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Bundesverwaltungsgericht 03.11.2011 E-5632/2008

3 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,520 mots·~8 min·4

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 4. August 2008

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­5632/2008 Urteil   v om   3 .   No v embe r   2011     Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Richter Maurice Brodard,    Gerichtsschreiber Jan Feichtinger. Parteien A. _______, geboren am (…), Afghanistan,   vertreten durch lic. iur. Urs Ebnöther, Rechtsanwalt,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom   4. August 2008 / N (…).

E­5632/2008 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  in  B.  _______  (C.  _______)  geborener  ethnischer  (…)  afghanischer  Staatszugehörigkeit,  verliess  C.  _______  eigenen Angaben zufolge  im März  / April 2006 und  lebte während eines  Jahres  versteckt  in  D.  _______,  bevor  er  über  ihm  unbekannte  Transitländer am 16. Mai 2006 in die Schweiz gelangte und gleichentags  um Asyl nachsuchte.  Am 22. Mai 2006 wurde er (…) summarisch befragt und am 19. Juli 2006  erfolgte  die  Anhörung  zu  den  Asylgründen  durch  die  kantonale  Migrationsbehörde. Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer dabei  geltend,  er  sei  [in]  C.  _______  geboren  und  habe  dort  bis  zu  seiner  Ausreise  mit  einem  Flüchtlingsausweis  gelebt.  Zu  Problemen  sei  es  gekommen, da er mit E. _______ (…), eine Liebesbeziehung unterhalten  habe.  Obschon  E.  _______  [dem]  F.  _______  zunächst  versprochen  gewesen  und  später  mit  ihm  verheiratet  worden  sei,  habe  der  Beschwerdeführer  vor  und nach der Hochzeit  insgesamt  dreimal mit  ihr  geschlafen,  zuletzt  während  der  Festlichkeiten  zum  Neujahrsfest  (Newroz) im März 2005. Bei dieser letzten Intimität habe G. _______ sie  überrascht  und  mit  einem  Messer  angegriffen.  Der  Beschwerdeführer  habe  jedoch  entkommen  und  bei  einem  Freund  untertauchen  können,  bevor er fünf Tage später das Land verlassen habe.   B.  Mit Verfügung vom 4. August 2008 – am folgenden Tag eröffnet – stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  lehnte  das  Asylgesuch  vom  16. Mai 2006  ab  und  ordnete  die  Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an. C.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  vom  4. Septem­ ber 2008  (Poststempel)  liess  der  Beschwerdeführer  durch  seinen  Rechtsvertreter  in  materieller  Hinsicht  beantragen,  die  Verfügung  vom  4. Au­gust 2008 sei im Umfang der Dispositivziffern 4 und 5 aufzuheben,  es  sei  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  In  prozessualer  Hinsicht  wurde  beantragt,  dem  Beschwerdeführer  sei  die  unentgeltliche  Rechtspflege  gemäss  Art. 65  Abs.  1  und  2  des  Bundesgesetzes  vom  20.  Dezember  1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) zu gewähren,  und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten.

E­5632/2008 D.  Mit  prozessleitender  Verfügung  vom  17. September 2008  verwies  die  zuständige  Instruktionsrichterin  den  Entscheid  über  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG auf einen späteren Zeitpunkt, verzichtete auf die Erhebung eines  Kostenvorschusses  und  wies  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG ab. E.  Das  BFM  hielt  in  seiner  Vernehmlassung  vom  22. September 2008  an  seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. F.  Mit  Eingabe  vom  6. Juli 2011  liess  der  Beschwerdeführer  durch  seinen  Rechtsvertreter einen auf  ihn  lautenden afghanischen Reisepass zu den  Akten reichen. G.  Mit  Vernehmlassung  vom  25. August 2011  im  Rahmen  eines  zweiten  Schriftenwechsels  verwies  das  BFM  auf  seine  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes 

E­5632/2008 vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR  142.31]);  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 108  Abs.  1  AsylG  sowie  Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.  In  der  angefochtenen  Verfügung  verneinte  das  BFM  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers,  lehnte  sein  Asylgesuch  ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug.  Der  Beschwerdeführer  liess  in  seiner  Beschwerde  die  Aufhebung  der  Verfügung,  soweit  den Wegweisungsvollzug  betreffend  (Ziffern  4  und  5  des Dispositivs) beantragen. Die  Verneinung  der  Flüchtlingseigenschaft,  die  Ablehnung  des  Asylgesuchs (Dispositivziffern 1 und 2) blieben somit unangefochten und  sind mit Ablauf der Beschwerdefrist  in Rechtskraft erwachsen. Und auch  die  Wegweisung  als  solche  ist  nicht  mehr  zu  überprüfen.  Es  ist  somit  einzig die Frage zu beantworten, ob die Wegweisung zu vollziehen oder  ob  anstelle  des  Vollzugs  eine  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen  ist  (Art. 44  AsylG  i.V.m.  Art.  83  des  Bundesgesetzes  vom  16. Dezember  2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). 3.  3.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG).

E­5632/2008 3.2. Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug  der  Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit)  sind  alternativer Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748). Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung,  wie  im  Folgenden  aufzuzeigen  ist,  als  unzumutbar  erweist,  ist  auf  eine  Erörterung  der  beiden  andern  Voraussetzungen  eines  rechtmässigen  Wegweisungsvollzugs zu verzichten. 4.  4.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von Art.  83 Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8. März  2002,  BBl  2002  3818). 4.2.  Das  Bundesverwaltungsgericht  hat  sich  in  einem  unlängst  ergangenen Grundsatzurteil vom 16. Juni 2011 (E­7625/2008) eingehend  zur Lage in Afghanistan geäussert (vgl. hierzu Ziff. 4.5.1). 4.3. Bereits  zum Zeitpunkt  des Ergehens  der  angefochtenen Verfügung  wurde  die  allgemein  angespannte  Sicherheitslage  in  Afghanistan  in  Anlehnung  an  die  damals  gültige  Rechtsprechung  (vgl.  EMARK  2003  Nr. 10)  vom  BFM  nicht  in  Zweifel  gezogen.  Indessen  stellte  die  Vorinstanz  fest,  aufgrund  verschiedener  Unglaubhaftigkeitselemente  in  den Vorbringen des Beschwerdeführers ergäben sich erhebliche Zweifel  am  geltend  gemachten  Lebenslauf,  seiner  Herkunft  und  seiner  persönlichen  Situation.  Weiter  ging  sie  davon  aus,  dass  in  gewissen  Landesregionen  Afghanistans  die  Situation  nicht  permanent  instabil  sei  und ein Vollzug dorthin  grundsätzlich  zumutbar  sei. Die Situation  in  der  nördlichen  Provinz  H.  _______  wurde  als  grundsätzlich  sicher  bezeichnet, weshalb  sich der Wegweisungsvollzug dorthin als  zumutbar  erweise, zumal der junge, gesunde und ledige Beschwerdeführer auf eine  solide  Schulbildung  sowie  auf  eine  gewisse  Berufserfahrung  zurückgreifen  könne.  Schliesslich  habe  er  sein  ganzes  Leben  [in]  C. 

E­5632/2008 _______  verbracht,  sei  im  Besitz  einer  entsprechenden  Aufenthaltsberechtigung  und  verfüge  dort  über  ein  verwandtschaftliches  wie soziales Beziehungsnetz. Somit könne er gegebenenfalls auch [nach]  C. _______ zurückkehren. 4.4.  Vorab  ist  –  unter  Bezugnahme  auf  die  Ausführungen  in  der  Rechtsmitteleingabe  und  den  vorinstanzlichen  Erwägungen  –  die  Möglichkeit eines allfälligen Wegweisungsvollzugs [nach] C. _______  zu  prüfen. 4.4.1. Der Beschwerdeführer hält  einer Rückkehr  [nach] C. _______   in  seiner  Rechtsmitteleingabe  entgegen,  aufgrund  seiner  geheimen  Liebesbeziehung  mit  E.  _______  müsse  er  dort  befürchten,  von  G.  _______  und  vor  allem  (…)  wegen  Ehrverletzung  getötet  zu  werden.  Hinsichtlich  dieses  Einwandes  ist  darauf  hinzuweisen,  dass  mit  in  Rechtskraft  erwachsener  Verfügung  vom  4. August 2008  von  der  Vorinstanz  festgestellt  worden  ist,  dass  die  geltend  gemachten  Asylvorbringen und die darauf basierende Furcht den Anforderungen an  die Glaubhaftigkeit  nicht  zu genügen  vermögen  (vgl. A13 S.  3  f.;  in  der  angefochtenen  Verfügung  unzutreffend  zitiert  im  Sinne  der  fehlenden  Glaubwürdigkeit,  [vgl.  A13  S.  4]).  Es  erübrigt  sich  daher,  auf  diese  Vorbringen  in  der  Beschwerde  weiter  einzugehen,  da  diese  nicht  Gegenstand  einer  erneuten  Beurteilung  im  Rahmen  des  vorliegenden  Verfahrens  bilden  können  (res  iudicata;  FRITZ  GYGI,  Bundesverwaltungsrechtspflege,  2.  Aufl.,  Bern  1983,  S.  322  F.; ALFRED  KÖLZ/ISABELLE  HÄNER,  Verwaltungsverfahren  und  Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 2. Aufl., Zürich 1998, S. Rz. 715). 4.4.2.  Im  Hinblick  auf  die  angefochtene  Verfügung  ist  wiederum  festzustellen, dass die vorinstanzlichen Erwägungen betreffend eine dem  Beschwerdeführer  angeblich  mögliche  Rückkehr  [nach]  C.  _______  als  offensichtlich unbehelflich zu bezeichnen sind. Weder hat das BFM eine  Wegweisung in den Drittstaat C. _______ verfügt noch besteht aufgrund  der  Akten  überhaupt  ein  Anlass  zur  Annahme,  vorliegend  wären  gegebenenfalls die Anforderungen für eine Drittstaatwegweisung erfüllt. 4.4.3. Entsprechend dem vorliegenden Anfechtungsobjekt respektive der  Beschwerdebegehren  wird  nachstehend  einzig  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs nach Afghanistan zu prüfen sein.  4.5. 

E­5632/2008 4.5.1. In Bezug auf die allgemeine Lage in Afghanistan kann auf die vom  Bundesverwaltungsgericht  vorgenommene  Einschätzung  der  Lage  in  einem  vor  kurzem  ergangenen,  zur  Publikation  vorgesehenen  Grundsatzurteil  verwiesen  werden  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts            [BVGE] E­7625/2008  vom 16.  Juni  2011).  Das  Gericht  stellt  dort  zusammenfassend  fest,  dass  in  weiten  Teilen von Afghanistan – ausser allenfalls  in Grossstädten – eine derart  schlechte Sicherheitslage und derart schwierige humanitäre Bedingungen  bestünden, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83  Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei. Von dieser allgemeinen Feststellung sei  die Situation  in  der Hauptstadt Kabul  zu  unterscheiden. Angesichts  des  Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlaufe  des  vergangenen Jahres nicht weiter verschlechtert habe und die humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger  dramatisch  sei,  könne  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Kabul  unter  Umständen als  zumutbar  qualifiziert werden. Solche Umstände  könnten  namentlich dann gegeben sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen  jungen,  gesunden  Mann  handle.  Angesichts  der  bisher  aufgezeigten  konstanten  Verschlechterung  der  Lage  über  die  vergangenen  Jahre  hinweg und der auch in Kabul schwierigen Situation verstehe es sich aber  von selbst, dass die bereits in EMARK 2003 Nr. 10 formulierten strengen  Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein  müssten,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu  qualifizieren. Unabdingbar sei in erster Linie ein soziales Netz, dass sich  im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrers  als  tragfähig erweise. Ohne Unterstützung durch Familie oder Bekannte  würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul unweigerlich in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen.  Für  einen  Rückkehrer  aus  Europa  bestehe,  aufgrund  der  Vermutung,  dass er Devisen auf  sich  trage, gleich nach seiner Ankunft  in Kabul ein  erhöhtes Risiko,  entführt  oder  überfallen  zu werden. Verfüge  er  auf  der  anderen Seite  über  keine  genügenden  finanziellen Mittel,  hätte  er  ohne  soziale Vernetzung kaum Aussicht auf eine zumutbare Unterkunft. Auch  bei  der  Arbeitssuche  sei  die  Einstellung,  selbst  von  unqualifizierten  Arbeitskräften,  regelmässig  von  persönlichen  Beziehungen  abhängig.  Eine  die  Gesundheit  nur  einigermassen  garantierende  Ernährung  wäre  ohne die Hilfe von nahestehenden Personen ebenfalls kaum möglich, und  der  Zugang  zu  sauberem  Trinkwasser  schwierig;  Unterstützungsmassnahmen  der  Regierung  oder  internationaler  Organisationen könnten  laut zuverlässigen Quellen daran nichts ändern.  Kämen  in  einer  solchen  Situation  noch  gesundheitliche 

E­5632/2008 Umstellungsschwierigkeiten  hinzu,  geriete  auch  ein  junger  gesunder  Mann  ohne  soziale  Vernetzung  unweigerlich  innert  absehbarer  Zeit  in  eine existenzbedrohende Situation (vgl. a.a.O. E. 9.9.1 f.). 4.5.2. Der Beschwerdeführer gibt an, er sei  in B. _______ (C. _______)  geboren  und  aufgewachsen,  seine  Familie  stamme  jedoch  aus  der  afghanischen Region H. _______.  Diese Angaben zog das BFM in der angefochtenen Verfügung in Zweifel  mit der Begründung, dass der Beschwerdeführer kaum über Afghanistan  Bescheid wisse. Selbst wenn er  seit  jeher  [in] C.  _______ gelebt  habe,  könne doch von ihm erwartet werden, dass er sich für die Vergangenheit  und  die  Herkunft  seiner  Eltern  interessieren  würde,  zumal  er  in  einem  afghanischen Milieu aufgewachsen sei.  Woraus  das  BFM  diese  Erkenntnisse  über  das  soziale  Umfeld  des  Beschwerdeführers  ableitet,  ist  aufgrund  der  Akten  nicht  ersichtlich.  So  hat dieser an keiner Stelle der Befragungen auch nur angetönt, Kontakte  zur afghanischen Diaspora [in] C. _______ unterhalten zu haben. Ebenso  wenig  kann  pauschal  angenommen  werden,  dass  es  jeder  im  Ausland  lebenden  Person  ein  Anliegen  sei,  Nachforschungen  zu  Herkunft  und  Vergangenheit ihrer Eltern anzustellen. Demgegenüber  erscheint  die  Darstellung  in  der  Rechtsmitteleingabe,  wonach  der  Beschwerdeführer  sich  an  der  (…)  Gesellschaft  orientiert  habe, nachvollziehbar. Das Vorhaben,  [in] C. _______ zu studieren sich  auf diese Weise dort eine Zukunft aufzubauen, entspricht durchaus dem  Verhalten,  das  von  einer  vollständig  in  einem  Drittstaat  sozialisierten  Person zu erwarten ist. Als  starkes  Indiz  für  den Wahrheitsgehalt  der  behaupteten  Herkunft  ist  zudem  der  mit  Eingabe  vom  6. Juli 2011  eingereichte  afghanischen  Reisepass  zu  werten.  Das  Dokument  weist  keinerlei  formale  Fälschungsmerkmale auf, enthält mehrere Sicherheitszeichen und wurde  gemäss  Stempelung  vom  Konsulat  in  Genf  ausgestellt.  Es  ist  davon  auszugehen, dass es sich hierbei um ein echtes Dokument handelt. Zwar  ist  der  Einwand  des  BFM,  wonach  der  im  Reisepass  vermerkte  Geburtsort  nicht  mit  den  Angaben  des  Beschwerdeführers  übereinstimmen, nicht von der Hand zu weisen. So hat dieser bei beiden  Befragungen bekräftigt,  in B. _______ geboren zu sein (A1 S. 1; A12 S.  6) wohingegen im genannten Reisedokument H. _______ als Geburtsort 

E­5632/2008 aufgeführt  ist.  Es  ist  jedoch  davon  auszugehen,  dass  die  Einträge  auf  Angaben  des  Beschwerdeführers  beruhen.  Dafür  spricht  auch  die  Tatsache,  dass  der  Beschwerdeführer  im  Rahmen  des  Asylverfahrens  auf  Frage  nach  seinem  Geburtsdatum  mit  (…)  (A1  S.  1)  lediglich  ein  Zeitfenster  zu  bezeichnen  vermochte  und  im  vorliegenden  Ausweisdokument – offenbar mangels genauerer Angaben – der 1. (…)  als solches bezeichnet wurde.  Wenngleich  die  Personalien  anhand  der  Angaben  des  Beschwerdeführers  eingesetzt  wurden,  so  ist  doch  zumindest  davon  auszugehen,  dass  dieser  seine  Staatsangehörigkeit  zu  belegen  hatte.  Ungeachtet  der  vom  BFM  bemängelten  Unstimmigkeiten  ist  der  vorliegende,  authentisch  wirkende Reisepass  geeignet,  die  afghanische  Staatsbürgerschaft des Beschwerdeführers zu belegen.  4.5.3.  Nach  erfolgter  Feststellung,  dass  der  Beschwerdeführer  afghanischer Staatsangehöriger ist, bleibt zu prüfen, aus welcher Region  der Beschwerdeführer respektive seine Familie stammt. Wie  in  der  Rechtsmitteleingabe  zutreffend  festgehalten  wurde,  leuchtet  angesichts  der  zum  Zeitpunkt  der  Befragungen  geltenden  Rechtsprechung nicht ein, weshalb der Beschwerdeführer ausgerechnet  H. _______ als Herkunftsort hätte nennen sollen, hätte er mit unwahren  Angaben seine Chancen im Asylverfahren erhöhen wollen. In EMARK 2006 Nr. 9 stellte die ARK Anfangs 2006 eine Zunahme der  allgemeinen Gewalt  im Land seit Frühjahr 2005 und prekäre Situationen  hinsichtlich des Sicherheitsniveaus  in allen Provinzen  fest. Zumutbar sei  der Wegweisungsvollzug noch für Rückkehrer in Regionen Afghanistans,  in  denen  seit  2004  keine  signifikanten  militärischen  Aktivitäten  mehr  verzeichnet  worden  seien  oder  die  nicht  eine  dauerhafte  Instabilität  aufwiesen, sofern die Personen aus diesen Regionen stammten und die  in EMARK 2003 Nr.  10  formulierten  restriktiven Voraussetzungen  erfüllt  seien.  Gemeint  waren  die  Provinz  Kabul,  die  Provinzen  nördlich  der  Hauptstadt (Parwan, Baghlan, Takhar, Badakhshan, Kunduz, Balkh, Sari  Pul), die Regionen von Samangan, die nicht Teil des Hazarajat bildeten,  sowie die Provinz Herat. Vor  diesem  Hintergrund  hätte  wohl  kaum  ein  Asylbewerber  wahrheitswidrig  behauptet,  er  stamme  ausgerechnet  aus  einer  der –  seinerzeit  als  relativ  sicher  geltenden  –  Nordprovinzen.  Gewiss  hätte 

E­5632/2008 auch  der  Beschwerdeführer  namentlich  eine  von  den  Taliban  regierte  Provinz im Süden des Landes genannt, wäre ihm an der Täuschung der  Asylbehörden gelegen.    Zusammenfassend  besteht  damit  kein  Grund,  an  der  vom  Beschwerdeführer  geltend  gemachten  Herkunft  aus  der  Provinz  H.  _______ zu zweifeln. 4.6. Hinsichtlich eines Wegweisungsvollzugs an einen Ort ausserhalb der  Herkunftsprovinz  hat  sich  das  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung –  unter  Hinweis  auf  angeblich  unglaubhafte  Gesuchsvorbringen  und  namentlich  auf  ein  angeblich  täuschendes  Verhalten  des  Beschwerdeführers  –  einer  entsprechenden  Prüfung  faktisch  enthalten.  Die  Begründung,  weshalb  auf  eine  einlässliche  Prüfung  des  Wegweisungsvollzuges  verzichtet  werden  könne,  vermag  aufgrund  der  vorliegenden  Akten  in  keiner  Weise  zu  überzeugen.  Dass  der  Beschwerdeführer  nicht  in  der  Lage  war,  über  ein  allfälliges  familiäres  Beziehungsnetz  in Afghanistan  zu  berichten,  ist  – wie  unter  Ziffer  4.5.2  dargestellt  –  durch  seinen  dauerhaften  Aufenthalt  im  Iran  hinreichend  erklärt.   Mit  Sicherheit  kann  vorliegend  nicht  leichthin  davon  ausgegangen  werden,  die  strengen  Anforderungen  für  einen Wegweisungsvollzug  an  einen Ort ausserhalb seiner Heimatprovinz seien erfüllt. Zunächst besteht  aufgrund  der  Akten  kein  Anlass  zur  Annahme,  der  Beschwerdeführer  verfüge in einer der bisher als sicher erachteten Provinzen Afghanistans  oder  in  Kabul  über  ein  tragfähiges  Beziehungsnetz,  eine  gesicherte  Wohnsituation  und  die  Möglichkeit  der  Sicherung  seines  Existenzminimums.  Letzteres  umso  weniger,  da  der  Beschwerdeführer  offenbar nie in Afghanistan gelebt hat.  4.7. Der  Vollzug  der Wegweisung  des  Beschwerdeführers  ist  somit  als  unzumutbar zu bezeichnen. Die Voraussetzungen für die Gewährung der  vorläufigen Aufnahme sind erfüllt, nachdem den Akten keinerlei Hinweise  auf Ausschlussgründe gemäss Art. 83 Abs. 7 AuG zu entnehmen sind. 5.  Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen. Die Ziffern 4 und  5  des  Dispositivs  der  angefochtenen  Verfügung  des  BFM  vom  4. August 2008 sind aufzuheben, und die Vorinstanz ist anzuweisen, den  Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.

E­5632/2008 6.  6.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen  (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG  i.V.m. Art. 37 VGG). Damit wird das Gesuch  um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1  VwVG gegenstandslos. 6.2.  Dem  Beschwerdeführer  ist  angesichts  des  Obsiegens  im  Beschwerdeverfahren  in  Anwendung  von  Art.  64  Abs.  1  VwVG  eine  Parteientschädigung  für  ihm  erwachsene  notwendige  Vertretungskosten  zuzusprechen (vgl. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die  Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,  SR 173.320.2]). Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich aufgrund  der  Akten,  gemäss  welchen  keine  Kostennote  vorliegt,  zuverlässig  abschätzen,  weshalb  auf  die  Einforderung  einer  Kostennote  verzichtet  werden  kann.  Unter  Berücksichtigung  der  massgebenden  Berechnungsfaktoren  (Art.  9  ff.  VGKE)  ist  die  von  der  Vorinstanz  zu  entrichtende  Parteientschädigung  auf  Fr.  1000.–  (inkl.  Auslagen  und  Mehrwertsteuer) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite)

E­5632/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  angefochtenen  Verfügung  vom  4. August 2008  werden  aufgehoben.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Das  BFM  hat  dem  Beschwerdeführer  für  das  Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 1000.– (inkl.  Auslagen und Mehrwertsteuer) zu entrichten.  5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers,  das  BFM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Gabriela Freihofer Jan Feichtinger Versand: