Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 15.11.2011 E-5425/2010

15 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,427 mots·~7 min·1

Résumé

Familienzusammenführung (Asyl) | Familienzusammenführung (Asyl)

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­5425/2010 Urteil   v om   1 5 .   No v embe r   2011 Besetzung Richter Kurt Gysi (Vorsitz), Richter Gérard Scherrer, Richter Bruno Huber,    Gerichtsschreiber Christoph Berger. Parteien A._______, geboren am (…), Beschwerdeführer 1, dessen Ehefrau und deren Kinder, B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), E._______, geboren am (…), Beschwerdeführende 2­5, Eritrea, vertreten durch Martina Culic, Rechtsanwältin, Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not,  (…),  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung, Gesuch um Familienzusammenführung; Verfügung des BFM vom 7. Juli 2010 / N (…).

E­5425/2010 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  1  (Ehemann  beziehungsweise  Vater  der  Beschwerdeführenden 2­5) ersuchte die Schweiz am 20. August 2008 um  Asyl.  Mit  Verfügung  vom  2.  Dezember 2009  lehnte  das  BFM  sein  Asylgesuch  ab,  anerkannte  ihn  indessen  aufgrund  subjektiver  Nachfluchtgründe als Flüchtling und gewährte ihm wegen Unzulässigkeit  des Wegweisungsvollzuges die vorläufige Aufnahme in der Schweiz. B.  Mit  Eingabe  vom  22. Februar 2010  stellte  er  ein  Gesuch  um  Familienzusammenführung zugunsten der Beschwerdeführenden 2­5. C.  Mit Schreiben vom 16. März 2010 lud das BFM den Beschwerdeführer 1  zwecks  Vervollständigung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  hinsichtlich  der  Prüfung  einer  allfälligen  originären  Erfüllung  der  Flüchtlingseigenschaft  der  Beschwerdeführenden  2­5  zu  einer  Stellungnahme  zu  ausgewählten  Fragen  die  persönlichen  Verhältnisse  und allfällige Asylgründe in Eritrea betreffend ein. D.  Mit Eingabe vom 11. Mai 2010 reichte ein Mitarbeiter der Caritas Bern im  Namen  des  Beschwerdeführers  1  zum  Fragenkatalog  des  BFM  eine  Stellungnahme  ein  und  stellte  sinngemäss  Asylantrag  für  die  Beschwerdeführenden  2­5.  Zur  Begründung  brachte  der  Beschwerdeführer 1 im Wesentlichen vor, seine Ehefrau habe seit seiner  Flucht  grosse  Probleme  mit  den  eritreischen  Behörden.  Am  25.  September  2008  sei  sie  für  vier  Tage  inhaftiert  und  zu  seiner  Flucht  verhört  worden.  In  der  Folge  sei  ihr  eine  sehr  hohe  Busse  auferlegt  worden. Auch dürfe sie seither  ihren Tearoom nicht mehr betreiben und  nicht  mehr  als  Bäuerin  arbeiten,  so  dass  ihr  jegliche  Grundlagen  für  Verdienstmöglichkeiten entzogen seien. Da sie die Busse nicht bezahlen  könne, werde sie rund alle vier Monate von den Behörden vorgeladen. E.  Mit  Zwischenverfügung  vom  26.  Mai  2010  ersuchte  das  BFM  den  Beschwerdeführer 1, ein allfälliges Vertretungsverhältnis zur Caritas Bern  auszuweisen  und  den  Inhalt  der  Stellungnahme  vom  11.  Mai  2010  schriftlich zu bestätigen. Das BFM teilte dem Beschwerdeführer 1 zudem  mit, es beabsichtige, das Gesuch um Einreisebewilligung  in die Schweiz 

E­5425/2010 für die Beschwerdeführenden 2­5 abzuweisen, und führte aus, im Gesuch  um Familienzusammenführung vom 22. Februar 2010 habe er gebeten,  die Einreisebewilligung an die Schweizer Botschaft in Khartum, Sudan, zu  übermitteln.  Damit  könne  davon  ausgegangen  werden,  dass  die  Beschwerdeführenden 2­5 beabsichtigen würden, Eritrea Richtung Sudan  zu  verlassen.  Es  sei  ihnen  denn  auch  freigestellt,  sich  im  Sudan  um  Aufnahme  zu  bemühen,  und  es  sei  davon  auszugehen,  dass  sie  den  zusätzlichen  subsidiären  Schutz  der  Schweiz  nicht  benötigen  würden,  weshalb  erwogen werde,  ihr Asylgesuch  aus  dem Ausland  abzulehnen.  Der  Beschwerdeführer  1  erhielt  Gelegenheit,  sich  schriftlich  zu  äussern  und  insbesondere  dazu  Stellung  zu  nehmen,  weshalb  es  für  die  Beschwerdeführenden 2­5 nicht zumutbar wäre, im benachbarten Sudan  um Schutz zu ersuchen. F.  Mit  Stellungnahme  der  Rechtsvertreterin  vom  22.  Juni  2010  wurde  im  Wesentlichen vorgebracht, für die Beschwerdeführenden 2­5 sei es nicht  zumutbar, den Sudan um Schutz vor Verfolgung  in Eritrea zu ersuchen.  Die  Gefahr,  als  alleinstehende  Frau  überfallen  und  vergewaltigt  zu  werden,  sei  für  die  Ehefrau  des  Beschwerdeführers  1  gross.  Die  Beschwerdeführenden  2­5  müssten  im  Sudan  in  einem  der  Flüchtlingscamps  Zuflucht  suchen,  in  denen  die  hygienischen  Zustände  katastrophal  seien.  Zudem würden  diese  Flüchtlingslager  immer  wieder  von Rebellen überfallen und dabei würden eritreische Flüchtlinge entführt.  Die existenziellen Grundbedürfnisse der grossen Zahl von Flüchtlingen zu  decken  sowie  diesen  gleichzeitig  Schutz  vor  Verfolgung  vor  den  eritreischen  Behörden  zu  bieten,  gelinge  dem  sudanesischen  Staat  offensichtlich nicht. Die Gefahr, dass Eritreer in ihr Heimatland deportiert  würden,  sei  gross. Zudem müssten  im Rahmen von Art.  52 Abs.  2  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  alle  im  Zusammenhang  mit  dem  Kindswohl  massgeblichen  Elemente  berücksichtigt  und  geprüft  werden.  Schliesslich  könne  die  Beziehungsnähe  zwischen  den  Beschwerdeführenden  2­5  und  dem  Beschwerdeführer 1 als Ehemann beziehungsweise Vater nicht intensiver  sein. Auch sei es dem Beschwerdeführer 1 nicht zumutbar, seinerseits im  Sudan um Schutz zu ersuchen und dort sein Recht, mit der Kernfamilie  zusammenzuleben, auszuüben. Demnach sei den Beschwerdeführenden  2­5 die Einreise in die Schweiz zu gewähren.

E­5425/2010 G.  Mit Verfügung vom 7. Juli 2010 – eröffnet am 8. Juli 2010 – bewilligte das  BFM die Einreise der Beschwerdeführenden 2­5 in die Schweiz nicht und  lehnte ihre Asylgesuche ab. H.  Mit Eingabe vom 28. Juli 2010 erhoben die Beschwerdeführenden gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragten  in  materieller  Hinsicht  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung. Die Vorinstanz sei anzuweisen, den Beschwerdeführenden 2­ 5  die  Einreise  in  die  Schweiz  zwecks  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft zu bewilligen und sie als Flüchtlinge anzuerkennen  sowie  ihnen  in der Schweiz Asyl  zu gewähren.  In prozessualer Hinsicht  ersuchten  sie  um Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  und  um  Beiordnung der Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsvertreterin im Sinne  von Art. 65  Abs. 1 und 2 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968  über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Von der Erhebung  eines Kostenvorschusses sei abzusehen. I.  Mit  Eingabe  vom  29.  Juli  2010  wurde  die  Fürsorgebestätigung  den  Beschwerdeführer 1 betreffend nachgereicht. J.  Mit  Verfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  2.  August  2010  wurde der Eingang der Beschwerde bestätigt. K.  Mit  Verfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  19.  August  2010  wurde  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  nach  Art.  65  Abs.  1  VwVG  gutgeheissen  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  verzichtet.  Die  Vorinstanz  wurde  zur  Einreichung  einer Vernehmlassung eingeladen. L.  Mit  Vernehmlassung  vom  23.  August  2010  beantragte  das  BFM  die  Abweisung der Beschwerde. M.  Mit  Verfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  25.  August  2010  wurde  den  Beschwerdeführenden  die  Vernehmlassung  des  BFM  zur  Kenntnis  gebracht.  Im Weiteren wurde das Gesuch um Gewährung der 

E­5425/2010 unentgeltlichen  Rechtspflege  nach  Art.  65  Abs.  2  VwVG  gutgeheissen  und den Beschwerdeführenden  ihre Rechtsvertreterin als unentgeltlicher  Rechtsbeistand beigeordnet. N.  Mit  Schreiben  vom  2.  Mai  2011  erkundigten  sich  die  Beschwerdeführenden nach dem Verfahrensstand. Das Schreiben wurde  am 9. Mai 2011 vom Bundesverwaltungsgericht telefonisch beantwortet. O.  Im  Zuge  gerichtsinterner  Geschäftslastumverteilung  wurde  das  vorliegende  Verfahren  im  Oktober  2011  dem  vorsitzenden  Richter  zugeteilt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im  Sinne  von       Art.  32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  im  Bereich  des  Asyls  in  der  Regel  −  so  auch  vorliegend  −  endgültig  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG,  soweit  das  AsylG  nichts  anderes  bestimmt  (Art. 37  VGG  sowie  Art. 105 und Art. 6 AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1  AsylG  und  Art. 52  VwVG).  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  vorinstanzlichen  Verfahren  teilgenommen,  sind  durch  die  angefochtene  Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Auf  die  Beschwerde wurde zu Recht eingetreten.

E­5425/2010 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1. Das BFM kann ein im Ausland gestelltes Asylgesuch ablehnen, wenn  die asylsuchenden Personen keine Verfolgung glaubhaft machen können  oder  ihnen  die  Aufnahme  in  einem  Drittstaat  zugemutet  werden  kann   (vgl. Art. 3, Art. 7 und Art. 52 Abs. 2 AsylG). Gemäss Art. 20 Abs. 2 AsylG  bewilligt  das  BFM  Asylsuchenden  die  Einreise  zur  Abklärung  des  Sachverhaltes, wenn  ihnen nicht  zugemutet werden kann,  im Wohnsitz­  oder Aufenthaltsstaat zu bleiben oder in ein anderes Land auszureisen. 3.2. Bei diesem Entscheid sind die Voraussetzungen zur Erteilung einer  Einreisebewilligung  grundsätzlich  restriktiv  zu  handhaben,  wobei  den  Behörden  ein  weiter  Ermessensspielraum  zukommt.  Neben  der  erforderlichen Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG sind namentlich die  Beziehungsnähe  zur  Schweiz,  die  Möglichkeit  der  Schutzgewährung  durch einen anderen Staat, die Beziehungsnähe zu anderen Staaten, die  praktische  Möglichkeit  und  objektive  Zumutbarkeit  zur  anderweitigen  Schutzsuche  sowie  die  voraussichtlichen  Eingliederungs­  und  Assimilationsmöglichkeiten  in  Betracht  zu  ziehen  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Asylrekurskommission  [EMARK]  2004  Nr.  21,  EMARK 1997 Nr. 15,  insbesondere S. 131  ff., welcher angesichts bloss  redaktioneller Änderungen bei der letzten Totalrevision des Asylgesetzes  nach  wie  vor  Gültigkeit  hat).  Ausschlaggebend  für  die  Erteilung  der  Einreisebewilligung  ist  dabei  die  Schutzbedürftigkeit  der  betroffenen  Personen (vgl. EMARK 1997 Nr. 15 E. 2c S. 130), mithin die Prüfung der  Fragen,  ob  eine  Gefährdung  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  glaubhaft  gemacht  wird  und  ob  der  Verbleib  am  Aufenthaltsort  für  die  Dauer  der  Sachverhaltsabklärung zugemutet werden kann. 4.  4.1.  Zur  Begründung  ihrer  Verfügung  vom  7.  Juli  2010  führte  die  Vorinstanz  aus,  die  Anwesenheit  der  Beschwerdeführenden  2­5  in  der  Schweiz  sei  für  die  Abklärung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  vorliegend  nicht  erforderlich.  Aufgrund  des  vollständig  festgestellten  Sachverhaltes  könne  davon  ausgegangen  werden,  dass  aufgrund  der  Zumutbarkeit  einer  anderweitigen  Schutzsuche  keine  unmittelbare  Gefährdung vorliege, die eine sofortige Einreise in die Schweiz notwendig 

E­5425/2010 erscheinen  lasse.  Die  Schilderungen  der  Beschwerdeführenden  liessen  zwar  darauf  schliessen,  dass  die  Ehefrau  des  Beschwerdeführers  1  ernstzunehmende  Schwierigkeiten mit  den  eritreischen  Behörden  habe.  Indessen liege ein Ausschlussgrund gemäss Art. 52 Abs. 2 AsylG vor. Es  bestünden keine konkreten Anhaltspunkte  für die Annahme, dass es  für  die Beschwerdeführenden 2­5 schlechterdings nicht zumutbar oder nicht  möglich wäre, sich im Sudan um Aufnahme zu bemühen und dort Schutz  zu  suchen.  Die  Befürchtungen,  die  Beschwerdeführenden  2­5  könnten  nach der Einreise  in den Sudan von den sudanesischen Behörden nach  Eritrea  zurückgeschafft werden,  erachte  das BFM als  klar  unbegründet.  Nach  gesicherten  Kenntnissen  sei  das  Risiko  von  Deportationen  sehr  gering,  und  in  jüngster  Vergangenheit  seien  keine  solchen  bekannt  geworden. Es  sei  den Beschwerdeführenden  2­5  zuzumuten,  sich  beim  UNHCR registrieren zu lassen und sich danach in dem ihnen zugeteilten  Flüchtlingslager  aufzuhalten,  wo  sie  die  nötige  Versorgung  erhalten  würden.  4.2. Die Beschwerdeführenden halten den Erwägungen der Vorinstanz in  vorliegend  entscheidwesentlicher  Hinsicht  entgegen,  in  der  angefochtenen  Verfügung  werde  unterlassen,  auf  die  Frage  der  Beziehungsnähe  der  Familie  des  Beschwerdeführers  1  zur  Schweiz  einzugehen. Mit  ihrem Vorgehen verstosse die Vorinstanz gegen Art. 52  Abs.  2  AsylG  sowie  die  zu  dieser  Bestimmung  ergangene  Rechtsprechung.  Darüber  hinaus  sei  dadurch  das  rechtliche Gehör  der  Beschwerdeführenden  verletzt  worden.  Bei  einer  Prüfung  der  Beziehungsnähe  der  Beschwerdeführenden  2­5  hätte  die  Vorinstanz  erkannt,  dass  diese  zu  keinem  der  Nachbarländer  von  Eritrea  eine  Beziehung hätten. Sie würden über keinen Bezugspunkt zu irgendeinem  anderen  Land  ausserhalb  ihrem  Heimatland,  ausser  der  Schweiz,  verfügen. 5.  5.1. Nach Art. 20 Abs. 2 und 3 AsylG  ist die Einreise  in die Schweiz zu  bewilligen, wenn eine unmittelbare Gefahr  für  Leib,  Leben oder Freiheit  aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG glaubhaft gemacht wird, das  heisst  im  Hinblick  auf  die  Anerkennung  als  Flüchtling  und  die  Asylgewährung,  oder  aber  wenn  für  die  Dauer  der  näheren  Abklärung  des  Sachverhalts  ein  weiterer  Aufenthalt  im  Wohnsitz­  oder  Aufenthaltsstaat  oder  die  Ausreise  in  einen  Drittstaat  nicht  zumutbar  erscheint.

E­5425/2010 5.2. Gemäss Art. 52 Abs. 2 AsylG kann einer Person, die sich im Ausland  befindet,  das  Asyl  verweigert  werden,  wenn  es  ihr  zugemutet  werden  kann,  sich  in  einem  andern  Staat  um  Aufnahme  zu  bemühen.  Diese  Bestimmung trifft keine Unterscheidung zwischen Asylgesuchen aus dem  Herkunftsland  der  asylsuchenden  Person  und  solchen,  die  aus  einem  Drittstaat  gestellt  werden. Hält  sich  die Person,  die  ein Asylgesuch  aus  dem Ausland gestellt hat, in einem Drittstaat auf, ist zwar im Sinne einer  Vermutung  davon  auszugehen,  die  betreffende  Person  habe  in  diesem  Drittstaat  bereits  Schutz  vor  Verfolgung  gefunden  oder  könne  ihn  dort  erlangen, weshalb  auch  anzunehmen  ist,  es  sei  ihr  zuzumuten,  dort  zu  verbleiben beziehungsweise sich dort um Aufnahme zu bemühen. Diese  Vermutung kann sich  jedoch sowohl  in Bezug auf die Schutzgewährung  durch den Drittstaat (vgl. EMARK 2005 Nr. 19 E. 5.1 S. 176 f.) wie auch  die  Zumutbarkeit  der  Inanspruchnahme  des  Schutzes  im  Drittstaat  als  unzutreffend  erweisen.  Es  ist  deshalb  zu  prüfen,  ob  die  asylsuchende  Person  im Drittstaat Schutz  vor Verfolgung gefunden hat  oder  erlangen  kann, und ­  falls dies zu bejahen  ist  ­ ob der asylsuchenden Person die  Inanspruchnahme des Schutzes des Drittstaates und somit der Verbleib  in diesem Staat  objektiv  zugemutet werden kann. Bei  dieser Abwägung  bildet  die  besondere  Beziehungsnähe  der  asylsuchenden  Person  zur  Schweiz ein zentrales, wenn auch nicht das einzige Kriterium (vgl. BVGE  E­8127/2008  vom  12. Mai  2011  E. 5.1,  EMARK  2004  Nr. 21  E. 4b.aa  S. 139 f.). 5.3. Die Vorinstanz geht  im angefochtenen Entscheid offensichtlich vom  Bestehen  einer  Gefährdungssituation  der  Beschwerdeführenden  2­5  im  Heimatstaat aus, wird doch ausgeführt, die Schilderungen liessen darauf  schliessen, dass die Ehefrau des Beschwerdeführers 1 ernstzunehmende  Schwierigkeiten  mit  den  eritreischen  Behörden  habe.  Allerdings  verweigert die Vorinstanz die Einreise und schliesst die Gewährung von  Asyl aufgrund von Art. 20 Abs. 2 und 3 AsylG i.V.m. Art. 52 Abs. 2 AsylG  aus.  Im  Folgenden  ist  damit  zunächst  zu  prüfen,  ob  die  Vorinstanz  zu  Recht vom Vorliegen des Asylausschlussgrundes gemäss Art. 52   Abs. 2  AsyG ausgegangen ist.  5.4. Wie die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung vorerst zu Recht  ausführt, sind im Rahmen des Asylausschlussgrundes von Art. 52 Abs. 2  AsylG  "namentlich  die  Beziehungsnähe  zur  Schweiz  und  zu  anderen  Staaten …" in Betracht zu ziehen.

E­5425/2010 5.5. Die Vorinstanz  legt  sodann  zunächst  ausführlich  dar, weshalb  trotz  schwierigen Bedingungen  für eritreische Flüchtlinge  im Sudan nicht  von  der Unzumutbarkeit  der  Schutzsuche  in  diesem Drittstaat  ausgegangen  werden könne. Hingegen unterbleibt eine Abwägung mit einer allfälligen  Beziehungsnähe  zur  Schweiz  entgegen  der  zuvor  dargelegten  Pflicht  eben  dieser  Abwägung  vollständig.  Die  Vorinstanz  hat  es  damit  unterlassen, seine Verfügung hinreichend zu begründen.  5.6.  Im Weiteren  hat  die  Vorinstanz  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  nicht  vollständig  abgeklärt.  In  der  Praxis  erachtet  das  Bundesverwaltungsgericht  bei  Sachverhalten,  in  welchen  Frauen  sich  ­  mit  oder  ohne  Kinder  ­  in  einem  Drittstaat  (meist  in  einem  Flüchtlingslager)  ohne  erwachsene  nahe  Familienangehörige  oder  weitere  volljährige  Verwandte  aufhalten,  und  die  deswegen  nicht  nur  in  ökonomischer Hinsicht, sondern auch unter dem Aspekt der persönlichen  Sicherheit  unter prekären Bedingungen  leben, den weiteren Verbleib  im  Aufenthaltsstaat in der Regel als unzumutbar und weist das BFM an, die  Einreisebewilligung zu erteilen, wenn diese ­  in der Regel  in der Person  des  Ehemannes,  welcher  als  Flüchtling  anerkannt  ist  ­  über  eine  besondere  Beziehungsnähe  zur  Schweiz  verfügen  und  zu  keinem  anderen  Staat  stärkere  Bezugspunkte  bestehen  als  zur  Schweiz  (vgl.  etwa  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­4548/2009  vom  18. Februar  2010  E. 6).  Im  Rahmen  seines  Asylverfahrens  hat  der  Beschwerdeführer  1  vorgebracht,  er  sei  in  Khartum  von  einem  Cousin  aufgenommen worden. Sein Cousin sei wohlhabend und habe ihm für die  Weiterreise 1000 Dollar gegeben (vgl. Akten BFM A9/18 F 156 – F159).  Im  vorliegenden  Verfahren wurde  dieser  persönliche  Anknüpfungspunkt  auch nicht nur ansatzweise berücksichtigt.  Im Hinblick auf eine allfällige  Beziehungsnähe  im  Drittstaat  Sudan  sind  aber  diesbezüglich  weitere  Sachverhaltsabklärungen  und  die  Gewährung  des  entsprechenden  rechtlichen  Gehörs  an  die  Beschwerdeführenden  von  entscheidwesentlicher  Bedeutung.  Ein  reformatorischer  Entscheid  unter  allfälliger  Heilung  der  mangelhaften  Sachverhaltsabklärung  und  nicht  hinreichenden  Begründung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  bleibt  bei  dieser  Sachlage  ausgeschlossen  Der  angefochtene  Entscheid  ist  zu  kassieren  und  zur  Neubeurteilung  im  Sinne  dieser  Erwägungen  an  die  Vorinstanz zurückzuweisen. 6.  Im Sinne von Art. 20 Abs. 2 AsylG stellt sich sodann die Frage, ob den  Beschwerdeführenden  2­5  für  das weitere Verfahren  die Einreise  in  die 

E­5425/2010 Schweiz  zu  bewilligen  ist.  Die  von  den  Beschwerdeführenden  2­5  vorgebrachte  Reflexverfolgung  kann  aufgrund  der  Aktenlage  nicht  abschliessend beurteilt werden. Es ist  in diesem Zusammenhang jedoch  in  Erwägung  zu  ziehen,  dass  sie  sich  seit  der  Ausreise  des  Beschwerdeführers  1  aus  seinem Heimatland  im Mai  2008 weiterhin  in  Eritrea  aufhalten.  Auch  wurden  seit  der  Einreichung  der  vorliegenden  Beschwerde  vom 28.  Juli  2010  keine  hinreichenden Hinweise  gemacht,  wonach sie sich weiterhin in unmittelbarer Gefahr, ernsthaften Nachteilen  durch  die  eritreischen  Behörden  ausgesetzt  zu  sein,  befänden.  Im  Schreiben  der  Beschwerdeführenden  vom  2. Mai  2011,  in welchem  sie  sich nach dem Verfahrensstand erkundigten, wurde  lediglich angemerkt,  der  Beschwerdeführer  1  mache  sich  grosse  Sorgen  um  seine  Familie.  Auch wäre zu erwarten gewesen, dass sich die Beschwerdeführenden 2­ 5 zumindest um eine Ausreise in einen Nachbarstaat Eritreas bemüht und  dies aktenkundig gemacht hätten,  sollten  sie aktuell  einer unmittelbaren  flüchtlingsrechtlich  relevanten  Gefahr  in  ihrem  Heimatstaat  ausgesetzt  sein. Es scheint  ihnen unter Berücksichtigung der gesamten Umständen  und  der  aktuellen  Aktenlage  demnach  zumutbar,  den  Entscheid  der  Vorinstanz  in  Eritrea  abzuwarten,  zumal  sie  sich  dort  auf  das  Umfeld  eines breiten familiären Beziehungsnetzes stützen können. 7.  Nach dem Gesagten ist die Beschwerde vom 28. Juli 2010 im Sinne der  vorstehenden  Erwägungen  gutzuheissen,  die  Verfügung  des  BFM  vom    7. Juli 2010 aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an das BFM  zu überweisen. 8.  8.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen  (vgl. Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 8.2. Sodann  ist  den  vertretenen Beschwerdeführenden angesichts  ihres  Obsiegens in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR  173.320.2)  eine  Entschädigung  für  die  ihnen  notwendigerweise  erwachsenen  Parteikosten  zuzusprechen.  Seitens  der  Rechtsvertretung  wurde  keine  Kostennote  eingereicht.  Auf  die  Nachforderung  einer  solchen  wird  indessen verzichtet   (vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE), weil der für den Ausgang  des  vorliegenden  Verfahrens  (nur  teilweises  Obsiegen  durch  Kassation  und  nicht  reformatorischer  Entscheid)  notwendige  Aufwand  zuverlässig 

E­5425/2010 abgeschätzt  werden  kann  und  insofern  die  Beiordnung  eines  unentgeltlichen  Rechtsbeistandes  nichts  zu  ändern  vermag.  Demnach  wird die Parteientschädigung zu Lasten des BFM auf Grund der Akten auf  pauschal Fr. 600.– (inklusive Auslagen) festgesetzt. Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen. 2.  Die Verfügung des BFM vom 7. Juli 2010 wird aufgehoben und die Sache  zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an das BFM überwiesen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Das BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführenden für das Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  eine  Parteientschädigung  in  Höhe  von Fr. 600.– (inklusive aller Auslagen) zu entrichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Kurt Gysi Christoph Berger

E­5425/2010 Versand:

E-5425/2010 — Bundesverwaltungsgericht 15.11.2011 E-5425/2010 — Swissrulings