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Bundesverwaltungsgericht 17.10.2011 E-5604/2011

17 octobre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,965 mots·~10 min·2

Résumé

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des BFM vom 29. September 2011

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­5604/2011 Urteil   v om   1 7 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richter Bruno Huber (Vorsitz), Richter Yanick Felley, Richter Markus König,    Gerichtsschreiber Nicholas Swain. Parteien A._______, geboren (…), Afghanistan,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin­Verfahren);  Verfügung des BFM vom 29. September 2011 / N _______.

E­5604/2011 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  –  gemäss  eigenen  Angaben  ein  der  Ethnie  der  Hazara angehörender, aus B._______ (Provinz C._______) stammender  afghanischer Staatsangehöriger – suchte am 5. Mai 2011  im Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  D._______  um  Asyl  nach.  Am  11.  Mai  2011  fand  im  EVZ  eine  summarische  Befragung  statt.  Ein  Fingerabdruckvergleich  mit  der  EURODAC­Datenbank  ergab,  dass  der  Beschwerdeführer  am  20. März  2007  in  Griechenland  ein  Asylgesuch  eingereicht  hatte  und  in  diesem  Zusammenhang  erkennungsdienstlich  erfasst worden war. B.  Der Beschwerdeführer machte  im Wesentlichen  geltend,  er  sei  am  (…)  geboren  und  habe  im  Sommer  des  Jahres  2005  seinen  Heimatstaat  aufgrund  der  schlechten  Sicherheitssituation  und  um  eine  Ausbildung  absolvieren  und  seine  wirtschaftliche  Situation  verbessern  zu  können  verlassen. Nach  längeren Aufenthalten  im  Iran  und  in  der  Türkei  sei  er  am 18. Oktober  2006  illegal  und  ohne Reisepapiere  nach Griechenland  gegangen, wo er von den Behörden daktyloskopisch erfasst worden sei.  Nach kurzen Aufenthalten  in Lagern  in E._______ und F._______ habe  er  während  etwa  vier  Jahren  auf  G._______  gelebt  und  dort  legal  als  Plattenleger  gearbeitet.  Er  habe  in  Griechenland  eine  bis  Ende  September  2011  gültige  Aufenthaltsgenehmigung  gehabt.  Sein  Asylgesuch sei erstinstanzlich abgewiesen worden. Schliesslich habe er  am 29. April 2011 Griechenland wegen der Schwierigkeit, dort Unterkunft  und  Arbeit  zu  finden,  verlassen  und  sei  über  Italien  in  die  Schweiz  gelangt.   Anlässlich  der  Befragung  vom  11.  Mai  2011  wurde  dem  Beschwerdeführer  mitgeteilt,  dass  aufgrund  seiner  Vorbringen  und  des  Ergebnisses des Fingerabdruckvergleichs mit der EURODAC­Datenbank  mutmasslich  Griechenland  oder  Italien  für  das  Asyl­  und  Wegweisungsverfahren zuständig sei, und es wurde ihm im Rahmen des  rechtlichen  Gehörs  Gelegenheit  gegeben,  hierzu  Stellung  zu  nehmen.  Der Beschwerdeführer  gab diesbezüglich  zu Protokoll,  es würden  keine  spezifischen  Gründe  gegen  eine  Zuständigkeit  Griechenlands  oder  Italiens für die Prüfung seines Asylgesuchs vorliegen, er wolle aber nicht  in diese Länder zurückkehren, weil es schwierig sei, dort Arbeit zu finden.

E­5604/2011 C.  Eine  am  6.  Mai  2011  beim  Beschwerdeführer  durchgeführte  Knochenaltersanalyse  ergab  ein  Alter  von  18  Jahren;  auf  dem  entsprechenden  Dokument  findet  sich  der  Vermerk:  L'età  si  differenzia  significamente  dall'età  dichiarata  ([…]  Jahre  und  […]  Monate,  Anm.  BVGer). D.  Mit  Eingabe  vom  23.  Mai  2005  reichte  der  Beschwerdeführer  ein  afghanisches Identitätsdokument in Kopie zu den Akten. E.  Am 18.  August  2011  stellte  das BFM  in Anwendung  von Art. 16 Abs. 1  Bst. c  der  Verordnung  [EG]  Nr. 343/2003  des  Rates  vom  18.  Februar  2003  zur  Festlegung  von  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrags  zuständig  ist  (Dublin­II­VO), an die griechischen Behörden ein Ersuchen  um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers. Mit  Schreiben  vom  2.  September  2011  sicherten  die  griechischen  Behörden  die  Rückübernahme  des  Beschwerdeführers  zu  und  führten  aus,  dieser  sei  in  Griechenland  registriert  und  ein  von  ihm  gegen  die  Abweisung  seines  Asylbegehrens  durch  die  erste  Instanz  eingereichte  Beschwerde sei noch hängig. F.  Mit Verfügung vom 29. September 2011 – eröffnet am 3. Oktober 2011 –  trat  das  BFM  gestützt  auf  Art.  34  Abs.  2  Bst.  d  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  nicht  ein,  ordnete  seine  Wegweisung  nach  Griechenland  sowie  deren  sofortigen  Vollzug  an  und  stellte  fest,  einer  allfälligen  Beschwerde  gegen  diese  Verfügung  komme  keine  aufschiebende Wirkung zu.   Zur  Begründung  führte  die  Vorinstanz  aus,  der  Beschwerdeführer  habe  nachweislich  am  (…)  in  Griechenland  ein  Asylgesuch  gestellt.  Die  griechischen  Behörden  hätten  das  an  sie  gestellte  Ersuchen  um  Übernahme  des  Beschwerdeführers  gestützt  auf  Art. 16  Abs.  1  Bst. c  Dublin­II­V  gutgeheissen.  Somit  sei  Griechenland  gestützt  auf  das  Abkommen  vom  26. Oktober  2004  zwischen  der  Schweizerischen 

E­5604/2011 Eidgenossenschaft  und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Staates für die  Prüfung  eines  in  einem  Mitgliedstaat  oder  in  der  Schweiz  gestellten  Asylantrags  (Dublin­Assoziierungsabkommen  [DAA,  SR  0.142.392.68]),  auf  das  Übereinkommen  vom  17. Dezember  2004  zwischen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft,  der  Republik  Island  und  dem  Königreich Norwegen über die Umsetzung, Anwendung und Entwicklung  des  Schengen­Besitzstands  und  über  die  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen  Staates  für  die  Prüfung  eines  in  der  Schweiz,  in  Island  oder  in  Norwegen  gestellten  Asylantrags  (Übereinkommen  vom  17.  Dezember  2004,  SR 0.362.32)  und  in  Berücksichtigung  der  Dublin­II­VO  sowie  der  Verordnung  (EG)  Nr.  1560/2003  der  Kommission  vom  2.  September  2003  mit  Durchführungsbestimmungen  zur  Dublin­II­VO  (Dublin­DVO)  für  die  Durchführung  des  Asylverfahrens  zuständig.  Die  Rückführung  des  Beschwerdeführers  habe  –  vorbehältlich  einer  allfälligen  Unterbrechung  oder  Verlängerung  der  Frist  –  bis  spätestens  am  2.  März  2012  zu  erfolgen.  Die  vom  Beschwerdeführer  geltend  gemachte  Minderjährigkeit  sei  in  Zweifel zu ziehen, da eine durchgeführte Knochenaltersanalyse ein Alter  von  18  Jahren  ergeben  habe,  er  keine  beweiskräftigen  Identitätsdokumente eingereicht habe und seine biographischen Angaben  anlässlich  der  Befragung  ungenau  ausgefallen  seien.  Im  Weiteren  bestünden  keine  Hinweise  auf  eine  mögliche  Verletzung  des  Non­ Refoulement­Gebots  oder  von  Art.  3  der  Konvention  vom  4.  November  1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR  0.101)  im  Falle  einer  Rückführung  des  Beschwerdeführers  nach  Griechenland. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts  sei  eine  Überstellung  nach  Griechenland  im  Rahmen  eines  Dublin­ Verfahrens  nicht  generell  unzulässig.  Zulässig  sei  die  Überstellung  namentlich  dann,  wenn  die  betroffene  Person  ein  Aufenthaltsrecht  für  Griechenland habe und bei ihrer Ankunft keine Inhaftierung oder sofortige  Abschiebung  in  das  Heimatland  zu  befürchten  habe.  Der  Beschwerdeführer habe sich  legal  in Griechenland aufgehalten und sein  dort eingeleitetes Asylverfahren sei noch nicht abgeschlossen. Somit sei  das Risiko einer Verhaftung oder Abschiebung in sein Heimatland gering.  Zudem sei in Anbetracht des Umstands, dass er während mehrerer Jahre  seinen  Lebensunterhalt  habe  bestreiten  können,  nicht  davon  auszugehen,  dass  er  in  eine  existenzielle  Notlage  geraten  würde.  Schliesslich handle es sich bei  ihm nicht um eine besonders verletzliche 

E­5604/2011 Person. Demnach würden  keine  humanitären Gründe  vorliegen, welche  für  eine  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts  der  Schweiz  sprechen  würden.    G.  Mit  Eingabe  beim  Bundesverwaltungsgericht  vom  10.  Oktober  2011  beantragte  der  Beschwerdeführer  in  materieller  Hinsicht,  die  vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben und das BFM sei anzuweisen,  auf  sein  Asylgesuch  einzutreten;  eventualiter  sei  ihm  die  vorläufige  Aufnahme zu gewähren. In formeller Hinsicht ersuchte er um Aussetzung  des  Vollzugs  der Wegwiesung  und  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Zur  Begründung  seiner  Beschwerde  verwies  der  Beschwerdeführer  auf  ein  Urteil  des  Europäischen  Gerichtshofs  für  Menschenrechte (EGMR) vom 21. Januar 2011,  in welchem dieses zum  Schluss  gekommen  sei,  dass  die  Überführung  eines  afghanischen  Asylsuchenden nach Griechenland gegen die  in der EMRK garantierten  Rechte verstosse. Sein Fall  sei mit  jenem vergleichbar. Er müsse damit  rechnen,  in  Griechenland  schlecht  behandelt  zu  werden,  da  die  griechischen  Behörden  ihren  durch  die  EMRK  auferlegten  Verpflichtungen nicht hinreichend nachkommen würden. Der Vollzug der  Wegweisung nach Griechenland und  in  der Folge nach Afghanistan  sei  nicht  mit  Art.  3  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR  0.142.30)  und  Art.  3  EMRK  vereinbar und somit als unzumutbar zu erachten. H.  Die vorinstanzlichen Akten trafen am 12. Oktober 2011 beim Gericht ein  (Art. 109 Abs. 2 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme 

E­5604/2011 im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  und  Art. 108  Abs. 2  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG,  Art. 48  Abs. 1  sowie  Art. 52  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  unter  Vorbehalt  der  nachstehe Erwägungen einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4.  4.1.  Im  Falle  von  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen es das BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin  zu überprüfen  (Art.  32 – 35a AsylG),  ist  die Beurteilungskompetenz des  Bundesverwaltungsgerichts  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  das  BFM  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch  nicht  eingetreten  ist  (vgl.  dazu  BVGE 2007/8 E. 2.1, mit weiterem Hinweis). 4.2.  Die  Frage,  ob  der  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  in  seine  Heimat  einer  asylrelevanten  Verfolgung  ausgesetzt  wäre,  bildet  damit  nicht  Gegenstand  des  Verfahrens.  Auch  die  Frage  einer  vorläufigen  Aufnahme  aufgrund  einer  eventuellen  Unzulässigkeit  oder  Unzumutbarkeit  der Wegweisung nach Art. 44 Abs. 2 AsylG  ist  im Falle  von  Dublin­Verfahren  nicht  Prozessgegenstand  (vgl.  BVGE  2010/45  E.  10.2  S.  645).  Zu  prüfen  ist  hingegen,  ob  das  BFM  von  seinem 

E­5604/2011 Selbsteintrittsrecht  nach  Art. 3  Abs. 2  Dublin­II­VO  hätte  Gebrauch  machen müssen (vgl. nachstehend E. 6). 5.  5.1.  Gemäss  der  Bestimmung  von  Art.  34  Abs. 2  Bst. d  AsylG  –  auf  welche sich die angefochtene Verfügung stützt – wird auf Asylgesuche in  der  Regel  nicht  eingetreten,  wenn  Asylsuchende  in  einen  Drittstaat  ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist. 5.2. Nachdem der Beschwerdeführer sowohl gemäss Verzeichnung in der  EURODAC­Datenbank  als  auch  seinen  eigenen  Angaben  zufolge  vor  seiner Einreise in die Schweiz bereits in Griechenland als Asylsuchender  registriert  wurde,  ist  gemäss  den  einschlägigen  Bestimmungen  zum  Dublin­Verfahren  –  neben  der  Dublin­II­VO  namentlich  die  Verordnung  [EG]  Nr.  1560/2003  der  Kommission  vom  2.  September  2003  mit  Durchführungsbestimmungen  zur  Dublin­II­VO  (DVO  Dublin)  und  das  DAA  –  grundsätzlich  dieser  Staat  für  die  Prüfung  seines  Asylantrages  zuständig.  Dementsprechend  haben  die  griechischen  Behörden  mit  Schreiben  vom  2.  September  2011  die  Rückobernahme  des  Beschwerdeführers  ausdrücklich  zugesichert.  Damit  sind  die  Voraussetzungen  für  einen  Nichteintretensentscheid  in  Anwendung  von  Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG grundsätzlich erfüllt. 6.  6.1. Nach  der  Bestimmung  von Art. 3  Abs. 2 Dublin­II­VO  –  auf welche  sich der Beschwerdeführer sinngemäss beruft – kann die Schweiz jedoch  ein  Asylgesuch  materiell  prüfen,  auch  wenn  nach  den  einschlägigen  Kriterien  der  Dublin­II­VO  ein  anderer  Staat  zuständig  ist  (Selbsteintrittsrecht).  Diese  Bestimmung  ist  nicht  direkt  anwendbar,  sondern kann nur  in Verbindung mit einer anderen Norm des nationalen  oder  internationalen  Rechts  angerufen  werden  (BVGE  2010/45  E. 5).  Droht  jedoch ein Verstoss gegen übergeordnetes Recht,  namentlich ein  Verstoss  gegen  eine  zwingende Norm des Völkerrechts,  so  besteht  ein  einklagbarer  Anspruch  auf  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts  (BVGE  2010/45  E. 7.2.;  vgl.  CHRISTIAN  FILZWIESER/ANDREA  SPRUNG,  Dublin  II­ Verordnung,  3.  Aufl.,  Wien/Graz  2010,  K8  zu  Art. 3).  Erweist  sich  demnach  im  Einzelfall,  dass  durch  die  Überstellung  nach  den  Bestimmungen zur Dublin­II­VO das Refoulement­Verbot nach Art. 33 FK 

E­5604/2011 oder  die  Garantien  nach  der  EMRK,  des  Internationalen  Paktes  über  bürgerliche  und  politische  Rechte  (UNO­Pakt  II,  SR 0.103.2),  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (Folterkonvention;  FoK,  SR 0.105)  verletzt  würden,  so  muss  vom  Selbsteintrittsrecht Gebrauch gemacht werden. 6.2.  Vor  dem  Hintergrund  der  zunehmend  manifesten  Probleme  der  griechischen  Behörden  bei  der  Behandlung  von  Asylsuchenden  (vgl.  dazu  das  Urteil  des  EGMR  in  der  Sache  M.S.S.  gegen  Belgien  und  Griechenland  vom  21. Januar  2011)  hat  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Frage  der  Zulässigkeit  von  Rücküberstellungen  nach  Griechenland  einer  eingehenden  Prüfung  unterzogen.  Dabei  hat  sich  bestätigt,  dass  Griechenland mit  der Betreuung  und Behandlung  der  grossen Zahl  von  Asylsuchenden  im Land weitgehend überfordert  ist  und das griechische  Asylsystem  erhebliche  Mängel  aufweist  (vgl.  dazu  das  zur  Publikation  vorgesehene Urteil D­2076/2010 vom 16. August 2011). Im Rahmen der  Prüfung  wurde  vom  Gericht  namentlich  erkannt,  dass  für  Personen,  welche  nach  den  Bestimmungen  zum  Dublin­Verfahren  nach  Griechenland rücküberstellt werden, vorab das Risiko besteht, direkt nach  ihrer Ankunft für längere Zeit und unter teils nicht tragbaren Bedingungen  in  Administrativhaft  genommen  zu  werden.  Diesbezüglich  musste  einerseits  festgestellt werden, dass sich die Administrativhaft – aufgrund  der  unbestimmten  Dauer,  aber  gerade  auch  aufgrund  der  Unterbringungsverhältnisse  –  häufig  als  mit  Art. 3  EMRK  unvereinbar  erweist  (vgl.  a.a.O.  E. 4.1  und  E.  4.8). Wird  anderseits  rücküberstellten  Personen  die  Einreise  nach  Griechenland  bewilligt,  so  sind  sie  –  wie  praktisch  alle  Asylsuchenden  in  Griechenland  –  in  der  Regel  auf  sich  allein  gestellt,  da  die  von  den  griechischen  Behörden  zur  Verfügung  gestellte Infrastruktur in keinem Verhältnis zur Anzahl der Asylsuchenden  steht. Griechenland ist damit im Regelfall nicht in der Lage, hinreichende  Aufnahmebedingungen  zu  schaffen.  Vielmehr  besteht  das  Risiko,  dass  grundlegende Ansprüche von Asylsuchenden verletzt werden (vgl. a.a.O.  E. 4.3, E.  4.9  und E.  4.10). Schliesslich  gestaltet  sich  für Asylsuchende  auch der Zugang zum griechischen Asylverfahren als sehr schwierig, und  das  Verfahren  selbst  genügt  allzu  oft  grundlegenden  Anforderungen  nicht.  So  unterstehen  Asylsuchende  einer  Meldepflicht,  welche  jedoch  aus  faktischen  Gründen  nur  mit  grosser  Mühe  einzuhalten  ist.  Viele  Asylsuchende rutschen daher in die Illegalität ab (vgl. a.a.O. E. 4.2). 

E­5604/2011 Weiter  weist  das  Asylverfahren  selbst  erhebliche  Mängel  auf,  indem  Asylsuchende  –  mangels  Übersetzung  und  juristischer  Unterstützung –  häufig  nicht  in  der  Lage  sind,  ihre  Asylgründe  tatsächlich  einzubringen  und  im  Falle  eines  negativen  Entscheides  von  ihrem  Beschwerderecht  Gebrauch zu machen. Dabei  ist  sowohl die erste  Instanz,  insbesondere  aber  auch  die  zweite  Instanz  völlig  überlastet,  was  zusätzlich  zu  überlangen Verfahrensdauern führt. Das griechische Asylverfahren weist  weitere  zum  Teil  sehr  erhebliche  Defizite  auf,  womit  im  Resultat  die  Rechtsweggarantien nach Art. 13 EMRK sehr oft nicht erfüllt werden (vgl.  a.a.O.  E. 4.4  und      E.  4.7).  Wer  sich  nicht  um  eine  Registrierung  kümmert,  oder dazu aufgrund der  faktischen Erschwernisse nicht  in der  Lage  ist,  rutscht  wie  erwähnt  in  die  Illegalität.  In  diesem  Falle  –  unter  Umständen  aber  auch  bei  noch  laufenden  Asylverfahren  –  droht  eine  Abschiebung,  namentlich  in  Richtung  der  Türkei,  gegebenenfalls  aber  auch direkt in den Heimatstaat (vgl. a.a.O. E. 4.5). 6.3. Aufgrund der vorstehend beschriebenen Umstände – namentlich der  nachweislichen  Verletzung  internationaler  Verpflichtungen  durch  die  griechischen  Behörden,  insbesondere  nach  Art. 3  und  13  EMRK  aber  auch  nach  Art. 33  FK  –  ist  das  Bundesverwaltungsgericht  im  vorerwähnten  Urteil  zum  Schluss  gelangt,  dass  im  Falle  von  Griechenland die Vermutung eines konventionsgemässen Verhaltens des  Dublin­Vertragsstaates,  welches  im  Falle  von  Verfahren  nach  den  Bestimmungen  zur  Dublin­II­VO  vorausgesetzt  wird,  nicht  mehr  aufrechterhalten werden kann. In  diesem  Zusammenhang  bleibt  aber  gleichzeitig  festzuhalten,  dass  auch  vor  dem  Hintergrund  der  festgestellten  Unzulänglichkeiten  des  griechischen Asylsystems nicht  von einer generellen Unzulässigkeit  von  Rückführungen  nach  Griechenland  auszugehen  ist;  den  besonderen  Umständen des Einzelfalles  ist weiterhin Rechnung zu  tragen, womit  im  Einzelfall  –  wenn  günstige  Voraussetzungen  vorliegen  –  an  der  Rückführung  nach  Griechenland  festgehalten  werden  kann  (vgl.  a.a.O.  E. 4.13, mit weiterem Hinweis). So sei (gemäss dem Urteil D­2076/2010)  ausnahmsweise  eine  Rückführung  nach  Griechenland  möglich,  wenn  davon  ausgegangen  werden  könne,  der  Asylsuchende  entgehe  den  unmenschlichen  Bedingungen  einer  Haft  am  Flughafen  und  das  Risiko  des  direkten  oder  indirekten  Refoulements  könne  ausgeschlossen  werden. Dies sei insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene Person  über ein dauerndes Aufenthaltsrecht verfüge.

E­5604/2011 6.4.  Vorliegend  ist  zunächst  zu  berücksichtigen,  dass  die  griechischen  Behörden  der  Rückübernahme  des  Beschwerdeführers  mit  Schreiben  vom  2.  September  2011  ausdrücklich  zugestimmt  haben,  wobei  sie  darauf  hinwiesen,  dass  eine  von  ihm  gegen  die  erstinstanzlichen  Abweisung  seines  Asylgesuches  eingereichte  Beschwerde  registriert  worden und diese nach wie vor hängig sei. Demnach ist es ihm gelungen,  sich in Griechenland registrieren zu lassen, er erhielt von der Abweisung  seines Asylgesuches durch die erste Instanz Kenntnis, und er war in der  Lage,  fristgerecht  eine  Beschwerde  gegen  die  betreffende  Verfügung  einzureichen.  Somit  ist  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  Zugang  zum  Asylverfahren  in  Griechenland  fand  und  sein  hängiges  Asylbegehren  nach  seiner  Rückkehr  dorthin  wieder  aufnehmen  kann.  Ferner  ist  den  Akten  zu  entnehmen,  dass  er  während  seines  mehrjährigen Aufenthalts in Griechenland legal arbeitete und in der Lage  war, seine existenziellen Bedürfnisse zu sichern. Ohne die beschriebenen  schweren  Mängel  des  Asylverfahrens  in  Griechenland  zu  verkennen,  kann  in  Anbetracht  der  geschilderten  Umstände  des  vorliegenden  Einzelfalls  der  Schluss  gezogen werden,  dass  der Beschwerdeführer  in  Griechenland  mit  einer  angemessenen  Behandlung  und  einem  ordentlichen Asylverfahren rechnen kann. Im Weiteren verfügt der Beschwerdeführer als Asylsuchender zwar nicht  über  ein  dauerhaftes  Aufenthaltsrecht  in Griechenland  und muss  daher  mit  einer  Rückführung  in  seinen Heimatstaat  rechnen.  Es  ist  jedoch  zu  beachten,  dass  er  zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  in  der  Schweiz  keine  individuelle  Verfolgung  in  seinem  Heimatstaat  geltend  machte,  sondern  ausschliesslich  auf  die  schlechte  Sicherheitslage  und  die  unbefriedigende  wirtschaftliche  Situation  in  Afghanistan  verwies.  Es  liegen  demnach  keine  konkreten  Anhaltspunkte  dafür  vor,  dass  ihm  in  seinem  Heimatstaat  das  Risiko  einer  menschenrechtswidrigen  Behandlung  droht,  weshalb  eine  allfällige  Rückführung  dorthin  weder  einen  Verstoss  gegen  Art.  3  EMRK  noch  gegen  das  in  Art.  33  FK  statuierte Non­Refoulement­Verbot darstellen würde. Der Verweis  in der  Beschwerdeeingabe  auf  ein  Urteil  des  EGMR  (M.S.S.  v.  Belgium  and  Greece vom 21. Januar 2011) vermag diese Einschätzung nicht in Frage  zu  stellen,  da  die  Sachverhalte  entgegen  der  in  der  Beschwerde  vertretenen Auffassung nicht vergleichbar sind. Schliesslich  sind  auch  keine  weiteren  schwerwiegenden  humanitären  Gründe  im  Sinne  von  Art.  29a  Abs.  3  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR  142.311)  zu 

E­5604/2011 erkennen,  welche  einer  Überstellung  des  Beschwerdeführers  nach  Griechenland  entgegenstehen  und  aus  diesem  Grunde  einen  Selbsteintritt  als angezeigt erscheinen  lassen würden.  Insbesondere hat  das  BFM  zu  Recht  und mit  zutreffender  Begründung  die  Angaben  des  Beschwerdeführers  zu  seinem  Alter  und  damit  seine  angebliche  Minderjährigkeit  als  unglaubhaft  erachtet.  Der  Beschwerdeführer  hat  denn  auch  in  seiner  Beschwerdeeingabe  die  diesbezüglichen  Erwägungen  der  Vorinstanz  nicht  bestritten.  Vielmehr  hat  er  auf  dem  Deckblatt  seiner  Beschwerdeschrift  als  Geburtsdatum  "(…)"  vermerkt,  was der Annahme, er sei volljährig, entspricht.     6.5. Nach dem Gesagten ist das BFM zu Recht in Anwendung von Art. 34  Abs.  2  Bst.  d  AsylG  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  nicht  eingetreten.  7.  Die Frage nach der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs stellt sich in  Verfahren nach Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG nicht unter dem Aspekt von  Art. 83 Abs. 1 und 4 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über  die  Ausländerinnen  und Ausländer  [AuG,  SR  142.20]),  sondern  vor  der  Prüfung  des  Nichteintretens  im  Rahmen  der  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts  (Art.  3  Dublin­II­VO)  oder  gegebenenfalls  –  wenn  sich Familienmitglieder  in verschiedenen Dublin­Mitgliedstaaten befinden  und  zusammengeführt  werden  sollen  –  bei  der  Ausübung  der  sogenannten Humanitären Klausel (Art. 15 Dublin­II­VO). Nach  dem  Gesagten  ist  der  vom  Bundesamt  verfügte  Vollzug  der  Wegweisung zu bestätigen.  8.  Der Beschwerdeführer vermag nicht darzutun, inwiefern die angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  unrichtig  oder  unvollständig  feststellt  oder  unangemessen  ist  (Art. 106  AsylG),  weshalb  die  Beschwerde  abzuweisen  ist,  soweit  darauf  einzutreten ist.  9.  Mit  dem Entscheid  in  der Hauptsache  ohne  vorgängige  Instruktion wird  das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde  hinfällig.  10. 

E­5604/2011 10.1.  Das  mit  der  Beschwerde  gestellte  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ist unbesehen  der behaupteten Bedürftigkeit  (eine entsprechende Bestätigung  liegt der  Beschwerde  nicht  bei)  abzuweisen,  da  diese  –  wie  sich  aus  den  vorstehenden  Erwägungen  ergibt  –  als  aussichtslos  zu  bezeichnen  waren,  10.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 600.–  (Art. 1­3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2])  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  VwVG). (Dispositiv nächste Seite)

E­5604/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist. 2.  Das  Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG wird abgewiesen. 3.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.−  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und den (…) des  Kantons H._______. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bruno Huber Nicholas Swain Versand:

E-5604/2011 — Bundesverwaltungsgericht 17.10.2011 E-5604/2011 — Swissrulings