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Bundesverwaltungsgericht 25.01.2012 E-5356/2011

25 janvier 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·3,266 mots·~16 min·1

Résumé

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des BFM vom 16. September 2011 / N

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­5356/2011 Urteil   v om   2 5 .   J a nua r   2012   Besetzung Richter Kurt Gysi (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richter Bruno Huber,    Gerichtsschreiber Nicholas Swain. Parteien A._______, Syrien, vertreten durch Michael Steiner, Rechtsanwalt,  (…), Beschwerdeführer,  Gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin­ Verfahren);  Verfügung des BFM vom 16. September 2011 / N (…).

E­5356/2011 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  –  gemäss  eigenen  Angaben  ein  aus  B._______  stammender syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie – suchte am  30. Juli 2011 im Empfangs­ und Verfahrenszentrum (EVZ) C._______ um  Asyl nach. Am 4. August 2011 fand im EVZ eine summarische Befragung  statt. Ein Fingerabdruckvergleich mit der Eurodac­Datenbank ergab, dass  der  Beschwerdeführer  am  13.  Juli  2011  in  Italien  ein  Asylgesuch  eingereicht  hatte  und  in  diesem  Zusammenhang  erkennungsdienstlich  erfasst worden war. B.  Am 29. August 2011 wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör  zu  einer möglichen  Zuständigkeit  Italiens  für  das  vorliegende Verfahren  sowie zu einer allfälligen Wegweisung dorthin gewährt. Dabei bestritt er  das Ergebnis des Fingerabdruckvergleichs und brachte vor, er habe sich  am 13. Juli 2011  in  Istanbul aufgehalten, sei aber  im Sommer 2010 auf  der Durchreise im Transitbereich in Rom daktyloskopisch erfasst worden. C.  Am 31.  August  2011  stellte  das BFM  in Anwendung  von Art. 16 Abs. 1  Bst. c  der  Verordnung  [EG]  Nr. 343/2003  des  Rates  vom  18.  Februar  2003  zur  Festlegung  von  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrags  zuständig  ist  (Dublin­II­VO), an die  italienischen Behörden ein Ersuchen  um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers. D.  Mit Eingabe  vom 6. September 2011  reichte der Beschwerdeführer  vier  Fotos im Original zu den Akten, welche seinen Aufenthalt  in Istanbul am  13. Juli 2011 belegen sollen.  E.  Mit E­Mail­Schreiben vom 15. September 2011  teilte die Vorinstanz den  italienischen  Behörden  mit,  dass  sie  von  der  stillschweigenden  Zustimmung zur Wiederaufnahme des Asylsuchenden infolge Verfristung  Kenntnis genommen hätten und demnach gestützt auf Art. 20 Abs. 1 Bst.  c  Dublin­II­VO  von  der  Zuständigkeit  Italiens  für  die  Überprüfung  des  Asylgesuchs ausgegangen werde.

E­5356/2011 F.  Mit  Verfügung  vom  16.  September  2011  –  eröffnet  am  20.  September  2011 – trat das BFM gestützt auf Art. 34 Abs. 2 Bst. d des Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  nicht  ein,  ordnete  seine  Wegweisung  nach  Italien  sowie  deren  sofortigen  Vollzug  an,  stellte  fest,  einer  allfälligen  Beschwerde  gegen  diese  Verfügung  komme  keine  aufschiebende  Wirkung  zu  und  händigte  dem  Beschwerdeführer  die  editionspflichtigen  Akten gemäss Aktenverzeichnis  aus. Auf  die Begründung wird –  soweit  entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen.  G.  Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 27. September 2011 erhob der  Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  gegen  die Verfügung des BFM und beantragte, diese sei aufzuheben, die Sache  sei zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen und es sei auf  das  Asylgesuch  einzutreten.  Eventualiter  sei  die  Unzulässigkeit  und  Unzumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  festzustellen und es sei eine  schriftliche  Zusicherung  der  italienischen  Behörden  bezüglich  der  Einhaltung der völkerrechtlichen Verpflichtungen einzuholen.  In  formeller  Hinsicht beantragte er, der Vollzug der Wegweisung sei auszusetzen und  die  zuständige  Fremdenpolizeibehörde  sei  anzuweisen,  einstweilen  von  allfälligen  Vollzugsmassnahmen  abzusehen.  Ferner  sei  ihm  vollumfängliche  Einsicht  in  die  Aktenstücke  A3/1,  A5/10,  A6/1,  A9/1,  A10/2,  A11/3,  A12/1,  A19/5,  A20/7,  A22/2  sowie  in  die  Antwort  der  italienischen Behörden auf die Akte A21/1 und die von ihm eingereichten  Fotos,  eventualiter  das  rechtliche  Gehör  zu  diesen  Akten  zu  gewähren  und  eine  Frist  zur  Beschwerdeergänzung  einzuräumen.  Schliesslich  sei  seinem Rechtsvertreter vor einem Endentscheid eine angemessene Frist  zur Einreichung einer Kostennote einzuräumen. Auf die Begründung wird  – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. H.  Mit Zwischenverfügung vom 5. Oktober 2011 hiess der Instruktionsrichter  das  Gesuch  um  aufschiebende  Wirkung  der  Beschwerde  gut.  Ferner  wurden  dem Beschwerdeführer  die Aktenstücke A3/1, A12/1  und A19/5  sowie  die  nicht  paginierten  Fotos  offengelegt  und  ihm  eine  Frist  zur  Beschwerdeergänzung  eingeräumt.  Zudem  wurde  auf  die  Erhebung  eines Kostenvorschusses verzichtet.

E­5356/2011 I.  Mit  Eingabe  vom  20.  Oktober  2011  machte  der  Beschwerdeführer  ergänzende  Ausführungen  zu  den  ihm  offengelegten  Aktenstücken.  Zudem reichte er eine die bereits zuvor eingereichten Fotos enthaltende  Compact Disc (CD), Ausdrucke der auf einem Computer abgespeicherten  Aufnahmedaten  dieser  Fotos  sowie  eine  Medienmitteilung  der  Schweizerischen  Beobachtungsstelle  für  Asyl­  und  Ausländerrecht  (SBAA) vom November 2009 ein. J.  In ihrer Vernehmlassung vom 11. November 2011 hielt die Vorinstanz an  ihrer Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. K.  Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 30. November 2011 machte der  Beschwerdeführer  von  dem  ihm  mit  Instruktionsverfügung  vom  15.  November  2011  gewährten  Recht  zur  Replik  Gebrauch  und  hielt  vollumfänglich  an  seinen  Ausführungen  in  der  Beschwerde  sowie  der  Beschwerdeergänzung  fest. Zudem reichte er eine Kopie eines von  ihm  am 8. Juni 2011  in Syrien abgeschlossenen Vertrages ein und ersuchte  um  Ansetzung  einer  Frist  zur  Einreichung  einer  Übersetzung  dieses  Dokuments.   L.  Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 16. Dezember 2011 reichte der  Beschwerdeführer  eine  CD  mit  sechs  im  März  und  April  2010  aufgenommenen  Fotos  inklusive  Ausdrucke  der  gespeicherten  Aufnahmedaten  sowie  eine  Übersetzung  des  mit  Eingabe  vom  30.  November 2011 eingereichten Vertrages ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende 

E­5356/2011 Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  und  Art. 108  Abs. 2  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG,  Art. 48  Abs. 1  sowie  Art. 52  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  unter  Vorbehalt  der  nachstehenden Erwägungen einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Im  Falle  von  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen es das BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin  zu überprüfen  (Art. 32 – 35a AsylG),  ist die Beurteilungskompetenz des  Bundesverwaltungsgerichts  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  das  BFM  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch  nicht  eingetreten  ist  (vgl.  dazu  BVGE 2007/8 E. 2.1, mit weiterem Hinweis). 3.2.  Die  Frage,  ob  der  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  in  seine  Heimat  einer  asylrelevanten  Verfolgung  ausgesetzt  wäre,  bildet  damit  nicht  Gegenstand  des  Verfahrens.  Auch  die  Frage  einer  vorläufigen  Aufnahme  aufgrund  einer  eventuellen  Unzulässigkeit  oder  Unzumutbarkeit  der Wegweisung nach Art. 44 Abs. 2 AsylG  ist  im Falle  von  Dublin­Verfahren  nicht  Prozessgegenstand  (vgl.  BVGE  2010/45  E.  10.2  S.  645).  Zu  prüfen  ist  hingegen,  ob  das  BFM  von  seinem  Selbsteintrittsrecht  nach  Art. 3  Abs. 2  Dublin­II­VO  hätte  Gebrauch  machen müssen (vgl. nachstehend E. 8).

E­5356/2011 4.  4.1.  Zur  Begründung  ihrer  Verfügung  führte  die  Vorinstanz  im  Wesentlichen  aus,  aufgrund  des  Fingerabdruckvergleichs  mit  der  Eurodac­Datenbank  stehe  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  am  13.  Juli  2011 in Italien ein Asylgesuch gestellt habe. Das BFM habe gestützt auf  den  Eurodac­Treffer  an  Italien  ein  Ersuchen  um  Übernahme  des  Beschwerdeführers  im  Sinne  von  Art. 16  Abs.  1  Bst. e  Dublin­II­VO  gestellt. Da Italien innerhalb der festgelegten Frist nicht geantwortet habe,  sei gestützt auf Art. 20 Abs. 1 Bst. c Dublin­II­VO die Zuständigkeit für die  Durchführung  des  Asylverfahrens  auf  Italien  übergegangen.  Somit  sei  Italien gestützt auf das Abkommen vom 26. Oktober 2004 zwischen der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen Staates für die Prüfung eines in einem Mitgliedstaat oder  in  der  Schweiz  gestellten  Asylantrags  (Dublin­Assoziierungsabkommen  [DAA,  SR  0.142.392.68]),  auf  das  Übereinkommen  vom  17. Dezember  2004  zwischen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft,  der  Republik  Island und dem Königreich Norwegen über die Umsetzung, Anwendung  und Entwicklung des Schengen­Besitzstands und über die Kriterien und  Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Staates für die Prüfung eines  in  der  Schweiz,  in  Island  oder  in  Norwegen  gestellten  Asylantrags  (Übereinkommen  vom  17.  Dezember  2004,  SR 0.362.32)  und  in  Berücksichtigung  der  Dublin­II­VO  sowie  der  Verordnung  (EG)  Nr.  1560/2003  der  Kommission  vom  2.  September  2003  mit  Durchführungsbestimmungen  zur  Dublin­II­VO  (Dublin­DVO)  für  die  Durchführung  des  Asylverfahrens  zuständig.  Die  Rückführung  habe –  vorbehältlich einer allfälligen Unterbrechung oder Verlängerung der Frist  – bis spätestens am 15. März 2012 zu erfolgen.  Die  vom  Beschwerdeführer  anlässlich  der  Gewährung  des  rechtlichen  Gehörs  geltend  gemachten  Gründe  seien  nicht  geeignet,  seine  Rückführung  nach  Italien  zu  verhindern. Es  gebe  keinen Grund,  an  der  Richtigkeit  des  Eurodac­Treffers  zu  zweifeln,  zumal  die  zu  den  Akten  gereichten  Fotos  aufgrund  der  leichten  Manipulierbarkeit  des  darauf  abgedruckten  Datums  keinen  wesentlichen  Beweiswert  hätten,  der  Beschwerdeführer  sein  Asylgesuch  in  Italien  bei  der  Kurzbefragung  verschwiegen  und  Italien  der  Rückübernahme  stillschweigend  zugestimmt habe. Im Weiteren würden keine Hinweise auf eine mögliche  Verletzung des Non­Refoulement­Gebots oder von Art. 3 der Konvention  vom  4.  November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und 

E­5356/2011 Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  im  Falle  einer  Rückführung  der  Beschwerdeführerin  nach  Italien  bestehen,  und  weder  die  dort  herrschende  Situation  noch  andere  Gründe  würden  gegen  die  Zumutbarkeit der Wegweisung in diesen Staat sprechen. 4.2.  Der  Beschwerdeführer  rügte  zur  Begründung  seiner  Beschwerde  zunächst,  die  Vorinstanz  habe  ihm  zu  Unrecht  die  Akteneinsicht  in  verschiedene verfahrenswesentliche Aktenstücke verweigert. Dies sowie  der Umstand, dass das Bundesamt die von  ihm am 6. September 2011  eingereichten Fotos und die Antwort der  italienischen Behörden auf das  Verfristungsschreiben  vom  15.  September  2011  nicht  paginiert  habe,  stelle eine schwere Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör dar.  Ebenso sei eine Gehörsverletzung darin zu erblicken, dass der Umstand,  dass eine seiner Schwestern  in der Schweiz  lebe,  in der angefochtenen  Verfügung  nicht  gewürdigt  worden  sei.  Im Weiteren  habe  das  BFM  es  unterlassen,  sich  zur Frage des Zuganges  zum Asylverfahren  in  Italien,  zur  Qualität  des  dortigen  Asylverfahrens  und  zur  problematischen  Situation  der  Asylsuchenden  in  Italien  zu  äussern  und  damit  die  Begründungspflicht  in  schwerwiegender Weise  verletzt.  Eine  detaillierte  Prüfung der Situation  in  Italien sei zwingend notwendig. Es sei bekannt,  dass  die  Zusammenarbeit mit  den  italienischen  Behörden  in  Bezug  auf  die  Rückübernahme  von  Asylsuchenden  nur  mangelhaft  funktioniere.  Daraus  und  aus  dem  Umstand,  dass  vorliegend  das  Rückübernahmeersuchen  nicht  beantwortet  worden  sei,  sei  zu  schliessen,  dass  sich die  italienischen Behörden nicht  um  ihn  kümmern  würden.  Im  Weiteren  sei  der  Sachverhalt  in  mehrfacher  Hinsicht  mangelhaft  abgeklärt  worden.  So  seien  keine  Abklärungen  betreffend  seinen  Aufenthalt  in  Italien  im  Jahre  2010,  zum  Stand  seines  dort  eingeleiteten  Asylverfahrens  sowie  zur  Frage,  ob  dieses  im  Falle  einer  Rücküberstellung  tatsächlich  wieder  aufgenommen  würde,  gemacht  worden. Es hätte zwingend eine Botschaftsanfrage in Syrien durchgeführt  werden  sollen,  mit  welcher  ohne  Weiteres  hätte  in  Erfahrung  gebracht  werden können, ob er  im Jahr 2010 tatsächlich aus seinem Heimatstaat  ausgereist und kurz darauf wieder eingereist  sei. Schliesslich sei es als  Verletzung  der  Pflicht  zur  vollständigen  Abklärung  des  Sachverhalts  sowie  des  Grundsatzes  des  fairen  Verfahrens  zu  werten,  dass  das  Rückübernahmeersuchen  nach  Einreichung  der  Fotos,  welche  seinen  Aufenthalt  in  Istanbul  zum Zeitpunkt  der angeblichen Daktyloskopierung  in  Italien  belegen würden,  nicht  nachgebessert worden  sei.  Der  Vorhalt  des  BFM,  diese  Aufnahmen  seien  manipulierbar,  sei  haltlos  und  unlogisch.  Die  aus  den  Computer­Ausdrucken  ersichtlichen 

E­5356/2011 Aufnahmedaten  könnten  nicht  nachträglich  verändert  werden.  Zudem  stimmten  die  Erscheinungsbilder  der  Aufnahmen mit  den  angegebenen  Uhrzeiten der Aufnahme überein und der jeweilige Hintergrund weise auf  die  Türkei  hin.  Das  BFM  habe  das  Formular  für  das  Rückübernahmeersuchen  an  Italien  falsch  und  unvollständig  ausgefüllt.  Es  habe  die  Daten  seiner  Ausreise  aus  dem  Schengen­Raum  und  der  Rückreise  im  Jahr  2010  sowie  die  Länder,  in  welche  er  nach  seinen  Angaben  nach  Verlassen  des  Schengen­Raumes  gereist  sei,  nicht  genannt. Zudem hätte angegeben werden müssen, dass er nach seinen  Angaben  im  Jahr  2011  nicht  nach  Italien  zurückgekehrt  sei.  Wäre  das  Rückübernahme­Formular  korrekt  ausgefüllt  worden,  hätten  die  italienischen  Behörden  die  Richtigkeit  des  Eurodac­Eintrags  überprüft  und hätten erkennen können, dass ihre Zuständigkeit für das vorliegende  Verfahren erloschen sei. Ferner habe es das Bundesamt unterlassen, die  italienischen  Behörden  konkret  anzufragen,  ob  der  Beschwerdeführer  sich  im  Jahre  2011  in  Italien  aufgehalten  habe.  Das  Vorgehen  der  Vorinstanz  stelle  einen  Verstoss  gegen  Treu  und  Glauben  sowie  den  Grundsatz des fairen Verfahrens dar. Die humanitäre Klausel von Art. 15  Dublin­II­VO  gebiete  ein  Eintreten  auf  sein  Asylgesuch  durch  die  Schweiz,  da  eine  seiner Schwestern  hier  lebe  und  sie  auf  gegenseitige  Unterstützung  angewiesen  seien.  Die  Rücküberstellung  an  Italien  verstosse  auch  gegen  Art.  16  Abs.  3  Dublin­II­VO,  da  er  nach  der  Einreise  in  Italien  im Jahre 2010 das Hoheitsgebiet der Mitgliedsstaaten  für  einen  Zeitraum  von  mehr  als  drei  Monaten  verlassen  habe.  Das  Stillschweigen  der  italienischen  Behörden  deute  denn  auch  darauf  hin,  dass  sie  sich  als  nicht  zuständig  für  sein  Asylgesuch  erachten würden.  Zudem stelle die Rücküberstellung eine Verletzung von Art. 5 AsylG und  Art.  3  EMRK  dar,  da  ihm  in  Italien  der  Zugang  zum  Asylverfahren  verweigert  würde  und  eine  Kettenabschiebung  nach  Syrien  drohe.  Es  müsse  eine  Zusicherung  der  italienischen  Behörden  eingeholt  werden,  dass  das  Asylverfahren  in  Italien  durchgeführt  und  das  Völkerrecht  eingehalten werde. Die unterbliebene Antwort der italienischen Behörden  auf  das  Rückübernahmeersuchen  sei  ein  Hinweis  darauf,  dass  sein  Asylgesuch  in  Italien  nicht  weiterbehandelt  würde.  Es  gebe  begründete  Anhaltspunkte,  dass  in  Italien  kein  faires  Verfahren  garantiert  sei  und  Asylsuchende  keinen  ausreichenden  Zugang  zu  einem  Asylverfahren  sowie zu Unterstützung hätten. Es sei bekannt, dass das Asylverfahren in  Italien  mit  schweren  Mängeln  behaftet  sei  und  die  zuständigen  Institutionen überlastet  seien. Die Situation habe sich  in der  letzten Zeit  noch verschlechtert. Zudem sei er anlässlich seines Aufenthalts in Italien  im  Jahre  2010  überfallen  und  mit  einem  Messer  verletzt  worden.  Aus 

E­5356/2011 diesen Gründen sei eine Überstellung an die  italienischen Behörden als  unzulässig und unzumutbar zu erachten.   4.3.  Das  Bundesamt  stellte  in  seiner  Vernehmlassung  fest,  dem  Beschwerdeführer  seien  aufgrund  eines  Kanzleiversehens  nicht  alle  editionspflichtigen Aktenstücke offengelegt worden. Dadurch sei ihm aber  das  wirksame  Erheben  einer  Beschwerde  nicht  verunmöglicht  worden.  Entgegen  der  Auffassung  des  Beschwerdeführers  sei  der  Begründungspflicht  und  der  Pflicht  zur  Prüfung  der  Vorbringen  hinreichend  nachgekommen  worden.  Aufgrund  des  Eurodac­Eintrags  könnten  die  italienischen  Behörden  den  Verfahrensstand  eruieren,  und  sie  seien  nicht  verpflichtet,  ein  Übernahmeersuchen  zu  beantworten.  Gemäss Art. 20 Ziff. 1 Bst. d Dublin­II­VO werde durch das Unterlassen  einer  Antwort  stillschweigend  die  Verantwortung  zur  Übernahme  übernommen.  Es  werde  daran  festgehalten,  dass  die  vom  Beschwerdeführer  eingereichten  Beweismittel  und  Ausführungen  nicht  geeignet seien, die Richtigkeit des Eurodac­Treffers  in Frage zu stellen.  Es  sei  insbesondere  zu  berücksichtigen,  dass  er  im  Rahmen  der  Kurzbefragung verschwiegen habe, sich  in  Italien aufgehalten zu haben,  und dass  seine Ausführungen  zu  seiner Reise  im  Jahre  2010 und dem  angeblichen Aufenthalt in Rom unsubstanziiert und unplausibel seien. Es  liege  am  ersuchten  Mitgliedstaat,  die  erforderlichen  Überprüfungen  zu  machen.  Die  Schweiz  habe  die  italienischen  Behörden  darauf  hingewiesen,  dass  der  Beschwerdeführer  angebe,  im  Jahre  2010  in  Italien  gewesen  und  danach  in  seinen  Heimatstaat  zurückgekehrt   zu  sein.  Es  könne  davon  ausgegangen  werden,  dass  Italien  die  nötigen  Abklärungen  vorgenommen  habe. Es würden  keine Hinweise  vorliegen,  dass  Italien  seinen  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  nicht  nachkomme,  insbesondere  dass  das  Asylverfahren  nicht  korrekt  durchgeführt  würde  und  dem  Beschwerdeführer  eine  Abschiebung  nach  Syrien  drohe.  Das  Einholen einer entsprechenden Bestätigung sei demnach nicht nötig. Der  Umstand,  dass  seine  Schwester  in  der  Schweiz  lebe,  vermöge  schliesslich  nicht  zu  einer  Zuständigkeit  dieses  Landes  für  das  Asylverfahren  zu  führen,  da  es  sich  bei  ihr  nicht  um  ein  nahes  Familienmitglied handle.  4.4.  In  seiner  Replik  rügte  der  Beschwerdeführer  namentlich,  dass  die  Vorinstanz  den  notwendigen  Umfang  der  Begründungspflicht  bezüglich  der  Situation  in  Italien  verkenne.  Beim  Vorhalt,  die  eingereichten  Fotos  seien  manipuliert,  sowie  bei  den  Ausführungen  hinsichtlich  der  Unglaubhaftigkeit der Reise im Jahre 2010 handle es sich um unbelegte 

E­5356/2011 Parteibehauptungen  ohne  genauere  Begründung.  Der  Aufenthalt  in  Syrien  im  Jahre  2010  könne  durch  die  neu  vorliegende  Anstellungsbestätigung  belegt  werden.  Es  werde  daran  festgehalten,  dass  die  italienischen  Behörden  hätten  konkret  angefragt  werden  müssen, ob ein Fehler beim Eurodac­Treffer vorliege. Die Annahme, dass  die  allgemeine  Situation  Asylsuchender  in  Italien  zufriedenstellend  sei,  entspreche nicht der Realität.  5.  Vorab  ist  zu  den  formellen  Rügen  des  Beschwerdeführers  Folgendes  festzustellen:  5.1.  Antragsgemäss  wurden  dem  Beschwerdeführer  im  Rahmen  des  Beschwerdeverfahrens  mit  Zwischenverfügung  vom  5.  Oktober  2011  mehrere Aktenstücke des erstinstanzlichen Verfahrens sowie die von ihm  eingereichten  Beweismittel  (Fotos)  offengelegt,  und  es  wurde  ihm  Gelegenheit zur Beschwerdeergänzung eingeräumt. Soweit weitergehend  wurde  das  Gesuch  um  Akteneinsicht  abgelehnt,  da  die  betreffenden  Dokumente  vom  Bundesamt  zu  Recht  als  intern  beziehungsweise  unwesentlich qualifiziert wurden und damit gemäss Art. 26 Abs. 1 VwVG  nicht dem Akteneinsichtsrecht unterliegen. Demnach sind die Verletzung  des  Akteneinsichtsrechts  des  Beschwerdeführers  sowie  eine  allfällige  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  durch  die  unterlassene  Paginierung  bestimmter  Aktenstücke,  soweit  diese  zu  Recht  gerügt  wurden,  auf  Beschwerdeebene geheilt worden. 5.2.  5.2.1. Im Asylverfahren – wie im übrigen Verwaltungsverfahren – gilt der  Untersuchungsgrundsatz,  das  heisst,  die  Asylbehörde  hat  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  vor  ihrem  Entscheid  von  Amtes  wegen  vollständig und richtig abzuklären (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG, Art.  106  Abs.  1  Bst.  b  AsylG).  Dabei  muss  sie  die  für  das  Verfahren  erforderlichen  Sachverhaltsunterlagen  beschaffen,  die  relevanten  Umstände  abklären  und  darüber  ordnungsgemäss  Beweis  führen.  Gemäss  Art.  8  AsylG  hat  die  asylsuchende  Person  demgegenüber  die  Pflicht und, unter dem Blickwinkel des  rechtlichen Gehörs  im Sinne von  Art.  29  VwVG  und  Art. 29  Abs.  2  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR  101),  das Recht, an der Feststellung des Sachverhalts mitzuwirken (vgl. BVGE  2008/24 E. 7.2, BVGE 2007/21 E. 11.1.3 mit Hinweis auf Entscheidungen 

E­5356/2011 und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2003 Nr. 13). Weiter gebietet der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV,  Art.  29  VwVG)  unter  anderem,  dass  die  verfügende  Behörde  die  Vorbringen des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft  und in der Entscheidfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der  Entscheidbegründung  niederschlagen muss  (Art.  32  Abs.  1  und Art.  35  Abs. 1  VwVG).  Gemäss  der  Praxis  des  Bundesgerichts  ist  eine  Begründung  grundsätzlich  so  abzufassen,  dass  der  Betroffene  diese  gegebenenfalls  sachgerecht  anfechten  kann  (BGE  122  II  363).  Sowohl  die  Betroffenen  als  auch  die  Rechtsmittelinstanz  müssen  sich  von  der  Tragweite des Entscheids ein Bild machen können. Es müssen deshalb  wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich die  Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt (vgl. BGE  122 IV 14 f.; EMARK 1995 Nr. 12 E. 12c S. 114 ff.). Dies bedeutet jedoch  nicht,  dass  sich  die  Behörde  mit  jeder  tatbeständlichen  Behauptung,  jedem  rechtlichen  Einwand  und  jedem  Beweismittel  auseinandersetzen  muss.  Vielmehr  kann  sie  sich  auf  die  für  den  Entscheid  wesentlichen  Gesichtspunkte beschränken (vgl. EMARK 1993 Nr. 3 E. 4b S. 16 ff., mit  Hinweisen; BGE 117 Ib 492). Im Übrigen richten sich die Anforderungen  an  die  Begründungsdichte  nach  dem  Verfügungsgegenstand,  den  Verfahrensumständen  und  den  Interessen  der  Betroffenen.  Bei  schwerwiegenden Eingriffen  in  die  rechtlich  geschützten  Interessen  des  Betroffenen  −  und  um  solche  kann  es  insbesondere  bei  der  Frage  der  Gewährung  des  Asyls  gehen  –  verlangt  die  bundesgerichtliche  Rechtsprechung eine sorgfältige Begründung (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.2  S. 674 f.; BGE 112 Ia 110).  5.2.2. Tatsächlich hat die Vorinstanz den Umstand, dass eine Schwester  des  Beschwerdeführers  in  der  Schweiz  lebt,  in  der  angefochtenen  Verfügung  nicht  gewürdigt.  Bezüglich  der  Gewährleistung  des  Zugangs  zum Asylverfahren in Italien sowie der Situation Asylsuchender in diesem  Land hat sich das BFM lediglich in sehr knapper Form unter Verwendung  allgemeiner Textbausteine geäussert.   Nach  dem  Gesagten  wird  die  Rüge  der  Verletzung  der  Begründungspflicht im vorliegenden Verfahren zu Recht erhoben.  5.2.3.  Eine  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  aufgrund  mangelhafter  Begründung  kann  im  Beschwerdeverfahren  geheilt  werden,  wenn  die 

E­5356/2011 Rechtsmittelinstanz  über  die  volle Kognition  verfügt,  die Begründung  im  Beschwerdeverfahren  nachgeschoben  und  die  betroffene  Partei  dazu  angehört wird (vgl. EMARK 2006 Nr. 4 E. 5.2., 2004 Nr. 38 E. 7.1 S. 265).  Diese Voraussetzungen sind vorliegend erfüllt, da das Gericht über volle  Kognition  verfügt,  sich  das  BFM  in  seiner  Vernehmlassung  vom  11.  November  2011  zu  den  genannten  Punkten  geäussert  hat  und  dem  Beschwerdeführer Gelegenheit  zur  Stellungnahme  gegeben wurde,  von  welcher er Gebrauch gemacht hat. Die Ausführungen der Vorinstanz  im  Rahmen  der  Vernehmlassung  sind  zwar  wiederum  recht  knapp  ausgefallen. Es  ist aber zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer  keine  individuellen,  besonders  erschwerenden  Umstände  vorgebracht,  sondern sich ausschliesslich auf die allgemeine Situation Asylsuchender  in  Italien  berufen  hat  und  demnach  kein  Anlass  für  eine  besonders  eingehende Auseinandersetzung mit diesen Punkten bestand. Im Übrigen  zeigen  die  Beschwerdeeingabe  vom  27. September  2011  sowie  die  ergänzenden  Eingaben  des  Beschwerdeführers,  dass  es  ihm  durchaus  möglich war, die Verfügung des BFM sachgerecht anzufechten und sich  mit  dessen  Würdigung  auseinanderzusetzen.  Demnach  erscheint  es  gerechtfertigt,  die  festgestellten  Verfahrensmängel  als  durch  das  Beschwerdeverfahren geheilt zu betrachten. 5.3. Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers hat die Vorinstanz  den  relevanten  Sachverhalt  hinreichend  abgeklärt.  Soweit  er  rügt,  das  BFM habe keine Abklärungen hinsichtlich seines Aufenthalts in Italien im  Jahre  2010  getroffen,  ist  festzustellen,  dass  sich  die  angefochtene  Verfügung auf  eine daktyloskopische Erfassung des Beschwerdeführers  in  Italien am 13. Juli 2011 abstützt. Wie  im Folgenden aufzuzeigen sein  wird,  ist  das  Bundesamt  zu  Recht  von  der  sich  daraus  ergebenden  Zuständigkeit der italienischen Behörden ausgegangen, und ein allfälliger  vorangegangener  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  in  Italien  im  Jahre  2010  ist  für  den  Ausgang  des  vorliegenden  Verfahrens  demnach  ohne  Relevanz  (vgl.  nachstehend  E.  7).  Der  Verzicht  der  Vorinstanz  auf  diesbezügliche  Abklärungen  ist  somit  nicht  zu  beanstanden.  Aufgrund  dieser  Sachlage  ist  auch  der  Antrag  des  Beschwerdeführers  auf  Durchführung  einer  Botschaftsabklärung  in  Syrien  zur  Frage,  ob  er  im  Jahr 2010 aus diesem Land aus­ und wieder eingereist  ist, abzuweisen.  Ferner  ergeben  sich  weder  aus  den  Ausführungen  des  Beschwerdeführers  im  erstinstanzlichen  Verfahren  noch  aus  seinen  Beschwerdevorbringen konkrete Anhaltspunkte dafür, dass  ihm in Italien  der Zugang zu einem funktionierenden Asylverfahren nicht gewährleistet 

E­5356/2011 wäre;  daher  besteht  kein  Anlass  für  weitergehende  Abklärungen  zu  diesen Punkten (vgl. auch nachstehend E. 8).  5.4. Der Beschwerdeführer rügt weiter eine Verletzung des Grundsatzes  des  fairen  Verfahrens  und  damit  des  rechtlichen  Gehörs,  weil  die  Vorinstanz  die  von  ihm  zum  Beleg  seines  angeblichen  Aufenthalts  in  Istanbul  im Zeitpunkt  seiner Registrierung  in  Italien  eingereichten  Fotos  den  italienischen  Behörden  nicht  übermittelt  habe.  Im  Rückübernahmeersuchen vom 31. August 2011 wurde den  italienischen  Behörden  mitgeteilt,  der  Beschwerdeführer  bestreite  das  Ergebnis  der  Eurodac­Abfrage und habe vorgebracht, er sei stattdessen im Jahre 2010  in Italien daktyloskopisch erfasst worden. Damit wurden die  italienischen  Behörden  hinreichend  darauf  hingewiesen,  dass  Anlass  bestand,  die  Korrektheit  des  Eurodac­Treffers  zu  überprüfen,  eine  Pflicht,  welche  ihnen gemäss Art. 20 Abs. 1 Bst. b Dublin­II­VO i.V.m. Art. 4 DVO obliegt.  Eine ordnungsgemässe Überprüfung wurde dadurch, dass ihnen die vom  Beschwerdeführer den schweizerischen Asylbehörden vorgelegten Fotos  nicht  übermittelt  wurden,  nicht  vereitelt.  Es  war  den  italienischen  Behörden  ohne  Weiteres  möglich,  anhand  der  im  Rückübernahmeersuchen  angegebenen  Personalien  des  Beschwerdeführers  festzustellen,  ob  und  wann  dieser  in  Italien  als  Asylsuchender erfasst wurde und ob der Eurodac­Eintrag zutreffend  ist.  Entgegen  der  Auffassung  des  Beschwerdeführers  kann  demnach  im  Vorgehen  des  BFM  keine  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  erblickt  werden. 5.5.  Nachdem  sich  die  den  italienischen  Behörden  gelieferten  Informationen als hinreichend erwiesen haben und die angebliche Reise  des  Beschwerdeführers  im  Jahre  2010  nicht  verfahrenswesentlich  ist,  kann  auch  seine  Rüge,  die  Vorinstanz  habe  durch  die  unkorrekte  und  unvollständige  Ausfüllung  des  Rückübernahme­Formulars  gegen  Treu  und  Glauben  sowie  den  Grundsatz  des  fairen  Verfahrens  verstossen,  nicht gefolgt werden.   6.   Gemäss der Bestimmung  von Art.  34 Abs. 2 Bst. d AsylG –  auf welche  sich  die  angefochtene  Verfügung  stützt  –  wird  auf  Asylgesuche  in  der  Regel nicht eingetreten, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist.

E­5356/2011 7.  7.1. Ein  Abgleich  mit  der  Eurodac­Datenbank  ergab  eine  Registrierung  des  Beschwerdeführers  als  Asylsuchender  in  D._______,  Italien,  am  13. Juli 2011. Die italienischen Behörden haben auf das darauf gestützte  Rückübernahmeersuchen der schweizerischen Behörden vom 31. August  2011  innert  Frist  nicht  geantwortet.  Gemäss  Art.  20  Abs.  1  Bst.  c           Dublin­II­VO  ist  demnach  davon  auszugehen,  dass  die  italienischen  Behörden die Rückübernahme des Beschwerdeführers akzeptieren. Dies  zieht  die  Verpflichtung  nach  sich,  den  Beschwerdeführer  aufzunehmen  und  angemessene  Vorkehrungen  für  seine  Ankunft  zu  treffen  (vgl.  die  analoge Bestimmung Art. 18 Abs. 7 Dublin­II­VO). In der Literatur wird die  Auffassung vertreten, dass, falls ein Rückübernahmeersuchen innert Frist  nicht beantwortet wird, der ersuchte Mitgliedsstaat  für das Asylbegehren  ex lege zuständig wird, unabhängig davon, ob die Zuständigkeit gemäss  den  Kriterien  des  dritten  Kapitels  der  Dublin­Verordnung  tatsächlich  gegeben  ist  (vgl.  CHRISTIAN  FILZWIESER/ANDREA  SPRUNG,  Dublin­II­ Verordnung,  3., überarb.  Aufl.,  Wien/Graz  2010,  K5  zu  Art.  20  mit  Verweis  auf  K16  zu  Art. 18;  MATHIAS  HERMANN,  Das  Dublin  System,  Zürich/Basel/Genf  2008,  S. 140).  Der  Argumentation  des  Beschwerdeführers,  aus  der  unterbliebenen  Antwort  der  italienischen  Behörden  sei  zu  schliessen,  dass  diese  nicht  gewillt  seien,  die  Zuständigkeit  für  sein Asylgesuch  zu übernehmen,  kann angesichts  der  gesetzlich ausdrücklich  festgelegten Folgen der Verfristung nicht gefolgt  werden. 7.2.  Jedenfalls  ist  festzustellen,  dass  die  Ausführungen  des  Beschwerdeführers  und  die  von  ihm  eingereichten  Beweismittel  das  Ergebnis  des  Fingerabdruckvergleichs  nicht  in  Frage  zu  stellen  vermögen.  Eine  eindeutige  Identifizierung  des  Aufnahmeorts  der  Fotos,  welche  in  Istanbul  zum  Zeitpunkt  der  in  der  Eurodac­Datenbank  verzeichneten Registrierung  aufgenommen worden  sein  sollen,  ist  nicht  möglich.  Zudem  können  die  Aufnahmedaten  digitaler  Aufnahmen  ohne  Weiteres nachträglich verändert werden, so dass weder die auf den Fotos  aufgedruckten noch die  im Computer  verzeichneten Aufnahmedaten ein  beweiskräftiger  Beleg  für  die  tatsächlichen  Aufnahmedaten  der  Fotos  sind.  7.3.  Die  Darstellung  des  Beschwerdeführers,  er  sei  stattdessen  im  Sommer 2010 auf der Durchreise  in  Italien als Asylsuchender  registriert  worden  und  daraufhin  wieder  nach  Syrien  zurückgekehrt,  erscheint 

E­5356/2011 angesichts des Fehlens eines entsprechenden Eintrags  in der Eurodac­ Datenbank  zweifelhaft. Die Glaubhaftigkeit  dieser Vorbringen  kann aber  letztlich  offengelassen  werden,  da  ein  allfälliger  früherer  Aufenthalt  in  Italien angesichts der daktyloskopischen Erfassung im Jahre 2011 für die  Festlegung  der  Zuständigkeit  für  das  Asylbegehren  des  Beschwerdeführers nicht relevant ist. Folglich ist auch seinem Vorhalt, die  Verfügung  des  BFM  verletze  Art. 16  Abs.  3  Dublin­II­VO,  weil  er  nach  seiner  Registrierung  in  Italien  im  Sommer  2010  das  Hoheitsgebiet  der  Mitgliedsstaaten  für  eine  Dauer  von  mehr  als  drei  Monaten  verlassen  habe,  die  Grundlage  entzogen.  Aus  den  von  ihm  eingereichten  Beweismitteln, welche  seinen Aufenthalt  in Syrien  im Zeitraum April  bis  Juni 2010 belegen sollen (Fotos, Mietvertrag) kann der Beschwerdeführer  nichts zu seinen Gunsten ableiten, da seine Anwesenheit im Heimatstaat  in diesem Zeitraum unbestritten ist.  7.4.  Im Weiteren  vermag  auch  der  Umstand,  dass  eine  Schwester  des  Beschwerdeführers  sich  in  der  Schweiz  aufhält,  nicht  die  Zuständigkeit  der schweizerischen Asylbehörden gemäss den Kriterien des Kapitels III  der  Dublin­Verordnung  zu  begründen.  Namentlich  kann  der  volljährige  Beschwerdeführer sich nicht auf Art. 7 und Art. 8 Dublin­II­VO berufen, da  es sich bei seiner Schwester nicht um eine Familienangehörige im Sinne  der Definition von Art. 2 Bst.  i Dublin­II­VO handelt. Eine entsprechende  Zuständigkeitsbegründung wurde denn auch im Beschwerdeverfahren zu  Recht nicht geltend gemacht.  7.5. Die vom Beschwerdeführer angerufene "Humanitäre Klausel" (Art. 15  Dublin­II­VO)  ist  nur  auf  Aufnahmeersuchen  von  Mitgliedsstaaten  anwendbar.  Sie  kommt  vor  allem  in  Situationen  zum  Tragen,  wo  Asylsuchende  sich  in  dem  gemäss  den  Regeln  der  Dublin­II­VO  zuständigen  Mitgliedsstaat  aufhalten,  humanitäre  Gründe  aber  die  Führung  des  Asylverfahrens  durch  einen  anderen  Staat  angezeigt  erschienen  lassen  (FILZWIESER/SPRUNG,  a.a.O.,  K4  zu  Artikel  15).  Der  Beschwerdeführer hält sich  indessen  in der Schweiz und somit  in einem  für das Asylverfahren nicht zuständigen Staat auf.  7.6. Nach dem Gesagten  ist  in Übereinstimmung mit der Vorinstanz von  der  grundsätzlichen  Zuständigkeit  Italiens  für  das  Asylbegehren  des  Beschwerdeführers auszugehen. 8. 

E­5356/2011 8.1.  Nach  Art. 3 Abs. 2  Dublin­II­VO  kann  die  Schweiz  ein  Asylgesuch  materiell  prüfen, auch wenn nach den  in der Verordnung vorgesehenen  Kriterien ein anderer Staat zuständig  ist  (sog. Selbsteintrittsrecht). Diese  Bestimmung  ist  nicht  unmittelbar  anwendbar,  sondern  kann  nur  in  Verbindung mit einer anderen Norm des nationalen oder  internationalen  Rechts angerufen werden (vgl. BVGE 2010/45 E. 5). Art. 29a Abs. 3 der  Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR 142.311)  sieht  vor,  dass  das  BFM  aus  humanitären  Gründen  ein  Gesuch behandeln kann, auch wenn nach den Kriterien der Dublin­II­VO  ein  anderer  Staat  zuständig  ist.  Es  handelt  sich  dabei  um  eine  Kann­ Bestimmung,  die  den  Behörden  einen  gewissen  Ermessensspielraum  lässt,  grundsätzlich  aber  restriktiv  auszulegen  ist  (vgl.  BVGE  2010/45  E. 8.2.2.).  Droht  hingegen  ein  Verstoss  gegen  übergeordnetes  Recht,  namentlich gegen eine zwingende Norm des Völkerrechts, so besteht ein  einklagbarer Anspruch auf Ausübung des Selbsteintrittsrechts (vgl. BVGE  2010/45  E. 7.2.;  FILZWIESER/SPRUNG,  a.a.O.,  K8  zu  Art. 3).  Erweist  sich  demnach  im  Einzelfall,  dass  durch  die  Überstellung  nach  den  Bestimmungen  der  Dublin­II­VO  das  Refoulement­Verbot  nach  Art. 33  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR  0.142.30),  die  Garantien  nach  der  EMRK,  des  Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte (UNO­Pakt  II,  SR 0.103.2)  oder  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (Folterkonvention;  FoK,  SR 0.105)  verletzt  würden, so muss vom Selbsteintrittsrecht nach Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO  Gebrauch  gemacht  werden  (vgl.  zum  Ganzen  auch  BVGE  2011/9,  E.  4.1). 8.2.  Aufgrund  der  Dublin­II­VO  (vgl.  Ziffer  2  der  Einleitungsbestimmungen)  ist  von  der  Vermutung  auszugehen,  dass  jeder Mitgliedstaat als sicher im Sinne der FK erachtet werden kann und  alle  Staaten  das Gebot  des  Non­Refoulement  (Art.  33  FK)  sowie  (kraft  ihrer  Mitgliedschaft)  Art.  3  EMRK  beachten.  Liegt  keine  systematische  (und  über  die  Überstellungsfrist  fortdauernde)  Verletzung  dieses  Grundsatzes  durch  den  zuständigen  Mitgliedstaat  vor,  so  hat  ein  Beschwerdeführer  diese  Vermutung  umzustossen  und  damit  nachzuweisen oder glaubhaft  zu machen, dass besondere, ausreichend  konkrete  Gründe  dafür  vorliegen,  dass  bei  einer  Überstellung  in  den  zuständigen  Staat  für  ihn  die  reale  Gefahr  eines  fehlenden  Verfolgungsschutzes  respektive  die  Gefahr  eines  Verstosses  des 

E­5356/2011 zuständigen  Mitgliedstaates  gegen  das  Non­Refoulement­Gebot  oder  Art. 3 EMRK bestehen würde (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.5 und E. 7.7).  8.3.  Italien  ist – wie die Schweiz – unter anderem Signatarstaat der FK,  der EMRK und der FoK. Als nach Art. 3 Abs. 1 Dublin­II­VO zuständiger  Staat ist Italien zudem gehalten, unter anderem die Richtlinie 2005/85/EG  des Rates vom 1. Dezember 2005 über Mindestnormen  für Verfahren  in  den  Mitgliedstaaten  zur  Zuerkennung  und  Aberkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  (sog.  Verfahrensrichtlinie)  und  die  Richtlinie  2003/9/EG  des  Rates  vom  27.  Januar  2003  zur  Festlegung  von  Mindestnormen  für  die  Aufnahme  von Asylbewerbern  in Mitgliedstaaten  (sog.  Aufnahmerichtlinie)  anzuwenden  respektive  umzusetzen.  Es  darf  demnach  davon  ausgegangen  werden,  dass  Italien  grundsätzlich  als  sicher  im Sinne der FK erachtet werden kann und das Gebot des Non­ Refoulement  (Art.  33  FK)  sowie  Art.  3  EMRK  beachtet  (vgl.  BVGE  2010/45  E.  7.3.  –  7.7.).  Die  Gefahr  einer  Kettenabschiebung  im  Falle  einer  Überstellung  an  die  italienischen  Behörden  kann  somit  in  aller  Regel  als  ausgeschlossen  gelten.  Der  Beschwerdeführer  macht  denn  auch  keine  entsprechenden  konkreten  Vorbringen  geltend,  die  diesen  Überlegungen entgegenstehen würden. Mithin vermag er nicht darzutun,  es bestünde ein konkreter Grund zur Annahme, dass er von Italien ohne  korrekte  Prüfung  seiner  Gesuchsgründe  in  die  Heimat  zurückgeführt  würde  und  dass  ihm  somit  in  Italien  eine  das  Refoulementverbot  verletzende  Rückschiebung  ins  Heimatland  drohe.  Aus  dem  Umstand,  dass  Italien  das  Rückübernahmeersuchen  der  schweizerischen  Asylbehörden  innert  Frist  nicht  beantwortet  hat,  kann  entgegen  der  Auffassung  des Beschwerdeführers  nicht  auf  eine  fehlende Bereitschaft  der  italienischen  Behörden,  ihren  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  nachzukommen, geschlossen werden. 8.4. Das italienische Fürsorgesystem für Asylsuchende steht zwar derzeit  in  der  Kritik,  nachdem  es  sich  aufgrund  einer  starken  Zunahme  von  Asylsuchenden  mit  erheblichen  Kapazitätsproblemen  konfrontiert  sieht  und Asylsuchende  in  Italien bei der Unterkunft,  bei  der Arbeit  und beim  Zugang  zur  medizinischen  Infrastruktur  gewissen  Schwierigkeiten  ausgesetzt  sein  können.  Jedoch  kann  nach  Auffassung  des  Gerichts  daraus  nicht  geschlossen  werden,  Italien  verletze  nachgewiesenermassen  in  systematischer  Weise  die  Richtlinie  Nr.  2003/9/EG.  In  den  Aufenthalts­  und  Verfahrensbedingungen  für  Personen,  welche  sich  im  Rahmen  eines  Asylverfahrens  in  Italien 

E­5356/2011 aufhalten,  ist  daher  insgesamt  in  der  Regel  kein  Vollzugshindernis  zu  sehen.  Namentlich  werden  Dublin­Rückkehrende  und  verletzliche  Personen  bezüglich  Unterbringung  von  den  italienischen  Behörden  bevorzugt  behandelt und es nehmen sich – neben den staatlichen Strukturen – auch  zahlreiche private Hilfsorganisationen der Betreuung von Asylsuchenden  und Flüchtlingen an. Beispielsweise organisiert die Organisation "Arci con  Fraternità"  seit  dem  1. Januar  2009  die  Betreuung  der  Flüchtlinge  im  Flughafen  Fiumicino  (Rom)  und  bietet  dort  den  Asylsuchenden  kostenlose  Rechtsberatung  an  (s.  Urteil  des  BVGer  D­7654/2010  vom  20. April 2011). Das Vorbringen des Beschwerdeführers, er sei  in  Italien  überfallen worden,  ist nicht geeignet, zu einer anderen Einschätzung zu  führen,  da  von  der  Schutzfähigkeit  und  –willigkeit  der  italienischen  Behörden auszugehen ist.  8.5. Den Akten können keine Hinweise auf eine besondere Verletzlichkeit  des Beschwerdeführers entnommen werden. Schliesslich sind auch keine  weiteren  schwerwiegenden  humanitären Gründe  im  Sinne  von  Art.  29a  Abs.  3  AsylV 1  zu  erkennen,  welche  einer  Überstellung  des  Beschwerdeführers nach Italien entgegenstehen und aus diesem Grunde  einen Selbsteintritt als angezeigt erscheinen lassen würden. Insbesondere  vermögen  die  familiären  Verhältnisse  des  Beschwerdeführers  die  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts  nicht  zu  rechtfertigen.  Gemäss  Art. 8  EMRK  fallen  auch  über  die  Kernfamilie  (Ehegatten  und  minderjährige  Kinder)  hinausgehende  verwandtschaftliche  Bande  unter  den  Schutz  der  Einheit  der  Familie,  sofern eine nahe, echte und tatsächlich gelebte Beziehung zwischen den  Angehörigen besteht (vgl. BVGE 2008/47 E. 4.1.1). Die Berufung auf den  Grundsatz  der  Familieneinheit  bei  Verwandten  ausserhalb  der  Kernfamilie  setzt  jedoch  ein  darüber  hinausgehendes  besonderes  Abhängigkeitsverhältnis voraus (vgl. BVGE 2008/47; BGE 129 II 11 E. 2  S. 14:  MARTINA  CARONI,  Schriften  zum  Europäischen  Recht,  Band  58,  Privat und Familienleben zwischen Menschenrecht und Migration, S. 25  und  S.  35,  mit  Hinweisen).  Konkrete  Anhaltspunkte  für  ein  solches  Verhältnis  des Beschwerdeführers  und  seiner Schwester, welche  am 2.  Januar 2008  in der Schweiz um Asyl  ersuchte und über eine vorläufige  Aufnahme  verfügt,  liegen  jedoch  nicht  vor.  Die  auf  Beschwerdeebene  gemachte  Behauptung,  sie  seien  auf  gegenseitige  Unterstützung 

E­5356/2011 angewiesen, wird nicht weiter substanziiert, und es wird  in keiner Weise  dargelegt, wie ihre Beziehung geartet ist und wie sie diese pflegen. 8.6.  Angesichts  dieser  Sachlage  besteht  –  entgegen  anderslautender  Auffassung  in  der  Beschwerde  –  keine  Veranlassung,  bei  den  italienischen  Behörden  eine  Zusicherung  hinsichtlich  der  Durchführung  des  Asylverfahrens  und  der  Einhaltung  des  Völkerrechts  einzuholen,  weshalb der entsprechende Verfahrensantrag abgewiesen wird.  9.  Nach  dem Gesagten  ist  das  BFM  zu  Recht  in  Anwendung  von  Art.  34  Abs.  2  Bst.  d  AsylG  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  nicht  eingetreten.  10.  Die Frage nach der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs stellt sich in  Verfahren nach Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG nicht unter dem Aspekt von  Art. 83 Abs. 1 und 4 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über  die  Ausländerinnen  und Ausländer  [AuG,  SR  142.20]),  sondern  vor  der  Prüfung  des  Nichteintretens  im  Rahmen  der  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts  (Art.  3  Dublin­II­VO)  oder  gegebenenfalls  –  wenn  sich Familienmitglieder  in verschiedenen Dublin­Mitgliedstaaten befinden  und  zusammengeführt  werden  sollen  –  bei  der  Ausübung  der  sogenannten Humanitären Klausel (Art. 15 Dublin­II­VO). Nach  dem  Gesagten  ist  der  vom  Bundesamt  verfügte  Vollzug  der  Wegweisung zu bestätigen.  11.  Der Beschwerdeführer vermag nicht darzutun, inwiefern die angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  unrichtig  oder  unvollständig  feststellt  oder  unangemessen  ist  (Art. 106  AsylG),  weshalb  die  Beschwerde  abzuweisen  ist,  soweit  darauf  einzutreten ist.  12.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  VwVG).  Jedoch  ist  zu  berücksichtigen, dass er zu Recht eine nicht vollständige Offenlegung der  wesentlichen  Verfahrensakten  sowie  eine  Verletzung  der  Begründungspflicht  gerügt  hat.  Von  einer  Kassation  der  angefochtenen  Verfügung  wurde  lediglich  deshalb  abgesehen,  weil  die  festgestellte 

E­5356/2011 Verletzung von Verfahrensrechten als nicht schwerwiegend beurteilt und  deshalb auf Beschwerdeebene geheilt wurde. Der Beschwerdeführer  ist  nur  durch  das  Ergreifen  eines Rechtsmittels  zu  einem  rechtskonformen  Entscheid  gelangt,  weshalb  ihm  ihm  dadurch  kein  finanzieller  Nachteil  erwachsen darf  (vgl. BVGE 2008/47 E. 5 S. 680 f., BVGE 2007/9 E. 7.2  S. 109). Daher sind  ihm in Anwendung von Art. 63 Abs. 1  in  fine VwVG  i.V.m.  Art.  6  Bst.  b  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE,  SR 173.320.2) keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (vgl. BVGE 2008/47  E. 5.1). 13.  Angesichts des soeben Gesagten ist dem Beschwerdeführer schliesslich  trotz  des  Umstandes,  dass  er  im  vorliegenden  Beschwerdeverfahren  letztlich  mit  seinen  Rechtsbegehren  nicht  durchgedrungen  ist,  eine  angemessene  Parteientschädigung  für  die  ihm  aus  der  Beschwerdeführung  erwachsenen,  notwendigen  Kosten  zuzusprechen.  Der Antrag des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers auf Ansetzung  einer  Frist  zur Nachreichung  einer  Kostennote  ist  abzuweisen. Gemäss  Art. 14 VGKE haben die Parteien, die Anspruch auf Parteientschädigung  erheben,  dem  Gericht  vor  dem  Entscheid  eine  detaillierte  Kostennote  einzureichen,  ansonsten  das  Gericht  die  Entschädigung  aufgrund  der  Akten festlegt. Die Präsidentenkonferenz des Bundesverwaltungsgerichts  hat  im Jahr 2009 beschlossen, dass bei Anwältinnen und Anwälten und  anderen  Rechtsvertreterinnen  und  ­vertretern,  die  ihren  Vertretungsaufwand  nicht  unaufgefordert  und  rechtzeitig  ausweisen,  grundsätzlich  keine  Kostennote  eingeholt,  sondern  der  zu  entschädigende  Parteiaufwand  geschätzt  wird  (vgl.  den  auf  der  Homepage des Bundesverwaltungsgerichts abgelegten Geschäftsbericht  2009  S.  75).  Die  angemessene  Parteientschädigung  ist  aufgrund  des  zuverlässig  abschätzbaren  Zeitaufwandes  seines  Rechtsvertreters  und  der  praxisgemässen  Bemessungsfaktoren  (Art.  16  Abs.  1  Bst.  a  VGG  i.V.m. Art. 8, Art. 10 Abs. 2 und Art. 14 Abs. 2 VGKE) auf insgesamt Fr.  2550.− (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.  (Dispositiv nächste Seite)

E­5356/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung von Fr. 2550.− zu entrichten. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers,  das  BFM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Kurt Gysi Nicholas Swain Versand:

E-5356/2011 — Bundesverwaltungsgericht 25.01.2012 E-5356/2011 — Swissrulings