Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 23.02.2012 E-5907/2010

23 février 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,891 mots·~9 min·3

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 20. Juli 2010 / N

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­5907/2010 Urteil   v om   2 3 .   Februar   2012 Besetzung Einzelrichterin Regula Schenker Senn, mit Zustimmung von Richter Hans Schürch;   Gerichtsschreiberin Néomie Nicolet. Parteien A._______, (Beschwerdeführer 1), B._______, (Beschwerdeführerin 2), C._______, (Beschwerdeführer 3), D._______, (Beschwerdeführer 4), Serbien,  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 20. Juli 2010 / N (…).

E­5907/2010 Sachverhalt: A.  Gemäss  eigenen  Angaben  verliessen  die  Beschwerdeführenden  ihren  Heimatstaat Serbien am 27. Juni 2010 und  reisten am 28. Juni 2010  in  die  Schweiz  ein,  wo  sie  gleichentags  um  Asyl  nachsuchten.  Anlässlich  der  Kurzbefragungen  vom  1.  Juli  2010  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ) E._______ und den Anhörungen vom 13. Juli  2010  zu  den  Asylgründen  machten  sie  im  Wesentlichen  Folgendes  geltend: Sie  seien  ethnische Roma und  in  ihrem Heimatland Serbien Schikanen  sowie  Belästigungen  ausgesetzt  gewesen  und  hätten  deswegen  mehrfach  ihren  Wohnort  wechseln  müssen.  Am  25.  Juni  2010  sei  der  Beschwerdeführer  1  von  zwei  Mafiosi  aufgefordert  worden,  ein  Auto  gegen  Bezahlung  von  3'000  Euro  über  die  Grenze  nach  Ungarn  zu  fahren.  Die  beiden  hätten  den  Beschwerdeführer  1 massiv  unter  Druck  gesetzt  und  körperliche Gewalt  angewendet.  Er  habe  den  Auftrag  trotz  der  angebotenen Bezahlung  nicht  akzeptiert,  worauf  die  beiden Mafiosi  tags  darauf  die  Beschwerdeführer  3  und  4  in  ihre  Gewalt  genommen  hätten. Erst als der Beschwerdeführer 1 dem Transport zugestimmt habe,  seien die beiden Kinder – nach einer Nacht in Gewahrsam der Entführer  – wieder freigelassen worden. Die Beschwerdeführenden hätten noch am  selben Tag  ihr Dorf  verlassen und sich entschlossen, Serbien endgültig  zu  verlassen. Weil  die Mafiosi mit  dem  Tod  der  Kinder  gedroht  hätten,  hätten  sie  (die  Beschwerdeführenden)  keine  Meldung  bei  der  Polizei  gemacht. Hinzu komme, dass sie wegen schlechten Erfahrungen  in der  Vergangenheit  ohnehin  das Vertrauen  in  die Polizei  und die  serbischen  Behörden verloren hätten.  Als  Beweismittel  reichten  die  Beschwerdeführenden  ihre  Geburts­  und  Heimatscheine,  die  Identitätskarte  des  Beschwerdeführers  1  sowie  weitere unübersetzte Dokumente zu den Akten.  B.  Mit Verfügung vom 20. Juli 2010 – eröffnet am 21. Juli 2010 – lehnte das  BFM die Asylgesuche  der Beschwerdeführenden  ab  und  ordnete  deren  Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Auf die Begründung  wird, soweit entscheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen. 

E­5907/2010 C.  Mit Beschwerdeeingabe  vom 17. August  2010  (Poststempel  19. August  2010)  beantragten  die  Beschwerdeführenden  die  Aufhebung  der  angefochtenen Verfügung,  die Gewährung  des Asyls  sowie  eventualiter  die Gewährung der vorläufigen Aufnahme in der Schweiz. In prozessualer  Hinsicht beantragten sie die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege  und die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde.  Auf die Begründung wird soweit entscheidwesentlich, in den Erwägungen  eingegangen.  Als Beweismittel reichten sie eine Fürsorgebestätigung zu den Akten.  D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  2.  September  2010  stellte  die  Instruktionsrichterin  den  legalen  Aufenthalt  der  Beschwerdeführenden  während  des  Verfahrens  fest,  wies  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  infolge  Aussichtslosigkeit  der  Beschwerde  ab  und  setzte  Frist  zur  Leistung  eines  Kostenvorschusses,  zur  Einreichung der  in der Beschwerde erwähnten ärztlichen Zeugnisse und  zur Unterzeichnung einer Entbindungserklärung.  Mit  Schreiben  vom  8.  September  2010  reichten  die  Beschwerdeführenden die unterzeichnete Erklärung "Entbindung von der  ärztlichen  Schweigepflicht"  sowie  vier  weitere  Arztzeugnisse  betreffend  den Beschwerdeführenden (…) zu den Akten.  Mit  Zahlung  vom  8.  September  2010  wurde  der  Kostenvorschuss  fristgerecht geleistet.  E.   Mit  Beschwerdeergänzung  vom  22.  Dezember  2010  wurde  ein  Bericht  "Sprechstunde  Neurologie"  vom  5.  November  2011  betreffend  den  Beschwerdeführer (…) zu den Akten gereicht.  F.   Mit weiteren Beschwerdeergänzungen vom 14. Januar respektive 22. Juli  2011  wurden  ärztliche  Beweismittel  betreffend  den  Beschwerdeführer  (…) zu den Akten gereicht.  G.  Mit  Zwischenverfügung  vom  19.  Januar  2012  setzte  die 

E­5907/2010 Instruktionsrichterin  den  Beschwerdeführenden  Frist  zur  Einreichung  allfälliger  medizinischer  Berichte  betreffend  Beschwerdeführer  (…),  welche  im  Anschluss  an  den  Bericht  vom  6.  Juli  2011  entstanden  sind  beziehungsweise zur Mitteilung gesundheitlicher Veränderungen. H.  Mit  Schreiben  vom  26.  Januar  2012  liessen  die  Beschwerdeführenden  durch eine angeblich neu mandatierte Rechtsvertreterin einen ärztlichen  Bericht  vom  25.  Januar  2012  betreffend  den  Beschwerdeführer  (…)  zu  den Akten reichen, wobei keine Vollmacht beigebracht wurde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Nachdem  die  Beschwerdeführenden  im  Schreiben  vom  26.  Januar  2012  zwar  die  Mandatierung  einer  Rechtsvertreterin  anzeigten,  jedoch  keine  Vollmacht  beibrachten,  werden  sie  vorliegend  als  nicht  vertreten  betrachtet und das Urteil wird ihnen eröffnet. 

E­5907/2010 1.4.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 108 AsylG  sowie Art.  105 AsylG  i.V.m.  Art.  37 VGG und Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde  ist  einzutreten.  2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten  Richterin  entschieden  (Art. 111  Bst. e  AsylG).  Wie  nachstehend  aufgezeigt,  handelt  es  sich  vorliegend  um  eine  solche,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen  ist  (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4.  4.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich  die  Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den  frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 4.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere 

E­5907/2010 Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). Nach Lehre und Praxis ist für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft  erforderlich,  dass  die  asylsuchende  Person  ernsthafte  Nachteile  von  bestimmter  Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche  im Falle einer  Rückkehr  in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und  in  absehbarer  Zukunft  befürchten  muss.  Die  Nachteile  müssen  der  asylsuchenden  Person  gezielt  und  aufgrund  bestimmter  Verfolgungsmotive  drohen  oder  zugefügt  worden  sein  (vgl. W. STÖCKLI,  §11 Asyl,  in: Uebersax/Rudin/Hug Yar/Geiser  [Hrsg.], Ausländerrecht, 2.  Auflage,  Basel  2009,  S.  521  –  588,  S.  525  ff.).  Gemäss  Schutztheorie  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2006  Nr. 18  S. 180)  kann  eine  Verfolgungshandlung  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  von  staatlichen  oder  nichtstaatlichen  Akteuren  ausgehen.  Danach  ist  nichtstaatliche  Verfolgung als Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes zu erachten, wenn  der Staat  unfähig oder nicht willens  ist, Schutz  vor besagter Verfolgung  zu  bieten.  Es  ist  dabei  nicht  eine  faktische  Garantie  für  langfristigen  individuellen  Schutz  der  von  nichtstaatlicher  Verfolgung  bedrohten  Person  zu  verlangen, weil  es  keinem Staat  gelingen  kann,  die  absolute  Sicherheit  seiner  Bürgerinnen  und  Bürger  jederzeit  und  überall  zu  garantieren. Erforderlich ist aber, dass eine funktionierende und effiziente  Schutzinfrastruktur  zur  Verfügung  steht,  wobei  in  erster  Linie  an  polizeiliche Aufgaben wahrnehmende Organe sowie an ein Rechts­ und  Justizsystem zu denken ist, das eine effektive Strafverfolgung ermöglicht.  Die  Inanspruchnahme  dieses  Schutzsystems  muss  der  betroffenen  Person  zudem  objektiv  zugänglich  und  individuell  zumutbar  sein,  was  jeweils  im  Rahmen  einer  Einzelfallprüfung  unter  Berücksichtigung  des  länderspezifischen Kontexts zu beurteilen ist (vgl. EMARK 2006 Nr. 18 E.  10.2 S. 202  f.; EMARK 2006 Nr. 32 E. 6.1 S. 340  f.). Die Anerkennung  der Flüchtlingseigenschaft setzt ferner voraus, dass die betroffene Person  einer landesweiten Verfolgung ausgesetzt ist und nicht in einem anderen  Teil  ihres  Heimatstaates  um  effektiven  Schutz  nachsuchen  kann  (vgl.  EMARK 2006 Nr. 18 E. 10.3.1 f. S. 203 mit weiteren Hinweisen). 5. 

E­5907/2010 5.1.  Die  Vorinstanz  hält  zur  Begründung  ihres  ablehnenden  Asylentscheides  im  Wesentlichen  fest,  dass  sich  im  Zuge  des  demokratischen  Wandels  die  Situation  der  ethnischen  Minderheiten  in  Serbien  entspannt  habe.  Am  25. Februar  2002  sei  das  Bundesgesetz  zum Schutz und zur Freiheit der nationalen Minoritäten in Kraft getreten.  Es  handle  sich  hierbei  um  einen  gesetzlichen Rahmen,  der  die Rechte  der  nationalen  Minderheiten  und  der  Angehörigen  schütze.  Vereinzelte  Übergriffe  durch  Drittpersonen  auf  Roma  könnten  zwar  nicht  restlos  ausgeschlossen  werden,  hingegen  komme  solchen  Verfolgungsmassnahmen  in der Regel  keine asylrelevante  Intensität  zu.  Ausserdem billige oder unterstütze der Staat solche Übergriffe nicht. Die  von  den  Beschwerdeführenden  dargelegten  Vorfälle  würden  auch  in  Serbien Straftatbestände darstellen, die verfolgt würden.  Es sei daher  nicht  nachvollziehbar,  weshalb  die  Beschwerdeführenden  die  diversen  strafrechtlich  relevanten  Übergriffe  – insbesondere  die  fluchtauslösenden  Behelligungen  durch  die  Mafiosi  und  die  Entführung  ihrer  Kinder  –  nicht  zur  Anzeige  gebracht  hätten,  obschon  ihnen  die  Inanspruchnahme  des  staatlichen  Schutzsystems  objektiv  zugänglich  und  individuell  zumutbar  gewesen  wäre.  Die  Begründung für den Verzicht auf eine Anzeige, wonach sie sich vor den  Mafiosi  gefürchtet  hätten  und  die  Polizei  ohnehin  nicht  geholfen  hätte,  überzeuge nicht. Weil grundsätzlich vom Vorhandensein eines adäquaten  Schutzes durch den Heimatstaat auszugehen sei, seien die Übergriffe im  vorliegenden  Fall  nicht  asylrelevant.  Die  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden  würden  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  von  Art. 3  AsylG  nicht  standhalten,  weshalb  die  Asylgesuche abzulehnen seien.  5.2.  In  ihrer Rechtsmitteleingabe wiederholen die Beschwerdeführenden  ihre bereits bei der Vorinstanz gemachten Vorbringen und weisen erneut  auf  die  schwierige Situation  der Roma  in Serbien  hin. Weiter  rügen  sie  eine  unvollständige  Sachverhaltsfeststellung  des  BFM  (Narben  Beschwerdeführer  1  und  Vorfall  Beschwerdeführerin  2  mit  Nachbarin).  Weiter habe es nicht berücksichtigt,  dass die Beschwerdeführenden die  Entführung  der  Kinder  nicht  der  Polizei  hätten  melden  können,  da  die  Entführer  mit  deren  Tötung  gedroht  hätten,  für  den  Fall  einer  Anzeige.  Diese  Gefahr  habe  sie  davon  abgehalten  sich  an  die  Behörden  zu  wenden.  Überdies  sei  aufgrund  der  psychischen  Probleme  bei  den  einzelnen  Familienmitgliedern  und  der  erlebten  Entführung  eine  Wegweisung aus der Schweiz unzulässig und unzumutbar. 

E­5907/2010 5.3.  Die  Instruktionsrichterin  erwog  in  der  Zwischenverfügung  vom  2. September  2010  zur  Begründung  der  Aussichtslosigkeit  der  Beschwerde,  dass  die  angefochtene  Verfügung  nach  einer  summarischen  Prüfung  der  Akten  bestätigt  und  der  vorinstanzlichen  Einschätzung,  die  geltend  gemachten  Übergriffe  seien  asylrechtlich  als  nicht relevant zu qualifizieren, gefolgt werden dürfte. In Übereinstimmung  mit  der  Vorinstanz  sei  von  einem  adäquaten  staatlichen  Schutz  für  die  Beschwerdeführenden  auszugehen.  Betreffend  der  Rüge  der  nicht  vollständigen  Erhebung  des  Sachverhalts  wurde  argumentiert,  die  Vorinstanz  habe  in  ihren  Erwägungen  den  Sachverhalt  durchaus  vollständig berücksichtigt und sie sei nicht gehalten, sämtliche Vorbringen  der Beschwerdeführenden in der angefochtenen Verfügung zu rezitieren.  Die  geltend  gemachten  gesundheitlichen  Problemen  dürften  keine  ausreichenden Gründe darstellen, die einen Wegweisungsvollzug aus der  Schweiz  unzulässig  oder  unzumutbar  machen  würden,  zumal  diese  lediglich pauschal behauptet würden und  in Serbien aufgrund der  relativ  gut  ausgebauten  medizinischen  Infrastruktur  die  Behandlung  von  (…)  Problemen möglich sein dürfte.  5.4.  Das  Bundesverwaltungsgericht  schliesst  sich  den  ausführlichen  Erwägungen  der  Vorinstanz  zur  Situation  der  Minderheit  der  Roma  in  Serbien  sowie  zur  grundsätzlichen  Schutzfähigkeit  und  ­willigkeit  des  Staates  vollumfänglich  an.  Die  Beschwerdeführenden  haben  auf  den  Schutz und die Hilfe der heimatlichen Behörden verzichtet, indem sie die  Vorfälle – insbesondere die Entführung der Kinder – nicht bei der Polizei  oder  einer  allenfalls  höherrangigen Behörde  angezeigt  haben. Obschon  nachvollziehbar  ist,  dass  sie  während  der  Entführung  der  Kinder,  die  Anweisungen  der  Entführer  befolgt  haben,  hätten  die  Beschwerdeführenden  spätestens  nach  der  Freilassung  der Kinder  sich  an die Polizei wenden können. Die Asylrelevanz der geltend gemachten  Übergriffe  ist  demzufolge  zu  verneinen.  Die  zudem  vorgebrachten  alltäglichen  Benachteiligungen  und  Diskriminierungen  sind,  selbst  unter  Berücksichtigung  der  erschwerten  Lebensbedingungen  der  Roma,  mangels Verfolgungsintensität ebenfalls nicht asylrelevant. Aufgrund der  Aktenlage  erübrigt  es  sich  auf  die  weiteren  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden  einzugehen,  und  es  kann  zwecks  Vermeidung  weiterer  Wiederholungen  auf  die  einlässlichen  Erwägungen  der  Vorinstanz  in  ihrer  Verfügung  vom  20.  Juli  2010  und  die  Ausführungen  des  Bundesverwaltungsgerichts  in  der  Zwischenverfügung  vom  2.  September 2010 verwiesen werden. 

E­5907/2010 5.5.  Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführenden  die  Voraussetzungen  zur  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllen und die Vorinstanz die Asylgesuche zu Recht abgelehnt hat. Es  erübrigt  sich  auf  die  weiteren  Vorbringen  und  Beweismittel  näher  einzugehen,  zumal  sie  am  Ausgang  des  Verfahrens  nichts  zu  ändern  vermögen. 6. Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein,  so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet  den  Vollzug  an;  es  berücksichtigt  dabei  den  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.1.  Die  Beschwerdeführenden  verfügen  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet (Art. 44 Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E. 9). 7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art. 83  Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).  Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom 

E­5907/2010 4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den  Beschwerdeführenden  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  der  Beschwerdeführenden nach Serbien  ist demnach unter dem Aspekt von  Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den  Aussagen  der  Beschwerde­ führenden noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall  einer Ausschaffung nach Serbien dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wären.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses  müssten  die  Beschwerdeführenden  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihnen  im  Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  Serbien  lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt klarerweise nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 7.4.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Angesichts  der  heutigen  Lage  in  Serbien  ist  gemäss  konstanter  Praxis  nicht  von  einer  Situation  allgemeiner  Gewalt  oder  kriegerischen  respektive  bürgerkriegsähnlichen  Verhältnissen  zu  sprechen.  Zur  Lage 

E­5907/2010 der  Roma  in  Serbien  hat  sich  das  Bundesverwaltungsgericht  in  einem  publizierten  Urteil  vom  18. September  2009  ausführlich  geäussert.  Es  stellte unter anderem fest, aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit seien  Roma  generell  unterschiedlichen  Schikanen  und  Diskriminierungen  ausgesetzt  und  ihre  Lage  in  wirtschaftlicher  und  sozialer  Sicht  sei  allgemein  schwierig  (vgl.  BVGE  2009  Nr.  51  E.  5.7.2.).  Auch  wenn  Übergriffe  von  Privatpersonen  auf  Angehörige  der  Roma  und  teilweise  behördliche  Schikanen  sowie  Diskriminierungen  nicht  völlig  ausgeschlossen werden können, erreichen diese  jedoch  im Allgemeinen  nicht  ein Ausmass, welches einen Wegweisungsvollzug  als  unzumutbar  erscheinen lässt (vgl. statt vieler Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D­ 5714/2009 vom 13. November 2009). Im Rahmen der Anhörung und speziell auf Beschwerdeebene haben die  Beschwerdeführenden  diverse  gesundheitliche  (vor  allem  psychische)  Probleme  geltend  gemacht  und  diese mit  verschiedenen medizinischen  Berichten  und  Zeugnissen  belegt.  Aufgrund  der  bestehenden  Akten  ergeben  sich  jedoch  keine  Hinweise,  wonach  diese  Probleme  derart  gravierend wären, dass sie einem Wegweisungsvollzug entgegenstehen  würden, zumal Serbien über eine ausreichende medizinische Infrastruktur  verfügt,  welche  die  Behandlung  zulässt.  Weiter  war  es  dem  Beschwerdeführer  1  vor  der  Ausreise  möglich,  mit  dem  Handel  von  Daunenfedern  und  als  Taglöhner  den  Lebensunterhalt  der  Familie  zu  finanzieren.  Es  ist  ihm  zumutbar,  bei  einer  Rückkehr  diese  Tätigkeit  wieder  aufzunehmen.  Die  Beschwerdeführenden  sind  gemäss  Akten  Eigentümer eines Hauses in F._______, in welcher Stadt auch die Eltern  und  der  Bruder  des  Beschwerdeführers  1  wohnen  (vgl.  vorinstanzliche  Akten A1 F12, A9 F16). Die Beschwerdeführenden verfügen somit über  ein  eigenes  Zuhause  und  über  ein  familiäres  Beziehungsnetz  an  ihrem  letzten  Wohnsitz  in  Serbien.  Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so bildet  bei  der  Zumutbarkeitsprüfung  das  Kindeswohl  einen Gesichtspunkt  von  gewichtiger  Bedeutung.  Dies  ergibt  sich  nicht  zuletzt  aus  einer  völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AuG im Lichte von  Art.  3  Abs.  1  des  Übereinkommens  vom  20. November  1989  über  die  Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) (vgl. dazu EMARK 2005 Nr. 6 E. 6.  S.  57  f.).  In  diesem  Zusammenhang  ist  festzuhalten,  dass  unter  dem  Aspekt  des  Kindeswohls  sämtliche  Umstände  einzubeziehen  und  zu  würdigen sind, die im Hinblick auf einen Wegweisungsvollzug wesentlich  erscheinen  (vgl.  EMARK 1998 Nr.  13 E.  5e/aa). Der Persönlichkeit  des 

E­5907/2010 Kindes  und  seinen  Lebensumständen  ist  umfassend  Rechnung  zu  tragen. Dabei können bei dieser gesamtheitlichen Beurteilung namentlich  folgende Kriterien von Bedeutung sein: Alter, Reife, Abhängigkeiten, Art  (Nähe,  Intensität,  Tragfähigkeit)  seiner  Beziehungen,  Eigenschaften  seiner  Bezugspersonen  (insbesondere  Unterstützungsbereitschaft  und  ­ fähigkeit),  Stand  und  Prognose  bezüglich  Entwicklung  und  Ausbildung,  sowie der Grad der erfolgten Integration bei einem längeren Aufenthalt in  der  Schweiz.    Die  Beschwerdeführer  3  und  4  werden  bald  (…)  beziehungsweise  (…)  Jahre  alt.  Da  sie  sich  jedoch  erst  seit  gut  eineinhalb  Jahren  in  der  Schweiz aufhalten, was nicht als längerer Aufenthalt zu beurteilen ist,  ist  trotz ihres jugendlichen Alters nicht von einer fortgeschrittenen Integration  in  der  Schweiz  auszugehen.  Auch  sonst  ergeben  sich  keine  Hinweise,  wonach  die  KRK  einem  Wegweisungsvollzug  entgegenstehen  würde. Zusammenfassend  erweist  sich  ein  Vollzug  der  Wegweisung  als  zumutbar.  Es  erübrigt  sich,  auf  die  diversen  beigebrachten  Arztberichte  näher  einzugehen,  zumal  diese  aufgrund  der  Behandelbarkeit  der  gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführenden in Serbien nicht zu  einem anderen Ausgang des Verfahrens zu führen vermögen. 7.5.  Schliesslich  obliegt  es  den  Beschwerdeführenden,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug  der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist. 7.6. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 – 4 AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen.

E­5907/2010 9.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  den  Beschwerdeführenden  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 600.–  festzusetzen  (Art. 1  –  3  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Sie  sind  durch  den  am  8. September  2010  in  gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss  gedeckt und werden mit diesem verrechnet.  (Dispositiv nächste Seite)

E­5907/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.–  werden  den  Beschwerdeführenden  auferlegt.  Sie  sind  durch  den  in  gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss gedeckt und werden mit diesem verrechnet. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Néomie Nicolet Versand:

E-5907/2010 — Bundesverwaltungsgericht 23.02.2012 E-5907/2010 — Swissrulings