Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 25.01.2012 E-5788/2010

25 janvier 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·3,770 mots·~19 min·2

Résumé

Nichteintreten auf Asylgesuch (erneutes Asylverfahren Schweiz) und Wegweisung | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 9. August 2010

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­5788/2010 Urteil   v om   2 5 .   J a nua r   2012   Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli, Richterin Muriel Beck Kadima; Gerichtsschreiberin Natasa Stankovic. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch Thomas Wüthrich, Rechtsanwalt,  (…) Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung  des BFM vom 9. August 2010 / N (…).

E­5788/2010 Sachverhalt: I. Das  am  12.  Januar  2004  erstmals  in  der  Schweiz  gestellte  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin,  einer  aus  B._______  stammenden  türkischen  Staatsangehörigen,  wies  das  Bundesamt  für  Flüchtlinge  (BFF,  heute:  BFM) mit Verfügung vom 25. März 2004 ab und ordnete gleichzeitig die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Vollzug  der Wegweisung  an.  Die  gegen  diese  Verfügung  erhobene  Beschwerde  vom  26.  April  2004  lehnte  die  Schweizerische  Asylrekurskommission  (ARK)  mit  Urteil  vom  15. April 2005 ab.  II. A.  Die Beschwerdeführerin verliess eigenen Angaben zufolge ihr Heimatland  am 1. März  2009  und  reiste  per  Landweg  über  unbekannte  Länder  am  9. März  2009  in  die  Schweiz  ein,  wo  sie  gleichentags  ihr  zweites  Asylgesuch  einreichte.  Für  die  Dauer  des  Verfahrens  wurde  sie  dem  Kanton C._______ zugeteilt. Anlässlich der Kurzbefragung im Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  [EVZ]  (…)  vom  16. März  2009  und  der  einlässlichen  Anhörung  vom  17. April  2009  zu  ihren  Ausreise­  und  Asylgründen machte sie im Wesentlichen Folgendes geltend: Nachdem sie im (…) 2005 in die Türkei zurückgekehrt sei, habe sie sich  nach einem Aufenthalt bei ihrer Familie im Dorf wegen der Arbeit etwa im  Oktober 2006 nach D._______ begeben. Dort habe sie etwa im Juni 2007  ihren sunnitischen Exfreund kennengelernt und sei mit  ihm  in der Folge  zusammengezogen, obschon die beiden Familien des Paares gegen die  Beziehung  gewesen  seien.  Da  der  Exfreund  seine  Familie  nicht  mehr  habe sehen können, habe er angefangen zu trinken. Zudem habe er von  ihr  verlangt,  sie  solle  zu  beten  anfangen  sowie  ein Kopftuch  tragen.  Im  Laufe der Beziehung sei er auch handgreiflich geworden.  Im Dezember  2008 habe sie sich schliesslich von ihm getrennt und sei zu ihrer Familie  ins  Dorf  zurückgekehrt;  diese  habe  jedoch  von  ihr  verlangt,  dass  sie  einen  alten  verwitweten  Mann  heirate.  Da  sie  diesen  Mann  nicht  habe  heiraten wollen, habe sie sich entschlossen, ihr Heimatland zu verlassen.  B.  Mit Verfügung vom 9. August 2010 – eröffnet am 10. August 2010 – trat  das BFM auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 32 

E­5788/2010 Abs.  2 Bst.  e  des Asylgesetzes  vom 26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  nicht  ein,  verfügte  ihre Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnete  den  Vollzug  der  Wegweisung  an,  wobei  es  der  Beschwerdeführerin  die  editionspflichtigen  Akten  gemäss Aktenverzeichnis  aushändigte.  Auf  die  Begründung  wird  –  soweit  urteilsrelevant  –  in  den  nachstehenden  Erwägungen eingegangen. C.  Mit Eingabe vom 16. August 2010  (per Faxschreiben; Originalschreiben  mit  Poststempel  vom  17.  August  2010)  liess  die  Beschwerdeführerin  gegen  den  vorinstanzlichen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  einreichen;  dabei  wurde  beantragt,  die  vorinstanzliche  Verfügung sei  aufzuheben,  auf  das Asylgesuch der Beschwerdeführerin  sei  einzutreten,  eventualiter  sei  die  vorläufige  Aufnahme  infolge  Unzumutbarkeit  anzuordnen.  In  prozessualer  Hinsicht  wurde  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  nach  Art.  65  Abs.  1  des  Verwaltungsverfahrensgesetzes  vom  20.  Dezember  1968  (VwVG,  SR 172.021)  sowie  um  die  Wiederherstellung  der  aufschiebenden  Wirkung der Beschwerde ersucht.  Zur  Stützung  der  geltend  gemachten  Vorbringen  wurden  folgende  Dokumente in Kopie zu den Akten gereicht: ein Arztzeugnis von Dr. med.  E._______, (…), vom 16. August 2010, ein Brief von Dr. F._______, (…),  vom  11.  August  2010  an  die  Beschwerdeführerin  sowie  eine  Fürsorgebestätigung vom 16. August 2010. Auf  die  Begründung  wird  –  soweit  entscheidwesentlich  –  in  den  nachfolgenden Erwägungen eingegangen. D.  Mit Verfügung vom 19. August 2010 hielt das Bundesverwaltungsgericht  fest, dass der Beschwerde von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung  zukomme  und  die  Beschwerdeführerin  somit  den  Ausgang  des  Verfahrens in der Schweiz abwarten könne. Sodann wurde festgehalten,  dass auf die Beschwerde im Weiteren zurückzukommen sein werde.  E.  Mit Schreiben  vom 1. September  (vorab  per  Telefax)  setzte  die Caritas  Schweiz  das  Bundesverwaltungsgericht  darüber  in  Kenntnis,  dass  die  Beschwerdeführerin  mit  der  Rechtshilfeorganisation  einen  Beratungstermin  vereinbart  habe.  Zudem wurde  dem Gericht mitgeteilt, 

E­5788/2010 dass die Beschwerdeführerin in die [Psychiatrie] verlegt worden sei.  F.  Mit Schreiben  vom 21. September  2010  teilte  die Caritas Schweiz  dem  Bundesverwaltungsgericht  mit,  dass  die  Rechtshilfeorganisation  das  Mandat  der  Beschwerdeführerin  nicht  übernehmen  werde,  die  Beschwerdeführerin  jedoch  nach  wie  vor  an  ihren  geltend  gemachten  Vorbringen festhalte.  G.  Mit  Verfügung  vom  23.  September  2010  –  eröffnet  am  28.  September  2010  –  forderte  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Beschwerdeführerin  auf,  eine  Beschwerdeverbesserung  einzureichen,  da  sich  zwar  die  Rechtsbegehren  gegen  die  gesamte  vorinstanzliche  Verfügung  richten  würden  (insbesondere  auch  gegen  Dispositiv­Ziffer  1,  wonach  auf  das  Asylgesuch  nicht  eingetreten  wird),  die  Begründung  sich  allerdings  nur  mit  dem  angeordneten  Wegweisungsvollzug  befasse,  was  lediglich  die  Dispositiv­Ziffern  3  und  4  der  vorinstanzlichen  Verfügung  betreffe.  Die  Beschwerdeführerin  wurde  ferner  aufgefordert,  ein  Arztzeugnis  sowie  eine beiliegende Entbindungserklärung von der ärztlichen Schweigepflicht  einzureichen. H.  Mit  Eingabe  vom  28.  September  2010  (Datum  Poststempel)  an  das  Bundesverwaltungsgericht  reichte die Beschwerdeführerin ein Schreiben  des  Dorfvorstehers  in  Kopie  samt  Zustellcouvert  und  Übersetzung,  welches ihr von der Schwester zugeschickt worden sei, zu den Akten.  I.  Mit Verfügung vom 20. Oktober 2010  lud das Bundesverwaltungsgericht  das BFM zur Einreichung einer Vernehmlassung ein. J.  Mit  Vernehmlassung  vom  25.  Oktober  2010  hielt  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeeingabe  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel,  welche  eine Änderung  des  vorinstanzlichen Standpunktes  zu  rechtfertigen  vermöchten,  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde. Auf  die Begründung wird  –  soweit  urteilsrelevant  –  in  den  nachstehenden Erwägungen eingegangen.

E­5788/2010 K.  Mit  Verfügung  vom  1.  November  2010  liess  das  Gericht  der  Beschwerdeführerin die Vernehmlassung der Vorinstanz zukommen und  bot ihr Gelegenheit zur Einreichung einer Replik.  L.  Mit  Eingabe  vom  3.  November  2010  ersuchte  der  neu  mandatierte  Rechtsvertreter  um  Akteneinsicht,  um  Erstreckung  der  Frist  zur  Einreichung  einer  Replik  und  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung sowie der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung. M.  Mit  Verfügung  vom  11.  November  2010  hiess  das  Bundesverwaltungsgericht  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  sowie  das  Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtsverbeiständung  gut  und  ordnete  der  Beschwerdeführerin  einen  amtlichen Anwalt  in der Person von Rechtsanwalt Thomas Wüthrich bei,  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses,  erstreckte  die  Frist  zur  Einreichung  einer  Replik  und  gewährte  dem  Rechtsvertreter  Akteneinsicht in folgende Aktenstücke: – Beschwerdeakten: Aktenverzeichnis sowie act. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 10,  14, – Vorinstanzakten:  zwei  Aktenverzeichnisse  sowie  A1,  A2,  A4,  A5,  A6,  A7, A9, A11, A12, A13, A14, A15, A16, B1, B2, B3, B4, B5, B7, B11, B16,  B17. N.  Auf Gesuch des Rechtsvertreters vom 6. Dezember 2010 erstreckte das  Bundesverwaltungsgericht  mit  Verfügung  vom  7.  Dezember  2010  die  Frist zur Einreichung einer Replik letztmalig und unpräjudiziell. O.  Mit  Replikeingabe  vom  10.  Januar  2011  präzisierte  der  Rechtsvertreter  die  gestellten  Anträge  wie  folgt:  Die  Dispositiv­Ziffern  1  bis  4  der  angefochtenen  Verfügung  seien  aufzuheben,  auf  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin  sei  einzutreten,  ihr  sei  Asyl  zu  gewähren,  vom  Vollzug der Wegweisung sei abzusehen und die Beschwerdeführerin sei  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen.  Zudem  wurden  folgende  Dokumente zu den Akten gereicht: Anordnung von Zwangsmassnahmen  der  [psychiatrische  Klinik]  vom  11.  August  2010  sowie  ein  Brief  der 

E­5788/2010 Schwester  der  Beschwerdeführerin  vom  4.  Oktober  2010  (Datum  Poststempel)  samt  Zustellcouvert  in  Kopie.  Auf  die  Begründung  wird –  soweit  entscheidwesentlich  –  in  den  nachstehenden  Erwägungen  eingegangen.  P.  Mit Eingaben vom 24.  Januar 2011 sowie 23. Februar 2011  reichte der  Rechtsvertreter den  in der Replik  vom 10. Januar 2011 erwähnten Brief  der  Schwester  der  Beschwerdeführerin  im  Original  samt  Zustellcouvert  und Übersetzung zu den Akten.  Q.  Der  Rechtsvertreter  reichte  mit  Eingabe  vom  3.  März  2011  an  das  Bundesverwaltungsgericht vorsorglich eine Kostennote ein.  R.  Mit  Eingabe  vom  22.  März  2011  reichte  der  Rechtsvertreter  einen  Arztbericht der behandelnden Ärztin Dr. G._______ vom 8. März 2011. S.  Mit  Verfügung  vom  25.  Oktober  2011  forderte  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Beschwerdeführerin  auf,  einen  aktuellen  Arztbericht  ihren  gesundheitlichen  Zustand  sowie  ihre  Reisefähigkeit  betreffend nachzureichen.  T.  Mit Eingabe vom 15. November 2011 an das Bundesverwaltungsgericht  reichte  der  Rechtsvertreter  einen  Arztbericht  von  Dr.  G._______  vom  2. November 2011 sowie ein Arztzeugnis  von Dr. H._______,  (…),  vom  11.  November  2011  ins  Recht.  Im  Übrigen  wurde  eine  ergänzte  Kostennote zu den Akten gereicht.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des 

E­5788/2010 Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). Eine solche Ausnahme liegt in casu nicht vor; somit ist das  Bundesverwaltungsgericht vorliegend letztinstanzlich zuständig.  1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Folglich  ist  sie  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 108  Abs. 2  AsylG,  Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1  sowie  Art. 52  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  somit  einzutreten.  Ob sich die Beschwerde nur auf den Wegweisungsvollzugspunkt bezieht  oder  auch  auf  den  Nichteintretenspunkt,  ist  nachfolgend  ausführlich  zu  untersuchen  (vgl.  E.  5.1).  Jedenfalls  könnte  auf  ein  Rechtsbegehren  betreffend Asylgewährung nicht eingetreten werden (vgl. E. 3.1). 1.3. Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht  richtet sich nach  dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 2.  Mit Beschwerde  können die Verletzung  von Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM  ablehnt,  das  Asylgesuch  auf  seine  Begründetheit  hin  zu  überprüfen  (Art. 32 ­ 35  AsylG),  ist  die  Beurteilungskompetenz  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  die  Vorinstanz  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch  nicht  eingetreten  ist.  Die  Beschwerdeinstanz  enthält  sich  demnach  – sofern  sie  den  Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet –  einer  selbstständigen  materiellen  Prüfung,  hebt  die  angefochtene  Verfügung  auf und weist die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück 

E­5788/2010 (vgl. Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 34 E. 2.1 S. 240 f.). Die Vorinstanz hat die Frage der Wegweisung und des Vollzugs materiell  geprüft,  weshalb  dem  Bundesverwaltungsgericht  diesbezüglich  volle  Kognition zukommt. 3.2. Gemäss Art.  32 Abs.  2 Bst.  e AsylG wird auf  ein Asylgesuch nicht  eingetreten,  wenn  die  asylsuchende  Person  in  der  Schweiz  bereits  ein  Asylverfahren erfolglos durchlaufen oder  ihr Gesuch zurückgezogen hat  oder  während  des  hängigen  Asylverfahrens  in  den  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  zurückgekehrt  ist.  Diese  Bestimmung  findet  keine  Anwendung,  wenn  die  Anhörung  Hinweise  ergibt,  dass  in  der  Zwischenzeit  Ereignisse  eingetreten  sind,  die  geeignet  sind,  die  Flüchtlingseigenschaft  zu  begründen  oder  die  für  die  Gewährung  vorübergehenden  Schutzes  relevant  sind.  Die  Prüfung  von  Verfolgungshinweisen  im  Sinne  dieser  Bestimmung  unterscheidet  sich  insbesondere  von  der  Glaubhaftigkeitsprüfung  im  Rahmen  einer  materiellen Beurteilung. Gestützt auf Art. 32 Abs. 2 Bst. e AsylG  ist nur  dann  ein  Nichteintretensentscheid  auszufällen,  wenn  die  Unglaubhaftigkeit  der  Verfolgungshinweise  bereits  auf  den  ersten  Blick  erkennbar ist (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2000  Nr.  14).  Bei  der  Prüfung  von  Hinweisen  auf  in  der  Zwischenzeit  eingetretene,  für  die  Flüchtlingseigenschaft  relevante  Ereignisse,  die  gemäss  Art.  32  Abs.  2  Bst.  e  AsylG  zum  Eintreten  auf  das  zweite  Gesuch  führen,  sind  die  Anforderungen  an  das  Beweismass  tief  anzusetzen  (vgl.  EMARK  2000  Nr.  14;  2005  Nr.  2).  Die  Relevanz  der  geltend  gemachten  Verfolgung  misst  sich  allerdings  am  Verfolgungsbegriff  von  Art.  3  AsylG.  Auf  ein  Asylgesuch  ist  mithin  nicht  einzutreten,  wenn  eines  der  Elemente  des  Flüchtlingsbegriffs gemäss Art. 3 AsylG offensichtlich nicht erfüllt  ist (vgl.  EMARK 2005 Nr. 2 zum Beweismass und Verfolgungsbegriff im Rahmen  von Art. 32 Abs. 2 Bst. e AsylG). Art.  32  Abs.  2  Bst.  e  AsylG  umfasst  somit  ein  formelles  (früheres  Asylverfahren)  sowie  ein materielles  Erfordernis  (fehlende Hinweise  auf  Verfolgung), welche im Einzelfall beide gleichzeitig erfüllt sein müssen. 4.  4.1. Unbestritten ist, dass die Beschwerdeführerin in der Schweiz bereits 

E­5788/2010 ein Asylverfahren erfolglos durchlaufen hat (vgl. Ziff. I).  Fraglich  ist  hingegen,  ob  anhand  einer  summarischen  materiellen  Glaubhaftigkeitsprüfung  der  Verfolgungsvorbringen  Hinweise  auf  inzwischen eingetretene Ereignisse bestehen, welche geeignet sind, die  Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin zu begründen oder für die  Gewährung  des  vorübergehenden  Schutzes  relevant  sind,  und  die  gemäss Art. 32 Abs.  2  Bst.  e  AsylG  zum Eintreten  auf  das Asylgesuch  führen.  4.2. Das BFM  führte  zur Begründung seines Nichteintretensentscheides  im  Wesentlichen  an,  die  Beschwerdeführerin  habe  bereits  ein  Asylverfahren,  welches  seit  dem  15.  April  2005  rechtskräftig  abgeschlossen  sei,  in  der  Schweiz  durchlaufen.  Die  Ereignisse,  welche  die  Beschwerdeführerin  als  Grund  für  ihre  zweite  Ausreise  geltend  gemacht  habe,  seien  unsubstantiiert  ausgefallen.  Sie  habe,  ausser  der  Behauptung,  sie  habe  ihr Heimatland  zum einen wegen  ihrer Probleme  mit  ihrem  Exfreund,  zum  anderen  wegen  einer  bevorstehenden  Zwangsheirat  verlassen,  keine  konkreten  Anhaltspunkte  –  trotz  mehrmaligen  Nachfragens  –  für  eine  Verfolgung  angeben  können.  Die  Darlegung,  wie  sie  ihren  Exfreund  kennen  und  lieben  gelernt  habe,  müsse als stereotyp qualifiziert werden. Auch die Schilderung betreffend  die  Ablehnung  der  Beziehung  zwischen  der  Beschwerdeführerin  und  ihrem  Exfreund  seitens  der  beiden  Familien  sei  allgemein  geblieben.  Weiter habe die Beschwerdeführerin die Veränderung  ihres Exfreundes,  welche zur Trennung geführt habe, und die darauffolgende Rückkehr zu  ihrer  Familie  nicht  anschaulich  wiedergegeben.  Schliesslich  seien  auch  die  Aussagen  betreffend  die  geltend  gemachte  Zwangsheirat  ohne  persönliche  Einschliessung  ausgefallen.  Somit  würden  sich  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  gesamthaft  betrachtet  in  Allgemeinplätzen,  die  in  dieser  Form  von  irgendjemandem  nacherzählt  werden könnten, erschöpfen und seien  insofern nicht glaubhaft. Folglich  würden  sich  aus  den  Akten  keine  Hinweise  ergeben,  dass  nach  dem  Abschluss  des  ersten  Asylverfahrens  Ereignisse  eingetreten  seien,  die  geeignet  seien,  die  Flüchtlingseigenschaft  der  Beschwerdeführerin  zu  begründen,  oder welche  für  die Gewährung  vorübergehenden Schutzes  relevant seien. 4.3.  In  der  Rechtsmitteleingabe  wurde  entgegnet,  dass  vorab  ein  Rechtsanwalt zu organisieren sei, welcher eine umfassende Begründung  der  Beschwerde  nachreichen  und  insbesondere  auch  zu  der  vom BFM 

E­5788/2010 bezweifelten  Glaubwürdigkeit  der  Beschwerdeführerin  Stellung  nehmen  könne. Da die Beschwerdeführerin – wie aktenkundig belegt sei – infolge  akuter Suizidalität  in der  [psychiatrische Klinik] bis auf unbestimmte Zeit  hospitalisiert  sei,  könne sie unverschuldeterweise die gestellten Anträge  nicht  rechtsgenüglich  begründen.  Wie  aus  den  eingereichten  Arztzeugnissen hervorgehe, könne sich die Beschwerdeführerin zur Zeit  nicht  in  die Beratung  eines  fachkundigen Rechtsbeistands  begeben,  da  sie krank und hospitalisiert sei. Der Sozialdienst bemühe sich allerdings,  eine Rechtsberatung zu organisieren. 4.4. In ihrer Vernehmlassung vom 25. Oktober 2010 führte die Vorinstanz  aus, dass das eingereichte Schreiben des Dorfvorstehers im Widerspruch  zu  den  Aussagen  der  Beschwerdeführerin  stehe.  Gemäss  diesem  Schreiben  soll  die  Familie  der Beschwerdeführerin  in  den  Jahren  2006,  2007  sowie  2008  versucht  haben,  sie  mit  einem  älteren  Mann  zu  verheiraten.  Den  Aussagen  der  Beschwerdeführerin  zufolge  haben  ihre  Probleme  erst  nach  der  Trennung  von  ihrem  Freund  Ende  2008  angefangen.  Die  Familie  habe  anfangs  2009  gewollt,  dass  sie  einen  älteren  Mann  aus  dem  Nachbardorf  heirate  (vgl.  B7/24  S. 10  und  20).  Ohne die vorhandenen gesundheitlichen und psychischen Probleme der  Beschwerdeführerin bagatellisieren zu wollen,  sei  festzuhalten, dass die  Ursache hierfür nicht  in der behaupteten Verfolgung  liege, da wie  in der  Verfügung  vom  9.  August  2010  ausgeführt  worden  sei,  die  geltend  gemachten  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  aufgrund  zahlreicher  erheblicher  Unstimmigkeiten  nicht  glaubhaft  seien.  Im  Übrigen  sei  es  nichts  Aussergewöhnliches,  dass  Betroffene,  deren  Asylgesuche  abgelehnt worden seien, Zukunftsängste entwickeln und in Depressionen  verfallen würden. Medizinische Hilfe sei auch in der Türkei erhältlich und  allfälligen gesundheitlichen Risiken, die aufgrund der situationsbedingten  psychischen  Belastung  auftreten  könnten,  könne  bei  der  Ausreise  medikamentös  sowie  mit  einer  sorgfältigen  Vorbereitung  der  Ausreise  vorgebeugt  werden,  so  dass  eine  konkrete  Gefahr  ernsthafter  gesundheitlicher  Schäden  nicht  bestehe.  Folglich  sei  der  psychische  Gesundheitszustand  der  Beschwerdeführerin  nicht  geeignet,  die  Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stellen.  4.5.  In der Replikeingabe vom 10.  Januar 2011 wurde  im Wesentlichen  ausgeführt, die Vorinstanz habe erst ein Jahr und  fünf Monate nach der  Einreichung  des  Asylgesuchs  der  Beschwerdeführerin  einen  Nichteintretensentscheid gefällt, was gegen den Grundsatz von Treu und  Glauben verstosse, zumal Art. 37 Abs. 1 AsylG eine Behandlungsfrist von 

E­5788/2010 lediglich  zehn  Arbeitstagen  vorsehe.  Deshalb  sei  der  Nichteintretensentscheid  aufzuheben  und  das  BFM  anzuweisen,  das  ordentliche  Verfahren  durchzuführen.  Des Weiteren  wurde  erklärt,  dass  die  Beschwerdeführerin  bei  der  Anhörung  aufgrund  ihres  prekären  Gesundheitszustands in einer psychisch schlechten Verfassung gewesen  sei  und  deshalb  nicht  in  der  Lage  gewesen  sei,  auf  die  Fragen  einzugehen  sowie  diese  detailliert  zu  beantworten.  Sie  habe  infolgedessen  ihre  Verfolgungsgeschichte  nicht  eingehend  darlegen  können. Dieser Umstand sei sowohl aus dem Anhörungsprotokoll  sowie  dem  Unterschriftenblatt  der  Hilfswerkvertretung  vom  17. April  2009  als  auch  aus  der  E­Mail  der  Caritas  Schweiz  an  das  Bundesverwaltungsgericht  vom  16.  September  2010  ersichtlich.  Die  Vorinstanz  sei,  da  sie  keine  weiteren  Abklärungen  zum  Gesundheitszustand  der  Beschwerdeführerin  beziehungsweise  keine  zweite  Anhörung  in  die Wege  geleitet  habe,  ihrer  Untersuchungspflicht  nicht  nachgekommen.  Insofern  sei  zumindest  jetzt  eine  neue,  umfassende  Anhörung  mit  der  Beschwerdeführerin  durchzuführen.  Sie  sei  die  ganze  Zeit  in  einem  äusserst  schlechten  psychischen  Gesundheitszustand  gewesen  und  habe  gar  am  11.  August  2010  per  fürsorgerischen  Freiheitsentzug  [FFE]  in  die  [psychiatrische  Klinik]  eingewiesen  werden  müssen,  wo  ärztliche  Zwangsmassnahmen  (Isolierung)  hätten  angeordnet  werden  müssen.  Danach  sei  sie  in  die  psychiatrische  Klinik  ihres  Wohnkantons  verlegt  worden.  Seit  sie  aus  dieser  Klinik  entlassen  worden  sei,  sei  sie  in  regelmässiger  psychiatrischer  Behandlung  bei  Dr. G._______.  Angestellte  der  [psychiatrische  Klinik]  hätten  damals  vorsorglich  Beschwerde  für  die  Beschwerdeführerin  eingereicht,  die  allerdings  nicht  sehr  umfassend  gewesen sei. Sie sei wegen ihres schlechten gesundheitlichen Zustands  nicht in der Lage gewesen, eine Beschwerdeverbesserung einzureichen.  Allerdings  habe  sie  bereits  damals  das  Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtspflege  gestellt,  weshalb  ihr  bereits  zu  jenem  Zeitpunkt  ein  amtlicher  Anwalt  hätte  beigegeben  werden  sollen.  Deshalb  werde  nun  präzisiert, dass auch das Nichteintreten auf das Asylgesuch angefochten  werde,  denn  die  Beschwerdeführerin  weise  einerseits  aufgrund  der  Beziehung  respektive  dem  Konkubinat  von  ihr  als  Alevitin  mit  einem  sunnitischen  Freund,  andererseits  infolge  der  drohenden  Zwangsheirat  mit einem älteren Mann, welche auch aus dem eingereichten Schreiben  des  Dorfvorstehers  sowie  aus  dem  Brief  der  Schwester  der  Beschwerdeführerin zu entnehmen sei, frauenspezifische Asylgründe auf.  Der Familienrat habe gar beschlossen, die Beschwerdeführerin mit dem  Tod zu bestrafen. Schliesslich werde beantragt, den Dorfvorsteher sowie 

E­5788/2010 die  Schwester  der  Beschwerdeführerin  als  Zeugen  zu  befragen.  Zusammenfassend  sei  festzuhalten,  dass  es  sich  vorliegend  nicht  um  eine  psychische  Dekompensation  nach  Erhalt  des  negativen  erstinstanzlichen Entscheides, sondern um einen schlechten psychischen  Gesundheitszustand  aufgrund  der  in  der  Türkei  erlittenen  Verfolgung  handle.  Die  Ursache  für  ihren  prekären  Gesundheitszustand  sei  indes  nicht in ihrem Alter und auch nicht in der Tatsache, dass sie selbst keine  eigene  Familie  habe,  zu  suchen.  Die  Beschwerdeführerin  sei  auf  eine  medizinische  Betreuung  in  der  Schweiz  angewiesen,  da  es  für  sie  als  alleinstehende  Frau  bei  einer  allfälligen  Rückkehr  in  die  Türkei  nicht  möglich  sei,  dort  ärztliche Hilfe  zu erhalten,  zumal  sie  von  ihrer Familie  verstossen sowie mit einem Todesurteil versehen worden sei und sich die  ärztliche  Behandlung  nicht  leisten  könne.  Selbst  wenn  die  Beschwerdeführerin  nicht  an  ihren  Ursprungsort  zurückkehre,  würden  ihre Familienangehörigen ihren Aufenthaltsort ausmachen.  5.  5.1.  Vorab  ist  der  Frage  nachzugehen,  ob  lediglich  der  Vollzug  der  Wegweisung  oder  auch  das  Nichteintreten  auf  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin  Prozessgegenstand  des  vorliegenden  Verfahrens  bilden.  5.1.1.  Mit  Verfügung  vom  23.  September  2010  bot  das  Bundesverwaltungsgericht  der  Beschwerdeführerin  Gelegenheit,  innert  Frist  eine  Beschwerdeverbesserung  einzureichen  –  allerdings  unter  Androhung, dass bei ungenutzter Frist davon ausgegangen werde, dass  sich  die  Beschwerde  lediglich  gegen  den  Wegweisungsvollzug  richte,  womit  die  Dispositiv­Ziffer  1  der  Verfügung  des  BFM  in  Rechtskraft  erwachsen und die Ziffer 2 der Verfügungsdispositivs grundsätzlich nicht  mehr  zu  überprüfen  wäre.  Noch  im  Laufe  der  Beschwerdeverbesserungsfrist  reichte  die  Beschwerdeführerin  mit  Eingabe vom 28. September 2010 an das Bundesverwaltungsgericht ein  Schreiben  des  Dorfvorstehers  in  Kopie  samt  Zustellcouvert  und  Übersetzung, welches ihr von der Schwester zugeschickt worden sei, zu  den Akten. Sie  führte dabei aus, das Schreiben könne bestätigen, dass  sie  mit  ihrer  Familie  sehr  grosse  Probleme  gehabt  habe,  weil  jene  sie  gegen ihren Willen mit einem älteren Mann habe verheiraten wollen. Mit  Replikeingabe  vom  10.  Januar  2011  präzisierte  der  Rechtsvertreter  die  gestellten  Anträge  und  beantragte  dabei  unter  anderem,  die  Dispositiv­ Ziffern 1 bis 4 der angefochtenen Verfügung seien aufzuheben, auf das 

E­5788/2010 Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin  sei  einzutreten  und  ihr  sei  Asyl  zu  gewähren.  Zudem  wurde  ausgeführt,  dass  die  Beschwerdeführerin  aufgrund  ihres  psychischen Gesundheitszustands  ihre Verfahrensrechte  nicht  selbständig  habe  wahrnehmen  können.  Angestellte  der  [psychiatrische  Klinik]  hätten  eine  vorsorgliche  Beschwerde  eingereicht,  die allerdings nicht sehr umfassend gewesen sei.  5.1.2.  Die  Verfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  wurde  der  Beschwerdeführerin  am  28.  September  2010  eröffnet  (vgl.  Beschwerdeakten act. 9), somit erfolgte ihre Eingabe vom 28. September  2010  an  das  Bundesverwaltungsgericht  innerhalb  der  für  die  Beschwerdeverbesserung  vorgesehenen Frist. Das Gericht  nimmt diese  Eingabe  –  nicht  zuletzt  aufgrund  des,  wie  aus  den  ins  Recht  gelegten  zahlreichen  Arztberichten  hervorgeht,  angeschlagenen  psychischen  Gesundheitszustands  der  Beschwerdeführerin  –  als  sinngemässe  Beschwerdeverbesserung  einer  nichtrechtskundigen  Person  entgegen,  zumal  die Beschwerdeführerin  in  ihrer Eingabe  insbesondere  ausführte,  ihre  Familie  habe  sie  gegen  ihren  Willen  zur  Heirat  mit  einem  älteren  Mann  gezwungen;  das  Gericht  solle  diesen  Umstand  bei  seiner  Entscheidfindung  wohlwollend  berücksichtigen.  Aus  dieser  Begründung  leitet das Gericht das implizite Begehren der Beschwerdeführerin ab, auf  ihr Asylgesuch sei einzutreten. 5.1.3.  In  Anbetracht  des  Gesagten  geht  das  Bundesverwaltungsgericht  somit davon aus, dass sowohl die Dispositiv­Ziffern 1 und 2 als auch die  Dispositiv­Ziffern  3  und  4  der Verfügung  des BFM vom 9. August  2010  angefochten  wurden.  Den  Prozessgegenstand  des  vorliegenden  Verfahrens bilden  folglich sowohl der Vollzug der Wegweisung als auch  das Nichteintreten auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin.  5.2.  Des  Weiteren  ist  der  Rüge,  die  Vorinstanz  habe  mit  der  angefochtenen Verfügung die  in Art. 37 Abs. 1 AsylG vorgesehene Frist  überschritten  und  somit  gegen  den  Grundsatz  von  Treu  und  Glauben  verstossen,  da  sie  ein  Jahr  und  fünf Monate  nach  der  Einreichung  des  Asylgesuchs  der  Beschwerdeführerin  einen  Nichteintretensentscheid  gefällt habe, Folgendes entgegenzuhalten: Gemäss Art. 37 Abs. 1 AsylG  sind  im  erstinstanzlichen  Verfahren  Nichteintretensentscheide  in  der  Regel  innerhalb  von  zehn  Arbeitstagen  nach  der  Gesuchstellung  zu  treffen  und  summarisch  zu  begründen.  Allerdings  ist  festzuhalten,  dass  das  BFM  bei  Verwirklichung  der  im  Gesetz  festgelegten  Tatbestandsmerkmale  auch  dann  einen  Nichteintretensentscheid  fällen 

E­5788/2010 muss, wenn die massgebliche Entscheidungsfrist von zehn Arbeitstagen  unbegründet  überschritten  und  damit  dem  Gebot  der  Verfahrensbeschleunigung nicht nachgekommen wurde. Es handelt sich  dabei  nämlich  um  eine  sogenannte  Ordnungs­  und  nicht  um  eine  Verwirkungsfrist,  was  sich  aus  der  Formulierung,  wonach  die  entsprechende Verfügung „in der Regel“ innerhalb der Frist zu treffen ist,  ergibt. Demnach können Nichteintretensentscheide durchaus auch nach  Ablauf  der  gesetzlichen  Entscheidungsfrist  gefällt  werden  (vgl. dazu  EMARK 2002 Nr. 15 zur damals noch geltenden Entscheidungsfrist von  20 Tagen), weshalb die diesbezügliche Rüge unbegründet  ist. Allenfalls  ist  eine  kurze  Ausreisefrist  nicht  mehr  angemessen  (vgl.  EMARK  2004  Nr. 27 E. 5, BVGE E­1995/2009 vom 24. August 2011 E. 6.5). 5.3.  Die  Beschwerdeführerin  begründete  ihr  erstes  Asylgesuch  im  Wesentlichen mit dem angeblichen Umstand, dass sie Angehörige einer  als  "Terroristenfamilie"  bezeichneten  Familie  sei,  deren  Mitglieder  sich  politisch engagieren würden. In ihrem zweiten Asylgesuch machte sie im  Wesentlichen  geltend,  sie  sei  beinahe  Opfer  einer  von  ihrer  Familie  anordneten  Zwangsheirat  geworden.  Der  Familienrat  habe  gar  beschlossen, die Beschwerdeführerin mit dem Tod zu bestrafen, weil sie  sich  nicht  füge.  Somit  ist  aufgrund  der  neuen  geltend  gemachten  Verfolgungsvorbringen  von  einer  gegenüber  dem  ersten  Asylverfahren  massgeblich  veränderten  Sachlage  auszugehen.  Fraglich  ist  allerdings,  ob sich anhand einer summarischen materiellen Glaubhaftigkeitsprüfung  Hinweise  ergeben,  welche  geeignet  sind,  die  Flüchtlingseigenschaft  zu  begründen  oder  die  für  die  Gewährung  vorübergehenden  Schutzes  relevant sind. 5.4.  5.4.1.  Zunächst  gilt  es  abzuklären,  ob  der  Einwand  der  Beschwerdeführerin,  das  BFM  sei  seiner  Untersuchungspflicht  nicht  nachgekommen,  da  es  keine  weiteren  Abklärungen  zu  ihrem  Gesundheitszustand  beziehungsweise  keine  weitere  Anhörung  in  die  Wege  geleitet  habe,  berechtigt  ist.  Insbesondere  wurde  in  der  Eingabe  vom 10.  Januar  2011 erklärt,  die Beschwerdeführerin  sei  anlässlich  der  Anhörung  vom  17.  April  2009  aufgrund  ihres  prekären  Gesundheitszustands  in  einer  psychisch  schlechten  Verfassung  und  deshalb nicht in der Lage gewesen, auf die gestellten Fragen einzugehen  sowie diese detailliert zu beantworten. Sie habe aus diesem Grunde ihre  Verfolgungsgeschichte  nicht  ausführlich  darlegen  können.  Deshalb  sei  eine neue umfassende Anhörung durchzuführen. 

E­5788/2010 5.4.2.  In  der  Tat  ist  einzuräumen,  dass  dem  Unterschriftenblatt  der  Hilfswerkvertretung  zu  entnehmen  ist,  die  Beschwerdeführerin  habe  anlässlich  der  Anhörung  einen  psychisch  etwas  angeschlagenen  Eindruck gemacht (vgl. Unterschriftenblatt B7/24 S. 24). Die in der Folge  ins Recht gelegten Arztberichte aus dem Jahr 2010 belegen, dass sie im  betreffenden  Jahr  aufgrund  ihres  schlechten  psychischen  Gesundheitszustand in psychologischer Behandlung gewesen ist und am  11. August 2010 angesichts der fehlenden Urteilsfähigkeit bezüglich ihrer  Krankheit  sowie  aufgrund  Selbstgefährdung  gar  per  FFE  in  die  [psychiatrische  Klinik]  eingewiesen  werden  musste.  Als  Zwangsmassnahme  wurde  die  Isolation  in  einem  Isolierzimmer  angeordnet (vgl. Beschwerdeakten act. 19). Ebenfalls geht aus der E­Mail  der  Caritas  Schweiz  vom  16.  September  2010  an  das  Bundesverwaltungsgericht  hervor,  dass  es  offensichtlich  sei,  dass  die  Beschwerdeführerin psychisch angeschlagen sei.  In  EMARK  1993  Nr.  15  führte  die  damalige  ARK  aus,  es  könne  eine  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  darstellen,  wenn  ernsthafte  Zweifel  bestünden  bezüglich  der  Fähigkeit  der  asylsuchenden  Person,  einvernommen zu werden, und vorgängig nicht durch einen Arzt geprüft  werde, ob jene im Stande sei, einvernommen zu werden. Eine Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  könne  zwar  geheilt  werden,  wenn  sich  die  asylsuchende  Person  vor  einer  Beschwerdeinstanz  mit  voller  Kognition  erklären  könne.  Diese  Rechtsprechung  solle  aber  nicht  in  dem  Sinne  interpretiert  werden,  dass  sich  die  Vorinstanz  ihrer  Pflicht  zur  Einvernahme vollständig entziehen könne, denn oft sei die nachträgliche  Heilung  des  rechtlichen  Gehörs  unvollständig.  Zudem  sei  zu  beachten,  dass  durch  die  Heilung  die  asylsuchende  Person  eine  Instanz  verliere  und  ihr  die  Eingabe  eines  Rechts­mittels  aufgebürdet  werde.  Folglich  könne die Heilung nicht die Regel darstellen. Im dem Entscheid EMARK  1993 Nr. 15 zugrundeliegenden Verfahren ging die ARK davon aus, dass  dem  Bundesamt  zweifellos  bekannt  gewesen  sei,  dass  die  betroffene  Person  unter  psychischen  Problemen  gelitten  habe  und  unter  Medikamenten gestanden sei; trotzdem sei kein medizinisches Gutachten  vor  der  zweiten  Anhörung  eingeholten  worden.  Deshalb  ordnete  die  damalige  ARK  die  erneute  Durchführung  der  Anhörung  an,  da  asylsuchende  Personen  das  Recht  hätten,  ihre  Asylgründe  in  einem  physisch und psychisch adäquaten Zustand vortragen zu können. Auf die  Einholung  eines  ärztliches  Gutachtens  wurde,  da  der  Gesundheitszustand  der  betroffenen  Person wieder  stabil  gewesen  sei,  aus prozessökonomischen Gründen dennoch verzichtet.

E­5788/2010 Nach  Durchsicht  der  Protokolle  gelangt  das  Bundesverwaltungsgericht  zum Schluss,  dass  das  BFM  im  vorliegenden Verfahren  von  derartigen  Zweifeln  an  der  Einvernahmefähigkeit  der  Beschwerdeführerin  im März  sowie April 2009 nicht ausgehen musste. Anlässlich der EVZ­Befragung  vom  16.  März  2009  wurde  die  Beschwerdeführerin,  da  sie  krank  ausgesehen  habe,  explizit  gefragt,  ob  es  ihr  gut  gehe.  Sie  gab  zu  Protokoll,  dass  sie  zwar  unter  psychischen  sowie  physischen Probleme  leide,  jedoch  keinen Arzt  aufgesucht  habe. Anders  als  im  geschilderten  Fall  EMARK  1993  Nr.  15  war  in  casu  auch  von  keiner  Medikamenteneinnahme die Rede  (vgl. B1/13 S. 8). Zudem gab sie auf  dem  Personalienblatt  vom  9.  März  2009  an,  keine  medizinischen  Probleme zu haben (vgl. B2/2). Sodann führte die Beschwerdeführerin zu  Beginn der BFM­Anhörung  vom 17. April  2009 auf Frage hin aus,  dass  sie in der Lage sei, angehört zu werden. Im Übrigen wurde sie vom BFM  ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie jederzeit  intervenieren könne,  würde sich ihr Zustand im Laufe der Befragung ändern (vgl. B7/24 S. 1).  Die Beschwerdeführerin machte während der BFM­Anhörung gleichwohl  nie  geltend,  sie  benötige  eine  Pause  oder  die  Befragung  solle  abgebrochen werden. Wie der protokollierten Stelle weiter zu entnehmen  ist,  nahm  sie  eigenen  Aussagen  zufolge  auch  im  Zeitpunkt  der  BFM­ Befragung keine Medikamente. Sie gab zwar an, unterdessen einen Arzt  aufgesucht zu haben, dies sei allerdings nur aufgrund [harmlose Leiden]  geschehen (vgl. B7/24 S. 3). Auf die Frage nach ihrem gesundheitlichen  Zustand  antwortete  sie,  dass  sie  lediglich  unter  Kopfschmerzen  und  Stress leide (vgl. B7/24 S. 21). Schliesslich hielt die Hilfswerksvertreterin  zwar  fest,  dass  die  Beschwerdeführerin  einen  psychisch  etwas  angeschlagenen  Eindruck  hinterlassen  habe,  Einwände  bezüglich  der  Einvernahmefähigkeit  wurden  hingegen  keine  vorgebracht  (vgl.  Unterschriftenblatt  B7/24  S.  24).  Zudem  datieren  die  zu  den  Akten  gereichten  Arztberichte  aus  dem  Jahr  2010  und  sind  daher  nicht  geeignet,  die  angeblich  in  den Befragungszeitpunkten  nicht  vorhandene  Einnahmefähigkeit  der Beschwerdeführerin  zu belegen. Der  vorliegende  Sachverhalt korrespondiert folglich nicht mit demjenigen in EMARK 1993  Nr. 15.  Die  Befragungsprotokolle  wurden  demnach  dem  Entscheid  korrekterweise zugrunde gelegt und es besteht  keine Veranlassung, die  Befragungen zu wiederholen. Auf  die  Würdigung  der  teilweise  durch  Aussageverweigerungen  geprägten  Schilderungen  der  Beschwerdeführerin  anlässlich  ihrer  Anhörung ist in den nachstehenden Erwägungen einzugehen.

E­5788/2010 5.5.  Fraglich  ist  weiter,  ob  die  Unglaubhaftigkeitsargumentation  der  Vorinstanz  der  Aktenlage  gerecht  wird  und  das  Bundesamt  die  Asylvorbringen  der  Beschwerdeführerin  insgesamt  zu  Recht  als  unglaubhaft qualifizierte. Nach  Ansicht  des  Gerichts  sind  die  Ausführungen  der  Beschwerdeführerin,  sie  sei  aus  ihrem  Heimatdorf  nach  D._______  gezogen,  habe dort  gearbeitet  und einen Mann kennengelernt, mit  dem  sie  sich  gegen  den  Willen  der  beiden  Familien  auf  eine  Beziehung  eingelassen habe sowie zusammengezogen sei, grundsätzlich glaubhaft,  denn  abgesehen  von  wenigen  Unsicherheiten,  namentlich  in  welchem  Monat man sich kennengelernt habe  respektive zusammengezogen sei,  sind ihre Angaben in den Befragungen übereinstimmend und ausreichend  substanziiert.  Auch  die  Schilderung,  der  Ex­Freund  sei  ihr  gegenüber  gewalttätig geworden und die Beziehung sei in der Folge gescheitert, was  sie  bewogen  habe,  in  ihr  Heimatdorf  zurückzukehren,  wo  sie  sozial  ausgegrenzt  worden  sei,  erscheint  gesamthaft  nicht  unglaubhaft.  Diese  Vorbringen entbehren jedoch offenkundig der asylrechtlichen Relevanz.  Die weiteren Ausführungen der Beschwerdeführerin, mit welchen sie  ihr  Gesuch  begründet,  erscheinen  weitestgehend  unglaubhaft.  Dass  sie  aufgrund der ausgestossenen Todesdrohung ihres Ex­Freunds die Türkei  habe verlassen müssen und sich weder an die Polizei habe wenden noch  zu  ihrem  Bruder  nach  [Stadt]  habe  gehen  können,  erscheint  wenig  plausibel.  Ferner  lässt  sich  einerseits  bereits  dem  Arztbericht  von  Dr.  F._______,  (…),  vom  11.  August  2010  entnehmen,  dass  die  Beschwerdeführerin ihrem damaligen Psychotherapeuten mitgeteilt habe,  dass  sie mit Restriktionen  seitens  ihrer Familie  rechne und  sie  im Falle  einer  tatsächlichen  Rückkehr  an  Suizid  denke,  welchen  sie  der  Konfrontation mit der Familie vorziehe. Andererseits stellte die Vorinstanz  in  ihrer Vernehmlassung vom 25. Oktober 2010 zu Recht  fest, dass der  Inhalt des Schreibens des Dorfvorstehers in Bezug auf den Zeitraum der  geplanten  Zwangsheirat  im  Widerspruch  zu  den  Aussagen  der  Beschwerdeführerin  steht.  Gemäss  dem  Schreiben  habe  die  Familie  in  den Jahren 2006, 2007 sowie 2008 versucht, sie mit einem älteren Mann  zu verheiraten. Den protokollierten Aussagen der Beschwerdeführerin ist  jedoch  zu  entnehmen,  ihre  Familie  habe  im  zweiten Monat  des  Jahres  2009  gewollt,  dass  sie  einen  älteren  Mann  heirate  (vgl. B7/24  S. 20).  Sodann machte sie geltend, sie sei  im Dorf aufgrund  ihrer gescheiterten  Beziehung  sozial  geächtet  worden.  Daraufhin  habe  sie  ihre  Familie  zwangsverheiraten  wollen.  Dass  diese  sie  auch  mit  dem  Tod  bedroht 

E­5788/2010 habe – wie im Schreiben des Dorfvorstehers festgehalten wurde –, war in  den  Befragungen  nie  Gegenstand  der  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin.  Ohnehin  erscheint  es  äusserst  fraglich,  dass  ein  Dorfvorsteher  einen  angeblich  geplanten  Ehrenmord  in  seinem  Dorf  schriftlich bestätigt, zumal dies in der Türkei strafbar ist. Die aufgeführten  Widersprüche  zwischen  dem  Schreiben  und  den  Aussagen  der  Beschwerdeführerin werden  einzig  damit  zu  erklären  versucht,  dass  sie  krankheitshalber nicht richtig habe aussagen können. Dieses Vorbringen  vermag jedoch, wie oben ausgeführt, nicht zu überzeugen. Somit ist das  Schreiben  zum  Beleg  der  geltend  gemachten  Sachverhaltsdarstellung  nicht  geeignet  und  geniesst  insgesamt  den  Beweiswert  einer  Gefälligkeitsaussage.  Das  Vorbringen  betreffend  die  angebliche  Todesdrohung  seitens  der  Familie  erweist  sich  demnach  als  nachgeschoben. Auch der ins Recht gelegte Brief der Schwester vermag  die  Angaben  der  Beschwerdeführerin  nicht  zu  belegen.  Mithin  wird  der  Antrag des Rechtsvertreters, den Dorfvorsteher sowie die Schwester als  Zeugen zu befragen, abgewiesen. 5.6. Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  das Asylverfahren  korrekt  durchgeführt  wurde  und  die  Beschwerdeführerin  die  Gründe  für  ihr  Asylgesuch  darlegen  konnte.  In  Würdigung  der  gesamten  Aspekte  sprechen allerdings wesentliche und überwiegende Umstände gegen die  von  der  Beschwerdeführerin  vorgebrachte  Sachverhaltsdarstellung.  Folglich ist die Vorinstanz zu Recht nicht auf das Asylgesuch eingetreten.  6.  6.1. Lehnt das BFM das Asylgesuch ab oder  tritt es darauf nicht ein, so  verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den  Vollzug an (Art. 44 Abs. 1 AsylG).  6.2.  Die  Beschwerdeführerin  besitzt  keine  Aufenthalts­  oder  Niederlassungsbewilligung  oder  einen  entsprechenden  Anspruch,  weshalb die Vorinstanz gestützt  auf Art.  44 Abs. 1 AsylG zu Recht  ihre  Wegweisung verfügt hat (vgl. EMARK 2001 Nr. 21). 7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG).

E­5788/2010 Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis  möglich  ist  und  andernfalls  wenigstens  glaubhaft  zu  machen  (vgl. WALTER STÖCKLI,  Asyl,  in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl.,  Basel 2009,  Rz. 11.148).  Demgegenüber  genügen Hinweise auf blosse Eventualitäten und vage Möglichkeiten von  Vollzugshindernissen nicht. 7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den Heimat­, Herkunfts­ oder  in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83  Abs. 3 AuG).  So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs.  1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art.  33  Abs.  1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).  Gemäss  Art. 25 Abs.  3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  (BV,  SR  101),  Art.  3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art.  3  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum Schutze  der Menschenrechte  und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf  hin,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  nur  Personen  schützt,  die  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  es  der  Beschwerdeführerin  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung  nachzuweisen  oder  glaubhaft  zu  machen,  namentlich  ist  nach dem oben Festgestellten die angebliche Todesdrohung der Familie  nicht  glaubhaft,  kann  das  in  Art.  5  AsylG  verankerte  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulements im vorliegenden Verfahren keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  der  Beschwerdeführerin  in  ihr  Heimatland ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.  Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin 

E­5788/2010 noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  sie  für  den  Fall  einer  Ausschaffung in das Heimatland dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art.  3  EMRK  oder  Art.  1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihr  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR,  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§  124­127, mit  weiteren  Hinweisen). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation  in der Türkei,  wohin  die  Rückkehr  der  Beschwerdeführerin  erfolgen  soll,  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl  im Sinne der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.4. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8. März  2002,  BBl  2002  3818). 7.4.1.  Obwohl  es  zwischen  dem  türkischen  Staat  und  der  "Partiya  Karkerên  Kurdistan"  (PKK)  im  Südosten  des  Landes  immer  wieder  zu  bewaffneten  Zusammenstössen  kommt,  gibt  die  in  der  Türkei  herrschende allgemeine politische Situation keinen Anlass zur Annahme  einer konkreten Gefährdung.  7.4.2. Fraglich  ist  einzig, ob es der alleinstehenden Beschwerdeführerin  trotz  ihrer  gesundheitlichen  Beschwerden  auch  individuell  zugemutet  werden kann, in ihr Heimatland zurückzukehren.  7.4.2.1  Vorab  ist  darauf  hinzuweisen,  dass  aufgrund  gesundheitlicher  Probleme  eines  abgewiesenen  Asylsuchenden  nur  dann  auf  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  geschlossen  werden  kann,  wenn eine notwendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur  Verfügung  steht,  und  die  Rückkehr  zu  einer  raschen  und  lebensgefährdenden  Beeinträchtigung  des  Gesundheitszustandes  der 

E­5788/2010 betroffenen  Person  führt.  Dabei  wird  als  wesentlich  die  allgemeine  und  dringende medizinische Behandlung erachtet, welche zur Gewährleistung  einer menschenwürdigen Existenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit  liegt jedenfalls dann nicht vor, wenn im Heimat­ oder Herkunftsstaat eine  nicht  an  schweizerischen  Standard  entsprechende  medizinische  Behandlung  möglich  ist.  Wenn  die  notwendige  Behandlung  im  Heimat­  oder Herkunftsstaat sichergestellt  ist, so ist der Vollzug der Wegweisung  als zumutbar zu beurteilen (vgl. BVGE 2009/2 E. 9.3.2). 7.4.2.2  Zur  Beurteilung  der  medizinischen  Situation  der  Beschwerdeführerin stützt sich das Bundesverwaltungsgericht auf die im  Rahmen  des  zweiten  Asylgesuchs  eingereichten  ärztlichen  Zeugnisse  (vgl.  insbesondere die zuletzt  ins Recht gelegten ärztlichen Berichte von  Dr. G._______ vom 2. November 2011 sowie von Dr. H._______ vom 11.  November 2011), aus denen hervorgeht, dass die Beschwerdeführerin an  einer  psychischen  Erkrankung  mit  Anpassungsstörungen  und  depressiven Episoden  leidet. Am 11. August 2010 wurde sie angesichts  fehlender  Urteilsfähigkeit  bezüglich  ihrer  Krankheit  sowie  aufgrund  Selbstgefährdung gar per FFE in die [psychiatrische Klinik] eingewiesen.  Als  Zwangsmassnahme  wurde  die  Isolation  in  einem  Isolierzimmer  angeordnet (vgl. Beschwerdeakten act. 19). Nach  den  Erkenntnissen  des  Bundesverwaltungsgerichts  verfügt  der  Heimatstaat  der  Beschwerdeführerin  über  ein  ausreichendes  medizinisches  Versorgungsnetz,  um  psychische  Beeinträchtigungen  adäquat  behandeln  zu  können.  Einer  allfälligen  zeitweiligen  Verschlechterung des psychischen Zustandes vor und während der Rückreise  in  die  Türkei  könnte  mit  medikamentösen  sowie  psychotherapeutischen  Massnahmen  begegnet  werden,  so  dass  eine  konkrete  Gefahr  ernsthafter  gesundheitlicher Schäden auszuschliessen wäre. Es obliegt den mit dem Vollzug  betrauten Behörden, der gesundheitlichen Situation der Beschwerdeführerin bei  der  Ausgestaltung  der  konkreten  Vollzugsmodalitäten  Rechnung  zu  tragen.  Insbesondere  kann  bei  einer  Überstellung  von  der  Schweiz  in  die Türkei  dem  allfälligen  Risiko  einer  Dekompensation  mit  einer  gut  organisierten  Reise  entgegengewirkt werden. Des  Weiteren  ist  es  der  Beschwerdeführerin  –  wie  oben  ausgeführt –  nicht  gelungen,  glaubhaft  darzulegen,  dass  ihre  Familie  sie  verstossen  oder  gar  mit  dem  Tod  bedroht  habe.  Den  im  ersten  sowie  im  zweiten  Asylverfahren  protokollierten  Aussagen  lässt  sich  zudem  Folgendes  entnehmen: Sie habe insgesamt [Anzahl] – und nicht nur [Anzahl] wie im 

E­5788/2010 Arztzeugnis  von  Dr. G._______  vom  2.  November  2011  behauptet –  Geschwister. [Ein Elternteil]  lebe im Heimatdorf (vgl. A1/8 S. 3, A5/10 S.  6, B1/13 S. 5, B7/24 S. 7). Sie habe acht Jahre die Schule besucht und  selbstständig  ein  [Unternehmen]  geführt. Mit  dem  erwirtschafteten Geld  habe  sie  sich  ein  Auto  kaufen  und  die  Kosten  der  ersten  Ausreise  bezahlen können (vgl. A1/8 S. 1 f., A5/10 S. 3 ff.). Des Weiteren habe sie  – bevor  sie  ihren  damaligen  Freund  kennengelernt  habe  –  alleine  in  D._______ gelebt und dort gearbeitet (vgl. B7/24 S. 7 ff.). Dies entspricht  nach Ansicht  des Gerichts  nicht  dem  im Arztzeugnis  vom 2. November  2011  geschilderten  Bild  der  Beschwerdeführerin,  aus  welchem  hervorgeht,  bei  ihr  handle  es  sich  um  ein  streng  religiös  erzogenes,  verängstigtes  Mädchen,  welches  immer  nur  im  Haushalt  der  Eltern  gewesen sei. Folglich ist davon auszugehen, dass sie in der Türkei über  ein Familiennetz verfügt, weshalb auch  ihre Wohnsituation als gesichert  gelten  kann.  Im  Übrigen  ist  anzunehmen,  dass  die  Familie  ihr  bei  der  Organisation der  benötigten medizinischen Behandlung Beistand  leisten  sowie  finanzielle  Unterstützung  bieten  wird.  Daneben  ist  es  der  Beschwerdeführerin  zuzumuten,  sich  um  den  Erhalt  der  sogenannten  Grünen  Versicherungskarte  (Yeşil  Kart)  zu  bemühen,  um  kostenlose  medizinische Leistungen zu erhalten. Bis zum Erhalt der Karte kann bei  der Vorinstanz medizinische Rückkehrhilfe beantragt werden (vgl. Art. 93 Abs. 1  Bst.  d AsylG  i.V.m. Art.  75  der Asylverordnung 2  vom 11. August  1999  über  Finanzierungsfragen  [AsylV  2,  SR  142.312]),  um  eine  allfällige  Finanzierungslücke zu überbrücken. 7.4.2.3  Das  Bundesverwaltungsgericht  gelangt  vor  diesem  Hintergrund  zum  Schluss,  dass  die  vorliegenden  gesundheitlichen  Beschwerden,  ohne  die  damit  verbundene  Beeinträchtigung  zu  verkennen,  insgesamt  auf  keine  konkrete  Gefährdung  in  Form  einer  medizinischen  Notlage  schliessen  lassen.  Die  Beschwerdeführerin  kann  bei  einer  Rückkehr  in  die  Türkei  vielmehr  auf  ein  tragfähiges  Beziehungsnetz  zurückgreifen,  welches  ihr  organisatorische  sowie  finanzielle  Unterstützung  zu  bieten  vermag,  und  ihre  gesundheitlichen  Beschwerden  in  adäquater  Weise  medizinisch  behandeln  lassen.  Folglich  sind  auch  keine  individuellen  Wegweisungshindernisse  ersichtlich,  die  den  Vollzug  der  Wegweisung  als unzumutbar erscheinen lassen. Nach dem Gesagten erweist sich der  Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar. 7.5.  Schliesslich  obliegt  es  der  Beschwerdeführerin,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (Art.  8  Abs.  4  AsylG), 

E­5788/2010 weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist  (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7.6. Insgesamt ist der durch die Vorinstanz verfügte Wegweisungsvollzug  zu bestätigen. Die Vorinstanz hat diesen zu Recht als zulässig, zumutbar  und  möglich  erachtet.  Nach  dem  Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1­4 AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9.  9.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  der  Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Nachdem  das  Bundesverwaltungsgericht  mit  Verfügung  vom  11.  November  2010  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  gutgeheissen  hat  sowie  weiterhin  von  der  Bedürftigkeit  der  Beschwerdeführerin –  insbesondere lässt der aus den Akten ersichtliche  erwirtschaftete  Lohn  auf  Stundenbasis  keinen  entgegengesetzten  Schluss zu – auszugehen ist, sind keine Verfahrenskosten zu erheben. 9.2. Des Weiteren wurde mit Verfügung des Bundesverwaltungsgerichts  vom  11.  November  2010  der  Anwalt  der  Beschwerdeführerin  als  deren  amtlicher  Rechtsbeistand  eingesetzt.  Das  Honorar  der  amtlichen  Vertretung  ist  unabhängig  vom  Ausgang  des  Verfahrens  festzusetzen  und  vom  Bundesverwaltungsgericht  dem  Rechtsvertreter  persönlich  zu  entrichten.  Der Rechtsvertreter  reichte mit Eingabe  vom 15. November  2011  seine  Kostennote  zu  den  Akten,  gemäss  welcher  er  für  das  Verfahren  der  Beschwerdeführerin  einen  Aufwand  von  insgesamt  14.25  Stunden  zu  einem  Stundenansatz  von  Fr.  200.–  und  Auslagen  in  der  Höhe  von  insgesamt Fr. 68.–  geltend machte. Das  Gericht  erachtet  den  in  Rechnung  gestellten  Aufwand  für  das  Beschwerdeverfahren als angemessen. Demnach ist das zu entrichtende  Honorar  der  amtlichen  Vertretung  unter  Berücksichtigung  der  Bemessungsgrundsätze nach Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 

E­5788/2010 2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR 173.320.2)  in  der  Höhe  von  Fr. 3'148.40  (inkl. Auslagen  und  Mehrwertsteuer  zu  7,6  %  bis  zum  31. Dezember 2010 sowie 8 % ab dem 1. Januar 2011) festzulegen. (Dispositiv nächste Seite)

E­5788/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3.  Das  Bundesverwaltungsgericht  entrichtet  dem  als  amtlichen  Rechtsbeistand  eingesetzten  Anwalt  ein  Honorar  in  der  Höhe  von  Fr. 3'148.40. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Natasa Stankovic Versand:

E-5788/2010 — Bundesverwaltungsgericht 25.01.2012 E-5788/2010 — Swissrulings