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Bundesverwaltungsgericht 26.10.2011 E-3461/2008

26 octobre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,806 mots·~9 min·3

Résumé

Asyl und Wegweisung | Flüchtlingseigenschaft und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 23. April 2008 /

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­3461/2008 beu/boi/ris Urteil   v om   2 6 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richter Bruno Huber, Richterin Christa Luterbacher,  Gerichtsschreiberin Stella Boleki. Parteien A._______, geboren am (…), und deren Sohn B._______, geboren am (…), Eritrea,   beide vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, Advokatur  Kanonengasse, (…), 8021 Zürich,  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Flüchtlingseigenschaft und Wegweisung; Verfügung des  BFM vom 23. April 2008 / N (…).

E­3461/2008 Sachverhalt: A.  Die Beschwerdeführerin, eine ethnische Tigrinerin aus Asmara  (Eritrea),  lebte gemäss eigenen Angaben seit 1991 in Addis Abeba/Äthiopien. Von  dort sei sie am 10. Januar 2003 nach Rom geflogen und drei Tage später  per  Auto  in  die  Schweiz  gelangt,  wo  sie  gleichentags  in  der  Empfangsstelle  (ES;  heute:  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  [EVZ])  C._______ um Asyl nachsuchte. Mit Verfügung vom 9. Dezember 2003  trat das vormalige Bundesamt für Flüchtlinge (BFF; heute: BFM) auf das  Asylgesuch  gestützt  auf  Art.  32  Abs.  2  Bst.  a  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) nicht ein und verfügte die Wegweisung  und  deren  Vollzug.  Auf  die  dagegen  erhobene  Beschwerde  vom  22.  Dezember  2003  trat  die  ehemalige  Schweizerische  Asylrekurskommission  [ARK];  heute:  Bundesverwaltungsgericht)  mit  Urteil  vom  28.  Januar  2004  mangels  Nachreichens  einer  Beschwerdebegründung nicht ein. B.  Am 27. September  2006  gelangte  die Beschwerdeführerin mit  einer  als  Wiedererwägungsgesuch betitelten Eingabe an das BFM, welche dieses  als  zweites  Asylgesuch  entgegennahm,  und  beantragte  unter  anderem,  es  sei  wiedererwägungsweise  ihre  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen  und  ihr Asyl zu gewähren, eventualiter sei  festzustellen, dass subjektive  Nachfluchtgründe  im Sinne von Art. 54 AsylG vorliegen würden, und sie  sei  deswegen  vorläufig  als  Flüchtling  aufzunehmen,  subeventualiter  sei  die  Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  Beschwerdeführerin  von  Amtes wegen vorläufig aufzunehmen. Zur  Begründung  wurde  im  Wesentlichen  vorgebracht,  der  tatsächliche  und  rechtliche Sachverhalt  habe  sich  nachträglich wesentlich  verändert.  Zunächst  werde  die  Beschwerdeführerin  aufgrund  ihres  langen  Auslandaufenthaltes  und  der  Stellung  eines  Asylgesuches  im  Ausland  durch  den  eritreischen  Staat  unter  den  Generalverdacht  gestellt,  sich  subversiv gegen die  jetzige Regierung betätigt  zu haben. Des Weiteren  werde  vermutet  –  da  den  eritreischen  Behörden  die  eritreische  Abstammung  der  Beschwerdeführerin  bekannt  sein  dürfte  –,  dass  sie  Militärdienst  hätte  leisten  müssen,  womit  auch  klar  sei,  dass  sie  sich  durch  ihre  Flucht  dem  Militärdienst  entzogen  habe  und  bei  einer  Wegweisung nach Eritrea mit entsprechend scharfen Sanktionen rechnen 

E­3461/2008 müsse. Zudem habe sich die Sachlage auch insoweit verändert, als sich  die Beschwerdeführerin mittlerweile exilpolitisch betätige. Sie sei aktives  Mitglied  der  Oppositionsbewegung  ELF­RC  (Eritrean  Liberation  Front –  Revolutionary Council). C.  Am  14.  November  2006  brachte  die  Beschwerdeführerin  ihren  Sohn,  B._______,  zur  Welt.  Dieser  wurde  in  das  Asylverfahren  seiner  Mutter  einbezogen. D.  Am  12.  Februar  2008  wurde  die  Beschwerdeführerin  zu  ihren  neuen  Asylvorbringen angehört. E.  Mit Verfügung vom 23. April 2008 – eröffnet am 24. April 2008 – stellte  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeführenden  würden  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllen,  lehnte  deren  Asylgesuche  ab  und  wies sie aus der Schweiz weg. Da es den Vollzug der Wegweisung als  unzumutbar  erachtete,  wurde  dieser  zu  Gunsten  einer  vorläufigen  Aufnahme aufgeschoben.  Begründet  wurde  der  Entscheid  im  Wesentlichen  damit,  dass  die  Beschwerdeführerin  ihren  Heimatstaat  verlassen  habe,  bevor  Eritrea  (1993) unabhängig geworden bzw. die allgemeine Wehrpflicht eingeführt  worden sei. Es könne deshalb ausgeschlossen werden, dass sie bei einer  eventuellen Rückkehr nach Eritrea eine Bestrafung wegen Desertion oder  Refraktion  zu  gewärtigen  hätte,  zumal  sie  betreffend  den  Militärdienst  keinerlei Kontakt mit den eritreischen Behörden gehabt habe. Bezüglich  der geltend gemachten exilpolitischen Aktivitäten führte das BFM aus, es  würden  keine  Anhaltspunkte  für  die  Annahme  bestehen,  dass  sich  die  Beschwerdeführerin  in einer Art und Weise betätigt und exponiert habe,  dass  deren  Aktivitäten  durch  die  eritreischen  Behörden  als  konkrete  Bedrohung für das politische System wahrgenommen würden. F.  Mit  Eingabe  vom  26. Mai  2008  liessen  die  Beschwerdeführenden  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erheben  und  beantragen,  die  Verfügung  der  Vorinstanz  sei  vollumfänglich  aufzuheben,  es  sei  festzustellen,  dass  subjektive  Nachfluchtgründe  im  Sinne  von  Art.  54  AsylG  vorliegen  würden,  und  den  Beschwerdeführenden  sei  eine 

E­3461/2008 vorläufige  Aufnahme  als  Flüchtlinge  zu  gewähren.  In  verfahrensrechtlicher Hinsicht würde um Gewährung der unentgeltlichen  Prozessführung  gemäss  Art. 65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)  und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht.  Zur  Begründung  wurde  insbesondere  vorgebracht,  die  Ausreise  der  Beschwerdeführerin  aus  Eritrea  (im  Jahre  1991),  die  Flucht  in  die  Schweiz  und  die  beharrliche  Weigerung,  zurückzukehren,  stelle  in  den  Augen  der  eritreischen  Behörden  eine  Flucht  vor  dem  bzw.  einen  Widerstand  gegen  den  Wehrdienst  dar.  Da  dies  in  Eritrea  sowohl  gesetzlich unter Strafe gestellt sei, als auch tatsächlich geahndet werde,  und  das  angedrohte  Strafmass  beliebig  überschritten  und  auch  Folter  angewendet  werde,  müsse  die  Beschwerdeführerin  bei  einer  Rückkehr  mit  einer  unverhältnismässig  hohen  Haftstrafe  sowie  Folter  und  Verschleppung rechnen. Des Weiteren habe sie durch ihre exilpolitischen  Aktivitäten ein Profil, das bei der Rückkehr mit hoher Wahrscheinlichkeit  politische  Verfolgung  zur  Folge  hätte.  Auf  die  eingehende  Begründung  und die eingereichten Beweismittel wird –  soweit  entscheidrelevant  –  in  den nachfolgenden Erwägungen eingegangen G.  Mit  Instruktionsverfügung  vom  30.  Mai  2008  verschob  das  Bundesverwaltungsgericht  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  in  den  Endentscheid,  forderte  die  Beschwerdeführenden  auf,  umgehend  eine  Fürsorgebestätigung  einzureichen,  und  lud  die  Vorinstanz  zur  Einreichung  einer  Stellungnahme bis zum 16. Juni 2008 ein.  Die  Beschwerdeführenden  reichten  am  10.  Juni  2008  eine  Fürsorgebestätigung ein. H.  Innert erstreckter Frist nahm das BFM mit Schreiben vom 24.  Juli  2008  zur  Beschwerde  Stellung  und  führte  aus,  diese  enthalte  keine  neuen  erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine Änderung seines  Standpunktes  rechtfertigen  könnten.  Deshalb  werde  die  Abweisung  der  Beschwerde beantragt. I.  Mit Schreiben vom 11. Juni 2009 reichten die Beschwerdeführenden als 

E­3461/2008 neues Beweismittel den Taufschein der Beschwerdeführerin (im Original)  ein, um deren eritreische Identität zu belegen. J.  Mit  Schreiben  vom  6.  September  2010  brachten  die  Beschwerdeführenden vor, die Dauer des vorliegenden Verfahrens lasse  sich  unter  objektiven Gesichtspunkten  nicht  rechtfertigen  und  sei  daher  nicht  mehr  mit  dem  Beschleunigungsgebot  gemäss  Art.  29  Abs.  1  der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April  1999  (BV,  SR  101)  zu  vereinbaren.  Deshalb  werde  um  eine  möglichst  rasche Beurteilung der Beschwerdesache ersucht. Diese Bitte wurde mit  Schreiben vom 24. Februar 2011 wiederholt. Mit  Schreiben  vom  2.  März  2011  informierte  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Beschwerdeführenden,  dass  das  vorliegende Verfahren gemäss der Prioritätenordnung zu gegebener Zeit  abgeschlossen werde, über den genauen Zeitpunkt der Entscheidfällung  jedoch keine Angaben gemacht werden könnten. K.  Am  8.  August  2011  reichten  die  Beschwerdeführenden  eine  ärztliche  Bestätigung den Zustand der Beschwerdeführerin betreffend ein, wonach  diese  unter  der  unsicheren  Situation  bzw.  ihrem  unsicheren  Aufenthaltsstatus  psychisch  leide,  und  baten  erneut  um  eine  beförderliche Behandlung ihrer Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d 

E­3461/2008 Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1  sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Mit  ihrer  Beschwerde  beantragten  die  Beschwerdeführenden  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  aufgrund  subjektiver  Nachfluchtgründe  im  Sinne  von  Art.  54  AsylG  und  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  als  Flüchtlinge.  Die  Dispositivziffern  2  (Asylgewährung)  und  4  bis  8  (vorläufige  Aufnahme  wegen  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  und  Gebühren)  der  angefochtenen  Verfügung  sind  somit  in  Rechtskraft  erwachsen.  Wie  bereits mit Instruktionsverfügung vom 30. Mai 2008 festgestellt,  ist somit  auf  Beschwerdeebene  lediglich  über  die  Dispositivziffern  1  und  3  der  angefochtenen Verfügung zu befinden und zu prüfen, ob die Vorinstanz  die Beschwerdeführenden  zu Recht  nicht  als  Flüchtlinge  anerkannt  und  aus der Schweiz weggewiesen hat. 4.  4.1. Gemäss Art.  3 AsylG wird  eine  ausländische Person  als  Flüchtling  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte 

E­3461/2008 Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken; frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art.  3 AsylG). 4.2.  Die  Flüchtlingseigenschaft  ist  nachzuweisen  oder  zumindest  glaubhaft zu machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft sind  insbesondere Vorbringen, die  in wesentlichen Punkten  zu  wenig  begründet  oder  in  sich  widersprüchlich  sind,  den  Tatsachen  nicht  entsprechen  oder  massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4.3. Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise  aus  dem  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  eine  Gefährdungssituation  erst  geschaffen  worden  ist, macht  subjektive  Nachfluchtgründe  geltend  (vgl.  Art. 54  AsylG).  Als  subjektive  Nachfluchtgründe  gelten  insbesondere  illegales  Verlassen  des  Heimatlandes  (sogenannte  Republikflucht),  Einreichung  eines  Asylgesuches  im  Ausland  oder  aus  der  Sicht  der  heimatstaatlichen  Behörden  unerwünschte  exilpolitische  Betätigung,  wenn sie die Gefahr einer zukünftigen Verfolgung begründet (vgl. BVGE  2009/29  E.  5.1  mit  weiteren  Hinweisen).  Subjektive  Nachfluchtgründe  begründen  zwar  die  Flüchtlingseigenschaft  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG,  führen  jedoch  gemäss Art.  54 AsylG  zum Ausschluss  des Asyls  (Art.  2  AsylG),  unabhängig  davon,  ob  sie  missbräuchlich  oder  nicht  missbräuchlich  gesetzt  wurden.  Stattdessen  werden  Personen,  welche  subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können,  als  Flüchtlinge  vorläufig  aufgenommen  (vgl.  BVGE  2009/28  E.  7.1,  mit  weiteren Hinweisen). 5.  5.1.  Auf  Beschwerdeebene  verwies  die  Beschwerdeführerin  auf  eine  Verfügung  des  BFM  vom  6. September  2007,  in  welcher  einem  Gesuchsteller  aufgrund  subjektiver  Nachfluchtgründe  wegen  seiner  (illegalen)  Ausreise  die  Flüchtlingseigenschaft  zuerkannt  worden  sei;  dieser  habe  bis  zum  Zeitpunkt  seiner  Ausreise  weder  Militärdienst  geleistet  noch  sei  er  dazu  aufgeboten  worden.  Da  eine  Reihe  weiterer  Fälle bekannt  sei,  in welchen die Flüchtlingseigenschaft  bei  eritreischen  Asylsuchenden  aufgrund  der  blossen  Ausreise  aus  Eritrea  anerkannt  worden  sei,  sei  der  Beschwerdeführerin  im  Sinne  einer  rechtsgleichen 

E­3461/2008 Behandlung  aufgrund  der  illegalen  Ausreise  ebenfalls  die  Flüchtlingseigenschaft  wegen  subjektiver  Nachfluchtgründe  zuzusprechen. 5.2.  Eritrea  erlangte  die  Unabhängigkeit  am  24.  Mai  1993.  Eine  erste  Grundlage  für  die Militärdienstpflicht wurde  im November 1991 mit  dem  Gesetz  18/1991  (National  Service  Program/NSP)  gelegt.  Die  Pflicht  zur  Leistung  eines  nationalen  Dienstes  wurde  sodann  in  der  eritreischen  "Proclamation  on  National  Service"  aus  dem  Jahr  1995  statuiert  (vgl.  EMARK  2006  Nr.  3  E.  4.3).   Gemäss  Erkenntnissen  des  Bundesverwaltungsgerichts  ist  nach  Art.  11  der  "Proclamation  No.  24/1992" – welche seit 1992 die Ein­ und Ausreise nach und von Eritrea  regelt  –  ein  legales  Verlassen  des  Landes  lediglich  mit  einem  gültigen  Reisepass  und  einem  zusätzlichen  Ausreisevisum  möglich  (vgl.  auch  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­4117/2010  vom  28. März  2011  E.  6.2).  Wie  die  Vorinstanz  zutreffend  dargelegt  hat,  hat  die  Beschwerdeführerin Eritrea gemäss eigenen Angaben bereits  im Herbst  (Oktober/November,  vgl.  BFM­Akte  A1/9  S.  2)  1991  und  damit  in  einer  Zeit  verlassen,  als  weder  Eritrea  als  unabhängiger  Staat  noch  die  erwähnten  Gesetze  über  die  Ein­  und  Ausreise  oder  die  allgemeine  Militärdienstpflicht  existierten.  Bei  der  Ausreise  der  Beschwerdeführerin  aus dem Gebiet des nachmaligen Staates Eritrea handelte es sich somit  nicht  um  ein  illegales  Verlassen  ihres  Heimatlandes,  zumal  sie  geltend  machte,  damals  aufgrund  der  äthiopischen  Herkunft  des  Vaters  ihres  ersten Kindes (geboren am 1. Juni 1991, vgl. A1/9 S. 3) aus dem Gebiet  des heutigen Eritrea ausgewiesen worden zu sein (A1/9 S. 3, B11/14 S.  3f.),  mithin  das  Land  nicht  freiwillig  verlassen  zu  haben.  Sie  hat  damit  weder  ihren Heimatstaat  illegal  verlassen noch sich dem Militärdienst  in  Eritrea  entzogen,  zumal  sie  zu  diesem  Zeitpunkt  mit  den  eritreischen  Behörden keinerlei Kontakt  in Bezug auf den Militärdienst gehabt haben  konnte  (vgl.  dazu  auch  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2006  Nr.  3  E.  4.10).  Somit besteht keine begründete Furcht, dass die Beschwerdeführerin  im  Falle einer Rückkehr eine Verfolgung durch die eritreischen Behörden zu  befürchten hätte. 6.  Nachfolgend  ist  zu  prüfen,  ob  die  Beschwerdeführerin  durch  ihre  exilpolitischen  Aktivitäten  in  der  Schweiz  Grund  für  eine  zukünftige  Verfolgung durch die eritreischen Behörden gesetzt hat und aus diesem  Grund die Flüchtlingseigenschaft festzustellen ist.

E­3461/2008 6.1.  Eine  Person,  die  sich  auf  exilpolitische  Aktivitäten  als  subjektiven  Nachfluchtgrund beruft, hat objektiv begründeten Anlass zur Furcht vor künftiger  Verfolgung,  wenn  beispielsweise  der  Verfolgerstaat  mit  erheblicher  Wahrscheinlichkeit  vom  Engagement  im  Ausland  erfahren  hat  und  die  Person  deshalb  bei  einer  Rückkehr  in  asylrechtlich  relevanter Weise  verfolgen  würde  (vgl.  BVGE  2009/28,  mit  weiteren  Hinweisen).  Wesentlich  ist,  ob  die  heimatlichen  Behörden  das  Verhalten  des  Asylsuchenden  als  staatsfeindlich  einstufen  würden  und  dieser  deswegen  bei  einer  Rückkehr  in  den  Heimatstaat  eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG befürchten müsste.  6.2.  Die  Beschwerdeführerin  führte  in  ihrem  zweiten  Asylgesuch  vom  27. September  2006  aus,  sie  sei  für  die  Schweizer  Sektion  der  ELF­RC  aktiv.  Zudem reichte sie dem BFM ein Bestätigungsschreiben des Chefs des Büros für  organisatorische  Angelegenheit  der  ELF­RC  (in  Deutschland)  vom  (…)  2006  sowie  einen Mitgliederausweis  vom  (…) 2006  ein. Bei  der Anhörung vom 12.  Februar 2008 brachte sie vor, sie erhalte per Post Broschüren und Bücher, welche  sie an andere Mitglieder weiterverkaufe; darin erschöpfe sich ihre Funktion. Sie  unterstütze  die  Partei,  weil  diese  für  Frieden  und  Demokratie  kämpfe,  was  in  ihrem  Land  derzeit  nicht  herrsche.  Die  Beschwerdeführerin  werde  sich  der  eritreischen  Regierung  bis  zum  Schluss  widersetzen.  Durch  ihre  derzeitigen  Aktivitäten  sei  sie  quasi  ein  Feind  ihres  Heimatstaates,  und  wenn  sie  zurückgehen würde, würde sie getötet werden. Sie sei  im Jahre 1991 mit  ihrem  Säugling  aus  Eritrea  weggewiesen  worden,  als  sei  sie  (eine)  politisch(e  Widersacherin). Als Mitglied der ELF­RC würde  sie  (somit)  nicht  (wieder)  ins  Land hineingelassen (B11/14 S. 10). 6.3.  Das  BFM  führte  in  diesem  Zusammenhang  aus,  die  Beschwerdeführerin habe  im Rahmen  ihres ersten Asylverfahrens keine  politischen Tätigkeiten in ihrem Heimatland geltend gemacht. Ausserdem  habe  sie  Eritrea  bereits  im  Jahre  1991  verlassen  und  bis  vor  ihrer  Einreise  in  die  Schweiz  im  Jahre  2003  in  Äthiopien  gelebt.  Vor  diesem  Hintergrund  sei  nicht  anzunehmen,  dass  sie  nach  ihrer  Ankunft  in  der  Schweiz unter spezieller Beobachtung seitens der eritreischen Behörden  gestanden sei. Es würden zudem keine Hinweise darauf bestehen, dass  die eritreischen Behörden von der Mitgliedschaft der Beschwerdeführerin  bei der ELF­RC überhaupt Kenntnis genommen oder gar gestützt darauf  irgendwelche Massnahmen zum Nachteil  ihrer Person eingeleitet hätten.  Ausserdem hätten  die  eritreischen Behörden  nur  dann  ein  Interesse  an  der  Identifizierung  einer  Person,  wenn  deren  Aktivitäten  als  konkrete  Bedrohung für das politische System wahrgenommen würden. Es würden  jedoch  keine  Anhaltspunkte  für  die  Annahme  bestehen,  dass  sich  die 

E­3461/2008 Beschwerdeführerin  in  dieser  besonderen  Art  und  Weise  betätigt  und  exponiert habe. 6.4.  Diesen  Erwägungen  hielt  die  Beschwerdeführerin  in  ihrer  Beschwerdeschrift  mit  Verweis  auf  ein  Urteil  des  Verwaltungsgerichtshofes  Hessen  vom  21.  März  2007  entgegen,  die  Kontrolle  der  exilpolitischen  Aktivisten  durch  die  eritreischen  Geheimdienste  sei  umfassend.  Diese  hätten  die  Aufgabe,  alle  oppositionellen Aktivitäten von Angehörigen der Diaspora, seien sie auch  noch  so  geringfügig,  festzuhalten  und  weiterzuleiten.  Auch  einfache  Mitglieder  der  ELF­NC/ENFS  (Eritrean  Liberation  Front  –  National  Council/Eritrean  National  Salvation  Front),  die  sich  in  untergeordneter  Form  an  der  Parteiarbeit  beteiligen  würden,  hätten  nicht  nur  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  damit  zu  rechnen,  dass  ihr  regimekritisches  Verhalten  dem  eritreischen  Staat  bekannt  werde,  sondern  auch  damit,  dass  sie  im  Falle  ihrer  Rückkehr  nach  Eritrea mit  ebensolcher  Wahrscheinlichkeit  verfolgt  würden.  Eine  solche  massive  Überwachung sei nicht mit der Auffassung des BFM vereinbar, welches  im  Übrigen  durch  seine  Argumentation  durch  die  Hintertür  ein  Missbrauchsargument  einbringe.  Die  Beschwerdeführerin  besitze  durch  ihre Teilnahme an regimefeindlichen Anlässen und Propagandaaktivitäten  im  Dienst  der  ELF­RC  und  ihr  unermüdliches  Eintreten  für  die  Demokratisierung  Eritreas  ein  politisches  Profil.  Zum  Beleg  dieses  Vorbringens  reichte  die  Beschwerdeführerin  ein  weiteres  Schreiben  der  Schweizer Sektion der ELF­RC vom (…) ein. Diesem  ist zu entnehmen,  dass  die  Beschwerdeführerin  seit  August  2006  ein  aktives Mitglied  sei.  Sie  führe  organisatorische  Tätigkeiten  aus  und  besuche  gelegentlich  Treffen  von  Vertretern  aller  Mitglieder  in  der  Schweiz.  Sie  verkaufe  zudem  Broschüren  über  die  Aktivitäten  der  Organisation  an  andere  Eritreer.  6.5. Nach Prüfung  der Akten  durch  das Gericht  ist  in Übereinstimmung  mit  der  Vorinstanz  festzustellen,  dass  insgesamt  keine  subjektiven  Nachfluchtgründe  bestehen,  die  bei  einer  Rückkehr  der  Beschwerdeführenden  nach  Eritrea  zu  einer  für  die  Flüchtlingseigenschaft  relevanten  Verfolgung  führen  würden.  Die  Beschwerdeführerin ist – wie sie selber ausführt – ein einfaches Mitglied  der  ELF­RC  und  beschränkt  ihre  exilpolitischen  Aktivitäten  auf  den  Verkauf  von  Broschüren  und  die  gelegentliche  Teilnahme  an  Zusammenkünften.  Es  ist  nicht  von  einer  qualifizierten  politischen  Betätigung  der  Beschwerdeführerin  auszugehen,  weshalb  –  entgegen 

E­3461/2008 den  Ausführungen  in  der  Beschwerdeschrift  –  nicht  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass die äthiopischen Behörden durch deren  Aktivitäten  aus  heutiger  Sicht  von  einer  Bedrohung  für  das  Regime  ausgehen.  Zudem  ist  zu  beachten,  dass  die  Beschwerdeführerin  seit  ihrer  Beschwerdeeingabe vom 26. Mai 2008 keine neuen Aktivitäten geltend machte  und  somit  ein  während  der  letzten  Jahre  gesteigerter  politischer  Einsatz  nicht  anzunehmen ist.  6.6. Zusammenfassend  ist  festzuhalten, dass die geltend gemachten subjektiven  Nachfluchtgründe  nicht  geeignet  sind,  eine  flüchtlingsrechtlich  relevante  Verfolgungsfurcht  zu  begründen,  weshalb  die  Vorinstanz  die  Flüchtlingseigenschaft zu Recht verneint hat.  7.  Lehnt das Bundesamt ein Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so  verfügt es  in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz; dabei  ist der  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  zu  berücksichtigen  (Art.  44  Abs.  1  AsylG).  Die  Beschwerdeführenden  verfügen  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung einer solchen (vgl. EMARK 2001 Nr. 21) und machen dies auch  nicht geltend. Die Wegweisung wurde somit zu Recht angeordnet. 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9.  9.1. Die Beschwerdeführenden ersuchten vorliegend um Gewährung der  unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG.  Danach  befreit  die  Beschwerdeinstanz  eine  Partei,  die  nicht  über  die  erforderlichen  Mittel  verfügt,  auf  Antrag  von  der  Bezahlung  der  Verfahrenskosten, sofern  ihr Begehren nicht aussichtslos erscheint. Aus  der  Tatsache,  dass  sich  ex  post  zeigt,  dass  die  Beschwerdeführenden  keine  prozessualen  Erfolgschancen  hatten,  ergibt  sich  zwar  noch  nicht  zwingend,  dass  die  Beschwerde  aussichtslos  war.  Dennoch  müssen  vorliegend  die  Gewinnaussichten  der  Beschwerdeführenden  als  von  Anfang  an  beträchtlich  geringer  eingestuft  werden  als  die  Verlustgefahren. Die Beschwerde erweist sich deshalb als zum Zeitpunkt 

E­3461/2008 ihrer  Eingabe  aussichtslos;  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Prozessführung ist mithin abzuweisen. 9.2.  Bei  diesem  Ausgang  des  Beschwerdeverfahrens  sind  die  Verfahrenskosten den Beschwerdeführenden aufzuerlegen  (Art.  63 Abs.  1  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr.  600.­­  festzusetzen  (Art.  1  ­  3  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite)

E­3461/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird abgewiesen. 3.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  600.­  werden  den  Beschwerdeführenden  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Dieses Urteil geht an den Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden, das  BFM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Stella Boleki Versand

E-3461/2008 — Bundesverwaltungsgericht 26.10.2011 E-3461/2008 — Swissrulings