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Bundesverwaltungsgericht 04.11.2011 E-3549/2007

4 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,978 mots·~15 min·2

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 20. April 2007

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­3549/2007 Urteil   v om   4 .   No v embe r   2011 Besetzung Richterinnen Muriel Beck Kadima (Vorsitz),  Nina Spälti Giannakitsas, Gabriela Freihofer;  Gerichtsschreiberin Tu­Binh Truong. Parteien A. _______, geboren am (…), Äthiopien,  vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz.  Gegenstand Flüchtlingseigenschaft und Wegweisungsvollzug; Verfügung des BFM vom 20. April 2007 / N (…).

E­3549/2007 Sachverhalt: A.  A.a  Mit  Verfügung  vom  25.  September  2001  wies  das  vormalige  Bundesamt  für Flüchtlinge (BFF, heute: Bundesamt  für Migration  [BFM])  das  erste  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  mangels  Glaubhaftmachung  der  Flüchtlingseigenschaft  ab,  wies  ihn  aus  der  Schweiz  weg  und  ordnete  den  Vollzug  der  Wegweisung  an.  Auf  die  dagegen erhobene Beschwerde vom 22. Oktober 2001  trat die ehemals  zuständige  Schweizerische  Asylrekurskommission  (ARK) mit  Urteil  vom  3.  Dezember  2001  mangels  Bezahlung  des  erhobenen  Kostenvorschusses nicht ein. A.b Auf  ein  zweites Asylgesuch  des Beschwerdeführers  vom 7.  Januar  2003  trat  das  BFF  mit  Verfügung  vom  13.  Februar  2003  gestützt  auf  Art. 32  Abs.  2  Bst.  b  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR 142.31)  nicht  ein,  wies  diesen  erneut  aus  der  Schweiz  weg  und  ordnete  den  Vollzug  der  Wegweisung  an.  Dieser  Entscheid  erwuchs  unangefochten in Rechtskraft. B.  Mit  Schreiben  vom  14.  Dezember  2006  reichte  der  Beschwerdeführer  über  seinen Rechtsvertreter  beim nunmehr  zuständigen BFM ein drittes  Asylgesuch ein,  da  sich  zwischenzeitlich  neue Tatsachen ergeben bzw.  Ereignisse  stattgefunden  hätten,  welche  geeignet  seien,  seine  Flüchtlingseigenschaft  aufgrund  von  (subjektiven)  Nachfluchtgründen  herbeizuführen.  Er  habe  sich  in  der  Schweiz  politisch  betätigt.  Als  aktives  Mitglied  der  B. _______  habe  er  an  diversen  öffentlichen  Veranstaltungen  und  Demonstrationen  gegen  die  äthiopische  Regierung  teilgenommen.  Da  das  äthiopische  Regime  (exilpolitisch  tätige)  Exiläthiopier  scharf  beobachte,  hätten  die  Tätigkeiten  des  Beschwerdeführers  bei  der  Rückkehr mit  hoher Wahrscheinlichkeit  politische  Verfolgung  zur  Folge.  Aufgrund  seines  beträchtlichen  Gefährdungsprofils  sei  ihm  die  Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen. Eventualiter sei festzustellen, dass  der Wegweisungsvollzug unzulässig bzw. unzumutbar sei.  Zum  Beleg  seiner  Vorbringen  reichte  der  Beschwerdeführer  ein  Bestätigungsschreiben  der  Vize­Präsidentin  der  B.  _______  vom  14.  September  2006  sowie  verschiedene  Fotos  und  Internetauszüge  (u.a. 

E­3549/2007 das Rundschreiben der äthiopischen  "Direktion  für Angelegenheiten von  im Ausland lebenden Äthiopiern" vom 24. Hamle 1998 [31. Juli 2006]) ein. C.  Das  BFM  hörte  den  Beschwerdeführer  am  30.  März  2007  zu  seinen  subjektiven  Nachfluchtgründen  an.  Anlässlich  der  Anhörung  reichte  dieser  weitere  Beweismittel  (Fremdsprachige  B.  _______  Dokumente,  Kopie  eines  Berichtes  aus  einer  unbekannten  Zeitung,  B.  _______  Beitrittsformular,  B.  _______  Dokument  "Repression  en  Ethiopie",  B.  _______  Schreiben  an  die  Vereinten  Nationen,  Internetausdrucke,  Flugblatt, 3 Fotographien) ein. D.  Mit Verfügung vom 20. April 2007 – eröffnet am 23. April 2007 – stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  weshalb  das  Asylgesuch  abgelehnt  und  er  aus  der  Schweiz  weggewiesen  werde.  Auf  die  Begründung  wird,  soweit  entscheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen. E.  Mit Eingabe vom 23. Mai 2007 liess der Beschwerdeführer durch seinen  Rechtsvertreter  beim  nunmehr  zuständigen  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde erheben und beantragen, die Verfügung der Vorinstanz sei  vollumfänglich  aufzuheben  und  es  sei  seine  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen;  eventualiter  sei  die  Unzulässigkeit  oder  zumindest  die  Unzumutbarkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung  festzustellen  und  die  vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  und  um  Bestellung  eines  unentgeltlichen  Rechtsbeistands  ersucht.  Auf  die  entsprechende  Begründung  wird,  soweit  entscheidwesentlich,  in  den  Erwägungen  eingegangen. Der Beschwerdeführer wies  in seiner Beschwerde zusätzlich darauf hin,  dass  er  am  (…)  in  der  Schweiz  Vater  eines Sohnes  geworden  sei  und  ihm  deshalb  gestützt  auf  Art.  8  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  ein  Recht  auf  das  Familienleben  zusammen  mit  seinem  Kind  zustehe. Auch habe der Sohn ein Recht auf die Anwesenheit des Vaters.  Die  Mutter  des  Kindes  stehe  noch  im  Asylverfahren  (N  (…))  und  sei  Eritreerin,  weshalb  sie  nicht mit  dem  Beschwerdeführer  nach  Äthiopien 

E­3549/2007 und  er  nicht  mit  ihr  nach  Eritrea  gehen  könne.  Auch  deshalb  sei  der  Vollzug der Wegweisung unzulässig und unzumutbar.  Zum  Beleg  seiner  Vorbringen  reichte  der  Beschwerdeführer  ein  Schreiben  der  B.  _______  vom  30.  April  2007,  die  Geburtsurkunde  seines  Sohnes  vom  (Datum),  eine  Erklärung  gegenüber  der  Vormundschaftsbehörde  vom  2.  Mai  2007  sowie  ein  Schreiben  des  Jugendsekretariats des Bezirks C. _______ vom 30. April 2007 ein. F.  Mit  Zwischenverfügung  vom  1.  Juni  2007  stellte  das  Bundesverwaltungsgericht  fest,  der  Beschwerdeführer  könne  den  Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig wurde er  aufgefordert,  bis  zum  15. Juni  2007  eine  Fürsorgebestätigung  nachzureichen  oder  einen  Kostenvorschuss  von  Fr.  600.­  zu  leisten,  ansonsten auf die Beschwerde nicht eingetreten werde. Am 7. Juni 2007 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorgebestätigung  zu den Akten. Mit  Zwischenverfügung  vom  13.  Juni  2007  hiess  das  Bundesverwaltungsgericht  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  unter  Vorbehalt  der  Veränderung  der  finanziellen Lage des Beschwerdeführers gut, wies jenes um Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  mangels  Komplexität  des  Verfahrens ab und lud das BFM zur Einreichung einer Stellungnahme bis  zum 28. Juni 2007 ein. G.  Das  BFM  liess  sich  mit  Schreiben  vom  14.  Juni  2007  dahingehend  vernehmen,  dass  der Beschwerdeführer  nicht  begründet  habe, weshalb  es der eritreischen Mutter des gemeinsamen Kindes unmöglich sein solle,  ihm  nach  Äthiopien  zu  folgen.  Gemäss  äthiopischem  Gesetz  hätten  Frauen  ausländischer  Herkunft  bei  Heirat  mit  einem  Äthiopier  nämlich  Anspruch  auf  die  äthiopische  Staatsangehörigkeit.  Zudem  würden  Personen eritreischer Herkunft heutzutage in Äthiopien nicht diskriminiert.  Im  Übrigen  hielt  das  BFM  an  den  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  vollumfänglich  fest  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde. H.  Mit  Replik  vom  9.  Juli  2007  führte  der  Beschwerdeführer  aus,  die 

E­3549/2007 Vorinstanz habe sich in ihrer Vernehmlassung in keiner Weise zu seinen  Vorbringen in der Beschwerdeschrift geäussert. Das Asylgesuch betreffe  ihn  und  nicht  seine  Lebensgefährtin;  die  Ausführungen  des  BFM  zur  Mutter seines Kindes seien daher verfehlt, zumal er mit dieser gar nicht  verheiratet sei. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Da eine solche Ausnahme vorliegend  nicht gegeben ist, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht endgültig. 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1,  Art.  50  sowie  Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

E­3549/2007 3.  Der  Beschwerdeführer  beantragt  in  seiner  Beschwerde  die  vollumfängliche  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung,  die  Feststellung der Flüchtlingseigenschaft (im Sinne von Art. 54 AsylG) und  eventualiter die Anordnung der vorläufigen Aufnahme. Die Dispositivziffer  6  der  angefochtenen Verfügung  (Gebührenerlass)  lautet  zugunsten  des  Beschwerdeführers,  weshalb  angenommen  wird,  dass  diese  als  nicht  angefochten gilt und deshalb rechtskräftig wurde. 4.  4.1. Gemäss Art.  3 AsylG wird  eine  ausländische Person  als  Flüchtling  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken (Art. 3 AsylG). 4.2.  Die  Flüchtlingseigenschaft  ist  nachzuweisen  oder  zumindest  glaubhaft zu machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft sind  insbesondere Vorbringen, die  in wesentlichen Punkten  zu  wenig  begründet  oder  in  sich  widersprüchlich  sind,  den  Tatsachen  nicht  entsprechen  oder  massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4.3.  Vorliegend  handelt  es  sich  um  das  dritte  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers;  in  diesem  beruft  er  sich  lediglich  auf  exilpolitische  Aktivitäten als Gefährdungsgründe.  Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus  dem  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  eine  Gefährdungssituation  erst  geschaffen  worden  ist, macht  subjektive  Nachfluchtgründe  geltend  (vgl.  Art.  54  AsylG).  Als  subjektive  Nachfluchtgründe  gelten  insbesondere  illegales  Verlassen  des  Heimatlandes  (sogenannte  Republikflucht),  Einreichung  eines  Asylgesuches  im  Ausland  oder  aus  der  Sicht  der  heimatstaatlichen  Behörden  unerwünschte  exilpolitische  Betätigung,  wenn sie die Gefahr einer zukünftigen Verfolgung begründet (vgl. BVGE  2009/29  E.  5.1,  mit  weiteren  Hinweisen).  Subjektive  Nachfluchtgründe  begründen  zwar  die  Flüchtlingseigenschaft  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG, 

E­3549/2007 führen  jedoch  gemäss Art.  54 AsylG  zum Ausschluss  des Asyls  (Art.  2  AsylG),  unabhängig  davon,  ob  sie  missbräuchlich  oder  nicht  missbräuchlich  gesetzt  wurden.  Hingegen  werden  Personen,  welche  subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können,  als  Flüchtlinge  vorläufig  aufgenommen  (vgl.  BVGE  2009/28  E.  7.1,  mit  weiteren Hinweisen). 5.  5.1.  Die  Vorinstanz  begründete  ihren  ablehnenden  Entscheid  im  Wesentlichen  damit,  dass  der  Beschwerdeführer  im  Rahmen  seiner  ersten  beiden  Asylverfahren  keine  politisch motivierte  Verfolgung  durch  die  äthiopischen  Behörden  glaubhaft  habe  machen  können  und  somit  kein  Anlass  zur  Annahme  bestehe,  dass  er  vor  dem  Verlassen  seines  Heimatstaates als regimefeindliche Person ins Blickfeld der äthiopischen  Behörden geraten oder dort  in  irgendeiner Form als Regimegegner oder  politischer  Aktivist  registriert  worden  sei.  Demzufolge  sei  auch  nicht  davon  auszugehen,  dass  er  nach  seiner  Ankunft  in  der  Schweiz  unter  spezieller  Beobachtung  seitens  der  äthiopischen  Behörden  gestanden  habe. Die blosse Mitgliedschaft in der B. _______ – bei der es sich (unter  Hinweis  auf  den  Eintrag  ins  Schweizerische  Handelsregister)  aufgrund  ihrer  vorwiegend  kulturellen  Betätigung  und  politischen  Unabhängigkeit  nicht um eine eigentliche exilpolitische Oppositionspartei  handle –  führe  zu  keiner  Verfolgung  durch  die  äthiopischen  Behörden,  zumal  keine  Hinweise  bestehen  würden,  dass  diese  von  der  Mitgliedschaft  des  Beschwerdeführers  bei  der  B.  _______  überhaupt  Kenntnis  genommen  oder  gar  irgendwelche  Massnahmen  zum  Nachteil  seiner  Person  eingeleitet  hätten.  Der  Beschwerdeführer  habe  sich  erwiesenermassen  exilpolitisch betätigt,  jedoch nur in bescheidenem Ausmass. Selbst wenn  die  äthiopischen  Behörden  über  die  politischen  Aktivitäten  ihrer  Staatsangehörigen  im Ausland  informiert wären,  könnten  sie angesichts  der hohen Zahl der im Ausland lebenden äthiopischen Staatsangehörigen  nicht  jede einzelne Person überwachen und  identifizieren. Zudem dürfte  auch  den  äthiopischen  Behörden  bekannt  sein,  dass  viele  äthiopische  Emigranten aus vorwiegend finanziellen Gründen versuchen würden, sich  speziell in der Schweiz vor oder nach Abschluss ihres Asylverfahrens ein  dauerhaftes  Aufenthaltsrecht  zu  erwirken,  indem  sie  regimekritischen  Aktivitäten  nachgehen  würden.  Die  äthiopischen  Behörden  hätten  aber  nur  dann ein  Interesse  an  der  Identifizierung  einer Person, wenn deren  Aktivitäten  als  konkrete  Bedrohung  für  das  politische  System  wahrgenommen würden. Der Beschwerdeführer  gehöre  indessen  sicher  nicht  zur  Zielgruppe  des  "harten  Kerns"  von  aktiven  oppositionellen 

E­3549/2007 Äthiopiern  im  Ausland,  für  die  sich  die  äthiopischen  Behörden  interessieren  würden.  Dass  die  äthiopischen  Behörden  diese  Unterscheidung  treffen  würden,  ergebe  sich  auch  aus  dem  vom  Beschwerdeführer  eingereichten  Rundschreiben  der  äthiopischen  "Direktion für Angelegenheiten von im Ausland lebenden Äthiopiern" vom  24. Hamle 1998 (31. Juli 2006). Die  Vorinstanz  stellte  fest,  dass  die  vorgebrachten  Nachfluchtgründe  zusammenfassend  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  nicht  standhalten  würden,  weshalb  der  Gesuchsteller  nicht  als Flüchtling  anerkannt werden  könne. Der Vollzug  der  Wegweisung  sei  zulässig,  allgemein  und  individuell  zumutbar  und  möglich. 5.2.  Der  Beschwerdeführer  hält  diesen  Erwägungen  der  Vorinstanz  in  seiner  Beschwerde  im  Wesentlichen  entgegen,  dass  der  Bekanntheitsgrad  der  asylsuchenden  Person  für  die  Behörden  des  Herkunftsstaates  nur  ein  Kriterium  unter  vielen  sei,  die  zur  Beurteilung  der  Kenntnis  der  Behörden  des  Heimatstaates  von  den  verbotenen  Aktivitäten  zu  veranschlagen  seien.  Wäre  die  Glaubhaftmachung  der  Vorfluchtgründe  gelungen,  müsste  die  Flüchtlingseigenschaft  schon  deshalb  festgestellt  werden.  Wer  Nachfluchtgründe  geltend  mache,  sei  deshalb  per  Definition  vor  seiner  Flucht  nicht  in  asylrelevanter  Weise  verfolgt  worden,  sondern  erst  nach  derselben.  Vom  Misslingen  der  Glaubhaftmachung  der  politischen Verfolgung  im Herkunftsstaat  auf  ein  fehlendes  Interesse  des  Staates  an  der  politischen  Exilaktivität  zu  schliessen,  "pervertiere"  die  Bestimmung  des  Art.  54  AsylG;  die  diesbezüglichen  Ausführungen  des  BFM  seien  nicht  nachvollziehbar.  Sodann  hänge  die Unterscheidung,  ob  eine Organisation  in  den Augen  der  äthiopischen  Behörden  als  exilpolitische  Oppositionspartei  angesehen  werde,  zuletzt  von  deren  Eintrag  im  Handelsregister  oder  deren  Organisationsform  ab.  Einzig  die  regierungsfeindliche  Betätigung  der Gruppierung sei ausschlaggebend. Die B. _______ betätige sich nun  eindeutig  regierungsfeindlich,  indem  sie  Protestorganisationen  organisiere,  an  denen  die  äthiopische  Regierung  unmissverständlich  kritisiert  und  deren  Absetzung  verlangt  werde.  Insofern  sei  die  B.  _______ durchaus als ernstzunehmende Akteurin auf dem exilpolitischen  Parkett  anzuerkennen.  Die  Mitgliedschaft  bei  bzw.  die  Beteiligung  an  Aktionen  der  B.  _______ würden  folglich  im Falle  einer Rückkehr  nach  Äthiopien wahrscheinlich zu Verfolgungshandlungen führen. In den Akten  seien  ferner  sehr  wohl  Hinweise  auf  eine  Kenntnisnahme  der 

E­3549/2007 exilpolitischen  Tätigkeit  des  Beschwerdeführers  durch  die  äthiopischen  Behörden  enthalten.  Bereits  die  Dokumentation  seines  Engagements  müsse  nämlich  zur  Vermutung  führen,  dass  die  äthiopischen  Behörden  diese  zur  Kenntnis  genommen  hätten.  Zudem  sei  zumindest  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  im  Falle  einer  Rückkehr  aufgrund  des  langen  Auslandaufenthaltes  und  dem  Stellen  von  Asylgesuchen  in der Schweiz einem strengen Verhör ausgesetzt würde,  und  die  Behörden  dadurch  unweigerlich  auf  Hinweise  zu  seiner  exilpolitischen  Tätigkeit  stossen  würden.  Es  sei  ferner  gesicherte  Erkenntnis  und  gerichtsnotorisch,  dass  die  äthiopischen  Behörden  über  ein weit verzweigtes Spitzelsystem im Ausland verfügen würden, das bis  in  die  exilpolitischen  Organisationen  reiche  und  auch  Unternehmen  im  Ausland sowie die Auslandsvertretungen umfasse. Deren Aufgabe sei die  Identifikation  und  Überwachung  jener  "Exilanten",  die  unter  Verdacht  stehen  würden,  politisch  gegen  die  Regierung  aktiv  zu  sein.  Der  Beschwerdeführer  beanstandet  ferner  die  von  der  Vorinstanz  vorgenommene  Unterscheidung  zwischen  politisch  und  wirtschaftlich  motivierten  Exilaktivisten.  Ferner  bezeichnet  er  die  vorinstanzliche  Annahme,  den  äthiopischen  Behörden  sei  bekannt,  dass  viele  Emigranten aus wirtschaftlichen Gründen versuchten, in der Schweiz ein  dauerhaftes  Aufenthaltsrecht  durch  die  exilpolitische  Tätigkeit  zu  erwirken, weshalb sie solche Aktivitäten nicht als konkrete Bedrohung für  das  politische  System  wahrnehmen  würden,  als  unzulässig  und  impraktikabel.  Dadurch  werde  durch  die  Vorinstanz  nicht  zuletzt  das  unzulässige "Missbrauchsargument" eingebracht, d.h. dass entgegen der  Rechtsprechung  der  ARK  (Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  ARK  [EMARK] 1995 Nr. 7 E. 7 S. 66 ff.) und der Feststellung des Bundesrates  (BBl  1996  II  73)  die  Motivation  der  exilpolitischen  Aktivität  als  für  die  Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft  relevantes  Kriterium  herbeigezogen werde.  Zusammenfassend  sei  ihm  deshalb  die  Flüchtlingseigenschaft  zuzuerkennen.  In  Bezug  auf  den Wegweisungsvollzug  wird  ausgeführt,  dieser  sei  aufgrund  der  vorangehenden  Ausführungen  unzulässig  und  allenfalls unzumutbar.  5.3.  5.3.1. Gemäss Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts  (vgl. Urteil  des Bundesverwaltungsgerichts D­1926/2011 vom 18. April 2011 E. 3.4,  mit  weiteren  Hinweisen)  ist  davon  auszugehen,  dass  die  äthiopischen  Sicherheitsbehörden die Aktivitäten der  jeweiligen Exilgemeinschaften  in  einem  gewissen  Ausmass  überwachen  und  mittels  elektronischer 

E­3549/2007 Datenbanken  registrieren.  Dieser  Umstand  reicht  für  sich  allein  genommen jedoch noch nicht aus, um eine begründete Verfolgungsfurcht  glaubhaft  zu  machen.  Vielmehr  müssen  zusätzliche,  konkrete  Anhaltspunkte  –  nicht  lediglich  die  abstrakte  oder  rein  theoretische  Möglichkeit  –  dafür  vorliegen,  dass  ein  exilpolitisch  aktiver  Äthiopier  tatsächlich  das  Interesse  der  äthiopischen  Behörden  auf  sich  gezogen  hat  respektive  als  regimefeindliche  Person  namentlich  identifiziert  und  registriert wurde. Von Bedeutung ist damit die tatsächliche Erkennbarkeit  der  behaupteten  exilpolitischen  Tätigkeit,  die  Individualisierbarkeit  des  Beschwerdeführers  sowie  insbesondere  dessen  konkrete  exilpolitische  Tätigkeit. Grundsätzlich  ist unbestritten, dass er diesbezüglich aktiv war.  Zu  prüfen  bleibt  jedoch,  in  welchem  Ausmass  diese  exilpolitischen  Tätigkeiten ausgefallen sind. 5.3.2.  In  diesem  Zusammenhang  ist  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung vom 30. März 2007 aussagte,  seine  Funktion  bei  der  B.  _______  sei  es,  Äthiopiern,  die  in  seiner  Umgebung  leben  würden,  über  bevorstehende  Demonstrationen  zu  informieren  und  an  den  jeweiligen  Demonstrationen  Flugblätter  zu  verteilen.  Er  habe  bis  zum  Zeitpunkt  der  Anhörung  ungefähr  an  zwölf  solcher Demonstrationen teilgenommen, wobei die erste am (Datum) vor  dem Bundeshaus stattgefunden habe (vgl. C8/5 S. 3). Die Teilnahme an  weiteren  Demonstrationen  seit  der  Anhörung  im  April  2004  macht  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Beschwerdeschrift  nicht  explizit  geltend;  er  führt lediglich in allgemeiner Weise aus, dass er sich seit Jahren beherzt  für eine Änderung der Situation  in Äthiopien einsetze, da er ein politisch  interessierter und engagierter Mensch sei (vgl. Beschwerde S. 6). Es  ist  somit  festzuhalten,  dass  sich  die  exilpolitische  Tätigkeit  des  Beschwerdeführers  gemäss  seinen  oberflächlichen  und  pauschalen  Äusserungen  anlässlich  der  Anhörung  auf  die  Teilnahme  an  Demonstrationen  beschränkt  und  er  in  diesem Rahmen  keine  in  irgend  einer Weise  herausragende Stellung  einnimmt,  sondern  ein  einfaches –  wenn auch aktives  – Mitglied  der B.  _______  ist. Dies  ergibt  sich  auch  aus dem Bestätigungsschreiben der Vizepräsidentin der B. _______ vom  14.  September  2006.  Auch  die  eingereichten  Ausdrucke  und  Fotographien  einer  Demonstration  gegen  die  äthiopische  Regierung  in  Bern  vom  (Datum) und einer anderen Protestaktion der Äthiopier  in der  Schweiz,  die  den  Beschwerdeführer  zeigen  sollen,  sind  nicht  geeignet,  ein  weitergehendes  Engagement  desselben  aufzuzeigen.  So  ist  den  Bildern  nicht  zu  entnehmen,  dass  er  sich  anlässlich  dieser 

E­3549/2007 Veranstaltungen  besonders  und  über  das  Mass  der  anderen  Kundgebungsteilnehmer  hinaus  exponiert  oder  eine  Führungsposition  bekleidet hätte. Einzig der Zweck der Kundgebung, nämlich die Kritik am  Regime in Äthiopien, ist aus den Fotos ersichtlich.  Es ist dem BFM deshalb beizupflichten, dass nicht von einer qualifizierten  politischen  Betätigung  des  Beschwerdeführers  auszugehen  ist.  Die  Feststellung,  wonach  dieser  offensichtlich  nicht  zur  Zielgruppe  des  "harten Kerns" von aktiven oppositionellen Äthiopiern im Ausland gehöre,  für die sich die äthiopischen Behörden mutmasslich interessierten,  ist zu  bestätigen. Es  ist daher nicht mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit davon  auszugehen,  dass  die  äthiopischen  Behörden  aus  heutiger  Sicht  beim  Beschwerdeführer von einer Bedrohung für das Regime ausgehen.  5.3.3.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  die  geltend  gemachten  subjektiven Nachfluchtgründe nicht geeignet sind, eine flüchtlingsrechtlich  relevante  Verfolgungsfurcht  zu  begründen,  weshalb  die  Vorinstanz  zu  Recht  die  Flüchtlingseigenschaft  verneint  und  das  Asylgesuch  abgewiesen hat.  6.  6.1.  Lehnt  das  Bundesamt  ein  Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; dabei ist der Grundsatz der Einheit der Familie zu  berücksichtigen  (Art.  44  Abs.  1  AsylG).  Der  Beschwerdeführer  verfügt  über  keine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung;  er  macht  allerdings  gestützt  auf  Art.  8  EMRK einen Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen geltend (vgl. die nachfolgenden Erwägungen).  6.2. Er gibt nämlich an, Vater des am (Datum) geborenen D. _______ zu  sein, weshalb  ihm aus Art.  8 EMRK ein Recht  auf  ein Zusammenleben  mit seinem Sohn zustehe. Er reichte als Beleg verschiedene Dokumente  (u.a.  ein  Urteil  zur  Anerkennung  seiner  Vaterschaft  sowie  die  Geburtsurkunde,  siehe  Prozessgeschichte  Bst.  E  und  nachfolgend)  zu  den Akten. Die Mutter  seines Sohnes  (E.  _______), welche aus Eritrea  stamme, sowie deren Sohn wurden im Rahmen ihres Asylverfahrens mit  Verfügung  des  BFM  vom  23. April  2008  wegen  unzumutbaren  Wegweisungsvollzugs  in  der  Schweiz  vorläufig  aufgenommen.  In  den  vorinstanzlichen  Akten  ist  ferner  das  Urteil  des  Bezirksgerichts  C.  _______ vom 16. Dezember 2008 zu finden, welches die Vaterschaft des  Beschwerdeführers  feststellte.  Im  Weiteren  ist  den 

E­3549/2007 Kantonswechselgesuchen  des  Beschwerdeführers  an  das  BFM  vom  4. Juni  2007 sowie 4. März 2009 zu entnehmen, dass er mit  der Mutter  seines Sohnes  in einer gefestigten Partnerschaft  lebe. Zwar sei es dem  Beschwerdeführer  aufgrund  seines  Status  als  abgewiesener  Asylsuchender nicht möglich gewesen, ein alltägliches Familienleben zu  führen. Doch zeigen seine diversen Gesuche aus den Jahren 2007, 2008  und 2009 (Gesuche um Kantonswechsel  in den Kanton F. _______ ans  BFM vom 4. Juni 2007 und vom 4. März 2009 sowie Gesuch um Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  B  im  Kanton  G.  _______  am  8.  Oktober  2008),  dass  der  Beschwerdeführer  im  Rahmen  der  ihm  zur  Verfügung  stehenden  Möglichkeiten  tätig  wurde,  um  eine  tatsächliche  Beziehung  leben  zu  können.  Im  Weiteren  wurde  in  der  der  Beschwerdeschrift  vorgebracht,  der  Lebensgefährtin  des  Beschwerdeführers  und  deren  Sohn, sei es nicht zuzumuten mit dem Beschwerdeführer nach Äthiopien  zurückzukehren.  6.3.  Das  Bundesgericht  anerkennt  in  seiner  mit  BGE  109  Ib  183  ff.  eingeleiteten  und  seither  bestätigten  Rechtsprechung  (siehe  aktuell  in  BGE 135 I 143 sowie BGE 130 II 281, mit weiteren Hinweisen), dass Art.  8 EMRK unter gewissen Voraussetzungen einem Ausländer einen – nur  unter  den  Voraussetzungen  von  Art.  8  Abs. 2  EMRK  beschränkbaren –  Anspruch auf eine Anwesenheitsberechtigung in der Schweiz verleiht. So  kann  es  die  aus  Art.  8  EMRK  fliessenden  Garantien  verletzen,  wenn  einem  Ausländer,  dessen  Angehörige  –  mit  denen  eine  Ehe  oder  ein  Elternverhältnis  (auch  zwischen  dem  Kind  und  dem  Elternteil,  der  die  elterliche  Gewalt  und  Obhut  nicht  besitzt)  tatsächlich  gelebt  wird  und  intakt  erscheint  –  über  ein  gefestigtes  Anwesenheitsrecht  –  die  schweizerische Staatsangehörigkeit,  die Niederlassungsbewilligung oder  eine  Aufenthaltsbewilligung,  die  ihrerseits  auf  einem  gefestigten  Rechtsanspruch  beruht  –  in  der  Schweiz  verfügen,  die  Anwesenheit  untersagt und damit das Familienleben vereitelt wird (vgl. dazu BGE 130  II  281 E.  3.1 S.  285  f., mit weiteren Hinweisen).  In  personeller Hinsicht  umfasst der Begriff der Familie  im Sinne von Art. 8 EMRK nicht nur die  Mitglieder  der  „Kernfamilie“  (Ehepartner  und  minderjährige  Kinder),  sondern  auch  andere  nahe  Verwandte,  die  in  einer  Familie  eine  wesentliche  Rolle  spielen  können.  Gemäss  Rechtsprechung  der  ARK,  welche  vom  Bundesverwaltungsgericht  weitergeführt  wird,  sind  sodann  Konkubinatspartner den Ehegatten gleichgestellt  (vgl. BVGE 2008/47 E.  4.1. S. 677 ff., mit Hinweisen).

E­3549/2007 Da  die  Lebensgefährtin  und  das  gemeinsame  Kind  des  Beschwerdeführers  über  kein  gefestigtes  Anwesenheitsrecht,  auf  deren  Verlängerung  ein  Anspruch  besteht,  verfügen,  kann  der  Beschwerdeführer  für  sich  aus  Art. 8  EMRK  kein  Aufenthaltsrecht  ableiten (vgl. BGE 130 II 281 ff. sowie EMARK 1998 Nr. 31 E. 8a S. 257  f.).  6.4. Gemäss Art. 44 Abs. 1 AsylG hat das BFM bei der Anordnung des  Wegweisungsvollzugs  den  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  zu  beachten.  Diese  Bestimmung  geht,  wie  bereits  in  EMARK  1995  Nr.  24  festgestellt wurde, über die Tragweite von Art. 8 EMRK hinaus, indem die  vorläufige Aufnahme des einen Familienmitglieds "in der Regel" auch zur  vorläufigen  Aufnahme  der  anderen  Familienmitglieder  führt  (vgl.  hierzu  EMARK  1998  Nr.  31  E.  8c  ee  S.  259  und  EMARK  1995  Nr.  24  E.  9  S. 229,  die  sich  hierfür  freilich  noch  auf  Art.  17  Abs.  1  AsylG  in  der  Fassung gemäss Ziff. I des BB vom 22. Juni 1990 über das Asylverfahren  [AS  1990  938],  welcher  inhaltlich  indessen  Art.  44  Abs.  1  AsylG  entspricht,  beziehen).  In  personeller  Hinsicht  umfasst  der  Begriff  der  Familie dabei den Ehepartner und die minderjährigen Kinder, wobei der in  dauerhaft  eheähnlicher  Gemeinschaft  lebende  Partner  dem  Ehepartner  gleichzustellen  ist  (EMARK 1995 Nr. 24 E. 7 S. 227 sowie 1993 Nr. 24,  vgl. überdies Art. 1 Bst. e Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über  Verfahrensfragen  [Asylverordnung  1,  AsylV1;  SR  142.311]).  Bezüglich  des  geltend  gemachten  Anspruchs  auf  Einheit  der  Familie  ist  festzustellen,  dass  ein  solcher  auf  Art.  44  Abs.  1,  2.  Halbsatz  AsylG  basierender  Anspruch  besteht,  solange  das  Verfahren  des  Ehegatten  bzw.  Konkubinatspartners  nicht  abgeschlossen  ist  beziehungsweise  dieser  über  ein  mit  dem  Asylverfahren  im  Zusammenhang  stehendes  Anwesenheitsrecht verfügt (vgl. EMARK 1995 Nr. 24 E. 11b S. 232, 1998  Nr. 31, 1999 Nr. 1 und 2002 Nr. 7).  Vorliegend  verfügen  die  vom  Beschwerdeführer  getrennt  lebende  Kindsmutter  und  das  gemeinsame  Kind  über  ein  aus  dem  Asylrecht  abgeleitetes  Anwesenheitsrecht  (vorläufige  Aufnahme),  weshalb  zu  prüfen  ist, ob der Beschwerdeführer  in dieses einbezogen werden kann.  Dabei ist vorab zu prüfen, ob beim nicht verheirateten Beschwerdeführer  von einer eheähnlichen Beziehung mit der Kindsmutter auszugehen ist. 6.4.1.  Der  Beschwerdeführer,  seine  Lebensgefährtin  und  deren  Sohn  fallen  zweifellos  unter  den  von  Art.  44  Abs.  1  AsylG  anvisierten  Familienbegriff (vgl. oben in E. 6.4), da den Akten zu entnehmen ist, dass 

E­3549/2007 die Beziehung des Beschwerdeführers sowohl mit dem Kind als auch mit  seiner  Lebensgefährtin  gelebt  wird  (vgl.  Ausführungen  oben  in  E.  6.2  sowie  B11/14  S.  12  aus  dem  Dossier  N  […]).  Da  die  Vorinstanz  zwei  Gesuche um Kantonswechsel aus den Jahren 2007 und 2009 (vgl. oben  E.  6.2)  noch  nicht  behandelt  hat,  kann  es  nicht  dem Beschwerdeführer  angelastet werden, dass die Familie – entgegen  ihrem Wunsch – bisher  nicht zusammenleben konnte.  6.4.2. Gemäss der von der ARK in EMARK 1995 Nr. 24 entwickelten und  für  das  Bundesverwaltungsgericht  weiterhin  geltenden  Praxis  ist  ein  Abweichen  vom  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  in  gewissen  Fällen  indessen  denkbar,  wenn  das  betreffende  Familienmitglied  in  seiner  Person  die  Voraussetzungen  von  Art.  83  Abs.  7  AuG  erfüllt  (vgl.  in  Analogie zum damals geltenden Art. 14a Abs. 6 ANAG, EMARK 1995 Nr.  24 E. 11c S. 232 f.), oder wenn die Familienvereinigung ohne weiteres im  Ausland möglich ist.  6.4.2.1 Da den Akten nicht zu entnehmen ist, der Beschwerdeführer habe  die öffentliche Sicherheit und Ordnung  in der Schweiz gefährdet oder  in  schwerwiegender  Weise  verletzt,  erübrigt  es  sich  vorliegend  das  Verhältnis  von  Art.  83  Abs.  7  AuG  zu  Art.  44  Abs.  1  AsylG  näher  zu  überprüfen. 6.4.2.2 Die Frage, ob die Familienvereinigung auch im Ausland – konkret  im  Heimatland  des  Beschwerdeführers  –  ohne  weiteres  möglich  und  zumutbar  wäre,  ist  nicht  etwa  gleichbedeutend mit  der  Frage  nach  der  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  der  Lebensgefährtin  und  des  Kindes;  diese  ist  nicht  Gegenstand  des  vorliegenden  Verfahrens.  Sondern  es  ist  abstrakt  zu  prüfen,  ob  sich  die  Familie  gemeinsam  im  Heimatland  des  nicht  gefährdeten  Familienmitgliedes  –  hier  des  Beschwerdeführers,  das  heisst  in  Äthiopien  –  niederlassen  könnte  (EMARK 1998 Nr. 31). Bei dieser hypothetischen Frage ist auf die in Art.  83  Abs.  2  bis  4  AuG  für  die  Beurteilung  der  Durchführbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  genannten  Kriterien  abzustellen  und  die  vom  Bundesgericht  im  Zusammenhang  mit  seiner  so  genannten  „Reneja­ Praxis“  entwickelten  Kriterien  –  mithin  kulturelle,  religiöse,  sprachliche  und  ähnliche  Aspekte  –  vergleichend  beizuziehen,  wobei  auch  dieser  Kriterienkatalog nicht abschliessend ist. So ist zusätzlich anerkannt, dass  auch  der  besonderen  Situation  von  Kindern,  die  sich  in  der  Schweiz  integriert  haben,  und  für  die  eine  –  theoretisch  ins  Auge  gefasste –  Niederlassung  in  einem  anderen  Land  eine  eigentliche  Entwurzelung 

E­3549/2007 darstellen müsste, Rücksicht zu nehmen ist (vgl. EMARK 1997 Nr. 22, E.  4.c, S. 180, mit weiteren Hinweisen). Vorliegend ist also zu prüfen, ob es  der  Lebensgefährtin  des  Beschwerdeführers  und  dem  gemeinsamen  Sohn zuzumuten wäre, sich ohne weiteres nach Äthiopien zu begeben. Das BFM geht in seiner Vernehmlassung vom 14. Juni 2007 davon aus,  eine  Niederlassung  in  Äthiopien  sei  der  eritreischen  Mutter  des  gemeinsamen Kindes ohne weiteres zumutbar, da gemäss äthiopischem  Gesetz  Frauen  ausländischer  Herkunft  bei  Heirat  mit  einem  Äthiopier  Anspruch  auf  die  äthiopische  Staatsangehörigkeit  hätten,  und  zudem  würden  Personen  eritreischer  Herkunft  heutzutage  in  Äthiopien  nicht  diskriminiert  werden.  Zu  der  Zumutbarkeit  der  Niederlassung  des  gemeinsamen  Sohnes  –  welcher  sich  zum  damaligen  Zeitpunkt  im  Säuglingsalter  befand  –  äussert  sich  die  Vorinstanz  nicht  (vgl.  Prozessgeschichte oben Bst. G). Vorab  ist  festzustellen,  dass  diese  sehr  allgemeine  Begründung  der  Vorinstanz  nicht  zu  überzeugen  vermag.  So  gilt  es  zu  berücksichtigen,  dass  in  jedem  einzelnen  Fall  die  persönlichen  Verhältnisse  der  Betroffenen unter objektiven Gesichtspunkten zu beurteilen sind, so auch  vorliegend.  Objektiv  gesehen  fällt  ins  Gewicht,  dass  sich  die  Lebensgefährtin  des  Beschwerdeführer  seit  dem  Jahr  2003  ununterbrochen in der Schweiz aufhält – d.h. somit schon über 8 Jahre –  und sich – soweit den Akten zu entnehmen – wohl verhalten hat. Sie hat  gemäss  Aktenlage  in  Eritrea  die  Schule  nur  bis  zur  5.  Klasse  besucht,  keinen Beruf erlernt und nie gearbeitet (vgl. N […] A12/21 S. 7). Obwohl  sie  vor  ihrer  Einreise  in  die  Schweiz  12  Jahre  in  Äthiopien  mit  ihrem  damaligen Lebensgefährten gelebt habe, fühle sie sich als Eritreerin (vgl.  B11/14  S.  12).  Sie  habe  Äthiopien  aufgrund  eines  Zerwürfnisses  mit  ihrem  damaligen  Lebensgefährten  verlassen,  der  sie  bedroht  und  körperlich  angegriffen  habe,  und  der  ihr  Feind  geworden  sei,  wobei  er  vorher  ihre einzige Bezugsperson  in Äthiopien gewesen sei (vgl. B11/14  S.7). Sie verfügt somit in Äthiopien über kein tragfähiges Beziehungsnetz  und  es  kann  auch  davon  ausgegangen  werden,  dass  überhaupt  keine  Verwurzelung in Äthiopien stattgefunden hat. Ihr würden sich in Äthiopien  sehr  grosse  Probleme  stellen,  da  es  ihr  aufgrund  der  fehlenden  Ausbildung  sowie  ihres  Bildungsniveaus  und  ihrer  problematischen  Vergangenheit  in  Äthiopien  schwer  fallen  dürfte,  sich  dort  einzuleben,  zumal der Grund  für  ihre damalige Ausreise  in Äthiopien gesetzt wurde.  Ferner gilt es zu berücksichtigen, dass der gemeinsame Sohn – geboren  am (Datum) – zum jetzigen Zeitpunkt bald (Zahl)jährig ist und sich damit 

E­3549/2007 im  Vorschulalter  befindet.  Er  würde  bei  einer  Niederlassung  im  Heimatstaat seines Vaters zwar nicht auf eine ihm gänzlich fremde Kultur  treffen,  zumal  die  von  seiner  Mutter  (Lebensgefährtin  des  Beschwerdeführers)  gegenüber  den  Asylbehörden  angegebene  Ethnie  und  Sprachen  –  Tigrinerin  und  Tigrinya/Amharisch  –  auch  in  Äthiopien  prominent vertreten sind und davon ausgegangen werden kann, dass ihm  im Zusammenleben mit seiner Mutter zumindest diese Sprachen vertraut  geworden sind. Hingegen muss beachtet werden, dass er in der Schweiz  geboren  und  aufgewachsen  ist, mithin  sein  ganzes  bisheriges  Leben  in  der  Schweiz  verbrachte.  Ausserdem  hat  er  keinerlei  Beziehung  zu  Äthiopien,  wo  er  nie  gelebt  hat  und  dessen  Kultur  er  mangels  Zusammenlebens mit dem Vater nie erlebte. Zusammenfassend  ist  bei  der  Integration  der  Lebensgefährtin  des  Beschwerdeführers  und  des  gemeinsamen  Sohnes  in  Äthiopien  mit  Schwierigkeiten zu rechnen. Eine Abwägung der Umstände ergibt somit,  dass es ihnen nicht zumutbar  ist, zusammen mit dem Beschwerdeführer  nach Äthiopien zu ziehen.  6.5. Da  die  abstrakte  Prüfung  der  Zumutbarkeit  der  Niederlassung  der  Lebensgefährtin und des gemeinsamen Sohnes des Beschwerdeführers  in  Äthiopien  negativ  ausgefallen  ist,  ist  der  Beschwerdeführer  in  Anwendung  des  Grundsatzes  der  Einheit  der  Familie  gemäss  Art.  44  Abs. 1  AsylG  in  deren  vorläufigen  Aufnahme  einzubeziehen.  Der  Beschwerdeführer ist folglich ebenso vorläufig aufzunehmen.  6.6. Zusammenfassend  ist  festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer  bezüglich der Frage der Anerkennung als Flüchtling und der Anordnung  der Wegweisung nicht gelungen ist, darzutun, inwiefern die angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  unrichtig  und  unvollständig  feststellt  und  unangemessen  ist  (vgl.  Dispositiv  Ziffn.  1  bis  3).  Die  Beschwerde  ist  daher  hinsichtlich  des  Begehrens  um  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  der  Anordnung  der  Wegweisung  abzuweisen.  Die  angefochtene  Verfügung  ist  demgegenüber  hinsichtlich  des  Wegweisungsvollzugs  aufzuheben  (vgl.  Dispositiv  Ziffn.  4  und  5)  und  die  Vorinstanz  anzuweisen,  den  Beschwerdeführer  in  Anwendung  von  Art. 44 Abs.  1  AsylG  vorläufig  aufzunehmen.  Die  Beschwerde  ist  diesbezüglich  entsprechend  gutzuheissen.

E­3549/2007 7.  Mit  Zwischenverfügung  vom  13.  Juni  2007  wurde  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  –  unter  Vorbehalt  der  Abänderung  bei  allfälliger  Veränderung  der  finanziellen  Lage –  gutgeheissen. Obwohl der Beschwerdeführer gemäss Aktenlage seit dem  1. August 2008 erwerbstätig ist, muss er mit seinem (eher geringen) Lohn  als  Küchenhilfe  nicht  nur  seinen  eigenen  Lebensunterhalt  bestreiten,  sondern  auch  zusätzlich  Unterhaltszahlungen  für  seinen  Sohn  leisten.  Damit  gilt  der  Beschwerdeführer  nach wie  vor  als  prozessual  bedürftig,  weshalb  die  bereits  gewährte  unentgeltliche  Rechtspflege  nicht  zu  widerrufen  ist, und folglich keine Verfahrenskosten zu erheben sind (Art.  63 Abs. 1 VwVG).  8.  8.1.  Der  Beschwerdeführer  ist  hinsichtlich  seines  Rechtsbegehrens  im  Wegweisungsvollzugspunkt  durchgedrungen. Bezüglich  der  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  der  Asylgewährung  ist  er  hingegen  unterlegen. Bei dieser Sachlage ist dem Beschwerdeführer praxisgemäss  eine um die Hälfte reduzierte Parteientschädigung zuzusprechen (Art. 64  Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 7 Abs. 2 des Reglements vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).  8.2. Gemäss Art. 14 Abs. 1 VGKE haben die Parteien, die Anspruch auf  Parteientschädigung  erheben,  und  die  amtlich  bestellten  Anwälte  und  Anwältinnen dem Gericht vor dem Entscheid eine detaillierte Kostennote  einzureichen.  Vorliegend  hat  der  Rechtsvertreter  keine  Kostennote  eingereicht,  obschon  ihm  dies  im  Rahmen  der  Eingaben  vom  23.  Mai  2007  und  7.  Juni  2007  beziehungsweise  vom  9.  Juli  2007  möglich  gewesen  wäre.  Die  Entschädigung  ist  deshalb  auf  Grund  der  Akten  (Art. 14 Abs. 2  in  fine VGKE) unter Berücksichtigung der massgeblichen  Bemessungsfaktoren  (vgl.  Art.  8  ff.  VGKE)  auf  Fr. 650.­  (inkl.  Auslagen  und  Mehrwertsteuer)  festzusetzen.  Das  BFM  ist  anzuweisen,  dem  Beschwerdeführer  diesen  Betrag  als  reduzierte  Parteientschädigung  für  das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

E­3549/2007 E­3549/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  insoweit  gutgeheissen,  als  die  Anordnung  einer  vorläufigen Aufnahme beantragt wird. Im Übrigen wird sie abgewiesen.  2.  Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom 20. April  2007  werden  aufgehoben  und  das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Das  BFM  hat  dem  Beschwerdeführer  für  das  Verfahren  vor  der  Beschwerdeinstanz  eine Parteientschädigung  in  der Höhe  von  Fr. 650.­  zu entrichten.  5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Tu­Binh Truong Versand:

E-3549/2007 — Bundesverwaltungsgericht 04.11.2011 E-3549/2007 — Swissrulings