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Bundesverwaltungsgericht 16.02.2012 E-507/2012

16 février 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,308 mots·~12 min·3

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 21. Dezember 2011

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­507/2012 Urteil   v om   1 6 .   Februar   2012 Besetzung Einzelrichterin Muriel Beck Kadima, mit Zustimmung von Richterin Jenny de Coulon Scuntaro; Gerichtsschreiberin Patricia Petermann Loewe. Parteien A._______, geboren am (…), Staat unbekannt, vertreten durch Hansjörg Trüb, Asylbrücke Zug, (…),  Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom  21. Dezember 2011 / N (…).

E­507/2012 Sachverhalt: A.  Die  tibetische  –  damals  minderjährige  und  gemäss  ihren  Angaben  aus  B._______  (U­Tsang,  Zentraltibet)  stammende  –  Beschwerdeführerin  habe anfangs Juli 2009 abends ihr Dorf mit ihrem Onkel Richtung Lhasa  verlassen, um später mit einem Lastwagen nach Nepal zu gelangen. Am  14. September  2009  habe  sie  Nepal  per  Flugzeug  in  Begleitung  eines  Schleppers verlassen und sei nach einer Zwischenlandung an einen  ihr  unbekannten  Ort  gelangt.  Tags  darauf  sei  sie  mit  einem  Zug  in  die  Schweiz gereist, wo sie am 16. September 2009 ein Asylgesuch gestellt  hat.  Am  23. September  2009  wurde  sie  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  Basel  summarisch  und  am  26. Oktober  2009  –  in  Anwesenheit einer Vertrauensperson – eingehend zu  ihren Asylgründen  angehört. Dabei machte sie geltend, sie habe zusammen mit einer Freundin CD's  mit Reden des Dalai Lama in ihrem und in nahliegenden Dörfern verteilt.  Nachdem  diese  Freundin  am  (…)  2009  von  der  Geheimpolizei  festgenommen worden sei,  rieten  ihre Eltern  ihr, das Dorf zu verlassen.  Auf Details dieser Begründung wird – soweit entscheidwesentlich – in den  Erwägungen eingegangen. B.  Um die Herkunft der Beschwerdeführerin festzustellen, ordnete das BFM  am 24. September 2009 eine LINGUA­Analyse durch einen Experten an  (A8). Am 15. Oktober 2009 fand ein Gespräch mit einem Experten statt.  Das darüber erstellte Gutachten vom 19. November 2009 (A21 und A28)  führte  zusammenfassend  aus,  dass  die  Beschwerdeführerin  nicht  in  B._______, das in der Nähe von Lhasa liegt, aufgewachsen sei. Zwar sei  sie  von  tibetischer  Herkunft,  doch  sei  davon  auszugehen,  dass  ihre  Sozialisierung ausserhalb Tibets stattgefunden habe. C.  Am 13. Oktober 2011  informierte das BFM die Beschwerdeführerin über  das Ergebnis  der  LINGUA­Analyse  und  lud  sie  gleichzeitig  ein,  sich die  Aufzeichnungen  des  LINGUA­Gesprächs  anzuhören  und  schriftlich  zu  diesem Gutachten zu äussern. Am 16. November 2011 machte  sie  von  der Möglichkeit Gebrauch, sich das aufgezeichnete Gespräch anzuhören. D.  In  ihrer  Stellungnahme  vom  12. Dezember  2011  führte  die 

E­507/2012 Beschwerdeführerin aus, dass sie die Schlussfolgerungen des LINGUA­ Experten  nicht  nachvollziehen  könne  und  ersuchte  das  Bundesamt,  die  Ergebnisse des Gesprächs nicht zu verwenden.  E.  Mit Verfügung vom 21. Dezember 2011 – eröffnet am 28. Dezember 2011  – verneinte das BFM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin,  lehnte ihr Asylgesuch ab und wies sie aus der Schweiz weg. In seiner Begründung vertrat das BFM die Meinung, dass die Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  nicht  der  Glaubhaftigkeit  nach  Art. 7  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  entsprechen  würden, da sie sich  in Widersprüche verstrickt habe und  ihre Aussagen  substanzlos  seien. Darüber  hinaus habe  sie  ihre Sozialisierung gemäss  dem  LINGUA­Gutachten  höchstwahrscheinlich  ausserhalb  der  Volksrepublik China  erlebt;  durch  ihre  pauschalisierenden  und  zum Teil  tatsachenwidrigen  Behauptungen  in  ihrer  Stellungnahme  vom  12. Dezember  2011  sei  es  ihr  nicht  gelungen,  die  Korrektheit  der  Abklärungsergebnisse zu entkräften. Die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sei  ferner  zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Nach  ständiger  Rechtsprechung  sei  es  nicht  Sache  der  Asylbehörden,  bei  fehlenden  Hinweisen  seitens  der  beschwerdeführenden  Person  nach  etwaigen  Wegweisungsvollzugshindernissen  in  hypothetischen  Herkunftsländern  zu forschen. Auf Details dieser Begründung wird – soweit entscheidwesentlich – in den  Erwägungen eingegangen. F.  Mit  Beschwerde  vom  27. Januar  2012  (Poststempel)  beantragte  der  Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht,  die  vorinstanzliche  Verfügung  sei  aufzuheben  und  es  sei  ihr  Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  sei  sie  vorläufig  aufzunehmen.  In  formeller  Hinsicht  sei  ein  neues Herkunftsgutachten  in Auftrag  zu  geben  und  auf  die  Erhebung  von  Verfahrenskosten  und  eines  Kostenvorschusses  zu  verzichten. In  seiner  Begründung  führte  der  Rechtsvertreter  aus,  die  vom  BFM  genannten Widersprüche  würden  die  Glaubhaftigkeit  der  Aussagen  der  Beschwerdeführerin nicht beeinträchtigen; die Darstellung der Vorinstanz 

E­507/2012 sei  als  überspitzt  zu  betrachten.  Ferner  wurde  moniert,  das  rechtliche  Gehör der Beschwerdeführerin zum Gutachten der LINGUA­Analyse sei  verletzt,  da  das  BFM  inhaltlich  nicht  auf  einen  einzigen  Punkt  der  Stellungnahme eingegangen sei.  Auf Details dieser Begründung wird – soweit entscheidwesentlich – in den  Erwägungen eingegangen. G.  Mit  Verfügung  vom  31. Januar  2012  bestätigte  das  Bundesverwaltungsgericht  den  Eingang  der  Beschwerde  und  verfügte,  dass  über  die  Verfahrensanträge  zu  einem  späteren  Zeitpunkt  entschieden werde.  H.  Am 1. Februar 2012  reichte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin  eine Bestätigung ihrer Sozialhilfeabhängigkeit durch den Kanton Zug vom  25. Januar 2012 ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (vgl.  Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG,  soweit  das AsylG nichts anderes bestimmt  (vgl. Art. 37 VGG und  Art. 6 AsylG).

E­507/2012 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung. Sie  ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert (vgl.  Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (vgl. Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten  Richterin  entschieden  (vgl.  Art. 111  Bst. e  AsylG).  Wie  nachstehend  aufgezeigt,  handelt  es  sich  vorliegend  um  eine  solche,  weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (vgl.  Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4.  4.1. Das BFM verneinte in seiner Verfügung vom 21. Dezember 2011 die  Glaubhaftigkeit  der  Asylvorbringen  der  Beschwerdeführerin  (vgl.  Art. 7  AsylG),  da die Aussagen einerseits widersprüchlich seien. Teilweise  sei  von  mehreren  Freundinnen  die  Rede,  die  sich  im  (…)  2009  getroffen  hätten,  um  die  CD's  mit  den  Reden  des  Dalai  Lama's  zu  verteilen,  teilweise  habe  sie  nur  die  verhaftete  Freundin  erwähnt.  Auch  seien  die  Angaben  hinsichtlich  des Reiseweges widersprüchlich  und  substanzlos,  da die Beschwerdeführerin ausserstande gewesen sei, nähere Angaben  zu  Route,  zu  den  Fluggesellschaften,  Zwischen­  und  Zieldestinationen  sowie verwendeten Reisedokumenten zu machen. Anderseits  seien die Vorbringen  tatsachenwidrig, da sie  in wesentlichen  Punkten gesicherten Erkenntnissen des BFM widersprechen würden. Wie  das LINGUA­Gutachten  vom 19. November 2009 ergeben habe,  sei  die  Beschwerdeführerin  wohl  im  kulturellen  Umfeld  von  Tibetern  aufgewachsen, indes sei davon auszugehen, dass ihre Hauptsozialisation 

E­507/2012 höchstwahrscheinlich  ausserhalb  Tibets  erfolgt  sei.  Während  des  LINGUA­Gesprächs  habe  die  Beschwerdeführerin  nicht  vermocht,  substantielle  Angaben  zu  geografischen  Gegebenheiten  der  näheren  Umgebung  von  B._______  zu machen.  Auch  verfüge  sie  lediglich  über  rudimentäre  Kenntnisse  über  die  Landwirtschaft,  obschon  ihre  Eltern  diese  betreiben  würden.  Die  Schilderung  ihres  Tagesablaufs  sei  mangelhaft;   weiter  könne  sie  nicht  berichten,  wie  man  "Tsampa"  (traditionelles  Gericht)  herstelle.  Auch  der  angebliche  Verzehr  von  Orangen sei in dieser Gegend höchst ungewöhnlich. Ferner sei sie nicht  in der Lage gewesen, über in der Volksrepublik China bekannte Getränke  oder  über  bekannte  Festivitäten  der  dortigen  Tibeter  zu  berichten.  Aus  grammatikalischer Sicht weise sie ein beschränktes Vokabular aus, was  darauf hinweise, dass sie noch eine Zweitsprache spreche, was für junge  Leute,  die  ausserhalb  Tibets  sozialisiert  worden  seien,  üblich  sei.  Die  pauschalisierenden,  zum  Teil  tatsachenwidrigen  und  wenig  substantiierten  Behauptungen  ihrer  Stellungnahme  vom  12. Dezember  2011  würden  die  Korrektheit  der  Abklärungsergebnisse  nicht  entkräften  können. 4.2. In der Beschwerde vom 27. Januar 2012 machte der Rechtsvertreter  der  Beschwerdeführerin  zunächst  geltend,  das  rechtliche  Gehör  zum  Gutachten des LINGUA­Gesprächs sei verletzt, da die Vorinstanz in ihrer  Verfügung nicht auf die Stellungnahme der Beschwerdeführerin eingehe.  Es  fehle  an  einer  Begründung,  weshalb  der  Standpunkt  der  Beschwerdeführerin  pauschalisierend,  tatsachenwidrig  und  unsubstanziiert sei. Die  von  der  Vorinstanz  genannten  Widersprüche  würden,  so  der  Rechtsvertreter  weiter,  die  Glaubhaftigkeit  der  Aussagen  der  Beschwerdeführerin nicht beeinträchtigen. Die Verteilaktion der CD's sei  von  der  Freundin  koordiniert  worden;  die  Beschwerdeführerin  habe  nur  für sie gearbeitet. Dass noch weitere Freundinnen CD's verteilt hätten, sei  für  die  Geschichte  der  Beschwerdeführerin  nicht  relevant.  Der  kleine  Widerspruch hinsichtlich der Daten des Reisewegs oder der Angabe über  die  zeitliche  Distanz  zwischen  B._______  und  Lhasa  könne  der  Beschwerdeführerin  –  nachdem  sie  in  der  Anhörung  nicht  darauf  aufmerksam gemacht worden sei – nicht angelastet werden.  Hinsichtlich der durch einen Experten ausgeführten Herkunftsanalyse sei  zu  bemerken,  dass  das  Gutachten  tatsachenwidrig  ausgefallen  sei.  So  entspreche  die  Schilderung  der  Herstellung  von  "Tsampa",  wie  die 

E­507/2012 wiedergegebene  Protokollierung  des  Gesprächs  zeige,  den  gängigen  Darstellungen.  Generell  könne  in  einer  LINGUA­Analyse  der  Vorwurf  einer  unsubstantiierten  oder  nicht  freien  Schilderung  nicht  geltend  gemacht werden, da der Experte das Gespräch steuere und das Thema  wechsle.  Ein  solcher  Vorwurf  sei  nur  dann  gerechtfertigt,  wenn  die  Fragen  nicht  beantwortet  wären  oder  ihnen  ausgewichen  würde,  was  vorliegend  nicht  erfolgt  sei.  Angesichts  dieser  Beispiele,  die  aufzeigen  würden,  dass  die  Analyse  tatsachenwidrig  ausgefallen  sei,  sei  das  Gutachten nicht geeignet, als Beweismittel verwendet zu werden. Daher  werde beantragt, ein neues Gutachten in Auftrag zu geben. Sollte  der  Beschwerdeführerin  kein  Asyl  gewährt  werden,  so  der  Rechtsvertreter  weiter,  wäre  sie  dennoch  wegen  eines  subjektiven  Nachfluchtgrundes als Flüchtling anzuerkennen. Hinsichtlich  des  Wegweisungsvollzugs  sei  zu  bemerken,  dass  praxisgemäss  der  Vollzug  von  Tibetern  nach  China  als  nicht  zulässig  oder unzumutbar erachtet werde. 5.  Vorab  ist  in  formeller  Hinsicht  zu  prüfen,  ob  das  BFM  das  rechtliche  Gehör  der  Beschwerdeführerin  verletzt  hat,  weil  es  die  Einwände  ihrer  Stellungnahme  vom  12.  Dezember  2011  –  wie  gerügt  wird  –  nicht  berücksichtigt habe. 5.1.  Der  Grundsatz  des  rechtlichen  Gehörs  (vgl.  Art.  29  Abs.  2  der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April  1999 [BV, SR 101], Art. 29 und Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt, dass die  verfügende  Behörde  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  tatsächlich  hört,  sorgfältig  und  ernsthaft  prüft  und  in  der  Entscheidfindung  berücksichtigt,  was  sich  entsprechend  in  der  Begründung  des  Entscheides  niederschlagen  muss  (vgl.  Art.  35  Abs.  1  VwVG;  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK] 2004 Nr. 38 E. 6.3). Die Abfassung  der  Begründung  soll  es  dem  Betroffenen  möglich  machen,  den  Entscheid  gegebenenfalls sachgerecht anzufechten, was nur möglich ist, wenn sich  sowohl  der  Betroffene  als  auch  die  Rechtsmittelinstanz  über  die  Tragweite des Entscheides ein Bild machen können (vgl. BGE 129 I 232  E. 3.2). 

E­507/2012 5.2.  Das  BFM  hat  sich  in  seiner  Verfügung  vom  21. Dezember  2011  genügend zur Stellungnahme der Beschwerdeführerin vom 12. Dezember  2011  geäussert,  indem  es  ihre  Aussage,  die  Schlussfolgerungen  des  Experten seien nicht nachvollziehbar, weswegen dieses Gutachten nicht  verwendet  werden  sollte,  als  pauschalisierend  und  wenig  substantiiert  bezeichnet  hat.  Es  ist  zudem  darauf  hinzuweisen,  dass  sich  die  verfügende  Behörde  nicht  ausdrücklich  mit  jeder  tatbeständlichen  Behauptung  und  jedem  rechtlichen  Einwand  auseinander  setzen muss,  sondern sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken darf (vgl.  BGE 126 I 97 E. 2b). 5.3.  Nach  dem  Gesagten  steht  fest,  dass  das  rechtliche  Gehör  nicht  verletzt wurde. 6.  6.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden  (vgl.  Art. 3  Abs. 1  AsylG).  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken (vgl. Art. 3 AsylG). 6.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (vgl.  Art. 7 AsylG). Glaubhaft sind die Vorbringen eines Asylsuchenden grundsätzlich dann,  wenn sie genügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie  dürfen  sich  nicht  in  vagen  Schilderungen  erschöpfen,  in  wesentlichen  Punkten nicht widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren und  auch  nicht  den  Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung 

E­507/2012 widersprechen.  Darüber  hinaus  muss  die  gesuchstellende  Person  persönlich glaubwürdig erscheinen. Glaubhaftmachung bedeutet ferner –  im  Gegensatz  zum  strikten  Beweis  –  ein  reduziertes  Beweismass  und  lässt  durchaus  Raum  für  gewisse  Einwände  und  Zweifel  an  den  Vorbringen  des  Gesuchstellers.  Entscheidend  ist,  ob  im  Rahmen  einer  Gesamtwürdigung  die  Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  des Asylsuchenden  sprechen,  überwiegen oder  nicht.  Dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise  abzustellen  (vgl.  Art. 7  Abs. 2 und 3 AsylG, EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1). 6.2.1.  Die  Schilderungen  der  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  sind  tatsächlich  widersprüchlich,  realitätsfremd  und  dürftig  ausgefallen  und  entsprechen nicht den Anforderungen an Art. 7 AsylG. Als substanzlos ist insbesondere ihre Antwort zu bezeichnen, die sie auf  die Frage, was sie, da sie nicht zur Schule gegangen sei, die ganze Zeit  gemacht habe, gab: "Ich war zu Hause und habe meiner Mutter geholfen"  (A14, S. 4). Befremdend wirkt ferner, dass sie sich die CD mit den Reden  des  Dalai  Lama  angehört  haben  will,  aber  weder  etwas  darüber  darzulegen weiss noch  sagen  kann, wann er  diese gehalten haben  soll  (A1, S. 5). Oder dass sie trotz der langen Flugreise – auch wenn sie nie  schreiben oder  lesen gelernt habe – keine Angaben zu einer Zwischen­  oder  Zieldestination  machen  konnte  (A14,  S. 6),  die  sie  beispielsweise  durch Lautsprecherdurchsagen erfahren haben müsste.  Der  vorgebrachte  Fluchtablauf  enthält  ferner  diverse Widersprüche,  die  einzeln  betrachtet  allenfalls  zu  erklären  sind,  indes  in  ihrer  Gesamtheit  nicht  zur  Glaubhaftigkeit  beitragen,  oder  wirkt  realitätsfremd:  Nachdem  ihre Freundin verhaftet worden sei, seien zunächst ihre Eltern, dann auch  der Onkel, der als Händler sowohl eine Bleibe in Lhasa als auch in Nepal  habe,  am Morgen  des  4. Juli  2009  bei  ihnen  zu Hause  gewesen  (A14,  S. 4,  7  und  11 f.).  Unklar  bleibt  indes,  wie  der  Onkel  so  schnell  benachrichtigt  werden  konnte,  da  kein  Telefon  vorhanden  gewesen  sei  und der Onkel ca. eine halbe Stunde von ihrem Haus aus wohnen würde  (A14,  S. 4).  Später  habe  sie  sich  mit  diesem  Onkel  auf  den  Weg  gemacht.  Zunächst  gab  sie  an,  am 4. Juli  2009  spät  in  der Nacht  nach  Lhasa gereist zu sein, wo sie am 6. Juli 2009 angekommen sei (A1, S. 4;  A14, S. 4). Dort habe sie bei ihrem Onkel übernachtet (an anderer Stelle  gab sie jedoch an, sie sei mit ihrem Onkel bis kurz vor Lhasa gegangen,  dort  seien sie zum Haus eines Lastwagenfahrers gegangen, A14, S. 4);  danach  sei  sie  indes,  am  "gleichen  Abend,  am  6. Juli  2009"  Richtung 

E­507/2012 Nepal  gereist  (A1, S. 4). Später  gab  sie  in  derselben Befragung an,  sie  seien  am  6. Juli  2009  von  B._______  mit  einem  Auto  nach  Lhasa  gefahren, wo sie am 8. Juli 2009 angekommen seien (A1, S. 5 f.).  Die Reise sei mit einem Lastwagen fortgesetzt worden, mit welchem sie  am  10. Juli  2009  in  Dram  und  am  12. Juli  2009  in  Kathmandu  (Nepal)  angekommen  sei  (A1,  S. 6).  In  der  Anhörung  gab  sie  dann  an,  Kathmandu am 10. Juli 2009 erreicht zu haben (A14, S. 5). Dort habe sie  indes nicht blieben wollen, da sie  in Nepal nicht hätte zur Schule gehen  können  (A14, S. 5);  dies,  obwohl  sie als heute  fast Zwanzigjährige  (vgl.  A1, S. 1) noch nie eine Schule besucht habe (A1, S. 2). Am  14. September  2009  habe  sie  in  Begleitung  eines  Schleppers  ein  Flugzeug bestiegen, mit welchem sie nach einem Zwischenhalt an einen  ihr  unbekannten Ort  geflogen  sei.  Nach  einer Übernachtung  sei  sie mit  dem Zug weiter in die Schweiz gereist (A1, S. 5 f.). Nie sei sie angehalten  oder  daktyloskopiert  worden  (A1,  S. 5).  Die  Reise  habe  sie  durch  den  Verkauf des Schmucks ihrer Mutter an den Schlepper bezahlt (A1, S. 6),  bzw.  sie  glaube,  dass  ihre  Eltern  dem Onkel  Schmuck  gegeben  hätten  (A14, S. 5 f.). Angesprochen auf diese Widersprüche konnte sie diese – nach Meinung  des Bundesverwaltungsgerichts – nicht aus dem Weg räumen (vgl. A14,  S. 7). 6.2.2. Bei der  vorliegenden LINGUA­Analyse handelt  es sich zwar nicht  um  ein  Sachverständigengutachten  i.S.v.  Art. 12  Bst. e  VwVG  und  Art. 57 ff.  des  Bundesgesetzes  vom  4. Dezember  1947  über  den  Bundeszivilprozess  (BZP,  SR  273;  die  auf  das  Beweisverfahren  sinngemäss  Anwendung  finden,  vgl.  Art. 19  VwVG),  sondern  um  eine  schriftliche  Auskunft  i.S.v.  Art. 49  BZP  (vgl.  Art. 19  VwVG),  die  im  konkreten Fall frei zu würdigen ist (vgl. Art. 40 BZP i.V.m. Art. 19 VwVG).  Doch  bei  Einhaltung  der  in  der  vom  Bundesverwaltungsgericht  übernommenen  Rechtsprechung  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  umschriebenen  Anforderungen  an  die  fachliche  Qualifikation,  Objektivität  und  Neutralität  des  Experten  wie  auch  an  die  inhaltliche  Schlüssigkeit  und Nachvollziehbarkeit  der  Analyse  (vgl.  dazu  EMARK 1998  Nr. 34  E.  8b­e)  kann  einem  LINGUA­Gutachten  –  im  Vergleich  zu  gewöhnlichen  Parteivorbringen  –  durchaus  erhöhter  Beweiswert  zugemessen  werden,  wie  er  gerichtlichen  oder  amtlichen 

E­507/2012 Sachverständigengutachten  im  Sinne  von  Art. 57 ff.  BZP  generell  zukommt (vgl. EMARK 2002 Nr. 14 m.w.H.). Der  Meinung  des  Rechtsvertreters,  das  Gutachten  sei  tatsachenwidrig,  kann nicht gefolgt werden. Wohl nannte die Beschwerdeführerin gemäss  ihrer Protokollierung die Zutaten von "Tsampa", doch machte sie – worauf  der  Experte  hinwies  –  keine  Angaben  zur  Herstellung  dieses  Gerichts.  Auch  ist  ihre Antwort auf die Frage, was sie den ganzen Tag zu Hause  gemacht  habe,  als  rudimentär  zu  bezeichnen,  da  sie  durchaus  die  Gelegenheit hatte, ausführlicher über den Tagesablauf zu berichten. Der  Vorwurf,  der Experte habe das Thema zu schnell  gewechselt,  ist  ferner  nicht haltbar, da davon auszugehen  ist, er habe die Beschwerdeführerin  ausreden  lassen und erst dann wieder – um schliesslich auch zu einem  Resultat zu gelangen – weitere Fragen gestellt. Folglich  ist  das  erstellte Gutachten  nicht  anzuzweifeln. Das Gesuch um  Erstellung eines neuen LINGUA­Gutachten ist daher abzuweisen. 6.2.3.  Nach  diesen  Ausführungen  ist  dem  BFM  zuzustimmen,  die  Aussagen  der  Beschwerdeführerin  erscheinen  als  widersprüchlich,  realitätsfremd und substanzlos, so dass sie nicht den Anforderungen an  die  Glaubhaftigkeit  nach  Art. 7  AsylG  entsprechen.  Das  BFM  hat  demnach das Asylgesuch zu Recht abgelehnt. 6.3.  Der  Rechtsvertreter  der  Beschwerdeführerin  argumentierte  in  der  Beschwerdeschrift  ferner,  aufgrund  der  illegalen  Ausreise  aus  der  Volksrepublik  China  sei  die  Flüchtlingseigenschaft  im  Sinne  eines  subjektiven Nachfluchtgrundes begründet. 6.3.1. Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten durch oder nach  der  Ausreise  aus  dem  Heimat­  oder  Herkunftsland  eine  Gefährdungssituation  geschaffen  worden  sei,  macht  subjektive  Nachfluchtgründe geltend (vgl. Art. 54 AsylG). Diese begründen zwar die  Flüchtlingseigenschaft  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG,  führen  jedoch  nach  Art. 54  AsylG  zum  Ausschluss  des  Asyls,  unabhängig  davon,  ob  sie  missbräuchlich  oder  nicht  missbräuchlich  gesetzt  wurden  (vgl.  BVGE  2009/28 E. 7.1 m.w.H.). 6.3.2. Gemäss  der  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  ist  davon  auszugehen,  dass  illegal  ausgereiste  Asylsuchende  tibetischer  Ethnie  unabhängig  von  der  zeitlichen  Dauer  ihres  Auslandaufenthaltes  bei  einer  Rückkehr  in  die  Volksrepublik  China  der  oppositionellen 

E­507/2012 politisch­religiösen  Anschauungen  verdächtig  würden  und  aus  diesem  Grund  mit  Verfolgung  im  flüchtlingsrelevanten  Sinn  zu  rechnen  hätten  (vgl.  BVGE 2009/29 E. 6.5).  Für Asylsuchende,  die  das Heimatland  auf  legalem Weg verlassen haben,  ist  indes nicht ausgeschlossen, dass sie  bei  einer  Rückkehr  in  die  Volksrepublik  China  ihren  Auslandaufenthalt,  selbst  wenn  er  länger  als  ursprünglich  erlaubt  gedauert  haben  sollte,  überzeugend  begründen  können  und  allein  deswegen  eine Gefährdung  noch nicht anzunehmen ist (vgl. BVGE 2009/29 E. 6.6). Vorliegend  ist  –  entsprechend  dem  LINGUA­Gutachten  vom  19. November  2009  –  indes  nicht  davon  ausgehen,  dass  sich  die  Beschwerdeführerin  vor  ihrer  Ausreise  in  der  Volksrepublik China,  bzw.  im Tibet,  aufgehalten hat, weswegen  konsequenterweise  in  casu weder  eine  illegale  noch  eine  legale  Ausreise  aus  diesem  Land  angenommen  wird. Daher sind keine subjektiven Nachfluchtgründe zu erkennen. 6.4.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  genügen;  die  entsprechende  Feststellung  des  BFM  ist  zu  bestätigen.  Die  Vorinstanz  hat  das  Asylgesuch  zu  Recht  und  mit  zutreffender Begründung abgelehnt. 7.   7.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (vgl. Art. 44 Abs. 1 AsylG). 7.2. Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen  (vgl.  BVGE  2009/50  E.  9,  BVGE  2008/34  E.  9.2).  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet  (vgl.  Art. 44  Abs. 1  AsylG). 8.  8.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern (vgl. Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes 

E­507/2012 vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft,  das  heisst,  sie  sind  zu  beweisen,  wenn  der  strikte  Beweis  möglich  ist,  und  andernfalls  wenigstens  glaubhaft  zu  machen  (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl.,  Basel 2009, Rz. 11.148). 8.2. Das BFM geht in seiner Verfügung davon aus, dass die Zulässigkeit,  Zumutbarkeit  und  Möglichkeit  des  Wegweisungsvollzugs  grundsätzlich  von  Amtes  wegen  zu  prüfen  seien.  Diese  Untersuchungspflicht  habe  jedoch  ihre  Grenzen  an  der  Mitwirkungspflicht  der  Beschwerdeführerin.  Es sei nach ständiger Rechtsprechung nicht Sache der Asylbehörden, bei  fehlenden  Hinweisen  seitens  der  beschwerdeführenden  Person  nach  etwaigen  Wegweisungsvollzugshindernissen  in  hypothetischen  Herkunftsländern zu forschen. Diese  Argumentation  des  BFM  ist  zu  schützen,  denn  der  Mitwirkungspflicht  der  Parteien  kommt  naturgemäss  gerade  dann  ein  besonderes  Gewicht  zu,  wenn  sie  von  bestimmten  Tatsachen  bessere  Kenntnis als die Behörden haben, welche wiederum ohne Mitwirkung der  Parteien diese Tatsachen gar nicht oder jedenfalls nicht mit vernünftigem  Aufwand  erheben  können  (vgl.  EMARK  2004/30  E. 6.4.2  m.w.H.).  Verunmöglicht beispielsweise die beschwerdeführende Person durch die  Verheimlichung ihrer Nationalität den Behörden sinnvoll zu prüfen, ob ihr  im  tatsächlichen Heimat­  oder Herkunftsstaat Gefahr  drohe,  so  kann es  unter diesen, von dieser Person selber herbeigeführten Umständen nach  Treu  und  Glauben  nicht  sein,  nach  allfälligen  Wegweisungsvollzugshindernissen  in  hypothetischen  Heimat­  oder  Herkunftsländern zu forschen (vgl. EMARK 2005 Nr. 1 E. 3.2.2 m.w.H.). 8.3. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (vgl.  Art. 83 Abs. 3 AuG). 8.3.1. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus 

E­507/2012 einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (vgl.  Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  BV,  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutz der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung unterworfen werden. 8.3.2. Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt,  die die Flüchtlingseigenschaft  erfüllen. Da es der  Beschwerdeführerin  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  der  Beschwerdeführerin in den Herkunftsstaat ist demnach unter dem Aspekt  von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  sie  für  den  Fall  einer  Ausschaffung  in  den  Herkunftsstaat  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre  (vgl.  E. 8.2).  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  die  Beschwerdeführerin  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihr  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer], Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar  2008,  Beschwerde  Nr. 37201/06,  §§ 124 – 127  m.w.H.).  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 8.4. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und 

E­507/2012 medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 8.4.1. Das BFM machte geltend, dass die Beschwerdeführerin die Folgen  ihrer  unglaubhaften  Identitätsangabe  und  der  Unglaubhaftigkeit  ihres  Sachverhaltsvortrags  zu  tragen  habe,  indem  vermutungsweise  davon  auszugehen  ist,  es  stünde  einer  Wegweisung  in  ihren  tatsächlichen  Heimatstaat keine Vollzugshindernisse im Sinne von Art. 44 Abs. 2 AsylG  i.V.m. Art. 83 Abs. 2 bis 4 AuG entgegen. 8.4.2. Das BFM geht – wie schon erwähnt wurde (vgl. E. 8.2) – zu Recht  davon  aus,  es  sei  nicht  Sache  der  Asylbehörden,  nach  allfälligen  Wegweisungsvollzugshindernissen  zu  forschen,  wenn  eine  Person  ihre  Herkunft  verschleiert  oder  keine  eindeutigen  Hinweise  auf  die  tatsächliche  Staatsbürgerschaft  bestehen.  Aus  diesem  Grund  ist  –  aus  genereller  und  individueller  Sicht  –  davon  auszugehen,  dass  sich  der  Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar erweist. 8.5.  Schliesslich  obliegt  es  der  Beschwerdeführerin,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und  dazu  auch  BVGE 2008/34  E. 12),  weshalb  der  Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (vgl.  Art. 83  Abs. 2  AuG). 8.6. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (vgl.  Art. 83 Abs. 1 bis 4 AuG). 9.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (vgl.  Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 10.  10.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  der  Beschwerdeführerin  aufzuerlegen  (vgl.  Art. 63  Abs. 1  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 600.­  festzusetzen  (vgl.  Art. 1  –  3  des  Reglements  vom 

E­507/2012 21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 10.2. Gemäss Art.  65 Abs. 1 VwVG wird eine Partei,  die nicht über die  erforderlichen  Mittel  verfügt,  auf  Antrag  hin  von  der  Bezahlung  der  Verfahrenskosten  befreit,  wenn  ihr  Begehren  im  Zeitpunkt  der  Gesuchseinreichung  nicht  aussichtslos  erscheint.  Nicht  über  die  erforderlichen Mittel verfügt, wer ohne Beeinträchtigung des notwendigen  Lebensunterhaltes  die  Prozesskosten  nicht  zu  bestreiten  vermag.  Aussichtslos  ist  eine  Beschwerde,  wenn  die  Gewinnaussichten  beträchtlich geringer sind als die Verlustgefahren und deshalb kaum als  ernsthaft bezeichnet werden können (vgl. BGE 128  I 235 E. 2.5.3, BGE  125  II  265  E.  4b).  Für  die  Beurteilung  der  Prozesschancen  ist  eine  summarische Prüfung vorzunehmen. 10.3.  Da  sich  die  gestellten  Beschwerdebegehren  als  aussichtslos  erwiesen  haben,  sind  die  materiellen  Voraussetzungen  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  nicht  erfüllt. Das entsprechende Gesuch ist deshalb abzuweisen.  (Dispositiv nächste Seite)

E­507/2012 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  Erstellung  eines  neuen  LINGUA­Gutachten  wird  abgewiesen. 3.  Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird abgewiesen. 4.   Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­  werden  der  Beschwerdeführerin  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Patricia Petermann Loewe Versand:

E-507/2012 — Bundesverwaltungsgericht 16.02.2012 E-507/2012 — Swissrulings