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Bundesverwaltungsgericht 21.12.2011 E-5992/2008

21 décembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,371 mots·~7 min·3

Résumé

Vollzug der Wegweisung | Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 5. September 2008 / N

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­5992/2008 Urteil   v om   2 1 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richter Hans Schürch, Richterin Emilia Antonioni,  Gerichtsschreiber Rudolf Bindschedler. Parteien A._______, Kamerun,  (…), Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 5. September 2008 / N (…).

E­5992/2008 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführerin  verliess  den  Heimatstaat  eigenen  Angaben  zufolge am 6. oder 7. Oktober 2006 und gelangte am 7. oder 8. Oktober  2006  im Besitz  eines gültigen Visums auf  dem Luftweg  in  die Schweiz.  Am 14. Juni 2007 stellte sie im Empfangs­ und Verfahrenszentrum (EVZ)  Vallorbe  ein  Asylgesuch,  zudem  sie  am  18.  Juni  2007  summarisch  befragt  wurde.  Am  19.  November  2007  fand  in  Bern­Wabern  die  Anhörung zu den Asylgründen statt.  Zur  Begründung  ihres  Asylgesuchs  gab  die  Beschwerdeführerin  im  Wesentlichen  zu  Protokoll,  sie  stamme  aus  B._______  bei  C._______  und ihr Vater sei im Juni respektive Juli 2006 von Dorfbewohnern getötet  (und die Mutter verletzt) worden, weil diese seine Wahl zum (…) hätten  verhindern wollen. Sie sei  in der Folge aus der Gegend geflohen, wobei  sie ihre damals (…)jährige Tochter habe zurücklassen müssen. In Douala  habe  sie  das  Angebot  eines  Unbekannten  angenommen,  gegen  Vornahme  sexueller  Dienstleistungen  ihre  Ausreise  nach  Europa  zu  organisieren. Der Mann  habe  ihr  in  der  Folge  zu  den  nötigen Papieren  verholfen  und  ihr  auch  einen  Termin  auf  der  Schweizer  Botschaft  in  Yaoundé organisiert. B.  Mit  Verfügung  vom  18.  August  2008  gewährte  das  BFM  der  Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör zu verschiedenen Abklärungen  der  Schweizer  Botschaft  in  Yaoundé,  gemäss  denen  ihr  insbesondere  Ende September 2006 ein Visum für die Schweiz ausgestellt worden sei,  damit sie als Vertreterin einer  in C._______ ansässigen (…)organisation  an  einem  internationalen  Seminar  in  der  Schweiz  habe  teilnehmen  können. Mit  Eingabe  vom  28.  August  2008  liess  die  Beschwerdeführerin  durch  einen neu beauftragten Rechtsvertreter ihre Stellungnahme einreichen, in  der sie die Ergebnisse der Abklärungen generell bestritt. C.  Mit Verfügung vom 5. September 2008 – eröffnet am 9. September 2008  – lehnte  das  BFM  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin  ab  und  verfügte  ihre  Wegweisung  aus  der  Schweiz  samt  Vollzug.  Zur  Begründung  führte  es  an,  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  vermöchten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 des 

E­5992/2008 Asylgesetzes  vom 26. Juni  1998  (AsylG, SR 142.31)  nicht  zu  genügen;  zudem sei der Wegweisungsvollzug zulässig, zumutbar und möglich. D.  Mit  Beschwerdeerklärung  vom  20.  September  2008  an  das  Bundesverwaltungsgericht  beantragte  die  Beschwerdeführerin  inhaltlich  sinngemäss  die  Asylgewährung,  eventuell  die  Anordnung  ihrer  vorläufigen  Aufnahme,  und  führte  aus,  eine  Begründung  ihres  Rechtsmittels folge, sobald sie Einsicht in ihre Akten erhalten habe. E.  Die  vormals  zuständige  Instruktionsrichterin  forderte  die  Beschwerdeführerin  mit  Verfügung  vom  2.  Oktober  2008  zur  Verbesserung  ihrer Beschwerde (fehlende Begründung und Unterschrift)  auf. Mit (unterzeichneter) Eingabe vom 8. Oktober 2008 entschuldigte sich die  Beschwerdeführerin  für  verschiedene  formale  Fehler  der  Eingabe  vom  2. Oktober  2008,  reichte  ihre  Beschwerdebegründung  sowie  mehrere  Beweismittel  (insbesondere  einen  Todesschein  des  Vaters  im  Original,  einen auf sie ausgestellten Haftbefehl im Original und vier Fotografien) zu  den Akten und stellte die folgenden Rechtsbegehren: ­ "Ich ersuche um Sistierung der Wegweisung. ­ Ich  ersuche  um  eine  vorläufige  Aufnahme,  weil  die  Rückkehr  in  mein  Heimatland nicht zumutbar und nicht zulässig ist. ­ Ich ersuche um unentgeltliche Rechtspflege gemäss Art. 65 VwVG". Am 9. Oktober 2008 reichte die Beschwerdeführerin einen Arztbericht des  Inselspitals Bern vom 2. Oktober 2008 zu den Akten. F.  Mit Verfügung vom 17. Oktober 2011 stellte die  Instruktionsrichterin der  Beschwerdeführerin  wunschgemäss  ein  Aktenstück  zu,  überwies  die  Akten  an  die  Vorinstanz  und  forderte  diese  zur  Vernehmlassung  zur  Beschwerde auf. Am  20.  Oktober  2011  reichte  das  BFM  seine  Vernehmlassung  zu  den  Akten. G.  Die  Instruktionsrichterin  brachte  der  Beschwerdeführerin  die 

E­5992/2008 Vernehmlassung mit Verfügung vom 27. Oktober 2008 zur Kenntnis und  setzte  Frist  zur  Einreichung  einer  Replik;  dabei  machte  sie  die  Beschwerdeführerin  auch  auf  eine  inhaltliche  Ungereimtheit  zwischen  ihrer  Sachverhaltsdarstellung  und  dem  nachgereichten  Haftbefehl  aufmerksam und forderte sie zur Stellungnahme innert gleicher Frist auf. Am 4. November 2008 reichte die Beschwerdeführerin  ihre Replik sowie  zwei  Berichte  über  die  Behandlung  von  HIV/AIDS  in  Kamerun  zu  den  Akten  (ohne  sich  zu  dem  von  der Richterin  hervorgehobenen  Punkt  zu  äussern). H.  Am 4. Februar 2009 reichte die Beschwerdeführerin einen Arztbericht der  Universitären  Psychiatrischen  Dienste  D._______  vom  26.  November  2008 zu den Akten. I.  Anfang November 2011 übernahm der vorsitzende Richter das Verfahren  von  der  bisherigen  Instruktionsrichterin  und  forderte  die  Beschwerdeführerin  mit  Verfügung  vom  8.  November  2011  zur  Einreichung eines aktualisierten Arztberichts auf. Mit  Begleitschreiben  vom  15.  November  2011  reichte  der  zuständige  Oberarzt  des  Inselspitals  im  Namen  der  Beschwerdeführerin  einen  ausführlichen medizinischen Bericht vom 2. Oktober 2008 zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinn  von Art. 32 VGG  liegt  nicht  vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  –  vorbehältlich  des  Vorliegens  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  –  endgültig  (Art. 105  AsylG; 

E­5992/2008 Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 108  sowie 105 AsylG  i.V. mit Art.  37 VGG und Art.  48 Abs.  1 und  Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Mit Verfügung des BFM vom 5. September 2008 wurde das Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin  abgelehnt  und  sie  aus  der  Schweiz  weggewiesen. Die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde richtet  sich  –  den  klaren  Anträgen  in  der  Eingabe  vom  7.  Oktober  2008  entsprechend  –  einzig  gegen  die  Anordnung  des  Vollzugs  der  Wegweisung  der  Beschwerdeführerin.  Damit  sind,  wie  in  der  Instruktionsverfügung  vom  8.  November  2011  festgestellt,  die  Dispositivziffern 1 bis 3 der Verfügung vom 5. September 2008 betreffend  Verneinung  der  Flüchtlingseigenschaft,  Abweisung  des  Asyls  und  Anordnung der Wegweisung in Rechtskraft erwachsen.  4.  4.1. Das BFM  hatte  die  Vorbringen, mit  der  die  Beschwerdeführerin  ihr  Asylgesuch  begründet  hatte,  mit  überzeugender  Argumentation  als  unglaubhaft  qualifiziert  (abgesehen  von  der  irrtümlich  falschen  Wiedergabe  von  Reisedaten  in  der  angefochtenen  Verfügung,  für  welches Versehen sich das BFM in seiner Vernehmlassung entschuldigt  hat).  Die  vom  BFM  angeforderten  Visumsunterlagen  der  Botschaft  im  Heimatland  entziehen  der  Sachverhaltsdarstellung  der  Beschwerdeführerin  auch  nach  Auffassung  des 

E­5992/2008 Bundesverwaltungsgerichts  jede Grundlage. Ein Versehen der Botschaft  kann ausgeschlossen werden, nachdem Kopien des – mit Fotografien der  Beschwerdeführerin  versehenen  –  Visumsantrags  bei  den  BFM­Akten  liegen.  Der  Sachverhalt  ist  (auch)  diesbezüglich  erstellt  und  weitere  Abklärungen  erweisen  sich  als  unnötig  (vgl.  Beschwerdeverbesserung  S. 3 f.).  Soweit  sinngemäss  die  Verletzung  des  rechtlichen Gehörs  gerügt  wird,  weil  das BFM Hinweise  auf  zusätzliche Ungereimtheiten  nicht  im Detail  substanziiert  hatte  (vgl. Beschwerdeergänzung S.  5),  erweist  sich diese  Rüge  als  offensichtlich  unbegründet:  Das  BFM  hatte  zu  Recht  ausdrücklich  festgehalten,  diese  Punkte  müssten  angesichts  der  klaren  Aktenlage nicht näher geprüft werden (vgl. Verfügung S. 3). 4.2.  An  den  vorstehenden  Feststellungen  vermögen  auch  die  auf  Beschwerdeebene eingereichten Beweismittel nichts zu ändern:  4.2.1.  Der  angebliche  Haftbefehl  weist  nicht  nur  formale  Fälschungsmerkmale auf, sondern lässt sich inhaltlich offensichtlich nicht  mit  der  Sachverhaltsdarstellung  der  Beschwerdeführerin  in  Einklang  bringen,  nachdem  diese  darin  wegen  Verletzung  der  Bestimmung  von  "Section 276  of  the  penal  code"  (die  Bestimmung  betrifft  das  Delikt  "capital  murder")  zur  Verhaftung  ausgeschrieben  wird,  weil  sie  nämlich  den  Tod  ihres  Vaters  geplant  verursacht  ("by  premeditation  cause  the  death  of")  habe.  Bezeichnenderweise  verzichtete  die  von  der  Instruktionsrichterin  auf  diese  Unstimmigkeit  aufmerksam  gemachte  Beschwerdeführerin  darauf,  hierzu  eine  Stellungnahme  abzugeben.  Es  handelt sich offensichtlich nicht um ein authentisches Dokument. 4.2.2. Unter den gegebenen Umständen liegt die Vermutung nahe, dass  es  sich  auch  beim  eingereichten  Todesschein  des  Vaters  nicht  um  ein  echtes  Beweismittel  handelt.  Die  Frage  kann  offen  bleiben,  weil  dem  Dokument  selbst  bei  Annahme  seiner  Echtheit  im  vorliegend  interessierenden  Kontext  nur  zu  entnehmen  wäre,  dass  der  Vater  der  Beschwerdeführerin  am  (…)  2006  in  B._______  verstorben  sei  (diese  hatte  übrigens  anlässlich  der  Summarbefragung  wiederholt  angegeben,  der Vater sei im (…) 2006 getötet worden; vgl. Protokoll EVZ S. 6). 4.2.3.  Die  vier  eingereichten  Fotografien  sind  insoweit  nicht  aussagekräftig  als  völlig  unklar  ist,  von  wem  sie  wann  unter  welchen 

E­5992/2008 Umständen  aufgenommen  wurden  und  wer  die  darauf  abgebildeten  Personen sind. 4.3.  Bei  der  nachfolgenden  Beurteilung  der  Durchführbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  ist demnach davon auszugehen, dass die geltend  gemachten Fluchtgründe nicht existieren und die Beschwerdeführerin als  Vertreterin  einer  kamerunischen  (…)organisation  an  einem  internationalen Seminar  in  der Schweiz  teilgenommen  und  in  der  Folge    – bezeichnenderweise erst nach rund (…)monatigem illegalem Aufenthalt  in der Schweiz – ein Asylgesuch gestellt hat. 5.  Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so  verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den  Vollzug  an;  dabei  ist  der  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  zu  berücksichtigen  (Art. 44 Abs. 1 AsylG).  Ist  der  Vollzug  der Wegweisung  nicht möglich, nicht zulässig oder nicht zumutbar,  regelt das Bundesamt  das Anwesenheitsverhältnis  nach  den  gesetzlichen Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]).  Der Vollzug  ist nicht möglich, wenn der Ausländer oder die Ausländerin  weder in den Herkunfts­ oder in den Heimatstaat noch in einen Drittstaat  verbracht  werden  kann.  Er  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der ausländischen Person  in  ihre Heimat­, Herkunfts­ oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83  Abs. 2­4 AuG). Die  Wegweisungsvollzugshindernisse  (Unmöglichkeit,  Unzumutbarkeit,  Unzulässigkeit) sind alternativer Natur: Sobald eines von ihnen erfüllt  ist,  ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die  weitere Anwesenheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die  vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).  6.  Gemäss  Art.  83  Abs.  4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG – 

E­5992/2008 die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3818).  6.1.  In  Kamerun  herrschen  weder  Krieg,  noch  Bürgerkrieg  oder  eine  Situation  allgemeiner  Gewalt,  die  für  die  Beschwerdeführerin  bei  der  Rückkehr  in  ihren  Heimatstaat  eine  konkrete  Gefährdung  darstellen  würde.  Es bleibt demnach zu prüfen, ob  individuelle Gründe vorliegen, die eine  Rückkehr  der  Beschwerdeführerin  als  unzumutbar  erscheinen  lassen  könnten.  Insbesondere  ist  zu  prüfen,  ob  die  geltend  gemachten  gesundheitlichen Beschwerden ein individuelles Vollzugshindernis bilden. 6.2.  Aus  medizinischen  Gründen  kann  sich  der  Wegweisungsvollzug  gestützt  auf Art.  83 Abs. 4 AuG als unzumutbar erweisen, wenn  für die  betroffene  Person  bei  einer  Rückkehr  in  ihre  Heimat  eine  wesentliche  medizinische Behandlung nicht erhältlich wäre und dies eine existenzielle  Gefährdung  zur  Folge  hätte.  Der  Umstand  alleine,  dass  die  Spitalinfrastruktur oder das medizinische Fachwissen im Heimatstaat ein  tieferes  Niveau  aufweisen,  führt  demgegenüber  praxisgemäss  nicht  zur  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs.  Bei  der  Prüfung  der  Voraussetzungen von Art. 83 Abs. 4 AuG sind humanitäre Überlegungen  im  Einzelfall  gegen  andere  öffentliche  Interessen  abzuwägen,  die  allenfalls  für  den  Vollzug  der  Wegweisung  sprechen  würden,  was  den  Asylbehörden  einen  Ermessensspielraum  lässt  (vgl.  zum  Ganzen  etwa  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  vormaligen  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 16 E. 6b S. 123, EMARK 2003  Nr. 24 E. 5a und 5b S. 157 f.).  6.3.  Den  aktuellen  Berichten  des  Universitätsspitals  Bern  ist  zu  entnehmen, dass die Beschwerdeführerin an einer HIV1­Infektion  leidet,  die  im  November  2007  im  Rahmen  einer  Routinekontrolle  entdeckt  worden sei. Im Zug einer im Februar 2008 eingeleiteten – voraussichtlich  lebenslang  fortzusetzenden  –  antiretroviralen  Therapie  sei  eine  Verbesserung  der  zellulären  Immunität  feststellbar  gewesen;  opportunistische Infektionen seien bisher nicht aufgetreten.  6.3.1. Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  von  abgewiesenen  HIV­positiven  Asylgesuchstellern  –  vorbehältlich  insbesondere  länderspezifischer 

E­5992/2008 Besonderheiten –  in der Regel  zumutbar,  solange die HIV­Infektion das  Stadium  C  noch  nicht  erreicht  hat,  das  heisst  AIDS  noch  nicht  ausgebrochen  ist  (vgl.  BVGE  2009/2  E.  9.3.4  unter  Bezugnahme  auf  EMARK 2004 Nr. 7,  in welchem Leitentscheid die vormalige ARK diese  Praxis  im  Kontext  eines  abgewiesenen  kamerunischen  Asylsuchenden  entwickelt hatte).  6.3.2.  Die  (offenbar  stabile)  HIV­Infektion  der  Beschwerdeführerin  befindet sich  im Krankheitsstadium A3. Gemäss der Praxis des Gerichts  vermöchte  diese  Erkrankung  der  Beschwerdeführerin  den  Vollzug  ihrer  Wegweisung  nach  Kamerun  demnach  wohl  nicht  unzumutbar  machen  (vgl.  etwa  die  Urteile  E­8875/2010  vom  10.  Februar  2011  E.  7.4,  D­1453/2008 vom 14. Juni 2011 E. 5.5, D­7647/2009 vom 1. März 2010  E. 6.2.2 und D­4897/2009 vom 4. November 2009 E. 6.2). 6.4.  Im aktuellen Bericht des E._______spitals vom 15. November 2011  wird  ausserdem  festgehalten,  die  Beschwerdeführerin  leide  an  einer  posttraumatischen  Belastungsstörung  mit  depressiver  Symptomatik  und  sei  deswegen  in  psychiatrischer  Behandlung.  Bereits  im Arztbericht  der  Universitären  Psychiatrischen  Dienste  D._______  vom  26.  November  2008 war die gleiche Diagnose gestellt  und auf die Notwendigkeit  einer  antidepressiven Therapie hingewiesen worden. 6.4.1.  Die  Behandelbarkeit  der  psychischen  Beschwerden  der  Beschwerdeführerin  im  Heimatland  steht  nicht  ohne  weiteres  fest:  Das  Bundesverwaltungsgericht hat zwar in verschiedenen Urteilen festgestellt,  dass  die  beiden  Grossstädte  Yaoundé  und  Douala  eine  gewisse  psychiatrische Infrastruktur aufweisen und psychische Erkrankungen dort  grundsätzlich  behandelt  werden  können  (vgl.  etwa  die  Urteile  D­ 1453/2008 vom 14. Juni 2011 E. 5.7, E­5713/2008 vom 5. August 2010  E. 6.3.5  und  D­7647/2009  vom  1.  März  2010  E.  6.2.2).  Die  Beschwerdeführerin stammt aber aus dem nordwestlichen Landesteil und  ihre  Herkunftsregion  ist  in  Luftlinie  rund  (…)  km  von  den  beiden  erwähnten Grossstädten entfernt. 6.4.2. Die Frage der Behandelbarkeit der psychischen Erkrankung kann  vorliegend  indessen  offen  bleiben:  Der  aktuelle  Arztbericht  des  E._______spitals  enthält  neben  der  HIV­Erkrankung  und  den  psychischen  Krankheitsbildern  unter  anderem  die  zusätzlichen  Diagnosen  einer  Hepatitis  B­Erkrankung,  einer  latenten  Tuberkulose,  einer  Polylymphadenopathie  (krankhafte  Schwellung  mehrerer 

E­5992/2008 Lymphknoten, offenbar im Zusammenhang mit der HI­Virusinfektion) und  einer Adipositas (so genannte Fettsucht).  Angesichts dieser Kombination multidisziplinärer Erkrankungen geht das  Bundesverwaltungsgericht  –  wie  schon  in  ähnlich  gelagerten  anderen  Beschwerdeverfahren  (vgl.  beispielsweise  Urteile  D­2926/2008  vom  8. April  2011  E.  6.4,  E­894/2008  vom  8.  April  2011  E. 7.4 ff.  und  E­5822/2008 vom 17. Februar 2011 E. 5) – davon aus, dass der Vollzug  der  Wegweisung  der  Beschwerdeführerin  nach  Kamerun  spätestens  mittelfristig eine drastische und lebensbedrohende Verschlechterung des  Gesundheitszustands  zur  Folgte  hätte.  An  dieser  Feststellung  vermag  auch der Hinweis der Vorinstanz auf die Möglichkeiten der medizinischen  Rückkehrhilfe  nichts  zu  ändern,  nachdem  solche  Massnahmen  grundsätzlich  auf  die  Dauer  von  sechs  Monaten  beschränkt  sind  (vgl.  Art. 75  Abs.  1  der  Asylverordnung 2  vom  11. August  1999  über  Finanzierungsfragen [AsylV 2, SR 142.312]). 6.5.  Unter  Würdigung  aller  Umstände  des  vorliegenden  Verfahrens  qualifiziert  das  Bundesverwaltungsgericht  den  Vollzug  der Wegweisung  der Beschwerdeführerin deshalb als unzumutbar im Sinn von Art. 83 Abs.  4 AuG.  6.6. Den Akten  sind  keine Hinweise auf Ausschlussgründe gemäss Art.  83 Abs.  7 AuG  zu  entnehmen. Die  –  auf  den Vollzug  der Wegweisung  beschränkte – Beschwerde ist somit gutzuheissen, die Dispositivziffern 4  und 5 der Verfügung des BFM vom 5. September 2008 aufzuheben und  das BFM anzuweisen, die  vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin  in der Schweiz anzuordnen. Die Frage nach dem Vorliegen anderer Wegweisungsvollzugshindernisse  (Unzulässigkeit, Unmöglichkeit) stellt sich demnach nicht mehr. 7.  7.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu  erheben  (Art.  63  Abs.  1  VwVG).  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG  wird  gegenstandslos.  7.2. Die Frage der Anordnung einer Parteientschädigung stellt sich nicht,  weil  die  Beschwerdeführerin  im  Rahmen  des  vorliegenden  Verfahrens  nicht  verbeiständet  war  und  ihr  daher  keine  notwendigen  und 

E­5992/2008 verhältnismässig  hohen Parteikosten  im Sinn  von Art.  64 Abs.  1 VwVG  erwachsen sein können. (Dispositiv nächste Seite)

E­5992/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die  Dispositivziffern  4  und  5  der  angefochtenen  Verfügung  vom  5.  September  2008  werden  aufgehoben.  Das  BFM  wird  angewiesen,  die  vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz anzuordnen. 3.  Es werden keine Kosten auferlegt. 4.  Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen.  5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Markus König Rudolf Bindschedler Versand:

E-5992/2008 — Bundesverwaltungsgericht 21.12.2011 E-5992/2008 — Swissrulings