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Bundesverwaltungsgericht 16.08.2011 E-2323/2008

16 août 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,598 mots·~8 min·1

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­2323/2008 Urteil   v om   1 6 .   Augus t   2011   Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli, Richter François Badoud, Gerichtsschreiber Rudolf Bindschedler. Parteien A._______, Irak, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 11. März 2008 / N (…).

E­2323/2008 Sachverhalt: A.  Gemäss  eigenen  Angaben  verliess  der  Beschwerdeführer  seinen  Heimatstaat am 23. November 2006 über die Türkei. Anschliessend fuhr  er  durch  ihm  angeblich  unbekannte  Länder  und  gelangte  am  15.  Dezember 2006 illegal in die Schweiz, wo er gleichentags im Empfangs­  und Verfahrenszentrum (EVZ) Vallorbe um Asyl nachsuchte. Nach  Transfer  ins  EVZ  Kreuzlingen  machte  der  Beschwerdeführer  anlässlich der Befragung vom 22. Januar 2007 im EVZ und der Anhörung  vom  26.  März  2007  durch  die  zuständige  kantonale  Behörde  zu  den  Asylgründen  im  Wesentlichen  Folgendes  geltend:  Er  stamme  aus  B._______  in der Provinz Dohuk.  Im Herbst 2006 habe er  in der Schule  seine Freundin G. näher kennengelernt. Am 19. November 2006 habe er  mit  ihr  sowie  dem  Schulkollegen  N.  mit  dem  Auto  seiner  Mutter  einen  Ausflug  unternehmen  wollen.  Das  Auto  sei  aber  nicht  zur  Verfügung  gestanden, weshalb sie  im Haus von N. verblieben seien. Dort sei es  in  der  Folge  zwischen  dem  Beschwerdeführer  und  G.  zum  Geschlechtsverkehr  gekommen.  Am  folgenden  Tag  hätten  sie  den  Ausflug nachholen wollen,  jedoch habe unterdessen ein Cousin von G.,  dem  die  Ehe  mit  ihr  versprochen  worden  sei,  deren  Abwesenheit  bemerkt.  Als  sich  der  Beschwerdeführer  erneut mit  G.  im Haus  von N.  getroffen habe, sei jener Cousin in das Haus eingedrungen und habe den  Beschwerdeführer  sowie  G.  mit  dem  Tod  bedroht.  Dem  Beschwerdeführer  sei  es  dabei  gelungen,  das  Haus  zu  verlassen  und  umgehend mit  einem Taxi  nach Dohuk  zu  seiner  Schwester  zu  fahren.  Diese  habe  sich  darauf  zur  Abklärung  der  Situation  nach  B._______  begeben. Danach habe die Schwester dem Beschwerdeführer mitgeteilt,  der Clan von G.  fordere seinen Tod. Derart an Leib und Leben bedroht,  habe  er  am  23.  November  2006  mit  Unterstützung  seiner  Familie  den  Nordirak verlassen. Am  7.  Juni  2007  reichte  der  Beschwerdeführer  Farbkopien  seiner  Identitätskarte sowie seines Nationalitätenausweises nach. B.  Mit Verfügung vom 11. März 2008  – eröffnet am 14. März 2008 – stellte  das  BFM  im Wesentlichen  fest,  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  hielten  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  nicht  stand,  weshalb  deren  Asylrelevanz  nicht  geprüft  werden  müsse.  Das  BFM  lehnte  das 

E­2323/2008 Asylgesuch ab,  verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete  deren Vollzug an. C.  Mit  Beschwerdeeingabe  vom  10.  April  2008  beantragte  der  Beschwerdeführer materiell die Aufhebung der angefochtenen Verfügung,  die Gewährung von Asyl oder die Gewährung der vorläufigen Aufnahme  und den Verzicht auf die Wegweisung und deren Vollzug. In prozessualer  Hinsicht  beantragte  er  die Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  gemäss  Art. 65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) sowie den Verzicht  auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Als  Beweismittel  gab  er  Fotokopien  eines  Schreibens  der  Polizei  von  B._______  vom  6.  April  2008  und  des  Schreibens  eines  irakischen  Gerichts zu den Akten. D.  Mit  Instruktionsverfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  17.  April  2008  wurde  der  Beschwerdeführer  aufgefordert,  die  eingereichten  Beweismittel  im  Original  samt  den  zugehörigen  Zustellumschlägen  und  versehen mit einer vollständigen Übersetzung in eine Amtssprache sowie  eine  Fürsorgebestätigung  nachzureichen.  Der  Entscheid  über  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG wurde auf später verschoben und kein Kostenvorschuss erhoben. E.  Mit  Eingabe  vom  29.  April  2008  reichte  der  Beschwerdeführer  zum  Nachweis seiner prozessualen Bedürftigkeit einen Einkommensnachweis  respektive eine Lohnabrechnung seines Arbeitgebers vom Februar 2008  nach. F.  Mit Eingabe vom 13. Mai 2008 gab der Beschwerdeführer die Originale  sowie  die  Übersetzungen  (nicht  aber  die  zugehörigen  originalen  Zustellumschläge) der als Beweismittel eingereichten Dokumente zu den  Akten. G.  Mit Zwischenverfügung vom 30. Mai 2011 wurde das BFM in Anwendung  von Art. 57 Abs. 2 VwVG zur Vernehmlassung eingeladen.

E­2323/2008 H.  In  seiner  Vernehmlassung  vom  8.  Juni  2008  hielt  das  BFM  an  seinen  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  vollumfänglich  fest  und  beantragte  die  Abweisung  des  Rechtsmittels.  Zu  den  eingereichten  Dokumenten  hielt  es  zudem  fest,  wegen  deren  Fälschungsanfälligkeit  komme diesen kein Beweiswert zu. I.  Mit  Instruktionsverfügung  vom  16.  Juni  2011  wurde  dem  Beschwerdeführer Gelegenheit  zur  Stellungnahme  bis  zum 1.  Juli  2011  eingeräumt.  Er  verzichtete  indessen  auf  die  Einreichung  einer  Stellungnahme. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  Bundesamt  für  Migration  (BFM)  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art.  32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  im  Asylbereich  endgültig  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1  AsylG, Art. 52 VwVG). Der Beschwerdeführer ist durch die angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Auf  die  Beschwerde ist einzutreten.

E­2323/2008 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). (Art. 112  Abs. 1 AuG i.V.m. Art. 49 VwVG).

E­2323/2008 3.  3.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen  (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art.  7  AsylG). 4.  4.1. In der Rechtsmitteleingabe hält der Beschwerdeführer einleitend fest,  das BFM habe  sein Asylgesuch mangels Glaubhaftigkeit  abgelehnt  und  daher  die  Asylrelevanz  seiner  Vorbringen  nicht  geprüft.  Seine  Schilderungen  seien  plausibel.  Zur  Erklärung  gewisser  Ungereimtheiten  macht  er  Verständigungsschwierigkeiten  mit  den  Übersetzern  geltend  (vgl. Beschwerde S.  2  f.  und 4). Es  sei  nicht  verständlich, weshalb  das  BFM seine Ausführungen als zu wenig konkret und detailliert bezeichnet  habe. Er könne nun seine Aussagen durch ein Schreiben der Polizei von  B._______ vom 6. April 2008 sowie ein gerichtliches Schreiben belegen  (Originale  mit  Übersetzungen  mit  Eingabe  vom  13.  Mai  2008  nachgereicht).  Zum Zeitraum  zwischen  dem Ereignis  und  der  Ausreise,  der  vom BFM als  zu  kurz  bezeichnet worden  sei,  sowie  zum Umstand,  dass  keine  Verhandlungen  zwischen  den  beteiligten  Familien  geführt  worden seien, meint der Beschwerdeführer,  diese Elemente würden die  entsprechenden  Vorbringen  nicht  unglaubhaft  machen.  So  sei  für  ihn  sofort  eine  Ausreisemöglichkeit  gesucht  und  innert  weniger  Tage  ein  Transport  gefunden  worden,  was  so  üblich  und  möglich  sei.  Zudem  hätten  die  Eltern  der  Freundin  Verhandlungen  mit  seiner  Familie 

E­2323/2008 abgelehnt. Die Freundin habe er aus Höflichkeit nie um ihr Alter gefragt.  Was  ihre Ermordung  betreffe,  bestehe  kein Widerspruch,  habe  er  doch  anlässlich der ersten Befragung davon noch nichts gewusst, sondern sei  erst  vor  der  kantonalen  Anhörung  darüber  unterrichtet  gewesen  (vgl.  Beschwerde S. 3). Schliesslich macht der Beschwerdeführer geltend, das  BFM  habe  bei  der  Prüfung  der  Glaubhaftigkeit  die  falschen Massstäbe  angelegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass er die Wahrheit gesagt habe, sei  aufgrund seiner Beschwerdevorbringen überwiegend (vgl. Beschwerde S.  4). 4.2. Die Erwägungen des BFM in der angefochtenen Verfügung sind als  insgesamt  zutreffend  und  nachvollziehbar  zu  beurteilen.  Die  in  der  Beschwerde  dagegen  erhobenen  Einwände  vermögen  keineswegs  zu  überzeugen  und  sind  insgesamt  vielmehr  als  unbehelfliche  Erklärungsversuche sowie nachträgliche Anpassungen des Sachverhalts  zu  qualifizieren.  Das  Bundesverwaltungsgericht  kommt  nach Durchsicht  der  Akten  zum  Schluss,  dass  die  angefochtene  Verfügung  und  ihre  einlässliche  Begründung  einer  Prüfung  standhalten.  Die  protokollierten  Vorbringen des Beschwerdeführers hinterlassen einen unsubstanziierten,  teilweise konstruiert wirkenden Eindruck und weisen auch einen geringen  Anteil an so genannten Realitätskennzeichen auf. 4.2.1. Bei den angeblichen Verständigungsschwierigkeiten zwischen ihm  und  dem  Dolmetscher  anlässlich  der  Anhörungen  hätten  einerseits  unterschiedliche Dialekte  und  sein Respekt  und  seine Angst  gegenüber  dem älteren Dolmetscher eine Rolle gespielt.  Zunächst ist zu bemerken, dass bei den Befragungen je andere Personen  die Übersetzungen besorgten und  in der Beschwerde nicht substanziiert  wird,  um  welche  Person  es  sich  handle.  Sodann  bemerkt  der  Beschwerdeführer in der Beschwerde selber, dass die fraglichen Dialekte  trotz der Unterschiede nicht grundsätzlich  verschieden sind. Es  ist  nicht  davon  auszugehen  dass  es  bei  der  Übersetzung  des  vom  Beschwerdeführer  vorgebrachten  einfachen  Sachverhalts  effektiv  Probleme  gegeben  hat.  Den  Protokollen  sind  auch  die  bei  Verständigungsschwierigkeiten  üblicherweise  feststellbaren  Hinweise  nicht zu entnehmen. Schliesslich wären solche Kommunikationsprobleme  wohl  auch  der  bei  der  Anhörung  zu  den  Asylgründen  mitwirkenden  Hilfswerksvertretung  aufgefallen,  die  ausdrücklich  darauf  verzichtet  hat,  irgendwelche  Einwände  gegen  die  Art  der  Befragung  zu  Protokoll  zu  geben. Der Beschwerdeführer hat zum Abschluss beider Befragungen die 

E­2323/2008 Vollständigkeit  und  Richtigkeit  der  Protokolle  bestätigt  und  zudem  angegeben,  den  jeweiligen  Dolmetscher  "gut"  zu  verstehen.  Der  nachträgliche  Versuch  der  Erklärung  der  verschiedenen  Aussagewidersprüche  und Ungereimtheiten  ist  bei  dieser  Aktenlage  als  unbehelflich zu qualifizieren. 4.2.2.  In  Anbetracht  der  Akten  respektive  der  Anhörungsprotokolle  hat  das  BFM mit  Bezug  auf  die  angebliche  Liebesaffäre  zu Recht  auf  eine  wenig  konkrete  und  detailarme  Schilderung  der  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  und  auf  den  auffälligen  Mangel  an  spürbarer  persönlicher Betroffenheit und an anderen Realkennzeichen hingewiesen  (vgl.  angefochtene  Verfügung  S.  3).  An  der  Einschätzung  des  BFM,  wonach die  vorgebrachten Ereignisse  konstruiert  und nicht  selbst  erlebt  sind,  vermögen  auch  die  beiden  als  Beweismittel  eingereichten  Dokumente  nichts  zu  ändern.  Nicht  nur  ist  die  Authentizität  dieser  Dokumente  aufgrund  ihres  Erscheinungsbilds  fragwürdig;  sie  sind  auch  inhaltlich mit den Angaben   des Beschwerdeführers nicht  in Einklang zu  bringen (vgl. sogleich).  4.2.3. Der Beschwerdeführer wendet in Bezug auf einen entsprechenden  Vorhalt des BFM auch ein, er habe vom Tod der Freundin erst in der Zeit  zwischen  der  Befragung  im  EVZ  und  der  Anhörung  beim  Kanton  erfahren. Deshalb habe er den Tod seiner Freundin nicht schon  im EVZ  erwähnt.  Dieser  Darstellung  steht  entgegen,  dass  im  angeblichen  polizeilichen  Befragungsprotokoll  des  Beschwerdeführers  vom  21.  November  2006  folgende  Aussage  steht:  "Ihre  Familie  erfuhr  es  am  selben Tag, sie haben sie […] am gleichen Tag umgebracht. […] Und ich  wiederhole, dass die Familie mir drohte mich auch zu töten". 4.2.4. Der Vollständigkeit halber bleibt festzuhalten, dass es sich bei den  vom  Beschwerdeführer  geltend  gemachten  Asylgründen  um  ein  in  der  Schweiz  geradezu  inflationär  vorgebrachtes  Standardvorbringen  kurdisch­nordirakischer Asylbewerber handelt. 4.3.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  Gründe  nach  Art.  3  AsylG  glaubhaft  machen  oder  nachweisen  kann.  Es  erübrigt  sich  daher,  auf  die  Ausführungen  in  der  Beschwerde  weiter einzugehen. Das BFM hat das Asylgesuch des Beschwerdeführers  demnach zu Recht abgelehnt. 5. 

E­2323/2008 5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9). 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländerinnen und Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und  Ausländer [AuG, SR 142.20]). 6.2.  Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  der  vormaligen  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser,  Ausländerrecht, 2. Auflage, Basel 2009, Rz. 11.148). 6.3. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den Heimat­, Herkunfts­ oder  in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83  Abs. 3 AuG). 6.3.1. Keine  Person  darf  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art.  25  Abs.  3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  (BV,  SR  101),  Art.  3  des  Übereinkommens  vom  10.  Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe 

E­2323/2008 (FoK,  SR  0.105)  und  der  Praxis  zu  Art.  3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen  werden. 6.3.2. Das BFM wies  in der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf  hin,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  nur  Personen  schützt,  die  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen. Wie  oben  festgestellt,  erfüllt  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht.  Damit  kann  das  in  Art. 5  AsylG  verankerte  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen  Non­ Refoulements  im vorliegenden Verfahren keine Anwendung  finden. Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  den  Nordirak  ist  demnach  unter  diesen Aspekt rechtmässig. 6.3.3. Weder  aus  den Aussagen  des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten ergeben sich Anhaltspunkte für die Annahme, dass er für den Fall  einer Rückkehr  in den Nordirak dort mit  beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art.  3  EMRK  oder  Art.  1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft machen,  dass  ihm  im Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR,  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar  2008,  Beschwerde  Nr. 37201/06,  §§ 124­127,  mit  weiteren  Hinweisen). 6.3.4. Nach der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts  lässt schliesslich  auch  die  allgemeine  Sicherheits­  und  Menschenrechtslage  in  den  drei  kurdischen  Provinzen  Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya  (vgl.  hierzu  die  nachfolgende  Erwägung  6.4),  entgegen  den  Behauptungen  des  Beschwerdeführers,  den  Wegweisungsvollzug  nicht  als  unzulässig  erscheinen. 6.3.5. Nach  dem Gesagten  ist  der  Vollzug  der Wegweisung  sowohl  im  Sinn der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 6.4. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat 

E­2323/2008 aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und  medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. 6.4.1. Das Bundesverwaltungsgericht  geht  gemäss  seiner  nach wie  vor  aktuellen  Praxis  davon  aus,  dass  in  den  drei  kurdischen  Provinzen  Dohuk, Erbil  und Suleimaniya  heute  keine Situation  allgemeiner Gewalt  herrscht und die dortige politische Lage nicht dermassen angespannt ist,  dass  eine  Rückführung  dorthin  generell  als  unzumutbar  betrachtet  werden müsste  (vgl.  BVGE  2008/5 E.  7.5 S. 65  ff.).  Zusammenfassend  wird  im  zitierten  Leitentscheid  festgehalten,  dass  die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  in  der  Regel  für  alleinstehende,  gesunde  und  junge  kurdische Männer,  die  ursprünglich  aus einer  der  drei  kurdischen  Provinzen  stammen  oder  eine  längere  Zeit  dort  gelebt  haben  und  dort  nach  wie  vor  über  ein  soziales  Netz  (Familie,  Verwandtschaft  oder  Bekanntenkreis) oder Parteibeziehungen verfügen, zumutbar ist, während  für alleinstehende Frauen und für Familien mit Kindern sowie für Kranke  und  Betagte  bei  der  Feststellung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  grosse  Zurückhaltung  angebracht  ist  (vgl.  a.a.O.,  E. 7.5.8). 6.4.2. Die Sicherheitslage  in den drei kurdischen Provinzen hat sich seit  Publikation  des  erwähnten  Urteils  nicht  verschlechtert,  im  Gegenteil.  In  der  überwiegenden  Mehrheit  der  Berichte  von  Regierungs­  und  Nichtregierungsorganisationen  sowie  des  UN­Sicherheitsrats  wird  eine  insgesamt stabile Situation beschrieben (vgl. statt vieler Quellen: Amt des  Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen [UNHCR], Note on  the Continued Applicability of the April 2009 UNHCR Eligibility Guidelines  for Assessing the International Protection Needs of Iraqi Asylum­Seekers,  Juli 2010, S. 2 f.). 6.4.3.  Der  Beschwerdeführer  ist  ein  junger  und  lediger  Mann,  soweit  aktenkundig ohne gesundheitliche Probleme. Er ist kurdischer Ethnie und  Sprache  und  hat  gemäss  eigenen  Angaben  von  seiner  Geburt  bis  am  22. November 2006 (Tag vor der Ausreise)  in der Provinz Dohuk gelebt.  Dort ist auch seine Familie (Eltern, (…) Brüder, (…) Schwestern und (…)  Onkel) ansässig. Neben dem  familiären Beziehungsnetz dürfte er  in der  Provinz  Dohuk  über  weitere  soziale  Anknüpfungspunkte  verfügen.  Er verfügt  über  eine  ordentliche  Schulbildung  und  war  bis  zur  Ausreise  angeblich nicht erwerbstätig. Vorliegend kann aufgrund der Akten davon  ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer nach seiner Rückkehr  in den Nordirak in der Lage sein wird, sich mit Hilfe seiner Verwandtschaft 

E­2323/2008 sowie  aufgrund  seiner  Auslanderfahrung  eine  tragfähige  Existenz  aufzubauen. Es ist demnach nicht davon auszugehen, dass er bei seiner  Rückkehr  in  die  Heimatstadt  aus  individuellen  Gründen  wirtschaftlicher,  sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzbedrohende Situation  geraten würde. 6.5.  Nach  dem  Gesagten  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl aufgrund der allgemeinen Sicherheitslage  in den drei kurdischen  Provinzen als auch in individueller Hinsicht als zumutbar. 6.6.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (Art.  8  Abs.  4  AsylG),  weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist  (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7.  Insgesamt  ist  die  durch  die  Vorinstanz  verfügte  Wegweisung  zu  bestätigen.  Die  Vorinstanz  hat  deren  Vollzug  zu  Recht  als  zulässig,  zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt die beantragte  Anordnung der  vorläufigen Aufnahme ausser Betracht  (Art.  83 Abs.  1­4  AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). 9.  Dem  in  der  Beschwerde  gestellten  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG  kann  nicht  entsprochen werden: Der Beschwerdeführer  ist  offenbar  seit Mitte  2007  ununterbrochen  erwerbstätig  und  kann  deshalb  praxisgemäss  nicht  als  bedürftig  im  Sinn  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  bezeichnet  werden.  Das  Gesuch ist deshalb abzuweisen. (Dispositiv nächste Seite)

E­2323/2008 E­2323/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  wird  abgewiesen. 3.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.–  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die kantonale  Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Markus König Rudolf Bindschedler Versand:

E-2323/2008 — Bundesverwaltungsgericht 16.08.2011 E-2323/2008 — Swissrulings