vollzug der Wegweisung | Revision; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 22. August 2011

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­6182/2011 Urteil   v om   2 8 .   No v embe r   2011 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richter Kurt Gysi,    Gerichtsschreiberin Eveline Chastonay. Parteien A._______, B._______, C._______, D._______, Mazedonien, ehemalige jugoslawische Republik,  alle vertreten durch lic. iur. Patricia Müller,  Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende (…),  Gesuchstellende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Revision; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts  vom 22. August 2011 (E­3793/2011).

E­6182/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass die Gesuchstellenden – Roma aus E._______ – am 14. März 2011  in der Schweiz Asylgesuche stellten, dass  sie  diese  im  Wesentlichen  mit  Schwierigkeiten  mit  der  "Inneren  Mazedonischen  Revolutionären  Organisation"  sowie  mit  sozialen  und  gesundheitlichen  Gründen  aufgrund  ihrer  ethnischen  Zugehörigkeit  begründeten,  dass das BFM mit Verfügung vom 28. Juni 2011 –  im Anschluss an die  Anhörung  mündlich  eröffnet  –  gestützt  auf  Art.  34  Abs.  1  des  Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf die Asylgesuche  der  Gesuchsteller  nicht  eintrat  und  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie deren Vollzug anordnete, dass die Gesuchstellenden gegen diese Verfügung am 4. Juli 2011 beim  Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhoben, dass die zuständige  Instruktionsrichterin das BFM zum Einreichen einer  Stellungnahme  aufforderte,  und  die  Vorinstanz  insbesondere  auf  die  geltend gemachten gesundheitlichen Probleme der Kinder hinwies, dass  das  BFM  am  12.  Juli  2011  seine  entsprechende  Stellungnahme  einreichte  und  diese  den Gesuchstellenden mit  Verfügung  vom  14.  Juli  2011 unter Setzen einer Replikfrist zur Kenntnis gebracht wurde, dass  die Gesuchstellenden  am  29.  Juli  2011  fristgerecht  ihre Replik  zu  den Akten reichten, dass das Bundesverwaltungsgericht die Beschwerde vom 4. Juli 2011 mit  Urteil E­3793/2011 vom 22. August 2011  letztinstanzlich abwies und die  von der Vorinstanz verfügte Wegweisung sowie den Wegweisungsvollzug  bestätigte, dass das Gericht im Sachverhaltsteil seines Entscheids (vgl. Bst. G S. 4)  und in den Urteilserwägungen 3 und 7.4.2 (vgl. S. 7 und 13) festhielt, die  damaligen Beschwerdeführenden hätten auf die Einreichung einer Replik  verzichtet,  dass  das  Bundesverwaltungsgericht  am  30.  August  2011  feststellte,  aufgrund  eines  Missverständnisses  sei  die  bei  den  Akten  liegende  Replikeingabe vom 29. Juli 2011 übersehen und nicht beachtet worden, 

E­6182/2011 weshalb  bis  zur  allfälligen  Klärung  der  damit  entstandenen  revisionsrechtlichen Fragen im Sinn einer vorsorglichen Massnahme von  Vollzugshandlungen abzusehen sei, dass  die  Gesuchstellenden  durch  ihre  neu  bevollmächtigte  Rechtsvertreterin  zweieinhalb  Monate  später,  am  11.  November  2011,  um Revision des Urteils vom 22. August 2011 ersuchen liessen, dass sie unter anderem beantragen liessen, die Vollzugsbehörden seien  anzuweisen, im Sinn vorsorglicher Massnahmen bis zum Entscheid über  das Revisionsgesuch von Vollzugshandlungen abzusehen, das Urteil des  Bundesverwaltungsgerichts vom 22. August 2011 sei aufzuheben und es  sei festzustellen, dass der Vollzug ihrer Wegweisung unzumutbar sei, dass  weiter  die  unentgeltliche  Rechtspflege  unter  Beigabe  einer  amtlichen Rechtsvertretung in der Person der Rechtsvertreterin sowie die  Befreiung von der Vorschusspflicht beantragt wurde, dass  mit  dem  Revisionsgesuch  eine  von  den  Gesuchstellenden  unterzeichnete  Erklärung  betreffend  die  Entbindung  von  der  ärztlichen  Schweigepflicht  und mit Begleitschreiben  vom 21. November  2011 eine  Fürsorgebestätigung zu den Akten gereicht wurden, und das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung,  dass es  für die Revision von Entscheiden zuständig  ist, die es  in seiner  Funktion als Beschwerdeinstanz gefällt hat (vgl. BVGE 2007/21 E. 2.1 mit  weiteren Hinweisen), dass  gemäss  Art.  45  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  (VGG,  SR  173.32)  für  die  Revision  von  Urteilen  des  Bundesverwaltungsgerichts die Art. 121­128 des Bundesgerichtsgesetzes  vom 17. Juni 2005 (BGG, SR 173.110) sinngemäss gelten, dass  gemäss  Art.  47  VGG  auf  Inhalt,  Form  und  Ergänzung  des  Revisionsgesuches  Art.  67  Abs.  3  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)  Anwendung findet, dass  mit  dem  ausserordentlichen  Rechtsmittel  der  Revision  die  Unabänderlichkeit  und  Massgeblichkeit  eine  rechtskräftigen 

E­6182/2011 Beschwerdeentscheides  angefochten  werden  kann,  im  Hinblick  darauf,  dass die Rechtskraft beseitigt und über die Sache neu entschieden wird, dass  in  der  Rechtschrift  die  Rechtzeitigkeit  des  Revisionsbegehrens  darzutun  und  zudem  anzugeben  ist,  welcher  gesetzliche  Revisionstatbestand angerufen wird und inwieweit Anlass besteht, gerade  diesen Revisionsgrund geltend zu machen, dass  auf  ein  Gesuch  nur  einzutreten  ist,  wenn  ihm  genügend  substanziierte,  wirkliche  Rechtsmittelgründe  zu  entnehmen  sind  (vgl.  etwa  FRITZ  GYGI,  Bundesverwaltungsrechtspflege,  2. Aufl.,  Bern  1983,  S. 229  f.  mit  Hinweisen),  es  demgegenüber  für  das  Eintreten  nicht  erforderlich ist, dass die angerufenen Revisionsgründe wirklich bestehen,  sondern  dafür  genügt,  dass  der  Gesuchsteller  deren  Vorhandensein  behauptet (vgl. BGE 96 I 279), dass die Gesuchstellenden sich in ihrer Eingabe auf den Revisionsgrund  von  Art.  121  Bst.  d  BGG  berufen  und  geltend  machen,  das  Bundesverwaltungsgericht  habe  die  am  29.  Juli  2011  zu  den  Akten  gereichte Replikschrift aus Versehen nicht berücksichtigt, dass  zudem  die  Revisionseingabe  vom  11.  November  2011  innert  90  Tagen  nach  Erlass  des  Beschwerdeurteils  und  daher  fristgerecht  eingereicht worden  ist, weshalb auf das Revisionsgesuch einzutreten  ist  (vgl. Art. 124 BGG; Art. 47 VGG i.V.m. Art. 67 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 52  VwVG),  nachdem  die  Gesuchstellenden  durch  das  angefochtene  Urteil  besonders  berührt  sind  und  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  dessen  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  haben,  womit  die  Legitimation  gegeben  ist  (vgl.  analog  Art.  48  Abs.  1  VwVG;  vgl.  URSINA BEERLI­ BONORAND,  Die  ausserordentlichen  Rechtsmittel  in  der  Verwaltungsrechtspflege  des  Bundes  und  der  Kantone,  Zürich  1985,  S. 65 ff.), dass  die  Gesuchstellenden  zur  Begründung  ihres  Revisionsgesuchs  ausführen,  das  Bundesverwaltungsgericht  habe  die  am  29.  Juli  2011  eingereichte Replikschrift versehentlich nicht berücksichtigt und die darin  enthaltenen  Tatsachen  seien  erheblich,  zumal  geschildert  werde,  dass  die Kinder der Gesuchstellenden ernsthaft erkrankt seien, der Sohn einen  (…)  und  die  Tochter  (…)probleme  habe,  wobei  eine  Behandlung  im  Heimatstaat mangels Krankenversicherung nicht möglich sei,

E­6182/2011 dass  die  Gesuchstellenden  in  der  Replik  ausserdem  ihre  schwierige  Wohnsituation in Mazedonien geschildert hätten, dass  sich  vor  diesem  Hintergrund  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  unzumutbar  erweise,  zumal  die  Familie  in  Mazedonien  keine  Lebensgrundlage habe und ihre Existenz dort nicht gesichert sei, dass sich die Replik vom 29. Juli 2011 im Zeitpunkt der Urteilsfällung bei  den  Akten  befunden  hat  und  offensichtlich  versehentlich  nicht  berücksichtigt worden ist, dass bei dieser Sachlage zu prüfen ist, ob die in dieser Eingabe geltend  gemachten  Tatsachen  als  revisionsrechtlich  erheblich  im  Sinn  von  Art.  121 Bst.  d BGG zu qualifizieren sind, was nach Lehre und Praxis dann  gegeben  ist, wenn die Tatsache  geeignet  ist,  die  neue Entscheidung  in  einem  für  die  Gesuchstellenden  günstigen  Sinn  zu  beeinflussen  (vgl.  etwa BEERLI­BONORAND, a.a.O. S. 132 f. mit weiteren Hinweisen), dass  die  von  den  Gesuchstellenden  in  der  Replik  vom  29.  Juli  2011  geschilderten gesundheitlichen Probleme ihrer Kinder und die schwierige  Wohn­  und  Lebenssituation  im  Heimatstaat  bereits  im  erstinstanzlichen  Verfahren und in der Beschwerdeeingabe vorgebracht worden waren, dass das Bundesverwaltungsgericht die Vorinstanz  in  ihrer Aufforderung  zur  Vernehmlassung  speziell  auf  diese  Vorbringen  hingewiesen  hatte  (vgl. Verfügung vom 8. Juli 2011 S. 3 f.), dass  das  Bundesverwaltungsgericht  diese  Beschwerdevorbringen  und  insbesondere die gesundheitliche Problematik in seinem Urteil ausführlich  geprüft und unter verschiedenen Blickwinkeln gewürdigt hatte (vgl. Urteil  vom 22. August 2011 Erwägungen 3.3., 5.2 und 7.4.2), dass die Replik im Wesentlichen keine neuen Sachverhaltsdarstellungen  enthielt,  ausser  der  Behauptung,  die  Gesundheitsbeschwerden  der  Kinder  könnten  in  Mazedonien  (aus  ethnischen  Gründen  und  weil  die  Beschwerdeführenden  keine  Krankenversicherung  hätten)  nicht  behandelt werden, dass  das  Bundesverwaltungsgericht  in  seinem  Urteil  unter  Nennung  mehrerer Quellen ausführte,  in Mazedonien gebe es eine obligatorische  Krankenversicherung, welche auf das Prinzip der Universalität  (Deckung  aller  Bürger)  abstelle  und  namentlich  auch  Leistungen  für  nicht  versicherte  Kinder  erbringe,  und  eine  hinreichende  medizinische 

E­6182/2011 Versorgung sei  in ganz Mazedonien  flächendeckend zugänglich  (vgl. E.  7.4.2 S. 13), dass auch dieses Vorbringen  in der Replik offensichtlich nicht zu einem  für  die  Gesuchsteller  günstigeren  Ergebnis  geführt  hätte,  wenn  das  Gericht die Eingabe vom 29. Juli 2011 nicht übersehen hätte, dass  demnach  der  Revisionsgrund  des  versehentlichen  Übersehens  aktenkundiger  erheblicher  Tatsachen  nicht  gegeben  ist  und  das  Revisionsgesuch abzuweisen ist, dass  der  vom  Abteilungspräsidenten  nach  Abschluss  des  Beschwerdeverfahrens verfügte Vollzugsstopp vom 30. August 2011 bei  diesem Verfahrensausgang aufzuheben ist, dass  im Revisionsgesuch auf einen bereits vereinbarten Arzttermin vom  (…) 2011 (recte wohl: 2012) hingewiesen wird, dass  es  den  Gesuchstellenden  nötigenfalls  frei  steht,  beim  hierfür  zuständigen  BFM  ein  begründetes  Gesuch  um  Erstreckung  der  Ausreisefrist einzureichen, dass  bei  diesem  Ausgang  des  Revisionsverfahrens  die  Kosten  den  Gesuchstellenden  aufzuerlegen  wären,  diese  jedoch  aufgrund  der  vorliegenden  Aktenlage  sowie  aufgrund  der  belegten  Bedürftigkeit  der  Gesuchsteller gestützt auf Art. 65 Abs. 1 VwVG zu erlassen sind, dass  hingegen  das  Gesuch  um  Beigabe  einer  unentgeltlichen  Rechtsvertretung  im  Sinn  von  Art.  65  Abs.  2  VwVG  abzuweisen  ist,  nachdem  die  Gesuchstellenden  im  Rahmen  der  am  30.  August  2011  verfügten  vorsorglichen  Massnahme  auf  die  Revisionsmöglichkeit  hingewiesen  worden  sind,  und  sich  vorliegend  keine  komplexen  rechtlichen  Fragen  stellten,  die  eine  sachkundige  Rechtsvertretung  als  notwendig hätten erscheinen lassen, dass  die  Gesuche  um  Aussetzung  des  Wegweisungsvollzugs  für  die  Dauer  des  Revisionsverfahrens  und  um  Befreiung  von  der  Vorschusspflicht mit dem heutigen Entscheid gegenstandslos werden.

E­6182/2011 (Dispositiv nächste Seite)

E­6182/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Das Revisionsgesuch wird abgewiesen. 2.  Der  vom  Bundesverwaltungsgericht  am  30.  August  2011  verfügte  provisorische Vollzugsstopp wird aufgehoben.  3.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinn  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG wird  gutgeheissen;  das Gesuch  um Beigabe  einer amtlichen Rechtsvertretung im Sinn von Art. 65 Abs. 2 VwVG wird  abgewiesen. 4.  Für das Revisionsverfahren werden keine Kosten auferlegt. 5.  Dieses Urteil geht an die Gesuchstellenden, das BFM und die kantonale  Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Markus König Eveline Chastonay Versand:

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