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Bundesverwaltungsgericht 13.12.2011 E-1946/2007

13 décembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·871 mots·~4 min·1

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Familienzusammenführung; Verfügung vom 12. Februar 2007

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­1946/2007 Urteil   v om   1 3 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richterin Contessia Theis, Richter Kurt Gysi,  Gerichtsschreiberin Tu­Binh Truong. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), beide Türkei, beide vertreten durch Martin Ilg, Rämistrasse 5, (…),  Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Einreisebewilligung und Familienasyl; Verfügung vom 12. Februar 2007 / N (…).

E­1946/2007 Sachverhalt: A.  Mit  Schreiben  vom  25.  April  2000  (begleitet  von  einer  Vollmacht  vom  25. Januar 2007) – Eingang beim BFM am 26. Januar 2007 – ersuchten  die Beschwerdeführenden durch  ihren Rechtsvertreter um Einbezug des  Beschwerdeführers A._______  in  das Familienasyl  der  ihm angetrauten  Beschwerdeführerin  B._______  und  der  beiden  gemeinsamen  Kinder  sowie um die Zuweisung in den Kanton C._______. Begründet wurde der  Antrag  damit,  dass  die  Beschwerdeführerin  sowie  die  beiden  gemeinsamen Kinder in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt seien und  bereits  über  eine  C­Niederlassungsbewilligung  verfügen  würden.  Der  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  sei  auch  im  Asylverfahren  zu  berücksichtigen  und  die  Beschwerdeführerin  verfüge  über  eine  angemessene Wohnung in D._______. B.  Das  BFM  stellte  mit  Verfügung  vom  12.  Februar  2007  –  eröffnet  am  13. Februar  2007  –  fest,  aus  den  vom  Rechtsvertreter  eingereichten  Unterlagen gehe hervor, dass die Beschwerdeführenden am 21. August  2001  in  E._______  geheiratet  hätten.  Der  Beschwerdeführer  lebe  in  F._______ und sei in E._______ als Flüchtling anerkannt. Ferner verfüge  er  über  einen  bis  2011  gültigen  (Aufenthaltstitel  in  E.).  Aus  den  Akten  gehe  ferner  hervor,  dass  das BFM der  Beschwerdeführerin  am  31.  Juli  2000 aufgrund eines Urteils der Schweizerischen Asylrekurskommission  (ARK) vom 13. Juli 2000 im Nachgang Asyl gewährt habe. Gestützt  auf  diesen  Sachverhalt  bewilligte  die  Vorinstanz  dem  Beschwerdeführer  die  Einreise  nicht  und  lehnte  sein  Asylgesuch  um  Familienzusammenführung  (recte:  Gesuch  um  Einbezug  ins  Familienasyl)  ab.  Sie  begründete  ihren  ablehnenden  Entscheid  in  Anlehnung  an  Art.  51  Abs.  1,  Abs.  2  sowie  insbesondere  Abs.  4  des  Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) im Wesentlichen wie  folgt:  Ein  Gesuch  um  Familiennachzug  (Einreisebewilligung  zwecks  Familienvereinigung) müsse aufgrund dieser Bestimmungen abgewiesen  werden,  wenn  sich  der  Flüchtling  erst  nach  der  Ausreise  aus  seinem  Heimatland  verheiratet  habe.  Trennung  durch  die  Flucht  setze  eine  Familiengemeinschaft voraus, die bereits vor der Flucht bestanden haben  müsse.  Dies  treffe  im  vorliegenden  Fall  nicht  zu,  da  –  wie  aus  den  Unterlagen  hervorgehe  –  der  Beschwerdeführer  sich  erst  nach  seiner  Ausreise aus der Türkei mit der Beschwerdeführerin verheiratet habe.

E­1946/2007 C.  Mit  Eingabe  vom  15.  März  2007  (Poststempel)  erhoben  die  Beschwerdeführenden  durch  ihren  Rechtsvertreter  beim  Bundesverwaltungsgericht  gegen  diesen  Entscheid  Beschwerde  und  beantragten die Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheides sowie den  Einbezug des Beschwerdeführers in das Asyl seiner Ehefrau; eventualiter  sei der Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. Die  Beschwerdeführenden  hielten  den  vorinstanzlichen  Erwägungen  vorab  entgegen,  diese  würden  im  Hinblick  auf  eine  gegenteilige  Entscheidung des BFM in einem angeblich ähnlich gelagerten Fall "nicht  im Geringsten  überzeugen".  Ferner  sei  der  Beschwerdeführer  aufgrund  von  Art. 8  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  und  dem  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  in  das  Asyl  seiner  Familie  mit  einzubeziehen  und  dem  Kanton  C._______  zuzuweisen.  Begründet  wurde dieser Anspruch im Wesentlichen damit, dass die Ehefrau mit den  beiden  gemeinsamen  Kindern  (alle  im  Besitze  der  C­ Niederlassungsbewilligung)  im  Kanton  C._______  leben  würden,  somit  drei von vier betroffene Familienmitglieder ihren Lebensmittelpunkt in der  Schweiz hätten und es diesen nicht zuzumuten sei, nach E._______ – wo  der Wohnsitz  des Beschwerdeführers  sei  –  zu  ziehen.  Zu  beachten  sei  hierbei auch das Wohl der beiden gemeinsamen Kinder  (geboren: 2004  und  2006).  Diese  angeführten  Gründe  zugunsten  des  Einbezuges  des  Beschwerdeführers  in  das  Familienasyl  würden  gegenüber  einem  allfälligen entgegenstehenden öffentlichen Interesse überwiegen.  D.  Das  Bundesverwaltungsgericht  erhob  mit  Zwischenverfügung  vom  26. März 2007 einen Kostenvorschuss. Durch  ihren  Rechtsvertreter  liessen  die  Beschwerdeführenden  mit  Eingabe vom 10. April  2007 ein Gesuch um Verzicht  zur Erhebung des  Kostenvorschusses  einreichen,  welches  das  Bundesverwaltungsgericht  mit Verfügung vom 19. April 2007 antragsgemäss guthiess. E.  Die  Vorinstanz  äusserte  sich  auf  Einladung  des  Bundesverwaltungsgerichtes  vom  10. Mai  2007  in  der  Vernehmlassung  vom 14. Mai 2007 dahingehend, dass die Beschwerdeschrift keine neuen  Tatsachen  oder  Beweismittel  enthalte,  welche  eine  Änderung  ihres 

E­1946/2007 Standpunktes  rechtfertigen  könnten.  Im  Übrigen  verweise  sie  auf  ihre  Erwägungen, an denen sie vollumfänglich festhalten würde. Diese wurde  den Beschwerdeführenden am 31. Mai 2007 zur Kenntnis gebracht.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [BGG, SR 173.110]). Vorliegend handelt es sich nicht um  eine solche Ausnahme, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig  entscheidet. 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1  sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

E­1946/2007 3.  3.1.  Gemäss  Art.  51  Abs.  1  AsylG  werden  Ehegatten,  eingetragene  Partnerinnen  oder  Partner  von  Flüchtlingen  und  ihre  minderjährigen  Kinder  als  Flüchtlinge  anerkannt  und  erhalten  Asyl,  wenn  keine  besonderen  Umstände  dagegen  sprechen.  Wurden  die  gemäss  vorgenanntem Absatz anspruchsberechtigten Personen durch die Flucht  getrennt und befinden sie sich im Ausland, so ist ihre Einreise auf Gesuch  hin zu bewilligen (Art. 51 Abs. 4 AsylG).  3.2. Die Vorinstanz geht in ihrer abweisenden Verfügung zweifellos davon  aus, dass es sich bei den Beschwerdeführenden um Ehegatten gemäss  Art.  51 Abs.  1  AsylG  handelt  und  dieser  Ehe  zwei  gemeinsame Kinder  entsprungen  sind.  Unbestritten  ist  auch,  dass  die  Beschwerdeführerin  und  die  beiden  gemeinsamen  Kinder  als  Flüchtlinge  in  der  Schweiz  anerkannt  sind.  Das  BFM  weist  das  Gesuch  um  Einbezug  des  Beschwerdeführers in das bestehende Asyl seiner Familie unter Hinweis  auf  Art.  51  Abs.  4  AsylG  dennoch  ab,  weil  der  Beschwerdeführer  vor  Verlassen  seines  Heimatstaates  mit  seiner  Ehefrau  keine  familiäre  Gemeinschaft begründet habe, weshalb die beiden nicht durch die Flucht  getrennt worden seien und dem Beschwerdeführer deshalb die Einreise  in die Schweiz zu verweigern sei.  3.3. Dem vermögen die Beschwerdeführenden in ihrer Beschwerde keine  substantiellen  Argumente  entgegenzuhalten,  zumal  der  auf  Beschwerdeebene eingereichte Asylentscheid nicht von einem ähnlichen  Sachverhalt ausgeht und deshalb vorliegend unbeachtet bleiben kann: Es  handelte  sich  nämlich  dabei  um  einen  Ehegatten,  der  bereits  in  der  Schweiz  war,  weshalb  Art. 51  Abs.  1  AsylG  allein  –  und  nicht  wie  vorliegend  in  Verbindung  mit  Art. 51  Abs.  4  AsylG  –  zur  Anwendung  gelangte. 3.4.  Gemäss  ständiger  Praxis  der  ARK,  welche  vom  Bundesverwaltungsgericht  übernommen  worden  ist,  setzt  eine  Familienvereinigung  im  Rahmen  von  Art.  51  Abs.  4  AsylG  eine  vorbestandene,  durch  die  Flucht  getrennte  Lebensgemeinschaft  voraus.  Im Falle von in der Heimat (oder in einem Drittstaat) weilenden Ehegatten  und  minderjährigen  Kindern,  unbesehen  der  engen  Familienbande,  ist  also für eine Gewährung des Familienasyls namentlich erforderlich, dass  sie mit dem in der Schweiz anerkannten Flüchtling im Moment der Flucht  in  einem  gemeinsamen  Haushalt  zusammengelebt  haben,  eine 

E­1946/2007 Wiederherstellung dieser Gemeinschaft gleichzeitig unentbehrlich ist und  in  der  Schweiz  auch  tatsächlich  angestrebt  wird  (vgl.  Entscheid  und  Mitteilungen der ARK [EMARK] 2006 Nr. 8 E. 3.2. S. 94 mit Hinweis auf  EMARK 2000 Nr. 11 E. 3a und b S. 88 f.).  3.5. Wie  die  Vorinstanz  in  ihrem  Entscheid  zu  Recht  festgestellt  hat,  haben die Beschwerdeführenden erst nach ihrer Ausreise geheiratet. Den  Asylakten  der  Beschwerdeführerin  sind  keine  Hinweise  zu  entnehmen,  dass sie mit ihrem späteren Ehemann bereits im Zeitpunkt der Flucht aus  der  Türkei  eine  eheähnliche  Gemeinschaft,  welche  gemäss  der  Praxis  der ARK genügen würde (vgl. EMARK 1993 Nr. 24 E. 7 und 8 S. 162 ff.),  gebildet  habe.  In  der  Beschwerdeschrift  werden  keine  Ausführungen  dazu  gemacht,  mithin  davon  ausgegangen  werden  muss,  die  Beschwerdeführenden  waren  sich  vorgängig  nicht  bekannt.  Das  Erfordernis einer vorbestandenen Lebensgemeinschaft, welche durch die  Flucht  getrennt  worden  ist,  ist  damit  offensichtlich  nicht  erfüllt.  Das  Bundesamt  hat  somit  die  Einreise  des  Beschwerdeführers  und  seinen  Einbezug  ins  Familienasyl  zu  Recht  unter  Verweis  auf  Art.  51  Abs.  4  AsylG verweigert.  4.  Die Beschwerdeführenden haben indessen auf Beschwerdeebene zudem  einen  Anspruch  auf  Familienvereinigung  gestützt  auf  Art.  8  EMRK  und  den Grundsatz der Einheit der Familie geltend gemacht. Für die Prüfung  allfälliger konkreter Rechtsansprüche aus Art. 8 EMRK sind in casu aber  nicht  die  Asyl­  sondern  die Migrationsbehörden  zuständig  (vgl.  EMARK  2006  Nr.  8  E.  3.2  S. 95).  Mit  dieser  Zuständigkeitsabgrenzung  wird  sichergestellt, dass hinsichtlich der Prüfung dieser Frage, dem Anspruch  auf  eine wirksame Beschwerdemöglichkeit  nach Art.  13 EMRK Genüge  getan  wird,  denn  gegen  einen  allfälligen  negativen  Entscheid  der  Migrationsbehörden würde den Beschwerdeführenden der Rechtsweg bis  zum Schweizerischen Bundesgericht offen stehen.  5.  Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung –  im  Rahmen  der  Prüfungsbefugnis  des  Bundesverwaltungsgerichts –  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen.

E­1946/2007 6.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  den  Beschwerdeführenden  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 600.­  festzusetzen  (Art. 1  –  3  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite)

E­1946/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­  werden  den  Beschwerdeführenden  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Tu­Binh Truong Versand:

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