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Bundesverwaltungsgericht 19.01.2012 E-2818/2010

19 janvier 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,480 mots·~7 min·1

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 23. März 2010

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­2818/2010 Urteil   v om     1 9 .   J a nua r   2012 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richter Hans Schürch, Richter François Badoud,    Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel. Parteien A._______, Irak,  (…),   Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom  23. März 2010 / N (…).

E­2818/2010 Sachverhalt: A.  Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer, ein  irakischer  Staatsangehöriger  kurdischer  Ethnie,  seinen  Heimatstaat  am  24.  Dezember  2008  in  Richtung  Türkei,  wo  er  sich  ungefähr  drei  Wochen  aufhielt. Am 19. Januar 2009 reiste er  in die Schweiz ein, wo er am 20.  Januar 2009 um Asyl nachsuchte. Anlässlich der Kurzbefragung vom 29.  Januar 2009 im Empfangs­ und Verfahrenszentrum (EVZ) B._______ und  der Anhörung vom 15. Dezember 2009 zu den Asylgründen machte er im  Wesentlichen Folgendes geltend: Er sei in C._______, Provinz Dohuk, geboren und aufgewachsen. Im Jahr  2003, ungefähr fünf Jahre vor seiner Ausreise, sei er mit seiner Familie in  ein  Dorf  namens D._______,  in  der  Region  E._______,  Provinz Mosul,  gezogen.  Sie  seien  umgezogen,  da  seine  gesamte  Familie  (Onkel  und  Tanten)  in  diesem Dorf  lebten.  Er  habe  dort  zeitweise  als  Verkäufer  in  einem  Lebensmittelgeschäft  gearbeitet.  Das Dorf,  in  welchem  er  gelebt  habe,  sei  unsicher,  da  es  dort  viele  Terroristen  gebe,  die  von  allen  Bewohnern Geld erpressen würden. Bisher seien diese zwar nicht an ihn  oder  seine  Familie  gelangt;  er  befürchte  dies  aber.  Die  lokale  Polizei  wage es nicht, etwas gegen die Terroristen zu unternehmen. Ausserdem  gebe es im Dorf keine Arbeit. In C._______ sei die Situation zwar besser,  er verfüge dort jedoch über kein familiäres Netz mehr.  Anlässlich  der  Anhörung  vom  15.  Dezember  2009  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Fotokopie  seiner  Identitätskarte  zu  den  Akten.  Das Original dieses Dokuments wurde später nachgereicht. B.  Um die Herkunft des Beschwerdeführers  festzustellen ordnete das BFM  eine LINGUA­Analyse an. Der Experte kam nach einem Telefongespräch  vom 9. Februar 2009 aufgrund der Sprache des Beschwerdeführers und  dessen geografischen Kenntnissen zum Schluss,  dass er mit Sicherheit  aus  dem  Irak  stamme  und  den  Dialekt  Badinani  spreche.  Mit  grosser  Wahrscheinlich sei er in der Region C._______ und bestimmt nicht in der  Region E._______ sozialisiert worden.  C.  Eine interne Dokumentenanalyse des BFM vom 16. Februar 2010 ergab,  dass die Identitätskarte objektive Fälschungsmerkmale aufweise. 

E­2818/2010 D.  Am 9. März 2010  informierte das BFM den Beschwerdeführer  über das  Ergebnis  der  LINGUA­Analyse  und  darüber,  dass  seine  Identitätskarte  gefälscht sei, und setzte ihm Frist zur Stellungnahme.  E.  Mit Schreiben vom 17. März 2010 legte der Beschwerdeführer dar, seine  Identitätskarte  sei  echt.  Zum  Ergebnis  der  LINGUA­Analyse  nahm  er  keine Stellung. F.  Mit Verfügung vom 23. März 2010 (eröffnet tags darauf) lehnte das BFM  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  ab  und  ordnete  seine  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Vollzug  an.  Die  Vorinstanz  begründete  den  ablehnenden Asylentscheid  damit,  dass  die Vorbringen  des  Beschwerdeführers  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  gemäss Art. 7 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998  (AsylG, SR 142.31)  nicht standhielten, sodass die Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse.  Der Vollzug der Wegweisung sei zulässig, zumutbar und möglich. Die als  gefälscht  erkannte  Identitätskarte wurde  eingezogen.  Für  die  detaillierte  Begründung wird, soweit wesentlich, auf die Erwägungen verwiesen. G.  Mit  Beschwerde  vom  22.  April  2010  an  das  Bundesverwaltungsgericht  beantragte  der  Beschwerdefürer  die  Aufhebung  der  Ziffern  4  und  5  (Vollzug der Wegweisung) der Verfügung, die Anordnung der vorläufigen  Aufnahme  sowie  in  prozessualer  Hinsicht  die  Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege.  H.  Mit  Schreiben  vom  28.  April  2010  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Wohnsitzbescheinigung  zu  den  Akten,  gemäss  welcher  er  im  Dorf  D._______ wohnhaft gewesen sei. I.  Mit  Zwischenverfügung  vom  7. Mai  2010  stellte  die  Instruktionsrichterin  den  legalen Aufenthalt des Beschwerdeführers während des Verfahrens  fest, hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege  unter  der  Voraussetzung  des  Nachreichens  einer  Fürsorgebestätigung  gut und setzte eine Frist  zur Einreichung derselben oder zur Bezahlung  eines Kostenvorschusses.

E­2818/2010 J.  Am 21. Mai 2010 leistete der Beschwerdeführer den Kostenvorschuss in  der Höhe von Fr. 600.­. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

E­2818/2010 3.  Gestützt  auf  Art.  111a Abs.  1 AsylG wurde  auf  die Durchführung  eines  Schriftenwechsels verzichtet. 4.  Das  BFM  verneinte  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers,  lehnte sein Asylgesuch ab und wies  ihn aus der Schweiz weg.  In seiner  Rechtsmitteleingabe beantragte er die Aufhebung der Verfügung, soweit  den Wegweisungsvollzug betreffend (Ziffern 4 und 5 des Dispositivs). Die  Verneinung  der  Flüchtlingseigenschaft,  die  Ablehnung  des  Asylgesuchs und die Wegweisung an sich blieben somit unangefochten  und  sind  mit  Ablauf  der  Beschwerdefrist  in  Rechtskraft  erwachsen  (Dispositivziffern  1­3).  Es  ist  deshalb  einzig  zu  prüfen,  ob  die  Wegweisung zu vollziehen oder ob anstelle des Vollzugs eine vorläufige  Aufnahme  anzuordnen  sei  (Art. 44  AsylG  i.V.m.  Art.  83  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005  über  die Ausländerinnen  und  Ausländer [AuG, SR 142.20]). 5.  5.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft,  das  heisst,  sie  sind  zu  beweisen,  wenn  der  strikte  Beweis  möglich  ist,  und  andernfalls  wenigstens  glaubhaft  zu  machen  (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl.,  Basel 2009, Rz. 11.148). 5.2.  5.2.1.  Der  Vollzug  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG).

E­2818/2010 So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 5.2.2. Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in die Provinz Dohuk  ist demnach unter dem Aspekt  von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung  in  die  Provinz  Dohuk  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung  drohen würde  (vgl. EGMR  [Grosse Kammer], Saadi gegen  Italien, Urteil  vom  28. Februar  2008,  Beschwerde  Nr. 37201/06,  §§ 124 – 127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  im  Irak  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der 

E­2818/2010 Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 5.3.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Das  Bundesverwaltungsgericht  hat  sich  im  nach  wie  vor  gültigen  Grundsatzurteil  BVGE  2008/5  vom  14.  März  2008  ausführlich  mit  der  Frage  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  in  den  kurdisch  verwalteten Nordirak befasst. Es gelangte zum Schluss, dass in den drei  kurdischen  Provinzen  (Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya)  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht  und  die  dortige  politische  Lage  nicht  dermassen  angespannt  ist,  dass  eine  Rückführung  als  generell  unzumutbar  betrachtet  werden  müsste.  Zudem  ist  die  Region  mit  Direktflügen aus Europa und aus den Nachbarländern erreichbar. Damit  entfällt  das  Element  der  unzumutbaren  Rückreise  via  Bagdad  und  anschliessend auf  dem Landweg durch den  von Gewalt  heimgesuchten  Zentralirak  in  das  durch  die  kurdische  Regionalregierung  ("Kurdistan  Regional  Government"  [KRG])  dominierte  Gebiet.  Die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  setzt  jedoch voraus,  dass die betreffende Person  ursprünglich aus der Region stammt oder längere Zeit dort gelebt hat und  über  ein  soziales  Netz  (Familie,  Verwandtschaft  oder  Bekanntenkreis)  oder  über  Beziehungen  zu  den  herrschenden  Parteien  verfügt.  Andernfalls  dürfte  eine  soziale  und  wirtschaftliche  Integration  in  die  kurdische  Gesellschaft  nicht  gelingen,  da  der  Erhalt  einer  Arbeitsstelle  oder  von Wohnraum  weitgehend  von  gesellschaftlichen  und  politischen  Beziehungen  abhängt.  Zusammenfassend wurde  festgehalten,  dass  die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  in  der  Regel  für  alleinstehende,  gesunde  und  junge  kurdische  Männer,  die  ursprünglich  aus  der  KRG­ Region  stammen  und  dort  nach  wie  vor  über  ein  soziales  Netz  oder  Parteibeziehungen verfügen, zumutbar ist. Für alleinstehende Frauen und  für  Familien  mit  Kindern  sowie  für  Kranke  und  Betagte  ist  bei  der  Feststellung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  grosse  Zurückhaltung angebracht. Bei Kurden, welche aus kurdisch dominierten  Gebieten  ausserhalb  der  drei  Provinzen  Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya  stammen  –  namentlich  aus  Kirkuk  und Mosul  –  bleibt  die  Zumutbarkeit  des Vollzugs im Einzelfall zu prüfen.

E­2818/2010 5.3.1.  Von  der  Vorinstanz  wurde  in  ihrer  Verfügung  die  allgemein  angespannte  Sicherheitslage  im  Irak  nicht  in  Zweifel  gezogen.  Weiter  ging  sie  davon  aus,  dass  in  den  drei  von  der  kurdischen  Regionalregierung  kontrollierten  nordirakischen  Provinzen  Dohuk,  Erbil  und  Sulaymanyia  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrsche  und  der  Wegweisungsvollzug  dorthin  grundsätzlich  zumutbar  sei.  Der  Beschwerdeführer mache zwar geltend, die  letzten  fünf Jahre vor seiner  Ausreise  in  einem  Dorf  in  der  Provinz  Mosul  im  Zentralirak  gelebt  zu  haben.  Aufgrund  des  Ergebnisses  der  LINGUA­Analyse  sowie  seiner  Aussagen  anlässlich  der  beiden  Anhörungen  werde  aber  davon  ausgegangen,  dass  er  bis  zu  seiner  Ausreise  im Nordirak  gelebt  habe.  Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer eine gefälschte Identitätskarte  zu  den  Akten  gereicht  habe,  spreche  auch  für  die  Unglaubhaftigkeit  seiner  Vorbringen.  Es  sei  davon  auszugehen,  dass  er  in  seiner  Herkunftsregion, der Provinz Dohuk, über ein entsprechendes  familiäres  und  soziales  Beziehungsnetz  verfüge  und  ihm  eine  Rückkehr  dorthin  somit zumutbar sei. 5.3.2. Der Beschwerdeführer entgegnet in seiner Rechtsmitteleingabe, er  habe  sehr  ausführlich  über  die  Gegebenheiten  in  D._______,  Provinz  Mosul,  berichtet.  Er  habe  dargelegt,  wie  viele  kurdische  und  arabische  Familien dort wohnten, wie die Schule und die Moschee genannt würden,  wie der  Imam und dessen Vater hiessen und wer Oberhaupt der Araber  und wer Bürgermeister der Kurden sei. Ausserdem spreche er ein wenig  Arabisch,  was  er  auch  angegeben  habe.  Dass  sein  Dialekt  jenem  der  Bewohner  von  C._______  entspreche,  liege  daran,  dass  seine  massgebliche sprachliche Sozialisierung  in C._______ erfolgt sei, wo er  bis zum 13. Lebensjahr gewohnt habe. Es sei deshalb festzustellen, dass  er aus C._______ stamme, aber die  letzten Jahre zusammen mit seiner  Familie  in  der  Region Mosul  gelebt  habe  und  folglich  im Nordirak  über  kein tragfähiges soziales Netz mehr verfüge. Da der Wegweisungsvollzug  in  den  Zentralirak  vom  Bundesverwaltungsgericht  weiterhin  als  unzumutbar  erachtet  werde,  sei  ihm  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewährend. Als Beleg  für seinen Aufenthalt  in der Region Mosul  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Wohnsitzbescheinigung  zu  den  Akten,  unterzeichnet vom Dorfvertreter und zwei Zeugen.  5.3.3.    Nach  eingehender  Prüfung  der  Akten  gelangt  das  Bundesverwaltungsgericht  in  Übereinstimmung  mit  dem  BFM  zum  Schluss,  dass  der  Wegweisungsvollzug  des  Beschwerdeführers  im 

E­2818/2010 Ergebnis  zumutbar  ist. Beim Beschwerdeführer  handelt  es  sich gemäss  eigenen  Aussagen  um  einen  alleinstehenden,  22­jährigen  und  gemäss  Akten gesunden Mann, der aus C._______, Provinz Dohuk, stammt und  dort  aufgewachsen  ist.  Die  LINGUA­Analyse  hat  dies  bestätigt.  Die  Ausführungen  des  Beschwerdeführers  bezüglich  des  mehrjährigen  Aufenthalts  in  der  Region  Mosul  sind  als  ungenügend  und  widersprüchlich zu beurteilen. So sagte er bei der Befragung zur Person  aus, er habe die ersten beiden Jahre nach seinem Umzug gearbeitet und  sei danach drei Jahre arbeitslos gewesen (vgl. vorinstanzliche Akten A1  S.  3).  Bei  der  Anhörung machte  er  geltend,  die  ersten  drei  Jahre  nach  seinem  Umzug  arbeitslos  gewesen  zu  sein  und  dann  zwei  Jahre  gearbeitet  zu  haben  (vgl.  A16  F74).  Auf  Nachfrage  hin  konnte  er  dann  jedoch nicht einmal ungefähre Angaben machen, in welchem Zeitraum er  erwerbstätig gewesen sei und wie lange vor seiner Ausreise er aufgehört  habe  zu  arbeiten  (vgl.  A16  F80  ff.). Weiter machte  er  anlässlich  beider  Befragungen geltend, in seinem Dorf in der Region Mosul gebe es keine  Hausnummern, weshalb er keine Adresse angeben könne (A1 S. 2, A16  F75), während er betreffend seinen Aufenthalt in C._______ die Adresse  (…)  139  nannte.  Auf  der  von  ihm  auf  Beschwerdeebene  eingereichten  Wohnsitzbestätigung  des  Dorfes  D._______  figuriert  jedoch  die  Hausnummer  139.  Da  dieses  Dokument  ausserdem  keinerlei  Sicherheitsmerkmale aufweist,  ist diesem kein hinreichender Beweiswert  beizumessen. Aufgrund der genannten und weiterer Ungereimtheiten, auf  deren  Erörterung  jedoch  verzichtet  werden  kann,  sowie  insbesondere  aufgrund  der  bei  der  Vorinstanz  eingereichten  und  in  Übereinstimmung  mit  dem BFM als  gefälscht  zu  beurteilenden  Identitätskarte  gelangt  das  Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass es sich bei den Aussagen  des  Beschwerdeführers  bezüglich  des  Aufenthalts  in  der  Region Mosul  um  ein  Konstrukt  handelt.  Der  Beschwerdeführer  hat  sich  mit  grösster  Wahrscheinlichkeit  nie  über  längere  Zeit  in  der  Gegend  von  Mosul  aufgehalten, sondern hat bis zu seiner Ausreise in C._______ gelebt. Es  ist weiter  zu  folgern,  dass er  dort  entgegen  seinen Behauptungen nach  wie  vor  über  Familienangehörige  und  ein  soziales  Netz  verfügt.  Ein  Wegweisungsvollzug des Beschwerdeführers in die nordirakische Provinz  Dohuk ist deshalb als zumutbar zu beurteilen. Aufgrund  obiger  Erwägungen  erübrigt  es  sich,  weiter  auf  die  Ausführungen  in  der  kurzen  Rechtsmitteleingabe  näher  einzugehen,  zumal  sie  den angeblichen  fünfjährigen Aufenthalt  in  der Provinz Mosul  nicht glaubhaft  erscheinen zu  lassen und am Verfahrensausgang nichts  zu ändern vermögen. 

E­2818/2010 5.4.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2  AuG). 5.5. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 – 4 AuG). 6.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 7.  Nachdem  der  Beschwerdeführer  die  mit  Verfügung  vom  7.  Mai  2010  eingeforderte Fürsorgebestätigung nicht beigebracht hat und am 21. Mai  2010  den  Kostenvorschuss  bezahlt  hat,  ist  mangels  Bedürftigkeit  das  Gesuch  um Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von  Art. 65 Abs. 1 VwVG abzuweisen.  8.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG), auf insgesamt Fr.  600.­  festzusetzen  (Art.  1  –  3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2])  und mit  dem  am  21.  Mai 2010 in gleicher Höhe geleisteten Kostenvorschuss zu verrechnen. (Dispositiv nächste Seite)

E­2818/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  wird  abgewiesen.  3.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Sie  sind  durch  den  am  21.  Mai  2010  in  gleicher  Höhe  geleisteten Kostenvorschuss gedeckt und werden mit diesem verrechnet. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Aglaja Schinzel Versand:

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